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Full text of "Saharâ und Sûdân. Ergebnisse sechsjähriger reisen in Afrika"

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Sahara und Sudan 



I 



Gustav Nachtigal 





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TRIPOLIS, FEZZÄN, TIBESTI UND BORNÜ. 



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SAHÄRÄ UND SÜDÄN. 



ERGEBNISSE SECHSJÄHRIGER REISEN IN AERIKA 

VON 

t 

Dr. GUSTAV NACHTIGAL 



ERSTER. TU EIL. 



MIT NEINUNDVIERZIG HOLZSCHNITTEN UND ZWEI KARTEN- 

BERLIN, 1879. 
Wkidmannsche Buchhandlung Wiegandt, Hempee & Parey 

Han-; Rfimkr). (Pah. Pakev). 




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D.is Recht eine ITcbcrseUung in* Englische und Französische zu veranstalten 

wir«! vitrbehalten. 




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* 



SEINER MAJESTÄT 

DEM 

DEUTSCHEN KAISER, 

KÖNIG WILHELM VON PREUSSEN 

IN TIEFSTER EHRFURCHT 

ALLERLNTERTH ANIGST GEWIDMET. 

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Vorwort 



Die grossartigen Erfolge, welche die Afrika- Forschung gerade 
in den letzten Jahren errungen hat, durften in mir die Besorg - 
niss erwecken, dass das Interesse für Reisen, welche vor nun be- 
reits vier Jahren ihren Abschluss fanden, sich inzwischen gewisser- 
massen abgeschwächt habe. Der Umstand jedoch, dass die epoche- 
machenden Entdeckungsreisen der letzten Jahre in Afrika sich 
ausschliesslich auf die südäquatorialc Hälfte des Contincnts er- 
streckten, die meinigen hingegen sich stets nördlich vom Acquator 
hielten, sowie die freundliche Beurtheilung, welche meine fragmen- 
tarischen Veröffentlichungen in den weitesten Kreisen erfuhren, er- 
muthigen mich, nunmehr mit den Gesammtergebnisscn meiner Reisen 
in der grossen Wüste und den Sudan-Ländern vor die Oeffentlichkcit 
zu treten. 

Die allseitige Anerkennung, welche mich nach der Beendigung 
meiner fast sechsjährigen Wanderungen belohnte und mir stets in 
dankbarster Erinnerung bleiben wird, berechtigte wohl zu der Erwar- 
tung, dass ich meine Erfahrungen in schnellerer Weise verarbeiten 
würde, als es mir thatsächlich gelungen ist, und mancher Leser wird 
mit um so höheren Ansprüchen an das Buch herantreten, je länger 
sich die Veröffentlichung desselben verzögert hat. Doch nach meiner 
Rückkehr in die Heimath, welche ich dreizehn Jahre zuvor verlassen 
hatte, traten mancherlei Ansprüche an mich heran und zersplitterten 
meine Zeit, und die schwierige und zeitraubende Sichtung meiner oft 



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VIII VORWORT. 

unter den ungunstigsten Verhältnissen gemachten Reisenotizen hat 
langsamere Fortschritte bedingt, als ich jemals voraussetzen zu 
müssen glaubte. 

Wenn gleichwohl meine Arbeit nach vielen Richtungen nicht 
den Vorzug gewinnen konnte, den Anforderungen, welche man an 
die exaete geographische Forschung zu stellen berechtigt ist, völlig 
Genüge zu leisten, so liegt der Grund für diese Thatsache in dem be- 
dauerlichen Umstände, dass ich bei Ucbcrnahme der Sendung, welche 
die Veranlassung zu meinen übrigen Reisen geworden ist, für wissen- 
schaftliche Forschungen nicht genügend vorbereitet war. Als Arzt 
in Tunis lebend, hatte ich keine Gelegenheit gehabt, mir die Kennt- 
niss der astronomischen Bcobachtungsmethoden zu geographischen 
Ortsbestimmungen anzueignen, ohne welche in neuester Zeit kaum 
noch ein Reisender ausgeschickt wird. Ich habe mich zwar bemüht, 
diesen Mangel durch eine möglichst sorgfältige Wegaufnahme und 
durch die Beschaffung eines grossen, auf Erkundigungen beruhenden, 
topographischen Materials, soweit in meinen Kräften stand, weniger 
fühlbar zu machen, doch für die richtige Verwendung des letzteren 
würden einige sichere Punkte von unschätzbarem Wcrthc gewesen 
sein. Auch in wichtigen Zweigen der beschreibenden Naturwissen- 
schaften waren meine Kenntnisse unzulänglich, und ich gebot leider 
niemals über die nöthigen Mittel, um diesen Mangel durch natur- 
wissenschaftliche Sammlungen cinigermassen ersetzen zu können. 
Aehnlich verhielt sich in diesen Beziehungen mein Vorgänger in 
einem mit dem meinigen zum kleineren Theile zusammenfallenden, 
zum grösseren demselben benachbarten Forschungsgebiete, Heinrich 
Barth, und ihn, der ungefähr mit denselben inneren und äusseren 
Schwierigkeiten zu kämpfen hatte, nahm ich mir zum beständigen 
Vorbilde. 

Meine Mittellosigkeit während der ganzen Reisezeit muss 
zur gerechten Beurtheilung meiner bescheidenen Leistungen in 
billige Erwägung gezogen werden. Sobald ich die Mission, Ge- 
schenke Sr. Majestät unseres Kaisers und Königs an den Herr- 
scher von Bornü, Scheich Omar, zu überbringen, erfüllt hatte, 

■ 

durfte ich, da ich von der heimathlichen Regierung keinerlei Auf- 



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VORWORT. 



IX 



trag zu weiteren Reisen empfangen hatte, nur auf eigene Hilfs- 
quellen rechnen. Zu der Kärglichkeit dieser kam die damalige 
Seltenheit der Karawanen zwischen Tripolitanien und Borau, welche 
auch diejenigen Mittel, die mir inzwischen durch das Wohlwollen der 
Regierung und der geographischen Gesellschaft zu Berlin zugewendet 
worden waren, erst nach Jahren in meine Hände gelangen Hess. So lebte 
und reiste ich lange Zeit theils durch die grossmüthige Unterstützung 
des Scheich Omar, theils durch Darlehne, welche ich bei nordischen 
Kaufleuten aufnahm, fiel dadurch der Abhängigkeit von Anderen 
anheim, war zu einer Sparsamkeit gezwungen, welche mich in den 
verderblichen Ruf des Mangels an Ergiebigkeit brachte, und musste 
zur Ausführung meiner Pläne eine unverhältnissmässig lange Zeit 
opfern. Wenn ein Reisender nicht in der Lage ist, sich durch an- 
gemessene Geschenke an die Machthaber die Wege zu bahnen, wenn 
er gelegentlich vor dem Ankaufe eines Lastthiers zurückschrecken 
und überlegen muss, ob er seinen Leuten eines Tages einen Hammel 
schlachten dürfe oder nicht, so ist es schlimm um ihn bestellt. Die 
ewige Sorge um die Bedürfnisse des täglichen Lebens nagt an seiner 
Thatkraft, die ohnehin schon durch Klima, Krankheit und geistige 
Vereinsamung leidet, und beeinträchtigt natürlich seine wissenschaft- 
liche Thätigkeit. 

In allen Ländern, welche zu besuchen mir vergönnt war, bin ich 
bestrebt gewesen, über die abseits von meinen Reisewegen liegenden 
Gegenden möglichst viele Erkundigungen zu sammeln, deren Ein- 
ziehung mir durch meine Vertrautheit mit der arabischen Umgangs- 
sprache und eine leidliche Kenntniss des Bornü -Idioms erleichtert 
wurde, und habe in diesem Reiseberichte dann versucht, dieselben 
mit meinen eigenen Beobachtungen zu einem Ganzen zu verarbeiten. 
Wenn auch viele Einzelheiten sich bald als fehlerhaft herausstellen 
mögen und exaeteren Untersuchungen und Beobachtungen weichen 
werden, so gebe ich mich doch der Hoffnung hin, dass meine Arbeit 
dem Leser ein wahrheitsgetreues Gesammtbild von Landern und 
Völkern ermöglichen wird, über die entweder bisher nur vereinzelte 
Daten aus früheren Reisen vorlagen, oder welche niemals vor mir 
von gebildeten Reisenden besucht worden sind. 



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VORWORT. 



Die sich auf die Topographie erstreckenden Erkundigungen zur 
kartographischen Darstellung eines Landes zu verwert hen, ist eine 
entsprechend der Unsicherheit und Dehnbarkeit des Materials zeit- 
raubende und unbefriedigende Arbeit, welche im vorliegenden Falle 
einen nicht unwesentlichen Antheil an dem verzögerten Erscheinen 
des Buches hat. Ich bin dem Ingenieur- Geographen, Herrn Kuno 
Streit, zu Danke verpflichtet für das Verständniss und den Eifer mit 
denen er mich bei der Herstellung der Karten unterstützt hat. — 
Auch der hülfreichen Rathschläge Anderer habe ich mich zu erfreuen 
gehabt. Dem rühmlichst bekannten Botaniker und Pflanzengeographen 
Herrn Prof. Dr. P. Ascherson, ist die Feststellung mancher in meinen 
Notizen erwähnten Pflanzen, welche nicht von mir identificirt werden 
konnten, gelungen; Herr Dr. G. v. Boguslawski, Sectionsvorstand im 
hydrographischen Bureau der Kaiserlichen Marine, ist mir bei der 
Zusammenstellung der meteorologischen Beobachtungen und der Ab- 
leitung von Höhenschätzungen behülflich gewesen, und der gelehrte 
Orientalist, Herr Dr. Wetzstein, war stets bereit, mir über die Recht- 
schreibung der Wörter arabischen Ursprungs Auskunft zu geben. 

Leider ist in der letztgenannten Beziehung meine Absicht, die 
richtige Aussprache der Fremdwörter aus den hier in Betracht 
kommenden Sprachen durch eine möglichst einfache Schreibweise, 
d. h. ohne die verwirrende Verwendung ungewohnter Accente, Zeichen, 
Buchstaben und Buchstabenwerthc, dem Leser nahezulegen, nur sehr 
unvollkommen gelungen. Das beste Mittel, um eine möglichst richtige 
Aussprache bei gleichzeitiger Rechtschreibung nach den Anforde- 
rungen der Ursprache zu sichern, würde ohne Zweifel die Anwendung 
des Standard-Alphabets von Lepsius gewesen sein; doch während ich 
dasselbe für die wissenschaftliche Verarbeitung meiner linguistischen 
Reiseausbeute nicht entbehren möchte, erschien seine Verwendung 
in einem für das allgemeine Publikum bestimmten Reiseberichte 
nicht geeignet. Selbst andere, weniger complicirte Systeme der 
Transscription, wie sie von einigen wissenschaftlichen Gesellschaften 
aufgestellt sind, schienen mir für den nicht linguistisch gebildeten 
Leser noch zu viele Schwierigkeiten zu bieten. Ich habe mich also 
darauf beschränkt, Silben, deren Maass allzu zweifelhaft erschien, 



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VORWORT. XI 

mit Kürzungs- und Dehnungs-Zeichen zu versehen, und bediene mich 
des deutschen Alphabets mit den wenigen Ausnahmen der Verwen- 
dung des Z als weichen und des S als scharfen Zischlautes, der 
Wiedergabe des gutturalen K der Semiten durch Q und der An- 
deutung des arabischen Ain durch \ Die verschiedenen T- und D-Laute 
und die beiden schwächeren I I -Laute der arabischen Sprache habe 
ich nur. durch je einen Buchstaben dargestellt, wahrend das stark- 
gutturale II der Araber durch Ch (wie im deutschen Worte „Rache") 
und der Buchstabe Rhain, je nach der lokalüblichen Aussprache eines 
Wortes, durch Rh oder Gh wiedergegeben worden ist. Abgesehen 
von diesen vereinfachenden, aber freilich den Eigcnthümlichkeiten 
der arabischen Sprache nicht streng Rechnung tragenden Grundsätzen, 
habe ich die der letzteren angehörigen Wörter möglichst so ge- 
schrieben, wie es die Rechtschreibung der Ursprache erfordert. Für 
die Wiedergabc der Tubu- und Kanüri -Worter habe ich mich nach 
der Auffassung meines Ohres gerichtet und von der soeben ent- 
wickelten Schreibweise nur die Kürzungs- und Dehnungs-Zeichen und 
Z und S in den obigen Wcrthcn beibehalten. Dass sich einzelne 
Abweichungen von dieser Schreibweise eingeschlichen haben, muss 
durch die Unzulänglichkeit der Grundsätze selbst, welche ich später, 
als es schon zu spät war, gern modificirt hätte, seine Erklärung und 
Entschuldigung finden. 

Schliesslich spreche ich Herrn Prof. Dr. R. Hartmann meinen 
Dank für die liebenswürdige Unterstützung aus, welche derselbe mir 
bei der Herstellung der Illustrationen zu Theil werden Hess. 

Berlin, ii. Juni 1879. 

Dr. G. Nachtigal. 



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I 



Errata. 



Seite 54 Zeile i<» lies 100 Meter anstatt 3oo Meter. 

„ 56 „ 20 „ Heptagon Septagon. 

53o „ 1 ., <öo Meter 635 Meter. 

544 „ 19 Föso Tosso. 

„ S44 20 Agram „ Agarn. 



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. INHALTS-VERZEICHNISS. 

Erstes Bucm. 
tripolis und fezzän. 

Erstes Kapitel. Tripolis Seite 

Aufenthalt in TQnis. — Verfall des Landes. — Revolution iS«">4. — Expe 
dition gegen die Rebellen. — Cholera i8<**i, Dürre und Hungersnoth 1SÖ7. 

— L'ebernahme der Mission König Wilhelm's nach BornQ. - Giuseppe 
Valpreda. — Ausrüstung in Malta. — Ankunft auf der Rhede von Tripolis. 

— Beschreibung der Stadt. — Europäisches Quartier. — Das Regierungs 
gebüude. — Die Bazars. Die Fonduq's. - Die Privathäuscr. — Das 
Judenviertel. — Das maltesische Quartier. — Bevölkerung. — Die Ein- 
geborenen. — Kuruglfja. — Türken. - Juden. — Neger. EuropHer. — 
Herr Luigi Rqssi. — Gerhard Rohlfs' Haushalt in der Meschfja. — Moham 
med el-Qatrünf. — Kameelsattel. — Kameele und Reiseutensilien. — Die 
übrigen Diener. - Die europaische Gesellschaft. Die türkischen Regie 
rungsorgane. — Der General Gouverneur und seine Reformen. — Der Bürger 
meister der Stadt und sein Einfluss. — Schlechte Verwaltung. — Fräulein 
Tinne. — Marktverhältnisse. — Letzte Einkäufe. Lagerung vor der Stadt. 

— Internationales Piknik. Abreise. 

Zweites Kapitel. Reise nach Fezzän Seite 3<>. 

Strassen von Tripolis nach Fezzan. - Sandzone südlich von der Stadt. — 
Zunehmende Fruchtbarkeit. — Aufsteigung zum Tarhflna Gebirge. Ab 
flüsse des Gebirges nach Norden. — Die Stämme Akara, Aläuna, Hamadat, 
Drärub, Aulad. Jüsef, Seradna. — Römische Ruinen. — Vegetation der (Je 
birgsgegend. — Flussthäler südlich vom Gebirge. — Wädf und Schetejib 
oder Halbwädf. — Das Thal Benf Ulfd und seine Olivenpflanzung. — 
Türkisches Qasr und arabische Qasba. — Weitere Wudjan und Schetejibat. 

— Meschahid oder Steinzeuge. — Ma'aqil oder Steinbrustwehr. — Die Serfr, 
das vorwaltende Wüstenterrain. — W. Sofedschfn mit seinen Nebenfluss 



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XIV 



INHALTS-VFRZEICKNISS. 



thälern. — Scrfrat Omm el-Ghirbal. — W. Bei. — Ankunft zu Bu N'dschcTm. 

— Wüster Charakter der Gegend und Kümmerlichkeit der Ortschaft. — 
Komische Ruinen. — Wüstenwind. - Dschebel el M'halla, Bu Na'adscha, 
Bu Atela, Tuzizzet. — Serif, Hammada und „Zeugen". — Dschebel ct-Tar. 

— Die Ebene von Soqna mit ihren Wasserbetten. Kl Dschofra. — Empfang 
in Söqna. — Berberischer Ursprung der Einwohner. — Einwohnerzahl. — 
Beschreibung der Stadt. — Panorama vom Qasr. - Gartencultur. — Thier- 
leben. — el-Melaqf, der Sammler. — Bfr GodSfa. — Uebersteigung des 
Dsch. es-Söda. — Dahnr el-Mümin, die Höhe des Passes. — Wasserabflüsse 
auf der Nord- und Südseite. Kameelpost zwischen Tripolis und Murzuq. — 
Maiteba Soda und Maiteba Hamra. Qoffel Gharbf und Qoff esch Scherqf. 

— Senr Ben Alien. - Ramla el Kebfra und Ramla es Srhira. — Sclaven- 
karawanen. — Mahiaf Kneir. — Hatttja Omm d-'Abfd. — Die Oase Sirrhen 
und ihre Bewohner. — Die Oase Semnu. — Die Stadt und ihre Bewohner. 

— Die Oase Temenhint. — Die Oase Sebha. — Die Biban. — Die Serfr 
el-Maala. — Die Oase Rhodwa. — Der grosse Beiram oder *Id el Kebfr. — 
Laqbf, der gegohrene Dattelpalmensaft. — Wlem oder Wegzeichen. 
Scheqwa. — Ankunft zu Murzuq. — Seite 3<> 

Drittes Kapitel. Murzuq Seite -s. 

Einzug in die Stadt. — Allgemeiner Charakter derselben und ihrer Um- 
gebung. — Die Brüder Ben Alua. — Beschreibung meines Wohnhauses. — 
Beweise der Gastfreundschaft. - Besuche der Honoratioren. — Die Familie 
Ben Alua. — Andere hervorragende Einwohner. — Der Gouverneur. — 
Meine Geschenke und Erwiderungsbesuche. Hädsch Brahim Ben Alua 
und der Theegenuss in Afrika. — Fräulein Tinne und ihre Reisepläne. — 
Beschreibung der Stadt. - Die Qasba und ihre Garnison. Häuser und 
Einwohnerzahl. — UngUnstige Bodenverhältnisse der nächsten Umgebung. 
Begräbnissplätze. Die Gärten der Stadt. Bewässerung derselben. — 
Hausthiere. — Monotonie der Stadt. — Der Marktverkehr. — Uiqbf Genuss 
und Schnapsfabrikation. Bevölkerungselemente von Murzuq. — Die ge- 
bräuchlichen Sprachen. — Kleidung, Schmuck und Haartracht. — Ver- 
gnügungen der Einwohner. — Mein täglicher Lebenslauf. — Die Leiden der 
Jahreszeit. — Die Abende bei Fräulein Finne. — Aerztliche Thätigkeit. — 
Sumpffieber. — Meine Nahrungsmittel. — Schnaps -Ibrahim. — Schwere- 
Krankheit Fräulein Tinne's. — Plan der Tibesti- Reise. — Fräulein Tinne's 
Plan einer Reise zu den Tuarik. 

Viertes Kapitel. Natürliche Beschaffenheit Fezzän's . Seite 112. 

Die grosse Wüste oder Sahara. — Ihre Erhebung über dem Meeresspiegel. 

— Küstengebirge und centrale Erhebungen. — Steinige Hochebenen und 
Dünenregionen. — Topographische Verhältnisse zwischen Tripolis und 
Murzuq. — Das Küstengebirge. Seine weidereichen Ebenen und Abflüsse. 

— Abdachung der Hammada el Hamra nach der grossen Syrte zu. — 
Serfr. — Dschebel et Tar und el Dschofra. Die natürliche Nordgrenze 
Fezzän's. — Dsch. es Soda in Erhebung, Ausdehnung und Beschaffenheit. 

— Seine Abflüsse. — Oasen-Complex des eigentlichen Fczzan. — W. Schijatf 
und Hattija Omm el-'Abfd. Dünen Edeyen. — Salzige Seen. — W. Ladschal 
und die Oasen Sebha, Temenhint, Semnu und Sirrhen. — W. Otba und 



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INHALTS -VKRZEICHNISS. 



XV 



die Oase Rhodvvn. Die Holra von Murzuq. — Die Scherqfja. - - Isolirte 
Oasen. — W. Ekema mit «Jen südlichen Ortschaften. Südgrenze Fezzan's. 

— Pflanzen und Thierleben. — Viehzucht und animalische Kost der Min 
wohner. — Ackerhau. — Kultur der Dattelpalme. — Getreidehau. Vege 
tabilische Nahrungsmittel der Fezzaner. — Der Handel Fezzan's sonst und 
jetzt. — Grund seines Rückganges. Waaren. Mangel an Industrie in 
Fezzan. 

Fünftes Kapitel. Klima und Krankheiten Seite i35. 

Meteorologische Reobaehtungen zu Murzuq. — Temperatur -Beobachtungen. 
Maxima und Minima. Tägliche Wärmebewegung. Monatsmittel. - 
Psychrometer- Unterschiede. Die Grenzen derselben. — Monatsmittel für 
Dunstdruck und relative Feuchtigkeit. — Niederschlüge und Wolkenbildung 
im Zusammenhang mit den Winden. Elektrische Krscheinungen. — 
Winde. — Monatliche Vertheilung derselben. — Luftdruck. - Tägliche Be- 
wegung desselben. Monatsmittel. — Zusammenfassung der meleoro 
logischen Verhältnisse. — Krankheiten der Fezzaner. — Die Malaria zu 
Murzuq. Typhus und Cholera. Pocken. — Lungenkrankheiten. -- 
Krankheiten der Verdauungsorgane. Rheumatische Atfectionen. — Haut 
krankheiten. — Krätze und Guineawurm. Seltenheit der Lepra. Sy- 
philis. Krankheiten der Harnorgane. • Augenaflectionen. — Frauen- 
krankheiten. — Kinderkrankheiten. Gehirn und Nervenkrankheiten. — 
Thierische Gifte. Chirurgische Kenntnisse der Fezzaner. — l'ebernatür 
liehe Ursachen der Krankheiten und die Mittel dagegen. — Allgemeine phy- 
siologische Anschauungen. — Heilmittel und Aerzte. 

SECHSTES KAPITEL. Geschichte u. Bevölkerung von Fezzän Seite i5o. 

Phazania, das Land der Garamanten. Herodofs Angaben. Die Römer 
in Fezzan. Nachrömisches Dunkel. Libyer und Herber. Arabische 
Elemente in Afrika vor dem Islam. — Araber und Herber. Invasion der 
Araber nach Gründung des I>lam. - Vordringen der Küstenbevölkerung in 
die Oasen der Wüste. - Ausbreitung der Kanem Herrschaft über Fezzan. 

— Reste derselben in Traghen. Die Nesür und Qorman. Die Dynastie 
der Aulad Mohammed aus Marokko. Abriss ihrer Geschichte. Kämpfe 
Fezzan's um seine Unabhängigkeit von Tripolis. — Ende der marok 
kanischen Dynastie durch el Muqnf. Die Aulad Soliman, ihre Kämpfe 
und Niederlage. — Abd el Dschh'l. Eroberung Fezzan's durch die Aulad 
Soliman. — Kämpfe Abd el DschhTs gegen die Türken. Herrschaft der 
Türken. — Eirfthcilung und Administration Fezzan's. Qai'maqam oder 
Mutasarrif. - Mudfr. Türkische Heamtenwirthschaft. Abnahme der 
Hevölkerung und des Wohlstandes. — Steuerkraft des Landes. — Macht 
losigkeit der Localregierung. Bevölkerungsstatistik. He\ölkerungs 
elemente. Eigentliche Fezzaner und ihre allmähliche Umbildung. — Sub- 
äthiopische Volksstämme. — Beschreibung der Fezzaner. Verschiedenheit 
von den Teda. Kleidung. Charakter der Städte und Häuser. — 
Kastelle. - Bewaffnung. Sociale Sitten. Religiöses Leben. Die Se 
nüsija und ihre Ausbreitung. — In Fezzan übliche Sprachen. — Zusammen- 
fassende Charakteristik. 



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XVI 



INHALTS- VF.RZEICHNTSS. 



Zweites Buch, 
tibesti oder tu. 

Erstes Kapitel. Der südlichste Theil von Fezzän . . Seite 100. 

Die beiden Teda Edlen. - Abschluss des Contractes mit Akremi Kolokomi. 

— Einkauf von (ieschenken und Tauschwcrthen. — BuT Mohammed'* 
treuer Sinn. — Abreise Fräulein Tinne's. — Die Brunnen TabanTja. - Bidan 
und das Laqbf- Gelage. — Verbrennung durch Sonnenstrahlen. — Bfr ed- 
Domran. — Sandwüste. — Hattfja Mestüta. — Ankunft zu Qatrun. — Hadsch 
Dschaber und die Murabidija. — Hochgradige Hitze. Beschreibung der 
Stadt und ihrer Bewohner. Behausungen der Tubu. (iartencultur. — 
BQ ZeYd und seine Ansprüche. Weitere Ankäufe für die Reise. - Bachf. 

— Arabische Ruinen. Zunehmende Tubu-Besucher. — Augenentzündung. 

— Qasrauwa. — Weg durch das Thal Ekema. Tedscherri und seine 
Qasba. — Bevölkerung. — VerrUtherische Pläne der Tubu. Abreise. - Bir 
Meschru. — Traurige Zeugen des Sclavenhandels. -- LagSba Bu'fa. — Lagöba 
Kuno. — Hochebene Alaöta Kju. TUmmo Gebirge oder cl War. 

Zweites Kapitel. Unbekannte Gegenden Seite 233. 

Weg nach Afafi. — KolokJSmi's Unkenntniss der Gegend. — Schwieriger 
Nachtmarsch. - Wassermangel. Klussthal Galiemma. Gefahr des Ver^ 
Schmechtens. - Rettung aus Gefahr. Begrüssungs Geremonien der Teda. 

— Arbeit am Brunnen. Neue Ankömmlinge. — Ernte der Coloquinthen 
Kerne. Gebirgsgruppe Afafi. Klussthal Lolemmo. Fortsetzung der 
Reise. Sandsteirjfelsen der Ebene. — Noch einmal Wassermangel. 
Birsa geht nach ArSbu. Widerstandsfähigkeit der Tubu gegen Hunger, 
Durst und Anstrengung. Zeitige Rettung. Isoa. Gegend Afo. — 
l'eberschreitung des Enneri Udui. Die Berge Tibesti's. Der Tarso mit 
dem Tusidde. — Die Klussthälcr Kjauno. — Neue Bäume. Ausläufer des 
Tarso. — Emi Mini. ■ Gegend von Tao. — Zunehmendes Thierleben. — 
Die Flussthäler von Tao, Dommado und Dausado. Galma, der Sohn 
Selemma's. Seine Tante Kintäfo. — Spärliche Bewohnerschaft Tao's. 

Drittes Kapitel. Täo und Zuär Seite 265. 

Verschiedene Arten der Behausungen. Ursachen der augenblicklichen 
Entvölkerung Tao's. — Ernährungsvcrhältnissc der Teda. — Bardai zur 
Erntezeit. Ankunft von Qatruner Kauflcuten. Reise nach dem E. Zuar. 

— Bcgrüssung der dortigen Edelleutc. — Verhandlungen über den Durch 
gangszoll. Der edle Dirkfü und der Sprecher Dcrdekore. — Reise den E. 
Zuar aufwärts. - Vegetation und Thierleben. - Wasserverhältnisse. — An- 
kunft und Aufnahme bei den Zuar Edlen. — Neue Gefahr und eiliger Rück 
zug. — E. Zug und das Wasserreservoir Kauerda. — Häusliche Stellung der 
Tubu Frauen. Rückkehr nach Tao. Unverschämtes Betragen Galma's. 

— Absendung Bu Zeid's nach Bardai. — Abreise der Qatruner nach Borku. 

— Entführung Bu'i lMohammed's und Befreiung desselben. — Traurige Zeit. 

— Schmarotzer und Räuber. — Ankunft Arumi's. — Hunger und Sorge.— 



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INHALTS -VERZEICHNIS. 



XVII 



Bi3 Zei'd kommt nicht zurück. — Traurige Nachrichten aus Bardai. — Bote 
mit Einladung dorthin. — Vorbereitungen zur Abreise. 

Viertes Kapitel. Reise nach Bardai Seite 3oi. 

Ersteigung des Tarso. — Charakter des Gebirgsstocks. — Kraterbildung auf 
der Höhe. — Nächtigung auf der Wasserscheide. — Bergkegel und -Ketten 
auf der breiten Wölbung des Tarso. — Abstieg nach Nordosten. — Hunger 
und mühevolle Märsche. — Tiefeinschneidende Klussthäler. — Nächtigung 
im Enneri Udeno. Fels Sculpturen. — Erreichung der Ebene. — Enneri 
Gßnöa. Datteln und ungünstige Nachrichten aus Bardai. Weitere Er 
Pressungen von Seiten Ariimi's. - Abendliche Ankunft in Barda'f. — Drin 
gende Lebensgefahr und Rettung durch Arami. Die Leute von BardaT 
und die eigentlichen Tubu Reschade. Im Schutze Ariimi's. — Verhalten 
des DardaT. — Tägliche Berathungen über mein Schicksal. — Allmählicher 
Abfall meiner Freunde. Thatsächliche Gefangenschaft. — - Steinigung. — 
Endlicher Besuch des Häuptlings. - Glänzende Rede Arümi's. Resultat- 
loser Ausgang der Zusammenkunft mit Tafertt*mi. — Fremde Besucher. — 
Nagender Hunger. - Herzloses Benehmen der Frauen und Kinder. Rohe 
Angriffe der heranwachsenden Jugend. — Verzweifelte Stimmung. 

Fünftes Kapitel. Flucht aus Bardai und Rückkehr nach 

Fezzän Seite 341. 

Verhalten Bfl ZeTd's. — Rastlose Thätigkeit Ariimi's. Plan zur Flucht. — 
Ankunft der Tubu- Bewohner Fezzän's. - Nachricht von der Ermordung 
Fräulein Tinnes. — Nächtliche Flucht. Erschöpfender Rückzug über 
den Tarso. — Zusammentreffen mit KolokÖmi. -■ Ankunft im Enneri Auso. 

— Schicksal meiner Kameele. Zustand der Sclaven in Tibesti. Letzte 
Erpressungen der Tubu. Treulosigkeit Kolokömi's. — Endliche Abreise. 

— Verlust der Hündin Fcida. Trennung von Kolokömi in Afafi. Un- 
brauchbarkeit der Kameele. — Zurücklassen des Gepäcks. — Gänzliche 
Erschöpfung. — Wasser und Proviantmangel. - Marschordnung. - • An- 
kunft am Tümmo- Brunnen. Beendigung des Mundvorraths. Sclaven- 
Skelette. - Ankunft am Meschru- Brunnen. Empfang in Tedscherri. — 
Verderbliche Befriedigung des Hungers. - Freude des Hadsch Dschäber. — 
Araber der grossen Syrte in Süd Fezzän. — Gcwaltthätigkeiten derselben 
in Qatrün. -- Ankunft in Murzuq. — Bestätigung von Fräulein Tinne's 
Untergang. — Veränderungen in der Regierung Fezzän's. - Abrechnung 
mit Bü Ze'id. — Krankheit in Folge der Reise. 

Sechstes Kapitel. Topographie und natürliche Beschaffenheit 

Tibesti's Seite 377. 

Historische Notizen. Unsere gänzliche l'nkenntniss des Landes. — Er- 
kundigungen der Reisenden. - Unvollkommenheit meiner Untersuchungen. 

— Unsicherheit der geographischen Lage. — Control-Linien der Reiseroute. 

— Bedeutung des Namens Tu. — Zusammenhang mit dem Gebirge der 
Tuärik. — Allgemeine Anordnung des Tu -Gebirges. — Richtung. — Knoten- 
punkte. — Breitendurchmesscr. — Höhenentwicklung. — Die von mir ge- 
wonnenen Hühenzahlen. — Frühere Zweifel an dem Vorkommen hoher 



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XVIII 



INHALTS- VERZEICHNIS*. 



Berge. — Vulkanische Bildungen Krater, Therme [. — F.mi Tarso, der nötd 
liehe Knotenpunkt. — Die Südwestseite des Gebirges. — Strasse von Süd 
Feztin nach Nord Tibesti. — Flussthalbildungen. — Enneri Abo. — F.. 
Kjauno. -- E. Täo. — E. Zuar. — Anknüpfungen einzelner Funkte an die 
Bornu Strasse. Strasse zwischen Zuar und Borkfl. — E. Marmar. — E. 
Krema mit seinen Zuflüssen Jöö, Maro, Ogü'f und Arr. — E. Domar. — 
Südgrenze von Tu. ■ Emi Kussi, der südöstliche Gebirgsknoten. — Ent 
fernungen des Emi Kussi von Borkü, Wanjanga und Barda'f. — Nordost 
seite des Gebirges. — E. Barda'f und sein Zusammenhang mit dem Emi 
Kussi. Weg von Barda'f nach Wanjanga. - Der südöstlichste Theil der 
Landschaft mit Gurö und Uri. — Grenzen und Gesammtausdehnung des 
Landes. — Bodenbeschaffenheit und Klima. — Meteorologische Beob- 
achtungen. — Flora und Fauna. — Hülfsquellen der Bewohner. 

Siebentes Kapitel. Die Teda Seite 420. 

Die Tubu Familie. — Teda und Däza. — Der Name Tubu. — Tu, Tedetu 
und Teda. — Historisches Dunkel. — Eigenartigkeit und politische Cnab 
hangigkeit der Teda. — Physische Eigentümlichkeiten. Hautfärbung. — 
Die im SQdan übliche Farbenscala. Gesichtsbildung. — Andere physische 
Eigenthümlichkeiten. — Klimatische Verhältnisse und allgemeiner Gesund- 
heitsstand. — Vorkommende Krankheiten. — Medizinische und chirur- 
gische Heilmittel. — Geistige und moralische Eigenschaften. — Sociale 
Ordnung. - Politische Verfassung. — Fürst, Edelleute und gemeines Volk. 
— Geringe Bedeutung des Darda'f. Stellung der Schmiede. — Der Islam 
bei den Teda. Todtenbestattung. — Ehe. — Gerechtigkeitspflege und 
Familienbeziehungen. Namensänderung der Männer. - Kleidung, Haar 
tracht und Schmuckgegenstände der Frauen. — Tätowirung. — Die Sitte 
des Litam-Tragens. — Technische Fertigkeiten. - Handel und Verkehr. — 
Werthmesser. — Die einzelnen Stämme der Teda. - Die nordwestlichen 
und südöstlichen Teda. - Bevölkerungsziffer. 



Drittes Buch, 
reise nach bornü. 

Erstes Kapitel. Murzuq im Winter 1869/70 Seite 467. 

Berichte Uber Alexandrine Tinne's Ermordung. - Ihre Reisegesellschaft 
(europäische Diener, Neger aus den Nib Ländern, algerische Frauen, befreite 
Sclaven). - Diener aus Tunis und Murzuq. — Ichnuchen's Rückkehr nach 
Ghat. — Hadsch Ahmed Bü Slah. — Der Tärlkf Hädsch cseh-Sche'fch und 
seine Gesellschaft — Araber und ihre Miethkameele. Abreise Fräulein 
Tinne's von Murzuq. - Der verhängnissvolle 1. August. — Ausbruch der 
Verschwörung. Ermordung der beiden Holländer. — Verwundung und 
langsamer Tod der Reisenden. — Rohheiten und Theilung des Raubes. — 
Thäter und Urheber des Verbrechens. — Verhalten der Behörden in Murzuq 



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INHALTS- VERZEICHNIS*. 



XIX 



und Tripolis. — Schleppender Process. — Sendung der Hinterlassenschaft 
und der Zeugen nach Tripolis. — Unerfreuliche Zustünde in Fezzan. — 
l'ngcmUthliches Weihnachtsfest 186). — Endliche Hoffnung auf Abreise. 

— Gesandtschaft 'Alf Riza PäschSTs nach BornQ. — Rünke des Walf gegen 
meine Reise. — Ankunft Halfm Päscha's als Mutisarrif. — Ankunft Mo- 
hammed Bü 'ÄYscha's des Gesandten an den König von Bornfl. — Marok- 
kanische Pilger und Akrobaten. - Vorbereitungen zur Abreise. 

Zweites Kapitel. Reise nach Kawär Seite 401. 

Abschied von meinen Freunden. — Nachtlager zu Hadsch Hadschfl. — 
Zezau und el-Qule'ib. — Sebcha von Traghen und Maten. Weg von 
Mäfen nach Mestüta. — Bü 'Äfscha's Erzählungen aus der Vergangenheit 
Fezzan's. - Der alte Zefn el-'Abidfn. — Marsch nach BiV Dekkir und 
Qatrün. — Tod des Hadsch Dschaber. Arabische Pferdekenner. — 
Drohender Raubzug der Teda Tu's. — Zwistigkeiten unter den Marok 
kanern. — Phantastische Abendvorstellung derselben. - Ankunft unserer 
Reisegefährten aus Murzuq. — Marsch nach Tedscherri und Empfang da 
selbst. Dattel und Strohproviant. — Strecke bis zum Tlimmo. Ebene, 
Berg und Brunnen Madema. — Station Mafnras. — Vegetation der Gegend. 

— Die Oase Jat. — Die DGmpalme und ihre Frucht. — Die Oase Jeggeba. 

— Die Strasse nach Bornü im Allgemeinen. — Barbarische Strenge des 
Hadsch Salih. Ankunft in der Nahe Ka war's. 

Drittes Kapitel. Kawär oder Enneri Tuge Seite 5is. 

Bü 'Äischa's Verdienste um die Kavvar- Leute. Feierlicher Empfang zu 
Anai, dem nördlichsten Dorfe. Zufluchtsfelsen der Ortschaft. — Dorf 
Anikumma und Wiedersehen mit Arämi. — Getreidepreise. Gastfreund 
schaft. ~ Aschenumma und das sogenannte Mögödöm Gebirge. - Fidschi*. 

— Anmuthige Frauen. — Marktverhältnisse. — Salzseen um Dirki. Die 
Hauptstadt von Kavvar. - Empfang durch König Dunnoma. — Kameel 
reiter. Meine zahnUrztliche ThUtigkeit. — Durchgangszoll der einzelnen 
Karawanenglieder. Unverschämte Forderung des Darda'i. Schimmedrü, 
Sitz des Senüsi-Missionars. — Hochmlithiges Benehmen desselben. — Ver- 
änderte Windrichtung und Wolkenbildung. - Emi Madema und die Aqül- 
weide zu Agerr. Der Salzdistrict von Bilmä. — Stadt Garü und Kaläla. 

— Salzexport. — Art und Weise der Gewinnung des Salzes. Aerztliche 
Thätigkeit. — Vorbereitung zur Weiterreise. — Zusammenfassende Be 
trachtung des Weges nach Kawar und der Oase selbst. Höhenver- 
hältnisse. — Enneri Tuge. — Dattelcultur und Salzhandel. — Zahl der Ort- 
schaften und ihre Bewohner. — Stämme und Familien Kawar's. Ver- 
bindung der Oase mit Ahfr und Ghät. 

Viertes Kapitel. Von Kawar nach Bornü Seite 545. 

Schwierige DUnenregion. — Oase Zau Kurra. — Zunehmendes Thier- und 
Pflanzenleben. — Wlistennächte. — Oase Dibbela. — Weiterer Uebergang 
der Wüste zur Steppe. Oase AgXdcm. — Antilopenheerden und Jagd 
mit Windhunden. -- Daza Kldlda. — Steppe Tintumma. Daza-Karawane. 

— Beginnender Baum wuchs. — Brunnen Belgäschifari. Uebergang von 



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XX 



INHALTS- VERZEICHNIS. 



Steppe zu Wald. — Ueppiges Thier- und Pflanzenleben. — Rrunnen Kflfe. 
— Uneinigkeit hei den Marokkanern. — Brunnen Äzi. — Ankunft am 
Tsäde. — Ngigmi, die erste Born ü Ortschaft. — Ueberwältigender Eindruck 
des tropischen Lebens. — Hippopotamen. Bewohner von Ngigmi. — 
Gouverneur Kazelma Hassen. — Neue Bekanntschaften. — Heftiges Gewitter. 

Salzdörfer. — Barüa. — Westlicher Zufluss des Tsade. — Stadt Joö. — 
Besucher aus Küka. — Mohammed et -Titiwf. — BegrUssungsgaben des 
Scheich 'Omar. — Ankunft in nächster Nähe Küka's. — Zahlreiche Be 
suchen 

FÜNFTES Kapitel. Empfang in Küka Seite 58i. 

Festliche Einholung durch den Kronprinzen. — Gefolge desselben. - Fuss 
Soldaten. Rathsherrn. - Panzerreiter. — Musikbande. Kronprinz Aba 
Bii Bekr. — Ebene von Küka. — Aeussere Erscheinung der Stadt. Stadt 
mauer. — Das Innere der Oststadt. Beleidigende Zurücksetzung. — 
Wohnungsschwierigkeit. — Der Hauswirth Ahmed Ben Brahfm. - Be 
grüssungs Audienz. — Das Innere des Königspalastes. Scheich 'Omar. 

Audienz zur l'eberreichung der Geschenke. — Religiöse Bedenken gegen 
einige derselben. I lohe Befriedigung des Scheich. Besuche bei einigen 
Würdenträgern. — Der Digma Ibrahim und seine Ungnade. Lamfno. - 
Seine Umgebung. Seine Vergangenheit. •— Sein culinarisches Verständnis*. 

Seine Stellung und Bedeutung. - Mo'allim Mohammed und seine Gelehr- 
samkeit. — Weitere Bekanntschaft mit Ahmed Ben Brahfm und Mohammed 
et Titiwf. — Gastgeschenke des Scheich. — Trinkgelder. — Besuch beim 
Kronprinzen. Feindschaften der Würdenträger unter einander. 

Sechstes Kapitel. Die Hauptstadt von Bornu .... Seite <>io. 

Nächste Umgebung der Stadt. — Die Weststadt. — Der Nachmittagsmarkt. 

Die Hauptstrasse oder Dendal. Die Oststadt. — Die Erdbauten. — Ihre 
Bedachung. — Ihre innere Einrichtung. — Standort der Pferde. - Sorg 
fältige Abwartung derselben. — Die Stroh und RohrhUtten. — - Verschiedene 
Arten derselben. - Ihre innere Einrichtung. Strassenleben. — Der vor- 
nehme Kanuri. Frauen auf der Strasse. — Verschiedene Handwerker. — 
Arme und Blinde. — Die fahrenden Schüler. — Bevölkerungsmenge. — 
Mein Haus. — Eintheilung desselben. — Dienerschaft. — Mangel an weih 
licher Dienerschaft. — Giuseppe's Islamisirung. — Schwierigkeit denselben 
abzulohnen. - Hauseinrichtung. — Wildes Gethier. — Fremde in Kuka. — 
Reiselust der Araber und Halbaraber. — Mo'allim Adern aus Wadai". — 
Scherif Ahmed el-Medenf. - 'Alf Malfja, der Kökena. 

Siebentes Kapitel. Kleidung und Ernährung der Bornü- 

Leute Seite 042. 

Annahme der Born iV Tracht. — Vorzüge und Nachtheile derselben. - Vor- 
liebe der Kanuri für Kleiderpracht. — Webe- und Färbe -Kunst. - Ver 
zierung der Kleidungsstücke. — Toben und Hemden. — Gewänder aus 
Bornü, Haussa und Nffe und ihre Preise. — Beinkleider, Kopftracht und 
Fussbekleidung. Kleidung der Frauen. — Hüftenshawl, Schultertuch und 
gestickte Hemdchen. — Haartrachten. — Schmuckgegenstände. — Ernäh- 



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INHALTS- VERZEICHNIS. XXI 

rung der Bornfl- Leute. — Duchn und Durra. — Durra -Arten. — Mehl- 
fabrikation. — Das vorwaltende Gericht. — Weizen- und Gerste- Gerichte. 

— Reis- und Mais- Verwendung. — Surrogate des Getreides. — Bereitung 
des 'Atsch und anderer Gerichte. — Die Saucen und ihre Bereitung. — Ihre 
vegetabilischen und animalischen Bestandtheile. — Genuss frischen Fleisches 
der Hausthiere. — Wildfleisch. — Haram und Makröh. - Genuss frischer 
Fische. — Die Fische des Tsade. — Die Heuschrecken als Nahrungsmittel. 

— Verschiedene Arten derselben. — Frösche. — BaumfrUchte. - Garten 
fruchte. — Bohnen. — Erdnüsse. — Tageszeit der Mahlzeiten. - Anstands 
regeln beim Fssen. — Getränke. — Milch. — Honig. — Kaffee. — Die GClro- 
Nuss. ■ Ihr Vorkommen und Preis. — Empfindlichkeit und Krankheiten 
derselben. — Merissa. -- Tabak. 

ACHTES Kai-ITEL. Handels- u. Marktverhältnisse inKüka. Seite Ö71. 

Der grosse Montagsmarkt. — Der Marktplatz und seine Eintheilung. — Ver- 
kauf von Holz und Gras. — Siggedi- und Matten- Verkauf. - Pferde- und 
Rindermarkt. - GemUse und Geflügel. - KUrbisschalen und Holzschüsscln. 

— Producte der Korbflechterei. — Fellhändler und Leder- Erzeugnisse. — 
Trödelbuden. — Kleidermarkt. — Fabrikate der Schreiner und Schmiede. 

— Die Kojam und ihre Verkaufsgegenstände. Schlächter und Garküchen. 

— Kameelmarkt. - Die Kanembu und ihre Erzeugnisse. Die Kiiri- oder 
Bare-Rinder. — Die Manga. Der Sclavenmarkt. Die Preise der ver- 
schiedenen Sclaven Gattungen. Die Bett-Sclavinnen. — Die Eunuchen. 

— Die Schöa und ihre Verkaufsgegenstände. Die Schöa Rinder. — 
Buntes Bild der Marktmenge. — Anstrengungen eines Markttages. — Feste 
Werthmaassc. — Einführung der österreichischen Thaler. — Die Kauri- 
Muschel als Scheidemünze. — Preisliste der Marktgegenstände. — Impor- 
tirte Waaren und ihre Preise. — Die verschiedenen Klassen der Kaufleute 
in Bornü. — Exportwaaren. — Handel mit Sclaven, Straussfedern und 
Elfenbein. — Schwierigkeiten für die fremden Kaufleute. — Leichtsinn und 
Unzuverlässigkeit der Bornü -Leute. - Unzulänglichkeit des rechtlichen 
Weges. — Kingfam oder Sendbote des Königs. - Schlechte Verwaltung 
der Hinterlassenschaften Fremder. 

Neuntes Kapitel. Hof, Regierung und Kriegsmacht des 
Scheich Seite 70S. 

Die Rathsversammlung oder Nökena. - Die Rathsherren oder Kökenawa. 

— Söhne und Brüder des Scheich. — Ihr Verhältniss zum Herrscher. — 
Der Kronprinz Aba BQ Bckr. Die Vertreter der Bevölkerungs- Gruppen 
Bornü's in der Nökena. — Geringe Bedeutung der Nökena. — Hofämter 
in Bornü und ihre Umgestaltung im Laufe der Zeit. — Kaigamma. — 
Jerfma. - Tschiröma. - Dscherma. - Ghaladfma. — Schitfma Belumma. 

— Hirfma. Jurama. Digma. — DschC-gebada. Ardschinöma. — 
Fugoma. Zentama. — Kazelma. — Kagustema. — Baganma. — Mainta, 
Makinta und Sintelma. - Fergtma. - Mülfma. - Die Eunuchen .luröma, 
Mistrema und Mala . Einflussreiche Frauen am Hofe zu Küka Magfra 
und Gumsö . — Die Kriegshauptleute oder Kaschellawa und ihre Bezirke. 

— Lanzenreiter, flintenbewaffnete Krieger und Bogenschützen. — Die Streit- 



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XXII 



INHALTS- VERZKICHNISS. 



kräfte der einzelnen Hauptleute und Würdenträger. — Verfall der Bornö- 
Macht im Innern und nach Aussen. — Rebellische Haltung des Vasallen 
fürsten Tanemon von Zinder. — Energielosigkeit des ScheYch. 

Zehntes Kapitel. Das Ende des Jahres 1870 .... Seite 732. 

Regenreichthum des Jahres. — Die Zeit der Malaria. — Mörderische Epi- 
demie in Küka. — Rindviehseuche und Pferdesterblichkeit. — Meine täg- 
lichen Beschäftigungen. — Studium der Kanüri- Sprache. — Aerztliche 
Thätigkeit und ihr geringer Erfolg. — Furcht der Eingeborenen, vergiftet 
zu werden. — Ein Hochzeitsfest und sein Verlauf. — Anhaltende Schwellung 
des Tsade und ihre Folgen. — Schicksale der Marokkaner. — Ramadan 
oder Fastenmonat. — Gastfreundschaft des ScheYch wahrend des Ramadan. 
'Id el-Fatra oder Fest des kleinen Bairam. — Auszug des ScheYch zum 
Festgebet. — Glänzender Aufzug. — Musikalische Instrumente. — Parade- 
pferde. — Kanonen-Mohammed und Wagen -'Abdallah. — Gratulations- 
Cour. — Friedliche Aussichten. — Reiseplan. • 



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ERSTES BUCH. 

TRIPOLIS UND FEZZÄN. 



Nächtig«!. I 1 



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Erstes Kapitel. 
TRIPOLIS. 

Aufenthalt in Tunis. — Verfall des Landes. - Revolution 1S64. — Expedition gegen 
die Rebellen. Cholera 1S66, 1 Kirre und Hungersnoth 1807. — Uehernalune der 
Mission Konig Wilhelm'* nach Rornü. — Giuseppe Valpreda. — Ausrüstung in Malta. 
Ankunft auf der Rhede von Tripolis. Beschreibung der Stadt. — Europäisches 
Ouartier. — Das Regierungsgebäude. — Die Bäzar's. — Die Fondues. — Die 
Privat liäuser. — Das Judenviertel. — Das maltesische Quartier. — Bevölkerung. — 
Die Eingeborenen. — Kurugltja. — Türken. Juden. — Neger. — Europäer. — 
Herr Luigi Rossi. Gerhard Rohlfs' Haushalt in der Meschlja. Mohammed el- 
Oatrünl. - Kamcclsättcl. — Kameele und Reiseutensilien. — Die übrigen Diener. — 
Die europäische Gesellschaft. — Die türkischen Regierungsorgane. - Der General- 
Gouverneur und seine Reformen. — Der Bürgermeister der Stadt und sein Einlluss. — 
Schlechte Verwaltung. — Fräulein Tinne. — Marktverhaltnisse. — Letzte Einkäufe — 
Lagerung vor der Stadt. — Internationales Piknik. — Abreise. 

Gegen das Ende des Jahres 1862 hatten mich meine kranken 
Lungen auf die Nordküste von Afrika geführt. Ich hatte mich in 
Algerien, besonders in der Provinz Constantine, aufgehalten, war im 
folgenden Jahre aus Neugierde nach Tunis gekommen und hatte dort 
vollständige Genesung gefunden. 

Die wenig verfälschte Kigenartigkeit dieser Krone aller maghre- 
binischen Städte gegenüber dem durch die französischen Eroberer 
europäisirten Wesen Algeriens hatte mich zuerst angelockt. Der 
natürliche Reichthum, das glückliche Klima des Ländchens, seine 
wechselvolle, einst so glänzende Geschichte mit ihren der Zeit noch 
trotzenden Spuren hatten mir den Aufenthalt in ihm lieb und inter- 
essant gemacht, Dankbarkeit für die wiedergewonnene Gesund- 

1* 



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4 



I. V.UCU, I. KAPITEL. TRIPOLIS. 



hcit, dort erworbene Freunde und eine angesehene ärztliche Stellung 
fesselten mich an dasselbe. 

Viele Monate habe ich damals auf den Ruinen von Carthago 
gesessen und die Bilder einer grossen Vergangenheit an meinem 
Geiste vorüberziehen lassen, nicht ohne den betrübenden Kindruck 
des Vergleiches zwischen Sonst und Jetzt zu empfinden, wenn ich, 
wie alljährlich, den Sommer im Hause des damaligen Premier- 
Ministers, Sidi Mustafa Chasnadär, am alten Kriegshafen Carthago s 
zubrachte. Kümmerlich blickt dort die Kapelle des heiligen Ludwig 
herab von der Hohe des Hügels, den einst die stolze Rvrsa krönte. 
Alles, die mächtigen Mauern, die stolzen Hauten der Stadt, welche 
einst Rom die Herrschaft streitig machen konnte, ist dahin gesunken, 
fast ohne Trümmer zurückzulassen. 

Die folgende römische Herrschaft bedeckte das fruchtbare Länd- 
chen mit Städten und Rurgen, deren Ruinen den Gegensatz jener 
Periode zur Jetztzeit überall zum lebhaften Ausdruck bringen. Wie 
überwältigend und beschämend sprechen nicht die gigantischen Reste 
des Gordianischen Prachtbaus, des stolzen Amphitheaters zu Tysdrus, 
welche zu el-Dschemm mitleidig auf die elenden Hütten der jetzigen 
Bewohner herabzublicken scheinen, von einstiger Macht und Herr- 
lichkeit und jetziger Verkommenheit! 

Wo ist auch nur die Zeit des mittelalterlichen Glanzes von Tunis 
cl Chadra*) oder die sichtbare Erinnerung daran geblieben: Alles hat 
dem Mangel und Elend Platz gemacht. Freilich, in den Augen der 
islamitischen Welt prangt die , .grüne*' Stadt noch im Gewände früherer 
Herrlichkeit, und im Innern Afrikas wird man von frommen, be- 
lesenen Mohammedanern beneidet, diesen Inbegriff aller irdischen 
Pracht mit Augen geschaut zu haben. 

Seit ich den classischen Boden Tunisiens betreten hatte, vollzog 
sich der Verfall des so reich von der Natur ausgestatteten Ländchens 
mit betrübender Schnelligkeit. 

Unter einem gutmüthigen Herrscher von betrügerischen Würden- 
trägern verwaltet und von europäischen Speculanten und Wucherern 
ausgesogen, brachte es eine mehrjährige Dürre an den Rand des 
Abgrundes. Bis in den Anfang der sechziger Jahre ohne irgend eine 

*) El-C'hadrA heisst die ,, grüne" und nicht etwa „die wohlbe wachte", wie man hier 
und da angegeben findet, aber wohl weniger von »1er sie umgebenden Natur, welche 
ziemlich kahl und staubfarbig ist, als figürlich im (Jcgensal/c zum abgestorbenen Carthago. 



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AUFENTHALT IN TÖNIS. 



5 



Schuldenlast, war der bedenkliche Weg der europaischen Anleihen 
kurz vor meiner Ankunft betreten, und in wenigen Jahren von der 
gewissenlosen Regierung eine unerträgliche Schuldenlast contrahirt 
worden. 

Die Einwohner wurden auf das Nichtswürdigste ausgebeutet; 
der Ackerbau minderte sich um fast das Zehnfache gegen früher; 
die Nomaden zogen sich in die Wustengebiete des benachbarten 
Algeriens zurück, beraubten und bekämpften sich unter einander 
und vereinigten sich endlich gegen die Regierung. 

Im Jahre: 1864 brach im Centrum des Reiches eine Revolution 
aus, welche nahe daran war, der ganzen Dynastie ein Hude zu 
machen. Ich durchlebte sie von Anfang bis zu Ende im Innern des 
Landes mit dem Chef einer gegen die Empörer ausgesendeten 
militärischen Kolonne, dem damaligen Minister des Innern, Sidi 
Rustam, der als tscherkessischer Mameluk im Knabenalter nach 
Tunis und zu hohen Ehren gekommen war. 

Dieser bildete mit dem in einer spateren Periode an der Spitze 
der Regierung stehenden Sidi Chcireddin, dem ebenfalls nachmals 
als Minister thätigen Sidi Iluscin Beide waren, wie Rustam, tschcr- 
Icessischen Ursprungs und dem damaligen Marineminister Sidi 
Mohammed Chasnadär, einst ein griechischer Mameluk , eine 
kleine Gruppe ehrenhafter Männer, welche mit trauerndem Herzen 
den rapiden Verfall ihres Adoptiv- Vaterlandes sahen, ohne ihn auf- 
halten zu können. 

An der Spitze der Revolution , welche fast alle Stämme des 
Centrums von Tunisien umfasste, hatte sich ein Chef des Araber- 
stammes der Mädscher, Namens Ali Ren Ghadähum, gestellt. Nur 
die wenigen Städte des Innern, Kairuwän, Rädscha, el-KcrT, und die 
zahlreicheren der Ostküste, Süsa, Mehedija, Monastir, Sfäqcs, Oäbes, 
hielten wirklich oder scheinbar zur Regierung. 

Der Wüstenantheil Tunisien s, das Reled el-Dscherid oder Dattel- 
land, lag zu weit vom Mittelpunkte des Landes entfernt, um sich an 
der Bewegung zu betheiligen. Die Bergbewohner im Nordwesten 
des Landes und an der tripolitanischenGrenze, wenn sie auch wenig 
Gemeinsames mit den empörten Arabern hatten, waren ohnehin der 
Regierung stets feindlich gesinnt gewesen. 

Unter den ungünstigsten Aussichten zogen wir mit etwa 5000 Mann 
aus, welche sich aus einem Bataillon regulärer Infanterie, etwa 2000 



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I. HUIH, i. # KAPITEL. TRIPOLIS. 



Mann Zuäwa, d. h. Herbern der algerischen Berge, die seit lange . 
eine irreguläre Truppe der tunisischen Fürsten bildeten, und irre- 
gulären arabischen Reitern zusammensetzten. 

Die Aufgabe des Führers, Sidi Rustam, war eine kriegerisch- 
politische und fast verzweifelte, wurde jedoch bei der politischen 
Unfähigkeit der Rebellen durch seine Versöhnlichkeit, Geduld, Klug- 
heit und Zähigkeit zu einem glücklichen Fnde geführt. Nachdem 
die empörten Stämme durch die schlauen Intriguen der tunisischen 
Regierung zur Uneinigkeit gebracht waren, schlugen unsere Truppen 
den Rebellenhäuptling und seine Schaaren bei der Quelle — Ain Ba- 
busch, südlich von el-KefT, und später bei den Ruinen von Haidra, nahe 
der algerischen Grenze, etwa 5 Stunden von Tebessa, aufs Haupt. Ali 
Ben Ghadahum überschritt nach dem letztgenannten Gefechte die 
benachbarte Grenze; die Revolution war zu Ende, und gerade ein 
Jahr, nachdem wir die Hauptstadt verlassen hatten, zogen wir sieg- 
reich wieder in dieselbe ein. 

Trotz des Erfolges ging die Regierung geschwächt aus der 
Revolution hervor und eilte nur um so rastloser ihrem Untergange 
entgegen. Leider hob ihr Sieg für den Augenblick den gesunkenen 
Credit in Europa; neue Millionen flössen ihr vom Auslände zu, und 
schonungslos entrang sie den erschöpften Provinzen die letzten Kräfte, 
um den daraus entspringenden Verpflichtungen zu genügen. 

Dazu hatten die regenarmen Jahre eine Reihe von Missernten 
im Gefolge und, um das Maass des Unheils voll zu machen, ver- 
heerte eine Cholera Epidemie im Jahre 1866 das Land und entmuthigte 
die arme Bevölkerung. Das Elend des folgenden Winters wurde 
fürchterlich. Eine Hungersnoth folgte der Dürre und raffte hin, 
was Revolution und Cholera verschont hatten. 

Aus den Moscheen und religiösen Herbergen wurden die Ver- 
storbenen Morgens gesammelt und auf Wagen zum Massenbegräbniss 
geführt; auf den Landwegen stiess man auf unbeerdigte, unförmlich 
geschwollene Leichname, und fern von der Hauptstadt wurden hier 
und da Kinder geschlachtet und verzehrt. 

Der Hungertyphus wüthete während des Winters 1867/68; der 
Himmel goss eine scheinbar unversiegbare Schaale des Unheils auf 
das arme, gequälte Land aus. Alles brach zusammen. Die Ein- 
wohner waren deeimirt und ihr Wohlstand untergraben; der Credit 
des Landes erschöpft und die Schuldenlast eine ungeheure. Die 



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MISSION NXCH lJOkNÜ. 



7 



Männer, welche durch ihre Intelligenz und Ehrenhaftigkeit zur Rettung 
des Staates berufen schienen, zogen sich zurück und nur die unheil- 
vollen Spitzen der Regierung blieben unentwegt und arbeiteten mit 
alter Emsigkeit am allgemeinen Ruine. 

Angewidert von der Unredlichkeit und Unfähigkeit, deren Zeuge 
ich sein musstc, und verzweifelnd an der Wiedergeburt des herrlichen 
Ländchens, bereitete ich meine Rückkehr nach Deutschland vor, als 
Gerhard Rohlfs auf seiner Reise nach Tripolitanien Tunis berührte. 
Er war Träger der Geschenke, welche Sc. Majestät König Wilhelm, 
damals noch nicht Kaiser von Deutschland, dem Scheich Omar, 
Sultan von Bornü, zu senden beschlossen hatte, in dankbarer An- 
erkennung des treuen Schutzes und der materiellen Unterstützung, 
welche derselbe deutschen Reisenden, Barth und Overweg, Vogel, 
v. Beurmann und Rohlfs, stets so grossmüthig gewahrt hatte. 
Wenn kein geeigneter Deutscher zur Uebernahme dieser Mission 
gefunden würde, so sollten die Geschenke dem alten bewährten 
Diener Barths und Rohlfs', Mohammed aus Qatrün in Fezzan zur 
Ueberführung nach Bornü anvertraut werden. 

Wenn früher nicht selten der Wunsch lebhaft in mir aufgestiegen 
war, mehr von dem geheimnissvollen Continentc, auf dessen Nord- 
küstc mich das Schicksal geführt hatte, zu sehen, der, obgleich er 
in der Geschichte eine so hervorragende Rolle gespielt hat und 
Europa so nahe liegt, doch eine räthselvolle Sphinx für uns geblieben 
ist, so hatte ich doch in Rücksicht auf meine geringe Befähigung zu 
wissenschaftlichen Forschungsreisen diesem Gedanken zu entsagen 
gelernt. Mir fehlte Erfahrung im Reisen, und ich beherrschte keines 
der naturwissenschaftlichen Fächer, ein Mangel, welcher die Ergcb 
nisse meiner späteren langen und mühevollen Wanderung in ihrem 
Werthc nur allzusehr beschränkt. 

Trotz des Bewusstseins meiner wissenschaftlichen Unzulänglich- 
keit vermochte ich dieser sich darbietenden Gelegenheit , die mir 
im ungünstigsten Falle eine erinnerungsreiche Reise versprach, nicht 
zu widerstehen, zumal ich ohnehin meinen Aufenthalt in Tunis auf- 
zugeben beabsichtigte. Es erschien mir als Pflicht, wenn kein Besserer 
gefunden würde, diese Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen zu 
lassen, und mein ärztlicher Charakter und meine Kenntniss der 
arabischen Umgangssprache und mohammedanischer Sitte versprachen 
mir die Lösung der Aufgabe zu erleichtern. 



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U BUCH, I. KAPITEL, TRIPOLIS. 



St) cntschloss ich mich zur Reise und wenige Wochen nach 
Gerhard Rohlfs' Durchreise, einige Tage nach dem Weihnachtsfeste 
des Jahres KS68, folgte icli ihm. Ich vermochte dem Drängen meines, 
jedem tunisischen Arzte unter dem wohlklingenden Titel eines Dol- 
metschers anhaftenden, israelitischen Dieners David nicht zu wider- 
stehen und erlaubte ihm, mich zu begleiten. Doch als ich mich im 
Hafenorte der Stadt Tunis, Halk el-Wadi, in der italienischen Ueber- 
setzung La Goletta genannt, nach Malta einschiffte, drang ein anderer 
Mann, den ich lange als Koch und Diener in einem befreundeten 
Hause kennen zu lernen Gelegenheit gehabt hatte, Giuseppe Valpreda, 
ein Piemontcsc, in mich, ihn zum Hegleiter zu wählen. Da derselbe 
im Berichte über meine ersten Reisejahre oft erwähnt werden wird, 
so will ich hier einige Worte über ihn vorausschicken. 

Hacker von Profession hatte sich Giuseppe als solcher in La 
Goletta niedergelassen, nachdem er die zuvor angedeutete Stellung 
aufgegeben hatte. Kr hatte unter der rückgangigen wirtschaftlichen 
Bewegung des Landes, unter der Geldlosigkeit der Beamten und 
der Armuth der Bewohner schwer zu leiden gehabt und sehnte sich 
lebhaft vom Platze seiner Enttäuschungen hinweg. Ich kannte ihn 
als einen muthigen, in allen mechanischen Fertigkeiten sehr geschick- 
ten, praktischen Mann, und der Gedanke, meinen allzu jugendlichen 
David, der überdies in den mir bevorstehenden mohammedanischen 
Landern eines primitiven Fanatismus als Jude nicht recht am Platze 
schien, durch ihn zu ersetzen, war mir durchaus nicht unangenehm. 
Doch setzte ich ihm die Zwecke meiner Reise auseinander, schilderte 
ihm die Mühen, Entsagungen und Gefahren, die von einer derartigen 
Unternehmung unzertrennlich sind, und suchte ihm auf jede Weise 
seinen Plan auszureden. 

Kaum in Malta angekommen , setzten mich Depeschen meiner 
Freunde davon in Kenntniss, dass Giuseppe mit grosser Festigkeit 
an dem Gedanken, mich zu begleiten, festhalte, und so wurde mir 
der Fntschluss nicht schwer, David zurückzuschicken und jenen 
nachkommen zu lassen. Ich begab mich eiligst nach Tripolis, wo 
Gerhard Rohlfs meiner wartete, besprach mit diesem meine be- 
scheidene Ausrüstung und den ganzen Plan der Reise, und kehrte 
mit demselben Schiffe nach Malta zurück, um die erstere zu voll- 
enden. 

Giuseppe war mittlerweile angekommen. Einige Feuerwaffen 



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AUSKUSTINC, IN MALTA. 



9 



und ihre Munition, einige Uhren, ein kleines Zelt, zweckmässige 
Kleidungsstücke, Seife, Schreibmaterialien, Fleischcxtract, Chokolade, 
Thec, Kaffee und dergl. waren bald eingekauft, österreichische 
Maria -Theresia- Thaler, die in so vielen Landern Nord - Afrikas 
hauptsachliche Verbreitung haben, schnell eingewechselt, und schon 
mit dein nächsten Schiffe konnte ich nach Trinulis zurückkehren. 
Vieles Wichtige war leider in Malta nicht /.u beschaffen, so z. B. 
konnte ich trotz aller erdenklichen Mühe, welcher sich der Befehls- 
haber der dortigen Flottenstation, Sir Clarence Paget, mit grosser 
Liebenswürdigkeit unterzog, nur wenige meteorologische Instrumente 
auftreiben, und musste die meisten derselben aus Kuropa nach- 
kommen lassen. 

Ich muss bekennen, dass ich damals kein Auge für Malta hatte, 
diesen merkwürdigen Fels im Meere, mit seinen geschichtlichen 
Erinnerungen, seinem grossartigen , belebten I lafen und seiner inter- 
essanten, rastlosen Bevölkerung, welche ein so wichtiges colonisa- 
torisches (Clement auf der Nordküste Afrikas bildet, und dass selbst 
Tripolis mich nicht zu fesseln vermochte; waren doch alle meine 
Gedanken auf Bornü und die Geheimnisse des innersten Afrika ge- 
richtet. 

Und doch war es ein liebliches Bild, das sich vor den Augen 
des ankommenden Reisenden allniahlig auf der Rhede von Tripolis 
Taräbülus entfaltete. In den Strahlen der glitzernden Morgen- 
sonne anfangs verschwimmend, hoben sich allniahlig zuerst links die 
malerische Masse des festen Schlosses und dann vor uns über der 
Stadt die gleich Säulen oder Mastbäumen emporragenden schlanken 
Miliare ts der Moscheen hervor. 

Allniahlig zeichneten sich die luftigen Kuppeln der religiösen 
Gebäude, die reinlichen, weissen Stadtmauern mit ihren Zinnen und 
Thurmchen und die reizende Zierde der hier und da das Ganze 
überragenden schlanken Dattelpalmen für das Auge bestimmter. 
Rechts trug eine ins Meer vorspringende Felszunge Festungswerke, 
und allniahlig unterschied man die einzelnen sauberen Ilauser mit 
ihren Dachterrassen, von denen die ansehnlicheren der Europäer, die 
niedrige Stadtmauer uberragend, die Aussicht auf das Meer haben. 

Beim Besuche orientalischer Städte muss sich der Reisende an 
Enttäuschungen gewöhnen. Aus der Ferne Sauberkeit und Glanz, 
pflegt innen Alles Schmutz, Ruine und Elend zu sein. Auch Tripolis 



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I. BUCH, 1. KAIMTKI.. TRIPOLIS. 



leistet nicht das, was es verspricht, ohne gleichwohl das Gepräge 
des Verfalls in einem Grade an sich zu tragen, wie so viele Schwester- 
städte auf der Küste des Mittelmeers. 

Rechts, wo die Felszunge beginnt, liegt das Bäb el-Bahär, das 
Seethor, durch das man in das Innere des Städtchens gelangt, und 
die sauberen Marinegebäude. Neben dem Landungsplatze ist ein 
grosses arabisches Kaffeehaus mit seinen beschatteten Bänken und 
ihren bunt gemischten Insassen, links neben dem unverfallenen Thorc 
die Handelsgewölbe mit ihrem Getöse und Menschengewimmel. Um 
das Thor gruppirt sich das regste Leben, das Tripolis zu entfalten 
vermag. Dort sind die Kaffeehäuser mit ihrer bunten Gesellschaft 
und ihren bescheidenen Genüssen, die Barbierstuben mit ihren Neuig- 
keitskrämern, die geräuschvollen Bäzärs der Malteser, die relativ 
grossartige Thätigkeit des Seehandels. 

Vom Bäb el-Bahar führen zwei breite Strassen Schära — , die 
eine am Meere entlang, zwischen der niedrigen Stadtmauer, auf deren 
halber Höhe man einherwandeln kann, und den ansehnlichsten Ge- 
bäuden europäischer Kauflcute und Consuln nach Osten, die andere 
in s Innere der Stadt. Die Strassen sind reinlich, schutt- und trümmer- 
los, ohne Kehrichthaufen und ohne die Leichname ausgesetzter, 
neugeborener Kätzchen, wie sie in Tunis die unvermeidliche Beigabe 
so vieler Verkehrswege sind, geebnet und gehärtet 

Folgen wir der europäisch gebauten, in der ganzen Länge der 
Stadt am Ufer sich hinziehenden Seestrasse, welche ihren Bewohnern 
die herrlichste Fernsicht über das Meer gestattet und gleichzeitig 
von der erfrischenden Brise bestrichen wird, so gelangen wir auf 
einen kleinen Platz, auf dem das modernste Gebäude von Tripolis 
steht, der Uhrthurm, dessen unterstes Stockwerk Läden enthält, vor 
denen die Würdenträger und Notablen des Ortes ihre Mussestunden 
im Zuschauen des Strassenlebens verbringen. In seiner Höhe zeigt 
eine Uhr die Stunden der türkischen Tageseintheilung. Mit diesem 
Monumente hatte der damalige Gouverneur, Ali Riza Pascha, die 
I lauptstadt der ihm anvertrauten Provinz beschenkt. 

Von diesem Thurmplatze führen zwei Wege zu den sudöstlichen 
Thoren, dem Bäb el-Chandaq und dem Bäb el-Meschija, und einige 
Strassen in das Innere der Stadt. An dem ersteren Thorc, zwischen 
ihm und dem Meere, liegt die mächtige, etwas formlose Masse des 
Gouvernementsgebäudes, das unmittelbar ans Meer stösst und nach 



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ItkSCHKKIHl'N«; l»Iik STAUT. 



II 



der Seeseite hin durch mächtige Mauern seiner Zeit eine gewiss 
uneinnehmbare Festung bildete. Es hat nicht das Aussehen eines 
Palastes, sondern eines von der übrigen Stadt abgeschiedenen, festen 
Schlosses. Alle Jahrhunderte haben ihre architectonischen Spuren 
an dieser sonderbaren Masse hinterlassen, welche hier ein fenster- 
loser Thurm zu sein scheint, dort auf der luftigen Höhe seiner 
Terrasse ein Frauenhäuschen mit vergitterten Fenstern trägt und 
dann wieder eine Facade zeigt mit Fenstern in jeder Grösse, in den 
verschiedensten Höhen angebracht, aus deren Durcheinander sich 
das mächtige Fenster hervorhebt, in dem der genannte General- 
Gouverneur zu sitzen liebte. 

Im Innern des Schlosses befinden sich ausser den Wohnungen 
des Pascha und seines Hofstaates alle Kanzleien und Beamten- 
wohnungen, und es muss nicht leicht sein, sich in seinen Höfen und 
Höfchen, Gängen und Winkeln, Gewölben und Treppen zurecht zu 
finden. Das Ganze ist nicht nur unregelmässig und unzweckmässig, 
es ist auch unschön und bei aller Masscnhaftigkeit ärmlich. 

Die Strasse, welche nach dem Bäb el-Meschija fuhrt, ist dem 
Verkaufe von Gemüsen und den Erzeugnissen der kleinen Hand- 
werker gewidmet, und hat neben sich den überwölbten Suqel-arbä, 
in dem Stoffe und Kostüme feilgeboten werden. Dort kauft man 
die bunten Wolldecken, Burnusse und Haik's aus dem tunisischen 
Beled el-Dscherid oder häufiger von der Insel Dscherba, deren industrie- 
reiche Bewohner in grosser Zahl in Tripolis angesiedelt sind. 

Eine andere Strasse führt vom Thurmplatze in die Haupt-Bäzär- 
strasse, welche, wie in allen mohammedanischen Städten der Mittel- 
meer-Küste, die sauberste, reichste und interessanteste ist. Dies ist 
der sogenannte Suq el-Turk mit seinen türkischen und arabischen 
Handelsherren, die ernst und würdevoll in ihren kleinen Läden sitzen, 
nie ihre Waare anpreisen, nie ihre Preise verrücken, und, scheinbar 
uninteressirt um Kauf und Verkauf, den Tag im Gespräche mit den 
Nachbarn und Besuchern, mit Leetüre oder in dem indifferenten Schwei- 
gen und müssigen Träumen verbringen, das den Orientalen so wenig 
schwer fallt. Unbekümmert um die Concurrenz der Neuzeit, welche 
ihren Markt mit europäischen Waaren überschwemmt, die, den ihrigen 
unstreitig ähnlich, sich zwar durch Mangel an Solidität, aber auch 
durch billige Preise auszeichnen, leben sie in der Welt ihrer Erinne- 
rung und ihrer Träume. Neben ihnen verkaufen auch Juden türkische 



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' I. BUCH, !. KAPITEL. TRIPOLIS. 



und arabische Stoffe in Wolle, Seide und Baumwolle mit ihren Nach- 
ahmungen aus Kuropa und wissen dort wie überall, in widerlichem 
Contraste zu ihren würdigen Nachbarn sich und ihre Waaren zu oft 
unberechtigter Geltung zu bringen Dort rinden sich auch Laden 
mit Tabak, T schibuk 's und Nargile s, mit schongeformten Kannen, 
Schüsseln und Trinkschalen aus Kupfer und Messing, mit Essenzen 
und Wohlgerüchen aus Constantinopel, mit Teppichen aus aller 
Herren Ländern. 

Hier und d.i stösst man dazwischen auf die einfachen Kaffee- 
häuser mit ihren kleinen Kochherden, ihren Kannchen und Tasschen, 
ihren nackten Wanden und Bretterbänken, und auf die Eingänge zu 
den Absteigequartieren der Reisenden. Diese werden, wie in Tunis, 
Fondue] genannt und bestehen aus viereckigen, rings von Arkaden 
umschlossenen Höfen, in welche sich niedrige, kleine, fensterlose, 
zur Aufbewahrung des Gepäckes und der Waaren der Reisenden 
bestimmte Gelasse mit ihren schlecht verschliessbaren Tinnen öffnen. 
Diese werden den nicht in der Stadt ansässigen Kaufleuten als 
Lagerräume vermiethet, und im oberen Stock giebt es zuweilen 
noch Schlafzimmer für die Besitzer der Waaren. 

Die Fortsetzung des Suq el-Turk wird zum Häzär der Schneider 
Suq el-Tuarzi , welche fast sammtlich Juden sind, und seitlich 
gelangt man aus jenem in den Bäzär der Seidenwirker Suq 
cl Harrära , aus deren Werkstätten jene grossen, viereckigen, meist 
halbseidenen Männer • Umschlagtücher, welche die in Tripolitanien 
wenig üblichen Burnusse ersetzen und unter dem Namen Haram dort 
bekannt sind, hervorgehen. 

In den Bazärs pulsirt, wie in den übrigen mohammedanischen 
Ländern, das öffentliche Leben, und wenn dasselbe in Tripolis nicht 
besonders rege ist, so zeichnet es sich doch durch seine bunte 
Physiognomie aus. Tripolis ist ein Hauptausgangspunkt des Handels 
der Ghadämesija, Bewohner von Ghadämes, deren Handel die west- 
liche Wüste beherrscht, und welche die Beziehungen zu den Tuärik 
vermitteln, Comtoirs in den Haussa- Staaten haben und über Tuät 
nach Timbuktu reisen. Die Kaufleute der Stadt selbst und der 
Cyrenaica, die Bewohner von Ghariän und der Oasen Fezzäns theilen 
ihre Handelsbeziehungen zwischen den Ilaussastaatcn und Borau und 
haben neuerdings angefangen, nach Wadäi zu reisen. Dem ent- 
sprechend findet man neben diesen Kaufleuten ihre Geschäftsfreunde 



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HESCHRKIHUNO I>F.R STADT. 



13 



aus den verschiedensten Ländern Inn er- Afrikas: den reichen Ghadä- 
mesi im Burnus und in Schnabelschuhen neben dem antlitzver- 
schleierten Täriki; den Bewohner von Fezzän neben dem Neger aus 
Bornü und Haussa und dem schlanken Tubu. 

Um diesen Theil der Stadt, die besseren Bäzärs, wohnen die 
wohlhabenderen Leute in Häusern, welche im Ganzen in künstlerischer 
Pracht weit hinter den besseren Gebäuden von Tunis zurückstehen, 
wenn auch ihre Anordnung dieselbe ist. Ein Erdgeschoss und ein 
Stockwerk öffnen ihre Zimmer auf einen viereckigen, offenen, mit 
Quadern oder Fliesen gepflasterten I Iofraum , der rings von zwei 
Etagen Arkaden umgeben ist, deren untere aus Marmor oder Sand- 
stein, die obere nur aus Holz zu bestehen pflegt. 

Aus dieser Gegend gelangt man durch das Gharian-Viertel zum 
Südthore, dem einzigen nach dem Innern des Landes gerichteten, 
das erst neuerer Zeit seinen Ursprung verdankt und darum Hab el- 
Dschedid heisst. Westlich von jenem liegt das Hara oder Juden- 
viertel mit seinem Strassengewirrc, seinem Lärm, seinem Schmutz, 
seinen üblen Gerüchen und seiner zur Schau getragenen Aermlich- 
keit; und zwischen ihm und der südlichen Stadtmauer der armselige 
Theil, in dem die Venus vulgivaga ihr trauriges, wenig lohnendes 
Gewerbe treibt. 

An das Hära lehnt sich derjenige Theil der muselmanischen 
Stadt, in dem die Malteser ihr Heim aufgeschlagen und der Um- 
gebung ihr charakteristisches Gepräge aufgedrückt haben. In allen 
Küstenstädten Tripolitaniens , Tunisiens und Algeriens ist dieses 
Element reichlich vertreten, hat die engsten Beziehungen zur moham- 
medanischen Bevölkerung, ist von einer rastlosen Thätigkeit, bewun- 
derungswürdigen Geschäftsklugheit, seltenen Sparsamkeit und in seiner 
Lebenskraft und Elastizität von höchster Wichtigkeit für die Ent- 
wicklung des gesammten Lebens. Fast alle Malteser in Tripolis sind 
Kaufleute, und wahrhaft unglaublich ist die Mannichfaltigkeit der 
Gegenstände, mit denen sie handeln, und die Kleinheit des Raumes, 
in dem sie dieselben unterzubringen wissen. Englisches Bier, Wein, 
türkischen Tabak, abscheuliche Cigarren, Taschentücher, Tassen, 
Tschibuks, fertige Beinkleider, Kaffee, Thee, Wachskerzen , Zünd- 
holzchen, Hemden, Messer, Orangen: Alles findet man bei diesen 
merkwürdigen Repräsentanten einer Uebergangsstufe von Afrikanern 
zu Europäern. Wenn sie auch von den Muselmanen verachtet sind, 



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14 



I. Hi rn, i. KAPITEL. TRIPOLIS. 



so werden sie doch unter ihnen geduldet und, überall im westlichen 
Theile des nördlichsten Afrika ist die Ansicht volksthümlich , dass 
die Malteser durch Christenblut corrumpirtc Araber seien. 

Westlich von dieser Gegend dehnt sich das arme maurische 
Ouartier bis zu einem Ruinenhaufen aus, in den vor wenig mehr als 
einem Jahrzehnt ein stattliches Fort durch eine furchtbare Pulver- 
explosion verwandelt worden war. 

Damit hat man die Kunde durch die ganze kleine Stadt gemacht. 
Tripolis ist eng gebaut, d. h. enthalt keine weiten unbebauten Platze, 
wie Tunis, das freilich daneben auch zahllose enge Gässchen be- 
sitzt , und häufig sind die Strassen durch Mauerbögen überwölbt, 
welche die gegenüberliegenden Ilauser verbinden. Die engen Gassen 
werden, wie in Tunis, Zanka genannt, die breiten Wege heissen 
Schara, während die Strassen der Kaufleute auch hier die Bezeich- 
nung Suq, d. h. Bäzär, führen. 

Die mir später gemachten Angaben der Regierungsbeamten über 
die Bevölkerungsmenge der Stadt, die naturlich auch hier nicht 
amtlich festgestellt wird, stimmten ungefähr mit meiner Annahme 
von gegen 20,000 Seelen. 

Je kleiner die Stadt ist, desto zahlreicher erscheinen im Verhält- 
niss die fremden Kiemente und desto mehr treten sie hervor. Die 
eigentlichen Stadtbewohner von Tripolis (Araber, Berber, Mauren), 
verschwinden fast gegen die Fremden und haben sich mit der Zu- 
nahme dieser mit Vorliebe in die Gärten tler Stadt , welche in 
unmittelbarer Nähe derselben eine besondere Ortschaft bilden, zurück- 
gezogen. Sic machen im Ganzen keinen so noblen, energischen 
Kindruck, als die Tuniser. Auch in der Kleidung weichen sie von 
diesen ab und, wie mir nach meinem langen Aufenthalte in Tunis 
schien, nicht zum Vortheile ihrer Krscheinung. 

Das bis zum Knie mässiti weite und dann entjer werdende, bis 
auf die Knöchel reichende Beinkleid, welches el-Färesi, d. h. die des 
Reiters (nämlich Hose) genannt wird, sagte meinen Augen bei weitem 
nicht so zu, als das schön und regelmässig dicht gefaltete, weite 
Beinkleid der Tuniser, das dicht unterhalb des Knies abschliesst. 
Noch weniger gefiel mir die Sitte, das Hemd in seinem unteren 
Theile über dem Beinkleid zu tragen. Das Kamisol Sedrija — , 
die Weste Bedäja und die Jacke Rhelila hatten zwar 
den tunisischen Schnitt, bekundeten jedoch durch ihren bunten, gross- 



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EINWOHNER. 1f> 

geblümten leichten Kattunstoff einen tiefer stehenden Geschmack 
der Tripolitaner, als dieselben Kleidungsstücke aus Tuch mit ein- 
facher Minfassung oder leichter Stickerei ihrer westlichen Nachbarn. 

Die so kleidsame anstandige Dschubba*) der wohlhabenderen 
Klassen in Tunis, welche nicht blos das Hausgewand ist, sondern 
auch draussen getragen wird, erscheint in Tripolis seltener, und sie 
sowohl, als der Hurnus der Algerier und der Tuniser, werden ersetzt 
durch den schon erwähnten Shawl, in den man Haupt und Glieder 
einzuwickeln liebt. Das elegante, aus feiner Wolle gewebte und mit 
weissen Seidenstreifen durchzogene oder mit Seidenfaden durch- 
schossene Umschlagtuch, das in Tunis unter dem Hurnus getragen 
und auf der Insel Dscherba oder im Beled el-Dscherid, fabricirt wird, 
ist bei den auf Kleiderglanz haltenden Leuten ebenfalls beliebt. Der 
Ruf dieses Kleidungsstückes geht in Afrika weit über den nörd- 
lichsten Thcil hinaus, und noch in Bornü fand ich ihn, unter der 
dem Namen seiner Heimath entnommenen Bezeichnung Dscheridi 
allgemein bewundert. Auch die Frauen tragen einen ahnlichen Shawl; 
nur hüllen sie ängstlicher den ganzen Körper in denselben, denn bei 
ihnen vertritt er gleichzeitig die Kollo des Gesichtsschleiers, der bei 
den westlicheren Bewohnerinnen der Küstenstädte Sitte ist. Eine 
schmale Spalte gewährt den Verhüllten den allemothwcndigsten 
Durchblick zur Auffindung des Weges. 

Zahlreicher als diese eigentlichen Bewohner der Stadt sind die 
von den seit Jahrhunderten im Lande angesessenen Türken abstam- 
menden, aus Khen derselben mit Araberinnen hervorgegangenen 
Kuruglija. Sie ähneln den soeben besprochenen Bewohnern der 
Stadt jetzt in der äusseren Tracht und sind ebenso aus Macht und 
Ansehen verdrängt worden, wie diese. Auch sie haben sich vielfach 
in der Meschija, der obenerwähnten Oase der zur Stadt gehörigen 
Gärten angesiedelt und haben nur in so weit mit der Regierung 
Zusammenhang, als sie die unregelmässige Reiterei bilden und des- 
halb keine Steuern bezahlen. Seit die Türken ihre Herrschaft auf 
der Nordküste Afrikas begründeten, musste natürlich die Zahl tler 



*) Der Name Dschubba kommt in verschiedenen Ländern sehr verschiedenen Klei- 
dungsstücken zu. In Tunis ist die Dschuoba ein etwa bis zum Knie reichendes ziemlich 
weites, sackförmig geschnittenes Gewand aus den verschiedensten Stoffen, das weite, 
kurze Acrmel hat und, mit Ausnahme eines bis zum untern Theile der Brust reichenden 
Ausschnitts für den Durchtritt des Kopfes, vom geschlossen ist. 



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I. BUCH, I. KAPITEL. TRIPOLIS. 



Kuruglija allmählig zunehmen, und noch unter der Dynastie der 
Karamanlija w ährend des ganzen vorigen Jahrhunderts waren sie das 
wichtigste und einflussreichste Element der Bevölkerung. Sie Hessen 
nur selten die eigentlichen Eingeborenen 7.u Macht und Ansehen 
gelangen, und selbst heut zu Tage, wo eine rein türkische Regierung 
eingeführt ist, und sie selbst in den Hintergrund gedrängt worden 
sind, haben sie noch das stolze Bewusstsein der Ueberlegenheit jenen 
gegenüber. 

Die Macht ist jetzt ganz bei den türkischen Beamten, welche 
unter einem Wäli oder General-Gouverneur, gewöhnlich einem Muschir, 
dessen Rang den eines Divisions-Generals überragt, stehen. Trotz 
ihrer immerhin beschränkten Zahl treten sie bei der geringen Ge- 
sammt - Bevölkerung unangenehm in den Vordergrund in ihrem 
schwarzen Tuchrock mit Stehkragen Stambulija , ihren unver- 
meidlichen Glanzschuhen mit niedergetretenen Kappen und ihrem 
türkischen Tarbüsch, dessen fahles Braunroth und schwarze, spärliche 
Quaste mir gegen die unvergleichliche Farbe und die vollen, schön 
blauen Behänge der tunisischen Mützen abscheulich vorkamen. 

Einen wohlthuendcren Eindruck, als sie, machten die von der 
tunisischen Insel Dscherba stammenden Leute, welche eine ansehn- 
liche Kolonie in Tripolis bilden. Sie sind thätig und klug, wie die 
Berber, denen sie angehören, körperlich wohlgebildet und gut ge- 
kleidet, und haben einen grossen Theil der besseren Läden der 
Bäzar's inne. 

W ie in Tunis, bilden auch in Tripolis die Juden einen beträcht- 
lichen Bruchtheil der Bevölkerung, der sich für beide Städte auf ein 
gutes Viertel belaufen mag. Doch der, .allerdings nur oberflächliche 
V ergleich, den ich zwischen den judischen Bewohnern beider Städte 
zu machen Gelegenheit hatte, fiel sehr zu Gunsten derer von Tunis 
aus. L'nter diesen treten dem Beobachter überall herrliche Jüng- 
lingsgestalten entgegen, wie sie der an seine heimischen Juden ge- 
wöhnte Europäer mit Erstaunen betrachtet, und die Schönheit der 
jüdischen Jungfrauen von Tunis ist unübertroffen. Im Hära von 
Tripolis herrscht derselbe Schmutz und derselbe Gestank, ohne dass 
der Besucher des Quartiers durch den Anblick wohl gebildeter junger 
Manner und in den blühendsten Farben prangender Mädchen dafür 
entschädigt wird. Durch ihr treues Zusammenhalten, ihre Wohl- 
thatigkeit gegen die Glaubensgenossen, ihre Orthodoxie, ihre Leiden- 



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KlNWoHNER. 17 

schaft Tür Streit und Discussion scheinen sie sich jedoch ihren Brüdern 
des Westens durchaus anzuschliessen. 

Kine Klasse der Bevölkerung, welche in Tripolis entschieden 
bei weitem mehr hervortritt, als in Tunis, ist die der Neger von 
mehr oder weniger reinem Blute, ein Umstand, der sich aus der bis 
in die neueste Zeit fortdauernden Hinfuhr von Vertretern des Barr 
el-Abid, d. h. des Landes der Sclaven, erklärt. In Tunis hat der 
Sclavenhandel so vollständig aufgehört, dass bei meiner Abreise von 
dort der Bei und sein damaliger Premier -Minister in meiner Ab- 
schieds-Audienz scherzend baten, ich möchte doch ja so viel als 
möglich kleine Usfän (Mehrzahl von Usif, Neger) mitbringen. Wenn 
die hohen Herren von Tunis ihren Hausstand um schwarze Diener, 
Kunuchcn oder Arbeitssclax innen vermehren wollen, so schicken sie 
nach Tripolis und lassen sie daselbst zu hohen Preisen kaufen. 

Freilich ist der Sclavenhandel auch in Tripolis streng verboten 
und gewiss sehr zurückgegangen, doch im Verborgenen findet noch 
mancher Umsatz in schwarzer Menschenwaare statt. Nach wie vor 
kommen alljährlich verschiedene Sclaven -Caravanen nach Tripolis, 
doch die Trupps werden von Jahr zu Jahr kleiner, und anstatt sie 
in die Stadt zu führen, bringt man sie in die Gärten der Meschija, 
um sie von dort aus allmählig und einzeln zu verkaufen. Glücklich 
bis zu diesem Ziele gelangt, sind die armen Fremdlinge aller Sorge 
überhoben, auf das Humanste behandelt, mit einem Freibrief 
Atäka ausgestattet und stehen nach kurzer Zeit in dem Verhält- 
nisse der römischen Freigelassenen zu ihren Herren. Sobald sie die 
Lust zum Verheirathen erfasst und das kommt unrettbar bald bei 
einem Neger - und sich im Hause ihrer Herren keine Gelegenheit 
findet, einen selbstständigen Haushalt zu gründen, so domiciliren sie 
sich ausserhalb, doch fast nie wird das Verhältniss zu ihren einstigen 
Herren gänzlich gelöst. 

Wenn man von einem Neger in Tripolis hört, er stamme aus 
dem Sudan, d. h. dem Land der Schwarzen, so muss man nicht 
denken, dass es sich im weiteren Sinne um die südlich von der 
Wüste sich von den Nil- bis zu den Nigerländern erstreckenden 
Landschaften handele, sondern schon auf der Küste wie in der 
ganzen Wüste und in einem grossen Theile des Sudan selbst ge- 
braucht man diesen Ausdruck im engeren Sinne nur für die westlich 
von Bornü gelegenen Haussa- Staaten, aus denen in der That die 

Nachtigal. I. 2 



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18 



I. IltCH, I. KAPITF.I.. TRIPOLIS. 



meisten und beliebtesten der nach Tripolis gelangenden Sclavcn 
stammen. Schon hier, im herrlichsten Klima, sollen übrigens die 
Neger nicht mehr gedeihen, häufig langsam zu Grunde gehen und 
eine spärliche, wenig lebenskräftige Nachkommenschaft erzielen. 

Wir kommen endlich zu den Europäern, die, was Zahl anbe- 
trifft, fast ganz aus Maltesern bestehen, den gläubigsten Anhängern 
und Beförderern der in Tripolis unter der Leitung eines Padre 
Prefetto bestehenden katholischen Mission. Wie in allen Ländern 
der Nordküste Afrikas, kommen sie besitzlos an und bringen es 
durch bewunderungswürdige Sparsamkeit und Mässigkeit, durch Ge- 
schicklichkeit, Schlauheit und rastlose Thätigkeit ohne Gleichen, 
nicht selten in zehn Jahren zu einem ansehnlichen Vermögen. Handel 
bleibt ihr Hauptelement, doch eignen sie sich fast ebenso gut zum 
Landbau, zum Schiffsdienst , zur Viehzucht. Ihre Fruchtbarkeit, ihr 
Kinderreichthum ist staunenerregend. Die vornehme Klasse der 
Europäer endlich wird durch die Consuln und ihre Beamten, und 
durch die in Tripolis angesessenen reichen Kaufleute gebildet. 

Mit ihnen und dem General -Gouverneur, Ali Riza Pascha, hatte 
ich zunächst zu thun und suchte alsbald den östreichischen Consul 
Luigi Rossi, für die Pangeborenen unter dem Namen Dschidschi eine 
wohlbekannte Persönlichkeit, auf, der auch Deutschland vertrat. Er 
bewohnte in der Seestrasse eines der ansehnlichsten Häuser, war ein 
in der Blüthe der Jahre stehender, etwas vor der Zeit ergrauter 
Mann von kräftigem Bau und rundem, blühendem Gesichte und nahm 
mich mit der Urbanität auf, welche in der Fremde so verbreitet und 
wohlthuend ist, und in welcher sich die Italiener und Halbitaliener 
vorzüglich auszeichnen. Kr war kein Berufsconsul, sondern Kauf- 
mann, stammte aus Triest, hatte aber fast sein ganzes Leben in 
Tripolis zugebracht und war mit Land und Leuten vertraut, wie 
Wenige. Von zahlreicher, blühender Kinderschaar umgeben, ein 
wohlhabender, angesehener Mann, lebte er damals in Glück und 
Zufriedenheit und erschien mir beneidenswert!!. Als ich aus tausend 
Gefahren glücklich hervorgegangen, nach Jahren das Mittelmeer 
wiedersah, hatte ihn ein unerbittliches Geschick auf das Kranken- 
lager geworfen, von dem er sich nicht wieder erheben sollte, und 
es war mir nicht vergönnt, ihn wiederzusehen. 

Gerhard Rohlfs war in der Erwartung meiner Rückkehr von 
Malta und seiner eigenen Abreise in ein Gartenhaus Herrn Rossi s 



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ROHLFS IN DER MESCHIJA. 



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in der Mcscliija übergesiedelt und wir begaben uns alsbald zu ihm. 
Vor dem Thore stand eine Anzahl Ksel bereit, den regen Verkehr 
mit der zahlreich bevölkerten Garten-Oase zu unterhalten. Die Pferde 
sind nicht sehr zahlreich in Tripolis und die Wagen noch spärlicher. 
Den einzigen der letzteren , der damals zu öffentlichem Gebrauch 
existirtc, hatte ein unternehmender Malteser in Gestalt eines leichten, 
zweirädrigen Fiakers mit Längs -Sitzen, wie sie in seiner Heimath 
gebräuchlich sind, eingeführt. Die Esel, welche dort nicht, wie in 
Tunis, in der Einzahl Behim , sondern in richtigem Arabisch Himär 
heissen, und die zu reiten für keine Schande gehalten zu werden 
schien, waren durch Individuen vertreten, welche ziemlich kümmer- 
lich erschienen, wenn man sie mit ihren ägyptischen oder auch nur 
mit ihren maltesischen Brüdern verglich, bewirkten aber unter ent- 
sprechender Aufmunterung ihrer Treiber unsere Ueberführung nach 
der Meschija in anerkennenswerther Geschwindigkeit. 

Anfangs über den weiten, wüsten Platz reitend, der zur Ab- 
haltung eines ansehnlichen Wochenmarktes und auch zu Spazier- 
gängen der in dieser Beziehung nicht verschwenderisch bedachten 
Europäer dient, wendeten wir uns dem sandigen Mecresufer zu und 
erreichten bald das am Rande der kummerlich dem Sande abge- 
wonnenen Oase gelegene Landhaus des Consuls. Man darf sich das- 
selbe freilich nicht als eine üppige Villa, wie solche die nächste Um- 
gebung Algiers oder die Gärten der Manüba und Marsa bei Tunis 
zieren, vorstellen; es war ein einfaches kleines Häuschen, nur zum 
Verbringen der Tageszeit in einem mühsam geschaffenen Grün ge- 
eignet, doch von Gerhard Rohlfs für einige Wochen recht wohnlich 
hergerichtet. Ein enthusiastischer deutscher Kellner hatte sich 
diesem als Diener aufgedrängt und fungirte als Koch, während ein 
junger Photograph aus Berlin, der die Expedition in die Cyrenaica 
behufs beabsichtigter Aufnahmen begleiten sollte, sich der übrigen 
Haushaltung annahm. 

Diese Landsleute erschienen mir wenig beachtungswerth gegen- 
über dem würdigen Mohammed el -Qatruni, dem Gefährten Barths 
nach Timbuktu, der auch Gerhard Rohlfs nach Bornü und Mandara 
begleitet hatte, und seinem weissen Tuärik-Kameel, das ihn von der 
letzten Reise aus Bornü heimgetragen hatte. Er war aus seiner 
Heimath Eezzän, wo er in dem Dorfe Dudschäl nahe der Haupt- 
stadt Murzuq lebte, herbeigekommen, um auch mich zu ge- 



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20 



I.» BUCH, I. KAPITEL. TRIPOLIS. 



leiten und war in einem Stalle beschäftigt, die Kameelsattel zur be- 
vorstehenden Reise zu verfertigen. Mit achtungsvoller Scheu be- 
trachtete ich sein schwarzes rundes Antlitz mit den zahllosen Furchen, 
der kleinen Stumpfnasc mit den weiten Nüstern, dem zahnlosen 
Munde, den vereinzelten weissen und schwarzen Barthaaren, den 
grossen Ohren und den treuen Augen. 

Der alte Mohammed war kein Mann vieler Worte, wie ich noch 
Jahre hindurch zu beobachten Gelegenheit hatte; er war ein stiller, 



abzubeissen. Kr trug über dem weiten Hemde seiner Heimath und 
Gewohnheit die auch in Fezzan übliche solide, wärmende Woll- 
decke, welche ihm jetzt vom kurzbehaarten Kopfe lose nach hinten 
herunterhing, um seine Arbeit nicht zu beeinträchtigen, und sass 
mit gekreuzten Beinen in dem Stroh, mit dem er die Sättel stopfte. 

Der dortige Kameelsattel Hawia wird aus einem zwei 
Meter langen Schlauche Kameelgarngewebes, der, wenn nicht gefüllt, 
also platt, fast einen halben Meter breit ist, verfertigt. Man theilt 
ihn in zwei Hälften, stopft diese mit kurzem Stroh oder ähnlichem 
Material fest aus und näht sie dann zu. Die wurstförmigen Hälften 
sind bestimmt, die Höcker des Kamecls zu umfangen; die Naht 
kommt nach hinten und ermöglicht die Knickiing; die freien, vorderen 
Knden werden durch eine darauf gesetzte und an sie befestigte, 
starke, breite Holzklammer, welche selbst einen kleinen Sattel bildet, 




Muhamtncd cl -tjatrüni. 



freundlicher alter Mann, der den Freu- 
den des Lebens nicht abhold war, 
aber selten aus seiner durch Natur 
und reiche Erfahrung bedingten aequi- 
tas animi heraustrat. Maassvoll be- 
antwortete er meinen Gruss und den 
Ausdruck meiner Freude, seine Be- 
kanntschaft zu machen, und benützte 
die Unterbrechung der Arbeit, um 
aus einem kleinen ledernen, zusam- 
menschnürbaren Beutel eine Prise 
grob zerstossener, grüner Tabacks- 
blätter in den Mund zu schieben und 
mit seinen Zahnresten von einem 
Stuck Natron Tröna etwas als 
zweckmässiges Corrigens des Tabacks 



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MÜH A M M Kl ) El. - g ATRL'NI . 



21 



zusammen gehalten. Aul der guten Füllung und noch mehr auf der 
Solidität der Ilolzklammcr und dem Winkel, den ihre Hälften bilden, 
beruht die Brauchbarkeit der ganzen Hawia. Das Holzgestell hat 
zunächst das Gewicht zu tragen, denn die Stricke, welche die beiden 
Hälften der Kamcellast vereinigen, ruhen auf ihm; es muss also in 
seinen Theilen solide zusammengehalten werden. Ist der Winkel, 
den es bildet, zu gross, so sinkt unter der Last der Ladung mit 
der allmähligen Zusammenpressung der Füllung die Hawia so tief 




KamecU.»ttcl. 

auf den Rücken des Thieres herab, dass das Holzgestell selbst druckt 
oder gar die darüber laufenden Stricke in die Haut einschneiden. 
Man kann in der Verfertigung dieser Sättel nicht sorgfaltig genug 
verfahren, denn eine zweckmässige Anordnung der Ladung schont 
die Thiere unendlich ünd ist ihnen fast nothwendiger, als reichliche 
Nahrung. Ueberdies ist es auch für die Reisenden keineswegs an- 
genehm, auf den Märschen, nach des Tages Last und Mühe, die 
Ruhestunden zum Nähen, Flicken, Binden und dergleichen Aus- 
besserungen verwenden zu müssen. 

Sechs Kameele waren während meiner Abwesenheit in Malta 
um den Preis von durchschnittlich 50 Maria-Theresia- Thalern oder 
200 Mark jedes gekauft und von Mohammed el-Qatrüni, einem 
grossen Kameelken n er, wenn nicht enthusiastisch bewundert, so doch 
nach menschlicher Berechnung für ausreichend erklärt worden. Die 
Sättel der Thiere gingen ihrer Vollendung entgegen; auf dem 
nächsten Wochenmarkte sollte Mohammed den nothwendigen Vor- 
rath von Stricken, die Säcke zur Aufnahme der Kameelladung, 
welche am besten aus Kameelwolle gewebte sind und dann Ghurära - 
heissen, und die Wasserschläuche aus behaarten, innen gegerbten 
Ziegenfellen, Qirba (in der Mehrzahl Qireb) , welche in unüber- 



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22 



1. BUCH, I. KAPITEL. TRIPOLIS. 



trofiener Gute aus den Haussa-Staatcn komnicn, kaufen. Dann mussten 
noch Koch- und Essgeräthschaften für die Leute, einige kupferne 
Kessel, ein Dreifuss, ein weites, flaches, verzinntes Kupfergefäss, das 
zur Kamecltränkung, als Waschgefäss und unter Umstanden als Ess- 
schüssel dient, ein Ledereimer Delü zum Wasserschöpfen, 
Kameelzäumc und dergleichen nothwendige Reiseutensilien, ange- 
schafft werden, deren Abwesenheit den Reisenden oft in grosse Ver- 
legenheit setzt und von denen nur der erfahrene Reisende keines ver- 
gisst. An uns Europäern war es, für die Beschaffung der Reise* 
mundvorräthe Sorge zu tragen, und wir beschlossen, gleich folgenden 
Tages nach Zusammenstellung der Liste in ruhiger Abendstunde 
alles darauf Bezügliche mit Herrn Rossi zu verabreden. 

Zunächst sahen wir die bereits angekauften Kameele an, welche 
in der Nähe unter der Aufsicht eines jungen Mannes aus Fezzän 
weideten, der Ali Abu Hekr hiess, aber von uns Ali el-Fezzäni ge- ■ 
nannt wurde, und auf des alten Qatrüners Veranlassung gemiethet 
worden war. Derselbe war als Vagabonde zugelaufen, im höchsten 
Grade zerlumpt, mit einem weisslichen Hautausschlage behaftet, der 
alle Schwarzen auf der Küste mit ihrer salzigen Seeluft befallen soll, 
und hatte anfänglich nur aus seinem Elende befreit und in seine 
Heimath zurückgeführt zu werden gebeten. Mohammed entdeckte 
Talente zum Wüstenreisen in ihm, oder wollte ihm als Landsmann 
wohl, oder kannte seine Verwandten, genug er ward sein Bürge und 
vermittelte sein Engagement. Noch zwei andere Neger, Sa'ad, ein 
verheiratheter Freigelassener eines angesehenen Bürgers der Stadt, 
und ein anderer, Ali, aus Mandara im Süden Bornus gebürtig und 
mit zweifelhafter Vergangenheit in Bezug auf seine Freiheitsgewin- 
nung, waren gemiethet worden, aber noch nicht zu unserem Haus- 
stande gestossen. Ali der Fezzäner war ebenso dunkelfarbig als 
Mohammed, kleiner Statur, hatte eine verhältnissmässig grosse, platt- 
gedrückte Nase, einen grossen Mund mit weissen Zähnen, war gänz- 
lich bartlos und trug eines der praktischen dunkclgestreiften dicken 
Wollengewänder, welche Gerhard Rohlfs in Rücksicht auf die winter- 
liche Jahreszeit für die Leute angeschafft hatte. Dasselbe war mässig 
weit und vorn geschlossen, reichte bis zum Knie, hatte einen aus- 
giebigen Kopfausschnitt und erfreute sich einer Kapuze, die in jenen 
Landern, wo Alle auf die Warmhaltung des Kopfes bedacht sind, 
von grossem Werthe ist. 



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KLKOPAKKK DER STADT. 



23 



Wir besichtigten am nächsten Tage die Geschenke unsers Königs, 
die, so weit es mit den nothwendigen Rücksichten auf die Kamccle 
vereinbar war, in den heimischen Kisten belassen wurden, besprachen 
mit Herrn Kossi die Beschaffung des Mundvorrath es, der in SchirTs- 
zwieback Buqsmät , Reis Ruzz und grobkörnigem Kus- 
kussu*) Mohammes bestellen sollte, und machten Besuche bei 
den vornehmsten Europäern und den obersten Beamten der Re- 
gierung. 

Die Erfüllung der letzteren Pflichten hatte ihre Schwierigkeiten 
durch die lächerlichen, aber tief gehenden gesellschaftlichen Spal- 
tungen, durch welche die europäischen Einwohner von Tripolis sich 
das Leben erschwerten. Ausser den offiziellen Vertretern der christ- 
lichen Mächte, den General-Consuln, Consuln und Vice-Consuln von 
England, Erankreich, Italien, Amerika, Holland und Spanien, unter 
denen Herr Rossi , wenn auch bei den Eingeborenen durch seine 
Geschäftsverbindungen ein angesehener Mann, in Eolge seines kauf- 
mannischen Charakters eine zweifelhafte Stellung einnahm, lebte in 
Tripolis seit langen Jahren die Eamilie Dickson, welche mit den 
Resten der Eamilie des bekannten und hochverdienten früheren 
englischen General- Consuls, Colonel Warrington, verschwägert war. 
Dazu kam der aus Barths Erzählungen bekannte Kaufmann und 
frühere englische Consular- Agent in Eezzän, Gagliuffi, der in ver- 
wandtschaftlichem Verhältnisse zu unserem Vertreter stand. Der 
Chef der englischen Telegraphen- Station , welche mit Malta und 
Benghäzi in Verbindung stand, der aus Barth s und Vogel s Berichten 
bekannte Erederick Warrington, Sohn des genannten General -Con- 
suls, der Chef der katholischen Mission il padre prefetto und 
ein italienischer Straussenfederhändler waren die übrigen nennens- 
uerthen Vertreter der europäischen Gesellschaft. 

Ueber Herrn Gagliuffi, der in einem Societäts- Verhaltnisse zu 
einem bekannten Kaufmanne in Murzuq, dem Hädsch el-Amri, 
stand und mit diesem einen Agenten und Geschäftsinhaber, den 
ebenfalls aus Barth's Berichten bekannten Mohammed es-Stäqesi in 
Borau unterhielt, gingen bei seinen Feinden sonderbare Gerüchte 



*) Kuskussu ist das I .ichlings - Gericht der Einwohner von Tunisien, Algerien uiul 
Marokko untl besteht aus WeuenmehlkQgelchen , welch« womöglich mit Fleischbrühe 
Bekocht werden. 



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IM 



!. HIVH, I. KAPITEL TRIPOLIS. 



ubcr seine frühere Betheiligung am Sclavenhandel, die seiner offiziellen 
Stellung in Fezzan, welche nur zum Zwecke der Unterdrückung des- 
selben geschaffen war, wenig entsprochen haben würde. Diese Ge- 
rüchte hatten begreiflicherweise ihren Grund in den genannten Ge- 
schafts-Verbindungcn. Zweifelsohne konnten Hadsch el-Amri und 
Mohammed cs-Sfäqesi keinen Handel im Sudan treiben, ohne Sclaven 
zu kaufen und zu verkaufen, und durch sein eingeschossenes Capital 
war Herr Gagliuffi indirect daran betheiligt. Doch wenn dies Ver- 
hältniss Tadel verdiente, so müsste man allen europäischen Kauf- 
leuten, die sich an den Handelsreisen der Eingeborenen materiell 
betheiligen, dieselben Vorwürfe machen. Herr Gagliuffi genoss der 
vollen Achtung bei den Kaufleuten in Tripolis, Fezzan und Bornü. 
war der bestunterrichtete Europäer in Tripolis über innerafrikanische 
Verhaltnisse und seine Rathschläge und Empfehlungen sind vom 
höchsten Werthe für mich gewesen. 

Eine interessante Persönlichkeit war mir Frederick Warrington, 
der liebenswürdigste, gefalligste, bescheidenste Mensch von der Welt. 
Er war eine Autorität in Allem, was arabisches Wesen und Umgangs- 
sprache, Sitten in Fezzan und dem Sudan betraf, und sprach die 
Bornüsprache; doch er war gänzlich in afrikanischen Verhältnissen 
aufgegangen und konnte nur in einer sehr bescheidenen Stellung am 
englischen General-Consulate verwendet werden. . . 

Nachdem wir uns glucklich durch die zahlreichen Klippen des 
gesellschaftlichen Verkehrs lavirt, überall die Berichte über die Ur- 
sachen der complicirten Zerwürfnisse entgegen genommen und sorg- 
fältig vermieden hatten, feindliche Gewalten einander zu nähern, 
knüpften wir mit Herrn Rossi's Hülfe die nothwendigen Beziehungen 
zu den Autoritäten Tripolitanien's an. Dies war auch nicht ohne 
Schwierigkeiten und geschah nur mit einem gewissen inneren Wider- 
streben von Seiten des Consuls, der ein bekannter Widersacher so- 
wohl des General-Gouverneurs selbst, als auch des berüchtigten Scheich 
el-Beled oder Bürgermeisters von Tripolis, Ali el-Kerkeni, war. 

Ali Riza Pascha war ein algerischer Araber, in Frankreich 
erzogen, hatte es in der Türkei bis zur Stellung eines Muschir ge- 
bracht und lenkte die Geschicke Tripolitanien's erst seit kurzer Zeit, 
wie denn die türkische Regierung überhaupt den Grundsatz zu haben 
scheint, so oft als möglich die Funktionäre auf solchen Posten zu 
wechseln. Damit ist fast jedes ernste Streben, jeder redliche Wille 



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IIJKKISCHK HKAMTK. 



25 



derselben, die Wohlfahrt der ihnen anvertrauten Statthalterschaft 
Wilaja zu heben, illusorisch gemacht, wenn wirklich eine rara avis 
solchen, im türkischen Vcrwaltungs- Schematismus utopischen, Be- 
strebungen Raum geben sollte. Gewöhnlich erscheint der hohe 
Beamte in dem ihm fremden Lande, um den Aufenthalt daselbst, 
den er als eine Art Verbannung betrachtet, möglichst schnell zu 
seinem Vortheile auszunutzen, und geht nach wenigen Jahren, sei es 
in Folge der sich mehrenden Klagen der ausgeplünderten Kinwohner, 
sei es, weil seine Freunde bei der hohen Pforte ihn in das Flysium 
Stambul zurückrufen lassen oder ihm zu höheren Fhren verhelfen, 
mit gefüllten Taschen von dannen. 

Ali Riza hätte durch seinen arabischen Ursprung den Bewohnern 
der Regentschaft naher stehen sollen, als die übrigen Walis, und 
hatte immerhin ein höheres Verständniss für Fortschritt und Civili- 
sation, als die meisten seiner Vorgänger, doch war das letztere nicht 
tief genug, um ihn eine Klippe vermeiden zu lassen, an der die 
meisten derartigen Herren scheitern. In grossartigem Maassstabe 
liefert der Vicekönig von Egypten ein lehrreiches Beispiel, warum 
in jenen Ländern die Reformations- und Civilisations-Pläne, selbst bei 
vollem Verständniss für dieselben und ihre Vortheile und bei grossen 
Mitteln, oft mit einem kläglichen Fiasko endigen. Während der 
Aufbau eines Hauses nur von unten auf einem soliden Fundamente 
beginnen und nur nach Maassgabe der vorhandenen Kräfte und 
Mittel ausgeführt werden kann, bekümmern sich orientalische Fürsten 
und Herren oft wenig um die vorhandene Basis, rechnen nicht mit 
den gegebenen Factoren, sondern bauen in die Lüfte, mit unzuläng- 
lichen Fundamenten, mit schlechtem Material und ohne verständniss- 
volle Mitarbeiter. Bald stürzt auf der einen Seite mehr zusammen, 
als auf der anderen geschaffen wird, und endlich muss der ganze 
Bau wegen fehlender Mittel und Arbeiter liegen bleiben. 

Und nur Wenige sind ausgerüstet mit dem Verständniss des 
Chediwc, mit seinen Mitteln und seinem grossartigen Ehrgeize. Bei 
den Meisten beschränkt sich das Verständniss für Civilisation auf 
eine schwache Kenntniss der französischen Sprache, die Nach- 
ahmungssucht der Pariser Moden, einen unbesiegbaren Drang nach 
europäischen Orden, im besten Falle auf die Anlage einer Wasserleitung 
oder Gasbeleuchtung, einer Telegraphenlinie oder einer Strecke Eisen- 
bahn. Mit diesen Schöpfungen streuen sie den unter ihnen lebenden 



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I. BUCH, I. KAPITEL. TRIPOLIS. 



Europäern oder Touristen Sand in die Augen und wenn sie ihr, oft be- 
zahltes, Lob in europäischen Zeitungen lesen, so halten sie sich selbst 
für grosse Reformatoren, während sie nur ungeschickte Nachahmer 
sind. Wenn nicht die Neuerungen aus dem Bewusstsein und dem 
Bedürfnisse des Volkes unter der Beihülfe der Gebildeten hervor- 
gehen, sind sie ephemere, kostspielige und nutzlose Erscheinungen. 

In Tunis hatte man eine Fregatte, Avisos und Transportschiffe, 
kaufte Hunderte von Kanonen und führte Gerichtshöfe mit Instanzen- 
'weg nach europäischem Muster ein. Die Ankäufe jener untergruben 
den Wohlstand des Landes und dienten nur wenigen höheren Be- 
amten zu willkommenen Gelegenheiten, sich zu bereichern; diese 
hatten bestechliche Richter und erzeugten bei dem gewohnten Schlen- 
drian Processe, die nie endigten. Was nützen dem Chediwe seine 
grossartigen Schöpfungen, so lange das Volk sich ihrer nicht be- 
dienen kann, sondern mir den Schweiss seiner Arbeit zu ihrer Ent- 
stehung verwenden muss, und so lange er nicht unter seinen Unter- 
thanen verständnissvolle, redliche Mitarbeiter findet, welche nach ihm 
das Civilisationswerk fortzusetzen vermögen? 

So lange die Volkserziehung darniederliegt, und so lange es 
nicht gelingt, eine geordnete, ehrbare Verwaltung zu schaffen, bleiben 
alle Reformen unzulänglich. Jene aber, die Volkserziehung, scheint 
mit dem Islam unverträglich, der an und für sich stationär ist. Die 
einzigen in ihrer Weise Gebildeten jener Länder sind die Ulemä, 
die gelehrten Kenner des Qorän, des Inbegriffs aller Weisheit und 
seiner Ausflüsse, welche aber Alles, was ausser dem heiligen Buche 
an Kenntnissen in der Welt existirt, auf's Tiefste verachten. Sie 
sind die Ausleger des Rechts, die Rathgeber der Mächtigen, die 
Lehrer des Volkes, die Erzieher der Jugend und - die Feinde aller 
abendländischen Bildung. In den Schulen lernt man den Qorän 
mechanisch auswendig und mit dieser Grundlage tritt man ins Leben; 
woher soll da das Verständniss für civilisatorische Reformen kommen r 
Die öffentliche Moral steht auf einer nicht höheren Stufe als das 
Verständniss. So viel ehrbare Leute es im Volke giebt, so selten 
sind dieselben unter den Verwaltungsbeamten, und selbst im religiösen 
Richterstande ist Unbestechlichkeit eine seltene Tugend. Das Be- 
amtenheer ist nur allzuhäufig in mohammedanischen Landen eine 
Räuberbande, welche so weite Verzweigungen hat, dass das Volk 
ihr rettungslos preisgegeben ist. 



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SCHI.ECHTK V tR WALTUNG. ( 27 

So war es auch in Tripolitanicn und das Volk schrie laut gegen 
den Wali, seine Untergouverneure und andere Helfershelfer, trotz 
der Wohlthaten der Civilisation, mit denen er das Land beschenkte. 
Kr Hess artesische Brunnen bohren, führte in der Stadt Tripolis 
Strassenbcleuchtung ein, ^rundete eine Schule, in der Türkisch ge- 
lehrt wurde, machte Anpflanzungen in der wüsten Umgebung der 
Stadt und war zur Zeit unserer Anwesenheit im Begriffe, in dem 
östlichsten Theilc der Provinz, der alten Marmarica, an den Buchten 
von Bomba und von Tobruk, Colonien zu gründen, deren Gedeihen 
er durch die Eröffnung des Suezcanals für gesichert hielt. Die 
Brunnen sind langst verfallen, die Schule hat Nichts geleistet, die 
Anpflanzungen sind niemals lebenskräftig geworden, und nur die 
bescheidene Strasscnbeleuchtung hat ihren Gründer überdauert. Die 
pomphaft angekündigten Colonien aber, welche den Ruhm Ali Riza s 
auf alle Zeiten sichern sollten, sind nie über einen embryonalen Zu- 
stand hinausgekommen, sondern im Keime zu Grunde gegangen. 

Unter den Günstlingen des Wali war der schlauestc und ge- 
fahrlichste, der geradezu verhängnissvoll für Stadt und Land wurde, 
der obengenannte Scheich el-Beled oder Bürgermeister von Tripolis, 
nach der tunisischen Insel Kerkena, aus der er stammte, Ali el-Kerkeni 
genannt. Seit Jahren plünderte und beraubte er das arme Land und 
war bei weitem der mächtigste und reichste Mann im Lande. Zahl- 
lose Häuser der Stadt gehörten ihm, ein ihm gehöriger Dampfer 
lief zwischen Tripolis und Malta, und fürstliche Geschenke für die 
constantinopolitanischen Grossen gingen von ihm alljährlich nach 
Stambul. Alle Beamten waren in seiner Hand und krochen vor ihm 
im Staube; alle Bürger fürchteten ihn ebenso sehr, als sie ihn hassten. 
Der Gerichtshof war aus seinen Crcaturen zusammengesetzt; alle 
administrativen Behörden der Stadt und der Provinzen standen in 
seinem Solde. Alle Steuern des Landes gingen durch seine Hand 
und blieben zum grossen Theile in derselben. Selten hat wohl ein 
Beamter in gleichem Umfange, mit gleicher Frechheit und auf eine 
gleich lange Zeit Land und Leute bestohlen, als Ali el-Kerkeni. Ks 
gab kein Mittel, den öffentlichen Hass gegen ihn wirksam zum Aus- 
druck zu bringen. Ali Riza war sein Beschützer und, ihm an Schlau- 
heit unterlegen, gänzlich in seinen Händen; die Grossen in Constanti- 
nopel seine „theuren" Freunde; die Richter seine Creaturen. 

Herr Luigi Rossi, der durch seine Geschäfte und seinen langen 



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I. MVH, i. KAPITEL. TRIPOLIS. 



Aufenthalt mit dem Volke innig verwachsen war und besser als die 
Berufs-Consuln die unheilvolle Wirksamkeit jener Herren beurtheilen 
konnte, hasste die beiden gefahrlichen Genossen und fürchtete sich 
sogar nicht, seine Gefühle durchblicken zu lassen. Poch um so mehr 
musste er beeifert sein, den äusseren Formen zu genügen, und die 
ersten Besuche, welche wir mit ihm machten, galten dem Wäli und 
dem Scheich el-Beled. Die Besuche waren formelle Staatsvisiten 
und boten keinerlei Interesse für mich. Cigaretten wurden prasentirt 
und geraucht diese haben seit langer Zeit die früheren Tschibuks 
ersetzt , der Qahuadschi oder KafTecdiener brachte mit der Serviette 
über dem Arme auf dem kupfernen Präsentirteller die kleinen Täss- 
chen Findschäl mit ihren Untersätzen Zarf und die Unter- 
haltung wurde beim General Gouverneur in französischer, beim Scheich 
el-Beled in arabischer Sprache gefuhrt. Jener, ein kleiner, breit- 
schultriger Mann mit grauem Barte und rothem Gesicht, anscheinend 
den Sechzigern nahe, trug eine Interimsuniform, rauchte seine Ciga- 
retten aus einem würdevollen Tschibukrohre mit schönem Bernstein- 
mundstück, sprach mit Volubilität Französisch, enthüllte mir seine 
grossartigen Reform- und Civilisationspläne , Hess sich aber weniger 
hoffnungsvoll über meine Reiseprojecte aus. Ali el- Kerken? hatte 
ein rundes, weisses, etwas wächsernes Gesicht mit schwarzem Voll- 
barte, regelmässige Züge, unheimlich funkelnde, dunkle Augen, und 
eine wohlgewachsene volle Gestalt von schöner Mittelgrösse. Die 
Unterhaltung mit ihm war gezwungen, beschränkte sich auf leere 
Förmlichkeiten und bezog sich auf Malta, die Ueberfahrt, auf das 
Wetter und auf europäische Politik; das Misstrauen des gefürchteten 
Herren gegen Herrn Rossi, und also auch gegen mich, war sichtlich. 
Beide Würdenträger interessirten mich wenig; sie waren Typen, wie 
ich sie aus meiner tunisischen Frfahrung nur allzu genau kannte. 
In Tunis war das Raubsystem grossartiger, das Land aber auch 
reicher; in Tripolitanien war dasselbe im Verhältniss zu den Kräften 
des Landes gewiss nicht minder ausgedehnt. 

Bei solchen Regierungsorganen und wo die höheren Beamten 
von den geschilderten Motiven getrieben werden, stehen natürlich 
die unteren auf keinem höheren moralischen Standpunkte , bei 
dem ungeheuren Flächeninhalte Tripolitanien's, der eine einheitliche 
Leitung erschwert, bei den im Verhältniss zur Gesammtbevölkerung 
zahlreich vertretenen Nomaden, die sich jeder geordneten Regierung 



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GESCHICHTLICHES. 



♦ 



29 



ungern fügen, ist die Ruhe, welche im Lande herrscht, bewunderungs- 
würdig. Seit der Häuptling Rhuma zur Zeit des Krimkrieges seine 
arabischen Landsleute zur offenen Empörung gegen die türkische 
Fremdherrschaft begeistert und, seinem Ziele nahe, in der Nähe der 
Hauptstadt seinen Patriotismus mit dem Leben bezahlt hat, ist kein 
Versuch zur Rebellion gemacht worden, ja der tiefste Frieden, die 
vollständigste Sicherheit herrscht in dem ganzen, weiten Lande. Die 
turbulenten Araber im Süden von Algerien benutzen noch jede Ge- 
legenheit. Aufstände gegen die verhasste Fremdherrschaft anzuzetteln, 
trotz der grossen militärischen Macht derselben; die tunisischen 
Araber hatten ebenfalls, wie ich Eingangs erzählt habe, des bestän- 
digen Ausplünderns müde, ihre Zuflucht zu blutiger Revolution ge- 
nommen; die Tripolitaner scheinen sich trotz der geringen materiellen 
Macht, mit der die Türken das Land in Respect hielten, mit grösster 
Ergebung in ihre Lage zu finden. 

Die Regierung von Tripolis gebietet nur über eine Truppen- 
macht von ca. 5000 Mann, und hat keine reguläre Reiterei, welche 
bei der Zerstreutheit der Populationscentren so nothwendig erscheinen 
sollte. Die Provinzial-Gouvcrneurc, Mutasarrif (Civiltitel) oder Qäima- 
qäm (militärischer Titel) regieren ihre Bezirke fast ohne Unterstützung 
einer bewaffneten Macht. Und doch besteht die reine Türkenherr- 
schaft noch kein halbes Jahrhundert. Die 1 Dynastie der Karamanlija 
ist noch nicht vergessen, und noch leben genug der Zeitgenossen 
und Verbündeten des einst so glänzenden Stammes der Auläd Solimän, 
mit dem sie der türkischen Macht bei der Eroberung des Landes 
so heroischen Widerstand geleistet haben. Der Muth der kriegerischen 
Xomadenstämme ist wohl mit ihrem Glänze zu Grabe getragen, und 
diesen gründlich zu vernichten hat ein Menschenaltcr türkischer Be- 
amtenwillkür hingereicht. Wenn man nur einem geringen Theile der 
Schilderungen Glauben schenken will, welche die Einwohner von 
Tripolis mit allerdings wohl orientalischer Phantasie und mit der 
Vorliebe der Greise für frühere Zeiten, von dem allgemeinen Wohl- 
stande des Landes zur Zeit Jüsef Paschas, des letzten Karamanli, 
machten, so war die rückgängige Bewegung aller Verhältnisse aller 
dings eine höchst betrübende. 

Die Karamanlija hatten im Anfange des vorigen Jahrhunderts 
in Tripolis der dreiköpfigen Regierung ein Ende gemacht, welche 
dort, wie in Algier und in Tunis früher geherrscht hatte. In allen 



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30 



t. BUCH, I. KAPITEL. TRIPOLIS. 



drei Staaten hatte es einen Dei, der aus den Janitscharcn hervorging, 
einen erblichen Bei und einen vom spirituellen Überherrn in Con- 
stantinopel bestallten Pascha gegeben. Wahrend in Algier der Dei die 
höchste Machtvollkommenheit in seiner Hand vereinigt, und in Tunis 
sich im Anfange des vorigen Jahrhunderts der Bei zum Alleinherrscher 
zu machen gewusst hatte, war es bald darauf in Tripolis dem Pascha 
Ahmed el-Karamanli durch einen blutigen Staatsstreich gelungen, 
sich zum alleinigen Regenten zu machen. 

Derselbe hatte eine lange, gesegnete Regierung, welche bis gegen 
die Mitte des vorigen Jahrhunderts dauerte, und wurde von seinem 
Sohne Mohammed Pascha gefolgt, der, ein vortrefflicher Mann, leider 
nur 9 Jahre herrschte. Sein Sohn und Nachfolger war Ali Karamanli, 
der als ein wohlwollender und gerechter Herrscher, unter dem es 
die dort lebenden Christen besonders gut gehabt haben sollen, ge- 
schildert wird, aber trotz des persönlichen Muthes, der ihn aus- 
zeichnete, durch eine beklagenswerthe Schwache seinen Söhnen 
gegenüber den gänzlichen Verfall des Landes und den Sturz seiner 
Dynastie vorbereitete. Von seinen Söhnen Hasan, Ahmed und Jüsef 
erregte der erstgenannte älteste durch seine glänzenden Eigenschaften 
den Neid und durch sein herrschsüchtiges Wesen den Hass seiner 
Brüder. Ahmed ertrug seinem gutmüthigen, harmlosen Charakter 
zufolge die Zurücksetzung leichter, doch Jüsef brütete Rache und 
Verrath. Nachdem er im Jahre 1790 den gehassten Bruder und 
muthmaasslichen Thronfolger bei einer, behufs ihrer Versöhnung 
vereinbarten Zusammenkunft heimtückisch ermordet hatte , bedrohte 
er bald auch den Vater und älteren Bruder Ahmed, die man anfangs 
glauben gemacht hatte, dass die Gräuclthat nur begangen sei, um 
jenen vor der Herrschsucht Hasan s sicher zu stellen und diesem die 
Thronfolge zu sichern. 

Nachdem der Brudermörder dann verschiedene vergebliche Ver- 
suche, sich der Herrschaft zu bemächtigen, gemacht hatte, schien er 
im Sommer des Jahres 1793 seinem Ziele nahe zu sein, als ein 
türkisches Geschwader vor Tripolis erschien, das ein Absetzungs- 
decret des von seinem Sohne belagerten Vasallen und einen neuen 
Regenten von Constantinopel brachte. Trotz der geringen kriege- 
rischen Macht, welche der letztere mit sich führte, und der thatsäch- 
lichen Unabhängigkeit des Landes von der Pforte, erleichterten 
ihm doch die durch den Bürgerkrieg muthlos gewordenen Tripo- 



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GECHICHTLICHES. 



31 



litancr die Besetzung der Stadt, und Ali Karamanli floh nach Tuni- 
sien. Doch das Unglück einte seine beiden Söhne, und wir finden 
Ahmed und Jusef gemeinschaftlich den Usurpator, der vom Gross- 
herrn zu Cofistantinope) nur moralisch gestützt wurde, in Tripolis be- 
lagern und die Dynastie der Karamanlija noch einmal für kurze Zeit 
wieder zur Geltung bringen. Jüscf Pascha hatte noch eine lange, 
glanzende Regierung und war der letzte Herrscher seiner Dynastie. 
In seine Zeit fallen die vielfachen Wirren, in denen der Araberstamm 
des Aulad Soliman eine hervorragende Rolle spielte. Als diese unter 
ihrem berühmten Häuptlinge Abd el-Dschlil im Jahre 1830/31 aus 
Fezzän gegen Tripolis heranzogen, war in Folge der Abdankung 
Jüsef Paschas ein Erbfolgestreit entbrannt, welcher der Herrschaft 
der Karamanlija ein definitives Ende bereitete. Die doppelt geängstig- 
ten Tripolitaner hatten sich selbst mit der Bitte um Herstellung einer 
festen Ordnung an die hohe Pforte gewendet, welche diese Gelegen- 
heit benutzte, einfach das Land in eine türkische Regentschaft zu 
verwandeln. Der eine der Prätendenten hatte damals die Flucht 
ergriffen und war verschollen, der andere wurde nach Constantinopel 
geführt, wo er seine Tage endete, und der türkische Commissar war, 
ohne Anwendung irgend welcher Gewalt, als erster Wäli oder Ge- 
neral-Gouverneur in die Stadt eingezogen. Seitdem hatte eine lange 
Reihe derselben die Geschicke der Regentschaft zum eigenen Vortheil 
gelenkt und Ali Riza war weder der unverständigste, noch der 
schlechteste von ihnen. 

Noch uninteressanter waren die Besuche, welche wir den Sternen 
zweiter und dritter Grösse abstatteten, dem Muain oder Gehülfen des 
Pascha, also Vice -Gouverneur, dem Schatzmeister oder Defterdär, 
welche beide in der Hierarchie den Scheich el-Beled überragen, 
einigen Unterstatthaltern der Provinzen, welche zufallig in der Haupt- 
stadt anwesend waren, und dem Befehlshaber der wenigen tausend 
Mann, welche das tripolitanische Heer bildeten. Unbedeutende 
Menschen, zum Theil nicht einmal der arabischen Sprache mächtig 
und wenig bewandert in den Angelegenheiten des Landes, konnten 
sie der entsprechend dürftigen Unterhaltung auch nicht den geringsten 
Reiz verleihen, und es war ein wahres Glück, dass Cigaretten und 
Kaffee die unvermeidlichen Pausen zweckmässig ausfüllten. 

Unsere interessanteste Bekanntschaft war zweifelsohne die von 
Fräulein Alexandrina Petronella Francina Tinnc, geboren im Haag 



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I. BICH, t. KAPITEL. TRIPOLIS. 



am 17. Octobcr 1834, welche sich schon durch ihre Reisen im Ge- 
biete des oberen Nil bekannt gemacht hatte. Dieselbe hatte ver- 
geblich versucht, von den algerischen Besitzungen aus nach Süden 
in die Tuarik-Lander zu dringen, und war jetzt kurz vor meiner An- 
kunft mit zahlreicher Begleitung in Tripolis angekommen, um nach 
Fezzan und weiter zu reisen. Eine Dame, welche schon so viele 
Proben hohen Strebens und festen Willens abgelegt, schon so viele 
Erfahrungen gesammelt hatte und welche trotz der schmerzlichen 
Verluste, die sie bei früheren Reisen erlitten hatte — ihre Mutter, 
geb. van Capellen, und ihre Tante, Adriana van Capellen, waren 
einst beide im Gebiete des Gazellenflusses den Einflüssen des Klima s 
erlegen — mit bewunderungswürdiger Zähigkeit an ihren Zielen fest- 
hielt und mit frischem Muthe den jetzt gewählten Weg zur Erreichung 
derselben zu betreten im Begriffe stand, eine solche Dame erfüllte 
mich zunächst nur mit scheuer Ehrfurcht. Meine tripolitanische Be- 
gegnung mit ihr war nicht geeignet, dies Gefühl wesentlich zu 
modificiren. Ihre edlen, scheinbar kalten Züge, ihr distinguirtes, 
rcservirtes Wesen mussten Jeden, der sich in Folge ihrer abenteuer- 
lichen Carriere, wie sie sonst nur Männern vorbehalten ist, etwa ein 
emaneipirtes Wesen vorgestellt hätte, zwar einerseits auf das Ange- 
nehmste enttäuschen, vermochten jedoch andererseits, bei oberfläch- 
licher Bekanntschaft wenigstens, nicht zu erwärmen. Ihre Begleitung 
bestand aus zwei holländischen Seeleuten, Kes Oostmans und Ary 
Jacobse, einigen ihr gehörigen Negern vom oberen Nil, algerischen 
Frauen, Arabern aus Tunis und Algier, freigewordenen Negersclaven, 
die unter ihrem Schutze ihre Heimath wiederzugewinnen hofften, 
und Adolf Krause, einem jungen Deutschen, der in seinem Enthusias- 
mus für Afrikareisen das heimathliche Gymnasium verlassen und in 
Tripolis den vcrhängnissvollen Continent erreicht hatte. Die Stadt 
war erfüllt von dem Rufe ihres Reichthums, und schon damals war 
sie nur unter der Bezeichnung Bent el-Re, d. h. die Tochter des 
Königs, bekannt, die sie bis zu ihrem tragischen Untergange behalten 
sollte. Ihre grossen Mittel und ihr zahlreiches, zusammengewürfeltes 
Gefolge Hessen mir die gemeinschaftliche Reise nach Murzuq, unsrem 
nächsten Ziele, nicht besonders wünschenswerth erscheinen, und ich 
Hess sie, da sie ihre Vorbereitungen beendigt hatte, vorausreisen, 
zumal die vollständige Sicherheit, welche in den tripolitanischen 
Staaten herrschte, es gestattete, allein zu gehen. 



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TRIPOUTANISCHE MINZEN UND REENDIGlNf; PER EINKAUFE. 



33 



Ich begleitete Mohammed elQatrüni auf den Wochenmarkt, wo 
er die noch fehlenden Reiseutensilien einkaufen sollte, um von seiner 
Erfahrung zu profitiren. Die circulirende Münze ist der türkische 
Piaster Ghirsch *) et-Turki , der aus zwei Zwanzigparastücken 
Abu Aschrin, d. h. Vater der zwanzig besteht und von dem 
wieder zwanzig einen Mahabub darstellen. Der letztere ist eine 
imaginäre Münze, figurirt aber nach dem türkischen Piaster am 
häufigsten in der Rechnung. Ihm am nächsten steht der Fünf- 
frankcn-Thalcr, welcher durchschnittlich 23 türkische Piaster enthält; 
dann folgt der östreichische Maria-Theresia-Thaler Abu Tcir d. h. 
Vater des Vogels, von dem Doppeladler auf der einen Bildfläche 
genannt — der je nach dem Course einen Werth von 23 bis 25 
türkischen Piastern hat, und diesem macht hier und da der spanische 
Colonnaten-Thaler von den Säulen des Herkules auf seiner einen 
Bildfläche, welche die Araber für Kanonen genommen haben, Abu 
Medf'a, d. h. Vater der Kanone, genannt — , erfolgreiche Concurrenz. 
Zwei und ein halber türkischer Piaster, also fünf Abu Aschrin, werden 
wohl als arabischer Piaster Ghirsch el-Arabi bezeichnet, während 
drei türkische Piaster, also sechs Zwanzigpara-Stücke, Sebili heissen. 

Wenn bei Tage die nothwendigen Geschäfte besorgt und die 
nöthigen Besuche gemacht waren , zogen wir uns gegen Abend in 
das kleine Gartenhaus Herrn Rossi s zurück und sassen bis tief in die 
Nacht hinein bei deutschem Wein oder Bier, während Gerhard Rohlfs 
aus seinem unerschöpflichen Reiselcben erzählte und mir Personen 
und Zustände der neuen Welt enthüllte, in der ich demnächst aus- 
schliesslich leben sollte. Ich zähle jene Abende ländlicher Einsam- 
keit zu den interessantesten meines Lebens. 

Endlich war Alles zur Abreise bereit. Zwieback, Mohammes 
und Reis war in einigen Centnern vorhanden; Hammelfett, Salz und 
Pfeffer nicht vergessen ; Tabak, Cigarren und Zündhölzer für einige 
Zeit eingepackt. Auf alkoholische Getränke verzichtete ich von 
vornherein gänzlich, da es doch bald hätte geschehen müssen und 
ihr Transport ein unbequemer ist, doch Thee, Kaffee, Chocoladc, 
Fleischextract hatte ich von Malta mitgebracht. Einige hundert 
Maria-Theresia-Thaler und ein entsprechender Beutel mit Abu Aschrin 



+ ) Das Wort „Ghirsch" ist von dem deutschen „C.roschen" abzuleiten und verdankt 
seine Verbreitung im Orient den Kreuzzügen. 

Nächtig«!. |. 3 



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34 



I. RUCH, I. KAPITEL. TRIPOLIS. 



als Kleingeld befanden sich in meinen Kisten; Stearinkerzen und ein 
Paar Laternen sollten für Beleuchtung sorgen; Zeltpflöcke, Stricke, 
Nagel, Hammer, Sage waren eingekauft, und wenn Etwas vergessen 
war, wie es beim Anfange einer langen Reise kaum anders mög- 
lich ist, so hatten wir auf dem Wege immer noch Gelegenheit zur 
Ergänzung. 

Ali Riza Pascha hatte mir einen offenen , übrigens sehr kühlen, 
Empfehlungsbrief Fermän an die Loealbehörden übergeben 
und einen Dabti oder Polizeisoldaten, Miläd Abeja mit Namen, zu 
meinem officiellen Begleiter bestellt. Einige Tage vor der wirklichen 
Abreise waren wir in die Stadt übergesiedelt, wo ich Abschieds- 
besuche machte und Scheidebriefe in die Heimath schrieb, während 
Gerhard Rohlfs die europäische Gesellschaft der Stadt und die Be- 
hörden zu einem festlichen Piknik lud und mit Hülfe meines Pie- 
montesen, der ein ausgezeichneter Koch war, die Vorbereitungen 
dazu traf. 

Schon am 16. Februar hatte ich die Stadt verlassen wollen, wie 
man es eigentlich mehrere Tage vor der Abreise thun soll, um etwa 
Vergessenes nachholen und Verfehltes ändern zu können Beides 
stellt sich beim /eltleben bald heraus doch Wind und Regen 
hatten mich gehindert. 

Am Morgen des folgenden Tages wurden die Kamecle beladen, 
zu denen ich noch zwei bis zur ersten Hauptstation Beni Ulid ge- 
miethet hatte, deren Treiber zugleich unsere Führer waren. Gern 
hätte ich ein Pferd gehabt, doch die Kosten, welche aus dem Trans- 
port seiner Gerste und seines Wassers erwachsen mussten, erlaubten 
mir diesen Luxus nicht, und ich beschloss, mich mit meinen natür- 
lichen Fortbewegungsorganen und dem ,, Schiffe der Wüste" zu be- 
gnügen. Das stärkste der Kameele trug den rothsammtenen , an 
Lehne und Füssen reich vergoldeten künftigen Thronsessel des 
Herrschers von Bornü in seiner unförmlichen Kiste einerseits, und 
die lebensgrossen Bildnisse König Wilhelms, der Königin Augusta 
und des Kronprinzen andererseits. Die Ladung war weniger schwer 
wiegend, als durch ihre Unförmlichkeit für das Thier lästig. Das 
Kameel liebt durchaus nicht, dass die beiderseitigen Hälften der 
Ladung Adila weit nach unten hängen, oder Vorder- und 
Hinterbeine berühren; ein Centner mehr, aber die Gepäckstucke 



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GEPÄCK UND BELASTUNG I»FR KAMEELE. 36 

beiderseits vom Höcker dem machtigen Leibe anliegend, ist ihm 
erwünschter. 

Ein zweites Thier trug eine Partie Zündnadelgewehre mit ent- 
sprechender, schwer wiegender Munition friedlich neben einer Anzahl 
heiliger Schriften in arabischer Sprache, um deren Mitnahme Herr 
Robert Arthington aus Leeds in England gebeten hatte; ein drittes 
die übrigen Geschenke, welche in einer bronzenen Pendeluhr, goldener 
Taschenuhr mit Kette, einem Doppelfernglas, einem halben Dutzend 
gewöhnlicher silberner Taschenuhren, einem doppelt versilberten 
Theeservice , einigen Stücken Seide und Sammet , einem Pfunde 
echten Rosenöls und einem solchen gewöhnlicherer Geraniumessenz, 
Rosenkränzen, Armbändern und Halsbändern von echten Korallen, 
zwölf Burnussen aus Sammet, Tuch und feinem tunisischen Wollstoffe, 
einem Dutzend echt tunisischer Tarbusch's und einem Harmonium, 
das uns noch unsre Abende in der Einsamkeit der Mcschija ver- 
schönt hatte, bestanden. Zwei weitere Kameele wurden mit meinen 
persönlichen Reiseeffectcn an Büchern, Instrumenten, Kleidern und 
Medicamenten belastet und sollten im Nothfalle meine eigene Person 
fortschaffen; zwei andere trugen Mundvorräthe , Kochgeschirr, Zelt 
und andere Gerätschaften, während das letzte endlich für den Wasser- 
transport bestimmt war. Eür längere Reisen soll man das dortige 
Kameel mit nicht mehr als drei bis vier Centnern belasten. 

Im Ganzen ist es vielleicht zweckmässiger, auf dem Wege von 
Tripolis nach Fezzän die Kameele zu miethen; denn die der flachen 
Küste entsprossenen haben keinen besonders guten Ruf und stehen 
an Körperkraft und Energie entschieden zurück gegen diejenigen, 
welche aus den höher gelegenen und zeitweise weidereichen Ge- 
genden von Söqna, dem Dschebel Harüdsch, den Districtcn der 
Urfilla, Abu Sef und anderer Stämme kommen. Während die meinigen 
in Tripolis unter ihres Gleichen einen brillanten Eindruck machten, 
zweifelte man in Söqna schon mit Recht an ihrer Fähigkeit, Bornü 
zu erreichen. Dazu kommt, dass dies Thier gegen Klimawechsel 
ausserordentlich empfindlich ist. Das südliche Kameel des Qatruner's, 
ein stolzes, freilich altersgraues Exemplar seiner Varietät, hatte durch 
seinen cinmonatlichen winterlichen Aufenthalt in Tripolis schon erheb- 
lich gelitten und konnte nur mühsam durch tägliche Gerstenahrung 
aufrecht erhalten werden. Stolz schritt der alte Wüstensohn, seine ple- 
bejischen Kameraden hoch uberragend, ohne Gepäck, doch steif und 

3* 



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36 



I. BUCH, I. RAMTEL. TRIPOLIS, 



mühsam einher und erregte von Anfang an die Furcht in mir, dass 
er unser nächstes Reiseziel nicht erreichen, sondern sein Leben fern 
von der Heimath auf der Landstrasse endigen werde. 

Wir zogen zum Südthore der Stadt hinaus und lagerten eine 
halbe Stunde entfernt von ihr in Mitten einer reizenden Gruppe von 
Maulbeer-, Oliven- und Orangenbäumen, wo Frederick Warrington, 
der historisch gewordene Geleitsmann aller von dort ausziehenden 
europäischen Afrika-Reisenden, welcher auch mich einige Tagereisen 
weit zu begleiten die Güte haben wollte, bereits sein Zelt aufge- 
schlagen hatte, und wo die Abschiedsfeierlichkeit stattfinden sollte. 
Sobald mein einfaches Zelt und das zierliche, welches Gerhard Rohlfs 
aus Frankreich mitgebracht hatte, aufgestellt waren, erschien Giuseppe 
Yalpreda, der mit seinen Braten, Pasteten und Mehlspeisen, seinen 
Kuchen und Früchten, seinem Wein und Bier für lange Zeit zum 
letzten Male für europäisch gebildete Gaumen seine culinarischen 
Fähigkeiten in ein helles Licht zu setzen versucht hatte. 

Nach und nach kamen auf Pferden und Fscln die gebildeten 
Vertreter der europäischen Colonie, so weit ihre gesellschaftlichen 
Misshelligkeiten es gestatteten. Die Beamten des französischen Ge- 
neral-Consulats und der alte Herr, welcher Amerika vertrat, wichen 
zu unserem Bedauern den letzteren und fehlten; die Herren Hay, 
Agent Englands, Baron Testa, holländischer General -Consul und 
enthusiastischer Bewunderer Ali Riza Paschas, der lebenslustige 
italienische Vertreter, Herr Bosio, der englische und der spanische 
Vice-Consul, der Telegraphen-Vorsteher Smith, die Glieder der viel- 
verzweigten Familien Dickson und Gagliuffi hatten sich ausser unserm 
Herrn Rossi mit ihren Damen eingefunden, und zur Genugthuung 
der Meisten hatte der Herr General -Gouverneur mit seinem levan- 
tinischen Secretair vorgezogen, durch seine Abwesenheit zu glänzen. 
Der Reverend Fenner, mein ältester Freund in Afrika und englischer 
Caplan in Tunis, war in seiner Anhänglichkeit gekommen, mir das 
letzte Lebewohl zu sagen. Giuseppe hatte dem Rufe seiner Kunst- 
fertigkeit alle Fhre gemacht; das Wetter war herrlich geworden und 
gestattete uns, trotz des winterlichen Februar, schmausend, trinkend 
und plaudernd auf dem natürlichen Rasen zu lagern, sobald nicht 
die requirirte Musikbande durch die Klange eines heimathlichen 
Walzers, einer Quadrille, einer lustigen Polka die Füsse der jungen 
Damen und die unsrigen zu anderer Bethätigung veranlasste. 



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INTERNATIONALES PIKNIK UND NACHT VOR PER ABREISE. 



37 



So blieben wir in lauter Heiterkeit bis gegen Abend bei Musik 
und Tanz zusammen und tranken reichlich auf das Wohl meines 
Königs und Vaterlandes, auf mich und meine Erfolge, auf diejenigen, 
welche vor mir dieselbe Strasse gezogen und glücklich heimgekehrt 
waren, und weihten ein stilles Glas dem Andenken derer, die fern 
von ihrer Heimath ihrem Forschungstriebe das Leben zum Opfer 
gebracht hatten. Auf der Grenze der Wüste hatte ich mir so noch 
einmal die ferne Heimath vor Augen geführt; Deutschen, Engländern, 
Franzosen, Italienern, Hollandern, Spaniern und in ihnen gleichsam 
Europa noch einmal die Hand gedrückt; noch einmal ein volles Bild 
europäischen Lebens, von dem ich auf so lange scheiden sollte, zu 
reicher, nachhaltiger Erinnerung in mich aufgenommen. 

Der Berliner Photograph fixirte die heitere internationale Gruppe 
und als die Sonne sank, war ich allein, allein mit meinen Gedanken 
und Gefühlen, meiner Erinnerung und meiner Hoffnung, in Mitten 
einer fremden Welt. Schweigend, von den mannigfachsten Gefühlen, 
den ungeordnetsten Gedanken bestürmt und aufgeregt, wandelte ich 
vor meinem Zelte noch lange hin und her. Dort bildeten die Kameele, 
mit regelmässigem Zähneknirschen der Pflicht des Wiederkäuens ob- 
liegend, die Knie- und Fussgelenke gefesselt, ihre charakteristische 
Wüstengruppe. Ein zottiger, arabischer Wachthund, Felda, d. h. 
Gewinn, genannt, der erst Tags zuvor angeschafft worden war, erfüllte 
schon seine Pflicht, obgleich er noch mit Niemand Freundschaft ge- 
schlossen hatte. Die beiden Ali s und Sa ad schliefen bald den Schlaf 
der Jugend, Gesundheit und Sorglosigkeit, während Mohammed aus 
Qatrün noch manche Prise Tabak in den Mund schob, noch manche 
Stuckchen Tröna mit seinen Zahnruinen abbiss und noch manchen 
erfahrenen, prüfenden Blick über Kameele und Zelt gleiten liess, ehe 
er sich die Kaputze seines prächtigen, dicken, gestreiften Burnus über 
den Kopf zog und sich dem Schlaf des Gerechten übcrliess. 

Still war die Nacht, welche dem geräuschvollen, heiteren Tage 
folgte, und welche einer noch stilleren und einsameren Zukunft vor- 
herging. Der Schlaf wollte nicht kommen; im Zelte ward es mir 
zu eng; und so rollte ich mich draussen in meine warmen tunisischen 
Decken und durchträumte die herrliche Nacht. Bilder der Ver- 
gangenheit verschmolzen mit denen der Gegenwart, die norddeutsche 
Heimath mit der afrikanischen Küste des Mittelmeers. Das mächtige 
Carthago, das romische Afrika, die reiche Cyrenaica, Türken und 



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38 



I. BUCH, l. KAPITEL. TRIPOLIS. 



Christen, Neger und Vandalen, Araber und Garamanten, Berber und alte 
Egypter tummelten sich in meinem träumenden Gehirne. Ich entrollte 
die wechselvollen Geschicke dieser Lander und gedachte der Zeit, wo 
ich auf den pedantischen Schulbänken so oft gewünscht hatte, lieber 
dieselbe mit allen ihren schreckensreichen Ereignissen zu durchleben, 
als ihre zahllosen Daten meinem rebellischen Gedächtnisse aufzu- 
zwingen. Die Bilder wurden allmahlig unklar und verwirrten sich mehr 
und mehr, bis endlich gegen Morgen ein tiefer Schlaf sie auflöste. 

Mit Sonnenaufgang war Gerhard Rohlfs und Herr Rossi ge- 
kommen, mir das letzte Lebewohl zu sagen. Die Kameele wurden 
bepackt, das Zelt abgebrochen, und schweigsam der letzte Hande- 
druck gewechselt. Ich bestieg mein Wüstenschiff und zog still und 
ernst in die sandige Ebene hinaus mit wehmüthiger Erinnerung an 
das, was ich verliess, an die, welche ich liebte und ehrte in der 
Heimath und die ich so lange entbehren, vielleicht nimmer wieder- 
sehen sollte, aber auch mit freudiger Hoffnung auf eine glückliche Heim- 
kehr und dem festen Vorsatze, meinem Unternehmen physische, intel- 
lektuelle und moralische Kraft, so viel mir zu Gebote stand, zu widmen. 

Wenn ich damals gewusst hätte, dass mein Schicksal mich länger 
als fünf Jahre in den unbekannten Gegenden des verhängnissvollen 
Continents zurückhalten würde: hätte ich wohl den Muth gehabt, zur 
Ausführung zu schreiten? Langer als fünf Jahre eine gänzliche geistige 
Isolirtheit zu ertragen, in Mitten harter Entbehrungen, schwerer Ent- 
sagung, unerbittlicher Krankheiten und drohender Gefahren, ist mehr 
als selbst glühender Enthusiasmus auf sich zu nehmen liebt. Später 
freilich, fern von der fieberhafter Hast des europäischen Lebens und 
seinen mannichfachen Genüssen, lernt man Zeit und Raum anders be 
urtheilen, wird bescheidener in seinen Zielen, zäher in der Ausfuh- 
rung .seiner Plane, geduldiger im Ausharren und Leiden. 

Körperliche Elasticität und Widerstandskraft in Krankheit und 
Anstrengung, die natürliche Gabe, mit Menschen aller Art in Mitten 
jener fremdartigen Welt zu verkehren, sind die unerlässlichen Be- 
dingungen, mit denen der Entdeckungsreisende ausgestattet sein 
muss; Geduld aber ist die Tugend, welche das Geheimniss des Er- 
folges birgt. Sie zu üben ist oft nicht leicht, und manchen schweren 
Kampf sollte ich noch durchkämpfen, ehe ich, in dieser Hinsicht 
einigermaassen geläutert, durch die Thorheit und die Unzuvcrlässig- 
keit der Menschen meinen Weg zu finden wusstc. 



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ZWKITKS KaI'ITHL. 

REISE NACH FEZZÄN. 



Strassen von Tripulis nach Fczzan. — Sand/one südlich von der Stadt. — Zunehmende 
Fruchtbarkeit. — Aufsteigung /um T.irhünagebirgv. — Abflüsse des Gebirges nach 
Norden. — Die Stämme Akara. Mauna, Hamüdat, Drnhtb, Auhhl Jüsef, Senidna. 
Komische Ruinen. — Vegetation der Gebirgsgegend. - l'lusslhäler südlich vom Ge- 
birge. — Wadi und Schetcjib oder Halbwadi. — |)as Thal Ben! L I hl und seine 
Olivenpflanzung. — Türkisches (Jasr und arabische Oasba. — Weitere Wudjfin und 
Schctejibät. — Meschahid oder Steinzeuge. — Ma'aqil oder Steinbrustwehre. — Die 
Scrir, das vorwaltende Wüstenterrain. — W. Sofedschin mit seinen Ncbenrlussthälcrn. 

— Scrirat Omni cl-Ghirbal. — W. Hei. — Ankunft zu Hü N'dschcim. — Wüster 
Character der Gegend und Kümmerlichkeit der Ortschaft. — Komische Kuinen. — 
Wüstenwind. — Dschebel el-M'halla, Hu Naadscha , Hu Atela, Tuzizzet. — Sern, 
Hammada und , .Zeugen". — Dschebel et-Tar. — Die Ebene von Soqna mit ihren 
Wasserbetten. — Kl-Dschofra. — Empfang in Soqna. — Herberischcr Ursprung der 
Einwohner. — Einwohnerzahl. — Hcschreibung der Stadt. — Panorama vom Qasr. 

— Gartencultur. — Thierleben. — el-Mclaqi, der Sammler. — Rtr Godefa. — l'cber- 
steigung lies Dsch. cs-Soda. — Dahär el-Mümin, die Höhe des Passes. — Wasser- 
abflüsse auf der Nord- und Südseite. — Kanieclpost zwischen Tripolis und Murzuq. 

— Maiteba Soda und Maiteba Ilamra. — Qoflf el-Gharbl und Qofl" es-Scherqi. — 
Serlr Ben Afien. — Ramla el-Keblra und Kamla es-Srhira. — Sclavenkaravanen. — 
Mahiaf Kneir. — Hattija Omm el-Abid. — Die Oase Sirrhen und ihre Bewohner. — 
Die Oase Semnu. — Die Stadt und ihre Bewohner. — Die Oase Temeiihint. — 
Die Oase Sebha. — Die Biban. — Die Serlr cl-Maalä. — Die Oase Khodwa. — Der 
grosse Hairam oder 'Id cl-Kcbir. — Eaqbl. der gegohrene Dattel palmcnsaft. — Alem 

• oder Wegzeichen. — Scheqwa. — Ankunft zu Murzuq. 

Es giebt zwei Strassen von Tripolis nach Murzuq, der Haupt- 
stadt von Fezzan, von denen die kürzere über Dschebel Ghariän und 
Misda fast direct südlich führt und sich im weiteren Verlaufe in einen 
westlicheren Weg, der von Richardson, Barth und Ovcrwcg, und in 



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I 



40 I. BUCH, 2. KAPITEL. RFJSK NACH FF.ZZÄN. 

einen östlicheren, der von Rohlfs bereist worden ist, scheidet. Die 
andere längere weicht von der ersteren, besonders in ihrem Beginne, 
erheblich nach Osten ab, und ist hauptsachlich durch Lyon, Vogel 
und Duveyrier bekannt geworden. 

Trotz ihres nicht unbedeutenden Umweges ist die letztere die 
eigentliche Karavanen- und Poststrasse, da sie in regclmässigeren 
Zwischenräumen mit Wasser versehen ist, und in den Populations- 
centren von Beni Ulid, Bü N'dscheim, Söqna und den folgenden Oasen 
Fezzans erwünschte Zwischenstationen hat. Man legt sie gewöhn- 
lich in etwa dreissig Tagereisen zurück, während der westliche Weg 
nur zwanzig und einige erfordert. Doch von diesem schrecken 
Mangel an Städten und Dörfern und grosse wasserlose Strecken die 
Karavanen ab. Dazu verleihen die bevölkerten Zwischenstationen 
der östlichen Strasse einen Charakter ganz besonderer Sicherheit, 
der vielleicht, ausser den Rücksichten auf die erleichterte Verprovian- 
tirung mit Wasser, Mundvorrath und Reiseutensilien, ebenfalls dazu 
beigetragen hat, sie zur hauptsächlichen Karavanenstrasse zu machen. 

Es war ein frischer, kühler Morgen, als meine kleine Karavane 
auf dieser Poststrasse am 18. Februar 1869 am südlichen Rande der 
Meschija und dem Mausoleum — Qubba Ahmed el-Masns vor- 
über durch den Sandgürtel dahinzog, der sich bis unmittelbar an 
die Gärten der Stadt erstreckt und langsam nach Norden vorzurücken 
scheint. Anfangs lockere, sandige Ebene, unterbrochen durch jene 
festeren Bodenstellen mit salzigen Efflorescenzen, an denen Nord- 
afrika so reich ist und welche bei Wasserreichthum zu oberflächlichen 
Salzsümpfen werden und Scbcha heissen, zeigt diese Zone dann eine 
dicht gedrängte Menge abgerundeter Sandhugel von geringer Er- 
hebung. Dieser etwa vier Kameelstunden oder 16 Kilometer breite 
Wüstengürtel hat in seiner Mitte einen kümmerlichen Weidegrund, 
welcher die einen kleinen Teich bildende Quelle Am Zära umgiebt 
und mit einigen Oliven- und Dattelbäumen den wenigen Einwohnern 
eine ärmliche Existenz vermittelt, und weiterhin einen Brunnen 
Bir mit herrlichem Wasser, den der Wohlthätigkcitssinn eines 
tripolitanischen Kaufmanns, Namens Zekelläi, gestiftet hat. 

Von der Grenze dieser Sandzone, welche den Namen Dschedrat 
el-Dschellaba, d. h. eigentlich die Grenze der importirenden Kauf- 
leute, führt, marschirten wir auf mässig fruchtbarem Boden und 
lagerten nach fast sechs Stunden südsüdöstlicher Richtung in der 



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ÜBERSTEIGUNG DES TARHCNAGEBIRGES, 41 

Gegend Tobräs, welche dem unbedeutenden Stamme der Akära 
Weide für seine spärlichen Schaafheerden bietet und den nöthigsten 
Ackerbau gestattet. 

Am folgenden Tage legten wir sogar nur ungefähr 16 Kilometer 
in südlicher Richtung durch eine fruchtbare, wohlangebaute Ebene 
zurück, welche Gerste und Weizen in humusreichem Sandboden her- 
vorbringt, und lagerten auf einer fetten Weide in der geheiligten 
Nähe der Qubba Sidi es-Säjahs. Ein Verwalter der Gerechtsame 
des verstorbenen Heiligen, ein sogenannter Häres el-Oqla, d. h. der 
Wächter der Abgabe, zog von den Umwohnenden die der Qubba 
zu leistenden Spenden ein und gewann dadurch eine zwar bescheidene, 
doch mühelose Existenz. Während unsres kurzen Marsches hatten 
wir bei klarer Atmosphäre im Osten die gebirgige Gegend von 
Meselläta, im Südwesten das Gebirge Dschebel Ghariän, im 
Süden und Südosten den Dschebel Tarhüna gehabt. 

Wir näherten uns dem Tarhüna Gebirge am Morgen des 20. Fe- 
bruar über leidliche Weidegründe und zeitweise im Bette des Wädi 
es-Samar, der von Süd nach Nord verläufr und bei einer Breite von 
bis zu IOO Schritt durch seine vier bis fünf Meter hohen Uferwande 
zeigt, welche Wassermengen ihm bisweilen aus den Bergen zugeführt 
werden. Cisternen mit sorgfaltig vcrschliessbarer oberer OcfTnung 
dienen hier und da in seinem Bette zur Sammlung und Aufbewah- 
rung seiner ephemeren Wasser, und beweisen durch die Sorgfalt und 
Solidität der Construction ihren Ursprung aus besseren Zeiten. 

Ueber eine fruchtbare Ebene mit üppigen Weiden und ausge- 
dehnten Ackerfeldern, welche dem Stamm der Hamädät gehören, 
wendeten wir uns dem Gebirge zu und drangen in dasselbe ein durch 
den Wädi Melrha, welcher aus diesem Theile des Tarhüna das 
Regenwasser dem W. es-Samär zuführt. Langsam aufsteigend folgten 
wir seinem Laufe, im steinigen Bette oder auf den felsigen Ufern, 
hier und da Reste antiker Constructionen von Brücken und Dämmen 
bemerkend, bis wir nach nahezu achtstündigem Marsche in durch- 
schnittlicher Südostrichtung auf dem Territorium des Stammes der 
Drähib nahe dem Ursprünge des Wädi Melrha unser Lager auf- 
schlugen. Drei Brunnen mit antiker Fassung nahmen die Mitte des 
schmalen Thaies ein, während rings herum zahlreiche Ueberreste von 
Baulichkeiten aller Art und die Ruine eines grossen römischen Kastells 
beweisen, dass einst dort ein ansehnliches Populationscentrum bestand. 



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42 



[. BUCH, 2. KAPITEL. KEISE NACH FEZZAN. 



Bald war die höchste Höhe des Tarhuna- Gebirges erreicht, die 
sich als wellenförmige Ebene mit Weidegründen und dazwischen 
einigen Gerstenfeldern weithin ausdehnte. Dieselbe gehört den Auläd 
Jusef und den Seradna, welche dort gemeinschaftlich weiden und 
Ackerbau treiben. Zahlreiche Beduinen -Lager und Schaafheerdcn 
zeugten für eine im Vergleich zu der zuvor durchreisten Strecke 
dichte Bevölkerung und für den relativen Wohlstand derselben. 

Wahrend wir unsern Weg in derselben Sudsüdostrichtung fortsetzten, 
verlor nach einigen Stunden die Landschaft ihren fruchtbaren Charak- 
ter, wurde steinig und sandig und brachte anstatt üppiger Weiden 
Zwiebelgewachse, Saater (Thymus hirtus), Rosmarin Kelil 
(Rosmarinus officinalis) , den dornigen Busch Sidr (Zizyphus Lotus) 
und einige andere Gewächse hervor. Rechts in grösserer Entfernung 
beherrschte von einem Bergkegel, an dessen Fuss der W. el-Kemm 
verlauft, ein weithin sichtbares römisches Kastell die Gegend, bis wir 
in das hochgelegene Thal des W. Tenziwa hinabstiegen, das durch 
seine üppigen, stacheligen Eutterkrauter eine starke Verlockung für 
unsere Kameele wurde. Dasselbe ist schmal und nach Sudosten 
begrenzt durch einen I lugelrucken , jenseits dessen wir in das weite 
Thal des W. cl-Aqrabija gelangten, das sich hier von West nach 
Ost erstreckte und durch seine ausgedehnten Gerstenfelder und be- 
lebenden Heerden einen erfreulichen Eindruck machte. Nach sieben- 
stündigem Marsche lagerten wir in demselben, wieder in Mitten 
römischer Baureste. 

Der 22. Februar führte uns aus dem Thale des W. cl-Aqrabija 
über einen steinigen Hügelrücken stets in derselben Sudsüdostrichtung 
in das weite fruchtbare Thal des W. Maader, das von allen um- 
wohnenden Stämmen als gemeinschaftliche Weide benutzt wird und 
in das auch die Regierung im Frühjahr ihre Kavalleriepferde zur 
Rebija oder Frühlingsweide schickt. 

Der W. Maader, der, wie alle vorgenannten, für gewöhnlich 
wasserlos ist, nimmt dort von seiner Südseite her den W. es-Sedada 
auf und hat eine Nordostrichtung. Mauern, Wasserabdämmungen, 
Häuserfundamente aus romischer Zeit ziehen von allen Seiten im 
Thale die Aufmerksamkeit des Reisenden auf sich, während die 
Höhen mit Kastellresten gekrönt sind. Das Thal des W. Maader 
ist ebenfalls durch einen Hügelrücken von dem des W. Ukirre ge- 



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NEBENFI.USSTHAI.ER 1>ES W. MERDÜM. 43 

trennt, auf dessen Ufern uns zum ersten Male die Zierde zahlreicher 
Botumbäume (Pistacia atlantica) entgegen trat. 

Aus dem weiten Thale des letzteren gelangt man über eine 
ahnliche niedrige Terrainerhebung in sein Nebenthal, W. Oarär cd- 
Darbuk. Von der Höhe zwischen beiden erblickt man in weiterer 
Kntfernung westlich die Berge von Gharian; in derselben Richtung, 
doch naher, die Kegel Halcjin und im Nordosten nahe bei einander 
die beiden Terafit (Mehrzahl von Tarfüt). Auf den W. Qarar cd- 
Darbük folgte in unserer Wegrichtung der W. cLHalfawi, der sein 
zeitweises Wasser durch den W. Qardschüma in den von Bern" Ulid 
abführt. Auf seinem Uferterrain, das schon den Leuten von Beni 
Ulid gehört, lagerten wir nach siebenstündiger Tagesarbeit. 

Der folgende sechste Tag unserer Reise sollte den ersten Haupt- 
abschnitt des Weges nach Murzuq beendigen und uns nach Beni 
Ulid fuhren. Wir erreichten dies Ziel in achtstündigem mühevollem 
Marsche durch eine Gegend , welche den verhältnissmassig frucht- 
baren Charakter der Tarhünaberge mehr und mehr einbüsst. Der 
Weg fuhrt über steinige Höhen und kahle Ebenen, die durch zahl- 
lose flache Kinsenkungen getrennt sind, welche, ohne sich zum 
Charakter von Flussbetten Wadi (in der Mehrzahl Wudjän) 
aufzuschwingen, doch in regenreichen Jahren zuweilen Wasser führen, 
dann mit ihrem Sand und Lehmboden zur Cultur verwendet werden 
und in genereller Weise Schctcjib heissen. In den meisten derselben 
finden sich aus alten Zeiten wasservcrtheilcnde und -sammelnde Stein- 
damme. Augenblicklich boten sie nach mehrjähriger, ungewöhnlicher 
Dürre sehr wenig Spuren menschlicher Thätigkeit und naturlichen 
Schaffens. In einigen wenigen war etwas Gerste gebaut, und die 
Natur beschrankte sich auf die Erzeugung von Haifa -Gras (Lygcum 
Spartum*), einigen Disteln, Dornbüschen und Botumbäumen. Die 
breiten, sich wenig über die Einsenkungen erhebenden und diese 
trennenden Hugelrücken, welche oft horizontale Schichtung zeigten, 
nahmen mehr und mehr den öden Charakter der steinigen Wüste an. 

Vom W. el-Halfäwi aus gelangten wir nach einigen Stundender 
zuvor eingeschlagenen Sudsudostrichtung zum kleinen W. Rhalabün, 
der zum System des W. Merdüm so scheint der eigentliche Name 

*) Esparlo oder Haifa ist seit einigen Jahren ein w ichtiger Ausfuhrartikel für Tripolis 
geworden, von dein, Privntnachrichttn zufolge, innerhall) eines der letzten Jahre für fast 
drei Millionen Mark zur l'apiererzeugung nach England verschilft wurde. 



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44 1. BUCH, 2. KAPITEL. HEISE NACH FEZZÄN. 

des Flusses von Ben! Ulid zu lauten gehört, und betraten dann 
eine steinbedeckte, wüste, hochgelegene Ebene, um dieselbe bis Beni 
Ulid nicht wieder zu verlassen. Sowohl die weidereichen Hoch- 
ebenen, als auch die fruchtbaren Thäler der Wudjan des Gebirges 
und die flachen lehmreichen Schetejibät (Mehrzahl von Schetcjib), 
die man als Halbwudjan bezeichnen kann, waren verschwunden; nur 
die tief in den Boden geschnittenen Wasserbetten unterbrachen zu- 
weilen die Einförmigkeit der steinigen Höhen. Auch der einige 
Marschstunden nach dem W. Rhalabun folgende W. Dinar, den wir 
links vom Wege in seinen Ursprüngen sahen, gehört durch den 
W. Temäsile dem W. Merdum an. 

Nach fünfstündigem Marsche erblickten wir von der Hohe in 
der Richtung unsres Weges das Qasr von Beni Ulid, wahrend im 
Südwesten die vereinzelten Gebirgsbildungen , welche sich an den 
Dschebcl Ghariän nach Süden schliessen, den Horizont begrenzten. 
Wir stiegen von hier aus durch den W. Maqräwa, der einen eventuellen 
Zufluss zum W. Dinar darstellt, abwärts, hatten noch einen beschwer- 
lichen Marsch über steinige Höhen und erreichten endlich, durch ein 
Gewirre von kleinen Zuflussthälern des W. Merdum, das herrliche, 
breite, mächtige Thal des letzteren, in dem ein ausgedehnter Hain 
so schöner Olivenbäume, wie ich nur jemals gesehen hatte, das Auge 
des Reisenden überrascht und entzuckt. 

Im Schatten der stattlichen Bäume, welche unter dem con- 
trastirenden Einflüsse der wüsten Umgebung einen Eindruck von 
Frische und Ucppigkcit machen, wie derselbe sonst nicht von den 
unscheinbaren, fahlgrünen Olivenbäumen hervorgebracht zu werden 
pflegt, schlugen wir unser Lager auf. Die erste Etappe unseres 
Weges war zurückgelegt; hier mussten wir die gemietheten Kameele 
entlassen und uns neue verschaffen; hier beabsichtigten wir, noch 
einige Wasserschläuche und etwas Oel zum Kochen zu kaufen, und 
beschlossen also einen Rasttag zu machen. Ich konnte mit dem 
Beginne der Reise zufrieden sein; Leute und Kameele hatten sich 
leidlich bewährt, und kein Unfall hatte unsere Personen oder Sachen 
betroffen. 

Dass die genannten Gründe uns hier einen Ruhetag aufzwangen, 
war mir sehr lieb; denn wenn ich es meinen Begleitern verbarg, so 
musste ich mir selbst doch gestehen, dass mich der letzte Marsch- 
tag entsetzlich ermüdet hatte. Ich war der Uebung wegen bis dahin 



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DAS THAL VON BENf ITlJD. 



45 



zu Fuss gegangen, und war ein guter Fussgänger; doch der felsig 
harte Boden des letzten Tages mit seiner ungleichen Steinbedeckung 
hatte meine Füsse arg mitgenommen. Glücklicherweise unterstützte 
die Jahreszeit meine Uebungen, ja, machte sie in den Morgenstunden 
sehr erwünscht. Hatten wir doch Tags zuvor Morgens vor Sonnen- 
aufgang eine Temperatur von nur 6,6° C. gehabt, und wenn auch 
die Mittagszeit manchen Schweisstropfen kostete, so hatten wir doch 
bei schönem, klarem Wetter und schwachem Südwinde an dem Ruhe- 
tage im Thale von Beni Ulid nur eine höchste Tagestemperatur von 
22,7° C. gehabt. 

Die Schnelligkeit unserer Karavanc betrug nach sorgfaltigen 
Messungen drei und einen halben Kilometer pro Stunde in Gegenden, 
wo die Kameelc seitlich am Wege von den vorhandenen Kräutern 
frassen, vier Kilometer, wenn ihnen keine Gelegenheit dazu geboten 
war und bei günstigen Bodenverhältnissen und keinerlei Aufenthalt 
noch etwas mehr. Auch später habe ich häufig derartige Messungen 
wiederholt und bin stets zu demselben Resultate gekommen. Eine 
etwas grössere Geschwindigkeit erzielt man in Gegenden, wo es Sitte 
ist, den Kopf jedes Kamcels an den Schwanz des vorhergehenden 
zu befestigen und dadurch jeden überflüssigen Schritt der gern vom 
Wege abweichenden Thiere zu vermeiden. 

Das Thal von Beni Ulid verläuft mit ausgiebigen Windungen 
von Westen nach Osten, war an der Stelle unserer Lagerung fast 
700 Schritt breit, nimmt einige Stunden weiter nach Osten den 
W. Temäsile auf und vereinigt sich einen weiteren Tagemarsch nach 
Osten mit dem W. Söfedschin, um bald darauf in die grosse Syrte 
zu münden. Auf der südlichen steilen Uferhöhe befindet sich das 
türkische Kastell mit dem Mudir oder Bezirkschef, dem Regierungs- 
secretair und der aus 50 Mann bestehenden und von einem I Iaupt- 
mann befehligten Besatzung. Auf der nördlichen, weniger steilen 
Thalhöhe zeugt das arabische Kastell Serrar, generell Qasba ge- 
nannt, halb zerstört, doch durch einen ausgezeichneten Mörtel vor 
gänzlicher Vernichtung bewahrt, sowohl von Zeiten grösserer Macht 
als auch von manchen blutigen Kämpfen. Seit zuletzt vor einigen 
Jahrzehnten der romantische Araberhäuptling Abd el-Dschlil, Scheich 
der Aulad Soliman , in ihm vergeblich den Türken zu widerstehen 
gesucht hatte, sank es langsam in Trümmer. 

Die Pflanzung des Thaies hat eine Ausdehnung von vier Weg- 



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4<; 



I. BUCH, 2. KAPITEL. REISE NACH FEZZÄN. 



stunden, enthält etwa 4000 Olivenbäume und hier und da Feigen- und 
Pflaumenbäume ausser diesen rindet man noch die in der Wüste 
Talha genannte Sajälakazie (Acacia Sajal) und Tamarisken- oder 
Ktel-Büsche (Tamarix articulata) -, und gehört einer grossen Zahl 
von Dorfern und Weilern, welche zu beiden Seiten des Thaies liegen, 
und mir vom Regicrungssecretair, der den abwesenden Mudir vertrat, 
auf 45 angegeben wurden. 

In fruchtbaren, wasserreichen Jahren füllt sich zeitweise das 
Wasserbett des Thaies, so dass die Communication zwischen beiden 
Ufern gänzlich unterbrochen wird, und der Wädi rauscht dann für 




SqjalaltMM (Acacia Sajal). 



eine kurze Zeit als ein mächtiger Strom dahin. Jetzt entbehrte man 
eines ordentlichen Winterregens schon seit vier Jahren, was eine all- 
gemeine Noth zur Folge hatte. Viele der Einwohner hatten sich 
über das ganze Land zerstreut, um ihren Unterhalt irgendwie und 
irgendwo zu erwerben, und die Theuerung war eine derartige, dass 
ich für eine Kselladung Stroh nach unserem Gelde etwa sechs Mark 
bezahlen musste. 

Als ich am folgenden Morgen (25. Februar) Abschied vom 
Regierungsschreiber und dem Kommandanten des Kastells, welche 
bald nach unserer Ankunft ihre Visiten gemacht hatten, genommen 
hatte, setzten wir unsere Reise in Südostrichtung fort über die steinigen 



) 



W. SÖFRDSCHtN UND SEINE ZUFLUSSTHÄLER. 



47 



und öden, hochgelegenen Ebenen der letztverflossenen Tage, passirten 
einen Halbwadi, Schetejib cs-Suweda, der in Südostrichtung zum 
W. Ghobin verläuft, und unmittelbar darauf diesen selbst, der sich 
in Ostsüdostrichtung dem W. Sofedschin zuwendet. In beiden sprechen 
ebenfalls zahlreiche Damme und an ihrer Vereinigungsstelle die aut 
dem Südufer des W. Ghobin gelegene Ruine eines römischen Kastells 
Qasr el-'Alqa für eine grössere Thatigkcit und zahlreichere 
Bevölkerung in vergangenen Zeiten. 

Wir folgten dem Laufe des W. Ghobin für einige Stunden, uns 
an seiner bescheidenen Vegetation von Sajalakazicn , Sidr und 




Dschedari-Büschen (Rhus dioica) erfreuend, wendeten uns etwas mehr 
südlich, passirten einen weiteren Nebenfluss des W. Sofedschin. den 
W. Mimün mit einem, dem VV. Ghobin parallelen Verlaufe, und zogen 
von der südlichen Uferhöhe desselben auf der sich allmählig gegen 
die grosse Syrtc hin abdachenden Ebene einem Punkte des Sofedschin 
zu, der durch einen massigen, abgestutzten Kegel mit einer Qubba 
des heiligen Abtl es-Selam ausgezeichnet ist. Nach neunstündigem 



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48 



I. BICH, 2. KAPITEL. REISE NACH VEZlXS. 



Marsche in durchschnittlicher Südostrichtung lagerten wir auf dem 
Nordufer des Söfedschin nahe der Mundung des Halbwadi el-Amirija, 
zufrieden, mit der Senkung des Terrains einige Futterkräutcr für die 
Kameele zu finden. 

Die Kbene des Söfedschin war einst ein Hauptschauplatz der 
blutigen Kämpfe, welche die ruhelosen Aulad Soliman unter Seif en- 
Nasr mit ihren Bundesgenossen, den Urfilla, gegen die Tarhuna- 
Stämme, die Abd el-Hädi unter seiner Führung vereinigte, bestanden, 
und zahlreiche Steinhaufen Meschahid*) zeugen noch jetzt 
von den Opfern, welche dieselben hingerafft haben. Ringsum trugen 
die Hügel noch die Steinbrustwehren Ma'aqil**) hinter denen 
die Auläd Soliman sich gegen die übermächtigen Feinde verschanzt 
hatten. 

Der 26. Februar führte uns in Südostrichtung über den W. Sö- 
fedschin und östlich an dem genannten Berge, Qalaat Sidi Abd es 
Selam vorüber. Derselbe liegt zwischen zwei grösseren Schetejibat, 
welche neben ihm in den W. Söfedschin münden, und von denen 
wir den östlichen Sch. el-Mocharrcm passiren mussten. Der dem 
Heiligen geweihte Berg besteht aus Kalk- und Sandstein und erhebt 
sich fast 200 Meter hoch. Er begrenzt nach Westen hin die weite 
Ebene des W. Söfedschin und seiner Schetejib s, welche im Süden 
und Südosten von einer Hügelkette vor uns, im Osten von einem 
von letzterer detachirten Berge, Namens Schifschil, und im Norden 
von den von uns passirten Uferhöhen des Mimün eingeschlossen 
wird. Dieselbe ist sanft gewölbt, besteht grösstentheils aus Kalk, 
der zahllose Versteinerungen enthält, heisst als Ganzes cl-Batn, d. h. 
eigentlich Bauch, und da, wo die Kalkfläche zu Tage liegt, Kerkaf 
Dort sah ich zum ersten Male die Tartüt (Cynomorium coccineum) 
genannte Schmarotzer-Pflanze, deren lange fleischige Wurzel genossen 
wird, und deren kolbenförmige Aehre mit zahllosen rothen Blüth- 
chen besetzt ist. 



*) Meschahid kommt von dem Verbum ,,Schahad", Zeugnis-» ablegen, und bedeutet 
den (Irl, wo dies geschieht, den Zcugnissort , daher Mich den Ort, an dem Jemand 
„blutiges Zeugniss ablegt", für die Religion den Tod erlitten hat. Wo überhaupt Jemand 
eines gewaltsamen Todes gestorben ist, deutet man die Stätte durch einen Steinhaufen 
an, den die Vorüberkommenden der Sitte entsprechend vergrössern. 

*♦) Ma'aqil kommt von ,,'Aqal" binden, umgeben, und bedeutet den Ort, der umgiebt, 
hirgl, d. h. die Uurg, den Zufluchtsort. 



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C.fcUEND DES W. ZEMZEM I NI) W. HKI. 



4'.» 



\\ T ir passirten nach einander die Halbwudjan Omni el-IIibäl, el- 
L'zra und el-Asäfa, welche dem vor uns Hegenden Hügelrücken ihre 
Ursprünge verdanken, überstiegen den letzteren in einem Passe 
Churma und lagerten nach achtstündigem Marsche in Südost- 
richtung jenseits desselben in dem dicht mit Akazien und Dschedäri- 
Büschen bewachsenen Bette des W. Nefeid, der noch dem Systeme des 
W. Sofedschin angehört. Der VV. Nefeid ist durch eine Hügelscheide 
vom \V. Nefed getrennt, der nach Osten verlauft, jenen in sich auf- 
nimmt, später durch eine nordliche Windung sich mit dem Sofedschin 
vereinigt und mit antiken Brunnen und vielem Gebüsch geziert ist. 

Das Gebiet des Sofedschin ist von dem W. Zemzem und seinen 
Nebenthälcrn durch eine steinige, sehr vegetationsarme, schwach 
gewölbte Ebene getrennt. Dieselbe besteht theils aus Sandboden, 
der verschiedene aromatische Kräuter hervorbringt, theils schon aus 
jenem felsharten, an sich nicht ganz unfruchtbaren, doch ausgedorr- 
ten, steinbedeckten Boden, welcher das vorwaltende Terrain der 
Sahara bildet. Der Grund war zwischen den Steinen und Steinchen 
hier und da bedeckt mit der Erdweizen Oamah cl-Wotä ge- 
nannten Flechte (Lecanora desertorum). Die ganze Gegend vom 
W. Sofedschin ab ist ziemlich wasserarm und gehört den Gcdädifa, 
einer der vielen Abtheilungen des kriegerischen Urfilla- Stammes, 
welcher so zahlreich sein soll, dass er sich unter achtzig Scheichs 
vertheilt. Gleichwohl erblickte man kein menschliches Wesen, da 
die anhaltende Dürre Alle in begünstigtere Striche getrieben hatte. 

Da nach sieben und einer halben Marschstunde in Südsüdost- 
richtimg am folgenden läge der W. Zemzem noch fern war, ver- 
brachten wir die Nacht in einem unbedeutenden Nebenthaie dessel- 
ben, dem W. M'bellcm. Derselbe zog sich in unserer Wegrichtung 
zum W\ el-Lahja, der sich als eine grüne Yegetationslinie nach Osten 
schlängelt und bald mit dem W. Zemzem vereinigt. Bevor jener 
erreicht wird, unterbricht der fünfzig Meter hohe Hügel Maazül M'bel- 
lem, an (lern die von Beni Ulid und von Söqna kommenden Postboten 
sich begegnen und ihre Briefbehälter austauschen, die Ebene. 

Südlich vom W. el-Lahja senken sich zwei Schetejibät el-Rhanam 
zum W. Zemzem, doch wir rasteten weder in ihnen noch an dem 
Brunnen des letzteren selbst, der wegen seiner Tiefe - dieselbe soll 
fünfzig Klafter betragen und wegen seines süssen Wassers be- 
kannt ist und deshalb Tawi el Asel, d. h. der tiefe Honigbrunnen, 

N.f.tuigal. I. \ 



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I 1:1» H, 2. KUMTFI.. KFISF. NACH II//\N. 



genannt wird, sondern passirten noch zwei Halbwudjän mit dem 
Namen el-Dochela und lagerten an diesem Tage (28. Februar) 
nach neun Stunden guten Marsches am Fusse der breiten Hügel- 
kette, welche den \V. Zemzem vom \V. Hei trennt. Dieselbe heisst 
Omni el-Ghirbäl, wie die sich daran schliessende Kbene, welche sich 
allmählig gegen den W. Hei hin abdacht, von einigen Halbwudjän 
desselben Namens unterbrochen ist und immer ausschliesslicher den 
Charakter vollständigster, steiniger Wüste trägt. 

Auf dieser Ebene Serirat Omni el-Ghirbäl näherten wir uns 
in der an den verflossenen Tagen eingehaltenen Richtung am 1. Marz 
dem YV. Hei, überschritten die breite Vegetationslinie desselben und 
lagerten nach siebenstündigem Marsche, der in Folge der geringen 
Verlockung der Kameele durch Futterkräuter etwas beschleunigter 
als gewöhnlich gewesen war, in einem langgestreckten Thale, das 
den W. Bei nicht erreicht, mit üppigem Kameelfutter bedeckt war 
und Orärat Chämir en-Neqäb heisst. Der folgende Tag brachte uns 
dann, anfangs über kalkige Sandniederungen, welche noch etwas 
Krautwuchs erzeugten, und dann über eine allen Lebens baare 
Steinwüste, in fünf Stunden nach Hü Ndscheim, dem nordlichsten 
Orte der Provinz Fezzän. 

In Mitten einer kahlen Kalkebcne Kerkaf mta Hü N dscheim 
weithin sichtbar, macht dieser Hezirksort einen wahrhaft trostlosen 
Kindruck mit seinem halb zerstörten, finsteren, unbewohnten Kastell 
und den wenigen Hütten zu seinen Füssen , und würde es in der 
Nähe noch mehr thun, wenn nicht einige kümmerliche Gärten mit 
vereinzelten Dattelbaumen die einförmige Oede in Ktwas unterbrächen. 
Das Hild erschien wohl noch trauriger als gewöhnlich, da ein starker 
Wüstenwind aus Westen die Atmosphäre mit Staub und Sand erfüllte 
und das Ganze in einen dichten, gelbgrauen Schleier hüllte. 

Die arme, kaum 200 Seelen zählende Kinwohnerschaft, welche 
dem Stamme der Urrilla angehört, hat nur ein sehr beschränktes 
Areal ackerfahigen Hodens und besitzt von Hausthieren nur einige 
Kameele und Esel. Zehn Minuten östlich von der Oase liegt, 
halb im Sande verschüttet, eine ausgedehnte romische Ruine, die 
Mauern eines mächtigen vierseitigen Gebäudes, von Osten nach 
Westen 300 Schritt lang, von Norden nach Süden 200 Schritt tief, 
mit abgerundeten Ecken und gewölbten Eingangsthoren nach den 
vier Himmelsrichtungen, die bis zu ihren Bogen verschüttet waren. 



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bC nd'scheTm. 51 

In Mitten der weiten Arena standen einige viereckige Pfeiler auf- 
recht. 

Der Wind schwieg am Abend, so dass wir wenigstens für die 
vier wasserlosen Tage, welche uns bis zur (regend von Söqna bevor- 
standen, ungefährdet unsere Schläuche füllen, unsere Nahrung ohne 
allzureichliche Zugabe von Sand gemessen und der Ruhe pflegen 
konnten, ohne im Sande begraben zu werden. Doch am nächsten Mor- 
gen erhob er sich zeitig wieder in der früheren Stärke und aus der- 
selben Richtung, die Atmosphäre verschleiernd, Alles in Sand hüllend, 
Nase und Ohren verstopfend und unsere Haut und Augen empfindlich 
peinigend. Der Zerfall der offen zu Tage liegenden Kalk- und Gyps- 
schicht der Gegend liefert das Material zu der sandigen Masse, welche 
nicht nur die abhängigen Stellen der Gegend ausfüllt, sondern durch 
die Macht des Windes zu Hügeln zusammengeweht wird. 

Die spärliche Vegetation der vergangenen Tage verschwand 
mehr und mehr; gespenstisch erschienen in unklaren Umrissen die 
Sand- und Kalkhügel durch die nebelhafte Atmosphäre, und schweigend 
kämpften Thiere und Menschen gegen die Gewalt des Sandsturmes. 
Nichts kennzeichnet den Weg, bis einige Stunden weiter ein Keläja 
genannter Hügel sich aus der allmählig ansteigenden Kbene empor- 
hebt und weiterhin ein riesiger Wegweiser in Gestalt eines mächtigen 
rundlichen Kalkblockes, der auf der Spitze eines Hügels diesen gleich- 
sam erdrücken zu wollen scheint und el-Bazina*) heisst, den Reisenden 
orientirt. 

Die ansehnlichen Flussthäler, welche weiter nördlich von den 
Ausläufern des Ghariängebirges und von den Ostabhängen der Ham- 
mäda cl-Hamrä zur grossen Syrte verlaufen, vermisst man hier; nur 
unbedeutende Bodenabflachungen treten zuweilen unter dem Schutze 
der niedrigen Hügel als flache Thaler auf, wie um die Mitte unseres 
Tagemarsches die wegen der Menge zu Tage liegender Salze Nukbat 
el-Milah, d. h. Salzloch, genannte Oertlichkeit. Unsere Richtung war 
eine südliche, tler C harakter der Gegend derselbe trostlose, wüste 
und einförmige, bis nach achtstündigem Marsche ansehnlichere Hügel 
ihre unklaren Umrisse durch die verdüsterte Atmosphäre zeichneten. 

*) Baztna ist der in Tripolis übliche Name für den steifen Mehlbrei von halbkuyliger 
Kon», welcher im nordöstlichen Afrika bis in die Negerlander hinein da», vorwaltende 
(Bericht bildet. I >if Korn« des Kelsblockes veranlasst« im vorliegenden Talle die IV- 
nemitttig. 

4* 



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62 



I. TU C H, 2. K AP! ! Kl.. REISE NACH IKZZÄN. 



Mit ihnen erstand wieder ein kümmerlicher Pflanzenwuchs und in 
ihrem Schutze trachteten wir dem rasenden Winde zu entgehen. 
Alles musste platt auf den Boden gelagert, kein Zelt konnte aufge- 
schlagen werden, denn die Gewalt des Sturmes, der, oft in Wirbeln 
einherbrausend, gespenstisch über die Ebene hinschwebende grau- 
gelbe Sandhosen mit sich führte, schien, entgegen der Beobachtung 
an den verflossenen Tagen, gegen Abend noch zunehmen zu wollen. 
Im Anfange der Nacht jedoch veränderte er allmählig seine westliche 
Richtung in eine nördliche und endlich in eine östliche, legte sich 
dabei fast ganz und behielt nur gerade noch Kraft genug, um uns 
aus der grossen Syrte einige nach dem trockenen Wüstenwinde 
erquickende Feuchtigkeit zuzuführen. 

Schon am nächsten Tage änderte sich der Charakter der Land- 
schaft durch verschiedene von Südwest nach Nordost streichende 
Höhenzüge, die wir in Sudsudwestrichtung zu passiren hatten. Wir 
überstiegen die erste dieser Ketten, welche, aus einem breiten System 
von Hügeln bestehend, mehrere Stunden zu ihrer Ucberwindung 
erforderte und Dschebel el M halla heisst, durch den gleichnamigen 
Churmat el- Mhalla, d. h. l'ass der Kriegscolonne, passirten den 
zweiten, Dsch. Bü Naadscha, und den dritten, Usch. Bü Atela, an 
ihren südwestlichen Enden, und zogen eine kurze Zeit am westlichen 
Kusse eines vierten, des Dsch. Tuzizzet, hin, bis dieser, unsere Weg- 
richtung schneidend, ebenfalls seine Uebersteigung erforderte. Ehe 
wir seinen Pass erreichten, sticssen wir auf ein von ihm ausgehendes 
Klussthälchen, das sich bald im Sande verliert und einen kleinen 
Bergkegel auf seinem Ufer tragt, der wegen seiner regelmässigen 
Form von den Arabern el-Cheuna, d. h. das Zelt, genannt wird. 
Die Hügel der genannten Ketten von vorwiegend kalkiger Structur 
sind so eng mit einander verbunden, dass sie, aus der Kerne ge- 
sehen, als ununterbrochene Kammlinien erscheinen. 

Mit den Erhebungen nahm auch die Vegetation wieder zu, und 
K.imcelhecrden bewiesen die Nähe von Menschen. Diese waren 
ebenfalls Urfilla, doch besuchen in anderen Jahren auch andere 
Stamme diese Weideplätze. Der Wassermangel der Gegend ist 
naturlich eine erhebliche Schwierigkeit für die dortige Existenz; 
doch es ist bekannt, dass bei frischen Krautern die Kameele der 
Tränkung nicht bedürfen, und von den Leuten behauptete man, 
dass sie sich gänzlich auf die Milch jener als Getränk beschränkten. 



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• 



SEKIK I NI» HAM.MÄDA. Ö'S 

Nur für Kinder und Kranke sollten sie zeitweise von dem nächsten 
der fernliegenden Brunnen einige Schlauche Wassers holen, sonst aber 
sogar zu ihrer religiösen Waschung sich des Milchserums bedienen. 
In Wahrheit schienen sie etwa alle Woche aus einem entfernten 
Brunnen so viel Wasser zu entnehmen, als ihr Besitz an Schläuchen 
ermöglichte, sonst aber hauptsächlich von Milch zu leben. Die 
Kameele dieser Gegend geniessen eines ausgezeichneten Rufes und 
sind viel starkknochiger, muskulöser und fettreicher als die des Küsten- 
saumes. 

Wir überschritten den Churmat ct-Tuzizzet am 5. März in Sud 
südostrichtung und hatten dann östlich vom Wege nur noch eine 
weite Ebene. Auch westlich hörten die Ausläufer des Gebirges auf, 
und bald zogen wir über eine der schon erwähnten wüsten Ebenen 
hin, welche, jeden Lebens baar, zwar nicht der Vorstellung ent- 
sprechen, die man sich noch allzu oft in Europa von der grossen 
Wüste macht, und die von Sand unzertrennlich ist, aber die Sahara 
am meisten charaktcrisiren. In mittlerer Erhebung gelegen, den 
felsharten, ausgedörrten Boden dicht betleckt mit kleinen, vielfach 
abgeschliffenen Steinen auf einer dünnen Eage dunkelgelblichen 
Staubes, jeder Vegetation entbehrend, führen sie die Bezeichnung 
Serir, welches Wort eine Ebene bedeutet, die sich über ihre Um- 
gebung erhebt. Sic unterscheiden sich von den Hammaden oder 
wüsten Hochebenen nur durch die höhere Lage der letzteren und 
die grösseren und unrcgelmässigeren Steine, mit denen dieselben be- 
deckt sind. In beiden bilden sich durch Verwitterung flache Erosions- 
Thäler mit Tafelbergen, deren Höhe dem Niveau des umgebenden 
Terrains entspricht und ihren ursprünglichen Zusammenhang mit dem- 
selben zeigt, und welche deshalb „Zeugen" genannt werden. 

Wie gewöhnlich legten wir einen Tagemarsch von etwa acht 
Stunden zurück, passirten das Flussthal W. Zemäm, das von Westen 
nach Osten verläuft, und erblickten gegen Ende desselben bei ge- 
ringerer Verschleierung der Atmosphäre westlich einen Höhenzug 
und östlich eine Berggruppe. Jener giebt sowohl dem W. Zemäm 
L r rsprung, als auch den am folgenden Tage (6. März) passirten Fluss- 
thälern, den Wudjän Häd Bü Tobel, Tenin und Talha Bü Tobel, 
von denen der erste und letzte einem reisenden tripolitanischen Kauf- 
mann Namens Tobel zu Ehren, ihre Namen führen. 

Der Gebirgszug verläuft von Nordnordwest nach Südsüdost und 



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54 



1. Bi t H, 2. KAPITEL KKISE NACH H ZZ AN. 



scheint keinen Gesammtnamen zu haben, sondern nur in seinen 
Theilen nach den von ihm entspringenden Flussthalern , welche sich 
mehr oder weniger nach Nordost wenden, benannt zu werden. Wir 
folgten dem W. Talha Bü Tobel aufwärts bis zu seinem Ursprünge 
am Sudende des Höhenzuges, der dort in den Dsch. ct-Tar, eine aus- 
gedehnte Gebirgsgegend, jenseits welcher die Ebene von Söqna liegt, 
ubergeht, und lagerten sehr ermüdet nach neunstündigem Marsche 
im Churmat et Tär nahe einem Brunnen desselben Namens. 

Das Gebirge besteht aus einer Menge einzelner Gruppen von 
wilden, zum Theil wundervollen Formen. Kegel- und pyramiden- 
förmig erheben sich die Felsparthieen, geschieden durch Thaler mit 
Wasserbetten, welche offenbar erst vor Kurzem gefüllt gewesen 
waren und nach den kahlen Gegenden der verfllossenen Marschtage 
uns mit ihrer frischen Vegetation den wohlthuendsten Eindruck 
machten. Wahrend meine Leute aus dem Brunnen, dessen Wasser 
fast das Niveau des umgebenden Bodens erreicht, einen kleinen Vor 
rath einnahmen, erstieg ich einen der bedeutenderen steilen Kegel, 
der auf Kalk, Thon und Schiefer gelagerten dunklen Sandstein trug, 
und sich etwa 300 Meter über die Ebene erhob. 

Nach fünfstündigem Marsche durchschnittlicher Sudrichtung lag 
der Pass hinter uns; westlich vom Wege erblickten wir noch einige Aus- 
läufer des Gebirges, während vor uns auf der andern Seite sich zwei 
herrliche Berggruppen, der Osch. Hamöra und der Dsch. Türirin, aus 
der Ebene von Söqna erhoben. Diese letztere wird von breiten und 
schmalen Wasserbetten durchschnitten, welche aus dem Dsch. ct-Tar 
kommen, dicht mit Futterkrautern bestanden waren und sich süd- 
östlich bald in der Ebene verlieren. Jenseits der vor uns liegenden 
Ebene nahmen die dunkeln Häupter der schwarzen Berge von Söqna 
den südlichen Horizont ein. Nachdem wir unsern Weg in Südsüd 
west-Richtung noch durch einige Stunden fortgesetzt hatten, lagerten 
wir nach etwas mehr als sechsstündigem Marsche am westlichen 
Fussc des Dsch. Hamöra. 

Je mehr wir uns der Stadt Söqna näherten, desto häufiger zeig- 
ten sich die Spuren von Menschen und diese selbst. Die Meisten 
waren Urnila, einige auch Leute aus Hün. Schon seit dem Churmat 
et -Tuzizzet gehört der Grund und Boden eigentlich zu Söqna, doch 
beackern, besäen und beweiden ihn zur Zeit des Regens diejenigen, 
welche zuerst temporären Besitz von ihm ergreifen. 



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DAS UKBIROE BT -TAH IM« DIB DSCHOFRA. 



Die Ebene Söqna s, welche im Norden vom D.sch. et-Tär, im 
Süden durch den Dsch. cs-Södä begrenzt wird, steigt nach Westen 
allmahlig zu dem wüsten Hochlande der Hammada el-Hamra auf, 
umfasst nach Osten noch die kleinen Oasen von Hün und YVaddän 
und wird el-Dschofra genannt. Sic besteht aus kalkhaltigem Sand- 
boden, dem häufig Thon beigemischt ist, und in dem man nicht 
selten Salz und Gyps findet. Die erwähnten grösseren und kleineren 
Wasserläufe, welche vom Dsch. et-Tär oder seinen südlichen Aus- 
läufern kommend, sie in grosser Anzahl durchziehen, sind von Norden 
nach Süden die Wudjän Nüweir, Mälih, et-Tär, Tenizzelen, Urfelli, 
Hamöra, welche vom W. Urfelli gesammelt und nach Sudosten zu 
baldiger Versiegung abgeführt werden. Weiterhin werden die Wudjän 
Dinden, en-Nusf, Ferdschan, Meter im W. Ferdschän vereinigt, der 
sich unmittelbar nördlich von der Stadt nach Osten wendet, um sich 
in der Gegend von Hün in der Salz- oder Sebcha- Ebene Aqärib zu 
verlieren. Hün liegt etwas mehr als eine halbe Tagereise östlich 
von Söqna und um ebenso viel weiter in derselben Richtung liegt 
Waddän, eine Colonie von Schurafä (Mehrzahl von Scherif, der Nach 
komme des Propheten). Von beiden ist Hün der volkreichere Ort, 
steht jedoch selbst in dieser Beziehung gegen Söqna weit zurück. 

Die Stadt Söqna, eine Hauptetappe unserer Reise, war nahe; 
es genügte, am nächsten Morgen erst gegen neun Uhr aufzubrechen, 
um bei Zeiten einzutreffen. Der Tag war herrlich warm; die Luft 
klar und durchsichtig. Doppelt schon präsentirten sich die pracht- 
vollen Formen des Dsch. Türirin im Sudosten und ein mit zierlichem 
Palmenhain bestandener Sandhügel, dem wir uns zuwandten, im 
Süden. Derselbe hat an seinem Fusse zwei Brunnen guten Wassers, 
anderthalb Meter tief, und wird el-Hamäm genannt, wegen seines 
Reichthums an Tauben, und nicht etwa el-Hammäm (das warme 
Bad), wie er heissen könnte, wenn warmes Brunnen- «»der Ouellwasser 
auf ihm vorhanden wäre. Nicht weit von ihm verbarg uns ein gleich- 
falls mit Palmen bewachsener Sandhügelzug den Anblick der Stadt. 
Als derselbe überschritten war, lag diese mit ihrem riesigen Kastell, 
einigen Minarets und ihren Mauern und Thoren vor uns, und um 
Mittag schlugen wir in einem dicht an die Stadt stossenden Garten 
unser Lager auf. 

Alsbald erschienen die Notabilitaten der Stadt, der Mudir Sidi 
Ahmädi Billäh und der Vorsitzende des Rathes, der Baschalläh 



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Ö(i I. nrCH, 2. KAPITEL. RF.ISF. NACH FEZZAN. 

Hadsch Mohammed und zwei Brüder des Letzteren, um mich zu bc- 
grüssen. Ks waren liebenswürdige, verstandige Herren, von denen be- 
sonders der Baschalläh ein erfahrungsreicher, weit gereister Kaufmann 
war, der wiederholt eine öffentliche Rolle in seiner Heimath gespielt 
hatte. Sie waren berberischen Ursprungs, wie die Masse der Ein- 
wohnerschaft, ohne dass sie trotz ihrer relativen Bildung anzugeben 
gewusst hätten, aus welcher Gegend ihre Vorfahren gekommen waren 
und welchem Stamme sie angehört hatten. Sie wussten nur, dass 
dieselben vor etwa 300 Jahren aus Westen eingewandert waren und 
die Stadt gegründet hatten, in welcher gleichzeitig die umliegenden 
Dörfchen der Dschofra aufgingen. In der That gehört ein erheb- 
licher Bruchtheil der Einwohner dem arabischen Stamme der Riah 
an, welche jedoch zur Winterszeit mit ihren Kameelen in weide- 
reichcre (iegenden ziehen. Die Masse des Volkes spricht einen 
besonderen berberischen Dialect, der grosse Achnlichkeit mit dem 
von Ghadames hat; jedoch Alle verstehen und sprechen arabisch. 
Krüher wurde die Dschofra von Tripolis aus verwaltet, jetzt gehört 
sie administrativ zu Kezzan , das seinen Verwaltungsbezirk sogar bis 
auf Bü N dscheim ausgedehnt hat. 

Die Herren klagten sehr über den Verfall aller Verhältnisse und 
die Abnahme der Bevölkerung. Noch im Anfange des Jahrhunderts, 
zur Zeit el-Muqnis, ja selbst spater, als Abd el-Dschlil durch seine 
rebellischen Unternehmungen die dortige Welt aufrührte, sei Söqna 
viel mächtiger und bevölkerter gewesen; jetzt könnten sie höchstens 
500 waffenfähige Männer stellen, ohne freilich den schwarzen Bruch- 
theil der Bevölkerung mitzurechnen. Ks schien nach Allem wahr- 
scheinlich, dass Söqna noch gegen 300c Seelen in seinen Mauern 
berge. 

Die Stadt bildet ein längliches Septagon, das seine grösste Aus- 
dehnung von Nordost nach Südwest hat, und dessen längste Seite die 
nach Westen gekehrte ist. Sie hat sieben Thore und zweiunddreissig 
Bastionen an den Ringmauern, die aus Kalkstein mit Mörtel erbaut 
sind und keinen sehr vertrauenerweckenden Kindruck machten: wenig- 
stens schienen die Stützbalken der Thore - und diese waren nur aus 
Palmenholz geschnitten das solideste Element der Umschlicssung 
zu sein. Es giebt fünf Moscheen Dschämi'a von denen zwei 
mit unscheinbaren Minarets geziert sind, und drei Elementarschulen 
Medresa - in der Stadt. Alles wird hoch überragt von dem 



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SÖONA. 



57 



riesigen Kastell, das, ganzlich verfallen, jetzt keinerlei Zweck mehr 
dient. Von seiner Höhe hat man einen herrlichen Rundblick über 
die Umgegend, deren Einzelnheiten mir einer der Brüder des 
Haschallah mit grosser Liebenswürdigkeit erläuterte. 

Gerade im Westen der Stadt, in der Entfernung eines halben 
Tagemarsches, liegt die Berggruppe Oannasa; im Nordwesten, zwischen 
dieser und dem Tär-Gcbirge, der einzelne Berg Machrik, der haupt- 
sächlich dem W. Urfclli Ursprung giebt; im Südwesten Quwcirat er 
Kiah und Bü Schiqfa, Berggruppen, welche ebenfalls nur einen halben 
Tagemarsch von der Stadt entfernt sind. Zwischen dieser und den 
schwarzen Bergen, welche den südlichen I lorizont einnehmen, liegen 
die einzelnen Berge Qärct esch-Schäusch im Südsüdwesten, Tamzerükt 
im Süden, und Imizoghcn cl-Alja im Sudsüdosten, und den ostsüd- 
östlichen Horizont begrenzt die Gebirgsgruppe Eilqi. 

Von der finsteren Linie des Osch, es -Soda Hessen sich die Ein- ■ 
zelheiten nicht mehr deutlich erkennen, da sich der Sandwind wieder 
zu erheben begann. Stadt, Strassen und Menschen boten nichts 
Bcmcrkcnswerthcs. Wenn ich die Stadt mit später gesehenen ver- 
gleiche, so bildet sie einen Uebergang von den kleineren Ortschaften 
der Nordkäste zu den im eigentlichen Fczzän gelegenen. Noch sind 
Steine häufiger zum Bauen verwendet als weiter südlich; doch figu- 
riren die an der Sonne getrockneten Klumpen thoniger Erde, schlecht 
geformte Luftziegeln, anstatt jener häufiger, als in grösserer Nähe 
der Nordküste. Schon ist die Dattelpalme mit ihrem faserigen 
Hoize als Baumaterial in ihre Rechte getreten, doch erlaubt die 
Nähe von Tripolis noch, häusliche Utensilien aus Holz von dort zu 
beziehen. 

Die Einwohner der Stadt verwendeten, ihrem Berbercharakter 
entsprechend, offenbar viel Sorgfalt auf die Cultur ihrer Garten. 
Auf den Regen kann dabei nicht gerechnet werden, denn derselbe 
fallt natürlich sehr selten beispielsweise hatte es in dem gerade 
beendigten Winter vier Mal, jedes Mal mit geringem Niederschlage, 
geregnet ; vielmehr wird das Wasser, welches sich fast überall in 
der Tiefe von höchstens fünf Metern unter der Erdoberfläche findet, 
aus Ziehbrunnen, welche Esel in Bewegung setzen, vertheilt. Der 
Garten wird zu diesem Zwecke in kleine eingedämmte Vierecke ge- 
theilt, zwischen denen ausgegypste Canäle hinlaufen, und man sorgt 
durch abwechselnde Eröffnung und Verschliessung der verschiedenen 



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I. BUCH, 2. KAPITEL. R K I s K NACH PEZZAX. 



Damme dafür, dass jedes Viereck wenigstens einmal in der Woche 
wahrend eines ganzen Tages unter Wasser steht. In den östlichen 
Garten rindet sich sieben Klafter tief ein zur Gartenbcwasserung sehr 
geschätztes, laues Wasser. 

Man cultivirt in den Gärten Gerste und Weizen, deren grosse 
um! volle Aehren der Keife nahe waren, und spater im Jahre Durra 
(Sorghum) und Duchn (Penicillaria) , welche vom Spatsommer bis 
Spatherbst geerntet werden. Ausserdem gab es Klee- und Zwiebel- 
felder, Radieschen. Tomaten, Melüchia (Corchorus olitorius), Höhnen, 
und ausser den Datteln gewann man Aprikosen, Pfirsiche, Granat- 
apfel, Feigen, Mandeln, wenn auch in geringer Menge; ja sogar 
zwei Apfelbaume sah ich in verhaltnissmässigem Wohlsein. 

Das Thierleben der Gegend ist nicht von Bedeutung. Karneole, 
Kscl, Ziegen bilden die Hausthiere; Pferde und Rinder existiren nur 
in ganz vereinzelten Exemplaren. Von jagdbaren Thieren giebt es 
Gazellen, Hasen und Füchse, doch auch diese nur in geringer Zahl. 

Es war gut, dass ich schon am 'läge unserer Ankunft Stadt 
und Garten besichtigt hatte, denn am Abend desselben erhob sich 
ein heftiger Sudwind, der wahrend des ganzen folgenden Tages 
(10. Marz) mit ungeschwächten Kräften anhielt und die ganze Atmo- 
sphäre so verfinsterte, dass man selbst ganz nahe Gegenstände nur 
unklar zu sehen vermochte. Der Staub und die hochgradige Hitze 

um 2 I hr Nachmittags stieg das Quecksilber auf 43 0 C. 
machten jede Thatigkeit fast unmöglich; erst gegen Abend, als sich 
der Wind abschwächte, konnte man daran denken zu essen, zu 
sprechen und umher zu blicken, ohne Mund und Augen voll Sand 
zu bekommen. Auch im Laufe des 11. März erhob sich der Wim! 
wieder, so dass wir tlie beabsichtigte Abreise noch einen Tag hinaus- 
zuschieben uns veranlasst sahen. 

Die Herren der Stadt liessen es wahrend der Zeit unserer An- 
wesenheit nicht an guter Bewirthung fehlen, und Fleisch und beson- 
ders schönes Weizenbrod erschien uns als ein seltener Gcnuss, 
obgleich wir noch keinen Monat die materiellen Genüsse der Haupt 
stadt entbehrt hatten. Zur Weiterreise liess ich einen kleinen Vor- 
rath von Brod backen und kaufte auch einen Krug jener flüssigen 
Butter, welche die Araber ausschliesslich zum Essen benutzen und 
durch Kochen aufbewahrungsfahig machen. 

Mit zwei frischen, kraftigen Miethkameelen nahmen wir am 



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LHEKSTEkiUNG HER SCHWARZEN HER« JE. 



l 2. März unsere Reise wieder auf, hielten uns, w ahrend wir an einem 
palmenbewachsenen Sandhügel mit den Quellen Aweinat en-Nasi 
und an der kleinen Dattelpflanzung el-A'arescha im Thale des von 
Süden kommenden W. Hamamis, der zum W. Eerdschän geht, vor- 
überzogen, südsüdwestlich und schlugen nach einigen Stunden eine 
südwestliche Richtung ein. Die ganze Ebene war durchzogen von 
1 lalbw udjän, deren grüne Baumlinien hin und wieder aus dem Staub 
nebel tauchten und mehr oder weniger gegen den W. Hamamis hin 
liefen, bestand jedoch selbst aus einförmiger Serir. Westlich am 
Wege blieb der isolirte Kegel Garet er-Riah; östlich verlief die Berg 
gruppe Bü Schiqfa fast parallel unserm Wege von Nordost nach 
Südwest, wo sie eine ahnliche Gruppe, welche weiter westlicli von 
Norden nach Süden verläuft und Chischm es -Sultan heisst, erreichen 
zu wollen schien. 

Zwischen beiden und den schwarzen Bergen entsteht eine .Art 
Kessel in den von Süden, Westen und Osten die zeitweiligen Berg 
wasser sich sammeln, ehe sie in die Ebene von Söqna zum W. 
Ferdschan abgeführt werden. Durch dieses Thal, das den be- 
zeichnenden Namen el-Meläqi, d. h. der Sammler, führt, und in dem 
von Südosten der W. I.afnad, von Süden der W. el-Ahläq und von 
Sudwesten der W. el-Bir zusammenlaufen, führte unser Weg zum 
(icbirgspass, zu dem wir in den Windungen des letztgenannten der 
Abflussbetten über Sand und Stein, Kalkboden und Basaltstück- 
chen zwischen dunklem Sandstein einige Stunden hindurch aufstiegen, 
bis wir nach achtstündigem Tagemarsche unter einer ansehnlichen 
Sajälakazie am Bir Godcfa lagerten. 

Dieser Brunnen, welcher ausgezeichnetes Wasser in der Tiefe 
von nahezu fünf Meter enthält, liegt in einem Bergkessel, etwa 
300 Meter über dem Meeresspiegel und fast 200 Meter über der 
Ebene von Söqna. In dem westlichen Umfange des Kessels bildet 
das Thal el-Maurid den Ausgang. Wir benutzten diesen, folgten 
dann für kurze Zeit dem Bette des W. el-Wischqa, der aus Süd- 
westen kommt, bis zum Passe desselben Namens, und fielen mit dem 
Ncbcnthalc desselben, Luschäka, in die frühere Südsüdwestrichtung 
zurück. Etwas weiter westlich führt der sogenannte Tariq ct-Tittäwin, 
d. h. der Weg der Quellen, und im Osten am Eusse des den öst- 
lichen Horizont begrenzenden Höhenzuges Dsch. Nefda der Tariq 
esch-Schantar, d. h. der Postweg, in das eigentliche Eezzän. Wir 



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60 



1. BUCH, 2. KAPITEL. REISF. NACH FF/7 AN. 



wanden uns durch die Hügel und über ihre Rucken hinweg, bald 
mehr nach Osten, bald mehr nach Westen von der südlichen Richtung 
abweichend, überschritten den W. Zeqar, der aus Westsüdwesten 
kommend seine Wasser, wie die vorher passirten, dem Melaqi, zu- 
sendet, und stiegen in seinem Zuflussthalc Tafermi, das aus Südwesten 
kommt, stetig und allmahlig aufwärts. 

Durch schwarzen Eisensandstein und Basalt nehmen die Berge 
ringsum einen düsteren Charakter an, und nur hier und da bleibt 
der auf Thon ruhende Kalk frei von der schwarzen Bedeckung. 
Bald stiegen wir eine ziemlich steile Höhe, Dahar cl-Mümin, hinan, 
deren breiter Rucken eine mit kümmerlicher Vegetation gezierte Ab- 
flachung, el-Mädschi ; na, d. h. die Mulde, tragt, und erreichten jenseits 
dieser nach fünfstündigem Tagemarsche die höchste Erhebung des 
Basses. Von hier hatten wir einen weiten Ueberblick über die 
schwarzen Berge, sahen den Dahar es -Soda, die höchste Erhebung 
im westlichen Theilc des Gebirges und den Qaret et- Tafermi, den 
höchsten Bunkt in der östlichen Hälfte desselben. Näher lag uns 
im Westen der Oalb Warqän, im Nordwesten Qäret es -Zeqar und 
vor uns im Süden zeigten sich die einzelnen Berghäupter Qalabät 
el-Hamädät. 

Von der Basshöhe, welche etwa 700 Meter über dem Meeres- 
spiegel liegt, stiegen wir ziemlich rapide bergab, überschritten den 
W. Bü Freja und jenseits eines Hügelrückens die Wudjän Mcisa und 
BÖ Talha und nächtigten bald darauf im Bette des W. Bu 1-Haschim. 
Dieser entspringt, wie die drei vorhergenannten, aus dem westlichen 
Theilc lies Gebirges und bildet, mit ihnen sich weiter östlich ver- 
einigend, den W. Museirät, der sich dann bald in der Ebene verliert. 
Ein klarer, windloser Morgen lockte uns mit seiner Kälte wir 
hatten gegen Sonnenaufgang nur 4 0 C. zu frühem Aufbruch, als 
gerade der Kameel -Bostbote von Murzuq eintraf und schicklicher 
Weise erst, wenn auch einfach mit Datteln, bewirthet und ausgefragt 
werden musste. 

Diese Kameelpost, welche allwöchentlich einmal 'von Tripolis 
und von Murzuq abgeht und den Weg in achtzehn Tagen zurück- 
legt, während andere Reisende mindestens eine Woche mehr noth- 
wendig haben, ist eine der wenigen Wohlthaten, welche die türkische 
Regierung für Tripolitanien geschaflfen hat. Mit gut gezüchteten 
Rennkameelen der Tuarik - Mahäri würde diese Frist noch 



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GECF.NI) SÜDLICH VOM USCH. ES - SÖDÄ. 



61 



erheblich herabgemindert werden können, doch stände allerdings zu 
fürchten, dass diese kostbaren Thierc den klimatischen Einflüssen der 
Küste nicht Stand halten würden. An den Hauptstationen werden 
die Ersatzkameele zur festgesetzteu Zeit bereitgehalten, und der Ver- 
waltungschef entnimmt der verschlossenen Posttasche, zu der er einen 
Schlüssel besitzt, die für ihn und seinen Bezirk bestimmten Briefe. 
Oer Bote übernimmt auch gegen Vergütung die Besorgung von 
Packeten, und ich bekam spater in Murzuq durch seine Vermittlung 
aus Tripolis recht ansehnliche Kisten. 

So lange der westliche Theil des Dsch. cs-Södä noch nahe war, 
folgte Plussthal auf P'lussthal. Die meisten verlaufen von Westnord- 
west nach Ostsüdost, sind flach, mit kiesigem Bette auf lehmiger 
Unterlage, und die Träger einer Vegetation, die aus Sajälakazien, 
Coloquinthcn und verschiedenen Gräsern besteht. Das zwischen ihnen 
gelegene Terrain trägt entweder den Charakter der Serir und erhebt 
sich dann nur wenig über das Niveau der PMussbetten , oder besteht 
aus steinigen, mit Basaltstückcn beworfenen Hügelrücken. Ueber 
einen solchen stiegen wir aus dem Bette des W. BiV 1-IIaschim in 
das Thal des W. Tenqesir hinab und strebten in der gewohnten 
Südsüdwestrichtung den sich einige hundert P'uss über die ICbene 
erhebenden Bergkegeln Qalabät Moqris zu, zwischen denen durch 
wir das flache Thal des seichten W. Moqris el-Ghäriq betraten. 
Derselbe verliert sich in der P^bcnc nach Osten zu, wie der folgende 
W. Moqris es-Samah und auch der W. Ghänen, nachdem sich der- 
selbe zuvor mit dem folgenden W. Finqer vereinigt hat. Am W. 
Ghänen begegneten wir einer kleinen Karawane fröhlicher, gut ge- 
haltener Sclavcn, mit denen wir uns durch unzählige Läle's und Afia's 
begrüssten, und mit deren Herren wir die gewöhnlichen 1 Iöflichkeits- 
bezeugungen und PYagen und Antworten austauschten. Im W. P'inqer 
hat in seltenem Gemeinsinn ein Wohlthäter der Menschheit sich 
durch Construction eines Brunnens verewigen wollen. Als man nach 
langer Arbeit auf Wasser gestossen war, wollte er, sagt man, sich 
selbst von dem Erfolge überzeugen, stürzte aber dabei in den Schacht 
und fand seinen Tod. Man grub ihm sein Grab unter einer nahen 
Sajälakazie, der Brunnen aber blieb unvollendet. 

Die ganze Gegend steigt von W. Bü 1-Haschim an allmählig an, 
besonders aber nach der Passage des W. Finqer, bis wir nach einem 
Tagemarsche von mehr als acht Stunden jenseits des VV. Temeschin 



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I. DI CH, 2. KAIMT F.l. RF.tSF. NACH FF.ZZAN*. 



lagerten, an einer Stelle, wo ein gewisser Maqirsi ebenfalls vergeblich 
versucht hat, einen Krunnen graben zu lassen. 

Kur die folgenden Tage fehlte nicht allein das Wasser, sondern 
all und jedes Kameelfutter, das wir bisher wenigstens stets noch in 
den zahlreichen Flussthälern gefunden hatten. Wir brachen am 
15. Marz erst spat am Vormittage auf und betraten, nachdem bald 
die letzten Umrisse der schwarzen Berge unseren Augen entschwun- 
den waren, eine unabsehbare, ansteigende, durch zahllose Stückchen 
schwarzen Kisensteins dunkelgefärbte Kbenc, die Maiteba Soda oder 
schwarze Maiteba, welche mit ihrer höchsten Krhebung und einem 
dichteren dunkeln Belag sich scharf absetzt gegen die folgende, etwas 
unter ihrem Niveau liegende Maiteba Hamra. Diese hat dieselbe Con- 
figuration wie die erstere, unterscheidet sich aber von ihr durch das 
bräunliche Gestein, mit dem sie bedeckt ist. und das zusammen mit 
dem Staube seines Zerfalls ihr den Namen der rothen Maiteba ver- 
lieh. Auch sie steigt allmählig an und schneidet in ihrer höchsten 
Krhebung mit einem stumpfen Kamme weissen Kalksteins ab. 

Von dem höchsten Punkte der Gegend, dem Kndpunkt der 
schwarzen Maiteba, erblickten wir vor uns das scharf abgeschnittene 
Ende einer von Westen heranziehenden Hügelkette, das sogenannte 
Qoff*) el-Gharbi und in noch weiterer Ferne das ebenso geformte 
Ende eines von Nordosten kommenden Höhenzuges, das CJoft esch- 
Scherqi. Wir hielten in unserer bisherigen Wegrichtung gerade auf 
das Qoff el-Gharbi, bis wohin sich eine charakteristische Serir aus- 
dehnt. Diese ist durch den W. Warqan unterbrochen, der mit seiner 
fast ausschliesslichen Vegetation von Coloquinthen - Handal sich 
nach Südosten zu verliert. 

Vom endlich erreichten Qoff el-Gharbi, das aus einem sand- 
bedeckten Kalkhugel mit grobem Sandstein besteht, und offene 
Kalkzüge in die Ebene schickt, betraten wir die weite, sanft an- 
steigende Serir Ben Afien, welche in einer Breite von reichlich fünf 
Stunden vor uns lag und an grossartiger Einförmigkeit alle bis 
dahin gesehenen Kbenen der Art ubertraf. Nichts, woran das Auge 
haften konnte, auch nicht die leiseste Spur von Leben, ein voll- 
standiges Bild der Leere und Unendlichkeit. Nirgends fühlt der 
Mensch sich so klein und verloren, und doch wieder nirgends so 



*) Qoff bedeutet eine steinige Krhebung. 



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MAITKBA, liOYh LSD RAM I.A. 



stark und gehoben, als im Kampfe mit dieser hulflosen Verlassenheit, 
im leblosen, scheinbar unbegrenzten Räume. Wüstenreisen machen 
den Menschen ernst und nachdenklich, und die echtesten der Wüsten- 
söhne, die Tuarik und die Tubu, welche ihr ganzes Leben in diesem 
einsamen Kampfe gegen den weiten, wüsten Kaum verbringen, haben 
ein fast finsteres Aussehen, zu dem keine harmlose Heiterkeit mehr 
zu passen scheint. Der finstere Charakter dieser niederdrückenden 
Grossartigkeit wurde erhöht durch einen neuen Sandsturm aus Süden 
mit allen seinen kleinen Leiden im Gefolge. Unter seinem Einflüsse 
und dem der beginnenden Dunkelheit hatten wir schliesslich die 
Richtung verloren und legten uns, sobald wir dessen innc wurden, 
nach neunstündigem Tagemarsche zur Nachtruhe nieder. 

Bei klarerer Luft führte uns der Anblick eines fernen Sand- 
hügelzuges, der als Kamla el-Kebira, d. h. der grosse Sand, ein be- 
kannter Wegweiser ist, am folgenden Morgen wieder auf den richtigen 
Weg, von dem wir nach Westen abgewichen waren. Bis zu diesem 
niedrigen Dünenzuge, der, von Nord nach Sud verlaufend, einen 
westlichen Auslaufer hat und gleichfalls jeder Vegetation entbehrt, 
ist die Serir Ben Afien durch Nichts unterbrochen. Jenseits der 
Sandhügel wird das wüste Terrain sanft gewellt, erhebt sich an einer 
Stelle flach und breit als Arqüb el-Meschija, d. h. der Aufstieg der 
Meschija, über die Umgebung und zeichnet sich weiter durch vier- 
zehn regelmässig angeordnete tiefere Bodenwellen aus, deren Tiefen 
unter dem Namen el-Ahfiir, d. h. die Gruben, zusammengefasst 
werden. 

Kein Fremder wird einen Unterschied zwischen dieser Gegend 
und der übrigen steinigen Wüste bemerken, doch der Araber, der 
in der Einförmigkeit seiner Umgebung viel Sinn für die kleinsten 
Verschiedenheiten derselben hat, kennt denselben sehr gut und ent- 
deckt ihn aus weiter Ferne. Von Welle zu Welle durchzogen wir 
die Hinöde; vergebens hoffte das gelangweilte Auge von jeder 
folgenden eine Aenderung der Scenerie; selbst eine geringe Terrain- 
erhebung, mit Kisensandstcinstucken besäet, welche als Ruheplatz 
für die von Omm el-Abid kommenden Karawanen dient und den 
Namen Qureinfatu führt, konnte in dieser Beziehung nicht befrie- 
digen. Nach achtstündigem Marsche in unserer gewöhnlichen Süd- 
sudwestrichtung passirten wir diesen Ort, strebten einer kaum merk- 
lichen Erhebung zu, welche unter dem Namen Ras et-Tubäwi, d. h. 



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VA 



l. HUCH, 2. KAPITEL. REISE NACH KKZZ AN. 



der Vorsprung des Tubu, bekannt ist, und lagerten nach weiteren 
zwei Stunden jenseits des Musalla es -Sultan, d. h. Betplatz des Königs, 
genannten Punktes in äusserster Ermüdung kurz vor dem Eintritt in 
die Sandhügelregion des Ramla es Srhlra, d. h. des kleinen Sandes. 

Fast täglich begegneten wir jetzt kleinen Sclavenkarawanen, 
doch war Haltung und Physionomie der Armen im Ganzen recht 
zufriedenstellend. Gut gekleidet und genährt, scheinbar heiter und 
zufrieden, zogen sie dem Hude ihrer muhseligen, leidensvollen Wan- 
derung entgegen. Üer Handel mit Sclavcn war offenbar noch in ziem- 
licher Blüthe, und man fragte nach ihrem Preise gerade so einfach, als 
man sich nach dem des Getreides, des Geis und der Butter er- 
kundigte. 

Der 17. März war der fünfte Tag seit. unserer Abreise von Söqna; 
an ihm sollte durch die Erreichung des Thaies von Omm el-Abid, 
d. h. Mutter des Sclaven, mit seinen Brunnen der Wassermangel des 
Weges sein Ende erreichen. Die empfindliche Morgenkälte (4 0 C. 
vor Sonnenaufgang) sowie die Bestrebung, die wüste Sandgegend 
des Ramla es-Srhira möglichst bald hinter uns zu haben, brachten 
uns zum frühen Aufbruch. Die Sandgegend vor uns sollte eigent- 
lich Ramla el-Kebira heissen, denn sie übertrifft an Ausdehnung bei 
weitem die Abends zuvor passirten Dünen. Die ganze Region er 
streckt sich in wüstem Gewirre von Nordost nach Südwest und be- 
steht aus einfachen Dünenhügeln, Kalkbergen und Sandsteinfelsen. 
Der sichtbare Weg hört hier bei dem geringsten Winde sofort auf, 
doch war der Sand trotz der gänzlichen Abwesenheit von Feuchtig- 
keit stellenweise hart genug, um Menschen und Kameele zu tragen. 

Nach einstündiger Arbeit hatten wir die eigentlichen Sandberge 
uberschritten, sandbedeckte Kalkhugel traten in den Vordergrund, 
und weiterhin Felsen von grobem, zerbröckeltem, verwittertem Sand- 
stein, die mehr oder weniger im Sande stecken und sich nicht über 
100 Fuss hoch erheben. Diese Gegend heisst Mähiaf Kneir, und 
einer der Felsen, der von regelmässiger Kegelform auf seiner Spitze 
einen plumpen Kopf vortäuscht, ist unter dem Namen el-Aineima, 
d. h. der kleine Turban, bekannt. Von der Höhe desselben übersieht 
das Auge nach Süden eine weite unregelmässig gewellte Ebene, ein« 
gefasst von Berggruppen und einzelnen Kegeln und durchsetzt von 
Hügeln und Thälern. Nach Sudwesten setzt sich die eben über- 
wundene Region weithin fort, sich durch die helle Farbe ihres Sandes 



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HATTljA OMM Et.-ABln. 



Gd 



scharf von der Umgebung abhebend. Westlich am Wege sahen wir 
ein Flussbett nach Südwest verlaufen, das von seiner ausschliesslichen 
Tamarix -Vegetation W. el-Etel genannt wird, und vor uns einen 
Ruis el-Babüschi genannten Höhenzug, von dem wir in die Hattija 
Omm el-Abid niedersteigen sollten. 

Der Sand hört hier allmählig auf, lässt Kalkgestein durch- 
brechen, bedeckt sich hier und da mit Gras und Hadkraut (Cornulaca 




Zweig von IläU (C ornulaca inonocanthn; iii etwa* verkleinertem Maass«ial>c. 

monocantha), dem besten Kameelfutter jener Gegend, wird durch 
Thonboden und einen kleinen ausgetrockneten Sebcha unterbrochen 
und schliesst gänzlich ab mit einem breiten, flachen Thale, das sich 
verschiedener kleiner Wasserbetten erfreut und von Ost nach West 
erstreckt. Diese Rinnsale haben ein lehmiges Bett, heissen Tlahat 
el-Mansüri und verlieren sich alsbald in der Ebene. 

Sobald jenseits des Thaies der genannte niedrige Höhenzug über- 
schritten war, begann eine reichere Vegetation, welche ihren I löhepunkt 

Nuchtital. L 5 



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GÜ 



1. MICH. 2. KAPITEL. KKISF. NACH PEZZAN. 



erreichte in der angestrebten Hattija mit ihren Dattelpalmen und Tama- 
risken, ihren Grasern und Futterkräutern unter diesen besonders der 
von den Kameclen geliebte Aqül(Alhagi Maurorum) — , ihren Sandstein- 
hügeln und Wasserspenden. An den letzteren, deren eigentlich zwei 
waren, ein Wasserloch unmittelbar unter der Bodenoberfläche in der 
Tiefe des Thaies - Am Omni el-Abid und ein Galerie-Brunnen 
Fuchchar Omni el-Abid schlugen wir nach siebenstündigem Marsche 




/w«iü von Ai|ül (Alh.igi M.itiroriinij in verkleinertem Mannvlalic. 

unser Lager auf. Der letztere Brunnen, dessen System aus verticalen 
Brutlfienlöchcrn besteht, welche durch horizontale, passend inclinirte 
Canälc verbunden sind, und der natürlich sorgfaltiger Instandhaltung 
bedarf, war zwei Klafter tief, aber versandet merdüm 

Die Hattija das Wort bedeutet eine fruchtbare Ebene, kleine 
Oase Omni el-Abid kann als das östliche Ende des langgestreck- 
ten W. Schijati angesehen werden, das sudlich von der Hammada 
elllamra, zwischen ihr und den östlichen Auslaufern der Dünen 



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OASE SIRRHEN. 67 

Edeien*) liegt. Hier beginnt der Archipel der Oasen, welche das eigent- 
liche Fezzän bilden und in kurzen Zwischenräumen aufeinander folgen. 
Schon nach drei und einer halben Stunde Südwestrichtung erreichten wir 
die Dattelpflanzungcn von Sirrhen, nachdem wir über Kalk- und Sand- 
steinhügel, Serir und Sand, an den Kegeln Rüs el-Ghelat, welche etwa 
150 Fuss hoch westlich vom Wege bleiben, vorübergezogen waren. 

Als wir in Sicht des ersehnten Grün der Pflanzung Rhaba 
kamen, waren wir von ihr getrennt durch eine Niederung, die von 
länglichen mit Domran (Traganum) und Etelbüschen bestandenen 
Sandhügelchen Siüf (Mehrzahl von Seif, das eigentlich Säbel 
liefest, uneigentlich aber auch scharf geformte kleine Sandhügel be- 
deutet durchsetzt war. Nachdem sich die Kameele in dem Dom- 
ran gütlich gethan hatten, zogen wir noch fast eine Stunde durch 
die Dattelpflanzungcn und Gärten der Ortschaft auf diese selbst zu. 

Sirrhen ist ein Städtchen mit jetzt verfallenen Kingmauern von 
150 Wohnstätten, Häusern, die aus kalk- und sandhaltigem Lehm 
gebaut sind und einen nur unzulänglichen Schutz gegen Regen ge- 
währen. Ein verfallenes Kastell — Q«'isr , aus demselben Material 
erbaut, doch mit mächtigen Wänden, ragt im Centrum hoch über 
die niedrigen, würfelförmigen oder länglichen Häuschen mit ihren 
platten Dächern empor. Die 800 bis iooo Einwohner sind Zejädin 
(Mehrzahl von Zeidan) von Foghaa im östlichen Fezzän und als 
solche Muräbidija, d. h. gehören einem Stamme von erblich religiösem 
Charakter an. Sie sind die Herren des Städtchens; mit ihnen wohnen 
Leute aus dem Nomaden -Stamme der Meqäriha, deren eigentliche 
Sitze im W. Schijäti sind. Zwei Stunden Südsiftlwest von Sirrhen 
beginnt die Oase von Semnu, getrennt von jener durch eine Serir, 
auf der eine Sandhügelreihe die genaue Mitte zwischen beiden Städt- 
chen bezeichnet. Wir zogen an Sirrhen vorüber, um in der Mitte 
des Nachmittags auf der Westseite von Semnu unser Lager aufzu- 
schlagen. 

Das Städtchen Semnu hat ebenfalls keine eigentliche Ringmauer 
mehr, doch ein reinlicheres und besser unterhaltenes Aeussere als 
Sirrhen und weniger verfallene Gebäude, in deren Construction aller- 
dings der Lehm vorwaltet, aber auch guter, zum Theil schwarzer Sand- 



*) Kdeicn ist die Mehrzahl von Idehi und eine generelle lkzeicrimtn«; für Düne im 
1 uarik-Dialccte der Berbersprache. 

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I. ntCH, 2. KAPITEL. REISE NACH FF.ZZÄN. 



stein verwendet ist. Neben dem Charakter grösserer Solidität, den 
ihnen das Haumaterial verlieh, machten die Häuser dadurch, dass 
sie vielfach geweisst waren, auch einen freundlicheren Kindruck. 

Das Qasr, welches auch diese Stadt überragt, ist zur Zeit Abd 
el-DschliTs erbaut worden, ein fast quadratisches Gebäude mit vier 
Kckthürmen, dicken Mauern mit Schiessscharten in der oberen Ktage, 
in welcher Galerien ringsherumlaufen, und einem offenen Hofraum 
in der Mitte. Zwei Minarets, wenn auch nur von geringer Höhe, 
gesellen sich zu den vier Kckthürmen des Schlosses und bilden mit 
den zahlreichen Dattelpalmen, welche von allen Seiten die Stadt 
uberragen, ein malerisches und graziöses Knsemble. 

Das Städtchen bildet ein unregelmässiges Viereck, dessen Seiten 
nach den vier Himmelsgegenden gerichtet sind. Die Strassen sind 
so eng, dass sie nicht einmal beladenen Kameelen den Durchtritt 
gestatten, sondern gerade nur zur Gradation der Bewohner hin 
reichen. 

Die Stadt soll sehr alt sein, wenn auch zur Zeit Abd cl-Dschlil s 
Vieles erneuert wurde. Sie zählte 250 Hausstände Hausch 
also etwa 1200 bis 1500 Kinwohner, welche thcils Muräbidija, wie 
die Leute von Sirrhen, thcils gemischte Fezzäner, thcils Araber, und 
zwar ebenfalls Meqänha, sind, während früher viele der Aulad 
Solimän ihren Dattelbesitz daselbst hatten. Die Kinwohner leben 
meist von Gartencultur , unternehmen zuweilen Handelsreisen und 
treiben nur sehr wenig Viehzucht. Einige Kameele, kleine Zicgen- 
heerden, die nöthigen Ksel zur Bewässerung der Gärten, hier und 
da ein Pferd, bilden ihren ganzen Viehbestand. Im Qasr überraschte 
mich der ungewohnte Anblick zweier Pferde, welche dem Bezirks- 
vorsteher gehörten, der folgenden Tages mit uns nach seinem Wohn- 
orte Temenhint zu gehen beabsichtigte. 

4 Die Cultur des Bodens erstreckt sich auf Dattelpalmen, deren 
Fruchte auf den Markt von Murzuq gebracht werden, auf Weizen, 
Gerste, Duchn und Durra Die Gärten waren sauber gehalten und 
gut geflegt, zeigten aber in der Mannichfaltigkcit der Krzeugnisse 
schon einen erheblichen Abstand von denen Söqna's. Die Dattelpalmen 
überwogen erheblich und waren zum Thcil prächtige, schöne Bäume; 
doch die Weizen- und Gerstefelder waren bei weitem nicht so üppig, 
der Klee kümmerlicher als in Söqna, und von Fruchtbäumen gedieh 
in einigen wenigen Gärten nur etwa ein vereinzelter Granatapfelbaum, 



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OASE SEMNl'. 69 

eine dürftige Weinrebe oder ein leidlicher Feigenbaum. Das Wasser 
zur Bewässerung der Gärten wird nahe der Oberfläche im Kalk- und 
Lehmboden, in grösserer Tiefe unter dem Sandstein gefunden, s<» 
dass die Brunnen in ihrer Tiefe variiren von zwei bis zu zwüh 
Klaftern. Das Wasser ist klar, wohlschmeckend und süss. 

Regen ist selten und unerwünscht, nicht allein, weil er die Lehm- 
häuser hinwegwäscht, wenn er einigermassen reichlich ist, sondern 
auch, weil die Bewohner für die Dattel- und Gartencultur die regel 
massige Brunnenbewässerung vorziehen. Die Dattelpalme soll ihren 
Fuss im Wasser, ihr Haupt in der Sonne haben. Wenn die Früchte 
nach Regen schlecht gerathen, so ist es nicht unwahrscheinlich, dass 
das Wasser desselben den Baumwurzeln durch seinen Salzgehalt, den 
es aus dem Boden empfangt, schädlich wird. Man bezeichnete mir 
das Wasser des Regens als mejit, d. h. todt, das des Bodens als hai, 
d. h. lebendig, lebenspendend. 

Mein Gastfreund in Semnu wurde ein freundlicher, ältlicher Herr, 
Namens Bü Aischa, der alsbald nach meiner .Ankunft mich zu bc- 
grüssen und mir seine Dienste anzubieten kam. Kr war früher Mudir . 
des Bezirks, in dem Semnu liegt, und der auch Sirrhen, Temenhint 
und Sebha umfasst, gewesen und bei Gelegenheit des letzten IVischä- 
wechsels in Murzuq von seinem Amte abberufen worden. An 
seiner Stelle war ein Bewohner des benachbarten Temenhint, wenn 
nicht zum Mudir, so doch zum Bäsch -Scheich, d. h. zum Ober- 
altesten oder Districts\ orsteher, ernannt worden, was den alten Bieder- 
mann sehr gekränkt hatte. Sowohl er als sein Vetter, el-Hädsch 
( >mar, w aren sehr geachtete Muräbidija, und Beide beeiferten sich, 
uns nach Kräften mit sehr wohlschmeckendem Brode und fleisch- 
haltigcr Sauce aus Melüchia zu bewirthen. Wir blieben auch am 
folgenden Tage noch in dem gastlichen Orte, theils, weil ich noch 
verschiedene F>kundigungen bei den freundlichen Leuten einziehen 
wollte, hauptsächlich aber, weil Giuseppe eine sehr heftige Augen- 
entzündung hatte, und ein starker Sandsturm sich aus Westen erhob, 
der wohl geeignet schien, dieselbe zu verschlimmern. 

Der Weg nach Temenhint, der folgenden Oase, die wir am 
20. März in sechs Stunden erreichten, verläuft in westlicher Richtung 
mit ganz unbedeutender Abweichung nach Süden und führt durch 
eine gebügelte Sandebene, die mit jener schon während der letzten 
Tage so massenhaft beobachteten Kameelfutterpflanze Domrän be- 



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I 

70 



!. BUCH, 2. KAPITEL. REISE NACH II 17. AN. 



wachsen ist. Südlich, nahe am Wege und fast parallel mit ihm, 
zeigt sich eine lange Reihe, zum Theil eng zusammenhängender, 
abgestutzter Kegel von dunklem Sandstein, deren Zwischenräume 
mit Sand ausgefüllt sind, die Mereitiba, und zwei von ihr abgeson- 
derte vollständige Kegel, die Ruisat oder Köpfchen. Man durch- 
schneidet dann ein kleines Thal mit Dattelpflanzungen, Namens 
Qurmeda, das sich von einem unbedeutenden, abgestumpften Kegel 
gleichen Namens nach Nordwesten erstreckt und ausser den Dattel- 
palmen, w elche den Muräbidija von Sirrhen gehören, noch Tamarisken 
und Qataf (Atriplex) hervorbringt. Weiterhin berührt der Weg den 
südlichen Rand einer ähnlichen Dattelpflanzung, el- Ansein, deren 
Ernte dem Kiscus Bciliq gehört. Eine dünne Linie von Palmen 
zieht sich von ihr bis zu den Gärten von Temenhint, welche wir über 
steinigen und hügeligen Boden erreichten, nachdem wir südlich am 
Wege noch einen vereinzelten Berg, Ras Bir esch-Schebäni, d. h. 
Brunnenkopf des Alten, gelassen hatten. 

Temenhint umfasste 133 Hausch, zählte also etwa 800 Einwohner 
. und liegt reizend in der Mitte wundervoll gruppirter Dattelpalmen. 
Doch mehr als ein Drittheil der aus Lehm gebauten Häuser, wie 
auch das Qasr, waren im letzten Sommer durch einen wolkenbruch- 
artigen Regen zerstört worden, der nach Sonnenuntergang bei West- 
wind eintrat und um die Zeit der Aschä, d. h. anderthalb Stunden 
spater, sein Werk der Zerstörung beendigt hatte. Sechs Menschen 
und fünfzig Thiere verloren das Leben bei dieser Katastrophe, die 
gewiss ebenso unerwartet, als in solcher Stärke unbekannt, die Ein- 
wohner kopflos gemacht hatte. 

Der Ort ist gegründet worden von Leuten des ausgestorbenen 
Stammes der Beni Bedr, wurde dann der Regierung der Auläd 
Mohammed unterstellt und theilte seitdem die Geschicke der ganzen 
Provinz. Die Auläd Solimän sind später im fast ausschliesslichen 
Besitze des Ortes gewesen. Die jetzigen Bewohner waren arme 
Leute, welche mühsam ihren Lebensunterhalt durch Gartcncultur 
und hin und wieder durch kaufmännische Reisen gewannen. Sie 
schienen in noch bescheideneren Verhältnissen zu leben, als ihre 
Nachbarn in Semnu, und konnten sich nicht einmal zu einer gastlichen 
Bewirthung aufschwingen. 

Bei der Weiterreise am folgenden Tage (21. März) erblickten 
wir am Ausgange der Gärten zwei Berggruppen, el Ghräbät, nahe 



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OASEN TEMEN Hl NT UND SEBHA. 



71 



dem südlichen Rande der Oase. Wir hielten Südwest-Richtung ein, 
durchschnitten eine sandige Niederung mit Dattelpflanzung, Namens 
et-Tuweischät, welche sich im nördlichen Bogen bis zu den Gärten 
Temcnhints erstreckt, Hessen den Felskegel Qalaat el-Mal nord- 
westlich am Wege und passirten den stets wasserlosen W. el-Ghäzi 
mit spärlichen Sandstein- Felsen auf seinem südöstlichen Ufer. Die 
Gegend wurde unwirklicher, die Vegetation armer, bis wir gegen 
Ende des sechsstündigen Marsches von der Hohe des Dsch. Ben 
Arif, eines Felsens von dunklem Sandstein horizontaler Schichtung, 
auf ein weites gewelltes Thal hinabschauten, das fast allseitig von 
einem Falmengürtel cingefasst, die Oase Sebha mit den drei Ort- 
schaften Dschedid, Qarda und I Iadschära bildet. Wir stiegen in die- 
selbe herab und lagerten nahe bei der erstgenannten der drei Ort 
schaften. 

Dschedid ist eine mit Ringmauern, Kckthürmen und einigen 
Minarets versehene Stadt, aus Sandstein, Lehm und Kalk gebaut, 
die nicht so neu ist, als ihr Name Dschedid heisst ,neu an- 
deuten könnte. Sie soll vor 2H0 Jahren vom Muräbid Hamed el-Haderi 
gegründet worden sein und seitdem an allen Phasen politischen 
Wechsels, an denen Fezzän so reich ist, lebhaften Theil genommen 
haben. Auch die Oase Sebha war eine Zeit lang fast ausschliesslich 
in den Händen der Aulad Solimän. Jetzt zählt Dschedid 220 250 
Häuser; Qarda erreicht diese Zahl nahezu, wahrend Hadschära es 
auf nicht viel mehr als 100 gebracht hat. 

Mauern, Häuser und Thüren hatten zwar etwas Festeres, Wohl- 
crhalteneres, als die der beiden vorher berührten Ortschaften, doch 
war Lage und Landschaft weniger reizvoll und freundlich. Ebenso 
war mir der harmlose, freundliche Hü Aischa in Semnu eine viel 
angenehmere Erscheinung, als der viel angesehenere Mudir oder 
Regierungspräsident, der mir mit den Notabilitäten der Stadt Dschedid 
sofort seinen sehr höflichen, aber förmlichen Besuch machte. Das 
gastliche Abendessen, bei dem sich der genannte Chef sogar bis 
zum Opfer eines Huhnes verstieg, verrieth einen Grad öffentlichen 
Wohlstandes, wie er den Leuten der benachbarten Oasen nicht eigen 
zu sein schien. 

Die Oase Sebha kann als das östliche Ende des langgestreckten 
W. Ladschal betrachtet werden, der sich in der Länge von einigen hun- 
dert und in der Breite von fast zehn Kilometern von der Amsakkette 



12 \, BUCH, 2. KAPITEL. KKISK NACH I- KZ 2 AK* 

nach Ostnordost erstreckt und in eine westliche Hälfte W. el-Gharbi 
und eine östliche — W. esch-Scherqi - zerfallt. 
Die nächste Oase auf dem Wege nach Murzuq, Rhodwa, ist 
zwei Tagemärsche von Sebha entfernt. Wir hielten Südsüdwest- 
Richtung ein, zogen über die salzhaltige und .sandreiche Alluvial- 
schicht des Bodens der Oase Sebha, hatten die Palmenpflanzungen 
Dschedid's nach einer Stunde hinter uns, Qarda im Osten, Hadschära, 
das dem ersteren näher liegt, im Nordosten, die Berggruppe Gharibät 
eine halbe Tagereise weit im Westen, und hielten auf einen niedrigen 
Höhenzug zu, der den Weg schneidet und den Namen Bibän, d. h. 
Thorc, führt. 

Die Ebene stieg allmählig an und bestand aus reinem Sande, 
der auf seiner harten Oberfläche unter dem Einflüsse des vor- 
herrschenden Nordostpassat zart gewellt erschien. Sie trug im 
Beginne humusgemischte Hügelchen mit Domran- Büschen, wurde 
dann einförmiger und kahler und war endlich ohne alle Vegetation. 
Wir erreichten die Bibän, eine Reihe von Kegeln, welche von West 
nach Ost verlaufen und in denen Sandstein vorwaltet, nach fünf 
Stunden, passirten sie und noch drei andere ihnen parallele Höhen- 
züge, welche in weiten Zwischenräumen unsern Weg schnitten, und 
betraten nach achtstündigem Marsche die Serir el-Maala genannte 
wüste Ebene. 

Wir hatten gehofft, den Bir cl Muqni zu erreichen, besonders da 
der Brunnen der Biban seit lange versandet war, doch das alters- 
schwache Tuärik-Kameel des Qatrüner s hatte durch seine Kraft- 
losigkeit einigen Aufenthalt verursacht und die Nacht stand bevor. 
Daher beschlossen wir nach zehnstündigem Marsche, in einem nahen 
Thale, das sich uns durch eine Linie von Sajälakazien verrieth, dem 
W. es-Südani, die Nacht zu verbringen. 

Die Reise durch die Serir el-Maalä (23. März) wurde wieder sehr 
unangenehm gemacht durch einen heftigen Westwind mit Sand- 
tromben und prickelndem Kies- Regen. Während sonst der Wind, 
welcher meistens aus der östlichen Hälfte des Himmels blicss, regel- 
mässig mit dem Stande der Sonne zu- und abnahm, begleitete uns 
derselbe an diesem Tage nicht nur bis zu unserem Tagesziele Rhodwa, 
das wir nach acht Stunden erreichten , sondern hielt sogar noch bis 
Mitternacht an. 

Die Ebene selbst ist ausser von dem W. es-Südani noch von 



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OASE KHOinVA. 



73 



einigen anderen flussbettähnlichen Thälern durchschnitten, die sich 
von den zahlreichen nordwestlich gelegenen Berggruppen, Ketten 
und -Kegeln nach Südsüdosten senken, und zeigt nicht den reinen 
Serir- Charakter, sondern ist häufig durch Gesteinaufspriinge und 
Sand unterbrochen, und ihre Vegetationslosigkcit ist eine weniger 
absolute. Nach sechsstündigem Marsche näherten wir uns ihrem 
Knde; eine von Nordost nach Südwest streichende Reihe von Dattcl- 
bäumen und Etelhügeln tauchte allmählig aus dem graugclben Nebel 
des Wüstenwindes, und bald erreichten wir den Bir el-Wischqa. der 
eigentlich kein Brunnen, sondern eine unter einer freiliegenden, 
anderthalb Meter starken Schicht Sandstein zu Tage tretende Quelle 
ist. Hier ist der Endpunkt des W. Ncschüa, der einige Tagereisen 
nordwestlich von Murzuq im W. Otba beginnt und anfangs Ostnordost 
und dann Nordost verläuft. 

Bir el-Wischqa liegt am Eingänge des auf Stunden sich aus- 
dehnenden, doch bedauerlich vernachlässigten Palmenhains von 
Rhodwa. Dieser gehörte grösstenteils dem Beiliq und auf diesem 
Umstände beruhte sein Zustand der Verwilderung, der bedauerlich mit 
der Sorgfalt contrastirte, welche sonst in Fezzän von den Bewohnern 
auf die Cultur dieses nützlichen, dort geradezu unentbehrlichen Baumes 
verwendet wird. Die überall aufgeschossenen Sprösslinge hatte man 
versäumt abgesondert zu verpflanzen und so ihrer vollen Entwicklung 
entgegenzufuhren. Alles blieb da, wo es entstanden war, nahm dem 
Mutterbaume die Kraft und konnte selbst nicht gedeihen. So war 
der ganze Hain ein dichtes, oft undurchdringliches Gebüsch von 
Wischqa's, d. h. jungen ungepflegten Dattelbäumchen, die sich gegen- 
seitig in ihrem Gedeihen beeinträchtigten und wenig Früchte trugen. 

Wir durchzogen ihn in fast südwestlicher Richtung und erreich- 
ten nach achtstündigem Tagemarsche die Qubba des berühmten 
Muräbid Sidi Mesa'ud el-Emir mit den Ruinen des früheren Rhodwa 
und gleich darauf das Dörfchen selbst. Dieses war die miserabelste 
von allen Ortschaften, die wir seit Tripolis gesehen hatten. Einige 
Dutzend Hausstände, deren viele in Hütten aus I'almcnblättcrn etablirt 
waren, bildeten den Rest des früheren Dorfes, von dem zwei Drittel 
in Trümmer gesunken waren. Früher hatte die Cultur Rhodwa's 100 
Kafis Datteln i Kafis enthält 24 Kel oder fast 4 Centner ge- 
liefert, jetzt gab sie nicht mehr die Hälfte, so dass die Einwohner ein 
sehr kümmerliches Leben führten. Diese waren so verkommen in 



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[. BUCH, 2. KAPITEL. REISE NACH FEZZAN. 



ihrer Armuth, dass sie sich zu keiner Anstrengung mehr aufschwingen 
konnten, wie denn Energie überhaupt nicht zu den Eigenschaften des 
Fezzaners gehört. Früher war Rhodwa der Sitz eines Mudir's ge- 
wesen ; jetzt existirte nur noch ein Ehrenmudir in Gestalt eines alten 
Negers, der noch aus der Zeit Jüsef Paschas stammte und ebenso 
wenig zu thun hatte, als er bezahlt wurde. 

Wir hatten gern Murzuq zum grossen Bairamfeste, dem Id el- 
Kebir, das auf den 24. Marz fiel, erreicht. Da dies unmöglich war, 
so beschlossen wir, den üblichen Hammel in Rhodwa zu schlachten 
und in der uns zuganglichen bescheidenen Weise den Tag festlich 
zu begehen. Der Hammel kostete allerdings nach unserem Oelde 
zwölf Mark, war jedoch dafür von anerkennenswerther Fettleibigkeit, 
wie denn überhaupt sammtliche Schafe, Ziegen, Tauben und Hühner 
Fczzän s sich in dieser Hinsicht auszeichnen. Zu dem Hammel kaufte 
ich eine hinlängliche Quantität Laqbi, d. h. gegohrenen Dattel- . 
palmensaft, um es an der festlichen Stimmung nicht fehlen zu lassen, 
denn die eigentlichen Fezzancr unter meinen Lenten, Hui (d. h. Vater- 
chen) Mohammed und Ali Hü Hekr, waren in dieser Beziehung keine 
Kostverächter. Der grosse Dattelhain von Rhodwa lieferte zwar, 
wie gesagt, im Verhältniss zu seiner Ausdehnung wenig Früchte, 
schien aber um so regelmässiger zur Produktion jenes beliebten Ge- 
tränkes ausgebeutet zu werden. 

Um den Laqbi zu gewinnen, macht man eine Höhlung im so- 
genannten Dschummär, dem jungen Holze der Dattelpalme, und legt 
eine Röhre oder Canüle in die abhängigste Stelle derselben, welche 
den reichlich messenden Saft in ein darunter befestigtes Gefass leitet. 
Die verschiedenen Bäume sind durchaus nicht in gleicher Weise zu 
diesem Zwecke geeignet, sondern verhalten sich sowohl nach ihrer 
Varietät als nach ihrem Alter sehr verschieden in Bezug auf die 
Reichlichkeit und auf die Güte des Produktes. Gut tragende Bäume 
wählt man nicht zu diesem Zwecke, da die Ernte des betreffenden 
Jahres verloren ist; allzu alte ebenfalls nicht, weil der Saft nur spär- 
lich fliesst. 

Da es bekanntlich dem Muslim verboten ist, sich der be- 
rauschenden Getränke zu erfreuen, so wird der Laqbi von den 
ehrbaren Gläubigen nur im frischen Zustande getrunken, bevor es 
durch die Gährung zu wirklicher Alkoholbildung gekommen ist. Der 
frisch ausgeflossene Saft, z. B. das Ergebniss einer Nacht, ist von 



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I.AQHt ODER DATTELPALM ENS A FTi 



75 



wcisslich bläulicher Färbung und von widerlicher Süssigkeit. Doch 
der Zucker der Dattelpalme zerfallt mit grosser Schnelligkeit und 
am zweiten Tage hat man schon ein alkoholreiches Getränk, beson- 
ders wenn man die Fermentation durch unreine, diesem Zweck be- 
ständig dienende Gefässc unterstützt. Wartet man mehrere Tage, 
so ist die saure Gährung bereits eingetreten und ein höchst unan- 
genehm schmeckender Essig hat sich zu bilden begonnen. Hei dem 
rapiden Uebergange von einem Stadium in das andere ist nun der 
eifrige Anhänger des Propheten glücklicherweise schwer zu con- 
trolircn, und unter dem Vorgeben Dattelmost zu trinken, reizt und 
narkotisirt mancher strenge Gläubige sein Gehirn mit alkoholreichem 
Laqbi. 

In dieser Beziehung sind bekanntlich die Mohammedaner über- 
aus erfindungsreich, um ihr Gwissen zu betäuben und sich und Andere 
zu täuschen. Der Eine behauptet, Hier sei ein erlaubtes Getränk, 
da es aus Gerste und Hopfen gemacht sei; ein Anderer belehrt 
seinen unwissenden Glaubensgenossen, dass gebrannte Wasser, zu 
deren Destillation man die Kraft des Feuers verwende, auf diese 
Weise geläutert seien und nicht in die Kategorie der verbotenen 
Getränke fallen; noch Andere sitzen mit Europäern bei Tische, ruhig 
ihren Wein trinkend, aber Sorge tragend, jedesmal etwas Wasser 
hinzuzufügen, indem sie den verwunderten Ungläubigen auseinander- 
setzen, dass sie durch den Wasserzusatz das verpönte Princip tödten. 
Die Bewohner der Insel Kerkena nahe der Ostküste von Tunis pro 
duciren eine grosse Menge W'ein und trinken ihn fast ganz allein, indem 
sie zu ihrer Rechtfertigung geltend machen, dass sie ihn in frischem, 
ungegohrenen Zustande gemessen. Was den Laqbi betrifft, so fand 
ich ihn im Anfangs-Stadium der Gährung von angenehmem, säucrlich- 
süssem Gcschmacke, doch von sonst nicht sehr angenehmen Neben- 
wirkungen. Ich hatte etwa ein Liter davon zu mir genommen, und 
wurde von der Fermentationsarbeit, welche das ungewohnte Getränk 
in meinem Magen mit ungeschwächten Kräften fortzusetzen schien, 
auf das Höchste belästigt. Es dauerte lange, bis ich durch eine 
vorsichtige, mässige Bewegung das unbehagliche Gefühl hoch- 
gradiger Flatulenz verwinden konnte. Doch Bui Mohammed und 
Ali el-Fezzäni waren solider veranlagt oder besser aeclimatisirt; sie 
tranken stetig und sicher, bis der letztere seiner Jugend entsprechend 
der Heiterkeit die Zügel schiessen Hess, und der würdige Qatrüner, 



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76 I. BICH, 2. KAPITKL. KtlSK NACH KKZZAN. 

der sonst so schweigsam war, die wunderbarsten Geschichten aus 
seinem erfahrungsreichen Leben zum Besten gab. 

Noch blieben uns anderthalb Tagemarsche bis zu unserem Reise- 
ziele, und zwar ohne bewohnte Ortschaften auf dem Wege. Von 
diesen bewältigten wir am 25. die ansehnliche Tagesarbeit von neun 
und einer halben Stunde in Südwestrichtung. Anfangs hatten wir west- 
lich am Wege den tamariskenreichen W. Neschua, in welchem nach 
des Qatruners Aussage das Wasser so nahe der Bodcnoberfläche ist, 
dass man es einfach mit den Händen herauskratzen kann, und 
Hessen östlich von uns eine Akaziengruppe, welche den Mir csch- 
Schebäni birgt. Das Terrain des Weges ist serirartige, steinige 
Wüste, stark gewellt und wird nur unterbrochen durch den mit 
Sajalakazien gezierten W\ cn-Niml (Amciscnrlussthal), der von Süd- 
osten zum W. Neschua verlauft. Dieser letztere wich mehr und mehr 
von unserer Wegrichtung nach Westen ab und als wir nach etwa 
fünfstündigem Marsche den gleichnamigen Brunnen in seinem Bette 
westlich von uns hatten, war er schon eine W r egstundc von uns entfernt. 

Dann wurde die Wüste durch Nichts mehr unterbrochen, und 

• 

in ihr verbrachten wir die Nacht, bald nachdem wir einen Hügel 
auf dem ein Steinhaufe als Wegzeichen aufgerichtet war, passirt 
hatten. In denjenigen Gegenden der Wüste, in denen sich keine 
Spur eines Weges erhalt, richtet man gerne auf den erhöhten, 
weit hin sichtbaren Punkten diese Wegzeichen Alem, in der 
Mehrzahl A'alam, auf, welche der Vorübcrrciscnde sich verpflichtet 
fühlt, durch Hinzufügung einiger Steine zu unterhalten. Das in Rede 
stehende hiess Alem ct-Terfas, d. h. Marke der Trüffeln, welche in 
jener Gegend häufiger sind, als man erwarten sollte. 

Wenn wir auch den folgenden Tag leicht zum letzten Reisetage 
hatten machen und Murzuq erreichen können, so zogen wir doch 
vor, uns nur der Stadt zu nähern, um unsere Ankunft vorher an- 
melden zu können. Unter heftigein Winde, der ausnahmsweise sich 
schon in der Nacht erhob und im Laufe des Vormittages recht stark 
aus Nordwest blies, zogen wir durch dieselbe einförmige Gegend und 
in einer Richtung, die gegen Ende des Marsches eine ganz süd- 
westliche wurde, an einem Wege vorüber, der in mehr südlicher 
Richtung von dem unsrigen nach dem östlich von Murzuq liegenden 
Dorfe Deleim führt, bis Scheqwa, das wir nach fünf Stunden er- 
reichten. 



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St HEQWA. 



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Scheqwa ist ein von Ost nach West streichendes Thal mit 
feuchtem Sebchagrunde, in dem humusreiche Sandhügel mit Etel- 
büschen und kleinere mit Ghardek (Nitraria tridentata) bewachsen 
sind, wahrend in den Seitentheilen, wo die Salzkruste fehlt, Reihen 
von Dattelbaumen stehen. Der Ghardek ist ziemlich verbreitet in 
Kczzan, ein Strauch mit röthlichen Beeren, die den Namen Damusch 
oder nach Anderen Musa führen, die Form kleiner Oliven haben, 
ein scharfes Princip enthalten und vielfach gegessen werden: man 
sagt, dies seien die Sagenreichen Lotusfrüchte. 

Von hier aus schickte ich meinen officiellen Begleiter, den Polizei- 
soldaten Milad Abeja mit der Nachricht meiner Ankunft voraus an 
den Hadsch Brahim Ben Aliia, den Scheich cl ßelcd oder Bürger- 
meister von Murzuq, an den ich empfohlen war und dem ich schon 
mit der Post die Bitte ausgesprochen hatte, mir eine Wohnung zu 
miethen. 



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Drittes Kapitel. 
MURZUQ. 

Fin/ug in die Stmlt. — Allgemeiner Charakter derselben um! ihrer Umgebung. — Die 
Urinier Ben Alna. — Beschreibung meines Wohnhauses. — Beweise der Gastfreund- 
schaft. — Besuche der Honoratioren. — Die Familie Ben Alua. — Andere hervor, 
ragende F. in wohin r. ' — Der Gouverneur. — Meine Geschenke und F.rwiderungs- 
besuche. — Hadsch Ürähim Ben Alna und der Theegenuss in Afrika. — Fräulein 
Tinne und ihre Keisepläne. — Beschreibung der Stadt. — Die Qasba und ihre Gar- 
nison. — HStlSer* und Einwohnerzahl. — Ungünstige Bodenverhältnisse der nächsten 
Umgebung. — Begräbnissplatz. — Die Gärten der Stadt. — Bewässerung derselben. 

— Nauslhiere. — Monotonie der Stadt. — Der Marktverkehr. — I.a'pMgenuss und 
Schnapsfahrikation. — Bevölkerungselemente von Mur/.uf|. — Die gebräuchlichen 
Sprachen. — Kleidung, Schmuck und Haartracht. — Vergnügungen der Kinwohner. 

— Musik- und Tanzabende. — l nmoralilät der Einwohner. — Mein täglicher Lebens- 
lauf. — Die Leiden der Jahreszeit. — Die Abende bei Fräulein Linne. — Aerztlichc 
Thätigkcit. — Suinpffteber. — Meine Nahrungsmittel. — Schnaps - Ibrahim. — 
Schwere Krankheit Fräulein Tinnc's. — Plan der Tibesti - Reise. — Fräulein Tinne' s 
l'lan einer Reise /.u den Tuarik. 

Wenige Stunden des 27. März genügten, uns nach der Haupt- 
stadt von Fezzän zu bringen. Nur eine Stunde waren wir auf dem 
wüsten, steinigen Terrain, welches die grosse Oase von Murzuq um- 
giebt, angestiegen, als wir bei der klaren Atmosphäre des Tages einen 
Blick über die weite Thalebene der Stadt und ihrer Gärten gewannen 
und in südwestlicher Richtung gegen die erstere hinabzusteigen be- 
gannen. Ein jüngerer Bruder des bereits genannten Hädsch Brihim 
kam mir zu Pferde entgegen, um mich im Namen seines Bruders zu 
begrüssen und in die Stadt zu fuhren, und musste, da ich selbst kein 
Pferd besass und zu Fuss ging, aus Höflichkeit derselben Fortbewe- 



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BIN21T. IN DIE STADT. 



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gungsmethode huldigen. Kr hiess Mohammed und war ein junger 
Mann von kaum mehr als zwanzig Jahren, von sehr kleiner, untersetzter 
Statur und sehr heller Ilautfarbung. Während er mir die Grösse 
seines Bruders und Vaters überbrachte, die üblichen Höflichkeits- 
fragen nach der Reise und unserem Befinden an mich richtete, wateten 
wir durch den tiefen Sandgürtel, der die Stadt in nächster Nähe nach 
allen Richtungen umgiebt, der kleine Mann in seinen arabischen 
Reiterstiefeln nicht ohne Mühe. Die wenigen Gärten, an denen unser 
Weg vorbeiführte, waren gut gehalten; das Getreide in ihnen reifte 
und stand vortrefflich; an Fruchtbäumen schien jedoch kein Ueber- 
fluss zu herrschen. 

Am Hauptthorc der Stadt, welches auf ihrer Ostseite liegt und 
nach Südosten sieht, da diese Seite der Stadt von Nordnordost nach 
Südsüdwest gerichtet ist, erwartete mich der 1 lädsch Brähim Ben 
Alüa, die wichtigste Person in Fe/.zan, ein kleiner, ziemlich starker 
Mann in der Mitte der Dreissig, mit spärlichem Barte, von rüthlich- 
grauer Hautfarbe und wohlwollenden und dabei intelligenten Zügen. 
Seine grossen, klaren, ruhig prüfenden Augen entschädigten reich- 
lich für die weiten Nüstern seiner Nase und die starken Lippen, 
welche er von seiner Mutter geerbt hatte. Kr war sehr fein und 
sauber gekleidet in die Tracht wohlsituirter Bewohner der Stadt 
Tripolis, sehr ruhig, höflich, sicher und selbstbcwusst und doch nicht 
ohne Wärme. Der Mann gefiel mir ausserordentlich gut; seit ich 
Tunis verlassen hatte, war mir eine ähnliche Krscheinung weder in 
Tripolis noch unterwegs unter den Kingeborenen vorgekommen. 

Das Thor, an dem auch die Duanc liegt, passirten wir nicht 
ohne Widerstreben der seit lange der Städte entwöhnten Kameele 
und betraten dann die Hauptstrasse der Stadt, welche von Südosten 
nach Nordwesten verläuft und in der letzteren Richtung mit dem 
stolzen Baue der Qasba oder Citadelle. in welcher die Besatzung 
casernirt ist, abschliesst. Die Häuser zu beiden Seiten dieser un- 
verhältnissmässig breiten Strasse, welche dem Ganzen einen von 
den nördlicheren Städten abweichenden Charakter verleiht, waren 
ganz aus Krde erbaut und noch leichter vom Regen wegzuwaschen, 
als die Semnu's und anderer Ortschaften, da der Boden der Um- 
gegend sehr salzhaltig ist. Doch machten sie gleichwohl einen an- 
sehnlicheren Kindruck durch die höhere Kunst der Construction und 
ihre grössere Ausdehnung. Viele hatten ein Stockwerk mit regel- 



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80 



!. BUCH, 3. KAPITEL. MURZL'Q. 



massigen Fensteröffnungen, die, wenn auch nicht durch Glasscheiben, 
doch durch Laden verschlossen werden konnten. Diese, 'wie die 
Thüren, waren zuweilen von Schreinern aus europäischem Nutzholz, 
in der grossen Mehrheit der Fälle aber aus Palmenholz gearbeitet. 

Als wir etwa die Hälfte der Strasse zurückgelegt hatten, bogen 
wir nach Sudwest in eine Nebengasse, an deren Hingänge das Häus- 
chen lag, das mir der Hädsch Brahim um den Preis von 8 Mark 
monatlich gemiethet hatte. Es war die traurige Aussicht vorhanden, 
dass ich dasselbe lange bewohnen würde, da eine Karawane nach 
Bornü vor einigen Monaten abgegangen war, und die allgemeinen 
Handelsverhältnisse in jenem Lande zur Zeit nicht so verlockend auf 
die nordischen Kaufleute wirkten, dass wir bald wieder eine Reise 
gesellschaft zu finden erwarten konnten. Das Häuschen erfreute sich 
ebenfalls eines Stockwerkes oder wenigstens eines Zimmers mit Vor- 
saal auf der Höhe der Terrasse. Im Parterre war nur die Thür- 
öffnung, doch zeigte der obere Stock einige Fensteröffnungen mit 
verschliessbaren Laden. 

Unten im Hausgange war rechts eine reservirtc, verschlossene 
Kammer des Hausbesitzers, links ein kleines^ finsteres Gemach für 
den Thürhüter. Der Gang führte in einen hohen, viereckigen Raum, 
in dessen Mitte eine Säule in Gestalt eines Palmenstammes die Decke 
stützte, und der in Lage und Bestimmung, wenn er oben offen ge- 
wesen wäre, den inneren Hofraum arabischer und südeuropäischer 
Häuser gebildet haben würde. In seiner südöstlichen Ecke war die 
Treppe zum oberen Stockwerke angebracht; auf seiner Nord- und 
Südseite führten zwei Thüren in Zimmer, die durch kleine schiess- 
schartenartige Löcher nothdürftig erhellt wurden, und auf der dem 
1 lausgange gegenüberliegenden Westseite ging eine Thüröffnung auf 
einen Corridor, aus dem man in einen Hofraum mit Gelass für Kameel- 
sättel und dergleichen Gerätschaften und weiter in den Garten ge- 
langte, dessen einzige Zierde oder vielmehr dessen einziger Inhalt 
eine junge Dattelpalme war. 

Ich stieg dann zur Untersuchung des oberen Stockwerks die 
etwas primitive Treppe hinan. Ihre breiten vier unteren Stufen 
lagen noch im Mittelraume des Hauses und waren durch eine Thür 
von den weiter nach oben führenden getrennt. Leider waren die- 
selben so zerbröckelt und ungleich, dass man beim Hinaufsteigen alle 
Aufmerksamkeit auf sie verwenden musste und dabei häufig mit dem 



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EiNRinrrrNr; des woiinh usis. 



*1 



Kopfe gegen den Querbalken der drei und einen halben Fuss hohen 
Thür rannte. Die Treppe mündete oben auf eine Art Vorsaal, aus 
dem eine Thür auf die Terrasse, d. h. das platte Dach des Hauses 
Satali , soweit dasselbe kein oberes Stockwerk trug, und eine 
andere in das von drei Fenstern erhellte Zimmer führte. Dies wählte 

■ 

ich um so lieber zu meinem ständigen Aufenthalte, als es von dem 
übrigen Hause ganz abgeschlossen war. 

Der Hädsch Brähim hatte darauf gerechnet und das ganze 
Zimmer schon mit Strohmatten auslegen lassen. Sofort Hess ich 
mein Bett daselbst aufschlagen, stellte durch zwei grosse, in ent- 
sprechende Entfernung von einander gestellte Kisten und eine dritte 
niedrigere, welche den sich zugekehrten Rändern jener auflag, meinen 
Schreibtisch, und aus einer auf die Seite gestellten Kiste meinen 
Stuhl her, deckte einen Teppich auf die Erdbank, welche in einer 
Ecke des Zimmers die Stelle des Canapes vertrat; kurz, richtete 
mich alsbald so wohnlich als möglich ein. 

Giuseppe Valpreda hatte eines der unteren Zimmer für seinen 
Gebrauch in Beschlag genommen, während in dem anderen die dem 
Scheich Omar bestimmten Geschenke aufbewahrt wurden. Meine Leute, 
welche kein Alleinsein liebten denn Neger oder halbe Neger sind 
ausserordentlich gesellige Geschöpfe -, blieben im grossen Mittel- 
raume, an dessen Palmensäule die Hündin Feida gekettet wurde. Die 
Küche endlich wurde in dem Durchgange, aus dem man in Hof und 
Garten gelangte, eingerichtet. 

Der Hädsch Brahim hatte sich einstweilen discret zurückgezogen, 
um mich mir und meiner Hauseinrichtung zu überlassen; doch bald 
kam sein alter Vater, der Hädsch Mohammed Ben Alüa, ein magerer, 
weissbärtiger Greis von 74 Jahren, der das Amt eines Reis el-Med- 
schelis oder Vorsitzenden des grossen Rathes inne hatte und an- 
scheinend lebhafter und energischer war, als sein Sohn Brahim, um 
mich für einen Augenblick zu begrüssen. Er stammte aus Audschila, 
war also Berberursprungs, und ein Schwiegersohn jenes Bu Chalüm, 
der als junger Mann mit Denham und Clapperton nach Bornü gereist 
war und zur Zeit, als der Muqni Fczzan regierte, viel gegolten hatte. 
Er schien gleich vielen alten Leuten gern zu erzählen und versprach 
mir manche schätzbare Mittheilungen. Sodann schickte der Mutasarrif 
seinen Dolmetscher und einen Officicr, um mich zu begrüssen und 
seine Dienste anzubieten, und endlich erschien einer der holländischen 

Nachtigal. I. G 



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82 



I. BUCH, 3. KAPITEL. MURZUQ. 



Diener Fräulein Tinne's mit freundlichen Grüssen von seiner Herrin, 
einem fetten Hammel, Eiern, Broden, Butter, Zwiebeln und der- 
gleichen als Bewillkommnungsgeschenk, wie es in Ländern Sitte ist, 
in denen keine Hotels dem Reisenden zu Gebote stehen. 

Das ausgezeichnete Frühstück, das der Hadsch Brahim bald 
darauf in sauberen, blankgescheuerten Zinngefässen übersandte, gab 
mir eine hohe Idee von dem culinarischcn Verständnis dieses Würden- 
trägers und der Kunstfertigkeit seiner Frauen, und Hess mich mit 
einer gewissen Beruhigung der nächsten Zukunft entgegensehen. Da 
war ein Reisgericht mit Huhn, Hammelcotelettes in vortrefflichem 
Üel gebraten, verschiedene in Butter und Fett schwimmende Gemüse, 
wie Bämia, Melüchia, Bedindschän oder Auberginen und Bohnen, 
mit Fleischstückchen und Fleischklöschcn garnirt, endlich kunstvolle 
Gebäcke und Süssigkeiten, auf die in vornehmen arabischen Häusern 
grosser Werth gelegt wird: kurz eine Menge Gerichte, welche mir 
nach der vorausgegangenen Entbehrung als höchst begehrenswerthe 
Leckerbissen erschienen. 

Es war ein genussreicher Tag. Der erste Thcil des Weges war 
ohne Unfall zurückgelegt; die Anstrengungen desselben — ich war 
fast stets zu Fuss gegangen — hatten meinem Körper zugesagt ; nach 
der bescheidenen Leistung war Ruhe, Ruhe in einem zwar nicht un- 
bekannten, doch immerhin fremdartigen Lande, ein reizvoller Genuss. 
Noch hatte ich nie Noth, nie quälenden Hunger gelitten, und noch 
nie hatten die Anstrengungen das Maass meiner Kräfte überstiegen. 
Noch hatte ich freilich nicht die grosse Befriedigung, ein schwieriges 
Ziel erreicht zu haben, gekostet; doch schon jetzt fand ich einen 
reicheren Genuss in der Befriedigung von Hunger und Durst, im 
Wechsel von Anstrengung und Ruhe, als ich jemals für möglich ge- 
halten hätte. 

Der folgende Tag war der erste Ostertag und ein klarer, schöner 
Tag, ohne die häufige Zugabe von Wind und Sand, wenn auch leider 
kein Frühlingstag, wie er unseren oft so unwirklichen, heimathlichen 
Breitegraden den Hauptreiz verleiht. Die morgendliche Frische und 
Klarheit der Atmosphäre schien mich aufzufordern, die Stadt zu be- 
sichtigen und ihre Gärten zu besuchen. Doch es war nicht ziemlich, 
in Stadt und Umgegend herumzustreifen, ohne dem Gouverneur auf- 
gewartet zu haben, und diesem wieder wollte ich zur Wahrung meiner 
Würde nicht den ersten Besuch machen. Derselbe licss sich denn 



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HONORATIOREN VON MURZl'Q. 



83 



auch für den Nachmittag ansagen; doch schon während der ersten 
Tageshälfte hatte ich zahlreiche Besuche zu empfangen. 

Zuerst, etwa Morgens um sieben Uhr, der convenabelsten Be- 
suchszeit, erschien Hamed Bei, der Kätib el-Mäl oder Finanzminister 
der Provinz, ein reinlich und sorgfältig in den türkischen schwarzen 
Tuchrock mit Stehkragen der Beamten gekleideter, bebrillter Herr, 
der das Arabische, das er hauptsächlich aus Büchern kannte, mit 
allen Vocalen sprach und mir mit seiner spitzen Nase, seinen tief- 
liegenden Augen , seinen süsslich höflichen Redensarten kein beson- 
deres Vertrauen cinflösste. Sodann kamen die Glieder der Familie 
Ben Alüa, von denen ich Hädsch Mohammeds ältesten Sohn, den 
Hädsch Abdallah, der viel kaufmännische Reisen in die Südänländer, 
freilich stets mit schlechtem geschäftlichem Erfolge, gemacht hatte, 
noch nicht kannte. Der vierte, Mohammed, welcher mich Tags zuvor 
eingeholt hatte, wurde zu meiner beständigen Disposition gestellt. 
Den dritten der Söhne, Namens Sälim, sah ich nicht; derselbe führte 
ein eingezogenes, unabhängiges Leben und hielt sich gern von Be- 
kanntschaften und Regierungskreisen fern. Ein fünfter Sohn endlich, 
etwa zwölf Jahre alt, besuchte noch die Schule. Von diesen hatten nur 
Hädsch Brähim und Hädsch Abdallah Negerblut in ihren Adern; die 
übrigen waren sehr hellfarbig. Später kam der alte Mohammed 
Bascrki Scherif, der letzte Abkömmling der Aulad Mohammed, die 
Fezzan Jahrhundertc hindurch regiert hatten. Derselbe hatte mit 
Gerhard Rohlfs innige Freundschaft geschlossen und war ein herzens- 
guter, abergläubischer Mann, der durch die Leidenschaft des Opium- 
genusses seine ursprünglich schon nicht sehr mannichfaltigen Geistes- 
kräfte noch mehr reducirt hatte. Der Köl-Aghäsi (Commandern eines 
halben Bataillons), Commandant der Garnison, ein alter, ebenfalls 
durch Opiumgenuss abgestumpfter, weissbärtiger Türke; der Bataillons- 
arzt mit dem Titel Tabib Kol-Aghäsi, ein junger, sich durch medi- 
cinische Unwissenheit auszeichnender Mann; der Garnisonschreiber 
— Kätib el-Asker — , der einen sehr angenehmen Eindruck durch Leb- 
haftigkeit und Verständniss machte und recht gut arabisch sprechen 
gelernt hatte, und endlich ein Schwager des Scheich Omar von 
Bornü, ein Mann von durchaus schwarzer Hautfärbung, Hädsch 
Hamida, der ebenfalls dem Opium in ausgiebigster Weise huldigte: 
das waren die Honoratioren, welche aus eigener Initiative ihre Auf- 
wartung zu machen sich für verpflichtet hielten. Der Hädsch Brähim 

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84 



I. RUCH, 3. KAPITEL. MURZUQ. 



führte mir noch seinen intimsten Freund, den Qadi von Murzuq, zu, 
einen kräftigen, alten, freundlichen Mann von dunkler Hautfärbung, 
der seinem vor einigen Jahren im Alter von 120 Jahren gestorbenen 
Vater erst kürzlich im Amte nachgefolgt war, und den sogenannten 
Amin es-Sandüq oder Schatzmeister, Namens Titiwi, welcher sich 
durch unförmlichen Körperumfang auszeichnete und ein Bruder jenes 
Mohammed el-Titiwi war, der in Bornü am Hofe des Scheich Omar 
eine hervorragende, nicht immer erfreuliche Rolle spielte. 

Nachmittags kam der Pascha, ein Türke aus guter, aber her- 
untergekommener Familie, der zu den armen Wüstenbewohnern ge- 
schickt war, um seinen zerrütteten Vermögensverhältnissen aufzu- 
helfen, und der, körperlich und geistig noch heruntergekommener 
als diese, ohne Kenntniss von Land und Leuten, ohne eine Ahnung 
von der arabischen Sprache, in Fezzän eine traurige und verderb- 
liche Rolle spielte. Er war ein Mann von vierzig und einigen Jahren, 
trug die türkische Beamtenkleidung mit einem weissen, goldgestickten 
Tuchburnus und schien zu einem traurigen Leben der Isolirtheit ver- 
urtheilt zu sein, denn selbst sein Dolmetscher wusstc das Türkische 
nur mangelhaft zu sprechen. Ich ging ihm bis an die Treppe 
entgegen, Hess den üblichen Kaffee präsentiren und hielt nur müh- 
sam eine längere Unterhaltung mit ihm aufrecht, sowohl wegen der 
angedeuteten Sprachschwierigkeit, als auch weil er von den Verhält- 
nissen, welche mich hauptsächlich interessirten, noch weniger wusste, 
als ich selbst. Freilich war er ebenfalls erst vor einigen Monaten 
angelangt, vorher nie aus Stambul herausgekommen, und hatte seit 
seiner Ankunft den Kummer über seine Verbannung durch eine 
fortgesetzte Alkoholintoxication zu betäuben gesucht. Das einzige 
Thema, das er mit regem Interesse zu besprechen wusste, war 
das seiner Krankheiten, und das war allerdings ein sehr mannichfal- 
tiges. Meine Reisepläne betreffs der Tcdä-I^änder konnte ich ihm 
kaum erwähnen, denn ich glaube, er ahnte von der Existenz dieser 
nicht das Geringste. Es war mir ebenso unerklärlich, wie dieses 
körperlich und geistig gleich unzulängliche Geschöpf sich zu der 
Reise in das fremde, unwirthliche Land hatte entschliessen, als wie 
man ihn für diesen Posten hatte auswählen können. 

Der unerwünschte Besuch eines Uebelthäters, der sich über die 
Schwelle meines Hauses geflüchtet hatte, um mich zu einer Inter- 
vention zu seinen Gunsten zu zwingen, machte den Beschluss des 



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ANTRITTSBESUCHE. 85 

Tages. Da derselbe nur einfach seine Geliebte geprügelt hatte, gegen 
die er nicht mit Unrecht den Verdacht der Untreue nährte, und da 
er die geheiligte Schwelle meines Hauses einmal überschritten hatte, 
so verwendete ich mich für ihn, gleichzeitig meine Leute anweisend, 
derartige Invasionen, mit denen man selten Ehre einlegt, zurückzu- 
weisen. Fräulein Tinnc hatte schon drei entlaufene Sclaven in ihren 
Schutz genommen, sowie die Bettsclavin des früheren Katib el-Mäl, 
der sich Veruntreuungen hatte zu Schulden kommen lassen und nun, 
weil man zum Ersatz sein ganzes Besitzthum veräusserte, und er 
fürchtete, man werde bis auf seine Concubine gehen, diese in den 
sicheren Schutz von Fräulein Tinne gebracht hatte. 

Der Ostermontag war der Erwiderung der von mir empfangenen 
Besuche gewidmet. Zuvor schickte ich die Geschenke, welche ich zu 
spenden hatte, an den Hädsch Brähim und den Baserki Scherif. Das 
dem letzteren für seine Gerhard Rohlfs bewiesene Freundschaft be- 
stimmte Andenken bestand in einem gedruckten, gebundenen Qorän, 
in zehn Maria-Theresia-Thalern und einem Rosenkranz aus rothen Edel- 
korallen und war vollständig ausreichend, da keinerlei Leistung von 
ihm erwartet werden konnte. Doch die Gaben für den Hädsch 
Brähim waren kümmerlich und wurden durch die gastfreundlichen Sen- 
dungen aus der Küche desselben allein schon beschämt. Sie bestanden 
aus einem feinen, weissen wollenen Burnus, einem Rosenkranze echter 
Korallen, einem tunisischen Tarbüsch und zwei mit Rosenessenz in 
spärlichster Quantität gefüllten Flacons, und entsprachen weder seinem 
Bildungsgrade, noch seinen Verhältnissen, noch seiner Generosität. 
Ich traf ihn selbst bei einem seiner Lieblingsgenüsse, starkem, sehr 
versüsstem Thee. 

Der Theegenuss ist im Innern Afrika s nur bei wenigen, gereisten 
und gebildeten Leuten Sitte, mit Ausnahme etwa Marokkos, wo er 
mehr Eingang und Verbreitung gefunden hat. Man benutzt nur 
grünen Thee, zu dem man oft noch aromatische Kräuterblätter fugt, 
und setzt vor dem Aufgusse des kochenden Wassers eine so grosse 
Menge Zucker hinzu, dass man von der aromatischen, zuckergesättig- 
ten Flüssigkeit nur sehr kleine Quantitäten gemessen kann. Dem 
entsprechend pflegt man dieselbe aus kleinen Gläsern, welche nur eine 
bis zwei Unzen fassen, zu trinken. An der Küste bezieht man den Thee 
meist aus England, doch ist der Karawanenthcc bei Kennern wohl an- 
gesehen und gelangt aus Arabien, wohin ihn asiatische Pilger bringen, 



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86 



I. BICH, 3. KAPITEL. MURZIQ. 



in die afrikanischen Lander. Hädsch Brahim litt an Milz- und Leber- 
anschwcllung, an Hämorrhoiden und fast beständigen Kopfschmerzen, 
konnte sich aber nicht -entschliessen , dem täglichen Genuss starken 
asiatischen Thees zu entsagen. Auch dem sogenannten ,, Kaffee des 
Sudan", der Güronuss, welche ich in frischem Zustande zum ersten 
Male bei ihm sah und kostete, ohne damals Geschmack an ihr zu 
finden, huldigte er, und sobald der Vorrath an frischen, die sehr 
empfindlich gegen Witterungscinflüsse und ungeschickte Behandlung, 
also schwer zu transportiren und aufzubewahren sind, erschöpft war, 
so begnügte er sich mit getrockneten, welche Kauda genannt werden 
und mir in ihrer 'steinigen Härte und trockenen Bitterkeit noch we- 
niger zusagten. 

Von diesem Manne, welcher bei der Unfähigkeit des Gouver- 
neurs die Seele der Lokalregicrung war, oder wenigstens mühsam 
das, was als Regierung bezeichnet werden konnte, aufrecht erhielt, 
begab ich mich zum nominellen Träger der Rcgicrungsgewalt, der 
sich am nordwestlichen Kndc der I lauptstrasse die obere Etage eines 
verhältnissmässig ansehnlichen Hauses leidlich zur Wohnung hatte 
herrichten lassen. Derselbe verfügte sogar über ein gedieltes Zimmer 
mit Fenstern, und zwar wirklichen Fenstern mit Glasscheiben, wenn 
diese letzteren auch nicht vollzählig waren. Seine einzige anerkennens- 
werte Leistung war eine gewisse Sauberkeit, welche er auch in seiner 
nächsten Umgebung einzuführen gewusst hatte. Zwei Ncgcrsclaven, 
noch Knaben, welche er in scharlachrothe Tuchlcibröcke gesteckt 
hatte, und welche in dieser wunderlichen Verkleidung europäische 
Lakaien vorzutäuschen bestimmt schienen, während sie nicht einmal 
den Kaffee zu präsentiren wussten, waren höchst groteske Erschei- 
nungen. Er selbst war in einen rehfarbenen Kaftan gehüllt und sass, 
ein Bild trauriger physischer und intellectueller Verkommenheit, thcil- 
nahmlos und stumpfsinnig da, denn es war früh am Tage und noch 
hatte er den Rest seiner Lebensgeister nicht durch Schnaps hin- 
länglich aufgerüttelt. 

Fräulein Tinne wohnte ebenfalls in der Hauptstrasse, und zwar 
in der Mitte derselben, wenige Häuser von mir entfernt, in einem 
grossen Gebäude, in dem vor einem halben Jahrhundert der Muqni 
gehaust hatte. Ich fand sie in Gesellschaft ihres prächtigen, alten, 
riesigen Hundes, der, glaube ich, ihr treuester Freund in ihrer Um- 
gebung war, ruhig, ernst, distinguirt, wie immer, doch herzlicher und 



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WOHNUNG DES PASCHA. — FRAULEIN TINNE's PLANE. 



87 



wärmer, als in Tripolis. Sic war entschlossen, ebenfalls nach Bornü 
zu reisen, war aber ganz zufrieden, dass vorläufig keine Karawane in 
Aussicht war, denn sie beabsichtigte wahrend des Sommers auf dem 
reicher versehenen Markte von Tripolis die nöthigen Kameele an- 
kaufen zu lassen, und hatte gerade um Geschenke für den Scheich 
Omar und einen hinlänglichen Vorrath von Maria -Theresia -Thalern 
nach Europa geschrieben. Gegen Ende des Sommers konnte sie 
bereit sein, und wir verabredeten, dass, wenn sich bis zu dieser Zeit 
keine Reisegesellschaft von Kaufleuten zusammengefunden haben 
sollte, wir allein mit Hülfe einer gemietheten, bewaffneten Escorte 
die Reise unternehmen würden. 

Kis dahin beabsichtigten wir, Jeder für sich, eine kleinere Wüsten- 
reise zu machen, und zwar hatte die kühne Dame dieselbe Idee ge- 
hegt, welche ich nährte, nämlich die einer Reise in die Fclsenland- 
schaft Tibcsti. Ich hatte dem Hadsch Brähim meine Absicht, diese 
Landschaft der berüchtigten Tubu Reschade oder Felsen -Tubu zu 
besuchen, ausgesprochen, doch bemerkt, dass derselbe diesen Plan 
mit grosser Bcsorgniss aufnahm. Ungleich bedenklicher musstc ihm 
eine solche Unternehmung für Fräulein Tinne erscheinen, deren 
Reichthum gegenüber sicherlich der Rest von Gesetzlichkeit der 
Tubu nicht Stand halten würde, und ich musstc ihr sagen, dass ich 
kaum glauben könne, dass die Autoritäten zu einer solchen Reise 
ihrerseits die Hand bieten würden. 

Für diesen Fall erinnerten wir uns, dass der General-Gouverneur 
in Tripolis uns darauf aufmerksam gemacht hatte, dass er ausserhalb 
der Grenzen seines Gebietes auch nicht die geringste Macht, nicht 
den kleinsten Einfluss zu unseren Gunsten auszuüben vermöge, mit 
alleiniger Ausnahme des Falles, dass Einer von uns Lust haben sollte, 
den Tuarik-Häuptling Ichnuchen in Ghat zu besuchen. Diesen alten 
Asgar-Chcf nenne er seinen Freund und könne sich fest genug auf 
ihn verlassen, um ihm befreundete Personen zu empfehlen. Wer 
dachte damals, dass wenige Monate nach unserer Erinnerung an diese 
Worte Ali Riza s meine hochherzige Freundin von den Leuten gerade 
dieses Ichnuchen erschlagen werden würde! 

Bei meinen weiteren Besuchen bekam ich allmählich einen Ein- 
blick in die Anordnung der Stadt, deren Topographie ich Tags 
darauf noch genauer studirte. Nur die Ostseitc ist schief geneigt 
und verläuft von Südsüdwest nach Nordnordost, doch die Nordscite, 



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88 



L BUCH, ,V KAPITEL MURZL'Q. 



die Westseite und die Südseite sind regelmässig orientirt. Die Ost- 
seitc geht durch eine kurze fünfte Seite, welche nach Nordost sieht, 
in die nach Norden gerichtete über, ebenso wie diese durch eine 
Rundung in die westliche. Die Mauer ist weder sehr hoch, noch sehr 
mächtig, war jedoch gut unterhalten und in regelmassigen Zwischen- 
räumen mit Bastionen versehen. 

Von dem Ost- oder Hauptthore Hab el-Kebir der Haupt- 
strasse folgend fällt der Blick vor Allem auf die Hauptwache mit ihrer 
von Holzsäulen getragenen Vorhalle und auf eine Reihe von Verkaufs- 
läden jederscits, vor denen ebenfalls säulengctragcnc Hallen zum 
schattigen Aufenthalte für Käufer und Verkäufer hinlaufen. Hier 
wird der tägliche Markt abgehalten, der in den Nachmittagsstunden 
am lebhaftesten ist. Jenseits dieses Bäzär endigte die Strasse links 
mit der Wohnung des Pascha, rechts mit der des Garnisonschreibers 
und öffnet sich auf einen weiten Platz, auf dem die Citadelle steht, 
ein mächtiges, fast quadratisches Gebäude, dessen Seiten den vier 
} limmclsrichtungen entsprechen. An ihm vorübergehend nach Norden 
stösst man auf das im westlichen Theile der Nordseitc befindliche 
Thor Bäb el-Bahäri , während man an seiner Südseite vorüber 
zu dem Westthore Bab el-Gharbi gelangt. 

Die Qasba selbst hat innerhalb ihrer mächtigen, mit Bastionen 
versehenen Ringmauern rechts zunächst dem Eingange die Kaserne, 
ein schlecht unterhaltenes, doch für Fezzaner Verhältnisse in gross- 
artigem Maassstabe angelegtes, quadratisches Gebäude mit grossem 
Hof ein der Mitte. Ihr gegenüber liegt die in bescheideneren Ver- 
hältnissen erbaute Moschee, westlich von dieser die Garnisonbäckerei, 
und an die Kaserne schliesst sich nach Westen ein Garten. Zwischen 
Garten und Bäckerei nimmt das eigentliche Kastell Qasr — die 
Mitte des Hintergrundes ein. Wenn auch nur aus Erde aufgeführt, 
macht dies mit seinen mächtigen Wänden in Mitten der ganzen 
Umgebung einen imposanten Eindruck. In seinem Innern sind ge- 
räumige Wohnungen für den Pascha und die Beamten, ein Sitzungssaal 
für den grossen Rath, und oben auf dem platten Dache neben dem 
Elaggenstocke hat man einen weiten Blick über die niedrigen Häuser 
der Stadt und die allerdings nichts weniger als pittoreske Umgegend. 

Ich konnte nicht begreifen, warum die Gouverneurs nicht die 
Wohnung auf dieser freien Höhe der traurigen Stadt vorzogen, doch 
seit Hassan Pascha hatte keiner derselben die Qasba bewohnt. Sechs 



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STADT, CITADEI.LE UND EINWOHNERZAHL. 



89 



kleine, zum Thcil schadhafte Kanonen vertheidigten das feste Schloss, 
das allerdings Arabern, Tubu und Tuärik gegenüber als uneinnehm- 
bar gelten konnte. Die Besatzung war auf 500 Mann berechnet, 
doch augenblicklich in der Zahl auf etwa 300 reducirt. Die kriege- 
rischen Türken hatten überdies allmahlig friedlichen Fczzänern Platz 
gemacht, welche, meist verheirathet, in der Stadt ihrem Handwerk 
oder dem Gartenbau lebten. 

Durch die Hauptstrasse wird die Stadt in nahezu gleiche 
Hälften getheilt, deren jede in höchst unregelmassiger Weise von 
meist engen und winkligen Gassen durchschnitten ist. Die Häuser 
sind alle aus Salzerde und Lehm gebaut, und zwar so, dass man, 
besonders bei den neueren Gebäuden, zwei abwechselnde Schichten 
in den Mauern deutlich unterscheiden kann, deren eine aus thoniger 
Sebcha-Erde und die andere aus reinem Lehm besteht. Die südliche 
Hälfte enthielt 300 und einige Häuser, die nördliche 280 und einige, 
also beide zusammen ungefähr 600 Hausstände, welche, jeder einzelne 
zu durchschnittlich sechs Personen gerechnet, eine Einwohnerzahl 
von etwa 3500 Seelen ergeben würden. Früher war die Stadt nach 
Süden zu um ein Viertel grösser gewesen. Noch waren dort Reste 
der früheren Ringmauer sichtbar, welche den Ras, d. h. Kopf, wie- 
der verlassene Stadtthcil hiess, einschloss. In der Mitte der jetzigen 
Südseite hatte früher noch ein viertes Thor bestanden, das aber jetzt 
zugemauert war. 

Nach der Aussage aller urtheilsfähigen Personen enthielten die 
Gärten der Stadt ungefähr ebenso viele Einwohner, als diese, ein 
Verhältniss, das wegen der Zerstreutheit der Aussenwohnungen sich 
einer genauen Controle entzog. Jedenfalls suchte ich aber in den 
nächsten Tagen auch von diesem Theile meiner Umgebung eine un- 
gefähre Kenntniss zu erlangen. Ich besuchte zu diesem Endzweck 
den Garten des Hädsch Brahim, der eine halbe Stunde nach Norden 
von der Stadt entfernt lag. 

Fast die ganze Nordseite der Stadt ist von salzigen Wasser- 
tümpeln und Salzsümpfen begrenzt, in deren Mitte merkwürdiger 
Weise einige Süsswasserquellen entspringen, und ebenso verhält sich 
das Terrain auf der Südseite. Die Thorheit, welche die Gründer 
der Stadt begingen, indem sie das Terrain ausgedehnter Salzsümpfe 
zur Ansiedlung wählten, wird ewig unbegreiflich bleiben. Die Wüste 
erfreut sich durchgängig eines so hohen Grades von Salubrität, dass 



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90 



I. BUCH, 3. KAPITEL. MURZUQ. 



es einer förmlichen Ueberlegung bedurfte, die ungünstigste, unge- 
sundeste Localität ausfindig zu machen, deren giftige Exhalationen 
seitdem so vielen Menschen Gesundheit und Leben geraubt haben. 

Im Süden der Stadt, in ihrer nächsten Nähe, befand sich ein 
Begräbnissplatz, der, uneingefriedigt und ungepflegt, ein wüstes und 
durch sonderbare Grabzierden auffälliges Aussehen hatte. Wenn die 
Seltenheit den Strausscnciern schon ein gewisses Anrecht auf den 
Charakter eines Zierraths verlieh, so war doch nicht so leicht zu 
begreifen, mit welcher Berechtigung sich ein zerbrochener Topf, ein 
hcnkelloses Nachtgeschirr, eine Flasche aus grünem Glase oder der- 
gleichen zu monumentaler Grabausschmückung eignen könne. Selbst 
der etwaigen Bestimmung, gefiederten Besuchern des Friedhofes nach 
Regenfall Gelegenheit zum Trinken zu bieten, konnten diese rudi- 
mentären Gcfässc nicht dienen, da sie meistens umgekehrt, d. h. den 
Boden nach oben, angebracht waren. 

Jenseits des Gürtels von tiefem Sande, welcher die Stadt um- 
giebt, begannen die Gärten, meist mit Einfriedigungen aus Palmen- 
blättcrn versehen und im Ganzen gut gehalten. Der des Hadsch 
Brähim war von grosser Ausdehnung und hatte neben der. äusseren 
Umzäunung in seinem Innern noch verschiedene niedrigere Umfriedi- 
gungen, . welche besondere Abtheilungen, wie Fruchtbaumgruppen 
und Gemüsegärten, abschlössen. Auf der ganzen Ausdehnung des 
Gartens bildeten Dattelpalmen einen lichten Wald, in dessen Schatten 
sich die Getreide-, Gemüse- und Luzernefelder ausdehnten und einige 
bescheidene Feigen-, Granatapfel-, Mandel- und Apfelbäume, der 
einzige Citronenbaum Murzuq's und ein Exemplar der indischen 
Feige (Opuntia) das man zum Versuche von Ghät eingeführt hatte, 
ein kümmerliches Dasein fristeten. Von Gemüsen säete oder pflanzte 
man gerade Tomaten, Zwiebeln, Bohnen, Melüchia, Bämia, Melonen 
und Gurken und hatte augenblicklich reife Radieschen und gelbe 
Rüben. 

Das letzte Getreide (Weizen) war gerade geschnitten ; die Achren 
waren gross und voll. Durchschnittlich behauptete der Herr des 
Gartens bei sorgfaltiger Cultur und gutem Saatkorn vierzehnfaches, 
unter ungünstigeren Verhältnissen aber nur achtfaches Korn zu ernten; 
der aus Russland eingeführte Weizen gab nach seiner Erfahrung 
einen reicheren Ertrag. Nach der Ernte der nordischen Getreide- 
arten sollten jetzt, der Gewohnheit entsprechend, auf denselben 



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GARTENBAU. 



91 



Feldern die Negcrcerealien, der in Fezzan Qasab, d. h. eigentlich 
nur Rohr, genannte Duchn (Paiicillaria) in einigen Varietäten und 
die Durra (Sorghum), welche dort den nicht arabischen Namen 
Ngäfoli führt, gesäet werden. Von diesen werden im Laufe des 
Sommers und Herbstes bis zu vier Ernten erzielt, von denen freilich 
die letzte oder die beiden letzten nicht mehr zur Reife kommen, 
sondern als Viehfutter verwendet werden. Der Garten war, wie ich 
es in Söqna, Semnu und den übrigen Orten gesehen hatte, in kleine 
eingedämmte Vierecke getheilt, welche abwechselnd, wenigstens 
wahrend eines Tages in der Woche, unter Wasser gesetzt werden. 

Das Wasser wurde in der, in ganz Fezzan üblichen Weise aus 
dem etwa vier Klafter tiefen Brunnen durch Menschen oder Thicre 
emporgezogen. Aus der Tiefe des weiten Brunnens erheben sich 
zwei Palmenstämme, die hoch oben durch einen ebensolchen Stamm 
als Querbalken verbunden sind, welcher zwei Rollen trägt, lieber 
diese laufen Stricke, deren einer am Grunde, der andere an der 
weiten Mundöffhung eines mächtigen Ledersackes befestigt ist. Vor 
dem Brunnen befindet sich eine abschüssige Bahn, auf welcher die 
zu dieser Arbeit verwendeten Rinder, Hscl oder Menschen auf- und 
absteigen. Wenn sich diese auf der geneigten Bahn aufwärts bewegen, 
so senkt sich der leere Sack an den frei gelassenen Stricken in die 
Tiefe des Brunnens und füllt sich; geschieht aber die Bewegung 
jener in entgegengesetzter Richtung, so werden die Stricke ange- 
zogen und der gefüllte Sack steigt empor, bis er die Oberfläche des 
Bodens und mit ihr die Höhe eines Reservoirs erreicht hat, aus dem 
das Wasser in die Kanäle des Gartens fliesst. In diesem Augen- 
blicke kann der am Munde des Sackes befestigte Strick nicht mehr 
angezogen werden, wohl aber der andere am Grunde angebrachte, 
was eine Hebung des letzteren und eine Entleerung des Sackes aus 
der niedrigeren Mundöffnung in das Reservoir zur Folge hat. Die 
gewöhnlich benutzten Säcke oder Schläuche fassen etwa fünfzig Liter 
Wasser. Die Brunnen wechseln in der Tiefe von zwei bis acht Klaftern 
und sind je nach der Tiefe auch verschieden in Quantität und Quali- 
tät des Wassers. Je oberflächlicher die Brunnen sind, desto brakischcr 
ist ihr Inhalt; je tiefer jene, desto süsser, aber auch sparsamer dieser. 
Rinder sind sehr spärlich vertreten, werden also selten zu dieser 
Arbeit benutzt. Vorwaltend werden Esel und Menschen verwendet, 
jene von mittlerer Güte, diese natürlich Sclaven. 



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92 



L BUCH, 3. KAPITEL. MURZUQ. 



Was Hädsch Brähim an Thicrcn bcsass, war augenblicklich im 
Garten, wo sogar ein schöner, sehr geräumiger Stall für dieselben 
erbaut war. Einige Schafe, welche aus dem Gebiete der Tuärik 
stammten, erregten meine besondere Aufmerksamkeit durch ihre 
hohen Beine, ihren langen, dünnen Schwanz, gestreckten Hals und ihr 
langes, feines Haar anstatt der Wolle. 

Die übrigen Gärten, soweit ich im Vorübergehen zu bemerken 
Gelegenheit hatte, ähnelten alle dem gesehenen, wenn auch die 
meisten von geringerer Ausdehnung und Mannichlaltigkeit waren. 
In ihnen erlabte sich wenigstens das Auge in etwas an der grünen 
Farbe der Bäume und Felder, wenn auch beide nur allzuoft durch 
dicke Lagen sandigen Staubes in ein fahles Grau gehüllt wurden. 
Doch in der Stadt wurde der Aufenthalt durch die Einförmigkeit 
ihrer Physiognomie und durch die Monotonie des täglichen Lebens 
auf die Dauer ertödtend langweilig. 

Von meinem Fenster sah ich auf eine altersgraue, hohe Dattel- 
palme im Hofe der Moschee; sie war eine der wenigen, welche das 
Innere der Stadt zierten. Sonst hatte Alles eine fahle Färbung, 
war grau in grau gemalt. Ermüdet schweifte das Auge von der 
Höhe der Terrasse des Hauses über die platten Dächer; vergebens 
suchte es Erfrischung in dem Gegensatze einer klar-blauen Färbung 
des Himmels. Staub lagerte auf Allem, hüllte Alles in seinen grauen 
Schleier, und auch an klaren Tagen verlor der Himmel seine weiss- 
liche Färbung nicht. Mit der steigenden Sonne erhob sich der Wind 
und genügte, selbst wenn er nicht Sandtromben mit sich führte und 
Alles mit dicken Lagen Sandes überschüttete, fast immer, den feinen 
Staub des Alluvialbodens der Hofra von Murzuq aufzuwühlen und 
mit ihm die Atmosphäre zu erfüllen. Hierbei erhielt die breite 
Hauptstrasse einen unendlich viel trüberen Charakter als die engen 
Gassen, in denen wenigstens die Augen auf den Häuserreihen, 
wenn dieselben auch gerade nichts Heiteres an sich hatten, haften 
konnten. 

Das menschliche Leben und Treiben konnte an und für sich 
auch nicht sehr mannichfaltig sein an einem Orte, der rings von 
Wüste umgeben ist und seine Bedeutung als Handelsplatz seit lange 
eingebüsst hat. Die bedeutenden, noch aus besseren Zeiten stam- 
menden Kaufleute der Stadt waren Fremde, Berber aus AudschTla 
und Soqna, Araber aus Tripolis oder Hün, und litten als solche von 



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STRASSEN- UND MAKKTl.EKF.N. 



93 



dem Sumpf klima. Erdfahl oder gallig gelb, mit bleichen Lippen 
und matten Augen, schlichen sie kraftlos und apathisch ihren Ge- 
schäften nach und trugen durch ihre Erscheinung noch zur Herab- 
stimmung des Gesammteindruckcs bei. Selbst ihre Kleidung, die 
grauen und graubraunen Shawls, die fahlblauen Hemden harmonirten 
in ermüdender Weise mit der Physiognomie ihrer Träger und der 
Stadt. 

Mit dem Staube begann auch die Hitze auf der Tageshöhe 
erheblich zu wachsen, obgleich wir erst im Anfang des April waren 
und z. B. noch am io.*d. M. eine Morgentemperatur von nur 8,o° C. 
hatten. Jeder hielt sich zu Hause, soweit es seine Beziehungen irgend 
gestatteten, und nur die kleineren Kaufleute traf man in ihren Waaren- 
lagern im Bazär während des grössten Theiles des Tages. Das einzige 
Kaffeehaus am Eingange des Bäzar's lockte mit seinem zweifelhaften 
Getränk, zu fünf Para, d. h. 2'/a Pfennig, die Tasse nur die Soldaten 
der Garnison oder ähnliche Kundschaft an, und kein schattiges Plätz- 
chen auf den Strassen lud zum Niedersitzen und Plaudern ein. Jeder 
hatte es in seinem Heim besser als draussen und zog sich dahin 
zurück, sobald er konnte. 

Wenn nicht der Marktverkehr gewesen wäre mit der einheimischen 
Gartenbevölkerung und die zahlreichen fremden Elemente in der 
Stadt, welche zum grossen Theile südlicheren, glücklicheren Himmels- 
strichen entsprossen, über der wüsten Monotonie Murzuq's noch nicht 
die Heiterkeit und Lebenslust ihrer Heimath eingebüsst hatten, so wäre 
die Hauptstadt Fezzan's allerdings noch viel eintöniger und langweiliger 
für mich gewesen. Im Laufe des Vormittags zogen die Insassen der 
Gärten allmählich in die Stadt ein und bevölkerten mit den Produkten 
ihrer Kultur den Markt, der während der Nachmittagsstunden am 
besuchtesten war. Morgens wurden die Kameele, Schafe und Ziegen 
geschlachtet, von denen das Fleisch der Schafe das beliebteste war. 
Frauen aus der Stadt brachten frisch gebackencs Brod, und Krämer 
kamen allmählich und boten in bescheidener Quantität, doch reicher 
Mannigfaltigkeit Lebensbedürfnisse des civilisirten Europa und der 
afrikanischen Nordküstc feil, wie Zündhölzer, Cigarettenpapier, tür- 
kischen Tabak, Süssigkeiten aus Tripolis oder gar Constantinopel, 
Kaffeetässchen , Kochgeschirr und Schüsseln aus Kupfer und Zinn, 
holländischen Käse, Pfeifenköpfe, Rasirmesser, Nadeln, kleine Hand- 
spiegel, Scheeren, Messer, Schmucksachen der Frauen, Armbänder 



94 



r. BUCH] 3. kapitf.l. MUftZUQ. 



und Fussspangen aus Kupfer, Messing, Silber, Horn und Elfenbein, 
Halsbänder aus Achat, Bernstein, Glasperlen und Korallen. 

Stoffe aus Kuropa in Baumwolle, Seide und Tuch, arabische 
Anzüge, tunisische Mutzen, Burnusse aus afrikanischem Wollenstofle 
oder europaischem Tuch, feine Haiks aus Tunisien oder Tripolis, 
bunte, weiche Wollendccken von riesiger Ausdehnung von der Insel 
Dscherba oder dem Belcd cl-Dscherid, schlechte Tcppiche aus Mesräta 
oder bessere aus Constantinopel und den Christenländern, Frauen- 
shawls aus Egypten, arabische Sättel und Steigbügel, Sattelüberzüge 
aus gold- oder silbergesticktem Sammct oder marokkanischem Leder, 
dicke, filzige Satteldecken, feine Gewänder aus dem Südän, scide- 
gestickte Schuhe aus gelbem Leder, Säcke aus Kameelwolle ein- 
heimischer Fabrikation, Wasserschläuche aus den Haussa- Staaten 
und andere werthvollere Gegenstände wurden von öffentlichen Ver- 
käufern ausgeboten. Laut schrieen diese Makler den letztgebotenen 
Preis aus, die Waare in der gehobenen Hand, hier stillstehend, um 
dieselbe prüfen zu lassen, dort ihre Vorzüglichkeit anpreisend. Rast- 
los liefen sie von einem Ende des Marktes zum andern bei einer 
Preiserhöhung von vielleicht nur einem halben oder einem Viertel- 
piaster, und nicht zufrieden mit den Marktbesuchern, suchten sie auch 
wohl die Leute, deren Kauflust oder Bedürfnisse sie kannten, in ihren 
Häusern auf. Eine Commission von meist einem Para auf jeden 
Piaster belohnte das anstrengende Gewerbe. 

Als Werthmesser dient das in Tripolis gebräuchliche Geld; nur 
werden die dort schon verwirrten Marktverhältnisse in Fezzän noch 
complicirt durch den Gebrauch des Real el-Kezzani, der, wie der 
Mahäbüb, nicht als geprägte Münze existirt, und 1 5 Ghirsch et-Turki 
gleichkommt. 

Als Gewichtsmaasse figuriren, wie in Tripolis, der Qantar (Plur. 
Qanatir) oder Centner, der 40 Oqqa oder 100 Rotel (d. h. Pfund) 
gleichkommt. Das Rotel enthält 16 Unzen — Oqija welche 
wieder in Halbe, Viertel, Achtel zerfallen. Als kleinste Gewichte 
dienen die Samenkerne des Johannisbrodbaums — Charrüb — oder 
die sehr viel kleineren Getreidekörnchen. 

Das ausschliesslich gebräuchliche Längcnmaass des Murzuqer 
Marktes ist, wie in den Südänländern , die natürliche Elle, welche 
vom Olecranon oder Ellbogenknochen bis zur Spitze des Mittelfingers 
reicht und darum ed-Dra, d. h. der Vorderarm, heisst. Anatomische 



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VF.R KAUFSGEGENSTÄNDE. — M AASSE UND GEWICHTE. 95 

Verschiedenheiten der Menschen ergeben natürlich einige Unterschiede 
in der Länge, welche häufig Streitigkeiten zwischen Käufer und Ver- 
käufer hervorrufen. 

Als grösstes Hohlmaass gilt der Kafis, der bei Datteln ungefähr 
4 Qanatir beträgt; derselbe enthält 24 Keil (Plur. Kijal) und jeder 
Keil zerfällt in 8 Sa. Keil bezeichnet eigentlich nur jedes I I0hlm.1a.ss 
und hat sich allmählig für die Weiba, die man ebenfalls noch in 
Gebrauch findet, eingeschlichen*). 

Stand Karawanenverkehr in Aussicht, so wurden Kameele aus 
Fezzan, den Tuarikländern und den Tubulandschaften zu Markte ge- 
bracht, und schon mit Sonnenaufgang zogen Tuärik aus dem Wädi 
Gharbi mit Holzkohlen, deren Fabrikation ihre Special-Industrie dar- 
stellt, durch das Westthor in die Stadt. Bei der Baumarmuth der 
Gegend bildeten diese ein kostbares, oft seltenes Krzeugniss, das 
man zuweilen, um seiner habhaft zu werden, schon vor Sonnenauf- 
gang am Thore oder auf der Landstrasse erwartete. Allmählich 
kamen dann die Bewohnerinnen der Gärten mit Getreide in Körnern, 
als Mehl oder als Mohammes; mit Gemüsen, wie Bohnen und Melüchia, 
Zwiebeln und Bämia, gelben Rüben und Radieschen, Coloquinthen- 
körnern, rothem Pfeffer aus dem Sudan oder schwarzem aus Europa. 
Von Früchten waren natürlich die Datteln vorwiegend, doch auch 
die Melonen nicht selten; sonst kamen höchstens noch kleine Feigen 
und kümmerliche Granatäpfel auf den Markt, denn Quitten, Aprikosen, 
Pfirsiche, Aepfel, Weintrauben stellten nur vereinzelte Zuchtresultate 
der Reichen dar. Da Milch und Butter wegen des spärlichen Rind- 
viehs theuer waren, verlohnte es sich schon der Mühe für Reisende 
von Norden, von dem ausgezeichneten Olivenöl aus Beni Ulid oder 
dem Ghariangebirge zu bringen, und dies fand sich denn auch oft 
auf dem Markte. 

Viele Frauen brachten schamlos Laqbi zu Markte, natürlich 
unter dem Vorgeben seines frischen Zustandes, und es gab gottlose 
Muselmanen, welche sogar europäischen Schnaps öffentlich verkauf- 



*) In Maassen und Gewichten herrscht in den Ländern des Islam eine noch viel 
grössere Verwirrung, als in der übrigen Welt. Fast in jedem Lande haben Rotel, Oqqa, 
Kafis, Weiba, Sil einen anderen Werth. Selbst der Mudd , das gebräuchlichste kleinere 
Hohlmaass zur Zeit des Propheten (vom lateinischen Modius), das in FeuAn von dem 
viel kleineren SA verdrängt worden ist, wechselt in den verschiedenen mohammedanischen 
Ländern erheblich an Umfang. 



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96 



L BUCH, 3. KAPITF.I.. MURZKQ. 



ten. Und doch war dies durchaus nicht nöthlg, denn es gab einen 
Christen in Murzuq, welcher diesen Zweig europäischer Civilisation 
nicht vernachlässigte und mit einem gleichgearteten Türken aus Dat- 
teln ein miserables Getränk destillirte. Beide waren deportirte Ver- 
brecher - Memfi*) — , deren die türkische Regierung zuweilen einige 
in Fezzan intemirt. Auch Tabak, wie er zum Kauen benutzt wird 
und besonders geschätzt aus dem benachbarten Dorfe Zezau kommt; 
el-Hinna zum Färben der Nägel und zu medicinischen Zwecken; 
Antimonpulver Kohol zum Bestreichen der Augenlidränder; 
Petersilie, Senna, Leinsamen, die Füa -Wurzel, Fenchel, Malven und 
andere Erzeugnisse des Bodens fehlten selten auf dem Markte. Das 
gab denn natürlich für die Zeit der grössten Marktfrequenz ein leb- 
haftes Treiben auf der breiten Strasse, und trotz des wenig distin- 
guirten Publikums begab ich mich um diese Zeit oft in das erwähnte 
Kaffeehaus, von dem aus das Auge den Markt beherrschte. Zu- 
weilen fand ich auch wohl einen Gebildeteren oder nahm meinen 
Adjutanten Mohammed Ben Alüa mit und konnte so cinigermaassen 
die Marktgesellschaft in ihre verschiedenen, oft sehr heterogenen 
Bestandteile zu zerlegen lernen. 

Alle Hautfärbungen, von dem städtebewohnenden Türken aus 
Europa in seiner nordischen Weisse bis zur Ebenholzschwärze, wie 
sie individuell bei Nigritiern gefunden wird, waren vertreten. Die 
röthlichen Araber oder Berber der Nordküste, die Wüsten-Berber in 
ihrer Broncefarbe, die Tubu als weiterer Uebergang zu den eigent- 
lichen Negern, und diese selbst in aller Mannichfaltigkeit und Ver- 
schiedenheit bildeten eine endlose Stufenfolge. Wenn Gestalten, 
Köpfe und Züge der echten Araber für mich familiäre Erscheinungen, 
und die nordischen Berber, unter gleichen Bedingungen lebend und 
vielfach mit jenen vermischt, kaum von denselben zu trennen waren; 
wenn die Bewohner der centralen Wüste mit ihren regelmässigeren 
Zügen, ihren meist wohlgeformten Nasen, ihren massigen Lippen, 
ihrem geringen Prognathismus sich deutlich von den Südanvölkern 
schieden: so gelang es mir vorläufig nicht, die letzteren auseinander 
zu halten und in zusammengehörige Gruppen zu zerlegen. Ich konnte 
keinen charakteristischen Unterschied zwischen den Leuten aus Bornü, 
Baghirmi, Mandara, den Haussa-Staaten entdecken, und nur die ver- 



*) Kommt von dem Zeitwort nafa, herausheben, ausstossen, vertreiben. 



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MARKTHF.SUOlF.k. 



97 



cinzelten Repräsentanten jener merkwürdigen innerafrikanischen Völ- 
kerschaft, die schon manchen Ethnologen verwirrte, der Felläta, mit 
ihren semitischen Zügen, wollten nicht in diese Allgemeinheit passen. 

Hier wurde die arabische, dort die Tubu-, noch anderswo die 
Haussa- Sprache gesprochen, und am meisten hörte man die der 
Bornüleute, die Mana Kanüri. Von Weitem erkannte man schon die 
eigentlichsten Wüstenbewohner, die finsteren Tuarik und die zier- 
lichen Tedä, an ihrem gemessenen Wesen, ihrer dunklen Kleidung 
und dem womöglich dunklen Gesichtsschleier. Kein Lächeln schlich 
über die Züge des gravitätisch einherschreitenden Täriki, und be- 
dächtig spritzte der Tubu einen Strahl grünlicher Tabaksflüssigkeit 
weithin durch die Zahnlücken, ehe er eine Aeusserung that oder 
eine Antwort ertheilte. Ueberlegen und stolz im Gefühle ihrer fort- 
geschrittenen Civilisation sahen die reinen Araber und nordlichen 
Berber auf die Umgebung herab, und harmlos lachten und schwatz- 
ten die Neger. 

Dieser schloss sich durch seine Kleidung (Burnus, Jacke, Weste, 
Beinkleid) an die Bewohner der Nordküste; jener hatte das bequeme 
Südänhemd gegen die nordische Kleidung eingetauscht, oder umge- 
kehrt Jemand jenes mit dem tripolitanischen Shawl combinirt, und 
noch Andere trugen das primitive Schaffell ihrer heimathlichen Wohn- 
sitze. Die Einen waren gewichtige Handelsleute, welche dem west- 
lichen Sudan zustrebten und über Ghät in die industriellen Haussa- 
Länder zu reisen beabsichtigten; Andere kamen von dort und hatten 
als Reiseziel Tripolis, Benghäzi oder Kairo; noch Andere wohnten 
in Fezzan. Die vereinzelten Tuarik und Tubu kamen nie aus weiter 
Ferne und nur zu kurzem Marktaufenthalte; und die Neger waren 
Sclaven oder Freigelassene, welche dem Lande ihrer Geburt zu- 
strebten oder fern von demselben eine neue Heimath gefunden hatten, 
oder fromme Pilger, deren der westliche Sudan alljährlich so viele 
gen Osten sendet und welche bisweilen ihren Weg über Fezzan und 
das nördliche Egypten nehmen. 

Auf dem Gemüse- und Fruchtmarkte hockten in überwiegender 
Mehrheit Frauen hinter ihren Körben aus Palmblättern, und wenn 
die Männer ein mannichfaltiges Bild in Typen und Trachten bildeten, 
so fesselte bei jenen vorzüglich die Eigentümlichkeit der Haartracht 
und Schmuckgegenstände das Auge des Beschauers. Unterschiede 
in der Hautfärbung traten am wenigsten hervor, denn die Frauen 

Narhiigal. I. 7 



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98 



I. BUCH, 3. KAPITEL. MURZUQ. 



der Araber und Nordberber in ihrer höheren socialen Stellung sah 
man kaum auf dem Markte, und auch Tuärikfrauen erscheinen fast 
nie. Vereinzelte, schlanke Tubufrauen im blauen Hüften- und Schulter- 
shawl, mit ihren zierlichen Gliedmaassen , ihrer halbdunklen Haut, 
dem koketten Korallen -Cylinder im rechten Flügel der meist wohl- 
geformten Nase und den zahllosen, dünnen, halblangen Flechten, 




Gruppe von Frauen und Madchen, dem Markte tu Mumio, entnommen. 

UortuWlavin. Musgosclavin. Kellütasclavin. 

Hnu&sa*cla\in, reuinerin. Tubum-idchcn. 



welche, besonders seitlich über die Schläfen herabfallend, das feine 
Oval des Gesichtes einrahmten, waren dagegen schon häufiger. Kine 
weite Kluft trennte sie augenscheinlich von den dicken, runden 
charakterlosen Gesichtern der Fezzanerinnen. Diese trugen gewöhn- 
lich ein langes, mässig weites, meist blaugelärbtes Hemd aus euro- 
päischem BaumwollenstofTe und darüber einen dicken Wollenshawl, 
der Kopf und Schultern und zur Noth die ganze Gestalt einzuhüllen 
vermochte, und variirten in der Hautfärbung von der röthlichen der 
Araberinnen bis zur grauschwarzen vieler Negerinnen. An den Armen 



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FR AUKNTR ACHTEN. 



99 



trugen sie, wie die Tubufrauen, eine grosse Anzahl von Spangen aus 
Metall, Horn und Elfenbein, und die Heine belasteten sie mit schweren 
silbernen, kupfernen oder messingenen Fussringen, wie die Arabe- 
rinnen zu thun pflegen. Im Schmutz wetteiferten sie mit den Ke- 
duinenweibern und contrastirten dadurch scharf mit den meist sehr 
sauberen Tubufrauen. 

Ihre Koketterie schien sich auf die Haartracht zu concentriren, 
in der die Sitte dem Geschmacke und der Erfindungsgabe der 
Schönen einen weiten Spielraum Hess. Diejenigen von arabischer 
oder doch nordischer Abstammung schlössen sich durch die 
dicken Flechten, welche um den Kopf gewunden waren oder vor 
dem Ohre herabhingen, an die Araberinnen; Andere theilten die 
üppige Masse des Haares in vier Theile, von denen ein vorderer 
vom Scheitel auf die Stirn fiel, ein hinterer vom Scheitel in den 
Nacken hing und zwei seitliche den Ohren auflagen. Diese waren 
entweder alle in Flechten von der Dicke eines Rabenfeder- bis Gänse- 
federkiels geordnet, oder der vordere Theil war in einen Knoten zu- 
sammengeballt, welcher der Mitte der Stirn auflag, oder künstlich in 
einen Zustand der Unordnung versetzt, wie ihn unsere Damen zeit- 
weise nicht wenig liebten, und wie er mir auch dort ein Zeichen be- 
sonderer Gefallsucht zu sein schien. Noch Andere endlich — und 
das schien mir die eigenartigste Haartracht der Fezzänerinnen zu 
sein — ordneten Alles in gleichmässige Flechten von mittlerer Dicke 
und Länge, die, vom Scheitel ausgehend und dicht neben einander 
dem Kopfe aufliegend, in ihren Endpunkten durch eine circulare 
Flechte, welche über den unteren Theil der Stirn, die Schläfen- und 
Hinterhaupt -Gegend verlief, zusammengehalten wurden, so dass das 
ganze Haupt wie von einer gleichmässigen Kappe umschlossen war. 
Diese dichte Haarkappe war zuweilen auf Stirn und Vorderkopf in 
zwei Hälften getheilt. 

Welcher Mode die schönere Hälfte der Murzuqer Marktbevöl- 
kerung in der Haartracht aber folgen mochte, eine Zierde fehlte 
ihnen nie, und in dieser zeigte der ästhetische Sinn Aller eine sel- 
tene Uebereinstimmung: das Haupt troff von Fett, wenn es die Ver- 
mögensverhältnisse irgend gestatteten. Entweder war dieses appetit- 
liche Haaröl unvermischte, flüssige Butter, welche mit Staub und 
Erde sich bald zu einer unbestimmten Schmutzkrustc verband, oder 
Oel war mit aromatischen Pflanzenpulvern von Zimmet — Gurfa 



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100 



I. RUCH, 3. KAPITEL. MURZUQ. 



oder Qirfa — , Nelken (Nägelchen) - Qaromful — , Sandelholz und 
Mahaleb (Prunus Mahäleb) zu einer zweifelhaften Pomade verarbeitet. 
Wie in der Vorliebe für dieses Cosmeticum die Repräsentantinnen 
der sonst verschiedensten Stämme durchaus einig waren, so stand 
auch offenbar die Korallenzierde des rechten Nasenflügels in den 
meisten der vertretenen Länder in gleichem Ansehen. 

Die Negerinnen, welche im Ganzen vorwalteten und die ver- 
schiedensten Stämme und Völker vertraten, Sclavinnen oder Frei- 
gelassene, suchten, wenn sie die Concubinen ihrer Herren waren, in 
Tracht und Schmuck die legitimen Frauen nachzuahmen. Andern- 
falls begnügten sie sich mit den meist blauen Hüften- und Schulter- 
Tüchern und nahmen ihre Zuflucht zu selteneren Glas- und Thon- 
perlen, die sie mit echten Korallen untermischt als Ketten um den 
Hals trugen, und zu einigen Silbermünzen oder Korallenstückchen, 
die Haar und Ohren zierten. Die Füsse waren nur in seltenen Fällen 
mit rothen oder gelben Schuhen bekleidet, die man in Murzuq zu 
verfertigen und in geschmackvoller Weise mit Seide zu sticken weiss. 
Häufiger trugen die Frauen Sandalen, von denen die locker aus 
Palmblattstreifen geflochtenen nur zu ephemerem Tagesgebrauch be- 
stimmt schienen, meistens waren sie jedoch jeder Fussbekleidung baar. 

Das war ein buntes Bild und nur zu früh endigte es mit Sonnen- 
untergang, zu welcher Zeit die Gartenbewohnerinnen spätestens ihren 
Palmenzweighütten zueilen mussten, um zur Abendmahlzeit — Ascha — 
anzukommen. Zu dieser Zeit kehrten die in der Nähe der Stadt ge- 
weideten Kameele, die unentbehrlichen Staffagen der Strassen, eben- 
falls heim und begaben sich ohne Ausnahme bei Einbruch der Nacht, 
fremde wie einheimische, wie auf Verabredung auf den Qasbaplatz, 
um daselbst die Nacht zu verbringen. 

Dann vereinsamten die Strassen und Plätze der Stadt für mehrere 
Stunden. Später — die Abende zeichneten sich gewöhnlich durch 
Windstille aus — sammelte sich Alles, was Anspruch auf Jugend 
und Lebenslust machte, in den Strassen, auf den Plätzen, in den 
Häusern, um in zwangsloser Unterhaltung, bei Musik und Tanz bis 
Mitternacht beisammen zu bleiben. Entweder hat ein wohlhabender 
Mann in Folge irgend eines freudigen Familienereignisses Musikanten 
und Tänzerinnen bestellt und lässt Nachbarn und Freunde im Innern 
des Hofes an diesem Sinnengenuss Theil nehmen; oder die Künstler 
ergreifen die Initiative und sammeln irgendwo durch die Töne ihrer 



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TANZBELUSTIGUNGEN. 



101 



Instrumente einen Kreis von jungen und alten professionellen Tan- 
zerinnen. Der Eine schwingt gewöhnlich ein Tamburin Tar 
der Zweite schlagt eine kleine Trommel Dcbdeba , welche, 
von der Form eines Zuckerhutes mit abgerundeter Spitze, eine 
mit Fell überzogene, 6 8 Zoll im Durchmesser haltende Grund- 
flache hat, und ein Dritter strengt seine Lungen mit der Bear- 
beitung der Dudelsackpfeife Suchura an. Der Kreis von Mad- 
chen und Frauen, der sich alsbald um die Kunstler bildet, begleitet 
die einförmige, meist melancholische Musik mit halbpoetischcn Im- 
provisationen, welche den Herrn des Hauses, vornehme Nachbarn 
oder Anwesende verherrlichen, oder ihnen in humoristischer Weise 
ihre Schwächen und Fehler vorhalten. Unter dem aufregenden Ein- 
flüsse der Musik lösen sich dann einige der Madchen und Frauen 
aus dem Kreise, stellen sich einander gegenüber und kokett mit den 
vorgestreckten Händen ihren Shawl in graziöser Mannichfaltigkeit 
drapirend beginnen sie sparsame Korperbewegungen, welche nur 
sehr uneigentlich den Namen des Tanzes verdienen. Sic schieben 
sich, ohne auch nur die Fusse vom Boden zu erheben, unter laseiven 
Beckenbewegungen und Berührungen aufeinander zu und an einander 
vorüber, 'jede Bewegung langsam, berechnet, ein Bild der rohesten 
Sinnlichkeit. Sind die Darstellerinnen ermüdet, so treten andere an 
ihre Stelle und suchen, ohne die geringste Abwechselung in das 
widerliche Gebardespiel zu bringen, höchstens in der Raftinirtheit 
der obseönen Bewegungen mit den ersten zu rivalisircn. Dieser lang- 
weilige Verlauf wird nur zuweilen unterbrochen durch Acte der 
Generosität der Zuschauer in Form kleiner Geldspenden. Dann 
lasst einer der Musikkünstler laut seine Stimme erschallen: „Aleikum, 
ja auläd, aleikum, ja benät men and . . .", d. h. „für Euch, Ihr Jüng- 
linge, für Euch, Ihr Mädchen, von dem . . .", und es folgt der Name 
des Gebers mit den üblichen ehrenden Beiwörtern des reichen, klugen, 
freigebigen u. s. w. Die Musik fällt ein und die Weiber lassen jenes 
unnachahmliche Zungenschlaggeräusch ertönen, das vom atlantischen 
Ocean bis nach Persien und vom Mittelmeer bis fast zum Aequator 
bei den Frauen einer gehobenen Stimmung Ausdruck zu verleihen 
bestimmt ist und im Arabischen Zalrhüta*) heisst. 

Die Veranstaltung solcher Festlichkeiten wird meist sehr billig 
für den Gastgeber dadurch, dass die Gäste nach und nach durch 

*) Kommt von dem Zeitwort zalrhat, verlocken. 



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102 



!. BUCH, 3. KAPITEL. MURZl'Q. 



ihre Geldspenden die Musikanten bezahlen. Die tanzenden und sin- 
genden Frauenzimmer haben trotz obiger Rufe keinen Antheil an 
diesen Einnahmen, sondern begnügen sich damit, die Gelegenheit 
zu ihrer gewerbsmässigen Liederlichkeit auszunützen. In dieser Be- 
ziehung ist ihnen ein guter Erfolg sicher, denn oft erst lange nach 
Mitternacht zerstreuen sich die Festgenossen, aber dann fast immer 
paarweise, ein Männlein und ein Fräulein. Dies schien mir vorläufig 
das einzige Volksvergnügen der Fezzaner zu sein, und selten verging 
ein Abend, an dem man nicht noch in vorgeschrittener Nacht die 
rhythmischen Schläge der Debdcba und dazwischen das Freuden- 
geschrci der Beglückten hörte. 

Ich hatte schon in der ersten Zeit nach meiner Ankunft Gelegen- 
heit, bequem von meinem Hause aus diese stets in gleicher Weise 
verlaufenden Festlichkeiten zu beobachten, einmal bei meinem Nach- 
bar, dem Kätib el-Mäl, als ihm ein Sohn geboren war, und ein an- 
deres Mal bei meinem Nachbar auf der anderen Seite, als eine ge- 
wisse Fätlma sich verheirathete. Bei der letzteren Gelegenheit wieder- 
hallten schon Nachmittags die Strassen der Stadt vom Pulvergeknall, 
während Fatlma stolz in einem rothverhängten Baldachin auf dem 
Rücken eines prächtig aufgezäumten und mit buntseidenen Bändern 
gezierten Kameeis nach arabischer Sitte umhergeführt wurde. Ich 
vermuthetc Anfangs, es sei die Hochzeit einer vornehmen Dame, 
bis ich endlich entdeckte, als der Zug am Nachbarhause hielt, dass 
es sich um eine der zahlreichen, zweifelhaften Schönen handelte, 
welche dasselbe bewohnten. Fätima war ein gutmüthiges, nicht 
schönes und ältliches Mädchen, welches seit langen Jahren sein 
specielles Wohlwollen der Garnison gewidmet hatte, ohne dass diese 
stürmische Vergangenheit sie gehindert hätte, einen Gatten zu finden, 
noch die ehrsamsten Bürger der Stadt, zu ihrem Ehrentage so viel 
Pulver zu verschwenden, als wenn es sich um die Tochter des Bürger- 
meisters gehandelt hätte. Als ich, über die Milde der öffentlichen 
Beurthcilung nachsinnend, zuschaute, setzte mir Ali der Fezzaner 
auseinander, dass er niemals eine wirkliche Frau nehmen werde, son- 
dern nur hoffe, bei der Reise mit mir so viel zu erübrigen, dass er 
sich eine Sclavin kaufen könne. Denn, begründete er weise seinen 
Plan, „verheirathe ich mich, so bin ich sicher, dass meine Frau mir 
untreu ist; kaufe ich eine Sclavin, so wird diese allerdings vielleicht 
auch leichtfertig sein, aber ich habe doch die Freiheit, sie wieder 



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t 

KLEINE LEIDEN DES TÄGLICHEN LEBENS. 



103 



zu verkaufen, sobald ich ihre Untreue bemerke." Dies Raisonnement 
ist nicht selten und dort nicht ganz unberechtigt. Bedenkt man 
dazu, dass eine Sclavin, neben der angeführten äusseren Veranlassung 
zur Treue, von Hause aus fleissigcr, gehorsamer und anspruchloser 
ist, so kann man sich nicht wundern, dass dort Viele das berechtigte 
Concubinat vorziehen und in vielen Häusern, wo legitime Frauen 
existiren, die Vorliebe des Herrn der Sclavin zufallt. 

Entsprechend dem mich umgebenden Leben verliefen meine 
Tage in einförmiger Regelmässigkeit. Während des Vormittags be- 
reitete ich mich, so weit mir Mittel zu Gebote standen, für meine 
weitere Reise vor, studirte die Bornüsprache, wozu die Gelegenheit 
nicht mangelte, registrirte meine meteorologischen Beobachtungen, 
behandelte oft recht uninteressante Kranke und empfing Besuche, 
die selten fruchtbringende waren. 

Die häuslichen Arbeiten waren in dieser Jahreszeit, unserem Früh- 
ling, in qualvoller Weise erschwert durch das Treiben der Fliegen, das 
seinen Höhepunkt erreicht hatte. In der grössten Winterkälte nimmt 
dasselbe an Lebhaftigkeit ab und im Hochsommer erstirbt es ganz. 
Jetzt waren die Thiere zum Verzweifeln hartnäckig, besonders auf 
der Tageshöhe, wo sie, von der Hitze gelähmt, sich nicht einmal 
leicht verscheuchen Hessen. Das Tintcgefäss musste verschlossen 
gehalten und bei jedem Eintauchen der Feder vorsichtig geöffnet 
werden; beim Genüsse einer Tasse Kaffee, eines Glases Laqbi musste 
die freie Hand ununterbrochen bestrebt sein, die massenhaft andrin- 
genden Insecten zu verjagen, und nicht selten drang bei unvorsich- 
tigem Sprechen eine Fliege mit der Inspiration bis zum Kehlkopf. 
Weniger hatte ich von den Mücken zu leiden, welche den Leuten, 
die an der Stadtmauer in der Nähe der Salzsümpfe wohnen, eben- 
falls recht lästig fallen. 

Wenn die Fliegen mich bei Tage bisweilen fast zur Verzweiflung 
brachten, so erfreute ich mich während der Nacht dafür einer um 
so ungestörteren Ruhe, da die Wüstenortschaften einer absoluten 
Immunität genicssen gegen eine Landplage, welche den Frieden der 
Menschen sowohl auf der Nordküstc Afrikas, als auch im Sudan 
erheblich beeinträchtigt, gegen die der Flöhe. Die Südgrenze des 
nordischen Flohs ist Bu N'dscheim. Die oft mit dem Floh gleich- 
zeitig genannte Laus findet dagegen alle Bedingungen zu der diesem 
Thierchen eigentümlichen rapiden und massenhaften Vermehrung. 



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104 '• BUCH, KAPITEL. MURZUQ. 

Zwar nimmt die Kopflaus merklich ab, doch die Kleiderlaus ist so 
unzertrennlich vom Menschen, dass man den exorbitanten Anspruch, 
frei von ihr bleiben zu wollen, nur bei längerem Aufenthalte an 
einem Orte mit einigem Erfolge aufrecht zu erhalten vermag. 
Nicht selten wurde ich von Arabern gefragt, ob es wahr sei, dass 
die Christen frei von diesem Ungeziefer seien, wobei ich zu meiner 
Verwunderung bemerkte, dass sie die supponirte Läuselosigkeit durch- 
aus nicht für einen V orzug, sondern eher für eine göttlicherseits be- 
absichtigte Vernachlässigung zu halten schienen. Da einmal die Rede 
von den an Haus und Mensch gebundenen Insecten ist, so will ich 
bei dieser Gelegenheit erwähnen, dass die Wanzen dort keineswegs 
fehlen, und dass die Motten einen Grad von Zerstörungsfahigkeit und 
Gcfrässigkeit entwickeln, wie er mir kaum irgendwo vorgekommen 
ist und von dem ich die betrübendsten Beweise selbst erfahren sollte. 

Nachmittags ging ich zuweilen aul den Markt, besuchte die 
Kranken, welche in ihren Wohnungen behandelt werden mussten, 
und setzte mich um Sonnenuntergang zu Alexandrine Tinne auf die 
Terrasse ihres hohen Hauses, mich mit ihr erlabend an den herr- 
lichen Abenden , die einen so wohlthuenden Gegensatz zu den win- 
digen, staubigen und oft gluhendheissen Tagen bildeten. Während 
wir im April noch häufig eine empfindliche Morgenkältc hatten und 
selbst bei Tage nicht über zu grosse Hitze klagen konnten, wenn 
nordliche Winde wehten, so wurden diese letzteren mit der Zeit sel- 
tener, und gegen Ende desselben Monats überstieg unsere höchste 
Tagestemperatur schon stets 30 0 C. Ununterbrochen sendete spater 
die Sonne ihre glühenden Strahlen von dem wolkenfreien Himmel 
auf die schattenlose Stadt, wahrend der Wind nicht, wie in anderen 
Gegenden, Kühlung zu bringen vermochte, sondern Alles in Staub 
und Sand hüllte. Die Sonne vermochte nur undeutlich als weiss- 
lichcr Fleck mit verschwommenen Rändern ein kümmerliches Licht 
durch den dichten Schleier zu senden, und die ganze Natur erschien 
fahl, farblos, unheimlich. 

Erst wenn gegen Sonnenuntergang der Wind schwieg, und die 
Sonne wenigstens ihren Scheidcgruss sichtbar zu uns gesendet hatte, 
traten die umgebenden Gegenstände in klaren Conturen und be- 
stimmten Färbungen hervor; der Himmel erblaute wieder für die 
kurze Zeit bis zur schnell hereinsinkenden Nacht; bald tauchten aus 
der dunkelnden, fleckenlosen Wölbung über uns die Sterne in unge- 



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REIZVOLLE ABENDE. 105 

wohnter Klarheit hervor, und der Mond stellte nicht mehr die bleiche 
Scheibe meiner Heimath dar, sondern schwebte als wunderbar leuch- 
tende Kugel durch den Weltraum. Dann war es schön auf der 
hohen Terrasse über der schweigenden Stadt. In wunderbarer Scharfe 
zeichneten die Dattelpalmen in der Umgebung bei der scheidenden 
Sonne nicht blos ihre herrlichen Formen von unnachahmlicher Grazie 
gegen den geklarten Himmel, sondern jede Fieder des Blattes wurde 
sichtbar. Alles schien nahergerückt und vergrössert ; die fern am 
Horizonte auftauchenden Menschen, wie die heimkehrenden Kameele 
erschienen fast in gespenstischer Grösse. Auf der Hohe der klarsten, 
wind- und staubfreiesten Tage hatte man nie eine Transparenz der 
Atmosphäre, wie gegen Abend. Allmählig versanken die ferneren 
Gegenstande in die allgemeine Dunkelheit; nur die vereinzelten Pal- 
men der Stadt warfen geisterhafte Schatten auf die im Mondlicht 
erglänzenden platten Dächer, und im Hintergrunde der Stadt erhob 
sich gigantisch die massige Qasba. 

Unser lebhaftes Gespräch über unsere Plane der Zukunft und über 
die erfahrungsreiche Vergangenheit meiner Freundin, über unsere 
Heimath und die übrige Welt unterlag dem Einflüsse der zauberischen 
Stille und verrann allmählich. Je mehr wir ausserlich verstummten, 
desto mehr versanken wir in Traumereien, bis die fernher in melan- 
cholischer Weise durch die Nacht tonende Debdeba uns zur Wirk- 
lichkeit zurückrief und mich zum Aufbruch mahnte. 

Meine ärztliche Thätigkcit, der ich mich mit regem Eifer widmete, 
verschaffte mir nicht allein wichtige klimatologische Einblicke 
und eine ausreichende Kenntniss der vorkommenden chronischen 
Krankheiten und thcilwcise der acuten, sondern auch zahlreiche Be- 
rührungspunkte mit Leuten der verschiedensten Art und Lebenslage, 
denen ich manche Erfahrung, manche Auskunft, manche Genug- 
thuung durch wirklich gespendete Hülfe und manche Freude an der 
F'rkenntlichkeit der Menschen zu danken hatte. 

Mit der schwindenden Winterkälte meldete sich der Feind des 
Fremdlings in Gestalt der Sumpf- oder Malariaficber mehr und mehr. 
Dieselben werden mit fortschreitendem Sommer häufiger und inten- 
siver, beginnen im Spätherbst abzunehmen und erlöschen endlich im 
W r inter fast ganz. Wenn auch Neger eine geringere Empfänglichkeit 
für das Malariagift haben, als hellfarbige Leute, so wurden doch nicht 
wenige farbige Diener Fräulein Tinne's davon ergriffen. Im Ganzen 



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106 



I. BUCH, 3. KAPITEL. MÜRZUQ, 



waren die Murzuqer der Ansicht, dass dieser Krankheitsstoflf und 
seine Wirkungen in der Stadt seit Jahren allmählich abnähmen. Früher 
hätten die Weissen, erzählten meine Berichterstatter, in Murzuq über- 
haupt nicht verweilen können, ohne vom Fieber ergriffen zu werden, 
und es sei deshalb noch nicht lange her, dass denselben nur der 
Aufenthalt während der drei Wintermonate gestattet gewesen sei. 
Freilich entsprang diese Verordnung keiner väterlichen Fürsorge der 
Regierung fiir die Weissen, sondern der Ansicht, dass diese das 
Krankheitsgift reproducirten und also die Sumpfneber an Häufigkeit 
zunehmen müssten. 

Für uns neue Ankömmlinge vollzog sich die Acclimatisirung nicht 
ohne erhebliche Unbequemlichkeiten. Im Anfange machten sich in 
Folge des Nahrungswechsels hartnäckige Verdauungsstörungen gel- 
tend; Magen- und Darmkatarrhe traten auf, und es verging fast der 
ganze April, ohne dass die Funktionen meiner Verdauungsorgane regel- 
mässige geworden wären. Dies wurde allerdings erschwert durch 
die nicht immer zweckmässige Nahrung, welche ich einzunehmen 
gezwungen war. Von den geträumten culinarischen Genüssen nämlich 
hielt es Giuseppe Valpreda nicht für gut, mir etwas zuzuwenden. 
Krstens waren die Marktpreise für Fleisch nicht unerheblich, denn 
Hammel- oder Ziegenfleisch kostete die Oqqa (2V2 Pfund) immerhin 
! Mark, ein Huhn hatte den Preis von 50 bis 80 Pfennigen, und nur 
das Kamcelfleisch war billig, indem es nur den halben Werth des 
Hammelfleisches hatte. Sodann aber gelang es mir nicht, eine heil- 
same Abwechselung unter den Gemüsen in meine Küche einzuführen. 

Soviel ich auch meinem piemontesischen Koche zuredete, sich 
allmählig der ihm vorläufig unbekannten, landesüblichen Gemüse an- 
zunehmen, und Melüchia, Bamia und dergleichen zu kochen, so hielt er 
doch diese Accommodation an die Verhältnisse für eine Herabwürdi- 
gung seiner Kunst und kochte heute gelbe Rüben mit Hammelfleisch, 
morgen Bohnen mit Huhn oder vereinigte umgekehrt das Huhn mit 
den Rüben und das Hammelfleisch mit den Bohnen. Fin Versuch 
seinerseits, sich meinen Wünschen zu fugen, endigte mit einer lächer- 
lichen Verwechselung, die leicht drastische Folgen hätte haben 
können. Eine Schüssel mit kleinen ovalen, platten Kernen von gelb- 
lichgrauer Farbe sollte mein Mahl verherrlichen, und wenn auch 
Giuseppe seine Verwunderung darüber aussprach, dass dieselben 
nicht gahr hätten werden wollen, so setzte ich mich doch nieder mit 



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ERNAH RUNGSSCHWIERIGKEITEN. 



107 



dem festen Entschluss, diese erste Nachgiebigkeit des eigensinnigen 
Mannes durch einen lebhaften Appetit meinerseits zu belohnen. Ent- 
setzt fuhr ich freilich zurück, als ich entdeckte, dass er mich mit 
Coloquinthenkernen zu beglücken die Absicht gehabt hatte, und ver- 
suchte auch nicht wieder, seinen Sinn auf eine Vervielfältigung meiner 
Gemüsegenüsse zu lenken. Nur unsere Gewöhnung an Duchn und 
Durra anstatt des theueren und später seltenen Weizens stellte ich 
ihm als absolut nöthig vor, und so hatte ich denn das zweifelhafte 
Vergnügen, beide Getreidearten in der Form von aufgequellten, ge- 
kochten Körnern als Gemüse zu genicssen und mir mit den unver- 
daulichen Hülsen den Magen zu verderben. 

Bescheiden suchte ich an Stelle anderer Genüsse den frischer 
oder dicker Milch zu setzen, zu dem mir Ibrahim mit dem bedenk- 
lichen Zunamen Büza (Schnaps- oder Bier- Ibrahim), der Garnison- 
schreiber, die willkommene Gelegenheit bot. Seit dieser geschickte 
und lebhafte Mann durch seine Frau vom Laster der Trunksucht, 
zu dem ihn allmählig die ertödtende Monotonie Murzuq's getrieben 
hatte, geheilt worden war, gab er sich dem Häuser- und Gartenbau 
und der seltenen Rindviehzucht hin. Ich ging zuweilen zu ihm, um 
mit innigem Vergnügen seine kleinen, den entsprechenden Hülfs- 
quellen gemäss bescheidenen, doch immer sauberen und geschmack- 
vollen häuslichen Einrichtungen, die er eigener Maurer- oder Schrciner- 
arbeit verdankte, anzusehen, und die Sinnigkeit zu bewundern, mit 
welcher er die ärmlichen Pflänzchen, die Klima und Entfernung von 
andern lindern ihm gestatteten, zu Gartenanlagen zu verwenden 
und allen seinen Einrichtungen einen ästhetischen Hauch zu geben 
wusste. Unter Anderem hatte er sich auch Kühe angeschafft, eine 
seltene Erscheinung in Murzuq, und dies gab mir die Idee an die 
Hand, durch ihn zu einer täglichen Ration von Milch zu gelangen, 
welche für mich freilich ein ungewohntes Getränk war. Durch 
alle diese Schwierigkeiten arbeitete sich mein Körper übrigens mit 
ancrkcnncnswcrthcr Energie durch, und ich konnte gerade nach 
Monatsfrist behaupten, eine vollständige Verdauungsfähigkeit für 
Duchn und Durra, für Kameelfleisch und Milch erkämpft zu haben. 

Im folgenden Monat Mai ereilte auch mich das Schicksal der 
Malaria- Vergiftung und zwar in sehr intensiver Weise. Leider fiel 
meine Erkrankung in eine für Fräulein Tinnc so ungünstige Zeit, 
dass meine Abwesenheit von ihrem Krankenbette beinahe verhäng- 



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108 



I. BUCH, 3. KAPITEL. MURZUQ. 



nissvoll für sie geworden wäre. Nachdem sie sehr bald nach unserer 
Ankunft leichte Fieberanfalle gehabt hatte, zog sie sich gegen Ende- 
April eine Blinddarmentzündung zu, welche nach dem sechsten Tage 
den Weg der Besserung betrat. Schon vorher war die zwar energische 
aber delikate Dame nicht stark gewesen, und ich hatte sie oft vergeb- 
lich gedrängt, sich durch ausgewählte Kost, soweit dies möglich war, 
zu kräftigen. Seit Beginn der Krankheit hatte sie jede Nahrungs- 
einnahme verweigert, und selbst nach Beginn der Rcconvalescenz 
war sie nicht zu einer solchen zu bewegen. 

Als ich fast eine Woche lang durch die eigene Krankheit an 
meinem Besuche verhindert gewesen war, fand ich die Arme in einem 
Befürchtung erregenden Zustande. Skclcttartig abgemagert, mit 
schmerzhaften Contracturen der Gliedmaassen , furchtbaren Neural- 
gieen, gänzlicher Schlaflosigkeit und absoluter Unfähigkeit, Nahrung 
einzunehmen, erregte sie gerechten Zweifel in mir an der Möglich- 
keit unserer gemeinsamen Reise nach Bornü. Ich wagte sie kaum 
noch zu verlassen, und einige Wochen vergingen, ehe sie unter dem 
Gebrauche von Narcoticis und vorsichtigster, allmählicher Kinflössung 
leicht verdaulicher Nahrungs- und Reizmittel sich zu neuem Leben 
aufschwang. 

Nach ihrer Wiederherstellung gingen wir ernstlich an die Reali- 
sirung unserer vorläufigen Reiseprojecte. Ein Muräbid Ali aus dem 
Dorfe Bachi bei Qatrün war durch Geschäfte nach Murzuq geführt 
worden und kam mit Hädsch Brähim, um mein Tibesti Project zu 
besprechen. Er war ein kleiner, dunkelfarbiger Mann mit vorwal- 
tendem Tubublut in den Adern, doch von strenger Rechtlichkeit, 
verständig und durch eigene Erfahrung ein competenter Richter über 
die Ausführbarkeit meiner Pläne. Er schilderte den Charakter seiner 
Vettern, der Tubu, in wenig ermurhigender Weise und rieth dem- 
entsprechend, wie die Murzuqer Freunde, von dem Vorhaben ab, 
hielt es aber nicht für durchaus unmöglich, mit Hülfe des Chefs der 
Muräbidija von Qatrün, des greisen Hädsch Dschäbcr, ungefährdet 
eine Reise nach Tibesti zu machen. Eine Ausdehnung derselben 
bis Borkii erklärte er für vollständig unausführbar. Seine Mutter 
stammte aus Tibesti, nahe Verwandte von ihm lebten in Borkü, 
und selbst in Wanjanga war er vom östlichen Tibesti aus gewesen; 
doch lehnte er für den Fall meiner Reise von vornherein seine per- 
sönliche Begleitung ab. 



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PLAN DER TIBESTI -REISE. 109 

Ich selbst war entschlossen zu gehen, und selbst wenn die Ge- 
fahren noch drohendere gewesen wären, als meine Berather sie 
schilderten. Abgesehen davon, dass in Murzuq meiner nur Fieber, 
Hitze, Staub und ertödtende Einförmigkeit wartete, war es eine 
Ehrensache für mich, nicht ein halbes, vielleicht sogar ein ganzes 
Jahr thatlos liegen zu bleiben. Um in dem oft von wissenschaftlichen 
Männern durchreisten Fezzan die wenigen Hundert Thaler, welche 
ich mein eigen nannte, zu Excursionen zu verwenden, dazu versprachen 
diese nicht Resultate genug, während selbst eine unwissenschaftliche 
Reise nach Tibesti eine lohnende Ausbeute verhiess. Seit europäische 
Reisende von Tripolis aus nach Bornü gegangen waren, hatte man 
von diesem Felscnlande der Tubu im Südosten von Fezzan gehört, 
das sich durch mächtige Berge und merkwürdige, heisse Quellen aus- 
zeichnen sollte. So lebhaft auch der Verkehr war, welcher vom 
Süden Fezzan's, besonders durch die Murabidija von Qatrün, mit dieser 
Landschaft unterhalten wurde, so wenige Fezzäncr unternahmen die 
Reise in dieselbe persönlich, und so unbekannt war sie selbst den 
Arabern geblieben. 

Fast alle meine Vorgänger auf demselben Wege hatten gewünscht, 
das so nahe gelegene und doch gänzlich unbekannte Ländchen 
unserer Kenntniss zu erschliessen, doch Alle waren vor der schlech- 
ten Reputation der Tubu, ihrem Rufe der Treulosigkeit zurück- 
geschreckt und hatten bei den ernsten Abmahnungen der Local- 
behörden ihrem Plane entsagt. Moritz von Beurmann war demselben 
am nächsten getreten, d. h. er hatte bereits durch die Murabidija 
von Qatrün einen Contract mit dem Häuptling und dem unbestreitbar 
angesehensten Edelmanne des Landes, die ich beide später genauer 
kennen zu lernen eine nur allzulange Gelegenheit hatte, als Begleitern 
abgeschlossen. Doch ihre Unzuverlässigkeit und Wortbrüchigkeit 
licssen auch ihn auf die Ausführung verzichten. 

Genug, ich war entschlossen und veranlasste sofort einen offiziellen 
Brief an den Hädsch Dschaber in Qatrün, der nach dem Urtheile 
Aller die Schlüssel zu dem Felsenlande in seinen Händen hatte. 
Dieser sprach sich sogar etwas zuversichtlicher für die Ausführbar- 
keit des Planes aus, als der Murabid Ali, und schien nicht abgeneigt, 
eine gewisse Verantwortlichkeit für das Gelingen auf sich zu nehmen. 
Er habe, schrieb er, gerade einen Edelmann aus Tibesti in Qatrün, 
der ihm zuverlässig und angesehen genug erscheine, um mir als 



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110 



t. BUCH, 3. KAPITEL. MURZUQ. 



Schutz- und Gelcitsmann dienen zu können, und werde einen ge- 
eigneten Mann aus seiner eigenen Genossenschaft, der eine viel höhere 
Bedeutung haben werde, als jener, als weiteren Begleiter mitgeben. 

Zur grösseren Sicherheit wurde der Tubu-Edle aufgefordert, sich 
in Murzuq den Behörden vorzustellen und mit ihnen einen Contract 
zu vereinbaren. In Erwartung dieses Mannes — Qatrün liegt vier 
Tagereisen von Murzuq entfernt machte ich die geeigneten Zu- 
rüstungen durch Ankauf von Geschenken und durch Vorbereitung 
des Mundvorraths, und suchte gleichzeitig meiner wiederhergestellten 
Freundin zur Realisirung ihres Planes an die Hand zu gehen. Der 
Chef der Tuarik Asgar, der greise Ichnuchen, hatte eine freundliche, 
ja zuvorkommende Antwort auf Fräulein Tinne s Brief gegeben, des 
Inhalts, dass er selbst, durch Geschäfte in den westlichen Theil des 
W. Ladschal gerufen, sie abholen werde. Bei ihren Vorbereitungen 
zur Reise übernahm ich gewöhnlich die Vermittelung zwischen ihr 
und den Behörden, und es fiel mir hierbei auf, dass, wenn ich in 
ihrem Interesse zu dem freundlichen, wohlwollenden und stets ge- 
gefälligen Hadsch Brähim oder irgend einem Andern kam, ich zwar 
stets die höfliche Bereitwilligkeit des Beamten und wohlerzogenen 
Mannes fand, aber jene Wärme, jenes herzliche Entgegenkommen 
vermisste, welche mir so reichlich zu Theil wurden. Man hätte 
gerade im Gegentheil erwarten sollen, dass eine Dame, welche über 
so grosse Mittel gebot, der so dringende und werthvolle Empfeh- 
lungen zur Seite standen, welche endlich ganz allgemein nur als Bent 
el-Re, d. h. Königstochter, bekannt war, mit einer aussergewöhnlichen 
Zuvorkommenheit behandelt werden würde. Der Unterschied der 
uns widerfahrenden Behandlung war mir lange unerklärlich, bis ich 
allmählich einsah, dass derselbe dem harmlosen Umstände entsprang, 
dass sie nicht verheirathet war. Die Murzuqer Herren, welche selbst 
der Frauenliebe sehr ergeben sind, konnten sich so wenig ein weib- 
liches Geschöpf mit anderen Zwecken als dem der Kindererzeugung 
und des sinnlichen Genusses vorstellen, dass sie geneigt waren, dem 
ledigen Stande der „Königstochter" unnatürliche Gründe unterzu- 
schieben. Die unsinnigsten Gerüchte circulirten über diese Frage 
bei den Leuten, und unter diesen fand am meisten dasjenige Anklang, 
welches sie beschuldigte, einen verzauberten Mann in Gestalt ihres 
riesigen Lieblingshundes bei sich zu führen, der nur unter dem 
Dunkel der Nacht eine menschliche Gestalt annähme. Als dieses 



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MISSACHTUNG UNVERHEIRA THETER. 



111 



brave Thier im Laufe des Monat Mai an Altersschwäche starb, und 
seine Herrin einen dort unbegreiflichen Schmerz über seinen Tod zur 
Schau trug, zweifelten nur wenige Skeptiker mehr an der Richtig- 
keit jener Annahme. Schon jeder Mann nimmt als Junggeselle eine 
missachtetc Stellung in jenen Gegenden ein und provocirt durch seine 
Frauenlosigkeit nicht sehr schmeichelhafte Beurtheilungen seiner Per- 
son, doch bei einer Frau erschien ein solches Verhältniss von noch 
viel gravirenderer Bedeutung, besonders da die in Rede stehende 
durch ihre Ziele und Zwecke so sehr in die Öffentlichkeit trat. Ich 
mochte noch so sehr auf ihre Wohlthätigkeit, Generosität und Vor- 
liebe für islamitische linder hinweisen, ganz vermochte ich den 
Schatten, der auf ihrer Person lastete, nicht zu tilgen. 

Bald war, so weit es an uns lag, Alles zu unserer beiderseitigen 
Abreise vorbereitet. Doch bevor wir den ersten Blick in eine bis 
dahin uns verschlossen gewesene Welt werfen, dürfte es zweckmässig 
erscheinen, eine zusammenfassende und ergänzende Uebersicht über 
Fezzän zu gewinnen. 



VlERTKS KAPITKL. 

NATÜRLICHE BESCHAFFENHEIT FEZZÄN'S. 



Die grosse Wüste oder Sahara. — Ihre Erhebung über dein Meeresspiegel. — Küsten- 
gebirge Ulld centrale Erhebungen. Steinige Hochcbeiuu und Dünenregionen. — 
Topographische Verhältnisse zwischen Tripolis und MurZUq. — Das Küstengebirge. 
— Seine weidereichen Ebenen und Abflüsse. — Abdachung der Hammada el-Hamra 
nach der grossen Syrte zu. — Sern. Dschebel el-Tar und el-Dschofra. — Die 
natürliche Nordgrenze Kez/an's. — Dsch. es-Söda in Erhebung, Ausdehnung und 
Beschaffenheit. — Seine Abflüsse. — Oasen -Complcx des eigentlichen Eezzdn. — 
W. Schijati und Hattlja Omm cl-Abid. — Dünen Edeyen. — Salzige Seen. — 
\V. Ladschal und die Oasen Sebha, Temenhint , Scinnu und Sirrin». — W. Otba 
und die Oase Rhodwa. - — Die Hob. von Murzu«j. — Die Scherqtjft. — Isolirte 
Oasen. — W. Ekema mit den südlichen Ortschaften. - Südgrenze Eezzdn's. — 
Pflanzen- und Thierleben. — Viehzucht und animalische Kost der Einwohner. — 
Ackerbau. — t'ultur der Dattelpalme. — Getreidebau. — Vegetabilische Nahrungs- 
mittel der FcZxAner. - Der Handel Eez/än's sonst und jetzt. — Grund seines Rück- 
ganges. — Waaren. — Mangel an Industrie in FeuAn. 

Der vulgäre Irrthum, dass jenseits der Gebirgsketten, welche 
parallel der Nordküste Afrika s von Marokko bis Tunis und Tripolis 
verlaufen, eine unter dem Meeresspiegel gelegene wüste Sandebene 
in einer Ausdehnung von ungefähr fünfzehn Breitegraden die Nordküste 
von den fruchtbaren Ländern des nördlichen Central- Afrika trenne, 
sollte /war längst als beseitigt betrachtet werden können, stösst uns 
aber hier und da immer noch wieder auf, wie die Discussionen über 
die verschiedenen Probleme, die grosse Wüste oder Sah3rä in grösserer 
Ausdehnung unter Wasser zu setzen beweisen. In der That ist die 
Wüste, als Ganzes betrachtet, eine beträchtlich über dem Meeres- 



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DIE <;rossf. wüste oder sahakä. 



113 



spiegel erhabene Gegend; der Sand tritt felsigem und hartem Kies- 
boden gegenüber in den Hintergrund und anstatt der Ebene haben 
Wir eine ungeahnte Mannigfaltigkeit von Berg und Thal. 

Die Küstengebirge sind nicht als einzelne, aus der Ebene sich 
erhebende Ketten zu betrachten, sondern bilden die Terrassen zu hoch- 
gelegenen, mit einzelnen Gebirgsstöcken und isolirten Berggruppen 
gezierten Ebenen, welche von zahlreichen, wasserlosen Flussthälem 
durchschnitten sind. Auf ihrer ungeheuren Ausdehnung findet man 
dann mehr oder minder ausgedehnte Strecken mit Sandbergen und 
Sandflächen bedeckt. Bei der gewaltsamen Erhebung, welche einst 
die Gebirgsstöckc im Norden und im Innern der Wüste erzeugte, 
scheinen weite, ungeheure Ebenen in ihrer Gesammtheit und in ihrer 
Oberfläche unverändert mit erhoben zu sein, und im Laufe der Jahr- 
tausende haben sich dann aus der Verwitterung der Felsen und 
Kbcnen und unter dem anordnenden Einflüsse des Windes in be- 
stimmten Gebieten zusammenhängende Sandmassen aufgehäuft, welche 
in Länge und Breite variirende Züge oder vereinzelte, bewegliche 
Dünen darstellen. 

So hat man in dem ganzen westlichen Afrika, von der Nordküste 
kommend, wenn man sich die Anordnung in grossartigen Dimen- 
sionen und schematisch vorstellt, eine mehr oder weniger von Westen 
nach Osten verlaufende Gebirgskette vor sich, von deren Höhe man 
jenseitig nur unwesentlich absteigt. Südlich von ihr dehnen sich 
Massen dünenartiger Erhebungen gelben, sandigen Detritus aus, und 
auf diese folgen terrassenförmige Plateaus wüster Hammaden und 
kiesiger Serir's. 

Wenn die Regelmässigkeit dieses Systems im ganzen westlichen 
Thcile Nordafrika's klar in die Augen fällt, so stellen sich diese Ver- 
hältnisse etwas anders dar auf dem Wqge von Tripolis nach Fezzän. 
Dieselben Ursachen, welche den weiten Ausschnitt der Nordküste, 
die beiden Syrtcn, erzeugten, Hessen hier die atlantische Ge- 
birgskette in wirren Ausläufern endigen und die lange nördliche 
Dünenreihe den Meridian von Tripolis nicht mehr erreichen, und 
vermittelten die Bildung der zahlreichen Oasengruppen, welche Fezzän 
zusammensetzen. Besonders der östliche der beiden besprochenen 
Wege giebt nicht mehr eine klare Idee der ganzen Anordnung, da 
seine erste Hälfte zu nahe der Syrte verläuft, gegen welche hin die 
an die westlichen Gebirgsstöckc gelehnten Hochplateaus sich bis zu 

Nach«!;.!!. I 8 



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1 14 I. nrC'H, 4. KAPITEL. NATÜRLICHE liESCHAFFENHF.IT FEZZAN's. 

Tiefebenen abdachen, und seine zweite Hälfte innerhalb der natür- 
lichen Grenzen des Oascncomplexes von Fezzän fällt. Doch ist wohl 
Alles gleichmässig, wenn auch nicht gleichzeitig entstanden. Die 
trlpolitanischcn Gebirgsstöcke Dsch. Duirät, Nefüsa, Gharian und 
Tarhuna, der Dsch. es- Soda und der Harüdsch werden sich mit den 
westlicheren atlantischen Ketten erhoben haben, wie weiterhin im 
Süden die Bergmassen von Tibesti, das Gebirge Ahaggar und die 
Berge von Ahir eine gleiche Entstehung hatten, und wo die vul- 
kanischen Massen nicht durchbrechen konnten, wurde die Kruste zu 
wirklichen Hochplateaus Hammada — oder zu weniger hoch 
gelegenen Ebenen — Serir — in Masse und gleichförmig empor- 
gehoben. 

Der volle Charakter der Wüste beginnt einige Tagereisen von 
den südlichen Abhängen des nördlichen Gebirgsstockcs, welcher sich 
bis zu ca. 700 Meter erhebt und hauptsächlich aus Kalksteinfelsen 
besteht, hervorzutreten. Zunächst zieht man noch auf hohen Ebenen 
mit vortrefflichen Viehweiden dahin, die unterbrochen sind von zahl- 
losen, weiten Thälern mit fast immer trockenen Flussbetten — 
Wudjan und fruchtbarem Boden, in dem hier und da Getreide 
cultivirt wird. Dann wird mit den spärlicheren Niederschlägen Humus, 
Sand- und Lehmboden seltener; Felsgrund, mit Steinen jeder Art 
besäet, oder nackter Kalkboden walten vor; die Flussthäler werden 
weniger scharf geschnitten und unfruchtbarer, die zahlreichen Hügel 
nackter, und endlich zieht man auf jenen weiten, unabsehbaren Serir's 
mit ihrem harten Kiesgrunde dahin, welche den wüstesten Theil der 
Wüste bilden. 

Diese lehnen sich an die grosse Hammada el-Hamra, welche 
sich westlich von ihnen in einer Länge von etwa 600 Kilometern 
von Ost nach West und einer Breite von 200 Kilometern von Nord 
nach Süd ausdehnt, und gehen nach Osten und Nordosten über in 
die Tiefebenen, welche die Syrte umgeben. Während die Hammada 
el-Hamra etwa 600 Meter über dem Meeresspiegel liegt, haben die Serir's 
daneben nur etwa die halbe Erhebung; während jene mit zahllosen 
Steinen, unregelmässig in Form und Grösse, bedeckt ist, zeigen diese 
einen gleichmässigen Belag von gleich kleinen, abgeschliffenen und 
meist auch gleich geiärbten Steinen. Beide sind des Lebens in 
gleicher Weise baar. Wo auf ihnen der Wind etwas Sand zusammen- 
getrieben hat, entwickelt sich ein Pflanzenleben der bescheidensten 



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r.ERIRCE, WÜSTE El'.F.NEN UND TH M.HI I. DI NGEN. 



115 



Form, doch auf ihnen selbst keimt durchaus Nichts. Nackte, kahle 
Hügel von der Form abgestutzter Kegel oder Pyramiden, Produkte 
der Boden -Erosion, unterbrechen hier und da die Gleichförmigkeit 
und zeigen durch die allen gemeinsame unbedeutende Höhe das 
frühere Niveau des Terrains. Wenn auch in der Serir die Wasser- 
schicht der Bodcnobcrflächc näher liegt, als in der höher erhobenen 
Hammada, so werden doch auch in jener die Brunnen seltener und 
tiefer. 

Diese Einförmigkeit wird unterbrochen durch die Vorberge des 
Dsch. es- Soda, das Gebirge et-Tar, mit schwarzem Sandstein ge- 
krönte Kegel, welche sich isolirt oder in Gruppen zu 500- 600 Meter 
Meereshöhe erheben und zwischen sich und die „Schwarzen Berge" 
selbst die rcichbcwässcrte Kbene el-Dschofra mit Söqna, Hün und 
Waddan fassen , deren Sandboden auf Thon ruht und vielfach mit 
Kalk und Salz gemischt ist. Aus dieser etwas mehr als 300 M. über 
dem Meeresspiegel gelegenen Ebene, welche eine Breite von ca. 
35 Km. hat, steigt man zu dem Dsch. es-Södä auf, der die natür- 
liche Nordgrenze von Fezzan bildet. Derselbe springt am südlichen 
Theile des Ostrandes der Hammada el-Hamrä zu einer Höhe von 
etwas über 900 M. auf, und erstreckt sich bogenförmig, an Höhe 
abnehmend, über den Meridian von Söqna hinaus, wo er allmählig 
in den schwarzen Harüdsch Harüdsch el-Assuad übergeht. Die 
Masse des Gebirges besteht aus Kalk, der auf mächtiger Thonschicht 
ruht und schwarzen Sandstein trägt. Es hat bei einer Längenent- 
wickelung von ungefähr 200 Km. (von West nach Ost), eine Breite 
von etwa 50 Km. (von Nord nach Süd), und wird durch einen Pass 
in einen ausgedehnteren und höheren westlichen Theil Soda el-Ghar- 
bija mit dem höchsten Punkte Dahar es-Södä und in einen öst- 
lichen Soda esch-Scherqija getheilt. Der höchst gelegene Punkt 
des Passes ist Dahar el-Mümin und hat eine Erhebung von 750 M. 

Südlich lehnen sich an das Gebirge wüste, wasscrlose Ebenen, 

welche sich von dem südöstlichsten Theile der Hammäda cl-Hamrä 

nach Osten senken , und anfangs in ihrem Charakter noch von den 

zahlreichen Wudjän beherrscht werden, welche vom westlichen Theile 

des Gebirges entspringen. Nach wenigen Tagen befindet man sich 

wieder auf charakteristischen Serir- Ebenen , bis man etwa 130 Km. 

südlich vom Dsch. es-Södä die Nordgrenze des bewohnten Theiles 

des eigentlichen Fezzan überschreitet, welche gewissei maassen eine 

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I1f> I. I1UCH, 4. KAPITEL. NATÜRLICHE BESCHAFFENHEIT FEZZAN'S. 

Fortsetzung des Südrandes der Hammäda el-Hamrä bildet. Damit 
ändert sich der Charakter der Landschaft; Alluvialboden tritt auf, 
und in dem Thale von Omm el-Abid findet man wieder das Wasser 
wenige Meter unter der Oberfläche der Umgebung. Diese Hattija 
kann gewissermaassen als der östliche Endpunkt des W. esch-Schijäti 
angeschen werden, der sich zwischen dem 27. und 28. Grad nördl. 
Br. von West nach Ost erstreckt. Derselbe hat leichten, in der 
Oberfläche salzreichen Alluvialboden von grossem Wasserrcichthum 
einige Meter unter der Oberfläche, und in seinem östlichen Theile 
eine Erhebung von gegen 500 Meter*). 

Gegen das östliche Ende des W. Schijati erstreckt sich von Süd- 
westen her der langgestreckte W. Ladschal, ohne jenen jedoch zu 
erreichen. Zwischen beide drängt sich von Westen her jene Dünen- 
zone, welche unter dem ursprünglich generellen Namen Edeycn be- 
kannt ist, vermag aber nicht weit nach Osten vorzudringen. Sobald 
sie die Westgrenzc der grossen Wudjan erreicht hat, löst sie sich 
allmählig in einzelne Hügel auf und überschreitet den Meridian von 
Murzuq nur in Gestalt einer gewellten Flugsandebene. Zwischen dem 
13. und 14. Grad östl. L. von Gr. nehmen ihre vereinzelten, doch 
immer noch mächtigen Dünenhügcl — fand doch Ed. Vogel einen 
derselben um 500 engl. Fuss die Ebene überragend eine Anzahl 
natronhaltigcr Seen zwischen sich (Mandara, Omm cl-Ma, Omm el 
Hasan, Omm et-Tröna, Feredra, Tademka, Bahär ed-Düd), welche 
zum Theil behufs der Gewinnung von Natron — Trona — und 
essbaren Würmern — Düd — ausgebeutet werden. 

Der W. Ladschal zerfällt in einen westlichen Theil, W. el-Gharbi, 
und einen östlichen, W. esch-Scherqi, ist etwa 200 Km. lang und 8 Km. 
breit und wird kurz als ,,der Wädi" bezeichnet. Seine beiden Theile 
haben denselben Charakter: in der Oberfläche jenes salzhaltige, sandige 
Alluvium, welches in Fezzän in den Niederungen so vorwaltet und 
Heischa genannt wird, und darunter Wasser überall in der durch- 
schnittlichen Tiefe von 37t M. Er verdankt seinen Ursprung der 
Amsakkette, welche ihrerseits eine östliche Abstufung der Hochlande 



*) Die Senkung des W. Schijat? von Wert nach Ost für seinen ganzen Verlauf ist 
nicht sicher. Ks ist nicht unmöglich , dass das Thal in seinem mittleren Theile höher 
liege, als nach beiden Seiten hin, denn in seinem westlichen Theile hat es nach einigen 
Beobachtern nur ungefähr 350 M. Meereshohe. 



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W. LADSCHAL, HOFRA UND SCHERQtjA. 



117 



darstellt, die sich an das vulkanische Ahaggär-Ccntrum lehnen. Sein 
nordöstliches Ende erreicht fast die Oase Scbha, und die nahe bei 
einander liegenden, in derselben Richtung aufeinander folgenden 
Oasen Tcmcnhint, Semnu und Sirrhen verlängern ihn gewissermaassen 
ebenfalls bis Omni cl-Abid. Wo er sich an die Amsakkette lehnt, 
hat er eine ungefähre Höhe von 600, im nordöstlichen Ende von 
etwa 400 M. Südlich von ihm, seinem Verlaufe parallel, dehnt 
sich die sogenannte Hammada von Murzuq aus und trennt ihn von 
einer länglichen Thalniederung geringerer Ausdehnung, dem W. Otba, 
dessen erster Anfang bis auf die von der Amsakkette sich abzweigen- 
den Berge von Aberdschüdsch, ungefähr 100 Km. westlich von Mur- 
zuq, zurückzuführen ist und der sich durch den W. Neschüa sehr 
allmahlig nach Nordosten bis zur Oase Rhodwa senkt. Etwa 50 Km. 
in nordwestlicher Richtung trennen den W. Otba von dem grossen 
Wadi und kaum 40 Km. in südlicher Richtung von Murzuq. 

Murzuq selbst bildet das westliche Ende einer über 100 Km. 
langen und 15 — 20 Km. breiten Hodensenkung, welche die Hofra, 
d. h. Grube oder Senkung, genannt wird, und deren Bodenbcschaffcn- 
heit die grösste Achnlichkeit mit der der übrigen Thälcr hat, viel- 
leicht aber reicher an Thon ist. In ihr ist der Wasserreichthum 
des Bodens gross, und von einer Quelle der alten Stadt Trägen 
sollen früher sogar Kanäle bis zu den ausgedehnten, jetzt verwilder- 
ten Dattelpfianzungcn von Rhodwa geführt haben. Die abhängigste 
Stelle der Hofra ist durch einen mächtigen ausgetrockneten Salz- 
sumpf eingenommen, wie sich ähnliche Sebchagründe in Murzuq und 
zu Scheqwa finden. 

Die Hofra ist nur durch eine schmale, wüste Terrainerhebung 
mit dem Charakter einer Serir von dem Distrikte Scherqija getrennt, 
einer Gegend, welche noch weniger nach Art der früheren Wudjän 
gestaltet ist, als die Hofra, sondern unregelmässige Senkungen zwischen 
hohem, wüstem und gehügeltem Terrain darstellt, in denen die wenigen 
zerstreuten Ortschaften liegen. Sowohl in der 1 lofra als in der Scher- 
qija haben wir keine regelmässige Abnahme der Bodenerhebung; die 
einzelnen Oasen der Ortschaften wechseln von etwa 300 bis 500 M. 
Meereserhebung. Im Norden von der Scherqija, welche als einiger- 
massen zusammenhängende Thalniedcrung bis Temissa gedacht wer- 
den muss, liegt die vereinzelte Oase Foghaa, welche eine selbst- 
ständige Bodensenkung bildet, und im Osten ist die kaum 300 M. 



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118 I. MUCH, 4. KAPITEL. NATÜRLICHE BESCHAFFENHEIT FEZZAN'S. 



über dem Meeresspiegel liegende Oase Wau ebenfalls durch ausge- 
dehntes wüstes Terrain von der Scherqija getrennt. 

Von dem südlichsten bewohnten Punkte Fezzan's, der Stadt 
Tedschcrri, mit ungefähr 500 M. Erhebung, senkt sich ganz regel- 
mässig ein flaches Thal, wohl W. Ekema genannt, gegen Mcdschdül 
in der Scherqija hin, welches nur wenig höher als 300 M. liegt. Das 
Thal enthält die südlichsten Ortschaften der Provinz in einer Reihe, 
welche sich von Tedschcrri bis Qatrün, gegen 80 Km. lang, erstreckt, 
und setzt sich durch verschiedene Brunnen von letzterem Orte in 
der Richtung gegen Mcdschdül fort, ohne diesen Ort zu erreichen. 

Nach Süden von Tedschcrri steigt das Terrain zu einer gleich- 
massigen Hammada an, welche sich zwischen dem Lande der Tuarik 
und dem der Tubu ausdehnt, eine Erhebung von 750 M. erreicht 
und nach Süden durch das TümmoGebirgc oder Dsch. el-War und 
Bergketten und Berggruppen begrenzt wird, welche sich nach Nord- 
westen bis zu dem Ahaggar-Gebirge der Tuarik, und nach Südosten 
bis zum Gebirgslande Tibesti in unterbrochener Linie fortsetzen. 
Hier ist die natürliche Südgrenze Fezzan's, wie die Schwarzen Berge 
von Soqna seine natürliche Nordgrenze darstellen. Nehmen wir zu 
diesen Grenzen im Westen die Ausläufer und hohen Terrassen der 
Tuärikländcr, so haben wir ein abgerundetes Territorium, das ein- 
gefasst von hohen Rändern, welche nur im Osten fehlen, durchzogen 
von langen, flachen Thälcrn, durchsetzt von zahlreichen eingesenkten 
Oasen und von West nach Ost abgedacht, etwa 620 Km. von Nord 
nach Süd und etwas mehr als 500 Km. von West nach Ost misst, 
und ungefähr zwischen dem 24. und 29. Grad nördl. Br. und dem 
12. und 18. Grad östl. L. von Gr. liegt. Dass das Gebiet von Fezzan 
nach Norden seine natürliche Grenze in Folge der administrativen 
Eintheilung Tripolitanicn's überschritten hat und die am nördlichen 
Fusse des Dsch. es-Sodä sich ausdehnende Dschofra, noch nördlicher 
Bu Ndscheim und am nördlichen Fusse des Harüdsch el-Assuad die 
Oase Zella in sich begreift, ist bereits erwähnt worden. 

Das ganze Territorium von Fezzan gehört der Wüste an, und 
selbst die nördlichst gelegenen Oasen, so nahe der grossen Syrte 
Bü N dscheim liegt kaum 100 Km. von ihr entfernt — liegen in 
durchaus wüster Umgebung. Dieser Lage entspricht das bescheidene 
Pflanzen- und Thierlcben, soweit dasselbe nicht von der Bemühung 
des Menschen abhängt. 



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FLORA UND FAUNA. 1 1«> 

Während im Norden der Wüste noch ausgedehnte und mannig- 
faltige Viehweiden in der günstigen Jahreszeit die Nomaden herbei- 
locken, Thymus- und Artemisia- Arten und der Harmel (Peganum 
Harmala) die Höhen bedecken, Botum (Pistacia atlantica). Sidr (Zizy- 
phus Lotus). Tamarisken, March (Genista), Retemm (Retama Raetom) 
und Dschedari (Ritus dioeca) häufig sind, hört in Fezzan die wilde 
Flora fast ganz auf. Noch einmal schwingt sich für eine kurze 
Periode des Jahres die Natur auf den Abhängen der Schwarzen Berge 
und des Harüdsch zu einer ephemeren Produktion auf, doch bald 
entwöhnt sich auf den vorwaltenden steinigen Ebenen das Auge aller 
Vegetation, und nur in den sandigen Bodenabflachungen unterbricht 
die Talha genannte Akazie mit ihrem bescheidenen Blätterschmucke, 
die fahle Tamariske, einige Kameelfutterkräuter, wie die stachlige 
Leguminose Aqül (Alhagi Maurorum), die starre Salsolacee el-Häd 
(Cornulaca monacantha). der Domrän (Traganum), die Senna (Cassia 
oöoz ata). die unter dem Namen Coloquinthe bekannte Bittergurke 
und einige Gräser, wie Aristida pungens und plumosa, die Haifa 
Lygeum Spartum) und das verästelte Knotengras Bu Rukba (Pani- 
cum turgidum). die farblose Oede, wie ieh bei der Wegbeschreibung 
zu schildern versucht habe. 

Noch kümmerlicher ist das Thierleben, das sich fast ganz auf 
die Oasen beschränkt. Nur auf den Gcbirgsabhängen, welche das 
eigentliche Fezzan einschliessen und in den Thälcrn, welche durch 
sie zu Stande kommen, fristen das Mähnenschaf - Wadän , die 
Gazelle Ghazäl -, der Schakal Dib — , der Wüstenfuchs 
Fenek und die Feldratte Far ein mühsames Dasein. Der 
Strauss — Näm welcher mancherlei Nachrichten zufolge früher 
auch im nördlichen Thcile der Sahara nicht selten gewesen sein 
muss, hat sich südlicher gezogen, und nur einige Raubvögel, Tauben, 
Raben und Eulen vertreten die Vogclwclt. Relativ zahlreicher finden 
sich einige Reptilien (der Sandgeko, die Waran -Eidechse, Vipern) 
und vorzüglich die Skorpione, während einige Insekten, wie der Floh, 
ganz fehlen und andere, wie Fliegen und Mücken, eine in Raum und 
Zeit sehr beschränkte Entwickelung finden. 

Ein solches Land musste von jeher durch Lage, Klima und die 
von diesem abhängigen Hülfsquellen der Zahl und dem Wohlstande 
der Bevölkerung enge Grenzen ziehen. Fezzan ist ein Land der 
Wüste, das in Folge seiner fast dreissigtägigen Entfernung von der 



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120 [, BI CH, 4. KAPITEL NATÜRLICHE BESCHAFFENHEIT FEZZAn's. 

Nordküstc und einer etwa doppelt so grossen vom Sudan, getrennt 
von beiden durch unwirkliche Gegenden, auf sich selbst und eine 
sehr bescheidene Existenz angewiesen ist. Selbst der Handel, der 
früher den Bewohnern eine ansehnliche Hülfsquclle bot, konnte bei 
den ungeheuren Entfernungen und bei den zu überwindenden Schwierig- 
keiten und Gefahren doch nur von Wenigen und in grösseren Zeit- 
pausen betrieben werden. 

Die Einwohner waren also stets zur Sicherung ihrer Existenz 
auf den Ackerbau angewiesen, und selbst die Viehzucht konnte ihnen 
nur geringe Hilfsquellen bieten. In Ländern wie in Tunis und 
Algerien, in denen regelmässige Regen fallen und den Ackerbau 
erleichtern, und in denen unmittelbar südlich von den dem Ackerbau 
gewidmeten Strichen in den Thälern und auf den Abhängen der 
Gebirge die üppigsten Weiden einen grossen Theil des Jahres hin- 
durch bestehen und periodisch Flüsse rauschen, arbeiten Ackerbau 
und Viehzucht einander in die Hände. In den Zeiten der nahe der 
Küste reichlichen Regen, während deren das Getreide keimt und 
wächst, zieht der Nomade mit seinen grossen Kamecl- und Schaf- 
heerden gen Süden, wo die seltneren Niederschläge immer noch 
hinreichen, um frische Kräuter sprossen zu lassen, ohne die Gesund- 
heit der regenscheuen Kameele zu schädigen, bis in die Oasen der 
Dattelpalmenkultur. Gegen die Zeit der Getreideernte im Norden 
kehrt er in die fruchtbare Küstengegend zurück und verkauft die 
Wolle seiner Schafe, die Gewebe, welche seine häusliche Industrie 
aus ihr erzeugte, und die Datteln der Oasen, um Getreide, Oel und 
Erzeugnisse nordischer Industrie dagegen heimzuführen. 

In Fczzän ist die Entfernung von der Küste zu gross, diese selbst 
zu wenig produktiv und die eigenen Oasen sind ohne Viehweiden: von 
einem Austausche der Erzeugnisse beider Gegenden kann nicht die 
Rede sein. So ist man auf die eigene Bodenkultur angewiesen und 
diese muss auf künstliche Bewässerung rechnen; man gewinnt gerade 
nur, was man gebraucht. Da, wo Gcbirgsbildung die Niederschläge 
begünstigt, finden sich noch gute Weiden und Triften; hat man aber 
die natürliche Nordgrenzc Fczzän's überschritten, so häufen sich die 
Schwierigkeiten mehr und mehr. Die Wasserarmuth des Bodens, 
selbst wenn im Winter in den Thälern noch Gras- und Kräuter- 
nahrung der Thiere gedeiht, erschwert die Schafzucht. Weiterhin 
kommen die Bodcnabflachungen der Oasen, in denen zwar die Wasser- 



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VIEHZUCHT. 121 

nahe Dattelpalmenzucht und Ackerbau erlaubt, aber die Viehweiden 
fehlen. Man kann dort wohl ein halbes Dutzend Kameele und 
Schafe oder Ziegen auf der Weide erhalten, und meist nur mit 
künstlicher Beihülfe (gewissermaassen mit Stallfütterung), aber nie- 
mals grössere Hccrdcn. Die Besitzer von Kamcclen in Mur/.uq 
schicken diese in die Berge von S6qna oder auf die Abhänge und in 
die Thäler des Harüdsch, und halten dieselben nur bei zu erwartender 
Abreise in der Nähe der Stadt. Während ich sechs Kameele längere 
Zeit in der Nähe von Murzuq weiden Hess, musstc ich denselben 
zur Erhaltung ihrer Kräfte noch täglich Durra -Rohr für etwa eine 
Mark verabreichen. 

Wir finden also die Hausthiere nur in spärlicher Anzahl ver- 
treten. Am seltensten sind die Rinder, welche von Norden her ein- 
geführt werden. Sie sind kleine, unansehnliche Geschöpfe, die nur 
mit grosser Mühe und Arbeit man säet ihnen in den Gärten 
Luzerne und Klee auf einer massigen Stufe des Gedeihens erhalten 
werden können. Nicht viel häufiger ist das Pferd, das ebenfalls von 
der Nordküste eingeführt, bei der sesshaften Bevölkerung nur Besitz- 
thum einiger Vornehmer ist und in grösserer Anzahl nur von den 
Nomaden gehalten wird. Die spärlichen Schafe (generell Rhanam, 
als Bock Kebsch und als weibliches Schaf Na'adscha genannt), stam- 
men entweder aus Norden und haben dann einen Fettschwanz und 
nordische Wolle, welche etwa drei Mark pro Vliess im Handel giebt, 
oder aus den Tuarik- oder Tubu -Ländern und zeichnen sich dann, 
von den ersteren durchaus verschieden, durch cm hohes Knochen- 
gerüst, einen langen, dünnen Schwanz, gestreckten Hals, schmalen 
Kopf und langes, leichtgclocktes, feines Haar anstatt der Wolle aus. 
Die Ziegen (generell Maiz, als Bock Atud und als weibliche Ziege 
Anz genannt) sind meist glatt- und kurzhaarig und dann stämmiger 
gebaut, kommen aber ebenfalls in einer höheren, schlankeren, lang- 
haarigen Varietät vor, und sind nicht viel häufiger, als die Schafe. 
Kameele, Hühner und Tauben sind eigentlich die einzigen Hausthiere, 
welche von den Fezzanern gezüchtet werden und welche keiner Ein- 
führung von aussen bedürfen, um ihre Art zu erhalten. 

Das Kameel Fezzan's gehört der arabischen Varietät an, welche 
sich nicht unerheblich von der der Tuarik und der Tubu unter- 
scheidet, wie wir später sehen werden. Es zeichnet sich hauptsäch- 
lich in den Gegenden der Schwarzen Berge und des Harüdsch durch 



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122 



I. BUCH, 4. KAPITEL. NATÜRLICHE BESCHAFFENHEIT ffZZ.Vn's. 



kräftigen Bau und gute Ernährung aus und trägt dort noch für die 
kühle Jahreszeit in ungleicher Vertheilung über die verschiedenen 
Körpertheile langes, dichtwolliges Haar, das man alljährlich scheert 
und spinnt, um daraus die üblichen soliden Zeltstoffe und Gepäck- 
säcke zu weben. Das Kameel dieser Gegenden übertrifft sowohl das 
der Küste, als das der eigentlichen Oasen Fczzan's an Körperkraft. 
Wirklich gute Kamcelc hatten zur Zeit meines Aufenthaltes in Fezzan 
einen Durchschnittswerth von 200 Mark, und ein Metzger erzielte 
wohl noch etwas mehr aus dem Verkaufe des sehr beliebten Fettes, 
des Fleisches und des Felles. So vortreffliche Kamecle man nun 
auch in Fezzan findet, so sind dieselben doch weit davon entfernt, 
in solcher Häufigkeit vorzukommen, wie bei vielen arabischen Stäm- 
men in einigen Gegenden der nördlichen Wüste und der Steppen 
ihres südlichsten Theils, in Kordofän, einem Theilc von Egypten, 
auf den Nordgrenzen von Dar För und Wadäi, bei vielen Tuarik- 
und einigen Tubu-Stämmen. 

Bei der verhältnissmässigen Seltenheit und dem hohen Preise von 
1 Iammel- und Ziegenfleisch müssen Hühner und Tauben oft seine Stelle 
vertreten, und das ärmere Volk nimmt seine Zuflucht zu den Würmern 
des Bahär ed-Düd (Wurmsec), des erwähnten kleinen See s am nörd- 
lichen Rande des W. Scherqi. Dies Gewässer enthält 
in ungeheurer Menge das dem Brakwasser cigenthüm- 
lichc Krustenthier Artemia Oudncyi. neben dem auch 
zahlreiche Diptcren-I^arven vorkommen. Von diesen 
essbaren Wasserthieren wird eine geschätztere, rothe 
Sorte Düd, eine geringere, braune Takcrüka genannt. 
Man knetet sie mit Datteln und Danga, einer Alge 
Diid .Hab. desselben See s, deren Existenz zu den Thieren in Bc- 
A.umia oudncyi. ziehung stcht und mi| verschiedenen Gewürzen zu 

einem beliebten Teige. 

Ausser den oben erwähnten Hausthieren, will ich bei dieser Ge- 
legenheit noch der im Ganzen selten vorkommenden Hunde er- 
wähnen, welche entweder jener auf der Nordküste bei den Arabern 
so beliebten, lang- und dichthaarigen, meist weissen Art des Wacht- 
hundes angehören, wie sie in meinem Hause durch Feida repräsentirt 
war, oder leidlich hübsche Jagdwindhunde von mässiger Grösse sind, 
wie sie schöner und häufiger in Tripolitanicn und Tunisien vorkommen. 

Je weniger Hülfsquellen von jeher die Viehzucht den Fezzanern 




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DIE PATTKI.PAI.MF. 



123 



darbieten konnte, um so mehr bemühten sich diese, die sicheren Be- 
dingungen ihrer Existenz dem Boden abzuringen. Dieser, so viel 
Arbeit er auch für die Cultur des Getreides erfordert, und so un- 
dankbar er sich für Gemüsebau und Obstbaumzucht erweist, erleich- 
tert durch die Nähe seines Wassers das Gedeihen eines Baumes, ohne 
den der Bewohner Fezzän's und mancher anderer Wüstcnländcr kaum 
gedacht werden kann, nämlich der Dattelpalme (Phoenix dactylifcra), 
arabisch dort Nachla genannt. 

Wenige haben eine Ahnung von der Fülle kostbarer Eigen- 
schaften und unersetzlicher Hülfsquellen, welche dieser wunderbare 
Baum dem Wüstenbewohner in Mitten seiner kargen Welt liefert. 
Er ist die Hoffnung und der Genuss des Reisenden, der Tage lang 
seine müden Glieder durch die Einöden der steinigen Wüste, über 
die ermüdenden Dünenzüge geschleppt hat und endlich am Horizonte 
die ersehnte grüne Linie der Rhäba, d. h. Pflanzung, erblickt. Gierig 
taucht er seine Blicke in die Farbe der Hoffnung und des Lebens; 
die Linie wird breiter und breiter und löst sich allmählig in ihre 
Bcstandthcile auf, deren Entwicklung er mit einem Genüsse ohne 
Gleichen verfolgt. Bald unterscheidet er die anmuthigen Kronen, 
die sich auf dem hohen, schlanken Stamme sanft hin und her wiegen 
und ihm einen freundlichen Willkommen entgegen zu winken scheinen; 
schon wandert sein Auge prüfend von Gruppe zu Gruppe, wie sie 
sich in ihrer bezaubernden Grazie vor ihm entfalten, um in der Wahl 
des Lagerplatzes ja Nichts von ihrer Schönheit und ihrem Schatten 
zu verlieren. Noch ist ihm das Leben verschlossen, das sich im 
Schoossc und Schutze des Haines regt, noch denkt er nicht an die 
materiellen Genüsse, die seiner warten; alle seine Sinne und Empfin- 
dungen sind befangen von der Anmuth, der reizvollen Erscheinung 
dieser Herrscherin in den Oasen. 

Was ist die Oase ohne Dattelpalmer Ein unbewohnbarer Weide- 
platz mit kümmerlicher Vegetation, die ohne den erfrischenden 
Schatten ihrer Beschützerin nach kurzer Existenz einem frühzeitigen 
Tode anheimfallen würde. In Fezzun kommt ihr Werth, ihre Wichtig- 
keit zu voller Geltung; dort ist sie der Trost der Armen, die Helferin 
und Retterin für Alle. Sie scheint daselbst überall die Wasserschicht 
des Bodens zu erreichen und bedarf keiner künstlichen Bewässerung 
zu üppigem Gedeihen; sie ist die einzige Gunst, welche das unwirth- 
liche Land den armen Bewohnern, aber auch in verschwenderischem 



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124 L BUCH, 4. KAPITEL. NATÜRLICHE BESCHAFFENHEIT FEZZAn's. 

Maassc gewährt. Wenn man auch dort ebenfalls das Getreide als 
die solideste Basis der Ernährung betrachtet, so kommt für Viele die 
Frucht der Dattelpalme mehr in Betracht als jenes und hat für die 
Meisten dieselbe Wichtigkeit. Alle übrigen Thcilc des Baumes sind 
aber ebenfalls von unschätzbarem Werthe. Der Stamm, dort wohl 
Chcscheba (d. h. eigentlich Nutzholz) genannt, liefert die Balken der 
Häuser, die Pfosten der Thüren, die Säulen und Pfeiler, die Gerüste 
zu den Ziehbrunnen, die Bretter zu Thüren und Fenstern, und muss 
so in vielfachster Weise das Bauholz begünstigterer linder ersetzen. 
Die Blätter Dscherid - dienen zum Bau der Hütten und zur Ein- 
zäunung der Grundstücke; ihre Rippen stellen Wanderstäbe dar; 
ihre Fiedern werden zu Sandalen und Körben geflochten, und ihre 
breiten Ursprünge, die auch nach ihrem Abschneiden dem Stamme 
verbleiben, und Kirnaf genannt werden, müssen nur allzuoft dem 
Mangel an Brennholz und Holzkohlen abhelfen. Das Fascrgcwebc, 
das den Stamm und die Blattursprünge unter dem Namen L!f um- 
giebt, liefert, in Wasser und feuchtem Boden erweicht, und dann 
zerzupft und zwischen den Händen ineinander gedreht die haltbarsten 
Stricke, und die Stammspitze — Dschummar — , in ihrem Zucker- 
und Saftreichthum selbst essbar, liefert dem Liebhaber süssen Most 
und starken Wein, wie wir früher gesehen haben. 

Man pflanzt die Dattelpalme am besten durch Schösslinge — 
Maghrüsa — fort, und zwar im Herbst, weniger gut durch die Frucht- 
kerne. Wenn die ersteren aus der unmittelbaren Nähe des Mutter 
baumes entfernt sind, müssen sie mindestens drei Monate hindurch 
begossen werden, ehe sie sich selbstständig erhalten können. Im 
Alter von drei bis fünf Jahren, je nach der Güte des Bodens, ist die 
junge Dattelpalme in ihrer Entwickelung genug fortgeschritten, um 
befruchtet werden zu können. Dieser Proccss wird im Frühjahr vor- 
genommen, indem man einen Theil des männlichen Blüthenstandes 
Dakr — , welcher sich bekanntlich auf eigenen Bäumen befindet, 
in die Mitte der weiblichen Rispe Graua — bringt, die aus der 
Blüthenscheide Taghlifa hervorkommt. Der weiter entwickelte 
Fruchtstand — Schemschül trägt die jungen Fruchtanlagen — 
Narhfa -, welche aus drei Thcilen — Carpellen bestehen, von 
denen zwei - Sis - verkümmern und nur der dritte sich zur Frucht 
ausbildet, und heisst in seinem unteren Thcile, dem Schafte, Ardschün. 
Sis heissen überhaupt auch unvollkommen entwickelte Datteln in 



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DIE DATTEL. 125 

Folge mangelhafter Befruchtung, sei es, dass der Blüthenstaub schlecht 
war, sei es, dass die Copulation nicht sorgfaltig ausgeführt wurde. 
Wird die junge Dattelpalme sich selbst überlassen, schlecht befruchtet, 
nicht von ihren zahlreichen Ablegern in der Umgebung befreit, die 
ihr Wachsthum schmälern, so heisst sie Wischqa. 

Die Ernte der Datteln Tamr — geschieht im Herbste, doch 
je nach den zahlreichen Varietäten nicht gleichzeitig. Manche, die 
den Einfluss der Sonne nicht vertragen und dadurch nur weicher 




Krone einer D/tflcIpnlm« mit Kruchten 



werden, geniesst man bei vollständiger Reife im frischen, weichen 
Zustande — Rotob — ; die meisten Arten aber, welche die Vorraths- 
kammern füllen sollen, nimmt man vor vollendeter Reife ab und breitet 
sie in der Sonne aus, welche den Reifungsproccss vollendet und sie 
gleichzeitig trocknet. Edle Sorten, welche als Rotob gegessen werden 
müssen, pflückt man aus oder schneidet den Ardschün ab, ohne ihn 
zu Boden fallen zu lassen. Die übrigen werden abgeschüttelt oder 
mit abgeschnittenem Ardschün herabgeworfen. Das Hinaufsteigen 



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126 



I. HUCH, 4. KAPITEL. NATÜRLICHE BESCHAFFENHEIT FEZZÄn's. 



wird vermittelt durch die Reste der Blattstiele, welche den Stamm 
dicht gedrängt umgeben. Die edlen Sorten presst man wohl in ihrem 
mehr oder weniger weichen Zustande, mit oder ohne Kerne, in ent- 
haarte und gegerbte Ziegenfellc, welche man sorgfältig zunäht, und 
bewahrt sie so auf. Man findet bevorzugte Bäume, welche eine 
Kameclladung Früchte liefern, also gegen 4 Centner, die einem 
Kafis oder 24 Kel gleichkommen, doch durchschnittlich muss man 
ein halbes Dutzend Bäume auf diese Menge rechnen. Im Allgemei- 
nen kaufte man zu meiner Zeit in den dattclreichen Oasen einen 
Centner, ungefähr 6 Kijäl, für 3 Mark*). 

Die Güte der Datteln ist ausserordentlich verschieden nach der 
Varietät des Baumes. Fezzan zeichnet sich durch seine Mannig- 
faltigkeit der Dattelarten aus, während die vorwaltenden Arten z. B. 
im Bclcd el-Dschcrid Tunisiens und im egyptischen Donqola die 
meisten Fczzändattcln an Güte übertreffen. 

Die Dattelnahrung gilt für ausserordentlich gesund, wenn auch, 
ausschliesslich genossen, nicht für zulänglich zur Ernährung des 
Menschen. Selbst der Arme verlangt daneben einige, wenn auch 
noch so spärliche Getreidenahrung, der Nomade von Zeit zu Zeit 
Fleisch oder Kameelmilch. Für den letzteren bilden Datteln und 
Kameelmilch die wahrhaft ideale Nahrung. 

Wenn die Dattel, selbst Vorwaltend genossen, in der That kaum 
irgend wie den Darmkanal belästigt, so zerstört sie desto ausgiebiger 
die Zähne. Nirgends in der Welt ist die Caries derselben so häufig 
als in den Ländern, in denen der Mensch auf vorwaltende Dattel- 
nahrung angewiesen ist, und selbst ganz junge Leute erfreuen sich 
dort oft keines einzigen intacten Backzahns mehr. 

Für den ausgezeichneten Kinfluss tler Dattelnahrung auf den 
menschlichen Körper wurde in Murzuq stets der Vater des Qädi 
citirt, der einige Jahre vor meiner Ankunft in ungewöhnlich hohem 
Alter gestorben war. Derselbe hatte während seiner besten Mannes- 

*) Da meine Vorgänger Eduard Vogel und Gerhard Rohlfs die hauptsächlichsten 
liattelarten Fe/zän's aufgeführt haben, so gebe ich ebenfalls eine Liste derselben, theils 
wegen meiner < Jrthogra|thie der Namen, theils zur Vorvollständigung der früher erwähnten. 
Ich ordne dieselben dabei ungefähr nach ihrer C.Ute: Tellis, TuÄtt , Aureq , Ladue, 
Makmal el-t'handack, Lasbir, Ncfüscht, Serawa, Tafsirt, Birni, Sembilbil , Hafat, Gra- 
gisch, Raurau, Misliu, Tamiskel , Chaddar, Arhelil , Kertawt, Fertckau, Issaba, Hamar, 
Beijada, Tarhiat, Ojrbäwt, Tegedaf, Massen, Sellaulau, Borni, Tassuel, Chalfau, Aqeib, 
Schaqt«i. Gogai. 



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GETREIDE- UND GEMÜSEHAU. 



127 



jähre gegen vier Oqqa, d. h. zehn Pfund Datteln täglich gegessen; 
bis zu seinem Tode aber hatte er es keinen Tag unter zwei Oqqa 
oder fünf Pfund gethan. Ich kannte einen seiner Söhne, von dem 
die Leute behaupteten, dass er es auf sechs Oqqa oder fünfzehn Pfund 
per Tag bringe. Jedenfalls ist die Dattel dort ein unersetzliches 
Nahrungsmittel, das in gleicher Weise Menschen und Thieren dient. 
Der Reisende spart mit ihr die Arbeit, welche Getreide und andere 
Nahrung für ihre Zubereitung erfordern; dem Pferde ersetzt sie zeit- 
weise die Gerste; das Kameel wird mit ihr ernährt, wenn es keine 
Futterkräuter hat; Ziegen und Schafe gemessen sie mit Vorliebe, 
und selbst der Hund findet grossen Geschmack an ihr. 

Mit der Dattel spielt eine gleich wichtige Rolle in der Oeconomic 
der Fczzancr das Getreide, doch ist mit ihm eine viel grössere Mühe- 
waltung verknüpft als mit der Cultur der Dattelpalmen. Der kalk-, 
sand- und hier und da thonreiche, aber humusarme Hoden muss auf 
das Regel massigste bewässert werden, und wird, da die Leute im 
Allgemeinen des Düngers entbehren, allzusehr angestrengt und aus- 
genutzt. 

Wir haben beim Besuche der Gärten von Murzuq gesehen, wie 
sich in Fezzan die nordischen Getreidearten, Weizen (Triticum) 
Qamah - und Gerste (Jloräcumj — Scha'ir , mit den Negercerea- 
lien, der Durra (Sorghum), dort Ngäfoli genannt, und dem Duchn 
(Penicillaria), dort einfach generell Qasab genannt, über die Wüste 
hin die Hand reichen; wie jene im Winter, diese im Sommer reifen, 
und man von den letzteren bis zu vier Ernten gewinnt. Die Pcni- 
eiüaria kommt in einer weiss- und in einer rothkörnigen Art vor, und 
die Durra umfasst den Mais - Massari - und das Sorghum vulgare 
mit grösseren gelben oder kleineren weissen Körnern. 

Von Gemüsen werden gezogen: Bohnen, sowohl die Saubohne 
(Faha vulgaris) Fül — , als auch die Lübiä (Dolichos Lulria) ; 
Krbsen (Pisum sativum) - Dschildschilän ; gelbe Rüben (Daucus 
Carola) — Fsenäri — , welche in anderen arabischen Gegenden Dschezr 
heissen; Melüchia (Corchorus olitoriusj: Bämia (Hibiscus esculattus). 
welche in Tunis Qenawia genannt wird; weisse Rüben (Brassica Rapa) 
— Lift; Kohlrüben (Brassica olcracca) Koromb; Gurken (Cucu- 
mis sativus) Faqkus ; Melonen Batteich und Wassermelonen 
Dullä , welche ihre arabischen Namen richtiger umtauschen 
wurden; Kürbis (Cucurbita pepo) — Kabüia; Portulak (Portulaca) 



12H I. BUCH, 4. KAPITEL. NATÜRLICHE BESCHAFFENHEIT FF.ZZÄN's. 

Berdiqalis — der in Tripolis Blabische, sonst allgemeiner Ridschel 
tiefest; Auberginen (Solanum mclongena) — Bedindschan ; Tomaten 
(Lycopersicum esculentum); Rettige (Raphanus sativus) Horrek — , 
welche anderswo meist Fidschcl genannt wurden; rothe Rüben {Beta 
vulgaris) — Silq; Zwiebeln {Allium Cepa) — Basall; Knoblauch 
{Albuin sativum) — Tum; spanischer Pfeffer (Capsicum annuuni) — 
FulcifTla. Doch alle sind nicht sehr häufig; der Kohl gedeiht schlecht; 
die Wassermelonen scheinen nur im Wädi Otba gezogen zu werden ; 
die Auberginen sind selten. Sonst werden noch cultivirt und zu den 
Speisen verwerthet: die Malve (Malva parviflora) — Chobeiza; Sellerie 
{Apium graveolens) - Kerefs; Kreuzkümmel {Cuminum Cyminum) 

Kamün; Coriander {Coriandrum sativum) Kuzbar — mit dem 
beliebten Samen Tabcl; Südän- Pfeffer {Capsicum conicum varict. 
orient) — Schetta. 

Von den bei der Betrachtung der Gärten Murzuq's und Semnu s 
ausser der Dattelpalme vorübergehend erwähnten Fruchtbäumen ge- 
deiht noch am besten der Feigenbaum (Fiats Carica), Schedschrat 
el- Karmus und weiter östlich Sch. et -Tin genannt. Sowohl der 
Citronenbaum {Citrus Limoniutn) — Schedschrat el-Lim — als auch 
der Orangenbaum (Citrus aurant.) — Sch. el-Bortuqan — sind in 
vereinzelten Exemplaren zu finden; der Weinstock Dalia — , meist 
mit dem Namen der frischen Beeren — Aneb — (die Rosinen — 
Zebib werden vom Auslande bezogen) bezeichnet, kommt ver- 
hältnissmässig gut fort; der Apfelbaum — Sch. et-Tuffah — und der 
Quittenbaum — Sch. cs-Seferdschel — dürften in Fezzan nur in einem 
oder zwei Exemplaren vorkommen; doch Mandelbäume — Sch. 
el-Lüz , Pfirsichbäume — Sch. el-Chüch — , Aprikosenbäume — 
Sch. el- Mischmasch (oder Mischmisch) — , Granatapfelbäume — Sch. 
er-Rommän — werden in den Gärten der Wohlhabenderen ein- 
zubürgern gesucht. Ein Exemplar des Oclbaums endlich — Sch. 
ez-Zeitün — sollte sich damals zu Tesawa im W. Otba befinden. 

Die Produkte der aufgeführten Bäume können jedoch nur als 
eine Luxus-Nahrung gelten und kommen für die Ernährung der Ein- 
wohner nicht mehr, oder vielmehr weniger in Betracht, als derjenige 
Nutzen, den dieselben aus einigen nicht cultivirten Pflanzen und 
Bäumen ziehen. Von diesen ist vor Allen die Coloquinthc zu nennen, 
deren, durch eine mühevolle Arbeit vorbereitete, Kerne einen nicht 
unwesentlichen Beitrag zur Nahrung Aermerer bilden. Dieselben 



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NÄHR- UND NUTZPFLANZEN. 



129 



sind viel nahrhafter als die Beeren des Nabaq (ZizypJtus spinn 
Christi), des Sidr {Zizyphus Lotus) und als der im äussersten Süden 
sich vereinzelt findenden Dümpalme {Hyphaene thebaica). Trüffeln 
oder Tcrfas {Choeromyces Leonis) sollen nicht selten vorkommen 
und sind recht beliebt. Lässt Alles im Stich, so ernährt sich im 
Xothfalle der Arme und Hungrige von den erwähnten Beeren des 
Ghardeq {Nitraria tritlcntata), von den Wurzeln des Aqül (Al/iagi 
Maurorum), von Klee und den Samen des Sabat [Aristida pungens). 

Ausser den Nährpflanzen entlocken die Fezzaner ihren Gärten 
noch vereinzelte Baumwollcnsträuchcr (Gossypium herbacenm), die 
sehr gut gedeihen und grosse Früchte tragen, und hier und da 
Indigo [Indigofera urgenten) — Nil — , Culturen, welche keinen 
grossen Nutzen bringen, da beide nicht in hinlänglicher Menge 
gewonnen werden können, und der Indigo in Masse und billig 
aus den Südanländern kommt. Wichtig sind in ihren Figenschaftcn 
als Futterpflanzen, zu denen auch der Mensch, wie erwähnt, im 
Nothfallc seine Zuflucht nimmt, die Luzerne (Medicago sativri) — Qa- 
dab — , und der Klee — Safsafa [Melilotusr) oder Fossa ( Trifoliu n/r) — , 
welche in keinem grösseren Garten fehlen. Gradezu unentbehrlich 
als Reiz- und Genussmittel ist der Tabak -- Dochan — , welcher der 
Art des Bauerntabaks {Nieotiana rusticti) angehört und als Kautabak 
verwerthet wird, während man den Rauchtabak von der Nordküste 
einführt. 

Lein — Kcttän -— wird in sehr geringer Menge gebaut, da nur 
der Same — Zera' el-Kettan oder el-Atcla — hier und da medi- 
cinisch und zur Oelbereitung benutzt wird. Zur Fabrikation von 
Schalen, Schüsseln und Flaschen cultivirt man wohl den Flaschen- 
Kürbis (Lagenaria) — Qar'a; doch bei dem Ueberflussc an billigen 
Gelassen aus Norden spielt derselbe in der Oeconomie der Fezzaner 
bei weitem* nicht eine so wichtige Rolle, als im Sudan. Zu kosmeti- 
sehen und medicinischen Zwecken kommt noch hier und da el-Hinnä 
{Lawsonia inerniis) vor, mit deren gelbbrauner Farbe man die Finger 
der Menschen und ihre Nägel oder Füsse, Schwanz und Mähne eines 
hellfarbigen Pferdes zu zieren nicht minder liebt, als auf der Nord- 
küstc, und deren adstringirende Wirkung zur Behandlung äusserer 
Fntzündungen, wuchernder Geschwüre und dergleichen verwendet wird. 

Alles, was der Ackerbau den Fezzanern liefert, reicht eben noth- 
dürftig zur Fristung des Daseins hin, und würde ohne die Beihülfe 

Nachügal. I- D 



130 I- BUCH. 4. KAPITEL. NATÜRLICHE BESCHAFFENHEIT FEZZÄN's. 



der Dattelpalme selbst dazu nicht genügen. Mit der ergänzenden 
Viehzucht ist zwar die Existenz gesichert, doch Niemand ist durch 
beide in die Lage gesetzt, für die Zeiten der Noth und des 
Alters zurückzulegen. Dazu wurde von Alters her der Handel aus- 
gebeutet, und das, was Fezzan im Laufe der Zeiten an Wohlstand 
gesehen hat, verdankt es ihm. Die fortlaufende Reihe von Oasen, 
die es mit der Nordkuste und die zahlreichen Wasserstationen, welche 
es mit dem Sudan verbinden; die Nahe der Tuarik- und der Tubu- 
landschaften; das frühzeitige Eindringen einer relativen Kultur und 
geordneten Regierung in seine Oasen, machten es frühzeitig zu einem 
wichtigen Mittelpunkte des Handels. Von Alters her war jeder leid- 
lich situirte Mann in Fezzan ein Kaufmann, und wenn einst die Römer 
wahrscheinlich nicht selbst bis in die Südanländer gelangten, so 
kamen doch Produkte aus diesen über Fezzan nach Norden, und als 
später der Islam nicht allein eine höher civilisirte Bevölkerung in die 
Wüste drängte, sondern selbst am Niger und am Tsadsee mohamme- 
danische Staaten geschaffen hatte, entwickelte sich bald ein reger 
Verkehr nach allen Seiten hin. 

In Fezzan strömten die nordischen Waaren aus Tunis, Tripolis 
und Egypten zusammen, welche in die Landschaften der Wüste und 
in die Neger- Länder gingen; dort stapelten sich umgekehrt die Pro- 
dukte dieser auf. Von Timbuktu wurde Jahrhundertc hindurch so 
viel Gold (meistens in Form von Staub, doch auch in Ringen, kleinen 
Barren etc.) aus den Gegenden des oberen Niger nach Fezzan ge- 
bracht, dass bis in den Anfang dieses Jahrhunderts hier der currente 
Werthmesser das Mitqual Gold mit seinen Bruchtheilen war. Erst 
als die Goldzufuhr spärlicher wurde, führte man österreichische und 
spanische Thaler ein und gewann anfangs die kleinere Münze durch 
mechanische Zertheilung derselben. Dann, nachdem seit einem 
Menschenalter die Goldzufuhr ganz aufgehört hat, und seit die directe 
türkische Verwaltung ctablirt worden ist, kam die tripolitanische 
Scheidemünze in ausschliesslichen Gebrauch. Aus den Haussaländern 
kamen Wasserschläuche, gefärbtes Ziegenleder, Baumwollenfabrikate, 
Indigo, Papageien und Zibeth — Zibad aus Bornü dazu Indigo, 
Tamarinden Tamr el-Hind — und Leoparden- und Löwenfellc, 
aus Baghirmi und Wadai noch Luban und Rhinoceroshorn Karke- 
dan oder Qam el-Chartit. Aus den meisten der genannten Länder 
wurden Straussenfedern Risch en-Nam und Elfenbein Sinn 



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HANDELSVERHÄLTNISSE. 



131 



el-Fil — und aus allen der gewinnbringendste und verbreitetstc Handels- 
artikel, Sclaven Abid oder Raqiq (plur. Riqäq) — , eingeführt. 

Alle diese Gegenstände, mit Ausnahme vielleicht der industriellen 
Erzeugnisse der Haussastaaten, waren damals noch reichlich begehrt von 
Tunis und Egypten und über das Mittelmeer hinaus in Constantinopcl. 
Noch leben die alten Leute in Fezzän auf, wenn sie von den Zeiten ihrer 
Jugend sprechen, in denen alljährlich die grossen Pilgerkaravanen von 
Timbuktu mit Gold beladen kamen und auf dem Heimwege Waaren 
mitnahmen, und in denen die Handelskaravanen zum mittleren Sudan 
(Haussastaaten und Bornü) mehrmals im Jahre zu Stande kamen und 
bei ihrer Rückkehr Tausende von Köpfen stark waren. 

Die rückgängige Metamorphose, welcher die mohammedanischen 
Länder der Nordküste selbst unterlagen, schlechte Handelsverhältnisse 
in einem Theile des Sudan, Schaffung neuer Absatzwege und nicht 
zum geringsten Theile die Abschwächung des Sclavenhandels, haben 
einen traurigen Rückschritt zur Folge gehabt. Die Zeiten sind vorüber, 
in denen Tunis in lebhafter Verbindung mit Bornü stand ; Tripolis 
selbst ist erheblich zurückgegangen; Thatkraft und Energie, Capital 
und Unternehmungslust sind dort und in Fezzan geschwunden. Der 
Weg von Tripolis nach Wadäi durch die Tubulandschaften erlitt 
häufige Unterbrechungen, und zu Anfang dieses Jahrhunderts wurde von 
Wadäi aus eine direetc Strasse zur Nordküste eröffnet, die, nicht 
viel länger als die Entfernung bis Murzuq, von der Oase Dschalo aus 
ebensowohl nach Benghäzi als nach Kairo führt. Seitdem ist der 
Handel der Nordküste mit Wadäi zum grossen Theile in die Hände 
der Bewohner von Dschalo, der Medschäbra, übergegangen. Bornü 
ging zurück, seine Produktionskraft schwächte sich ab, und die be- 
kannte Unzuverlässigkeit seiner Einwohner wirkte dadurch um so 
verderblicher. Ferner haben die Leute von Ghadämes sich mehr 
und mehr des Handels in der westlichen Wüste, mit deren Bewohnern 
sie stammesverwandt sind, bemächtigt, sind dadurch in den Besitz 
kürzerer Strassen in die Haussaländer und na:h Timbuktu gekommen, 
und errichteten hier und dort ihre Handelshäuser. Endlich gaben 
die Schwierigkeiten, welche dem Sclavenhandel entgegengesetzt 
wurden, dem Fezzäner Handel den Rest. Tunis und Constantinopcl 
hatten keinen Bedarf an der einträglichen Waare mehr; der von 
Tripolis selbst war nie sehr gross gewesen und der von Egypten 



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132 I. BUCH, 4. KAPITEL. NATÜRLICHE BESCHAFFENHEIT FEZZÄn's. 



konnte, da der Absatz in Constantinopel aufhörte, aus seinen eigenen 
heidnischen Nachbarländern befriedigt werden. 

Der Handel mit Sclaven überwog früher so sehr den mit anderen 
Produkten und war so einträglich, dass er noch jetzt in seiner abge- 
schwächten Gestalt die übrigen Handelszweige überwiegt und trotz 
seiner Unsicherheit von den Kaufleuten noch immer mit Vorliebe 
betrieben wird. Freilich kann kein Handelsherr mehr mit Hunderten 
von Sclaven die Städte betreten und ihre Märkte beziehen, doch die 
kleineren Trupps der unbedeutenderen Kaufleute können leicht in 
den Gärten der Städte, sei es Murzuq oder Tripolis, oder in den 
benachbarten Dörfern untergebracht und unter der Hand verkauft 
werden. In der Stadt Tripolis selbst ist es bei ihrer massigen Aus- 
dehnung nicht schwer, mit ernstem Willen eine Controle auszuüben, 
doch ausserhalb ist eine solche bei der Dünnheit der Bevölkerung, 
bei den weit auseinander gelegenen Ortschaften fast unmöglich. Das 
gilt für Tripolitanien und in noch viel höherem Maasse für das lang- 
gestreckte Egypten, dessen Herrscher gewiss seit lange ernstlich be- 
strebt war, den Forderungen der europäischen Welt gerecht zu werden. 

Dazu kommt, dass, wenn die Ccntral-Regierungen, zwar nicht 
durch eigene Ueberzeugung getrieben, aber von politischen Rück- 
sichten bewogen, auch wirklich den Willen haben, der Sache zu 
steuern, doch die l'rovinzialbchörden , ohne die höheren politischen 
Interessen der Fürsten, ihrer religiösen Ueberzeugung und ihrem 
Vortheile folgen. Jeder Muselmann muss die Sclaverei und folglich 
auch den Sclavenhandel als legitim ansehen. Zähneknirschend erträgt 
er das Joch der europäischen Forderungen und hat im Herzen ein 
tiefes Bedauern, dass er nicht mehr mit den Christen verfahrerrkann, 
wie man ihn verhindern will, mit den Heiden zu thun. Kann also 
ein Provinzialchef es ungestraft thun, so drückt er ein Auge zu und 
begünstigt sogar die Contravention, wenn sein Vortheil es erheischt. 
Dass dies letztere der Fall ist, dafür sorgen die Kaufleute. Die 
finanziell zerrütteten Regierungen bezahlen ihre Beamten schlecht 
oder gar nicht; erscheint es nicht natürlich, dass diese einen Gewinn 
suchen in einem Handel, den ihnen ihre religiöse Ueberzeugung als 
legitim erscheinen lässt: 

Der Gouverneur von Fezzan erhält, alter Regel entsprechend, 
für jeden eingeführten Sclaven die Summe von zwei Mahäbüb (etwa 
7 Mark), was ihm früher leicht eine Einnahme von etwa 40.000 Mark 



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SCLA VENHANDEL. 



133 



im Jahre verschaffen konnte. Ein Beamter in der südlichsten Oase 
Fezzan s übte die Controle aus und hatte natürlich seinen bescheidenen 
Anthcil. Es ist hart, dem zu entsagen, wenn der Ausfall in keiner 
Weise gedeckt wird. Wahrend ich mich in Fezzan aufhielt, kam, 
wie es von Zeit zu Zeit zu geschehen pflegt, eine Erneuerung und 
Verschärfung der gegen den Sclavenhandel gerichteten Verordnungen. 
Da man gleichzeitig eine Karawane aus Bornü erwartete, so hielt 
man den Erlass zurück, bis jene angekommen war und ihre Sclaven- 
steuer entrichtet hatte, und schlug erst dann die Verordnung öffentlich 
an, um sie allmählich wieder in Vergessenheit gerathen zu lassen. 
Trotzdem hat das lucrative Geschäft im Ganzen sehr abgenommen, 
und wenn früher jährlich 5 8000 Schaven Eezzän passirten, so erreicht 
ihr Import jetzt höchstens ein Dritttheil dieser Zahl. Wenn übrigens 
der Islam überhaupt eine milde Handhabung des Instituts der Sclaverei 
mit sich bringt, so noch vielmehr der sanfte, gutmüthige Charakter 
der Fezzäner. Sclaven werden durchaus als Familienglieder behan- 
delt und können sich in Nichts beklagen. Selten suchen sie in ihr 
Vaterland zurückzukehren und ohne Bedenken werden sie von ihren 
Herren zu Handelsreisen in ihre Heimathländer benutzt. 

Der Ausfall, den Fezzan in seinen Handelsuntemchmungen mit 
den Südänländern erlitten hat, ist durch Nichts gedeckt worden. 
Ausser dem Produkte der erwähnten Natronseen der Bahilr et- 
Trona liefert etwa 5000 Centner Soda nach Tripolis — , verlohnt sich 
kein Produkt des Transportes bis zur Mittelmeerküste. Früher ging 
eine nicht unbeträchtliche Quantität von Blättern der Senna aus der 
Gegend von Tibesti über Fezzan nach Norden; doch bei der Billig- 
keit des Produktes wird jetzt, bei den erhöhten Kameelpreisen, der 
Transport zu theuer. Irgend welche Industrie hat Fezzan nicht, und 
so ist denn sein früherer relativer Wohlstand verschwunden. Die 
Familien Murzuq's, welche früher ihres Reichthums wegen berühmt 
waren, sind allmählig verarmt oder haben sich in ihre Heimath, 
Audschila, Soqna etc., zurückgezogen. Die Familie der Ben Alüa 
hielt sich durch ihre Wichtigkeit in der Regierung der Provinz, der 
Hädsch el-Amri, der Geschäftstheilhaber Herrn Gagliuffi's, haupt- 
sächlich durch die Pacht des Natronsee's, und die übrigen drei oder 
vier Kaufleute, welche Reisen in die Südänländer machten oder 
Reisende dorthin unterhielten, erfreuten sich nur eines massigen 
Wohlstandes. Mit grosser Regsamkeit — es gab Familien, in denen 



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134 I. BUCH, 4. KAPITEL. NATÜRLICHE BESCHAFFENHEIT FEZZÄN's. 



drei Brüder beständig auf Reisen waren nach Tripolis und Kairo 
einerseits, Ghät, Haussa und Bornü andererseits — vermochten sie 
nur die bescheidensten Resultate zu erzielen. 

Dabei haben die Fezzäner kaum die notwendigsten Handwerker 
und müssen also viele Gegenstände von Tripolis beziehen, welche 
sie anderenfalls selbst anfertigen könnten. Rothes und gelbes Leder 
verstehen sie vortrefflich zu Schuhen, Satteluberzügen, Bandelicren, 
Gürteln zu verarbeiten und mit geschmackvoller Stickerei zu ver- 
zieren, und das gewöhnliche Schneiderhandwerk wird in jedem Hause 
geübt; doch die Künste des Gerbens, Webens und Färbens liegen 
sehr danieder. Es gab zwar damals einen Schreiner oder Zimmer- 
mann Nedschar (beide Handwerke sind in jenen Gegenden 
stets in einer Person vereinigt), den Hädsch Mohammed es-Settär, 
doch dieser war einer der angesehensten Bürger, Mitglied des 
grossen Rathes, der höchstens für sich und seine Freunde arbeitete, 
und sonst dem Ackerbau und dem Handel oblag. Ein Drechsler 
existirte nicht in Murzuq, und der Schmied Haddad vermochte 
nur sehr einfache Fabrikate zii liefern. Er war gleichzeitig Klempner, 
Schlosser, Goldschmied, hatte oft keine Kohlen, und seine Zeit war 
durch Gartenarbeiten, denen er natürlich, wie alle Ucbrigen obliegen 
musste, da sein Handwerk ihn nicht ernährt haben würde, so in 
Anspruch genommen, dass die professionelle Arbeit und etwaige 
Clienten warten mussten. Nur die notwendigen Töpfcrgeräthc, die 
Korbflechtereien aus Palmenblättern, die Gewebe aus Kameelwollc 
wurden in genügender Menge für den Landesverbrauch fabricirt. 
Alles Uebrige wurde zum grösseren Theile aus Tripolis (billige Baum- 
wollenstofle, Tuch, Seide, Kupfergefasse) , zum kleineren aus dem 
Sudan (fertige Baumwollcngewänder, Wasserschläuche, Holzschüsseln) 
bezogen und erlitt dadurch natürlich eine Vertheuerung von mehr 
als fünfzig Procent. 



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Fünftes Kapitel. 
KLIMA UND KRANKHEITEN. 



Meteorologische Beobachtungen zu Murzuq. — Temperatur -Beobachtungen. — Maxima 
und Minima. — Tägliche Wärmebewegung. — Monatsmittcl. — Bsychremeter-Unter- 
schiedc. — Die Grenzen derselben. — Monatsmittcl für Dunstdruck und rclativce 
Feuchtigkeit. — Niederschläge und Wolkenbildung im Zusammenhang mit den 
Winden. — Elektrische Erscheinungen. — Winde. — Monatliche Vertheilung der- 
selben. — Luftdruck. — Tägliche Bewegung desselben. — Monatsmittel. — Zu- 
sammenfassung der meteorologischen Verhältnisse. — Krankheiten der Fezzaner. — 
Die Malaria zu Murzuq. — Typhus und Cholera. — Pocken. — Lungenkrankheiten. 
— Krankheiten der Vcrdauungsorganc. — Rheumatische Affectionen. — Hautkrank- 
heiten. — Krätze und Guineawurm. — Seltenheit der Lepra. — Syphilis. — Krank- 
heiten der Harnorganc. — AugenafTectionen. — Frauenkrankheiten. — Kinderkrank- 
heiten. — Gehirn- und Nervenkrankheiten. — Thierischc Gifte. — Chirurgische Kennt- 
nisse der Fezzäner. — L'ebernatürliche Ursachen der Krankheiten und die Mittel da- 
gegen. — Allgemeine physiologische Anschauungen. — Meilmittel und Aerzte. 

Von der geographischen Lage und den Bodenverhältnissen des 
Landes hängt das Klima und zum grössten Theile die gesundheit- 
lichen Verhältnisse der Bewohner ab. 

Mein Aufenthalt in Murzuq war lang genug, um ansehnliche 
Reihen meteorologischer Beobachtungen aufzeichnen zu können, 
welche sich zwar nicht auf das ganze Jahr erstrecken, da meine 
Reise nach Tibesti während der Monate Juni bis September da- 
zwischen fällt, aber doch die Monate April und Mai [869 und die 
ganze Zeit von Mitte October 1869 bis Anfang April 1870 umfassen. 
Dieselben erstreckten sich auf den Luftdruck, die Temperatur, 
die Feuchtigkeit und die Winde und sind in so grosser Anzahl 



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136 



l. BUCH, 5. KAPITEL. KLIMA UND KRANKHEITEN. 



gemacht worden, dass sie trotz mancher Unzulänglichkeiten zur all- 
gemeinen Beurtheilung der meteorologischen V erhältnissc der Gegend 
von Murzuq berechtigen. In ausgewählter Zusammenstellung werden 
dieselben im Anhange beigefügt werden; hier handelt es sich nur 
darum, aus ihnen ein kurz gefasstes Gesammtbild des Klimas zu 
geben. 

Die Instrumente waren in einem aus Holzleisten mit Zwischen- 
räumen gezimmerten und bedachten Kasten anfangs auf der Nord- 
seite des Hauses am oberen Stockwerke angebracht und später in 
dem vor Wind und Ausstrahlung noch geschützteren Garten, wo sie 
allerdings der Erdoberfläche näher waren, aufgestellt. 

Der tägliche Gang der Temperatur war im ersten Beobachtungs- 
monate, April 1869, derartig, dass der niedrigste Stand, der zwischen 
7,4° (5.) und 23,0° (30.) schwankte, gegen 6 Uhr Morgens eintrat, 
während die höchste Temperatur, welche zwischen 19,8° (7.) und 
37»' 0 (30 ) lag, um 3 Uhr Nachmittags beobachtet wurde. Der 
höchste Tagesunterschied zwischen Minimum und Maximum der 
Temperatur betrug 18,1 0 (6.), der niedrigste 9,2° (29.). 

Im folgenden Monat Mai finden wir die niedrigsten Thermometer- 
stände bald nach 5 Uhr Morgens, während der höchste fast stets 
später als 3 Uhr, oft erst 4 Uhr Nachmittags eintrat. Die niedrigsten 
Morgentemperaturen schwankten zwischen 17,7° (13.) und 28,5° (29.), 
und die höchsten Nachmittags -Temperaturen hielten sich zwischen 
31,2° (5.) und 41,0° (30.); die niedrigste Tagesdifferenz der Tempe- 
ratur betrug IO,9 0 (2.) und die höchste 16,8° (27.). 

Als nach der Tibcsti-Reisc die regelmässigen Beobachtungen im 
October wieder aufgenommen wurden, verhielt sich dieser Monat in 
Bezug auf den täglichen Gang der Temperatur etwa wie der April. 
Die höchsten Stände lagen zwischen 25,2° (27.) und 29,9° (31.) und 
die niedrigsten zwischen 13,6° (28.) und 19,5° (17. und 31.); der höchste 
Unterschied zwischen beiden an demselben Tage betrug 13,0° (24.), 
der niedrigste 8,2 (17.). 

Mit fortschreitender Jahreszeit näherten sich die Eintrittszeiten 
der täglichen Maxima und Minima einander; diese traten später ein, 
jene früher, so dass im Dccember und Januar die niedrigsten Stände 
um etwa 7 Uhr Morgens, die höchsten kurz nach 2 Uhr Nachmittags 
zur Beobachtung" kamen, während der März bereits die Tendenz 
zeigte, den Zeitraum zwischen beiden zu vergrössem. 



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TEMPERATUR. 



137 



Im November betrug die höchst beobachtete Temperatur 27,2° 
(25.) und die niedrigste 8,5° (16.), während der höchste Tagesunter- 
schied zwischen Maximum und Minimum I2,o 0 (7.) und der niedrigste 
6,5° (24.) betrug. 

Im December sehen wir die Maxima schwanken zwischen 13,5° 
(31.) und 27,1° (13.), die Minima zwischen i,o° (23.) und 13,2° (26.) 
und haben wir einen höchsten Tagesunterschied zwischen den Ther- 
mometerständen von 22,2° (25.), einen niedrigsten von 7,0° (30.). 

Im Januar 1870 waren die Extreme der Maxima 14,0° (13.) und 
29,4° (26.), die der Minima o,o° (14.) und 13,3° (26.), und der Unter- 
schied zwischen den Temperaturen desselben Tages betrug mindestens 
9,9° (29.) und höchstens 20,2° (22.). 

Im Februar hielt sich die höchste Temperatur zwischen 15,6° (3.) 
und 32,5° (28.), die niedrigste zwischen i,8°(4.) und 13,0° (28.), während 
ich zwischen Maximum und Minimum desselben Tages eine höchste 
Differenz von 20,4° (13.) und eine niedrigste von 9,6° (1.) constatirte. 

Während des März endlich registrirte ich höchste Tagestempe- 
raturen von 21,7° (2.) bis 37,0° (13.) und niedrigste von 7,0° (4.) bis 
20,0° (14.) und fand als grösste Differenz zwischen Minimum und 
Maximum desselben Tages 21,2° (6.), als niedrigste 10,2 0 (15.). 

Mit Zugrundlegung der Beobachtungsstunden von 6 U. Morgens, 
2 U. Nachmittags und 10 U. Abends oder 6y 2 U. Morgens, 2 U. 
Nachmittags und 12 U. Nachts, oder 8 U. Morgens, 3 U. Nachmittags 
und 12 Uhr Nachts, ergeben sich als Monatsmittel der Temperatur 
für 1869: April 22,2°, Mai 28,8°, October 20,9°, November 17,0°, De- 
cember 14,0° und für 1870: Januar 12,0°, Februar 14,8°, März 19,9°. 

Vorzugsweise nach der Temperatur richtete sich der Unter- 
schied zwischen dem trockenen und feuchten Thermo- 
meter; je höher jene stieg, desto grösser wurde dieser und umge- 
kehrt. Freilich war die Luft Murzuq s dem Einflüsse der gefüllten 
und halbgefüllten Salzwasserbassins seiner nächsten Umgebung aus- 
gesetzt; doch diese Quelle genügte nicht, um eine erhebliche Zu- 
nahme des Wasserdampfgehaltes der Luft zu bewirken. Der geringste 
Unterschied im Stande des feuchten und trockenen Thermometer fiel 
mit wenigen Ausnahmen auf die Zeit der niedrigsten Temperatur und 
betrug im April 1869 2,1 °, Mai 5,3°, October 2,2°, November 1,7°, 
December 0,8 °, Januar 1870 0,8 °, Februar o,6°, März 1,4°. Der 
höchste Unterschied richtete sich ungefähr ebenso regelmässig nach 



138 I. BUCH, 5. KAPITEL. KLIMA UND KRANKHEITEN. 

dem höchsten Temperaturstande und betrug im April 1869 18,0°, 
im Mai 18,9°, October ii,o°, November io,o°, December 9,9°, im 
Januar 1870 9,3°, Februar 12,6°, März 16,5°. 

Wir finden die geringsten Differenzen im April bei Nord- 
wind, im Mai bei schwachem Südwinde, der unsicher von West bis 
Südost schwankte, im October bei Ost, im November bei Nordost, 
im December bei Nordwest, im Januar bei Nord, im Februar bei 
West, im März bei Nordwest (Regentag), also vorwaltend bei Winden 
aus dem nördlichen Halbkreise der Windrose, welche dort gleich- 
zeitig die geringsten Temperaturgrade mit sich bringen. Die höch- 
sten Differenzen beobachtete ich im Gegcntheil im April bei Süd- 
westwind, im Mai bei Süd, im October bei Ost, im November bei 
Südwest, im December bei Nordwest, im Januar bei Südwest, im 
F'ebruar bei Süd, und im März bei Südwest, also fast ausschliess- 
lich bei Winden, welche aus dem südlichen Halbkreise der Windrose 
über die hochtemperirten Wüstengegenden nach Murzuq gelangten. 

Die ausführlichere Berechnung der Psychrometer -Unter- 
schiede während der genannten Monate mit Zugrundelegung der 
für die Temperaturregistrirungen gewählten Beobachtungsstunden, 
ergab folgende Monatsmittel für den D unstd ruck und die relative 
Feuchtigkeit: im April 1869 5,02 mm und 27%; im Mai 7,13 mm 
und 24%; October 8,68 mm und 47%; November 8,17 mm und 
56%; December 6,57 mm und 55%; «ni Januar 1870 6,31 mm und 
61%; Februar 6,29 mm und 48%; März 7,73 mm und 45%- 

Sehr selten kommt es in Fezzän zum Niederschlage, und 
selbst Thau fehlt bei dem Mangel der Atmosphäre an Feuchtigkeit 
fast ganz, obgleich die Temperaturerniedrigung in den Wintermonaten 
Morgens seine Bildung begünstigen sollte. Nur wenn die nördlichen 
Winde, der Nordost aus der grossen Syrte, der Nordwest und der 
Nordwind Feuchtigkeit genug zufuhren und gleichzeitig die Tempera- 
tur herabsetzen, scheint es im Winter zu Niederschlägen zu kommen. 
So hatten wir im December mit Nordostwind wirkliche Thaubildung. 
In demselben Monate trat zwei Mal Regen ein, ein Mal mit West- 
wind und das andere Mal bei einer Windstille, die zwischen zwei 
Tage mit Nordost- und Nordwestwind fiel, und zwar mit heftigem 
Hagelschauer. Während der ganzen Monate waren die Nordwest- 
und die Nordostwindc ganz entschieden die Vermittler der Regen- 
wolkenbildung. Während der ganzen Monate Januar und Februar 



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FEUCHTIGKEIT. 139 

1870 gab cs dann keinerlei Niederschläge, und erst im März kam ein 
vierstündiger Regen bei Nordwestwind zur Beobachtung. 

Freilich trat Anfangs Juni 1869 eine Reihe von Tagen ein, die 
sich durch vcrhältnissmässig hochgradige Feuchtigkeit auszeichne- 
ten, einige Male spärliche Niederschläge brachten und scheinbar 
von andern Winden beherrscht wurden, als die winterlichen Regen- 
tage. Diese ganze Periode begann am 5. Juni mit einem sehr starken 
Nordostwinde und einem sehr geringen Psychromcteruntcrschicde, 
und am 6. wehte ein starker Ostwind mit dichten Regenwolken im 
Nordosten und sehr geringem Psychrometerunterschiede; doch am 
folgenden Tage thürmten sich mit mildem Ostwind dichte Regen- 
wolken im Südosten auf. Der 8. und 9. Juni verhielten sich ähnlich, 
doch hielten sich die Regenwolken mehr im Osten und am 9. kam 
ein spärlicher Regen zu Stande. Am 10. aber herrschte der Südwest 
vor (wenn auch der Wind dieses Tages die ganze Windrose durch- 
machte), thürmte in jener Himmelsgegend reichliche Regenwolken 
auf und brachte es zu spärlichem Niederschlage, während endlich 
am 11. der Wind aus Süd und Südwest wehte und in eben diesen 
Gegenden des Horizontes Gewitterwolken zusammentrieb. Der Anfang 
dieser relativ dampfreichen Zeit mit Nordostwind und das unregel- 
mässige Verhalten des Süd- und Südwestwindes der letzten beiden 
Tage scheinen dafür zu sprechen, dass diese ungewöhnliche Periode 
mitten im Sommer durch abgelenkte Nordostwinde vermittelt wurde. 

Der Regen war in den seltenen Fällen seines Vorkommens von 
elektrischen Erscheinungen begleitet. Die hochgradige Elektri- 
cität der Luft, welche bei der vorherrschenden grossen Trockenheit 
keine Leitung zur Erde fand, wurde nicht instrumentell beobachtet, 
kam aber stets im gewöhnlichen Leben zum Ausdrucke. Bei trockenen 
Winden der südlichen Himmelshälfte besonders konnte man aus den 
wollenen Decken beim Ausklopfen elektrische Funken locken und 
oben auf der Terrasse des Hauses den grossen Hund Fräulein Tinne s 
nicht streicheln, ohne knisternde Funken hervorzurufen. 

Wir können die Hygromcteore nicht beurtheilen, ohne ihre Ver- 
theiler, die Winde, in Betracht zu ziehen. Da die Sahara das 
trockenste Gebiet der Erde ist, so kann vermehrte Feuchtigkeit zur 
Beobachtung kommen in Folge von Winden, welche aus dem nicht 
allzufernen Mittelmeere mehr Feuchtigkeit als gewöhnlich zuführen 
oder in Folge einer Verminderung der Temperatur, welche eine Ver- 



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14U 



I. BICH, 5. KAPITEL. KI.IMA UND KRANKHEITEN. 



ringcrung der Dampfcapacität der Atmosphäre bewirkt. Der Be- 
obachtung, dass der grösste Dampfgchalt der Atmosphäre bei vor- 
waltenden Winden aus der nördlichen Richtung, und der geringste 
bei südlichen Winden eintrat, entsprechen die wahrend der obigen 
Monate registrirten Winde. 

Im April 1869 kamen an 13 Tagen Winde aus der östlichen 
Himmelsgegend (mit Einschluss der Südrichtung) zur Beobachtung 
und an 15 Tagen solche aus der westlichen Hälfte (mit Einschluss 
der Nordrichtung). 

Im Mai finden wir die östlichen und südlichen Winde fast aus- 
schliesslich; nur an einigen Tagen herrschten die entgegenge- 
setzten. 

Bei der in den folgenden Monaten ausgeführten Reise nach 
Tibesti herrschte der regelmässige Passatwind, hier als Ost oder 
Südost, selten als Nordost, fast ganz absolut. 

Nach der Rückkehr wurden in der zweiten Hälfte des October 
noch 14 Tage mit Winden aus östlicher und südlicher Richtung und 
nur 3 Tage mit solcher aus West und Nord aufgezeichnet. 

Auch im November überwogen jene noch beträchtlich diese, im 
Verhältniss von 22 zu 6. 

Im December hielten sich beide Richtungen mehr das Gleich- 
gewicht, und verhielten sich die östlichen Winde zu den westlichen 
wie 16 zu 10. 

Im Januar 1870 ferner begann sich das Verhältniss zu Gunsten 
der westlichen und nördlichen Luftströmungen zu gestalten, welche 
an 15 Tagen verzeichnet wurden, während die entgegengesetzten 14 
Mal zur Beobachtung kamen. 

Im Februar freilich überwog wieder der Wind aus der östlichen 
und sudlichen Richtung in einem Verhältniss von 15 zu 13, doch 
war das vielleicht ausnahmsweise, denn im darauf folgenden Monate- 
März finden wir denselben 14 Mal, während der aus der westlichen 
und nördlichen Richtung 17 Mal constatirt wurde. 

Man kann also kurz sagen, dass in Fezzän im Laufe des Jahres 
die östlichen und südlichen Winde beträchtlich vorwalten, dass sie 
von Mai bis November ausschliesslich herrschen, und dass in den 
Monaten December, Januar, Februar, März, April die Winde aus der 
westlichen und nördlichen Richtung jenen die Herrschaft streitig 
machen und nicht selten den Vorrang abgewinnen. 



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WIN DK. 



141 



Aus der westlichen Hälfte des Himmels sind die Südsüdwest- 
winde ebenso hochgradig trocken als die ostlichen, denn beide 
müssen über ungeheure, jeder Feuchtigkeit baare Strecken hinziehen, 
bevor sie Fezzan erreichen. Auf die Westwinde mögen dagegen zu 
Zeiten die nicht sehr fernen Hochlande der Tuärik und auf die süd- 
östlichen die ausgedehnten Gebirgsbildungen Tibesti's modificirend 
einwirken. Auch die von der Nordküste kommenden, nördlichen, 
nordwestlichen und nordöstlichen Winde streichen über allzu ausge- 
dehnte trockene Strecken hin, um stets bemerkenswerthen Dampf- 
gehalt mit sich zu führen. Die Atmosphäre ist in der That oft bei 
ihrer Herrschaft von auffallender Klarheit und vollkommener Wolkcn- 
losigkeit. Doch wenn sie stark und in einer gewissen Massenaus- 
dehnung vom Mittelmeer herwehen, bringen sie Wolken und Regen, 
wahrend die aus Osten und Süden wehenden Winde wohl in grosser 
Höhe Federwolken zeigen, doch sonst fast ausnahmslos ohne Wolken- 
bildung herrschen. 

Der letztere Zustand des Himmels waltet denn auch während 
des grössten Theils des Jahres vor. Selten ist zwar der Himmel von 
der klaren, tiefblauen Aethcrfarbe, wie wir sie im subtropischen Ge- 
biete, in den Ländern des Mittelmeeres, bewundern, sondern meist 
weisslich oder bläulich weiss, doch andere Wolken als Cirri in der 
Höhe sind eine grosse Seltenheit. Haufenwolken kommen noch, 
ausser bei den nördlichen Winden, bei West, Südwest und Südost 
zur Beobachtung, doch Schichtwolken fast ausschliesslich bei Nord- 
west, Nord oder Nordost und bei niedriger Temperatur. 

Zur Beobachtung des Luftdruckes diente mir anfangs ein nicht 
ganz zuverlässiges Taschen-Aneroid mit Eintheilung in englische Zoll, 
und später ein sorgfaltiger eingestelltes grösseres Instrument der Art 
mit Millimeter-Eintheilung. Während der beiden ersten Monate meines 
Aufenthaltes in Murzuq, April und Mai 1869, Hess ich mir durch 
unaufhörliche Beobachtung der Stände angelegen sein, eine zuver- 
lässige Kenntniss von den täglichen regelmässigen Fluctuatio- 
nen des Luftdruckes zu gewinnen. Danach fiel während des April 
das Hauptmaximum zwischen 6 und 7 U. Morgens, während das 
Hauptminimum etwa in der Hälfte der Beobachtungstage um 4 U. 
Nachmittags und an den übrigen Tagen ebenso oft erst um 6 U. 
Abends, als schon um 2 U. Nachmittags beobachtet wurde. Im Mai 
erstreckte sich die Periode des Maximum auf die Zeit von 5% bis 



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142 



I. BUCH, 5. KAPITEL. KLIMA UND KRANKHEITEN. 



6V2 U. Morgens, während das Minimum zwischen 4 bis 6 U. eintrat, 
aber selten schon vor 4 U. Nachmittags beobachtet wurde. In der 
darauf folgenden, ausserhalb Murzuqs zugebrachten Zeit, fiel das 
Morgenmaximum noch etwas früher, während sich das Nachmittags- 
minimum in der Zeitwahl wie früher verhielt. 

Als ich aus Tibesti zurückgekehrt war, im Winter 1869/70, wur- 
den meine Beobachtungen nicht so häufig angestellt, so dass diese zwar 
zur Gewinnung der Monatsmittcl dienen können, aber weniger zur 
genauen Kenntniss der täglichen Fluctuationen. Ihren Registrirungen 
zufolge in der Zeit von Mitte October 1869 bis Ende März 1870 
würde, wie es sich auch in gewissem Grade aus der vorgerückten 
Jahreszeit erklärt, das Hauptmaximum auf die Mitte des Vormittags 
fallen und das Tagesminimum zwischen 3 und 6U. Abends. Uebrigens 
war das letztere in seiner Eintrittszeit unzuverlässiger und unbestimmter 
als das Hauptmaximum und verlor sich bisweilen ganz gegen die 
Nacht hin, wenn das zweite Maximum nicht klar hervortrat. 

Sehr häufig, besonders bei südöstlichen, südlichen und südwest- 
lichen Winden, zeigte sich bald nach der Tagesmitte in dem Gange 
des Luftdruckes gegen sein Minimum hin eine vorübergehende, un- 
bedeutende Steigerung. 

Das zweite Maximum fehlte bei den häutigen Beobachtungen 
der Monate April und Mai 1869 fast niemals und trat in der über- 
wiegenden Mehrzahl der Fälle zwischen 10 und 11 U. Abends ein. 
Zuweilen kam es schon um 8 U. Abends zum Ausdruck, sehr selten 
früher und am seltensten gegen Mittemacht. Bei den beschränkteren 
Aufzeichnungen während der Wintermonate 1869/70 schien zuweilen 
das zweite Maximum zu fehlen. Dies hatte bei hohen Barometer- 
ständen mit südlichen Winden statt, wo ein allmähliches Fallen des 
Quecksilbers vom ersten Maximum bis gegen Mitternacht eintrat. 
Wenn ein gewisser Grad von Feuchtigkeit in der Luft war, und 
nördliche Winde wehten, so war auch das zweite Maximum deutlich 
erkennbar, und wenn die erstcre in ungewöhnlichem Grade zunahm, 
so stieg auch wohl das Quecksilber von der gewöhnlichen Stunde 
des ersten Maximum bis in die Nacht hinein ganz allmählich. 

Der höchste beobachtete Barometerstand während des October 
1869 war 725,3 mm, Tagesmaximum des 18. bei klarem Wetter und 
Windstille. Am 15. November betrug das Maximum 728,0 mm bei 
schwachem Ostwinde; der 6. December zeigte uns 728,8 mm, der 



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LUFTDRUCK. 



14:5 



6. Januar 1870 728,0 mm bei massigem Ost, der 8. Februar 724,0 mm 
bei schwachem Nordost, der März endlich 723,3 mm am 2. bei starkem 
Nord und am 22. bei starkem Nordost. 

Die barometrischen Minima betrugen am 23. October 1869 bei 
sehr schwachem Süd 718,7 mm, am 4. November bei Windstille 7 18,5 mm, 
und am 25. December bei schwachem West, am 26. Januar 1870 bei 
starkem Südwest und am 14. Februar bei massigem Südwest 716,4 mm, 
endlich am 29. März bei starkem Westnordwest 707,5 mm. 

Die tägliche Amplitude war während des April 1869 am grössten 
am 7. bei mässigem Nordnordwest und betrug 20,3 mm; am kleinsten 
am 27. bei mässigem Ost und betrug 6,1 mm. Der Mai zeigte eine 
höchste Differenz zwischen Maximum und Minimum desselben Tages 
von 13,2 mm und eine geringste von 8,5 mm. Der October hatte 
als höchsten Tagesunterschied 2,6 mm. (am 26. bei mässigem Nord 
und am 29. bei sehr schwachem Süd) und einen geringsten von 
l.o mm (am 21. bei sehr schwachem Südsüdost). Als entsprechende 
Zahlen des November finden wir am 15. bei schwachem Ost 2,4 mm 
und am 12. bei sehr schwachem Süd 0,9 mm. Am 6. December be- 
obachtete ich eine höchste Amplitude von 5,3 mm bei schwachem 
Ost und am 10. eine geringste von 0,5 mm bei sehr schwachem Ost. 
Im Januar 1870 haben wir entsprechende Zahlen von 3,6 mm am 7. 
bei schwachem Südwest und von 0,5 mm am 21. bei schwachem Süd; 
im Februar 3,0 mm (am 7. bei starkem Nordwest) und 0,7 mm (am 
22. bei schwachem Nord), und endlich im März 6,2 mm (am 28. bei 
mässigem West) und 0,8 mm (am 4. bei sehr schwachem Südwest). 

Wenn demnach die Wintermonate eine geringere tägliche Ampli- 
tude des Aneroid-Standes darzubieten scheinen würden, so muss da- 
gegen nicht vergessen werden, dass in den Aufzeichnungen kaum 
die höchsten und niedrigsten Stände zum Ausdrucke kommen, und 
dass, wie gesagt, für die Beurtheilung des täglichen Ganges des 
Barometers, seiner Amplitude, nur die Aufzeichnungen aus den 
Monaten April und Mai 1869 von Werth sind, während von den 
Ständen zur Ableitung des in Fezzän herrschenden mittleren Luft- 
druckes im Gegentheile nur die während der Wintermonate beob- 
achteten in Betracht kommen. Aus diesen sind mit Zugrundelegung 
der Beobachtungsstunden 6 U. Morgens, 2 U. Nachmittags, 10 U. 
Abends, oder 7 U. Morgens, 2 U. Nachmittags und 12 U. Nachts, 
oder 8 U. Morgens, 2 U. Nachmittags und 12 U. Nachts folgende 



144 



I. BUCH, 5. KAPITEL. KLIMA UND KRANKHEITEN. 



Monatsmittel berechnet worden: für den October 1869 721,4 mm 
November 721,8 mm, December 720,5 mm, Januar 1870 721,8 mm, 
Februar 720,3 mm, März 717,4 mm. 

Es ergiebt sich aus den vorausgeschickten Einzelheiten, dass die 
meteorologischen Bedingungen, welchen die Atmosphäre von Fezzan, 
beziehungsweise von Murzuq, unterliegt, die des leicht modificirten 
Sahara-Klimas sind. Noch ist der Passatwind nicht ganz zur Herr- 
schaft gekommen, denn einerseits berührt im mittleren Fezzan der 
nach den Polen abflicssende Aequatorial - Luftstrom während des 
Winters die Oberfläche der Erde, und andererseits können nördliche 
Winde und ihre Ablenkungen vom Mittelmeere dorthin gelangen. 
Dadurch werden die Bewegungen der Temperatur und der Hygro- 
metcorc in Etwas beeinflusst, und der extreme Charakter des Wüsten- 
klima's kommt in den Thermometer- und Psychrometcr-Ständen nicht 
immer zu vollem Ausdruck. 

Aus diesen atmosphärischen Zuständen, der einfachen, gezwungen 
mässigen Lebensweise und der geringen Dichtigkeit der Bevölkerung 
kann man a priori den Schluss ziehen, dass Fezzan Theil an der 
hochgradigen Salubrität haben wird, welche die Wüste im Allge- 
meinen auszeichnet. Einerseits ist dies allerdings der Fall; anderer- 
seits aber beeinträchtigen verschiedene Momente diese glücklichen 
Bedingungen. 

Hier ist vorzüglich die Häufigkeit der Sebcha's oder Salzsümpfe 
anzuklagen, welche die Hauptplage heisser Länder, das Sumpffieber- 
gift, das sonst der Wüste fremd ist, und vielleicht das Typhusgift ver- 
mitteln. In der That verhält sich in Bezug auf die Malaria Murzuq 
nicht besser, als die Umgebung des Tsadsee's mit ihren stagnirenden 
Wässern, wohin so viele Bewohner der Nordküste zu Handelszwecken 
reisen und wo ihrer so Viele zu Grunde gehen. Ich habe zu Murzuq 
mehr vom Fieber gelitten, als jemals später in den wasserreichen 
Gegenden südlich von der grossen Wüste. Vom Herbste 1869 bis 
zum Frühjahr 1870 war ich kaum eine Woche ohne Anfall Araber 
und Berber sind zwar nicht mehr durch Regierungs-Verordnung vom 
Aufenthalte in der Stadt ausgeschlossen, doch die meisten fallen 
einem Malariasiecht hu m anheim, von dem sie für den Rest des 
Lebens zu leiden haben. 

Der quotidiane und tertiane Typus walten vor; gefürchteter ist 
der nicht rein intermittirende, sondern nur remittirende Charakter 



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SUMPFFIEBER, 



und noch mehr das Siechthum, welches nicht als eine Folge wieder- 
holter schwächerer oder stärkerer Fieberanfalle zurückbleibt, sondern 
ganz allmählich und unscheinbar unter dauernder Schwellung der 
grossen Unterleibsdrüsen die Constitution untergräbt. Sehr häufig be- 
ginnt die Krankheit mit heftigem ununterbrochenem Fieber, aus dem 
sich erst allmählich ein Typus entwickelt. Auch pernieiöse, in 
kürzester Frist tödtlich endigende Fälle kommen vor, wenn sie auch 
nicht gerade häufig sind. Der typische Verlauf, mit Kälte-, Hitze- 
und Schweiss-Stadicn, findet sich bei den einfachen Fällen oft ganz 
wie in den nördlicheren Ländern, erleidet jedoch fast ebenso oft 
Abweichungen von der Regel. Massenhafte Gallenabsonderung und 
erhebliche Blutverluste durch den Darmkanal traten nicht allein bei 
mir auf der Höhe des Anfalls ein, sondern kamen auch sonst nicht 
selten zur Beobachtung. 

Wo nur die leiseste Unterbrechung, oder ein merkbarer Xachlass 
des Fiebers war, fand ich das Chinin stets wirksam, ohne grade zu 
übermässig grossen Dosen meine Zuflucht zu nehmen. In Murzuq, 
dem Regierungs- Centrum, das in regclmässigster Verbindung mit 
nordischer Civilisation stand, wo ein türkischer Militairarzt stationirt 
war, der, wenn auch noch so unwissend, doch, und gerade vielleicht 
um so mehr, das tropische Univcrsalmittcl Chinin kannte, kam dieses 
Mittel schon zu ziemlich häufiger Verwendung. Doch sehr Vielen 
war ein so theures Medicament nicht zugänglich; still gingen sie zu 
Grunde oder genasen, oder suchten durch Aufenthaltswechsel den 
deletären Kinflüsscn der Stadt zu entgehen. Von andern Heil- 
mitteln suchte man höchstens Abführ- oder Brechmittel, den kur- 
mässigen Gebrauch der allbelicbten Butter oder dergleichen in An- 
wendung zu ziehen, ohne jedoch grosses Vertrauen in dieselben zu 
setzen. 

Die Hauptsaison der Fieber erstreckt sich auf Sommer und 
Herbst, und mit Vorliebe suchte man ihr Auftreten mit der Reife 
der Wassermelonen in Verbindung zu bringen, ganz wie ich es in 
Tunis unzählige Male hatte behaupten hören. Ob etwas Wahres der 
Behauptung der hochbetagten Kinwohncr Murzuq's, dass die Häufig 
keit und Gefährlichkeit der Fieber abgenommen habe, zum Grunde 
liegt, wage ich nicht zu entscheiden. Gegen die nach häufigen 
und protrahirten Fiebern zurückbleibenden Leber- und Milz -An- 
schwellungen, von denen jene Kesra und diese Techau (d. h. eigent- 

Nachtijal. I. 10 



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I4»5 I. BICH, 5. KAPITEL. KI. IM \ INJ» KR WKIIPIII N. 

lieh nur Milz) genannt werden, wendet man das unvermeidliche Glüh- 
eisen oder eine Art Haarseil oberhalb der afficirten Organe oder 
innerlich eine Maccration von Kümmel Kamün — und Knob* 
lauch Tum in Od mit kurmassigem Gebrauch an. 

Ausser Murzuq sind in Fezzan noch die Ortschaften des tief- 
liegenden, sebcha- und wasserreichen W. Schijati der Malaria aus- 
gesetzt. Hier war es auch, wo zur Zeit meiner Ankunft eine Epidemie 
grassirte, die nach meinen sorgfältigen Erkundigungen nur ein Typhus 
oder typhusähnliches Fieber sein konnte. Die Krankheit sollte 
die dieser Annahme entsprechenden Symptome haben, und die 
Bevölkerung war der Ucberzeugung, welche auch in europäischen 
Ländern Geltung hat, dass die Entscheidung am 7. oder am 14. Tage 
eintreten müsse. Allen Nachrichten zu Folge kommt dieselbe Krank- 
heit hier und da in sporadischer Form häufig genug vor. 

Von andern Arten blutzersetzender Krankheiten hat die Cholera 
Bü Qemasch gegen Ende der fünfziger Jahre von Tripolis 
ihren Weg nach Fezzan gefunden und viele Opfer gefordert. Man 
stand ihr rathlos gegenüber und begnügte sich , sie mit Pulvern aus 
Zimmet und Zucker zu behandeln. Von Süden her werden nicht 
selten durch die Sclavenkarawanen Pocken Dschiddri einge- 
schleppt, wie es bei der relativ belebten Bornüstrasse erklärlich 
ist. Bei solchen Epidemieen träufelt man im Vorläuferstadium dem 
Kranken seinen eigenen Urin in die Augen, um diese zu schützen, 
und reibt vor der Eruption den ganzen Körper mit demselben Mittel 
ein. Nach Ausbruch der Pusteln bedeckt man die ergriffenen Körper- 
partieen mit Baumwolle, welche mit erwärmtem Kameelharn durch- 
tränkt ist, während man eine leichte Maceration von Zwiebeln und 
Tamarinden in die Augen des Kranken träufelt. Die Impfung ist von 
Norden her bekannt und wird bisweilen ausgeübt, wobei man die Ope- 
ration mit Vorliebe am Ohrläppchen oder an den Schläfen macht. 

Wie mir von vornherein wahrscheinlich war, scheinen die ernsteren 
chronischen Lungenkrankheiten, welche mit Zerstörung des 
Lungengewebes und Zehrfieber einhergehen, selten zu sein, kommen 
jedoch immer noch häufiger vor, als ich erwartet hatte. Die Schwind- 
sucht ist wohlbekannt und gefürchtet; sie gilt sowohl für erblich 
als für ansteckend, so dass man derartige Kranke sorgfältig meidet. 
Doch war auffallend, dass in allen Fällen von Verdichtungen der 
Lungen mit hektischen Zuständen, die mir zur Untersuchung kamen, 



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l.l'NOKNKR VNkHF.UKN. 



147 



weder Lungenblutungen vorhergegangen, noch erbliche Anlagen deut- 
lich nachzuweisen waren. Die ersteren sollen jedoch vorkommen und 
werden dann mit Alaunpulver in flüssigem Fett behandelt, während 
für die ganze Erkrankung der kurmässige (lebrauch des Hunde 
fleische* und Hundefettes oder einer Suppe des Schwarzkäfers beliebt 
ist. Wohl aber waren bei den meisten derartigen Zuständen acute 
Krankheiten, Lungen- oder Brustfell-Entzündungen, nach- 
weislich vorhergegangen, welche also wohl die Ausgangspunkte ge- 
bildet hatten. Diese sind, wenn auch selten, doch ebenfalls häufiger 
als ich geglaubt hatte, werden unter dem Namen Hü Dscheneb, 
d. h. Vater der Seite, zusammengefasst und haben nicht selten einen 
ungünstigen Verlauf. Vergebens erwartete ich bei einer Lungen- 
Entzündung jene plötzliche kritische Wendung, welche bei uns die 
Regel ist ; das Fieber verlor sich allmählich, der Kranke erholte sich, 
doch langsam und unvollständig, und untersuchte ich die Lungen, so 
fand ich, dass dieselben nicht wieder vollständig durchgängig ge- 
worden waren. Häufiger, als diese, sind die Brustfell-Entzündungen, 
welche gern ohne violente Erscheinungen ihre Ausschwitzungen 
machen, aber um so hartnäckiger der vollständigen Aufsaugung 
Widerstand leisten. Bei beiden Krankheiten ist der tödtliche Aus- 
gang immer im Verhältniss zu der absolut kleinen Anzahl der 
artiger Erkrankungen nicht selten. Man behandelt sie äusserlich 
mit Schröpfköpfen oder dem Universalmittel Glüheisen und innerlich 
wohl mit einer filtrirten und mässig erwärmten Maceration der jungen 
zerquetschten Sprossen des Tundub (Capparis Sodada). Das Schröpfen 
wird ausgeführt, indem man mit dem Rasirmesser Feinschnitte macht 
und darüber konische Wiederkäuerhörncr , die an der Spitze durch- 
bohrt und durch eine kleine Lederklappe verschliessbar sind, mit dem 
Munde durch Luftverdünnung ansaugt. 

Wie diese Erkrankungen im Winter vorkommen, so natürlich 
auch die Lungenkatarrhe, welche sich bisweilen in die Länge 
ziehen und chronisch werden, ja sogar in einzelnen Fällen zur 
Erweiterung der Lungenbläschen und zu asthmatischen Anfällen 
Veranlassung geben. Dieselben werden alle nahezu identisch be- 
handelt mit einem Gemisch von Alaun, Ingwer, Südänpfeffer und 
andern reizenden und aromatischen Substanzen, welche gepulvert mit 
flüssigem Fett genossen werden. Auch Keuchhusten-F.pidemieen 

kommen vor, wie ich in Murzuq in kleinem Maassstabe zu beobachten 

10* 



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14s 



L KTCH, 5. KAPITEL, k MM A INI» KR ANK II KIT EN. 



Gelegenheit hatte. Man behandelt die Krankheit, indem man kleine 
Moxen von Baumwolle mit Schiesspulver in das blaugraue Papier der 
Zuckcrhüte wickelt und auf dem oberen Theil des Brustbeins appli- 
cirt, wobei nach der Meinung der Leute gerade jene Art von Pack- 
ipapier zur Krzielung der gewünschten Wirkung unentbehrlich ist. 

Im Ganzen sind jedoch diese Erkrankungen immerhin selten und 
werden weit überwogen von den Krankheiten der Verdauungs- 
Organe, den Rheumatismen, den Hautkrankheiten, der 
Syphilis und den Augenkrankheiten. 

Wenn leichtere Verdauungsstörungen sehr häufig sind, so kamen 
doch ernstere Leiden der Art, wie Magenkrebs, Magengeschwüre, 
Leberkrebs und dergleichen, sehr selten zu meiner Beobachtung. 
Meine eigenen Erfahrungen für Fezzan erstrecken sich freilich nur 
auf den Zeitraum eines halben Jahres, aber häufige Erkundigungen bei 
gebildeten Personen erlauben mir doch manchen sicheren Schluss 
zu ziehen. Während der ganzen Zeit sah ich in Murzuq nur einen 
Fall von Leberkrebs. Einfache Magenkatarrhe werden gern 
mit Abführmitteln Mushil oder Vomitiven Muqeija be- 
handelt, oder man giebt den Kranken Knoblauch und Butter ab- 
wechselnd in kleinen Mengen. Darmkatarrh mit Abweichen in 
Eolge von Ueberladung des Magens mit kräftiger, stickstoffhaltiger 
Nahrung, erfordert Fenchel mit Datteln und Butter zu seiner Heilung; 
ist er aber eine Folge von Süssigkeiten, so wirkt nach dortiger 
Thcrapeutik eine leicht säuerliche Milch mit Gummi besser. Dyssen- 
teric scheint stets sporadisch vorzukommen, tritt selten mit so 
alarmirenden Symptomen auf, wie im Norden, ist aber dafür um so 
hartnäckiger. Man behandelt sie mit dem Qarad, der gerbstoff- 
haltigen Frucht der Acacia viilotica, oder mit Knochenmehl und 
schreitet in protrahirten Fällen wohl zur Application des Glüheisens 
auf die Gegend der Sitzknorren. Sie wird häufig verwechselt mit 
Hämorrhoiden Bäsür, plur. Bawäsir , für deren Entstehung 
man dem Hocken mit dem Rücken gegen die von der Sonne erhitzten 
I latiswände Schuld giebt. Gegen dieselben empfiehlt man sympathische 
Mittel, als Sitzen auf grünen Tabaksblättern, Schlafen auf Löwen- 
oder Tigerfellen und dergleichen, oder Medicamente, als rothen 
Pfeffer, Hilba {Trigonclla Focnum graccum) und Weizenmehl zu 
gleichen Theilen mit Butter. Bei Rachen- und Mandel -Ent- 
zündung ist man schnell bereit, das Zäpfchen abzuschneiden, wenn 



KRANKK. 1». VKKI>U'l'NCsn|<r.. KIIKl'MAT. H A 1" T K K ANKH. 1 II» 

dies sudanischein Gebrauche zufolge noch nicht geschehen ist, oder 
es wenigstens zu scarificiren; sind die Kranken messerscheu, so tragen 
sie Knoblauch um den Hals und man feuchtet ein Gemisch von Hantit 
(Asa foctidn) und Zibäd mit Speichel an und bestreicht damit Man- 
deln und Zäpfchen. Gegen die häufig vorkommende Gelbsucht 
Bü Safir — geniesst man kurmässig Morgens ein Gericht aus gut- 
£CStossenem Kurkum (Curcuma), Eiern und Zwiebeln, die in Butter 
gebraten werden und eine Zuthat von Salz verlangen. Dabei schläft 
man auf einer Streu von Luzerne, um Morgens den Anblick des 
Grünen zu haben. 

Ebenso häufig, als die gewöhnlichen Verdauungsstörungen , ist 
Rheumatismus, der vom acuten Gelenk- bis zum leichtesten 
Muskclrheumatismus zur Beobachtung kam, doch so, dass die- 
jenigen Fälle bei weitem überwiegen, bei denen keine Ergüsse in 
die Gelenke stattfinden, sondern welche von vornherein einen leich- 
teren doch schleppenden Charakter haben. Hier tritt vor allen 
anderen Mitteln das beliebte Glüheisen in seine Rechte, da die auf 
der Nordküste bei solchen Affectionen beliebten heissen Bäder in 
Fezzan nicht existiren. 

Die vorkommenden Hautkrankheiten sind sehr mannichfach. 
Fieberhafte Hautkrankheiten wie die Masern el-Hasba werden 
mit einer Abreibung von Od und Salz behandelt, während die 
Nesseln — cl-Hasäs — die Einreibung mit dem weniger appetit- 
lichen Unrath von Rind, Hammel und Kameel erheischen. Bei ober- 
flächlichen Hautentzündungen in Folge von übermässiger Schweiss- 
bildung bei sich berührenden Hautflächen (Intertrigo) ist eine Paste 
aus Alaun, Fenchel, Nelken, Rosenblättern und pulverisirten Dattel- . 
kernen in häufigem Gebrauch. Eine besondere Aufmerksamkeit 
wendet man den A chse 1 sc h weissen zu, deren übler Geruch nach 
der allgemeinen Ueberzeugung einen grossen Theil der Entzündungen 
der Bindehaut des Auges verschuldet. Papeln und Pusteln 
Habb csch-Schebcb behandelt man in leichteren Fällen mit einem 
Liniment aus Jasminoel mit etwas Wachs; in wenig ausgedehnten 
und hartnäckigeren mit dem scharfen Milchsafte der Calotropis pro- 
cera, einer Salbe aus den gepulverten Saamen von Ricinus oder mit 
der ultima ratio des Glüheisens. Phlegmonöse Entzündungen, 

Aqra Erysipele, Blutgeschwüre, Umläufe und Kar- 
bunkel bestreicht man mit einem Linimente aus Myrrhe, Mahäleb 



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I5U 



I. Ül'CM, 5. KAPITKI . KLIMA INI» KRANKIII- I FEN. 



'Prunus Mahaleb), Safran und Rosen, oder bedeckt sie mit einem 
Kataplasma von gepulverter Hinnä in Ziegenfett gekocht, und gegen 
Pilzbildungen der Haut und Krätze Dschcrab helfen Lini- 
mente von Schwefel Kebrit mit dem ausgequetschten Safte 
junger Weizenpflanzen oder von Schiesspulver in Üel. Die Krätze 
ist sehr häufig, doch muss man bei der Untersuchung zweifelhafter 
Kalle stets im Auge haben, dass die Krankheit bei der grossen 
Reinlichkeit, welche der Islam Händen und Vorderarm zuwendet," 
an diesen weniger zum Ausdruck kommt. 

Zuweilen sah ich unregelmässige Pigment - Ablagerungen 
unter der Wangenschlcimhaut, schwarze oder schuarzgraue Flecken, 
welche Kelef genannt und mit dem schaumigen Schweisse der Innen- 
flächen der Überschenkel erhitzter Pferde behandelt wurden. Die 
Kntfärbung und Atrophie der Haut, wie sie ein Stadium der Lepra 
kennzeichnet und als Baras auf der Nordküste bekannt ist, kommt 
in Fezzän weniger häufig vor als in den Küstenländern und viel 
seltener als im Sudan. Der in dem letzteren so häufige Guinea- 
wurm {Maria Mcdinensis) wird zwar von dort bisweilen eingeschleppt 
und ist unter dem Namen Irq (plur. Oruq), d. h. eigentlich die Ader, 
bekannt, herrscht aber keineswegs in Fezzan endemisch. 

An die Hautkrankheiten schliesst sich in natürlicher Weise die 
Syphilis, durch deren häufiges Vorkommen in der Hauptstadt man 
sich nicht verleiten lassen darf, einen Schluss auch auf die übrigen 
Oasen zu ziehen. Bei der grossen Unsittlichkeit , welche Murzuq s 
Bewohner kennzeichnet, ihrem Reichthum an sensuellen Sclavinnen, 
ihrem häufigen Verkehr mit Bornü einer- und Tripolis andererseits, 
kann das häufige Vorkommen der Krankheit nicht Wunder nehmen, 
und der Leichtsinn der davon Ergriffenen garantirt die weiteste Ver- 
breitung. Noch war sie bei den Bewohnern nordischen Ursprungs, 
wie in Tunis und Tripolis, als el-Kebir, d. h. die grosse (nämlich 
Krankheit), oder es- Suitana, d. h. die Königin (nämlich der Krank- 
heiten), bekannt und, wenn man sich so ausdrücken darf, geschätzt. 
Wie sie dort im Volke für eine sehr anständige Krankheit, die auch im 
Paradiese wohl gelitten sei, gilt, so schämte sich in Fezzan wenigstens 
Niemand, an ihr zu leiden oder es öffentlich zu erzählen. Doch in den 
kleineren Populationscentren und fern von der grossen Strasse ist diese 
für uneivilisirte und halbcivilisirte Völker so verhängnissvolle Seuche 
selten, und in einigen Orten stiessen meine darauf bezüglichen Nach- 



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SYPHILIS. — KKANKHLTI F.N PKK HAKN'OKC.ANK. 



151 



fragen kaum auf Vcrständniss. Ihr Verlauf scheint im Allgemeinen 
ein rapider zu sein; die Symptome der Blutvergiftung folgen bald 
• auf die locale Ansteckung, und die ganze Reihe der constitutionellen 
Erscheinungen bis zu den Knochenerkrankungen wickelt sich schnell 
ab. Die Behandlung geschieht bei den relativ gebildeten Leuten 
mit der generell Oscheba, d. h. eigentlich Kraut, genannten Sarsa- 
parilla, welche in Tunis und anderen Ländern der Nordküste unter 
dem schönen Namen Mabrüka, d. h. die Gesegnete, berühmt ist, 
oder mit anderen Holztränken unter gleichzeitiger Hungerkur. Die 
eigentlichen Eingeborenen behelfen sich mit der in der Wüste so 
weit verbreiteten Coloquinthe Handal , indem sie in bestimmten 
Zeitzwischenräumen Milch trinken, welche zwölf Stunden in der aus- 
gehöhlten Frucht gestanden hat. Doch während dieser Behandlung 
darf der Kranke kein Ziegen , Rind- oder Kameelfleisch gemessen, 
sondern muss sich auf Hammelfleisch beschränken. Leichtere locale 
Uebel, die aus unreinem Geschlechtsverkehr resultiren, sind von 
erschreckender Häufigkeit und haben oft, bei der mangelhaften Be- 
handlung, die man ihnen zu Theil werden lässt, die betrübendsten 
Folgen, wie Verschliessung der Harnröhre, Harnfisteln und so weiter. 
Man behandelt sie nur innerlich und zwar mit Macerationen von 
Granatapfelschaalcn oder den gerbstofThaltigen Schoten der Acacia 
nilotica. 

Von Krankheiten der Harnwerkzeuge kamen mir die 
ernsteren weder zur Beobachtung, noch schienen sie als solche be- 
kannt zu sein, wie die der Nieren, die Steinkrankheit u. s. w. Gegen 
die Unmöglichkeit, den Harn zu verhalten, giebt man den Kindern 
eine Suppe aus einem Theile Cochenille und zwei Theilen Gersten- 
mehl, während das Gegentheil, die Urinverhaltung, einfach mit 
Gerstenschleim behandelt wird. Vergebens suchte ich mir das 
häufige Vorkommen des Blutharnens — el-Harr — ohne Blasen- 
katarrh oder Nierenkrankheiten zu erklären, das von den Einge- 
borenen als eine Folge allzuheftiger Einwirkung der Sonne angeschen 
wird. Es verdankt sicherlich auch dort jenem Entozoon seinen Ur- 
sprung, das seitdem vorzüglich^ aus Egypten bekannt geworden ist. 
Man behandelt es in Fezzän mit Leinsaamenmehl und kohlensaurem 
Natron in Üel. 

Neben dem Rheumatismus in seinen leichteren Formen und 
den chronischen Verdauungsstörungen stellen die Entzündungen 



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152 



!. BÜCH, 5. KAIMTF.I-. KLIMA UND KKANKIIKITEN. 



tlcr äusseren Augcngcbildc mit ihren Folgezuständen das Haupt- 
contingent zu den Erkrankungen. Die Leiden des inneren Auges, 
tler graue und schwarze Staar, Leiden der Netz- und Aderhaut, des 
Sehnerven und des Glaskörpers, sind nicht eben zahlreich, doch ist 
die Zahl derjenigen Personen , welche intaetc Horn- und Bindehäute 
haben, noch geringer. Die AfTectionen der letzteren fasst man unter 
dem Namen Ramad zusammen und behandelt sie ebenso summarisch 
entweder mit einem aus Kandiszucker, Habbet cs-Södä {Xigel/a sa- 
tnui), Lisan el-Bahiir (Os Scpiae), Myrrhe und Tutiä (unreines Zink- 
oxyd) gemischtem Pulver, das in kleiner Quantität ins Auge ge- 
bracht wird, oder mit getrockneter, pulverisirter und zuckerge- 
mischter Rabcngallc Merärat el-Ghoräb. Ein sehr grosser Theil 
der zerstörten und dicht getrübten Hornhäute kommt auf Rechnung 
der Pocken. 

Von Frauenkrankheiten kamen Menstrua'tionsstörungen, Un- 
fruchtbarkeit, Fehlgeburten, Entzündungen der Brustdrüse, Brust- und 
Gebärmutterkrebs, Muttcrblutungcn und dergleichen zu meiner Kennt- 
nis*; jedoch waren dieselben nicht häufig. Dass die Pubertät so 
ausscrgewöhnlich früh einträte, wie manche Reisende aus Fczzän be- 
richten, kann ich nicht bestätigen. Ich habe gewiss ebenso viele 
Mädchen gesehen, welche mit 15 Jahren noch nicht menstruirt waren, 
als solche, die das Zeichen der Reife mit 12 Jahren darboten. Um 
diese Zeit sucht man die jungen Mädchen wohl fett zu machen 
durch die tägliche Darreichung einer kleinen Quantität Hantit oder 
den kurmässigen Gebrauch der Hilba. Tritt die Menstruation trotz 
entwickelten Körpers nicht ein, oder bleibt sie aus ohne Schwanger- 
schaft oder nachweisbare anderweitige Erkrankung, so geniesst die 
Kranke drei Tage lang eine Paste aus der Füa-Wurzel (Färberröthe, 
Rubin tinetorum) und Gerstenmehl mit Butter und Zucker. Nach 
heftigem Abweichen tritt oft die erwünschte Blutung ein. Wenn 
diese allzu reichlich wird, so duldet man sie sieben Tage und tritt 
ihr dann durch ein Getränk von stark maecrirten Feigenblättern ent- 
gegen. Auch, die Rose von Jericho Komescht en-Nebi und 
Schedschrat cr-Riäh [Haplophyllum tuberculatum) werden als men- 
struationsbefördernd gerühmt. Die Feigenblätter bilden auch das 
Hauptmittel gegen Gebärmutterblutungen und werden in ihrer Wir- 
kung durch äusserliche Waschung mit Taubenkoth in Wasser unter- 
stützt. Gegen erschwerte Menstruation haben getrocknete Granat 



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AUGKNLEIDKN. — 



I K Al'KNkKANKIIKITKN. 



apfelschalen, in Pulverform in die Suppe gcthan, einen guten, die 
Verheirathung aber den besten Ruf. Die Entzündung der Brust- 
drüse wird mit sonderbarer Kinmüthigkeit dem unvorsichtigen 
Genüsse eines nicht gesehenen Haares in der Milch oder im Wasser 
zugeschrieben und durch ein Liniment aus Myrrhe, Moschus und 
Safran behandelt, ganz wie der Brustkrebs, doch muss die Kranke 
auf das Aengstlichste jede Nahrung vermeiden, welche von ge- 
schwänzten Thieren kommt, wie Fleisch, Fett, Milch und Butter. 
Der Gebärmutterkrebs wird vergebens bekämpft durch den kur- 
mässigen Gcnuss eines Gerichtes, das aus Rüb-, 1 lornklee- und Zwicbel- 
Saamen und Gerstenmehl zu gleichen Theilcn mit etwas Krcssc- 
Saamen Habbet er-Reschäd und Eisenfeilspänen zur Taste ge- 
formt wird. 

Die Fruchtbarkeit der Frauen sucht man zu vermehren 
durch den unmotivirten Genuss getrockneter Eingeweide junger 
Häschen, die noch an der Mutterbrust waren. Da die Keuschheit 
junger Mädchen eine seltene Erscheinung in Fezzän ist, und doch 
ein lebendiger Beweis ihres Leichtsinns unter Umständen ein Hin- 
derniss für die Verheirathung abgiebt, so sucht man nicht selten 
Abortus hervorzurufen. Man schreckt um so weniger davor zurück, 
als das Gesetz sich um solcherlei Dinge nicht kümmert und alte 
Weiber ungestraft ihre kundige Beihülfe leihen können. Die be- 
kanntesten äusserlichen dahin zielenden Mittel sind Kügelchen von 
Rauchtabak oder solche von Baumwolle mit dem Safte des Oschar 
(Calotropis procera)\ innerlich sollen Russ irdener Kochgeschirre und 
eine Hinnä-Maccration dieselbe Wirkung haben. 

Dass ein Kind im Mutterleibe für Jahre oder sogar für immer 
„schlafen* könne, bezweifelt Niemand, und da die Fczzäncr häufig 
und lange auf Reisen sind, so giebt dieser fromme Glaube den leicht- 
sinnigen Ehefrauen eine willkommene und bequeme Handhabe, um 
dem Gatten nach Jahre langer Abwesenheit einen während dieser 
Zeit eingetretenen Familienzuwachs in einem ehrbaren Lichte er- 
scheinen zu lassen. Der Keim des Kindes ist vor der Abreise gelegt 
worden, doch Gott hat versäumt, ihn zum wirklichen Leben, zur Geburt 
rechtzeitig zu erwecken. Mancher Gatte mag wohl in solchem Falle 
seine Zweifel nicht ganz unterdrücken können, doch gegen die Mög- 
lichkeit jahrelanger Geburts- Verzögerungen ist absolut Nichts zu 
sagen, und selbst mein kluger Freund, der Hädsch Brähim Ben Alüa, 



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K)4 I. IIUCH, 5. KAPITEL. KLIMA VXD KKANKIIKITBN. 

war von der Häufigkeit solchen Vorkommens auf das Festeste über- 
zeugt. 

Die Geburten verlaufen nieist leicht und ohne Kunsthülfe; ist 
die Wehenthätigkeit zu schwach, so verordnete man eine Maceration 
von Melüchiablättcrn in Oel. Etwa auf Geburten folgende Entzün- 
dungen der Gebärmutter werden in eigentümlicher Weise bekämpft, 
indem man Ziegenfleisch mit aromatischen und reizenden Substanzen 
«tller Art bis zur beginnenden Fäulniss hinstellt und alsdann von 
den Kranken verzehren lässt. Die Kopfblutgeschwulst der Neu- 
geborenen wird mit Cataplasmen von Weihrauch Luban bedeckt. 
Koliken der kleinsten Kinder werden mit einem Gemische von 
Hantit, Qarad, Hilra, Granatapfelschaalcn, Fenchel, Kosmarin, Schiah 
{Artcmisia herba-alba) behandelt, das mit Wasser und Zucker in den 
Lutschbeutel gethan wird. Zeigen sich Aphthen im Munde Bu 
Oattäm so bringt man ein Gemisch von Fenchel- und Qarad 
Pulver auf tlie betreffenden Schleimhautstellen. Wollen die Kinder 
an der Mutterbrust nicht vorangehen, so werden, ausser etwaiger 
Schwangerschaft der Mutter, übernatürliche Grunde zur Erklärung 
herbeigezogen, und folglich auch ebenso unnatürliche Mittel ange- 
wendet. Man wäscht die Kinder in Wasser, das aus sieben Brunnen 
genommen wird, und in das man Fenchel, Hantit und dergleichen 
Substanzen gethan hat. Hilft dies nicht, so wird die Mutter als 
schwanger angesehen und man wartet ruhig auf die etwaige Geburt des 
neuen Kindes. Tritt dieselbe ein, so legt man das erste Kind, wenn 
dasselbe noch am Leben ist, in tlie Schüssel, welche die ganze Zugabe 
des Neugeborenen enthält, und ist von seiner sicheren Heilung über- 
zeugt. Man säugt die Kinder mindestens zwei Jahr, und will man 
die Secretion der Muttermilch versiegen lassen, so drückt man diese 
in ein heisses Porzellan- oder Metallgefass aus; mit dem Zischen der- 
selben soll man sicher sein, dass die weitere Absonderung im Busen 
erlischt. 

Diejenige Klasse von Krankheiten • welche am seltensten zu sein 
scheint, ist die der Gehirn- und Nervenkrankheiten; wie auch 
Geisteskrankheiten kaum zur Beobachtung kommen, und mir 
der traurige Anblick der nicht simulirenden heiligen Irrsinnigen, die 
in den civilisirteren mohammedanischen Landern uns auf Schritt und 
Tritt aufstossen, in Fezzän gänzlich erspart blieb. Zwar kannte man 
Schlaganfalle, Gehirnfieber, epileptische und andere Krämpfe, Läh- 



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KRAMKHI ITEN DES NERVENSYSTEMS. VERGIK I UNCI- X. |5Ö 



mungen etc., doch musste .man schon vielfache Nachfragen anstellen, 
ehe man Leute fand, die dergleichen gesehen hatten. Ich selbst sah 
nur einige Mal schleichende Rückenmarks-Entzündungen, Neuralgien, 
epileptische Kranke und hysterische Frauen. Alle derartige Krank- 
heiten schreibt man übernatürlichen Einwirkungen, sei es dem Teufel 

Iblis , sei es, und /.war häufiger, den Geistern Dschinn 
zu und behandelt sie dem entsprechend durch Sympathie und zauber- 
vollt Qoransprüche. Selbst der heissc Gerstenbrei, den man bei 
Gehirnentzündung den Kranken auf den Kopf legt, muss von Hunden 
oder Kindern gegessen werden, wenn er wirksam sein soll; oder wenn 
man in demselben Falle ein Gcfäss mit Wasser auf den Kopf setzt 
und ein glühendes Eisen in demselben löscht, so muss jenes nach 
hinten vom Kranken entfernt werden, wenn es helfen soll. Schon 
bei hartnäckigem Kopfschmerz, der nicht in einfacher Weise erklärt 
werden kann, deutet man durch das gebräuchliche Mittel der Räuche- 
rimg mit verbrannten Haaren eines Bruders oder einer Schwester 
iles Erkrankten den geheimnissvollen Ursprung der Krankheit an. Hei 
auffallender Schlaflosigkeit thut man wohl Eulenaugen in ein Ge- 
fäss mit Wasser und bindet dasjenige, welches untersinkt und eines 
sinkt nach der Behauptung meiner Referentin, einer vielbeschäftigten 
dortigen Collegin, stets auf denGrund, während das andere schwimmt , 
an den Kopf des Kranken, während im Gegentheile das schwimmende 
Auge, in derselben Weise angewendet, den Schlaf fernhalten soll. 
Bei epileptischen und andern Krampfzufällen vermeidet man die 
rothe Farbe, bedeckt den Kranken mit schwarzen Stoffen, giebt ihm 
Indigo zu riechen und sorgt dafür, dass sich ihm keine Erwachsenen 
nähern. 

Von Vergiftungen kommen, ausser den von animalischen 
Giften herrührenden, höchstens die durch Arsenik und Grünspan vor, 
welche mit einer Abkochung von Portulak und Rhinoceroshorn be- 
handelt werden. Letzteres hat übrigens auch dort gegen die übrigen 
vorkommenden Vergiftungen durch Vipernbiss und Scorp ion- 
stich den ausgezeichneten Ruf, dessen es sich in der ganzen isla- 
mitischen Welt erfreut. Gegen die letzteren gilt auch ein anderes 
Verfahren als wirksam, welches ebenso barbarisch als unsinnig ist. 
War der verletzte Theil eine Hand, so drängt man dieselbe, so 
weit es geht, mit Gewalt in den After von drei lebendigen Hühnern, 
bis die armen Thiere umkommen; war es ein Fuss, so tödtet man 



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I. UHU, 5. KAPITKI.. KI IMA IM» KKANKHKIIKN. 



schnell einen Ihind und setzt den Fuss in seinen Bauch. Als wirk- 
sames Mittel gegen beide wird auch das Fett der Waran -Eidechse- 
Ural oder Waral betrachtet, welche, lebendig im Hause ge- 
halten, sowohl Vipern als Scorpione überhaupt fern hält. Was übrigens 
die Scorpionssliche betrifft, so habe ich in Fez/an nie, so oft ich 
auch Gelegenheit hatte, dieselben zu beobachten, dauernde und 
ernsthafte Folgen eintreten sehen, wenn auch Anschwellung des 
verletzten Theiles, neuralgische Schmerzen und Lähmungen einige 
Tage hindurch anhielten. Die Hundswuth war den Bewohnern , 
durchaus unbekannt. 

Auch in F'ezzän, wie in vielen Ländern des Orients, sind die 
Mittel, welche die männliche Kraft vermehren sollen, ein Gegenstand 
lebhafter Nachfrage. Die von Norden gekommenen Bewohner machen 
wohl Gebrauch von den zahlreichen zu diesem Zwecke empfohlenen, 
meistens durch reizende Substanzen, wie Canthariden, sehr schäd- 
lichen Medicamenten, oder von Ingwer und Ambra, welche eines 
gewissen Rufes gemessen ; doch die mit dem Sudan Vertrauten wissen, 
dass das untrüglichste Mittel die sogenannte Teqwia ist, welche in 
dem Fett gewisser Körpertheile des Aju genannten Manatus VogelH 
besteht. Das Thier ist verhältnismässig häufig im Binue und seinen 
Zuflüssen, und das Mittel wird von den Kaufleuten aus den Haussa- 
Staaten zurückgebracht und theuer verkauft. 

In chirurgischer Beziehung wissen die Fezzäner einfache 
Wu nden zu behandeln, deren Reinerhaltung durch (Jarad-Abkochung 
oder Alaunwasser bezweckt wird, oder welche man einfach mit etwas 
salziger Butter verbindet, gewöhnliche Verrenkungen einzurichten 
und Knochenbrüche zu schienen. Um die neue Knochenbildung 
zu unterstützen, geniesst der Kranke Duchnbrei und Hühnerfleisch, 
welche in dieser Beziehung einen guten Ruf haben. Gegen Blutun- 
gen grosser Gcfässe pflegt man siedende Butter in Anwendung 
zu ziehen; doch gegen schwer stillbare Blutungen aus Nase, Darm- 
kanal, Gebärmutter hilft der aus Arabien gebrachte Ring mit einem 
Blutjaspisstein Chätem ed-Demm — , der je nach dem Sitze der 
Blutung am Kopfe, auf dem Bauche etc. befestigt wird. Rationeller 
war die Behandlung der Verbrennungen mit einem Linimente aus 
rohen Eiern und den gepulverten Blättern von Corchorus olitorius. 

Lieber die Ursachen der Krankheiten hat der Fezzancr die vagen 
lind abergläubischen Theorien, welche auch bei den ungebildeten 



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i'mm rc.ischk Kenntnisse. — puvsunwr.isiUE ANSCHAITNCRN. lf>7 

Klassen europäischer Völker noch vielfach Geltung haben. Zum Theil 
sind es die Geister Dschinn , welche angeschuldigt werden; noch 
mehr Unheil aber richtet der böse Blick cl-Ain. d. h. das Auge, 
an. Ein gesundes, schönes Kind, ein gutes Kamee! , ein hübsches 
Pferd kann gar nicht sorgfaltig genug vor dem Einflüsse des letzteren 
geschützt werden. Viele üben in bewusstcm Neide einen derartigen, 
verhängnissvollen Einfluss aus; Manche aber sind, ohne Zauberei aus- 
üben zu wollen, von Natur mit dieser gemeinschädlichen Eigenschaft 
gebrandmarkt, und man muss sich sehr vor ihnen in Acht nehmen. 
Jedes Haus hat an der Thür, auf der Schwelle oder irgendwo eine 
Inschrift, ein mystisches Zeichen zur Abwehr, und Mensch und 
Thier trägt am Arme oder Halse Eckzähne des Wildschweins, 
Fischknochen, Hundszähne oder geschriebene, geheimnissvolle Anm- 
iete gegen die bewussten und unbewussten Zauberer. Wenn der 
Glaube an diese auch in den meisten Ländern Europa s erheblich 
abgenommen hat, so haben die unbestimmten Theorien der nicht 
übersinnlichen Krankheits-Entstehungen im Volke bei uns noch weit- 
verbreitete Geltung, und eben dieselben Anschauungen finden wir 
auch in Kezzän gang und gäbe. Auch dort wird über ein Nahrungs- 
mittel als „gesund" oder „ungesund", als „heiss" oder „kalt" abge- 
urtheilt; auch dort trägt „das Blut oft die Schuld an Erkrankungen, 
welche dann natürlich anders behandelt werden müssen, als wenn 
sie aus „Erkältung" entspringen. Hält sich der Kranke an diese für 
ihn sehr klaren Begründungen seines Zustandes, so greift er auch 
nach einer für ihn rationellen Behandlung und sucht den Einfluss 
(ler heissen Nahrungsmittel durch „kalte zu paralysiren, nimmt „heisse" 
Sachen gegen die Erkältung ein und zieht mit ebensolcher Energie 
gegen „das Blut" zu Felde, wie noch vor einem Menschenalter bei 
uns zu geschehen pflegte. Glücklicher Weise ist die Kunst des Ader- 
lassens in Fezzan nicht geläufig genug, sonst würden sich die Ein- 
wohner im Frühjahr und Herbste regelmässig die Ader schlagen 
lassen. So begnügen sie sich in regelmässigen Pausen mit der An 
Wendung der Schröpfköpfe, und die Gebildeten nehmen von Zeit zu 
Zeit Abführmittel. Zu letzteren wählt man mit Vorliebe Tamarinden, 
welche Vielen zugänglich sind, Rhabarber Räwend der aller- 
dings, in so hohem Ansehen er auch bei den Mohammedanern steht, 
selten zu haben ist, oder Bittersalz — Mihlh el-Inqlis, d. h. englisches 
Salz — , das von der Nordküste kommt. Die Ungebildeteren wenden 



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IfW l. BÜCH, 5. k.VIMTEI.. KLIMA UNI) kR ANKHKI TEN. 

zur Erzielung der angestrebten Wirkung Hausmittel an, wie grössere 
Quantitäten von Honig, frischem Laqbi, Kameelmilch, denn Alle 
haben merkwürdiger Weise ein gewisses Vorurthcil gegen die in 
ihrem eigenen Lande so verbreiteten und so wirksamen Mittel, die 
Senna und die Coloquinthe. Man zieht diese zwar in Gebrauch, 
doch nur in hartnäckigen Fällen und mit einem gewissen Wider- 
streben. Die Anwendung des Klystiers wird, wie im ganzen Orient, 
so auch in Fezzän allgemein verabscheut; ein dazu rathender Arzt 
stösst auf einen entschiedenen, schäm- und geheimnissvollen Wider- 
stand. 

Neben diesen Hauptprincipicn, zu denen noch die Ueberzcugung 
von der Nützlichkeit des Glüheisens und der flüssigen Butter oder 
des Olivenöls in fast allen Fällen von Erkrankung kommt, lieben die 
Fezzancr in den einzelnen Fällen auch eine complicirtcrc Therapie, in 
der wir viele Medicamente finden, welche noch jetzt bei uns im 
Gebrauche sind, wie aus den oben aufgeführten einzelnen Recepten 
erhellt. 

Die ärztliche Kunst wird zwar nicht von besonderen Berufsärzten 
ausgeübt, ist aber doch vorzugsweise im Besitze alter, erfahrener 
Frauen, die aus ihrer praktischen Anwendung gewissermaassen ein 
Gewerbe machen. Doch die Grenzen ihrer Wirksamkeit sind voll- 
ständig bekannt, und jenseits dieser wird ausschliesslich an die Reli 
gion appellirt, die ihre geheimnissvollen Anmiete und Talismane 
durch die Hand „weiser Männer ' liefert. Hierin unterscheidet sich 
der Fezzäner durchaus nicht von den Bewohnern der Nordküste, 
lässt sich eben so viele heilkräftige Sprüche auf den Körper, in 
die Nähe des leidenden Organes, schreiben, verschluckt eben so 
häufig ein Stückchen Papier mit der heiligen Inschrift oder trinkt 
die abgewaschene Tinte derselben und glaubt ebenso fest an Liebes- 
zauber und Amulete, welche kugel-, hieb- und stichfest zu machen 
oder Krankheiten vorzubeugen im Stande sind, als jene. 



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Sechstes Kapitel. 
GESCHICHTE UND BEVÖLKERUNG VON FEZZAN. 

Phazania, «las Land der Garamanten. — Herodot's Angaben. — Die Römer in Fezzan. — 
Nachrbmisches Dunkel. — Libyer und Berber. — Arahische Kiemente in Afrika vor 
dem Isläm. — Araber und Berber. Invasion der Araber nach Gründung des Isläni. 
— Vordringen der Küslcnbevölkcrung in die Oasen der Wüste. — Ausbreitung der 
Kanemheirschaft über Fezzdn. — Reste derselben in Trügen. — Die Nesflr und 
Qormfln. — Die Dynastie der AulÄd Mohammed aus Marokko. — Abriss ihrer Ge- 
schichte. — Kämpfe FczzÄn's um seine l'nabhängigkeit von Tripolis. — Knde der 
marokkanischen Dynastie durch el-Mucjni. — Die Aulad SolimAn , ihre Kämpfe und 
Niederlage. — Abd el-Dschltl. — Eroberung Fezzän's durch die AutAd Soltmftn. — 
Kämpfe Abd el-Dschltl's gegen die Türken. — Herrschaft der Türken. — Kintheihmg 
und Administration Fezzän's. — QäimaqAm oder Müt&sarrif. - Mudlr. — Türkische 
Beamtenwirthschaft. — Abnahme der Bevölkerung und des Wohlstandes. — Sieuer- 
kraft des Landes. — Machtlosigkeit der Localregierung. — Bevölkerungsstatistik. — 
• Bcvölkerungselemcnte. — Eigentliche FczzÄner und ihre allmähliche Umbildung. — 
Subäthiopische Volksstämme. — Beschreibung der Fe/zancr. — Verschiedenheit von 
den TcdÄ. — Kleidung. — Charakter der Städte und Häuser. — Kastelle. — Be- 
waffnung. — Sociale Sitten. — Religiöses Leben. — Die Senüslja und ihre Aus- 
breitung. — In FeszAn übliche Sprachen — Zusammen fassende Charakteristik. 

Fezzan ist die alte Phazania, das Land der Garamanten, welche 
ZU ihrer Zeit sich freilich nicht auf die Grenzen des jetzigen Fezzan 
beschränkt zu haben scheinen. Wo Plinius über die Expedition des 
Cornelius Baibus in jene Gegend, welche diesem einen Triumphzug ein- 
brachte, berichtet, sagt er, dass oberhalb der Syrtc, gegen die Wüste 
hin, sich Phazania ausdehne mit den Städten Alacla und Cillaba, welche 
die Römer ebenso unterjocht hätten, wie Cydamus in dem benachbar- 
ten District von Sabrata; dass dann eine lange von Osten nach Westen 



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100 I. BI CH, 6. KAPITEL. GESCHICHTE I NI« BEVÖLKERUNG VON FEZZÄN. 

verlaufende Kette von Bergen folge, welche man wegen ihres ver- 
brannten Aussehens die ,, schwarzen*' nenne; und dass jenseits der- 
selben die eigentliche Wüste folge mit den Städten Mateiges, Debris 
und Garama, von denen die letztere die berühmte Hauptstadt der 
Garamantcn sei. Von diesen und allen übrigen bei Gelegenheit des 
Triumphzuges des Baibus figurirenden Orten und Stammen ver- 
mögen wir Cydamus mit dem heutigen Ghadämes, Garama mit 
der Ortschaft Dscherma des W. el-Gharbi und vielleicht Cillaba mit 
dem heutigen Zella zu identificiren. Damit ist die Identität des 
heutigen Fczzan mit der alten Phazania, die übrigens schon aus dem 
Namen erhellt, voll bewiesen, wie auch kein Zweifel bleibt, dass in 
alten Zeiten die Garamanten diese Gegend inne hatten. 

Herodot, als er die Bewohner Libyens, von Egypten aus nach 
Westen gehend, aufzählt, sagt, nachdem er die dem Meere zu- 
nächst wohnenden erledigt hat, dass eine sandige Krhebung von 
Theben bis zu den Säulen des Herkules verlaufe, welche in Zwischen- 
räumen von zehn zu zehn Tagemärschen Hügel aus Steinsalz mit 
Süsswasserqucllen habe, an denen, von Theben beginnend, zuerst 
die Ammonicr, dann die Audschiler und dann die Garamanten wohn- 
ten. Westlich von diesen wohnten Gaetuler und südwestlich, südlich 
und südostlich Aethiopicr. Nachdem das Land der Garamanten 
durch Cornelius Baibus zur römischen Provinz Phazania geworden 
war, deren Hauptstadt Garama blieb, hatten noch einige Kxpeditioncn 
der Römer statt, von denen eine unter der Führung des Septimus 
Flacctis, eine andere unter Julius Maternus sogar die südlich von 
Fczzan gelegenen äthiopischen Länder erreichte. Spärliche Reste 
von Baulichkeiten im alten Garama, aus mächtigen Quadern röth 
liehen Sandsteins, welcher der nahen Amsakkette entnommen wurde, 
sind die Zeugen der römischen Herrschaft. 

Der Zug des Baibus fand zwei Jahrzehnte vor unserer Zeitrech- 
nung statt, und die folgenden Expeditionen etwa hundert Jahre später. 
Von da ab verschwindet das Land aus den überlieferten Zeugnissen 
der Wechsel vollen Geschichte Nordafrika's. Mehr als drei Jahr- 
hunderte später machten die Vandalen nach und nach der römischen 
Herrschaft in Afrika ein Ende, um ihrerseits nach einem Zeitraum 
von weniger als einem Jahrhundert den Mauren und Byzantinern 
zu weichen. Diese tiefgreifenden und fast rastlos auf einander 
folgenden Umwälzungen beschränkten sich auf die der Küste zu- 



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LIBYER, PHÖNIZIER, BERBER UND ARABER. 



161 



nächst gelegenen Länder; die eigentlichen Wüstenlandschaften mit 
ihrer zerstreuten Bevölkerung und natürlichen Armuth konnten keine 
Rolle bei welterschütternden Ereignissen spielen, und die Geschichte 
schweigt über ihre Schicksale. Die mohammedanische Invasion 
schloss die alte Zeit ab, und mit der neuen Aera kommen wieder, 
wenn auch spärliche, Nachrichten über einen Theil Fezzän's. Es ist 
jetzt weder von Garamanten die Rede, noch von Libyern, noch von 
einem einheitlichen Lande Phazania, sondern von Berbern und ein- 
zelnen Sitzen derselben. 

Die Libyer, welche schon ein Jahrtausend vor unserer Zeitrech- 
nung von den Phöniziern bei der Gründung Uticas vorgefunden 
wurden, müssen von uns als Autochthonen angesehen werden, wie 
auch Herodot und Polybius nie von Afrika, sondern nur von Libya 
sprechen. Dieselben waren Nomaden in den Landschaften um die 
grosse und kleine Syrte und hatten als südliche Nachbarn Aethiopier ; 
sie waren die nächsten Verwandten der sesshaften Ackerbauer in den 
fruchtbaren Küstenstrichen des heutigen Tunis, Algerien und Marokko 
und hatten dort auf ihren Südgrenzen die Sitze der umherschweifenden 
Gaetuler. 

Der Grad des Antheils, welcher den Libyern an der Bildung 
der späteren Berber zukommt, ist dunkel, doch sicherlich sehr be- 
deutend. Trotz aller versuchten etymologischen Erklärungen des 
Wortes Berber ist die einfachste, welche den Namen mit „Barbari" 
identificirt, wohl die richtige, und dann würden mit dem Worte nur 
Libyer, d. h. Autochthonen, gemeint sein. Doch ohne Zweifel hielten 
sich die Libyer nicht rein und unvermischt. Wenn Sallust aus den 
Büchern des Hiempsal berichtet, dass die sedentären Libyer des 
westlichen Nordafrika durch eine Mischung mit Armeniern und Medern 
auf der Mittelmeerküste zu Mauren, und dass die Gaetuler durch 
Vermischung mit in Marokko eingewanderten Persern, welche nach 
Osten vorrückten, zu Numiden (oder Nomaden) geworden seien, so 
geht aus diesen Nachrichten, wenn dieselben auch keinen geschicht- 
lichen Werth haben, doch das Bcdürfniss hervor, in irgend einer 
Weise die allmähliche Veränderung der alten Libyer zu erklären. 

Wenn auch die östlichen nomadisirenden Libyer keiner so schnellen 
und durchgreifenden Umbildung unterlagen, so blieben doch auch 
sie nicht frei von fremden Elementen. Ausser den fremden Colonien 
an der Meeresküste, welche immerhin so viel Einfluss ausübten, dass 

Nachtigal. L 11 



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1G2 I.BUCH, 6. KAPITEL. GESCHICHTE UND BEVÖLKERUNG VON KF.ZZÄN. 

Diodor vier Nationen als Bewohner von Libyen aufführt, nämlich 
Libyer, Phönizier, Libyphönizier und Numidcn, sprechen alle Tra- 
ditionen und Ansichten der Herber selbst und arabischer Gelehrten 
für diese Thatsache. Die letzteren lassen die Berber entweder aus 
Jemen, Kanaan oder Syrien stammen und bringen sie in Verbindung 
mit Goliath und den Philistern. Ibn Chaldün führt die Ansichten 
arabischer Gelehrten auf und behauptet dann einfach, dass sie von 
Kanaan, dem Sohne Chams, des Sohnes Noah's, entsprossen seien. 
Doch spricht dieser gelehrte Geschichtsforscher ebenfalls die Ansicht 
aus, dass die Berber schon Tausende von Jahren vor dem Islam ihre 
Sitze inne hätten. Wie wenig er sie trotzdem von den Arabern 
zu trennen im Stande war, beweist andererseits wieder seine Behaup- 
tung, dass beide Völker im westlichen Nordafrika so viele Jahr- 
hunderte hindurch zusammen gewohnt hätten, dass man sich kaum 
eine Kpoche vorstellen könne, in der es nicht so gewesen sei. 

Die meisten Berberstämme selbst fuhren ihren Ursprung auf 
Arabien zurück, und für Viele bestätigen die arabischen Gelehrten 
den Zusammenhang. Idrisi behauptet z. B. ( dass der Berberstamm 
der Zenäta ursprünglich rein arabischen Ursprungs gewesen und nur 
im Laufe der Jahrhunderte durch Vermischung mit den Masmüda 
transformirt sei, und el Bekri soll gesagt haben*), dass jene abstammen 
von Berr, dem Sohne des Qais, der im fünften Gliede Nachkomme 
Adnäns sei, des ältesten sicheren Gliedes der ismailitischen Genea- 
logie, welches mehr als ein Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung 
lebte. Andere bestätigen diese Abstammung, während Ibn Chaldün sie 
freilich ebenso leugnet, wie die Berechtigung der zenätischen Genea- 
logen, den Ursprung ihres Stammes auf Himjar Ibn Saba, der von 
Kahtan, dem ersten Herrscher in Jemen, abstammte, zurückzuführen. 

Andere berberische Stämme, wie die Kitäma und Sanhädscha, 
haben dieselben Prätensionen, und zwar erscheint ihre Berechtigung 
dazu fast keinem arabischen Gelehrten zweifelhaft, so dass selbst 
Ibn Chaldün sie adoptirt. Noch andere Stämme, wie die Hawära, 
die Lamta, die Luwäta werden selbst von arabischen Genealogen 
auf Himjar Ibn Saba und Jemen zurückgeführt, und Idrisi spricht z. B. 
von den Ersteren als von einem eingewanderten und mit den Ein- 
geborenen vermischten Stamme. Wenn nun auch diese Stammväter 

•) Nach Ibn 'Addri; in den auf uns gekommenen Schriften des arabischen Gelehrten 
findet sich diese Behauptung nicht. S. Fournel, les Berbcs, I. pag. 34. 



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EINSTIGE BERBER STÄMME IM HEUTIGEN TRIPOLITANIEN. 168 



grosscntheils selbst zweifelhafte historische Persönlichkeiten sind, und 
die ganze Frage Uber den Ursprung der Berber noch sehr dunkel 
bleibt, so scheint doch aus Allem hervorzugehen, erstens dass die 
alten Libyer den wesentlichsten Antheil an der Bildung der Berber 
hatten, und zweitens, dass schon vor dem Islam ausser den phöni- 
zischen auch arabische Elemente in der Bevölkerung Nordafrikas 
eine gewisse Rolle spielten. 

Von den genannten Berberstammen trat vor dem Islam nur der 
Stamm der Luwata auf der geschichtlichen Bühne auf. Derselbe 
war mächtig und gefürchtet in Tripolitanien und seine Empörungen 
unter dem Vandalenkönige Hilderich und unter dem byzantinischen 
Kaiser Justinian (gegen den Statthalter Sergius) drohten mehrmals 
die ganze dortige Ordnung der Dinge über den Haufen zu stossen. 

Dann eröffnete der Islam eine neue Periode. Als unter dem 
zweiten Chalifen Omar Ibn el-Chattab sein Feldherr Omar Ibn cl -Äsi 
im Jahre 642 Egypten erobert hatte, marschirte er alsbald auf Barqa, 
das er ohne Schwertstreich nahm, und schickte von dort Oqba Ibn 
en-Xah* el-Fahri nach Zawila in Fezzan, wahrend er selbst gegen 
Tripolis zog. Von hier aus zog auf seinen Befehl Bosr Ibn Abu 
Artaa bis Waddan, und so war bald dieser Theil von Tripolitanien 
und ein Theil Fezzan's ohne Mühe erobert. 

In Barqa waren die Eroberer auf die Luwata gestossen; zwischen 
Tripolis und Waddän auf die Hawara; zwischen Barqa und Zawila 
zuerst auf die Luwata, dann in Zala oder Zalla, doch wohl dem 
heutigen Zella, auf den Stamm der Mezata und vielleicht auf den 
der Hawara. Vier Jahre später soll Oqba Ibn en-Näfi auf seinem 
Zuge nach dem Westen Maghrib — noch einmal eine Digrcssion 
nach Süden gemacht haben. Ibn Abd el-Hakam erzählt, dass er 
von Ghadämes gegen Waddän gezogen sei, Dschennä (Garama), 
damals noch die Hauptstadt Fezzan's, und die übrigen festen Plätze 
des Landes erobert und seinen Zug bis Kawär ausgedehnt habe. 
Doch sind Ausdehnung und Einzelnheiten dieser Unternehmung sehr 
zweifelhaft, wie sie denn auch von den übrigen arabischen Schrift- 
stellern nicht berichtet oder doch nur dem oben genannten nach- 
erzählt werden. 

Dann hört man einige Jahrhunderte hindurch Nichts von Fezzän 
und Garama oder Dschermä, und erst aus dem Anfange des 10. Jahr- 
hunderts wird von Idrisi berichtet, dass Zawila von Abd Allah Ibn 

11* 



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104 i. buch, 6. kapitei.. Geschichte cnd revöj kerung von fezzän. 



el-Chattäb aus dem Stamme der Hawara gegründet und zur Haupt- 
stadt des von ihm beherrschten Fezzän gemacht sei. Das alte von 
Oqba einst eroberte Zawila muss also entweder eine andere Stadt 
gewesen oder, was wahrscheinlicher ist, im Laufe der Zeit zerstört 
worden sein. 

Die Herrschaft der Beni Chattab dauerte bis gegen das Ende 
des 12. Jahrhunderts, zu welcher Zeit ein türkischer Abenteurer, 
Namens Scherfeddin Karakosch von Egypten her in Fezzän einfiel, 
den letzten Herrscher jener Dynastie tödtete und erobernd hierhin 
und dorthin zog. Doch die Macht desselben dauerte nur wenige 
Jahrzehnte. Einer der Genossen seiner freibeuterischen Unterneh- 
mungen veruneinigte sich mit ihm und bekriegte und tödtete ihn zu 
Waddan, wo er sich festgesetzt hatte. Zwar erschien fast ein halbes 
Jahrhundert nach diesem Ereignis* ein Sohn Karakosch s wieder auf 
dem Schauplatze desselben, doch damals hatten die Känem- Könige 
ihre Macht über Fezzan ausgedehnt und entledigten sich jenes Prä- 
tendenten mit leichter Mühe. 

Bis zu dieser Zeit galt Zawila als Hauptstadt des fezzanischen 
Oasencomplexes, wie denn noch heute alle Wüstenbewohner und 
Neger das ganze Land nur mit dem Namen dieser Ortschaft be- 
zeichnen. 

Mit der wechselvollen Geschichte der Küstenländer, dem An- 
dringen immer neuer Stämme, wurden von den Bewohnern der Nord- 
küste so viele in die sicheren Oasen der Wüste nachgedrängt, als 
die bescheidene Natur dieser ertrug. Reine Araber kamen damals 
wohl selten in das Innere des Continents, denn die Berber leisteten 
dem mächtigen Impulse der Eroberer einen durch lange Jahrhunderte 
fortgesetzten, ununterbrochenen Widerstand und blieben schliesslich 
in so weit Sieger, als sie das fremde Element, wenn auch nicht zurück- 
schlugen, so doch absorbirten. 

Jetzt weiss man dort nichts von jenen Zeiten, in denen sich ein 
grosses Stück Weltgeschichte auf der Nordküste Afrikas vollzog; 
dieselben haben keine sichtlichen Spuren zurückgelassen, wie die 
römische Herrschaft wenigstens in den wenigen Bausteinen Garama's. 
Erst in der soeben angedeuteten Periode der Känemherrschaft sehen 
wir ganz entgegengesetzte Elemente Land und Leuten ihre Spuren 
aufprägen. 

Wenige Jahrhunderte nach der Stiftung des Islam scheinen von 



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HERRSCHAFT DKR BENi CHAITAB. — ABHÄNGIGKEIT VON KÄNKM. lr)Ö 



Barqa aus Einwanderer, welche ihren Ursprung von Himjar in Jemen 
herleiteten, über Audschila nach Süden gezogen und allmählich nach 
Känem gelangt zu sein, wo sie eine Herrschaft gründeten; dass sie 
diese bald nach Norden auszudehnen begannen, beweisen manche 
Thatsachen. Schon in der Mitte des 1 1 . Jahrhunderts bestanden 
Bornü- oder Känem-Colonien in Kawar; die Känemkönige unterhielten 
freundschaftliche Beziehungen zu den tunisischen Fürsten, machten 
frühzeitig und oft Pilgerfahrten nach Mekka und führten nach Leo 
Africanus das Pferd von der Nordküste her herein. 

Im Anfange des 13. Jahrhunderts, also sechs Jahrhunderte nach 
der Gründung des Islam, erstreckte sich nach Abulfeda die Herr- 
schaft des Känemkönigs nach Norden über ganz Fezzan bis Waddän, 
und dieses Verhältniss dauerte nach dem Zeugniss desselben Schrift- 
stellers bis in das 14. Jahrhundert. Damals war Träghen (oder Tarad- 
schin) die Hauptstadt von Fezzan und Sitz der Känem- Stattalter. 
Das Amt der letzteren war bei der grossen Entfernung von der Cen- 
trai-Regierung nothgedrungen ein sehr unabhängiges und wohl erblich, 
denn die Tradition hat eine Bornü-Dynastie der Ncsürim Gedächtniss 
des Volkes aufbewahrt. Die Regenten scheinen den Königstitel gefuhrt 
zu haben, denn das Grab Mai (König) Ali s ist in Träghen wohl bekannt. 

Es bleibt auffallend, dass sich alle bestimmten Erinnerungen an 
diese Periode auf Träghen beschränken, wo sich nicht allein die Reste 
eines festen Schlosses der Nesür, das genannte Grab, eine in frühester 
Zeit gefasste Quelle u. s. w. finden, sondern wo zahlreiche Gärten, 
Plätze, Quellen noch heute Namen aus der Kanürisprache, d. h. der 
Sprache Känem s und Bornus, tragen*). . 

Wenn den Kanemkönigen wohl an dem Besitze der Oase Kawar 
mit ihren unerschöpflichen Salzgruben gelegen sein musste, so versprach 
ihnen das weit entfernte Fezzan ausser Datteln kaum irgend eine 

*) Ich Tühre einige der letzteren an; Na KdnTbe, «1. h. Zicgcnplatz (von Na. der Ort. 
und Kani, die Ziege); Kingarüa, d. Ii. «1er an Qnrnd reiche, nämlich Hätz, (vun Kingar, 
die Acacia nilotica); Schim gänä. d. Ii. die kleine Quelle; Kauram, «1. h. der steinige, 
nämlich Ort. (von Kau, der Stein); Kaiga Knnebi , d. h. eigentlich Gesang des 
Propheten und soll eine Bezeichnung für 'fragilen gewesen sein ; Firfir , als Name 
eines Platzes, d. h. wohl der pferdereichc (von Fir, das Pferd). So heisst ein Garten 
noch heute Ngurutuwa, d. h. der Hippopotamus- Garten; ein anderer Kerll-c, d b. des 
Mundes, also Hundegarten; ein dritter Bultube (von Hultu. die Hyäne). Viele Namen 
Tür Gärten und Brunnen endlich sind von früheren Besitzern hergenommen, wie Dschadram, 
comnnpirt aus Sa'adram, d. h. dem Sa'ad gehörig: Omaram, Musaram, KerlmbcS und 
dergleichen mehr. 



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160 I.BUCH, 6. KAPITEL. GESCHICHTE UND BEVÖLKERUNG VON FEZZÄN. 

Ausbeute. Wir können uns also nicht darüber wundern, dass die 
entlegene Provinz bald gänzlich den Händen der Statthalter über- 
lassen blieb. Dazu kam, dass im 14. Jahrhundert die Umgestaltung 
des Känemreiches in das von Bornü sich unter rastlosen Kämpfen 
vollzog und die Thatkraft der Herrscher gänzlich absorbirtc. 

Genug, in dieser Periode scheint nicht nur der direkte Einfluss 
der Bornüherrscher in Fezzän erloschen zu sein, sondern auch die 
mehr oder weniger selbständig gewordene Regierung ihrer Statthalter 
aufgehört zu haben, denn die Tradition lässt auf diese die Herrschaft 
der arabischen (berberischen?) Familie der Qormän folgen, welche 
Zawila wieder zum Sitze der Regierung wählten. 

Ursprung und Dauer der Herrschaft der Qormän sind bis jetzt 
in vollständiges Dunkel gehüllt, da uns nicht nur geschichtliche 
Documente fehlen, sondern auch die mündliche Ueberlicferung im 
Stich lässt. Nach der letzteren könnte diese Familie, welche sich 
durch Ungerechtigkeit und Habsucht verhasst gemacht haben soll, 
die Regierung nur ganz vorübergehend in Händen gehabt haben, denn 
der Volksmund schreibt der auf sie folgenden Dynastie der Auläd 
Mohammed, welche im Anfang dieses Jahrhunderts ihr Ende erreichte, 
eine Dauer von 500 Jahren zu; doch diese Annahme ist sehr über- 
trieben, wie wir sogleich sehen werden. Ein Schcrif aus Marokko, wird 
erzählt, habe auf seiner Pilgerfahrt Fezzän berührt, und die unter dem 
Joche der Qormän seufzenden Einwohner hätten von dem frommen 
und vornehmen Fremdling Rettung erfleht. Dieser habe die Bevöl- 
kerung auf seine Rückkehr von Mekka vertröstet und in der That 
nach derselben die Regeneration des Landes übernommen. 

Wenn wir von den Ereignissen, welche diese Umwälzung be- 
gleiteten, nichts wissen, so vermögen wir hingegen mit einiger Sicher- 
heit ihren Zeitpunkt zu bestimmen; derselbe fallt wahrscheinlich in 
den Anfang des 16. Jahrhunderts. Diesen Schluss gestattet uns eine 
ziemlich genaue Kenntniss der Regentengeschichte der Auläd Mo- 
hammed, welche wir einer arabischen Handschrift verdanken, die 
Anfangs 1878 von dem Reisenden Adolf Krause*) in der öffentlichen 
Bibliothek auf Malta entdeckt worden ist. Dieselbe stellt einen Aus- 



*) Vcrgl. Zeitschrift der Berliner Gesellschaft für Erdkunde, Bd. XIII. 1878. 
S. 356 ff. Dieser Reisende ist derselbe, den ich beim Beginn meiner Reise in der Gesell- 
schaft von Fräulein Tinne kennen lernte. Damals musstc er seinem lebhaften Wunsche, 
ausgedehntere Reisen in Afrika zu machen , entsagen und kehrte vor der Ermordung 



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PERIODE DER QORMÄN. — DYNASTIE DER AULÄD MOHAMMED. 167 



zug aus den Archiven der Regentschaft Tripolis dar, welcher im 
Jahre 1794 von dem damaligen französischen Vice-Consul daselbst, 
A. C. Fromcnt de Champlagarde, gemacht und mit einer Ueber- 
setzung versehen worden ist. 

Die Chronik beginnt mit der Mitte des 16. Jahrhunderts und 
erwähnt ein Viertcljahrhundert später als damaligen Herrscher von 
Fezzän cl-M untfisar, den Sohn oder Enkel, wie er an anderer Stelle 
genannt wird, Mohammed el-Fästs. Entweder war dieser Muntasar 
der Begründer der Dynastie denn die Tradition bezeichnet Mun- 
tasar Uled Mohammed als solchen — , und dann fällt der Beginn 
dieser in die Mitte oder das Ende des 16. Jahrhunderts, oder der 
Vater oder vielmehr Grossvater el-Muntatars hatte sich schon der 
Herrschaft bemächtigt, und dann muss der Anfang des 16. Jahr- 
hunderts als Beginn der Herrschaft der Auläd Mohammed bezeich- 
net werden. In beiden Fällen giebt die Tradition dieser Dynastie 
eine um ungefähr zwei Jahrhunderte zu lange Dauer. 

Wenn auch sowohl der arabische Text, als die französische 
Ueberse.tzung manches Misstrauen einflössen müssen, und zwischen 
beiden nicht immer die wünschenswerthe Uebereinstimmung herrscht, 
so können wir doch sagen, dass mit den siebziger Jahren des 16. Jahr- 
hunderts das Dunkel, welches die frühere Geschichte Fezzäns um- 
hüllt, schwindet. Seit dieser Zeit haben die Fürsten und Bewohner 
des ausgedehnten, doch armen Landes mit den Herrschern Tripoli- 
tanien's um ihre Selbständigkeit gerungen mit einer Energie, welche 
uns mit Bewunderung und, bei der Betrachtung der heutigen Fezzaner, 
mit Staunen erfüllen muss. 

Schon unter dem genannten el-Muntasar hatte im Jahre 1576/77 
in Folge der Intrigue einer seiner Frauen, welche aus Eifersucht den 
Regenten von Tripolis herbeigerufen hatte, ein Einfall der Tripolitaner 
in Fezzän statt. Vor der vollendeten Eroberung des Landes starb el- 
Muntasar, und sein Sohn und Nachfolger, en-Näsir, floh nach Kaschena 
in den Haussa-Staaten. Doch wenige Jahre später (1581/82) empörten 
sich die Fezzaner, massacrirten die Besatzungen, welche die Eroberer 
an allen wichtigen Plätzen zurückgelassen hatten, und riefen ihren 
Fürsten aus dem Sudan zurück, der dann bis 1599 in Frieden regierte. 



•«einer (Jönnerin nach Europa zurück. Doch mit seltener Zähigkeit und bewumlerungs- 
weither Willensstärke arbeitete er rastlos an dem Z cle, das er sich als Lebensaufgabe 
gestellt hat, und scheint jetzt der Verwirklichung seiner Häne nahe zu sein. 



168 I. BUCH, 6. KAPITEL. GESCHICHTE UND BEVÖLKERUNG VON FEZZÄN. 

Der Sohn en-Nasir's, der cl-Mansür hiess, aber in der Hand- 
schrift auch einige Mal el-Muntäsar genannt wird und 1599 die 
Regierung angetreten hatte, bezahlte zwölf Jahre hindurch einen 
unbedeutenden Tribut an Tripolis, von dem er sich dann vergeblich 
frei zu machen suchte. Er kämpfte unglücklich und mit Verlust 
seines Lebens zu Omm el-Abid gegen die Tripolitaner, welche sich 
damit zum zweiten Mal der Herrschaft über Fezzän bemächtigten. 
Doch schon nach zwei Jahren empörten sich die Einwohner wieder, 
tödteten den Gouverneur und die Besatzungen und riefen den bei 
der letzten Katastrophe in den Sudan geflüchteten Prinzen Tahir, 
den Bruder el-Mansür's, zurück. 

Tahir Ibn en-Näsir regierte unter Tributzahlung an Tripolis 
in Frieden bis zum Jahre 1622/23, zu welcher Zeit er sich ebenfalls 
unabhängig zu machen suchte. Leider hatte er sich gleichzeitig die 
Hozman (oder Hotmän, wie sie heutigen Tages genannt werden) im 
W. Ladschal zu Feinden gemacht, so dass er, als dieselben sich mit 
dem damaligen Pascha von Tripolis, Ramadan Dei, verbündet hatten, 
die Flucht ergreifen musste. Thörichterweise ging er nach Bomü, 
dessen König Omar, Sohn des Idris Alaöma, er früher beleidigt 
hatte, und fand dort einen gewaltsamen Tod. Die Tripolitaner aber, 
welche indessen einen Gouverneur vom Stamme der Hozman einge- 
setzt hatten, behielten auch diesmal die Herrschaft nur kurze Zeit. 
Die Fezzaner empörten sich schon im Jahre 1626 und riefen einen 
Grossneffen Tahirs, Namens Mohammed Ben Dschehim zum 
Herrscher aus. Derselbe kämpfte anfangs siegreich bei Hamira in 
der Scherqija gegen den Gouverneur, musste sich aber später, als 
eine tripolitanische Heeresabtheilung zur Hülfeleistung angekommen 
war, zur Bitte um Frieden bequemen. Er schloss diesen mit dem 
Befehlshaber der letzteren und wurde durch denselben mit der Re- 
gierung des Landes unter dem Titel eines Scheich belehnt gegen 
einen jährlichen Tribut von 4000 Mitqal Gold, zur Hälfte zahlbar in 
Goldstaub, zur Hälfte in Sclaven. 

Mohammed Ben Dschehim regierte in Ruhe und Frieden bis zum 
Jahre 1658, und ebenso sein Sohn Dschehim bis 1681. Der Bruder 
des letzteren aber, Namens Nedschib, suchte alsbald nach seinem 
Antritte der Regierung die Fesseln zu lösen, welche ihn an Tripolis 
knüpften und verweigerte den Tribut. Hasan Pascha Abaz, der 
damalige Herrscher von Tripolis, schickte eine militairische Expedition, 



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REG ENTENREIHE DER AULAl) MOHAMMED. 



109 



gegen welche Nedschib bei Deleini in der Nähe von Murzuq eine 
unglückliche Schlacht lieferte und das Leben verlor. Der tripoli- 
tanische Heerführer machte eine reiche Beute (fünfzehn Kameellasten 
Gold und eine zahllose Menge von Sclaven) und setzte als Regenten 
Mohammed Nasir, einen Bruder Nedschib's, ein. Derselbe bezahlte 
seinen Tribut regelmässig bis zum Jahre 1689, versuchte aber zu 
dieser Zeit ebenfalls, im Vertrauen auf die Unterstützung der ara- 
bischen Stämme, sich unabhängig zu machen. Sein damaliger Lehns- 
herr, Mohammed Pascha Schaib el Am, schickte seinen Uzir Jüsef Bei 
mit Heeresmacht gegen ihn aus, doch der in der Nähe von Murzuq 
entbrannte Kampf blieb trotz seiner dreitägigen Dauer unentschieden. 
Erst zwei listigen Tripolitanern aus der Familie Muqni, Mohammed 
und Ali, gelang es durch List und Verrath, sich Mohammed Näsir's 
zu bemächtigen und denselben in Ketten nach Norden zu schicken, 
während einer von ihnen (Mohammed) als Statthalter zurückblieb. 

Schon fünf Monate nach diesem Ereignisse empörten sich die 
Fezzäner, tödteten den Gouverneur und riefen einen Sohn Dschehims, 
Namens Mohammed, und seinen Vetter Temmam herbei, welche 
sich in den Haussa- Ländern aufgehalten hatten, und von denen der 
letztere zum Herrscher ausgerufen wurde. Gleichzeitig hatte man 
zwar nicht verfehlt, Geschenke an den Herrscher von Tripolis mit 
der Bitte um Nachsicht für das Vorgefallene zu schicken, doch die 
Familie des in grausamer Weise ermordeten Statthalters (man hatte 
ihm zuvor einen Fuss und eine Hand abgeschnitten) schrie um Rache, 
und Ali el-Muqni wurde mit der Bestrafung der aufrührerischen Pro- 
vinz betraut. Dieser wusstc seiner Expedition den Anschein eines 
durchaus friedlichen Charakters zu geben und suchte auf diese Weise 
zunächst alle Glieder der herrschenden Familie zu sich zu locken, 
um dieselben alsdann zu ermorden und ein grosses Blutbad unter den 
Einwohnern anzurichten. Da Mohammed Ben Dschehim Kenntniss . 
von diesen blutigen Plänen erhalten hatte und nach dem Sudan ent- 
flohen war, und Temmam allein im tripolitanischen Lager erschien, 
verschob zwar Ali el-Muqni seine Rache, setzte sich aber selbst in 
Fezzan fest, jenem nur einen kümmerlichen Schatten von Regierungs- 
gewalt lassend. 

Der flüchtige Mohammed Ben Dschehim erschien schon 
nach kurzer Zeit wieder in der Heimath, wusste Streitkräfte im W. el 
Gharbi um sich zu sammeln, und es gelang ihm, den Muqni, der 



170 I. ÖUCH, 6. KAPITEL. GESCHICHTE UND BEVÖLKERUNG VON FEZZAN. 

ihm dorthin entgegengezogen war, zu überfallen, so dass dieser selbst 
nur mit Mühe nach Murzuq entkam, und seine Macht fast ganz auf- 
gerieben wurde. Dort belagert, erhielt derselbe gegen die Ruck- 
erstattung Alles dessen, was er geraubt hatte, freien Abzug und 
begab sich nach Sebha. Nachdem er von hier aus heimlich seinen 
Bruder Jiisef in Tripolis benachrichtigt hatte, führte ihm dieser von 
Seiten seines Herrn, des genannten Mohammed Pascha Schal b el-'Ain, 
ein Hülfscorps zu und befreite ihn aus seiner kritischen Lage. Klug 
gemacht durch diese Ereignisse, aus denen er nur mit knapper Noth 
sein Leben gerettet hatte, rieth er dem genannten Pascha selbst, den 
noch immer gefangenen Mohammed Nasir frei zu geben und diesem 
die Regierung von Fezzän anzuvertrauen. 

So geschah es, und Mohammed Nasir blieb ein treuer Vasall 
bis zum Jahre 1715, wo er seine Tributzahlung wiedereinstellte. Da 
eilte sein damaliger Lehnsherr, Ahmed Pascha el Karamanli, selbst 
mit grosser Schnelligkeit herbei und griff Murzuq mit solcher Heftig- 
keit an, dass Fürst und Volk um Gnade und Verzeihung flehten. 
Da eine Empörung Ahmed Pascha nach Tripolis zurückrief, so wur- 
den keine weiteren Maassregeln gegen Mohammed Nasir genommen, 
und derselbe kam seinen Verpflichtungen auch regelmässig nach bis 
zu seinem im Jahre 1718 erfolgten Tode. Sein Sohn Ahmed be- 
gann alsbald die Regierung wieder mit Tributverweigerung, wurde 
zwar durch Waffengewalt zum Gehorsam zurückgeführt, empörte 
sich aber nach dreizehnjährigem Frieden von Neuem. Der Herrscher 
von Tripolis, dieser ewigen Widersetzlichkeiten müde, schickte seinen 
Sohn Mohammed Bei mit ansehnlicher Macht und dem gemessenen 
Befehle, nicht allein die ganze Provinz streng zu züchtigen, sondern 
vor Allem den rebellischen Regenten Ahmed gefangen einzubringen. 
Dieser letztere wurde in der That nach Tripolis geführt und hatte 
es nur der eifrigen Verwendung Mohammed Bei's zu danken, dass 
er nicht zum Tode verurtheilt, sondern sogar wieder als Scheich von 
Fezzan investirt wurde. Er wurde dorthin zurückgeführt von einer 
zahlreichen militairischen Escorte, welche sich zugleich des Auftrags 
entledigte, die Mauern von Murzuq zu zerstören; dieselben wurden 
erst nach dem Tode Ahmed Paschas, der im Jahre 1744 erfolgte, 
wieder aufgebaut. 

Erst seitdem der Widerstand des Scheich Ahmed gebrochen 
war, wurde das Vasallenverhältniss Fezzän's ein solideres und regel- 



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ANGABEN EINER MURZUQER HANDSCHRIFT. 



171 



massigeres, und sah das unglückliche Landchen ein halbes Jahr- 
hundert hindurch Tage des Friedens. Nicht allein Ahmed, der ein 
sehr hohes Alter erreicht haben muss, denn er soll nach anderen 
Quellen erst im Jahre 1766 oder 1767 auf einer Pilgerfahrt zu Aud- 
schila gestorben sein, kam seinen Verbindlichkeiten gegen die tripo- 
litanischen Lehnsherrn mit Treue nach, sondern auch weder sein 
Sohn Tähir, der neun Jahre hindurch regierte, noch dessen Vetter 
und Nachfolger, Ahmed Ken el-Mansür, wahrend einer vierzehn- 
jährigen Regierung, noch der dann folgende Bruder des letztgenann- 
ten, Mohammed el-Hakim, störten das friedliche Abhängigkeits- 
verhältniss. 

Die Chronik der Bibliothek zu Malta, der ich bei der vorstehen- 
den summarischen Aufzählung der wechselnden und schweren Schick- 
sale Fezzän's gefolgt bin, wurde, wie erwähnt, im letzten Jahrzehnt 
des verflossenen Jahrhunderts geschrieben. Nun besitzen wir noch 
eine andere, welche Gerhard Rohlfs von dem in meinem Reiseberichte 
erwähnten Mohammed Baserki, einem Enkel des letzterwähnten 
Herrschers von Fezzän, Mohammed el-Hakim, zu Murzuq erhalten 
hat. Diese beginnt mit der Regierung Mohammed Ben Dschehim's 
im Jahre 1626 und weicht in vielen Einzelheiten von der maltesischen 
Handschrift ab. Die Regentenreihe ist zwar dieselbe, doch die Ereig- 
nisse treten hier und da theils in anderer Zeitfolge, theils in anderem 
Zusammenhange auf. 

Nach dieser Quelle soll Dschenin? nicht 1658, sondern schon 1656 
seinem Vater Mohammed Ben Dschehim gefolgt und schon am Tage 
des Regierungsantritts von seinem Bruder Nedschib ermordet worden 
sein, so dass dieser also bis zum Jahre 1681, wo er nach beiden 
C hroniken in der Schlacht von DeleVm den Tod erlitt, die Herrschaft 
in Händen gehabt hätte. Die auf dieses Ereigniss folgende Regierung 
Mohammed en-Nasir's bis 1689 verschweigt die Rohlfssche Quelle 
ganz, sondern sie lässt denselben sofort gefangen nach Tripolis fuhren, 
während Mohammed cl-Muqni als Statthalter zurückblieb. 

Als dieser von den empörten Fezzänern dann bald ermordet 
wurde, soll bei dem Mangel an herrschberechtigten männlichen Indi- 
viduen eine gewisse Fätima, Tochter von Mohammed Ben Dschehim, 
während eines Monats regiert haben, bis Temmäm kam, der aber 
selbst schon nach vier Monaten der Gewalt seines Neffen, Moham- 
med Ben Dschehim (nicht Vetters, wie in der anderen Chronik ange- 



172 I. BUCH, 6. KAPITEL. GESCHICHTE UND BEVÖLKERUNG VON FEZZAN. 

geben wird) weichen musste. Auch dieser soll schon nach sieben 
Monaten durch den aus der Gefangenschaft in Tripolis entwichenen 
Mohammed en-Nasir verdrängt worden sein, welcher seinerseits wieder 
nach Monatsfrist vor der ihm auf dem Fusse folgenden Expedition 
All el- Muqni s zu den südöstlichen Tuärik nach Agedcs floh. Dann 
habe sich, wird behauptet, der Muqni mit seinem Mitheerführer Chalil 
Bei in die Herrschaft von Fezzän so getheilt, dass dieser die west- 
liche Hälfte mit Murzuq, er selbst den östlichen Theil mit Traghen als 
Hauptstadt erhielt. 

Die Chronik schweigt hierauf über Chalil Bei gänzlich ; doch den 
Muqni finden wir alsbald in siegreichem Kampfe mit den Bewoh- 
nern der Scherqija und dann selbst besiegt bei Dscherma im Wadi 
el-Gharbi von einem gewissen Mohammed el Qaid aus dem Ge- 
schlechte der Aulad Mohammed. Mit dem letzteren einigte er sich 
dann so über die Theilung des Reiches, dass Mohammed Qaid die 
östliche, Ali el-Muqni die westliche Hälfte erhielt. Doch der Letztere 
brütete Verrath, schickte heimlich um Hülfe nach Tripolis und be- 
kriegte mit Hülfe seines mit Heeresmacht herbeigeeilten Bruders 
Jüsef den Regenten des östlichen Fezzän. Dieser blieb trotzdem 
siegreich, Jüsef floh nach Tripolis zurück, und sein Bruder Ali schloss 
sich in Sebha ein. 

Die unglücklichen Einwohner sollen sich damals in ihrer Ver- 
zweiflung selbst nach Tripolis mit der Bitte um eine starke, einheit- 
liche Regierung gewendet, aber nur einfach Jüsef el-Muqni als Statt- 
halter erhalten haben. Während dieser ebenfalls zu Verhandlungen 
mit Mohammed Qaid in Traghen seine Zuflucht nahm und es zu einem 
freundschaftlichen Abschluss kommen zu sollen schien, kam plötz- 
lich Mohammed en-Nasir aus Agedes mit einem Heere von Tuärik, 
das Volk jubelte ihm zu, Mohammed Qaid wurde nach dem Sudan 
verbannt, und vom Muqni schweigt die Chronik. 

Mohammed en-Näsir blieb in ungestörtem Besitze der Herrschaft 
bis zu seinem Tode, der 1709 erfolgt sein soll, während die mal- 
tesische Handschrift 17 18 angiebt. Ist die erstere Jahreszahl die 
richtige, so hat der Sohn und Nachfolger en-Näsir's, Ahmed, 57 oder 
58 Jahre hindurch regiert, denn es wird angegeben, dass er 1766/67 
auf der Rückreise von Mekka starb. Für die beiden Nachfolger 
Ahmeds, seinen Sohn Tähir und den auf diesen folgenden Ahmed, 
nimmt die Rohlfssche Chronik zwar ebenfalls 23 Regierungsjahre. 



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ENDE DER DYNASTIE DURCH EL-MUQNf. 



173 



doch für jenen 7 anstatt 9 und für diesen 16 anstatt 14, an. Mit 
dem Tode des letzteren 1789/90 schliesst die maltesische Handschrift 
ab, nachdem sie noch als seinen Nachfolger Mohammed (el-Häkim) 
erwähnt hat; die Rohlfs'sche umfasst dagegen noch die Regierung 
Mohammed el-Häkim's und die Ereignisse, welche den Nachfolgern 
desselben Herrschaft und Leben kosteten und dem bekanntesten Ver- 
treter der für Fezzan so verhängnissvollen Familie Muqni zur Regent- 
schaft verhalfen. 

Als nach fünfzehnjähriger Regierung Mohammed el-Häkim Krank- 
heit* halber zu Gunsten seines Bruders Mohammed el-Muntusar ab- 
gedankt hatte (1803/4), führte der Ehrgeiz und Thatendurst jenes 
soeben erwähnten Muqni unter der Regierung Jüsef Paschas des 
Karamanli die Katastrophe herbei, welche der Herrschaft der Aulad 
Mohammed in Fezzan überhaupt ein Ende machte. Derselbe setzte 
sich mit einem ehrgeizigen Neffen Mohammed el-Muntasars, der nach 
der Herrschaft strebte, in Verbindung, eilte mit fast unglaublicher Ge- 
schwindigkeit (in 17 Tagemärschen) von Tripolis nach Murzuq, tödtete 
mit Hülfe des verrätherischen Prinzen den Regenten, bereitete dann 
jenem dasselbe Schicksal und wurde Alleinherrscher in Fezzan, wenn 
auch tributär seinem Herrn in Tripolis. 

Nach einjähriger, greuelvoller Herrschaft el-Muqni's kam der 
ruhelose Stamm der Aulad Soliman aus Egypten zurück, wohin er 
sich aus der Umgebung der grossen Syrte nach ernstlichen Zer- 
würfnissen mit Jüsef Pascha zurückgezogen hatte, um ihre eigentliche 
Heimath Fezzan von jenem Eindringlinge zu befreien. Während sie 
Murzuq belagerten, schickte Jüsef seinem Feldhcrrn und Vasallen 
eine Heeresabtheilung unter Mohammed Tscherkes zur Hülfe, vor 
der sich jene nach dem Wadi Schijati zurückzogen. El-Muqni folgte 
ihnen mit seiner eigenen Macht und Hülfstruppen, schlug sie in 
blutigem Zusammentreffen und massacrirtc dann verrätherischer Weise 
zu Temsäwa, wohin sie sich zurückgezogen hatten, nahezu sä in mt- 
liche Männer des Stammes. Von den übrig bleibenden Kindern 
wurde Abd el-Dschlil, der Sohn Rhet's, der nächstberechtigte zur 
Häuptlingschaft, nach Tripolis gebracht und am dortigen Hofe er- 
zogen, während der Muqni noch manches Jahr in Murzuq hauste. 

Während seiner Regierungszeit besuchten Lyon und Ritchie 
Fezzan und berichteten von den häufigen Kriegszügen, welche der 
rastlose, grausame Mann in die Tubuländer, bis Känem und Bag- 



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174 I. BUCH, 6. KAPITEL. GESCHICHTE IM) BEVÖLKERUNO VON FEZZÄN. 

hirmi, unternahm. Dabei begleitete ihn später einige Mal Abd el- 
DschlN, der zur Freude Jüsef Paschas herangewachsen war und seines 
Vertrauens genoss. Als noch später Mohammed Tscherkes General- 
Gouverneur von Fezzän war, fungirte Abd el-Dschlil sogar als Basch- 
Scheich verschiedener Stämme ZU Sebha. 

Doch der alte kriegerische Geist der Auläd Solimän war mit 
der heranwachsenden neuen Generation wieder erwacht; ihre ver- 
schiedenen Abtheilungen hatten sich wieder geeinigt und zogen wie 
früher zwischen Fezzän und der Syrtengegend hin und her. Ihr 
früheres Ansehen unter den Nachbarstämmen wurde ihnen wieder 
zu Theil, und es bedurfte keines grossen Anstosses, um ihre Rachc- 
gefühle zu heller That zu entflammen. Die Urfilla, alte Hundes- 
genossen des Stammes, wendeten sich in einer Streitsache mit Jüsef 
Pascha um Hülfe an Abd el-Dschlil, welcher gern die Gelegenheit 
ergriff, seine Rachepläne zu verwirklichen. Kr nahm Sebha, Temen- 
hint, Semnu, Sirrhen in Besitz, sammelte die Nomaden um sich, drang 
über Soqna hinaus nach Bü Ndscheim und Heni Ulid, schlug eine 
ihm entgegengeschickte Heeresabtheilung und verfolgte sie bis unter 
die Mauern der Hauptstadt, die gleichzeitig von einem Neffen des 
Fürsten in dem früher berührten Frbfolgestreit eng cernirt wurde. 
Diese Ereignisse vollzogen sich um das Jahr 1831 und schienen einen 
wünschenswerthen Abschluss zu bekommen durch die vollständige 
Selbständigkeit Fezzäns unter dem Sultan Abd el-Dschlil. 

Es ist schon früher berichtet worden, dass der Erbfolgestreit in 
Tripolis am Schlüsse von Jüsef Paschas Regierung damit endigte, 
dass die Einwohner der Stadt Tripolis selbst um Hülfe in Constan- 
tinopel baten, und dass die hohe Pforte bei dieser Gelegenheit Tri- 
politanien einfach zu einer türkischen Provinz machte. So lange 
die neue Herrschaft sich noch nicht hinlänglich befestigt hatte, licssen 
die Türken Abd el-Dschlil ruhig gewähren, und waren sogar eine 
Reihe von Jahren hindurch in diplomatischen Verkehr mit ihm ge- 
treten. Doch dann beanspruchten sie auch die Herrschaft über 
Fezzän als einen Theil Tripolitaniens. Noch einmal erhob sich der 
kühne Araberhauptling, sammelte seine Leute und Hundesgenossen 
um sich und zog nach Norden. Doch regulären türkischen Truppen 
waren seine regellosen Horden nicht gewachsen; er unterlag und 
beschloss ritterlich, wie er gelebt hatte, in der entscheidenden 
Schlacht bei el Baghla im Jahre 1842 durch den Tod seine glänzende 



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HERRSCHAFT ABD EL- DSCHLlL's. — TÜRKISCHE REGIERUNG. 175 

Laufbahn, die ihn aus einem Araberscheich zu einem Könige gemacht 
hatte. Seitdem war Fezzan eine türkische Provinz und wurde von 
türkischen Paschas oder Mütäsarrifs verwaltet, welche leider selten 
verständnissvoller und redlicher gewesen zu sein scheinen, als der- 
jenige, dessen Bekanntschaft ich zu machen Gelegenheit hatte. 

Die türkische Administration hat die Provinz in folgende sechs 
Regierungsbezirke eingetheilt, welche von einem besoldeten Beamten 
oder Mudir regiert werden: 

1. Söqna mit Hün und Waddan, d. h. die Dschofra; 

2. die nahe bei einander gelegenen Oasen von Sirrhen, Semnu, 
Temenhint und Sebha; 

3. Wadi esch-Schijäti; 

4. Wadi esch-Scherqi; 

5. Wadi el-Gharbi mit dem W adi Otba ; 

6. die Scherqija mit der Hofra von Murzuq und dem Districte 
von Qatrün. 

Früher bildeten Bü N dscheim und Rhodwa noch besondere Be- 
zirke, welche jetzt nur noch dem Namen nach existiren und unbe- 
soldete Ehrenmudirs haben; und ein früherer Mudir von Zella ist 
durch einen Bäsch Scheich ersetzt, der eine geringe Bedeutung hat. 

In besseren Zeiten hatten auch die Hofra und der District von 
Qatnin besondere Mudir s und Sirrhen, Semnu, Temenhint und Sebha 
bildeten damals zwei gesonderte Bezirke. Ein Mudir oder Regierungs- 
präsident hat 500 türkische Piaster oder etwa 80 Mark, der Basch- 
Scheich von Zella nur 200 Ghirsch oder 32 Mark monatlichen Gehalts. 
Alle hängen gänzlich vom Gouverneur ab, welcher Qäimaqäm (mili- 
tairischer Gouverneur) oder Mutäsarrif (Civilgouverneur) ist und oft 
den Titel eines Pascha hat. Dieser setzt ab und ein, ohne dass er 
den Wäli oder General Gouverneur von Tripolitanien zu Rathe zu 
ziehen nöthig hätte, wie er auch in fast allen anderen Beziehungen 
selbständig Beschlüsse fasst und für die meisten Falle directe Be- 
fehle von Constantinopel empfängt. Er hat unter sich in der Haupt- 
stadt den Kätib el Mal, d. h. wörtlich Schreiber des Besitzthums, der 
die Finanzwirthschaft leitet, den Scheich el-Beled, der ungeachtet 
des Titels nicht blos Bürgermeister der Hauptstadt ist, den Amin 
es-Sandüq, d. h. Bewahrer des Schatzes, den die militärische Macht 
commandirenden Köl-Aghäsi und zur Seite einen Medschelis oder 
grossen Rath, der aus den angesehensten Einwohnern der Haupt- 



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I7ß I. BUCH, 6. KAPITEL. GFSCHICHTE UND BEVÖLKERUNG VON FEZZÄN. 

stadt besteht und seine Thätigkcit auf die Angelegenheiten der ganzen 
Provinz ausdehnt. In ähnlicher Weise hat jeder Mudir wieder einen 
aus den angesehensten Personen seines Bezirkes zusammengesetzten 
Medschclis zur Seite. 

Dieser Rath hat eigentlich nicht blos eine berathende sondern 
mitbeschliessendc Stimme, so dass er die Macht der Gouverneurs 
in nutzbringender Weise beschränken würde, wenn diese nicht 
allzu gern über ihre Befugnisse hinausgingen, und der Medschelis 
selbst nicht in gewöhnlicher Schwäche und Indifferenz allzuoft ver- 
säumte, von seinen Rechten Gebrauch zu machen. Früher, scheint 
es, verletzte man diese Form nicht so sehr, wie in der neuesten Zeit, 
und alle Depeschen der Central -Regierungen in Tripolis oder Con- 
stantinopel waren „an den Qaimaqam und Medschclis" gerichtet, wie 
andererseits Schriftstücke der fezzänischen Local-Regierung von beiden 
Factoren unterzeichnet sein mussten. So hängt denn die Wohlfahrt 
des Landes zum grössten Theile von der Wahl des Qaimaqam ab, 
die in türkischer Unverständigkeit meist keine glückliche ist. Anstatt 
einen mit dem Wohl und Wehe des Landes eng verwachsenen Ein- 
geborenen oder wenigstens einen Araber (beziehungsweise Berber), 
welcher die Sprache des Landes, die Gewohnheiten und Bedürfnisse 
der Einwohner kennt, für diesen Posten zu wählen, erscheint meistens 
ein Türke, der seine Erfahrungen in den Bureaux der ottomanischen 
Hauptstadt oder in der Verwaltung fern liegender asiatischer oder 
europäischer Districtc gesammelt hat, auf der ihm so fremdartigen 
Bühne, beschleunigt den Verfall des ihm anvertrauten Landes einige 
Jahre hindurch, giebt der Missachtung und Unzufriedenheit, mit 
der die Leute die türkische Regierung betrachten, neue Nahrung, 
um dann einem Nachfolger Platz zu machen, der das destruetive 
Werk mit frischen Kräften fortsetzt. Pflichtgefühl und Liebe zur 
Menschheit sind selbst im besseren Türken nicht stark genug, um 
ihn mit Freudigkeit und Hingebung an dem Gedeihen eines Landes 
arbeiten zu lassen, dessen Sonne seine Energie lähmt, dessen wüste 
Monotonie Auge und Herz ermattet, dessen kümmerliche Erzeugnisse 
ihm ernstliche Entbehrungen auferlegen, dessen Armuth seiner Hab- 
sucht nur geringe Befriedigung schafft, dessen Vergnügungen und Er- 
holungen sich auf die primitivsten sinnlichen Genüsse beschränken. 

Eine beschwerliche Reise von wenigstens einem Monate durch 
die Wüste fuhrt ihn der kleinen Oase von Murzuq zu mit ihrem 



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TÜRKISCHE GOUVERNEURS. 



177 



Staube und Sande; internirt ihn in einer Stadt, die auf einem Salz- 
sumpfe erbaut ist, dessen giftige Ausdünstungen bald an seiner Ge- 
sundheit zehren, und beschränkt ihn in derselben auf ein aus Erde 
zusammengeklebtes Haus ohne Fenster und ohne Parket, wie ohne 
allen Comfort. Ist er ein Freund culinarischer Genüsse, so kann 
ihm die beschränkte Auswahl in Fleisch und Gemüse, der Mangel 
an Oel und Butter den wohlversehenen Markt von Stambul nicht 
ersetzen, und die primitive Kochkunst Murzuq's lässt ihn die Erzeug- 
nisse der heimathlichen Küche schmerzlich vermissen. Keine safti- 
gen Orangen, aromatische Pfirsiche und süsse Aprikosen erquicken 
ihn, ohne von Kirschen, Aepfeln, Hirnen reden zu wollen; einige 
kümmerliche Melonen, vereinzelte Feigen und Granatäpfel, die kaum 
diesen Namen verdienen, sollen allein seiner Vorliebe für Früchte 
Genugthuung geben. Kein Wildpret kommt auf seinen Tisch, kein 
mannigfaltiges Backwerk kitzelt seinen Gaumen, keine Sorbetti kühlen 
bei der grässlichen Sommerhitze seinen glühenden Mund, und der 
Kaffee verdankt selten seine Entstehung dem Lande Jemen. Der 
tröstende und für viele Entbehrungen entschädigende Tabak ist auf 
der Reise zu staubigem Pulver geworden, und der auf dem Platze 
feilgebotene widersteht lange seinen verwöhnten Geruchs- und Ge- 
schmacksorganen. 

Ist er ein Freund der Studien, der Leetüre, so muss er sich auf 
die mitgebrachte Bibliothek beschränken, denn ausser dem Qorän 
dürfte er kaum ein Buch in Mur/.uq entdecken. Ist er ein Freund 
der geselligen Unterhaltung, so muss er die Kosten derselben tragen; 
denn wenn auch die Stadt nicht der liebenswürdigen, heiteren und 
selbst intelligenten Personen entbehrt, so ist ihr Ideenkreis doch 
nothgedrungen von einer Einfachheit, wie sie ihrer Umgebung ent- 
spricht. Die Einwohner sind zwar grosse Reisende, aber selten in 
der Richtung, welche den Türken interessirt. „Wie kann man ein 
Land bewohnen , sagt der epikuräisch veranlagte gelehrte Scheich 
Mohammed et-Tünisi bei Gelegenheit eines vorübergehenden Auf- 
enthaltes in Murzuq, ,,in welchem es nicht ein Gericht giebt, das 
ein Genuss wäre, in dem kein Tropfen Regen fällt, und Thiere und 
Menschen auf dieselbe Nahrung, einige Datteln, beschränkt sind; wo 
die Fieber ihr Standquartier haben, der Weizen die Nahrung der 
Könige bildet, und die Butter so unfindbar ist, als der Stein der 
Weisen; was soll der Mensch werden in einem Lande, in welchem 

Nachd K al. I. 12 



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178 I. BUCH, 6. KAPITEL. GESCHICHTE UND BEVÖLKERUNG VON FEZZÄN. 

der Klee der Wiederkäuer von Menschen um die Wette mit den 
Lämmern geweidet wird, das Huhn einen halben Mitqäl Gold kostet, 
und die Frauen ihre Gunst um einige Datteln oder eine Handvoll 
Gerste verkaufen:!" 

Kann man sich bei diesen Verhältnissen wundern, dass ein Pascha 
von Fezzän, kaum angekommen, schon an seine Heimkehr denkt 
und in der Hoffnung und Erwartung ihrer, da er doch einen Vor- 
theil von dieser Verbannung haben muss, einstweilen nur auf die 
Zusammenscharrung einiger Thaler bedacht ist r Was kümmert ihn 
das Ansehen, in dem die Regierung bei Tuärik, Tubu und räube- 
rischen Araberhorden steht: Warum soll er sich anstrengen, die 
Prosperität des Landes während einiger Jahije zu heben, um die 
Früchte seines Strebens von einem weniger scrupulösen Nachfolger 
einheimsen zu lassen: Etwa, um den Ruhm eines geschickten, ehr- 
baren Administrators zu ernten: Wer kümmert sich denn daheim 
in Stambul um Fezzän, diesen verlorenen Posten in der Wüste? 
Thorheitl Zur Bereicherung des Einzelnen geniigen von Zeit zu Zeit 
die Kräfte der Einwohner noch, und so scharrt er und zerrt er, so 
presst er und quetscht er, bis Einer der gutmüthigen, duldsamen 
Fezzaner nach dem Andern seine spärlichen Maria -Theresia-Thaler 
aus dem Boden wühlt und in die Kiste des reisefertigen Häkim 
liefert. Unter einer gerechten, einsichtsvollen und energischen Re- 
gierung konnte dieser so tief ins Innere Afrikas vorgeschobene 
Keil der Ausgangspunkt der Civilisation sowohl für die Bewohner 
der westlichen Wüste, die Tuärik, als für die der östlichen, die Tubu, 
werden, und einen heilsamen Einfluss auf die mohammedanischen 
Negerreiche des nördlichen Centrai-Afrika ausüben. Leider sind die 
Türken dieser Aufgabe nicht gewachsen. 

Wenn man die Greise in Murzuq von der glänzenden Vergangen- 
heit Fezzan's sprechen hört, von der Zeit, in der noch alljährlich zahl- 
reiche Karawanen in die Negerländer zogen und von dort kamen ; in 
der die Araber noch eine wichtige Rolle im Lande spielten, sich 
eines gewissen Pfcrdcreichthums erfreuten und, ohne Abgaben zu 
bezahlen, nur Dienste bei den Kriegszügen nach Süden leisteten; in 
der Handel, Ackerbau, kriegerischer Sinn und Wohlstand noch blühten, 
und die Bevölkerung eine verhältnissmässig zahlreiche war: so muss 
man ohne Zweifel Vieles davon auf arabische Phantasie und auf die 
Vorliebe alter Leute, die Vergangenheit auf Kosten der Gegenwart zu 



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VERFALL DES LANDES. 179 

loben, schieben, denn die Ertragfähigkeit des Landes mtlSS ZU allen 
Zeiten eine höchst bescheidene gewesen sein. Doch wenn wir in der 
auf Malta gefundenen Handschrift lesen, dass Mansür Ibn en- Nash- 
orn Ende des 16. Jahrhunderts den Tripolitanern mit io,CXX) Mann 
entgegen gezogen und sein Bruder Tahir mit dreizehn Kameel- 
lasten Gold nach Bornü entflohen sein soll, dass Murad Bei, Heer- 
führer des tripolitanischen Regenten Hasan Pascha Abäz, gegen Ende 
des 17. Jahrhunderts von Ncdschib fünfzehn Kamecllasten Gold 
erbeutet haben soll, und dass Mohammed Ibn Dschehim in der 
Mitte des 17. Jahrhunderts einen Vertrag mit Tripolis abschloss, dem 
zufolge ein jährlicher Tribut von 4000 Mitqal Gold entrichtet werden 
sollte: so kann man sich der Ueberzeugung nicht verschliessen, dass 
Eezzän früher bevölkerter und reicher gewesen ist. 

Thatsache ist, dass der Muqni noch eine betrachtliche Summe 
alljährlich an seinen Herrn bezahlte, und dass Abd el-Dschlil später 
mehr Geld zur Kriegführung aufbrachte, als es jetzt möglich sein 
würde. Mein späterer Reisegefährte Mohammed Bü Aischa, früher 
Secretair Abd el-DschhTs, fand einst, nachdem sein Herr sich der 
Herrschaft in Eezzän bemächtigt hatte, alte Documcnte in den 
Archiven von Murzuq mit Angaben, welche deutlich für eine höhere 
Bevölkerungszahl und Productionskraft des Landes Zeugniss abzu- 
legen schien. Ereilich hatte Bü Aischa, wenn er auch ein kluger 
und unterrichteter Mann war, Veranlassung, die Zeit, während welcher 
er an der Regierung Eezzän s mitgewirkt hatte, hochzustellen, und 
die von ihm angezogenen Schriftstücke waren nach seiner Angabe 
bei der Umwälzung, welche der Herrschaft seines Herrn ein Ende 
gemacht hatte, verloren gegangen; doch die progressive Abnahme 
der Bevölkerung, welche er bei den periodischen, in langen Zwischen- 
räumen unternommenen Besuchen in seiner Heimath constatiren konnte, 
bezeugte ihm jeder in Jahren vorgerückte, nicht allzu stumpfsinnige 
Einwohner. 

Jetzt wird wohl kaum irgend jemals ein Bruchtheil der Ein- 
nahmen der Localregierung nach Tripolis oder Constantinopel abge- 
führt, ja die Unterhaltung und Besoldung der Garnison geschieht 
von der Miütair-Verwaltung zu Tripolis, und nicht selten müssen von 
dort auch noch Mittel zur Aufrcchterhaltung der eigentlichen Re- 
gierung geliefert werden. Im Allgemeinen jedoch reichen die Ab- 
gaben der Einwohner und die Einkünfte des Bciliq gerade hin, um 

12* 



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180 I. BUCH, 6. KAPITEL. GESCHICHTE UND BEVÖLKERUNG VON FEZZÄN. 

den Pascha und die Beamten zu besolden und die Kosten der Ver- 
waltungsmaschine zu tragen. Die eingehenden Steuern belaufen sich 
auf 6 700,000 türkische Piaster oder durchschnittlich 100,000 Mark, 
zu denen aus den Gütern des Beiliq, welche ausschliesslich in Dattcl- 
pflanzungen bestehen, noch 10 15,000 Mark und aus der Verpach- 
tung der Natron-Ausbeute etwa ebenso viel hinzukommen. Die Ab- 
gaben lasten fast allein auf den Dattel bäumen, welche allerdings 
den wesentlichsten Besitz des Volkes bilden. Doch drückt diese 
Steuer hauptsachlich das arme Volk; die Duanegebühren der Kauf- 
leute, welche 15 Procent für die aus dem Sudan importirten Waaren 
betragen, kommen dagegen nicht in Betracht, und eine Steuer auf 
Häusern, Gärten, Heerden und baarem Vermögen existirt nicht Die 
Abgaben von den Dattelbäumen wechseln von einem halben türkischen 
Piaster bis zu anderthalb, je nach der Tragfähigkeit derselben, und um 
diese und die Zahl der vorhandenen Bäume festzustellen, erscheint 
von Zeit zu Zeit ein Beamter aus Murzuq oder Tripolis, und con- 
trolirt die vom Mudir vorbereitete Abschätzung. An die noch nicht 
tragenden und die ganz alten, ausrangirten Bäume werden keine 
Ansprüche gemacht. 

Mit diesen kümmerlichen Mitteln kann dieser vorgeschobene 
Posten türkischer Herrschaft natürlich nur in sehr unvollkommener 
Weise gehalten werden. Die Macht der Local -Regierung erstreckt 
sich kaum über die Mauern von Murzuq hinaus und ist in den ihrer 
V erwaltung unterliegenden Oasen nur eine moralische. Sie hat keine 
Mittel in ihrem Besitze, dieselbe in weiterer Kntfcrnung fühlbar zu 
machen, keine Pferde, ja keine Kameele, um Bewaffnete auf ihnen 
hinauszusenden, was doch bei den grossen Entfernungen so not- 
wendig wäre. Die beweglichen Tubu rauben ganze Kameelheerden 
in der Entfernung einiger Stunden von Murzuq, und die Araber der 
Scherqija und die Meqänha aus dem \V. Schijäti gehorchen den 
Regierungsorganen nur, so weit es ihnen passt; denn wer wollte sie 
in ihrer Heimath aufsuchen und züchtigen? Etwa die Garnison von 
Murzuq, nominell aus 500 Türken, factisch aber aus 300 Fezzänem 
bestehend, die, harmlos in der Stadt wohnend, ihre Gärten bebauen, 
und die nicht einmal die nothwendigen Kameele zur Disposition 
haben, um ihnen Mund- und Wasservorrath und die Munition ihrer 
Eeuergewehre bei etwaigen Märschen mitzufahren: Wenn sich wäh- 
rend meines Aufenthaltes daselbst eine ungewohnte Menschenanzahl 



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MACHTLOSIGKEIT DER REGIERUNG. — SPÄRLICHE BEVÖLKERUNG. 181 



fern am Horizonte zeigte, stürzten die Beamten auf die Höhe der 
Qasba, um die verdächtige Bewegung zu beobachten; in der Stadt 
verbreitete sich dann alsbald das Gerücht, die Tubu oder Tuärik 
zögen gegen die Stadt heran; die furchtsamen Einwohner bewaff- 
neten sich bis an die Zähne, rotteten sich zusammen und schrieen 
sich gegenseitig Muth ein, und die Garnison trat unter die Waffen, 
bis sich die Fremden als friedliche Wanderer herausstellten. Hätte 
ohne diesen jammervollen Zustand der Local- Regierung meine un- 
glückliche Reisegefahrtin in der Entfernung weniger Tagemärsche 
von der Hauptstadt, so zu sagen unter ihren Mauern, auf das schmach- 
vollste ermordet werden können? 

Um die bescheidene Einnahme der Regierung von 100,000 Mark 
jährlich nach ihrem wahren Wcrthe würdigen zu können, muss man 
sie mit der Bevölkerungszahl und der Productionskraft des Landes 
und der Einwohner vergleichen. Wenn der Flächeninhalt des gesamm- 
ten Tripolitanien gegen 200,000 DKm beträgt, so nimmt Fezzän davon 
mehr als ein Drittheil in Anspruch; und wenn die Gesammtbevöl- 
kerung des ersteren auf 1 '/ 4 Million anzuschlagen ist, so kommt nicht 
der zehnte Thcil dieser Ziffer auf Fezzän. Die bisherigen Schätzungen 
beruhen auf den Angaben der Reisenden und diese sind allerdings 
sehr verschieden ausgefallen. Hornemann nahm Ende des vorigen 
Jahrhunderts 70,000 Einwohner an, Richardson giebt die Zahl von 
26,000, Vogel schätzte die Bevölkerung auf 54,000 Seelen, und erheb- 
lich abweichend von diesen Annahmen glaubt Gerhard Rohlfs die 
Zahl von 200,000 nicht zu hoch gegriffen. Mohammed et-Tünisi 
berichtet, dass die sesshafte Bevölkerung Fezzans sich auf 100 Ort- 
schaften vertheile, und diese Zahl (oder die von 99, welche in be- 
liebter mystischer Weise von den Arabern vorgezogen wird) halten 
die Einwohner noch heute fest , obgleich dieselbe wohl nicht ganz 
erreicht wird. Die Hauptortschaften, der Einwohnerzahl nach, liegen 
auf dem von mir und Anderen bereisten Postwege von Tripolis nach 
Murzuq und dem weiteren von der letzteren Stadt nach Kawär. Oest- 
lich von diesem Wege berührte Moritz von Beurmann die Oasen, 
welche auf dem Wege von AudschTla nach Murzuq liegen, und andere, 
welche östlich bis Wau angetroffen werden. Nach diesen auf persön- 
licher Anschauung beruhenden Erfahrungen über die einzelnen Oasen 
und Ortschaften und nach einer summarischen Abschätzung der übrigen 
werde ich versuchen, zu einem Gesammtresultate zu gelangen. Ich 



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182 I. BUCH, 6. KAPITEL. GESCHICHTE UND BEVÖLKERUNG VON FEZZAN. 

nehme dabei abweichend von Rohlfs, der nur vier Personen auf 
den Hausstand rechnen will, sogar sechs Bewohner eines Hauses an, 
da an den Orten, in welchen die Leute in Erdhäusern wohnen, die- 
selben in ihrer bescheidenen, indolenten, armlichen Weise ziemlich 
zusammengedrängt leben, und da in den grösseren Ortschaften die 
nicht unbedeutende Anzahl von Sclaven die Rohlfsschc Annahme 
zu gering erscheinen lässt. Trotzdem bleibt die Gesammtzahl meiner 
Schätzung weit hinter der seinigen zurück. 

Betrachten wir die einzelnen Verwaltungsbezirke mit ihren Ort- 
schaften und deren Einwohnern, so haben wir: 

1. Den District des unbesoldeten Mudir von Bü N'dscheim mit 
einer Ortschaft gleichen Namens, der ich im höchsten 
Falle eine Einwohnerzahl von 200 zuschreiben kann: . . 200 

2. Den District des Bäsch -Scheich von Zella, der 2 Ort- 
schaften enthält: Zella mit 500 und Tirsa mit 300 Ein- 
wohnern (nach v. Beurmann's Schätzung), also zusammen 

mit Einw . 800 

3. Die Mudirija von Söqna, umfassend die Ortschaften Söqna, 
Hün und Waddan, von denen der Hauptort 2500, der 
zweite höchstens 1500 und der letzte vielleicht 1000 Ein- 
wohner zählen mag Die beiden letzteren Zahlen sind 
nur nach den Abschätzungen der Leute von Soqna im 
Vergleiche zu ihrer Stadt angenommen worden. Macht 



zusammen . 5cxx> 

4. Die Mudirija von Semnu, enthaltend die Oasen: Sirrhcn 

mit etwa 150 Häusern und höchstens Einw. . . . .' 1000 

Semnu mit 250 Hausständen, also Einw 1500 

Tcmenhint mit 133 Hausständen oder Einw 800 

und Scbha mit den Städten: 

Dschedid (250 Hausstände) Einw 1500 

Qarda mit der Seelenzahl 1000 

Hadschara mit der Seelenzahl 600 



(die beiden letztgenannten Zahlen beruhen nur auf einer 

Abschätzung der Einwohner Dschedid's) 

Summa 6400 

5. Den District des unbesoldeten Mudir vonRhodwa mit einer 

Ortschaft und einer Seclenzahl von höchstens .... 200 



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EINWOHNERZAHLEN DER DISTRICTE UND ORTSCHAFTEN. 183 

6. Die Stadt Murzuq enthielt nach meiner Zählung 581 Häuser 

also Einw. ca 3500 

Die Gärten der Stadt sollten nach der Angabe des Scheich 
el-Bclcd nahezu eine ebenso starke Bevölkerung zählen, 
was ergeben würde ca 3000 



Summa 6500 

7. Die Mudirija von Scherqija enthält in den Basch-Scheichaten 
von Traghen, Ümm el-Aränib und Qatrün folgende Ort- 
schaften: 

a. Im District von Traghen von West nach Ost gehend 
findet man: Mureiziq, Deleim, Hädsch Hadschil (mit 
zwei Weilern), Zezau; von hier in direct östlicher 
Richtung: Fungel, Mochätcn, Erq el-Libtän, Disa, 
Garanija, Traghen, und von Zezau in südlichem Bogen 
um den ausgedehnten Salzsumpf von Traghen herum: 
Bidän, el-Qleib, Ben Dlif, Mäfen, Dchebbar, Tuila 
und Settün, zusammen 18 Dörfer, von denen Traghen, 
Zezau, Bidän, el-Qleib, Mafen, Tuila mit europäischen 
Augen abgeschätzt wurden, mit einer Gesammt- Be- 
völkerung von ca 25c» 

b. Im District von Omm el-Aränib zählt man die Ort- 
schaften Maqwa, Taalib, Medschdül, Omm Saqir, 
Tcwiwa, Terbü, Omm el-Aranib, el-Bcdcra, Hamira, 
Omm Sekin, Zawila, Temissa, Foghaa, zusammen 
13 Ortschaften, von denen die letzten drei die be- 
deutendsten und von v. Beurmann zu je 400 Einw. 
abgeschätzt sind, mit einer Gesammt -Bevölkerung 

von etwa 2500 

c. Im District von Qatrün finden sich die schon häufiger 
abgeschätzten Ortschaften: 

Qatrün mit einer Bevölkerungszahl von ungefähr 1500 
Bachi „ ,, „ ,, . 600 

Medrüsa „ „ „ „ „ . 500 

Tedscherri „ ,, „ „ . 800 

Summa 8400 

8. Die Mudirija Schijäti mit folgenden 13 Ortschaften, von 
West nach Ost gezählt: Ederi, Temissän, Auät (vielleicht 



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184 1. BUCH, 6. KAPITEL. GESCHICHTE UND BEVÖLKERUNG VON FEZZÄN. 

Wäd'), el-Haggermür, Uenzerik, Birgin Hattija, Birgin 
Beled, Gotta (vielleicht Ghüta), Qirda (vielleicht Qarda), 
Mahrüka, Agär, Temsäwa, Brak, Selwäs, ergiebt kaum 
eine grössere Seelenzahl als 2000 

9. Die Mudirija des Wädi esch-Scherqi mit 10 Ortschaften: 
Bimbega, Qeraja, Bahar ed-Düd, Ben Lübci, Leqser (wahr- 
scheinlich el-Q'seir), Süja, Chief, el-Hamra, el-Abiad, ist 
im äussersten Falle auf eine Einwohnerzahl zu schätzen 
vön 1500 

10. Die Mudirija des Wädi el-Gharbi mit dem Wadi Otba, 
umfassend folgende Dörfer des ersteren: Taramha, Ubäri, 
Ugrei'fa oder Ghoreifa (vielleicht vielmehr Dschureifa), 
Dscherma, Tuweisch, Berek, Tewiwa, el-Fuchchar, Cha- 
raik, Tekertiba, cl- Feschasch, Qeräqira, und folgende 
des letzteren: Tesauwa, Agar, Tiggcrurtin, Marhaba, 
Dudschal, zusammen mit 17 Dörfern, dürfte eine höchste 
Seelenzahl ergeben von 2000 

Die zuletzt aufgeführten drei Mudirate sind mir selbst auch nicht 
in einem einzigen Dorfe bekannt geworden; ich urtheile und schätze 
dieselben also nur nach dem, was ich von kundigen Bewohnern Mur 
zuq's gehört habe, und nach dem Beispiele der Dörfchen der Hofra, 
welche ich selbst sah. Viele derselben bestehen nur aus einigen wenigen 
Hütten; die grössten sollen in den Hausständen die Zahl $0 nicht 
übersteigen. Ich glaube also nicht, dass ich hinter der Wahrheit 
zurückbleibe, wenn ich im Durchschnitte jede Ortschaft zu 20 Haus- 
ständen rechne. Sollte dies trotzdem der Fall sein, so liejrcn 
wenigstens andererseits bei den von mir gesehenen Orten die unver- 
meidlichen Fehler sicherlich auf der Seite der Ueberschätzung. 

Nach der vorstehenden Uebersicht würde Fezzän im äussersten 
Falle 90 Ortschaften auf seinem ungeheuren Territorium haben mit 
einer sesshaften Gesammt- Bevölkerung von ungefähr 33,000 Seelen. 

Einige Tausend von diesen bilden dazu noch nicht einmal eine 
ständige, sichere Bevölkerung, und zwar sind dies die Tubu, welche 
im Districte von Qatrün leben, und die Tuärik, welche den Wädi 
el-Gharbi bewohnen. Sie flottiren zwischen ihrer Heimath und den 
Sitzen in Fezzan, welche ihre Stammesgenossen seit lange inne hatten, 
und kehren gern nach Hause zurück, wenn sie dort irgend zu leben 



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NOMAPENSTÄMME l r NP OESAMMT- BEVOI KERUNG. 



185 



haben, wobei sie allerdings gewöhnlich durch andere Landsleute 
ersetzt werden. 

Was die eigentlichen Nomaden Fezzan's betrifft, welche arabisch 
Bawadi (plur. von Badi, der Wüstenbewohner) heissen, zum Unter- 
schiede der Bewohner ständiger Ortschaften, welche als Hadarijin 
(plur. von Hadari, der Gegen wartige, Sesshafte) bezeichnet werden, 
so kommen diejenigen nicht in Betracht, welche die Gegend südlich 
von Bü N dscheim beweiden, da dieselben nördlichen Stammen an- 
gehören. Diejenigen, welche ihre Stammsitze in Fezzan haben, re- 
präsentiren höchstens ein Dutzend Stämme, von denen viele die 
Südabhänge der schwarzen Berge von Söqna beweiden und daneben 
Wohnsitze in den Datteldörfern der westlichen Thäler haben, wäh- 
rend die anderen in verschiedenen Oasen der Schcrqija ihre Datteln 
besitzen und die Abhänge des Harüdsch-Gebirges durchziehen. Jene 
gehören zu den Stämmen der Meqänha, Hasauna, Suweid, Quweida, 
Säqa, Hotman, von denen die ersten beiden besonders nennenswerth 
sind, diese zu den Riah, Scha'üf, Sejäina, Alauna, von denen wir ge- 
sehen haben, dass die erstgenannten theilweise in Söqna fest wohnen. 
Der blühendste aller Nomadenstämme Fezzan's, der reichste an Pfer- 
den und Kameelen, war augenblicklich der der Meqänha, der einzige 
Bruchtheil der Bevölkerung, von dem ich die Leute behaupten hörte, 
dass sie nicht zurück, sondern vorangegangen seien in Zahl und 
Wohlstand. 

Die Seelcnzahl sämmtlichcr nomadisirender Stämme abzuschätzen, 
genügen meine Daten nicht. Sie werden ein Drittel der sedentären 
Elemente kaum erreichen und ein Viertel derselben übersteigen. 
Selbst mit ihnen vermag ich die Bevölkerung Fezzan's nicht auf 
50,000 Seelen in meiner Abschätzung zu bringen — eine Zahl, welche 
schwerlich von der Wahrheit überstiegen wird. 

Je spärlicher die Bevölkerung ist, desto mannichfaltigcr ist sie in 
ihrer Erscheinung. Betrachten wir die heutigen Bewohner von Fezzan, 
so stellen sie ein Gemisch dar, dessen Erklärung und Zerlegung den 
Reisenden in grosse Verlegenheit zu bringen vermag. Da sind im 
Süden reine TubuTibcsti's(Tedschcrri, Medrüsa, Bachi, Qatrün), im Süd- 
westen reine Tuärik (W. el-Gharbi) und im Norden und Osten einzelne 
Colonien nördlicher Berber (Söqna, Waddan, Temissa); reine sesshafte 
Araber und arabische oder berberische Nomaden, Sclaven aus Bornü, 
den Haussa- Staaten und anderen innerafrikanischen Ländern und ihre 



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186 I- BUCH, 6. KAPITEL. GESCHICHTE UND BEVÖLKERUNG VON FEZZÄN. 

Abkömmlinge, Freie oder Sclaven, rinden sich über das ganze Land, 
zerstreut; und endlich stossen wir überall auf andere Leute, weder 
den Linen noch den Andern gleich, doch Vielen ähnlich, welche wohl 
den kleinen Kern eigentlicher, doch im Laufe der Zeit mannigfach 
veränderter Fezzaner darstellen. 

Die ursprünglichen Bewohner des Landes, die Garamanten, bil- 
deten, wie wir gesehen haben, mit andern Volksstämmen der Wüste 
gewissermaassen den zweiten Rang der Libyer, stellten eine Ab- 
stufung dieser dar. Sic waren die Nachbarn der südlich von ihnen 
wohnenden Aethiopier und diesen in soweit auch ähnlich, als sich 
überhaupt ein allmählicher Uebergang von den Bewohnern der 
afrikanischen Küstenländer zu den auf dem Südende der Wüste 
wohnenden Stämmen bemerkbar macht. Diese Uebergangsstufen 
riefen bei den Alten die Bezeichnung „Melanogaetuler" hervor und 
veranlassten Duveyrier von „subäthiopischen" Stämmen zu sprechen. 
Im Nilthale stromaufwärts ziehend kann man sich überzeugen, wie 
unmerklich die Bewohner Ober-Egyptens in die Berber oder Beräbra 
und Bädscha- Leute, und diese in die Sudaner übergehen; die süd- 
lichen Tubu oder Daza stehen den Nigritiern um eine Nüance näher, 
als die nördlichen oder Tcda; bei den Zoghawa im Norden Dor För's 
ist man in Verlegenheit, wohin man sie rechnen soll ; und der Unter- 
schied zwischen den Tuärik und den Berbern der Küstenländer, ob- 
gleich ihre Verwandtschaft eine sehr nahe ist, fällt klar genug in die 
Augen. So haben wir eine Reihe von Abstufungen und Uebergängen, 
deren Grenzen oft sehr schwer zu ziehen sind. 

Die Wüste mit ihren riesigen Entfernungen, ihrem schari aus- 
gesprochenen Klima, der Abgeschlossenheit der bewohnten Oasen, 
dem beschränkten Verkehr, muss zwar im Allgemeinen die Er- 
haltung der Eigenartigkeit ihrer Bevölkerungselemente erleichtern, 
doch dass die Garamanten mit ihrer geringen Zahl allmählich in 
der Reinheit ihrer Zusammensetzung beeinträchtigt werden mussten, 
begreift sich. Als ihr Land unter römischer Herrschaft stand, fand 
immerhin schon Verkehr mit den südlicheren Ländern statt, aus 
denen Elfenbein, Straussenfedern, Gold und andere Producte kamen, 
doch mag derselbe beschränkt genug gewesen sein. Aber als die 
mohammedanische Eroberung Nord-Afrikas mit ihren Stammver- 
schiebungen nach Süden erfolgte, und als später in entgegengesetzter 
Richtung die Bornüleute ihre Ansiedlungen und ihre Herrschaft über 



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ALLMÄHLICHE UMWANDELUNO DER URSPRÜNGLICHEN BEVÖLKERUNG. 187 

Kawar nach Fezzan vorschoben, mussten allmählich die fremden Ele- 
mente die spärlichen Eingeborenen überwältigen. Ein in Anbetracht 
der Wüste reger Handelsverkehr entwickelte sich allmählich zwischen 
Nord-Afrika und den Negerländern, und hier war es die Strasse von 
Fezzan nach der Umgebung des Tsäd-See's, welche durch ihren 
Wasserreichthum und die Zahl ihrer Oasen, durch Sicherheit und 
reichen Gewinn bald die besuchteste wurde. Berberische und arabische 
Kaufleute aus dem Norden siedelten sich in Fezzan an, und bald war 
dies Land ein Mittelpunkt der mannichfachsten Handelsstrassen, ein 
Handels- Centrum zwischen Tripolis und Bornü, zwischen Timbuktu 
und Kairo, zwischen den Tuarik und den Tubu. Zahlreiche Karavanen 
kamen und gingen, und ihr Haupthandel erstreckte sich damals wie 
später auf Scjaven, von denen die weiblichen besonders zur Um- 
änderung der ursprünglichen Bewohnerschaft beitragen mussten. 
Nehmen wir dazu, dass Römer, Araber, Bornüleute und Türken nach 
einander über die dünne Bevölkerung herrschten und alle derselben 
eine dauernde Marke ihres Einflusses hinterliessen, so begreift man 
leicht, dass eine Bewohnerschaft von höchstens ioo.ooo Seelen so 
mannichfachen heterogenen Einflüssen und dem rapiden Wechsel der- 
selben nicht widerstehen konnte, sondern ihren ursprünglichen Cha- 
rakter einbüssen musste. 

Jetzt stossen wir in den Hauptortschaften fast nur auf Fremde. 
In Zella, erzählt uns v. Beurmann, wohnen Auläd Hareis, welche vor 
1000 Jahren aus Egypten eingewandert sein sollen; Foghaa, Temissa 
und Sirrhen haben Zejädin in ihren Mauern ; Söqna ist, wie Waddan, 
stets vorwaltend von reinen Berbern bewohnt gewesen ; die Herren 
von Zawila sind Schurafä; Temenhint ist in den Händen seiner Gründer, 
der Beni Bedr, gewesen; Dschedid in der Oase Sebha soll von einem 
Muräbid Hämed el-Haderi*) gegründet worden sein; das Thal 
Schijäti ist fast ausschliesslich im Besitze von nordischen Nomaden; 
Oatrun ist bevölkert von Muräbidija, deren Vorfahren aus Marokko 
eingewandert sein sollen; in Hun sind viele Glieder des Muräbidija- 

*) In der Malteser Handschrift wird ein Muräbid Hamed cl-Hadir aus Sebha er- 
wähnt , welcher bei dem Friedensschlüsse zwischen Mohammed Ben Dschehtm und den 
Tripolitanern den Vertrag mit ausarbeitete. Wenn auch damals, vor etwa 250 Jahren, der 
Hanptort Sebha's wahrscheinlich bereits bestand, so ist es doch nicht unwahrscheinlich, 
dass beide Namen nur eine Persönlichkeit bezeichnen, und dass der Volksmund willkür- 
lich dem in der Geschichte der Stadt häufig genannten Xamcn auch die Gründung der 
selben zuschrieb. 



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188 I. BUCH, 6. KAPITEL. GESCHICHTE UND BEVÖLKERUNG VON FEZZAN. 

Stammes der Auläd Wäfi. Mag der Ursprung aller dieser Stämme 
und Familien ein sehr verschiedener sein, berberisch oder arabisch 1 
jedenfalls sind sie Fremde und können höchstens unscheinbare Bruch- 
theilc der alten Garamanten in sich bergen. Nehmen wir zu diesen 
noch die Tuarik des W. el-Gharbi, die Tubu des Districtes von 
Oatrün, die zahlreichen Sclaven und ihre Nachkommen und die in 
jüngster Zeit eingewanderten nordischen Berber und Araber, und 
ziehen Alle von der ohnehin spärlichen Gesammt- Bevölkerung ab, 
so bleibt nur eine kleine Summe von Individuen, die wir unter der 
Bezeichnung Fezzaner zusammenfassen müssen, und diese scheinen 
wieder ein charakterloses Gemisch Aller zu sein. 

In ihrer Hautfärbung bieten sie ebensowohl die Nüancen, welche 
bei den Tuarik und den Tubu vorwalten, als auch die der Tripoli- 
taner und der Bornüleute, wenn sie auch in dieser Beziehung ihren 
Wüstennachbarn näher stehen. Durchschnittlich sind sie etwas heller 
als die nördlichen Tubu, von der ungefähren Grösse derselben, doch 
ohne ihre zierliche Eleganz, ihre elastische Gewandtheit. Sie haben 
selten die ovale Gesichtsform und die scharf geschnittenen Züge der- 
selben, sondern runde charakterlose Gesichter, sind schwerfalliger 
und zeigen nicht selten eine, für die Wüstenwelt ungewöhnliche Nei- 
gung zur Fettbildung. Harmlosigkeit und Schlaffheit sprechen aus 
ihren Zügen; von ihren Gouverneurs lassen sie sich tyrannisiren und 
ausplündern und vor ihren Feinden und Nachbarn fürchten sie sich. 
Sie sind unmässig im Essen und der Frauenliebe ergeben ; doch gut- 
müthig, sanft und ehrlich. Die letztere Tugend entlockte schon im 
Anfange dieses Jahrhunderts dem Scheich Mohammed et-Tünisi 
Worte der Bewunderung und ziert die armen Leute noch heute in 
anerkennenswerther Weise. So sehr die Schwäche der Regierung, 
die Zerstreutheit der bewohnten Plätze und die herrschende Armuth 
Habsucht, Unredlichkeit und Diebstahl begünstigen sollten, so sicher 
fühlt sich in dieser Hinsicht Jeder in Fezzän. Den ganzen langen 
Weg von Tripolis bis Murzuq kann der Reisende furchtlos allein 
zurücklegen, und erst mit der türkischen Garnison kam z. B. in Mur- 
zuq die Sitte auf, Nachts die Häuser zu verschliessen. 

Der Unterschied des Charakters der Fezzäner von dem ihrer 
nächsten Wüstennachbarn ist in die Augen fallend genug. So energie- 
los, furchtsam, gutmüthig, ehrlich und vergnügungssüchtig der Fezzaner 
ist, so mannhaft und streng ist der Tänki, so rastlos, egoistisch, 



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CHARAKTER DER FEZZÄNER. 



schlau, diebisch und massig der Tedetu (sing, von Teda oder Tubu). 
Fast noch charakteristischer ist der Unterschied zwischen den Frauen 
der Fezzäner und denen der Tcdä, obgleich doch beide Nationen 
nach der Ansicht Vieler nächste Verwandte sein sollen. Während 
die Frauen der Teda schon in der äusseren Erscheinung, den Zügen, 
der Haltung, dem Gange ihren determinirten Charakter verrathen, 
deuten die Fezzänerinnen schon äusserlich das Gegcnthcil an. Jene 
sind in der Verwaltung des Hauses, im Handel bei Abwesenheit ihrer 
Kheherren von männlicher Füntschicdenheit und Thatkraft und von 
exemplarischer Treue; diese nachlässig, schwach, leichtsinnig, unsitt- 
lich. In letztgenannter Beziehung spricht sich die Verschiedenheit 
am deutlichsten in den Nationaltänzcn aus, von denen die der Fezzäne 
rinnen, sehr fern bleibend von den graziösen, durchaus anständigen 
Bewegungen der Tubufrauen, sich ganz den unschönen und gemeinen 
Tanzen der Araberinnen anschliesscn. 

In Murzuq, wo sich natürlich die meiste Gelegenheit bietet, ent- 
faltet sich die Liederlichkeit in auffallender Weise; weder die Städte 
der Nordküste noch Bornü mit seinen sinnlichen Bewohnern können 
in dieser Beziehung die Concurrcnz aushalten. Die käufliche Liebe 
ist in allen Kreisen vertreten; verheirathete Frauen und junge 
Mädchen, Honoratiorentöchter und öffentliche Tänzerinnen: Alles 
macht sich Concurrenz. Wenige Ghrüsch (plur. von Ghirsch), ein 
Mässchen Getreide oder Datteln erkaufen die Gunst dieser Prieste- 
rinnen, und Viele von ihnen folgen einfach ihrem guten Herzen, ohne 
sich ihre Unsittlichkeit durch Geld unterstützen zu lassen. Wenn 
man die harmlose Natürlichkeit, die Gutmüthigkeit beobachtet, mit 
der dort dem Laster gefröhnt wird, so urtheilt man unwillkürlich 
milder, als man in andern Ländern thun würde, wie denn selbst 
diejenigen Einwohner, denen sonst ernste und strenge Begriffe von 
Moralität inne wohnen, in dieser Richtung keinen strengen Maassstab 
anlegen. 

Ich habe schon bei der Schilderung der Einwohner von Mur- 
zuq zu erwähnen Gelegenheit gehabt, dass der Fezzaner in seiner 
Kleidung eine Mittelstellung zwischen den Leuten der Nordküste und 
den Nigritiem einnimmt, indem er zu dem wollenen Umschlag- 
tuch der ersteren das weite Südänhemd angenommen hat, und dass 
die Frauen zwar meist an dem langen Hemde der Araberinnen und 
den schweren, metallenen F'ussspangen derselben festhalten, aber sonst 



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190 I. BICH, 6. KAPITEL. GESCHICHTE UND BEVÖLKERUNG VON FEZZÄN. 

Schmucksachen und Haartracht bald den Araberinnen, bald den 
Tubufraucn, bald den Negerinnen folgen. Gleichzeitig habe ich er- 
wähnt, dass der Mangel an Reinlichkeitssinn die Frauen Fezzan's 
von den Negerinnen und noch mehr von den Tubufraucn trennt, und 
sie durchaus den Araberinnen nähert. 

Wandelt man durch die Ortschaften der sesshaften Bevölkerung, 
welche mit Mauern umgebene Städtchen sind, so wird man in der 
Anlage des Ortes und in der Bauart der Häuser durch Manches an 
die kleinen Orte der Nordküste erinnert, durch Manches an die nörd- 
lichen Borniistädte. Während wir durch die Incinanderschachtelung der 
Räumlichkeiten in den Häusern mit dem unbedachten Räume in der 
Mitte und durch die engen Strassen an den Norden gemahnt werden, 
ist das Baumaterial, die Erde, das der Negerländer. Salzhaltige Erde 
wurde übrigens nach Herodots Nachrichten schon in den frühesten 
Zeiten als ausschliessliches Baumaterial in dieser Gegend Libyens 
verwendet. Während in den Städten Bornü's Alles weit und gross ist, " 
und in denen Fezzan's Engheit und Kleinheit vorwiegt, finden wir 
hier im Gegentheil die Eigentümlichkeit unverhältnissmässig grosser 
Kastelle, welche die niedrigen I läuser der Einwohner gigantisch über- 
ragen, während die Königswohnungen der Negerländer kein solches 
Missverhältniss zur umgebenden Stadt zeigen. 

Diese Riesenkastelle erinnern durch ihr Missverhältniss in Etwas 
an die Felsencitadellen der Tubu , welche man in Kawär und Borkü 
findet, und zu deren Füssen sich die Hütten der Ortschaften gruppiren. 
Dieselben scheinen auch den Berbern während einer langen Periode 
eigenthümlich gewesen zu sein und haben denselben Charakter in 
Soqna, Temissa, Tedscherri, wie auch ähnliche Bauten in der jetzigen 
Tubu-Oase Dschebädo, in Siggedim, einer verlassenen Ortschaft der 
Tedä nördlich von Kawär, in Qissebi, einer zerstörten Stadt Kawär s, 
und in Agrem, einer Oase westlich von dort, bestanden haben sollen. 
Alle diese Ortschaften mit Ausnahme von Soqna, das später entstand, 
sollen Berberkolonien aus derselben Zeit und Gründungen eines 
Stammes sein. 

Die niedrige, längliche, rechtwinklige Hütte aus dem mit Matten 
behängten Stangengerüst, an welcher der vorübergehend dort ange- 
siedelte Tubu oft festhält, kennt der Fezzäner nicht, doch beide 
kommen wieder in der ahnlich gestalteten Behausung zusammen, 
welche die ärmeren Bewohner der Dörfer und Gärten aus Palm- 



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UNTERSCHIEDE ZWISCHEN FEZZÄNERN UND IT HC. 191 

blättern flechten. Mit Ausnahme der nordische Kameele züchtenden 
Nomaden, welche ihre schweren Zelte aus Kameelhaar weben, werden 
die Bewohner eben durch die geringen Hülfsquellen der Gegend zu 
einer gewissen Uniformität in Wohnung und Lebensweise trotz natio- 
naler Verschiedenheit gezwungen. 

Ein anderes Moment endlich musste im Laufe der Jahrhunderte 
zur Verwischung der Stamm -Unterschiede innerhalb der Grenzen 
Fezzans beitragen. Die Fortschritte in der Cultur mussten von Nor- 
den dorthin gelangen und wurden alle durch den Islam vermittelt. 
Die seit den ältesten Zeiten mit der Nordküste gepflogene Verbin- 
dung führte die neue Religion und ihre höhere Cultur leichter dorthin, 
als in die Tuärik- und Tubu-Landschaften. 

So entbehren in Fezzän der vollkommeneren nordischen Be- 
waffnung mit Feuergewehren nur die zeitweilig dort ansässigen 
Wüstcnnachbarn. Zwar findet man noch hier und da in dem ärmeren 
Theile der Bevölkerung eine Lanze, doch das Wurfeisen der Tubu 
fehlt gänzlich und die arabische Steinschlossflinte, der weitmündige 
Karabiner und Schwert und Säbel sind in ihre Rechte getreten. 

Ebenso schliessen sich die socialen Sitten, die Art der Be- 
grussung, die Handhabung der verwandtschaftlichen Beziehungen, 
die Familien- Festlichkeiten bei Hochzeiten, Geburten, Beschneidung 
und Begräbnissen ganz an die der Araber an und haben Nichts ge- 
mein mit denen der Tuärik und der Tubu. Da der Schwerpunkt des 
Gemeinwesens endlich in der sesshaften Bevölkerung liegt, so bürgerte 
sich allmählich die autokratische Regierungsform ein, während bei den 
Nomaden diese nicht leicht zur Geltung kommt. Die demokratischen 
Institutionen der Berber sind zwar in Fezzän noch repräsentirt durch 
den Medschclis, der dem Pascha sowohl, als dem Mudir zur Seite 
steht, doch die ursprünglich weitgehenden Berechtigungen desselben 
sind allmählich illusorisch geworden. 

Das religiöse Leben in Fezzän wurde bei dem harmlosen Leicht- 
sinn der Bewohner und mit dem Verluste ihres ursprünglichen Cha- 
rakters allmählich, so zu sagen, verallgemeinert und abgeschwächt. 
Früher haben Viele den Secten angehört, welche frühzeitig im Islam 
im fernen Osten entstanden waren und bald eine grosse Verbrei- 
tung unter den Berberstämmen Nordafrika's gewonnen hatten, den 
Chauäridsch und den Ibädija. Doch jetzt sind Alle ruhige, gemässigte, 
selbstverständliche Sunniten, dem Ritus der Mälekija folgend, und 



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192 I. BUCH, 5. KAPITEL. GESCHICHTE UND BEVÖLKERUNG VON FEZZÄN. 

selbst gebildete Männer kennen nicht einmal die Namen jener Secten 
mehr, welche in den ersten Jahrhunderten der islamitischen Zeitrech- 
nung den Rechtgläubigen die Eroberung des Maghrib oder westlichen 
Nordafrika s und die Unterjochung der Berber so sehr erschwert haben. 

Eine Secte der Neuzeit, welche eigentlich nur eine Gesellschaft 
für innere und äussere Mission ist, insofern sie weder dogmatische 
noch ritualist ische Abweichungen von den rechtgläubigen Secten 
predigt, sondern nur Neubelebung des Glaubens und seine Aus- 
breitung zum Zwecke hat, die der Senüsija, hat sich nach und nach 
des religösen Lebens der Fezzäncr bemächtigt, ohne freilich diesem 
harmlosen Völkchen ihren Fanatismus einimpfen zu können. Der 
Stifter dieser Genossenschaft, Sidi Senüsi, nach welchem sie genannt 
wird, soll aus dem ferneren Westen, aus der Gegend von Telemsan, 
nach Ostafrika gekommen sein, gründete ein unabhängiges Centrum 
für seine Propaganda zu Dschaherbüb auf der schwer bestimmbaren 
Grenze zwischen Tripolitanien und Egypten nicht weit von der Oase 
Siwa, unterrichtete und begeisterte dort bis zu seinem Tode zahl 
reiche Schüler und Anhänger und dehnte seinen Einfluss über die 
ostliche Hälfte Nordafrika's weiter und weiter aus. 

Sein Sohn und Nachfolger Sidi Mahadi hat mit Eifer und Ver- 
ständniss die heilige Sache fortgesetzt, und Hunderte von fanatischen 
Anhängern werden an dem wüsten Orte, der, fern von allem regel- 
mässigen Verkehr, an und für sich aller Lebensbedingungen ent- 
behrt, unterrichtet, gekleidet und genährt. Die Auserwählten derselben 
ziehen von dort aus und betreiben die Verbreitung ihrer Ideen mit 
dem praktischen Verständniss und der Lebensklugheit, deren Beispiel 
wir im Christenthum nur bei den einstigen Jesuiten-Missionen finden. 
Sie lassen sich nicht allein die Wiederbelebung des Glaubens bei den 
erschlafften Anhängern des Islam in den ihnen zugänglichen Ländern 
argelcgen sein, sondern haben hauptsächlich ihr Augenmerk auf die 
Bewohner der östlichen Wüste gerichtet, die, ob nominelle Moham- 
medaner, ob Heiden, sehr der Belehrung bedürfen und eine ge- 
schlossene Phalanx jugendlich kräftiger und fanatischer Glaubens- 
wächter zu bilden versprechen. Die berberischen Bewohner der 
naheliegenden Oasen Siwa und Audsclula und die Medsch.ibra, Be- 
wohner der Oase Dschälo, in nächster Nähe von Audsclula, traten 
zu ihnen in allerengste Beziehung. Bald gründeten sie religiöse 
Institute — Zäwia zu Söqna, Zawila, Murzuq, suchten durch ahn- 



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DIE SENÜStjA. 



193 



liehe Missionsstationen zu Ghadämes und Ghät bei den Bewohnern 
der westlichen Wüste Eingang zu gewinnen und strebten allmählich 
nach geistiger Alleinherrschaft über die Stämme der östlichen Wüste. 
Zunächst schoben sie eine ihrer Stationen auf dem Wege von Dschälo 
nach Wadäi vor und besetzten die bewohnerlose Oase Kutara, deren 
Dattelbestand ihnen ausserdem Existenzmittel bot, colonisirten nörd- 
lich von Tibcsti die Oase Wau und nahmen ihren Sitz in der grossen 
Tubu-Oase Kawar auf der Strasse nach Bornü. Von Kufära rückten 
sie nach Wanjanga und nach Wadäi selbst vor, dessen König Ali 
für ihren glühendsten Anhänger galt. Seitlich von diesem Wege blieb 
ihnen nach Westen Borkü und die Dazagegend, nach Osten die Land- 
schaft Ennedi mit den sie bewohnenden Bidejät zu reformiren, be- 
ziehungsweise zu islamisiren. 

Schon während meines Aufenthaltes in Murzuq bekam ich eine 
Ahnung von der Beharrlichkeit, mit der diese Fanatiker einen grossen 
Theil Afrikas in ihr jesuitisches Gewebe spinnen, von der gefähr- 
lichen Selbstlosigkeit, mit der sie, unbekümmert um die rastlos ver- 
rinnende Zeit und um persönlichen Erfolg, ihrer Sache dienen, und 
noch oft wurde ich im Verlaufe meiner Reisen auf ihre gefahrdrohende 
Bedeutung hingeführt. An den verhältnissmassig hoch civilisirten 
Tunkten suchen sie sich zwar Freunde zu erwerben, drängen sich je- 
doch nicht danach, in der Menge Proselyten zu machen. Von dem 
eigentlichen Egypten mit seinen in der ganzen mohammedanischen 
Welt berühmten Gelehrten — Ulemä — halten sie sich zurück; auch 
die Stadt Tripolis passt ihnen nicht als Schauplatz ihrer Thätigkeit; 
Fezzän scheint ihnen ebenfalls mehr zum Ausgangspunkte ihrer Be- 
strebungen zu dienen, und selbst in Bornü, dessen Gelehrte mit dem 
Scheich Omar an der Spitze einen grossen Ruf in der sudanischen 
Welt haben, treten sie bescheiden auf. Die von solcherlei Bestre- 
bungen bisher verschonten Gegenden der Tubu (Tibesti, Borkü, 
Bahar el-Ghazal, Känem) , der Bidejät (Wanjanga und Ennedi), die 
uneivilisirten Stämme von Wadäi und die Oasen Egyptens sind der 
Gegenstand ihrer Hoffnung und unterliegen mehr und mehr ihrem 
Einflüsse. Die gewonnenen Anhänger spenden ihnen reichlich zur 
Ehre Gottes, und wo sie in der Wüste ihre frommen Stationen 
gründen, schlicssen sie zuvor mit den Eingeborenen einen Vertrag 
über die ihnen zu überweisende« Dattelpflanzungen und die ihnen zu- 
stehenden Gerechtsame. 

Nachtigal. I. 13 



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104 I. BUCH, 6. KAPITEL. GESCHICHTE UND BEVÖLKERUNG VON FBZZAtf. 

Bisher war besonders der Westen Nordafrika's durch religiöse Ge- 
sellschaften und durch geistliche Herren ausgezeichnet, deren Macht oft 
durch weltlichen Besitz erhöht war, deren politischer Kinfluss aber 
auch ohne diesen nicht selten den der Fürsten übertraf. Rohlfs er- 
zählt von einem in Marokko fast mit päpstlicher Gewalt ausge- 
rüsteten geistlichen Herrn; in Timbuktu regiert die Familie des 
Scheich el-Baqäi, die ihren Ursprung von dem berühmten Eroberer 
des nördlichsten Afrika, Sidi Oqba Ibn en-Nafi el-Fahri, dem Gründer 
Kairuwans, ableitet und unbestrittenen Einfluss über die westlichen 
Tuarik bis Tuat ausübt; von den Grenzen Marokkos bis nacli Tri- 
polis beugten sich Fürsten und Völker vor dem Ansehen Sidi Ahmed 
el-Tedschäni's, des Stifters der Tedschadschna, der zu Ende des 
vorigen Jahrhunderts lebte. 

Die östliche Wüste hatte eines geistlichen Lenkers entbehrt, bis 
ihr ein solcher in der Person des Senüsi erstand, der in Schroffheit 
und Strenge seiner religiösen Anschauungen und in seinem Hasse gegen 
die Civilisation und ihre Trager seine westlichen Vorgänger und 
Collegen weit übertraf. Der marokkanische Papst war Rohlfs* treuester 
Beschützer, selbst als er seinen christlichen Charakter kannte; Ahmed 
el-Baqai schützte Heinrich Barth vor den fanatischen Verfolgungen 
der oberherrlichen Fcllata-Fürstcn, und der Chef der Tedschadschna, 
den ich in den sechziger Jahren auf seiner Pilgerfahrt am Hofe von Tunis 
zu sehen Gelegenheit hatte, war ein wohlwollender Herr, der sich 
durch ein freundliches Gespräch mit einem Christen nicht verun- 
reinigt glaubte. Die Senüsija dagegen sind glühende Christenhasser, 
deren Feindschaft im Verfolge meiner Reisen mir noch manche Ge- 
fahren und Unannehmlichkeiten bereiten sollte. 

Fezzans harmlose, gutmüthige Bevölkerung — so Viele aus 
ihr sich auch der Lehre von Dschaherbüb zuwendeten — konnte 
sich weder zu der Ascetik derselben aufschwingen — wenn auch 
v. Beurmann darin falsch berichtet war, dass die Senüsija das Cöli- 
bat predigen, so ist doch z. B. der Tabak bei ihnen verpönt — , 
noch ihren vom Islam unzertrennlichen Fanatismus zur aggressiven 
Höhe jener steigern. Zwar gelang das letztere an einzelnen Punkten, 
wie zu Zawila, wo Duveyrier die entsprechende Erfahrung machte, 
und wo die Herren der Stadt als Schurafa allerdings eine besondere 
Berechtigung zum Fanatismus zu haben glauben. Doch im Uebrigen 
war der Verkehr der Christen sowohl mit den Einwohnern, als auch 



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9 



RELIGION UND UNTERRICHT IN FEZZÄN. 195 

sogar mit den zahlreichen Muräbidija, die doch aus der Geschichte 
ihrer Familien besonders strenge religiöse Tendenzen hätten schöpfen 
sollen, und mit den offiziellen Glaubenswächtern selbst, z. B. mit ihrem 
Chef, dem biederen Qädi von Murzuq, angenehmer als in den meisten 
mohammedanischen Ländern. 

Mit der Religion hängt der Unterricht zusammen, denn dieser 
fliesst dort, wie in fast allen mohammedanischen Ländern, nur aus 
jener. Entsprechend der Lässigkeit des religiösen Lebens in Fezzän 
ist die Gelehrsamkeit eine sehr bescheidene. Es gab in Murzuq 
keinen berühmten Gelehrten, der von Wissbegierigen aus der Ferne 
aufgesucht worden wäre, wie sich deren seihst in den Negerländern 
finden; doch immerhin sind die Anforderungen des Civilisations- 
grades der Bewohner und der äusseren Verhältnisse zwingend genug, 
um Jeden zur Erzielung der notwendigsten Kenntnisse des Lesens 
und Schreibens in die Elementarschulen zu treiben. 

Abgesehen davon, dass in den Schulen natürlich das Arabische . 
nicht nur den Gegenstand des Unterrichts, sondern auch die Sprache 
desselben bildet, lässt uns die Betrachtung der Volkssprache, welche 
sonst ein so schwerwiegendes Kriterium für die ethnologische Fixirung 
von Völkern und Stämmen giebt, bei den Fezzäncrn etwas im Stich. 
Zwar bedient sich der flottircnde Theil der Bevölkerung, welcher den 
Tubu und den Tuarik angehört, ausschliesslich der diesen eigen- 
thümlichen Idiome; zwar haben in den vorher aufgeführten Berber- 
Kolonien Soqna, Waddän, Temissa Berberdialecte , die dem von 
Ghadames nahe stehen, noch Bürgerrecht neben der arabischen 
Sprache: doch sind dies streng abgeschlossene Sprachinseln. Trotz- 
dem der südlichste Theil von Fezzän nicht allein Leute Tibesti's zu 
seinen Bewohnern zählt, sondern den Handelsverkehr der Provinz 
mit dieser Landschaft ausschliesslich vermittelt, und trotzdem die 
Muräbidija von Qatrün und Bachi mit Vorliebe ihre Frauen von dort 
beziehen, so hat sich doch die Tubusprachc nie über diesen District 
ausdehnen können. Allgemeiner bedient man sich der Bornüsprachc, 
welche vor der Haussasprache, die ebenfalls vielfach bekannt ist, den 
Vorrang hat und wohl in ganz Fezzan mehr oder weniger verbreitet ist. 
Doch wenn die Kinder überall die Bornü- und oft die Haussasprachc 
erlernen, che sie mit dem Arabischen bekannt werden, und wenn in 
vielen Häusern vorwaltend eine derselben gesprochen wird, so darf 

man dieser Erscheinung keinen allzu hohen Werth beilegen. Der 

13* 



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190 I. MUCH, 6. KAPITEL. GESCHICHTE UND BEVÖLKERUNG VON FEZZÄN. 

Rcichthum an Sclavinncn, der seit Jahrhunderten auf dieser Strasse 
ZU den Südanländcrn ein ausserordentlicher war, und die früher so 
ausgedehnten Handelsreisen der Einwohner erklären diesen Umstand. 
Selbst wo legitime Frauen aus dem Norden oder dem eigentlichen 
Fczzän existiren, gestattet die Religion Kebsweiber, welche aus 
den Negerländern bezogen werden. Sehr selten findet man eine 
Familie, in der nicht hellfarbige und dunkelfarbige Kinder in 
verschiedenen Nuancen neben einander vertreten sind; alle aber, 
welchen Müttern sie auch angehören mögen, sind während ihrer 
früheren Lebensperiode hauptsächlich in den Händen der Sclavinncn. 
Wachsen sie heran, so gewinnt die arabische Sprache mehr und 
mehr die Oberhand und im Ganzen und Grossen ist sie zweifellos 
die allgemeinst verbreitete. 

Fassen wir die Charakteristik der Fczzaner zusammen, so sehen 
wir in allen ihren Eigenschaften und Betätigungen, ihrem äusseren 
' und inneren Leben, einen Uebergang von den Bewohnern der Nord- 
küste einerseits zu den Wüstenstämmen, andererseits zu den Sudan- 
leuten. Von Norden her wurde durch berberische und arabische Ele- 
mente zuerst ihre Eigenartigkeit alterirt; von Norden her kam ihnen 
der ihnen zu Theil gewordene Grad der Civilisation; von dort wurden 
sie durch den politischen Einfluss ihrer Herren umgewandelt. Anderer- 
seits fand dasselbe periodisch von Süden her statt, und sudanisches 
Blut wird ihnen bis in die neueste Zeit zugeführt. Mit den west- 
lichen Nachbarn, den Tuärik, verbindet sie weder sehr viel Ver- 
kehr, noch Blutmischung; mehr mit den Tubu Tibesti's, und hier ist 
es wichtig festzustellen, dass trotzdem und trotz der Aehnlichkeit 
der klimatischen Verhältnisse, in denen Beide leben, der Unterschied 
zwischen Fczzänern und Tubu ein sehr ausgesprochener ist. Dies 
dürfte gegen die Annahme sprechen, dass die ursprüngliche Bevöl- 
kerung Fezzans identisch gewesen sei mit der von Tibesti, wenn 
auch freilich jene sich im Laufe der Zeiten sehr verändert hat, und 
diese in ihrem unzugänglichen Felscnlande sich eine gewisse Stabilität 
bewahren konnte. Es beweist aber jedenfalls, dass die anderen 
Elemente in der Mischbevölkerung vorwalten. 



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ZWEITES BUCH. 

TIBESTI ODER TU 



Erstes Kapitel. 

DER SÜDLICHSTE THEIL VON FEZZÄN. 



Dil beiden TcdA-Edlcn. — Abschluss des Contracles mit Akremi Kolokömi. — Einkauf 
von Geschenken und Tauschwerthen. — Bui Mohammed*s treuer Sinn. — Abreise 
Fräulein Tinnc's. — Die Brunnen Taban'ja. — BidÄn und das Laqbt- Gelage. — 
Verbrennung durch Sonnenstrahlen. — Bir cd-DomrÄn. — Sandwüstc. — Hatttja 
Mestüta. — Ankunft zu Qatrün. — HÄdsch Dschäber und die MurAbidfja. — Hoch- 
gradige Hitze. — Beschreibung der Stadt und ihrer Bewohner. — Behausungen der 
Tubu. — Gartcncultur. -— Btl Zcid und seine Ansprüche. — Weitere Ankaufe für 
die Heise. — Bachi. — Arabische Ruinen. — Zunehmende Tubu - Besucher. — 
Augenentzündung. — Qasrauwa. — Weg durch das Thal Ekema. — Tcdscherri und 
seine Qasba. — Bevölkerung. — Verrätherische Pläne der Tubu. — Abreise. — Blr 
Mcschru. — Traurige Zeugen des Sclavcnhandels. — Lagöba Buia. — Lagöba Könd. 
— Hochebene Alaota Kju. — Tummogebirge oder cl-WAr. 

Der Mai war nocli reich an Fieberanfällen für mich gewesen, 
und unter ihrem Einflüsse hatte sich eine schleichende Dysscnterie bei 
mir entwickelt, welche mir eine baldige Abreise sehr wünschenswerth 
erscheinen Hess. Gegen Ende des Monats kam auch der von Seiten 
des Hädsch Dschaber erwartete Tubu -Edle — Maina , welcher 
Akremi hiess, aber mehr unter seinem Beinamen Kolokömi bekannt 
war, in Begleitung eines Vetters, Namens Wolla. Kolokömi war ein 
kräftiger Mann von vierzig und einigen Jahren, von guter Mittclgrösse, 
dunkel broncefarbiger Haut und rundem Gesichte, dessen Züge und 
voller Bart nichts Negerhaftes im gewöhnlichen Sinne des Wortes an 
sich trugen; Wolla war magerer, dunkelfarbiger und hatte ein ovales Ge- 
sicht. Jener hatte übrigens nach seiner Behauptung etwas Tuärikblut in 
den Adern, so selten auch Vermischungen zwischen beiden Stämmen 



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X%) II. BUCH, I. KAPITEL. PER SÜDLICHSTE THEH. VON FEZZÄN. 



abgesehen von den Fallen, in denen weibliche Kriegsgefangene 
in den feindlichen Stamm gerathen vorkommen sollen. Sein 
nicht eben durch Sauberkeit glänzendes und «arg zerfetztes Bornü- 
gewand Hess keinen hochstehenden Mann in ihm vermuthen; doch 
das ärmliche Aeussere that dem würdevollen Auftreten und dem 
Sclbstbewusstscin des freien Sohnes der Wüste keinen Eintrag. Die 
Leute, welche ihn von seinen wiederholten Besuchen in Fezzan 
kannten, stellten ihm das verhältnissmässig beste Zeugniss aus, indem 
sie ihn als einen der wenigst Schlechten unter seinen Stammes- 
genossen, die freilich insgesammt Schurken seien, bezeichneten. 

Am 24. Mai schloss ich einen Contract mit diesem Manne ab, dem 
zufolge er mich durch das ganze Land Tibesti, wohin ich immer zu 
reisen wünschen würde, zu führen und nach Fezzan zurückzugeleiten 
versprach, während ich mich verpflichtete, ihm 80 Mahäbub (nahezu 
300 Mark) zu bezahlen. Von dieser Summe sollte ihm die eine 
Hälfte vor Beginn der Reise, die andere nach erfolgter Rückkehr 
durch den I Iädsch Dschäber ausgehändigt werden. Im Falle glück- 
lichen Gelingens versprach ich ihm noch das Extrageschenk einer 
Steinschlossflinte und seinem Cousin eine beliebige Anerkennung 
seiner Dienste. Ausser dem Herrscher des Landes, Tafertemi, sollte 
jeder der hauptsächlichsten Edlen Tibestis, deren Zahl vorläufig zu 
sieben angenommen wurde, über deren Liste aber der Hädsch Dschä- 
ber entscheiden sollte, einen rothen Tuchburnus erhalten. Der Mieth- 
preis war ein hoher, wenn ich bedachte, dass der in Aussicht ge- 
nommene zweite, den Muräbidija von Qatrün angehörende Reisebe- 
gleiter sich wahrscheinlich zu noch grösseren Ansprüchen berechtigt 
halten würde. Da es aber noch wohlbekannt in Qatrün war, dass 
M. v. Beurmann dieselbe Summe mit dem damaligen Maina Tafcrtrmi, 
der ihn geleiten wollte, vereinbart hatte, so musste ich das Opfer 
bringen. 

Es gelang mir, in Murzuq selbst ein halbes Dutzend rother Tuch- 
burnusse und drei indigogefarbte, schwarzblaue Südangewänder auf- 
zutreiben. Jene wechselten in ihrem Preise von 12 bis 20 Maria- 
Theresia-Thalern (50 bis 80 Mark), ohne dass der Mottenfrass, der 
einige derselben gründlich zerstört hatte, eine Ermässigung des Preises 
mit sich gebracht hätte. Die Kaufleute suchten sich natürlich die Be- 
harrlichkeit, mit der ich an dem Plane der Reise nach Tibesti fest- 
hielt, meine Unerfahrenheit und den Mangel an Concurrcnz, so sehr 



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CONTRAC T MIT DKM Tl'BU - EDI.EN. — REISEAUSRUSTUNG. 



201 



sie konnten, zu Nutze zu machen. Die Südäntoben kosteten nicht 
einmal halb so viel als die Burnusse und sollten gleichwohl in Tibesti 
nahezu ebenso sehr geschätzt sein. Die Tubu sowohl wie die Tuarik 
ziehen die dunkeln Gewänder, welche gewissermaassen mit dem ernsten 
Charakter der Wüste und ihrem eigenen finsteren Sinne harmoniren, 
den hellfarbigen vor und haben ein besonderes Wohlgefallen an den 
genannten Indigo- Toben, die ihrer oft hinlänglich hellen Haut sicht- 
liche und sehr beliebte Spuren der Unvollkommcnheit sudanischer 
Färbekunst aufdrücken. 

Zu diesen Geschenken fugte ich ein Dutzend rother tunisischcr 
Mutzen, Musselinstorf — Schasch zu weissen Turbanen für etwa 
zwölf Personen, etwas Benzoe Dschäwi — , das zum Räuchern 
sehr beliebt ist, Antimonpulver Köhol — , das als Cosmcticum 
und I leilmittel gegen leichte Ophthalmieen auch in Tibesti in Ge- 
brauch ist, eine ansehnliche Menge Tabak und einige Stücke des 
Cham genannten, ungebleichten europäischen Baumwollenstoffs, der 
als Haupttauschwerth in Tibesti dient. Etwa Fehlendes konnte ich 
voraussichtlich in Qatrün bei den Muräbidija, welche den ganzen 
Handel mit Tibesti vermitteln, rinden. Für den Fall, dass es mir 
gelingen sollte, meine Reise bis Borkü auszudehnen, fügte ich noch 
einige sudanische Gewänder aus Bornü, Haussa, Nife bei, welche 
einen durchschnittlichen Preis von 15 Mark das Stück hatten. 

Die königlichen Geschenke, welche mir nach Bornü überzuführen 
oblag, liess ich natürlich, da keine Aussicht vorhanden war, etwa 
über Tibesti dorthin reisen zu können, und weil auch das ganze 
Unternehmen zu gewagt und zu unsicher erschien, unter der Obhut 
des Hädsch Brähim Ben Alüa zurück, und zum Wächter des Hauses 
wurde Ali aus Mandara unter der Oberaufsicht des jungen Mohammed 
Ben Alüa bestellt. 

Trotz aller Versicherungen Kolokömi's und Hadsch Dschäbcrs 
blieb der brave Mohammed aus Qatrün der ganzen Reise in früherer 
Weise abhold und berief sich mit Recht auf die Erfahrung der zwölf 
Jahre, welche er in der Mitte seiner halben Landsleute im südlichen 
Fezzan zugebracht, und der beiden Reisen, welche er nach Tibesti, 
der Heimath seines Vaters, unternommen hatte. Auf den Edlen 
Kolokömi legte er keinen grossen Werth; seine einzige Hoffnung 
beruhte auf der Begleitung des Muräbid von Qatrün, wenn dieser 
entweder der mir bereits bekannte 'Ali aus Bachi oder ein gewisser 



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2l>2 II. BUCH, I. KAPITEL. DER SÜDLICHSTE THEIL VON FEZZAN. 

Bü Zcid aus demselben Dorfe sein würde. Da der berühmte Be- 
gleiter Barth s kein Jüngling mehr war, und ich seinen Widerwillen 
gegen die Unternehmung sah, machte ich ihm den Vorschlag, mir 
einen Diener, welcher der Tubu-Sprache mächtig sei, zu suchen und 
selbst zurückzubleiben, zumal mir dadurch die Erfüllung meines offi- 
ciellen Reisezweckes gesicherter erschien. Doch der brave Mann 
wies diesen Vorschlag mit einer gewissen Entrüstung zurück, indem 
er hinzufügte: „Ich habe Deinen Freunden in Tripolis versprochen, 
Dich wohlbehalten nach Bornü zu fuhren, wie ich auch Deine Brüder 
Abd el-Kenm (Barth) und Mustafa Bei (Rohlfs) dorthin geleitet habe. 
Mit Gottes Hülfe werden wir dies Ziel zusammen erreichen; bis 
dahin werde ich Dich nicht verlassen, und wenn Dir bei den ver- 
ratherischen Tubu ein Unglück zustossen soll, so will ich dasselbe 
mit Dir theilen". 

Während die Mundvorräthe, welche in einem Centner Mohammes, 
einem halben Centner Reis und ebenso viel Zwieback — Buqsmat 
bestanden, theils im Hause des freundlichen Hädsch Brahim, thcils 
in der Stadt hergerichtet wurden, begab sich Büi Mohammed in 
sein heimathliches Dorf, wo sein Sohn meine Kameelc weidete, um 
diese zu holen und um von seiner Familie Abschied zu nehmen. 
Von jenen bedurfte ich vier zur Reise, die beiden übrigen beabsich- 
tigte ich, da in Dudschal die Weide schlecht war, in dem benach- 
barten, auf unserem Wege liegenden Dorfe Bidan bei einem dem 
Hadsch Brahim bekannten Manne in Obhut zu geben. 

Bui Mohammed kam mit seiner Ehehälfte, seinem achtzehn- 
jährigen Sprössling, den Kameelen und einem jungen Hunde, den 
wir nach seinem Heimathsorte Dudschali nannten und mitzunehmen 
beschlossen, am 4. Juni zurück, an demselben Tage, an dem meine 
feierliche Entlassung und Uebcrwcisung an den Tubu-Edlen vor dem 
versammelten grossen Rathe stattfinden sollte. Die Frau Mohammed 's, 
ebenfalls von Tubu -Ursprung, doch in Fezzan geboren und alt ge- 
worden, hatte mit der Zeit die philosophische Ruhe ihres Eheherrn 
angenommen, war dunkelfarbig, wie er, und zeichnete sich durch 
einen sehr schönen, braunen, egyptischen Wollenshawl für Kopf und 
Schultern und einen ungewöhnlich ansehnlichen, rothen Korallen- 
cylinder in ihrem rechten Nasenflügel aus. Wenn sich auch die 
Liebe Beider nicht sehr lebhaft äusserte, so schienen sie doch in 
rührender Weise an einander zu hängen, und wenn die Gattin die 



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ENTLASSUNG VOM MEDSCHEI.IS. — TRENNUNG VON FRAULEIN TINNE. 203 

Tibcsti-Reise ebenfalls mit missbilligenden Augen betrachtete, so war 
es nur aus Besorgniss für Mohammed. 

Kolokömi benahm sich vor Pascha und Rathsversammlung ein- 
fach, verständig und nicht ohne Würde. Ich ward ihm feierlich anver- 
traut, eine gewisse Verantwortung für mein Leben und Eigenthum 
auf sein Haupt gewälzt, und er verpflichtet, mich, wenn irgend mög- 
lich, auch nach Borkü zu fuhren, in jedem Falle aber nach Fezzan 
zurück zu geleiten. Für Tibesti nahm er die Verantwortung auf 
sich, doch die Entscheidung über eine Reise nach Borkü schob er 
auf seine Collegen, die übrigen Edlen, von denen Manche eine ge- 
wichtigere Stimme hätten, als er selbst. Ein feierliches Fatiha (Ein- 
gangsgebet des Qorän) segnete unsere Reise ein, deren Antritt auf 
den zweitfolgcndcn Tag festgesetzt wurde. 

Meine genesene Freundin hatte denselben Tag zur Abreise ge- 
wählt. Ichnuchen wurde im Wädi el-Gharbi erwartet, und sie beab- 
sichtigte, dort die nöthigen Verabredungen über eine Reise mit ihm 
in die Tuärikländer zu treffen. Am Abend des 5. Juni begleitete ich 
sie zum Westthore hinaus, wo ihre Leute unter den Mauern der Stadt 
ihr Lager aufgeschlagen hatten. Meine Reise musste als ein höchst 
gefahrvolles Unternehmen bezeichnet werden, da die Tubu als wort- 
brüchig, verrätherisch, habgierig, diebisch und grausam bekannt sind, 
während die ihrige, garantirt durch einen machtvollen Häuptling, 
der während seines langen Lebens — Ichnuchen war ein hoch be- 
tagter Greis — den Ruf der Zuverlässigkeit erworben hatte, und zu 
einem Volke, von dem man sagt, dass es auf Treu und Glauben 
und die Heiligkeit der Verträge halte, keinerlei ernste Gefahren mit 
sich zu bringen schien. In diesem Sinne nahmen wir Abschied von 
einander, recht herzlichen Abschied, denn ich hatte während unseres 
gemeinschaftlichen Aufenthaltes in Murzuq Geist und Herz dieser 
Dame gleich hoch schätzen gelernt, und ahnte wahrlich nicht, 
dass ich nach einer leidensvollcn Reise und glücklichen Rettung aus 
grossen Gefahren bei meiner Rückkehr durch die Nachricht des 
blutigen Endes der verrathenen Dame mit Schmerz und Entsetzen 
erfüllt werden würde. 

Während sie am 6. Juni ihrem Verhängniss entgegen nach Westen 
zog, verliess ich mit Giuseppe Valprcda, BuT Mohammed, Ali cl- 
Fezzani und Sa'ad die Stadt durch das östliche Thor, nachdem der 
Hädsch Brähim noch einmal meinem Tubu -Gefährten ins Gewissen 



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204 II. BUCH, I. KAPITEL. DER SÜDLICHSTE THEIL VON FEZZÄN. 

geredet hatte. Die Tagesstunde war eine sehr vorgerückte es war 
i Uhr Nachmittags — , eine ungewöhnliche Reisestunde im Sommer; 
doch bei dem seit drei Tagen wehenden Nordostwinde war der Tag 
kühl und der Himmel im Nordosten und Osten mit der seltenen 
Zierde dichter Regenwolken bedeckt. 

Leider beraubte mich die Wahl dieser Tageszeit, welche jeder 
redliche Murzuqcr unverkümmert der Siesta weiht, der feierlichen 
Begleitung seitens meiner Freunde, und das Fehlen der gewohnheits- 
massigen Segenswünsche machte mir bei der trüben, verdunkelten 
Atmosphäre einen recht peinlichen Kindruck. Es hat mich auch 
später stets sehr wohlthuend berührt, wenn beim Antritte einer Reise, 
welche durch die mancherlei von ihr unzertrennlichen Gefahren und 
die lange Zeit der Abwesenheit in jenen Gegenden zu einem ganz 
anderen Rrcigniss wird als in Kuropa, einer der Zurückbleibenden 
mit den Worten: „Wohlan, Brüder, das Fatiha!" das Zeichen zur 
Trennung gab. Ks ist ein feierlicher Anblick, wenn alle Anwesenden 
aufrecht stehend und die Innenfläche der halb erhobenen Hände nach 
oben gerichtet, das schöne Eingangsgebet des Qorän murmeln, mit 
der Rechten über Gesicht und Bart streichen und mit einfachem 
Händedrucke oder arabischer Umarmung in ernstem Schweigen aus 
einander gehen. Nur mein Adjutant Mohammed Ben Alüa und ein 
Nachbar, Müsa Ben Otmän, ein junger Kaufmann von seltener Rührig- 
keit und Energie, begleiteten mich für eine kurze Strecke. 

Unser Weg war in der nächsten Nähe der Stadt wenig anmuthig, 
denn die Gärten und Dattclhaine blieben beiderseits weit entfernt, 
und der Zerfall der ausgetrockneten Scbchastellcn bildete einen 
schmutzigen Staub, der nichts weniger als angenehm war. Wir zogen 
in Ostsüdostrichtung an dem aus wenigen Palmcnblatthütten beste- 
henden Dörfchen Mureizuq (Diminutif von Murzuq) vorüber durch 
die schwach gewellte, sandige Ebene, die hier und da durch Kies- 
grund und niedrige Kalkhügelzüge unterbrochen ist. Nach einigen 
Stunden stiessen wir auf einen Hain verwilderter Wischqas, welcher 
früher zu einem Dorfe gehört hatte, dessen Erdmauerreste unter dem 
Namen Rawat rechts am Wege blieben. Weiter nach Nordosten 
sprachen die Ruinen, welche noch vor Kurzem das Dorf Mendschcli 
bildeten, für die Abnahme der Bevölkerung. Um den Weg etwas 
abzukürzen, Hessen wir kurz darauf das Dörfchen Hadsch Hadschil 
nordnordöstlich am Wege versteckt in seinem Dattclhain. Von hier 



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DIE BRUNNEN TAHANfJA. — DAS DORF BIDÄN. 



206 



ab wurde unsere Richtung südöstlich oder südsüdöstlich. Links 
tauchten die Dattelhaine der Dörfchen der Hofra auf, wahrend gelbe 
Sandhügel den südlichen und südwestlichen Horizont begrenzten, und 
unsere nächste Umgebung zeigte hier durch schlecht gepflegte Palmen- 
gruppen, dort durch grosse Etelbüsche, noch anderswo durch Domran- 
und Aqülwuchs ihre kümmerliche Vegetationskraft. Die Etelbüsche 
stehen meist auf mehr oder weniger ansehnlichen Sandhügeln, zu 
deren Entstehung sie selbst beigetragen haben, und welche zum 
Unterschiede von den früher erklärten „Zeugen" wohl „Neulinge' 
genannt werden. 

Mehr als vier Stunden nach unserem Abmärsche stiegen wir 
über eine unbedeutende Hügclrcihe in die Tabanija genannte Ebene 
hinab, welche zwei bekannte Brunnen enthält, deren westlicher in 
alter Gewohnheit den Tubu zum Lagerplatze dient, während der öst- 
liche von den Tuärik besucht wird, wenn die Zeit der Dattelemtc 
sie herbeilockt. Wir wählten den östlichen Brunnen, der in der Tiefe 
von 1,50 M. eine spärliche Wassermenge von 20,8° C. Wärme enthielt, 
zu unserem Nachtlager, und hatten uns kaum an demselben nieder- 
gelassen, als die Entladung eines Gewitters begann, mit welcher uns 
die immer massiger gewordenen Wolken schon seit einigen Stunden 
bedroht hatten. Der Regen war spärlich, reichte aber hin, um 
unserm Mohammed und dem Tubu die feste Uebcrzcugung zu geben, 
dass Ichnuchcn im W. el-Gharbi lagere, da von einer Reise dieses 
Häuptlings nach Fezzän Regen unzertrennlich sei. 

Der nächste Morgen führte uns in östlicher Richtung über eine 
ähnliche sandige, licht mit Palmen bewachsene Ebene, zwischen 
runden, grossen Maulwurfshaufen ähnelnden Domranhügelchcn und 
an Neulingen vorüber bis Bidän, das wir, nachdem wir das Dorf 
Zezau nördlich gelassen hatten, vier und eine halbe Stunde nach 
unserem Aufbruche erreichten. Bidan war ein elender Haufe von 
Lehmruinen, von denen nur die Moschee und zwei Privatgebäude 
stehen geblieben waren; die übrigen 30 bis 40 Hausstände bedienten 
sich der Hütten aus Palmblättern. 

Wir hatten die Absicht gehabt, nur die Mittagshitze im Schatten 
des zum Dorfe gehörigen Palmenhains zu verbringen, doch die Unter- 
bringung meiner beiden überflüssigen Kameclc nahm einen grossen 
Theil des Tages in Anspruch, da der Freund Ben Alüa's, wie die 
meisten Einwohner, abwesend war. Kürzlich hatten räuberische Araber 



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20G lt. BÜCH, I. KAPITEL. DER SÜDLICHSTE THE1L VON FF.ZZAS. 

aus der Umgegend der grossen Syrtc hier einige 70 Kamcele der 
Tubu mit ihren Hirten geraubt, und viele Einwohner hatten sich 
aus Furcht vor Repressalien einstweilen in benachbarte Dörfer zu- 
rückgezogen. Schliesslich vertraute ich dem blinden Ortsvorsteher 
die Thiere mit dem Briefe des Hadsch Brähim an, doch zur Weiter- 
reise war es zu spät geworden. 

Der Tag war kühl; ein massiger Wind trieb wieder massige Ge- 
witterwolken aus Südosten herauf, und der erfrischende Schatten 
unserer Lagerstelle bildete einen genussreichen Gegensatz zu dem 
staubigen und sonnigen Aufenthalte in der Hauptstadt. Die schwarzen 
Diener hatten sich eine ansehnliche Quantität von Laqbi verschafft, 
und Ali und Sa'ad sich bald in einen unzurechnungsfähigen Zustand 
versetzt. Der würdige Bui Mohammed vergass zwar seine Würde 
nicht so weit, heiterte sich jedoch genugsam an, um eine Beredsam- 
keit zu entfalten, wie ich sie früher nie an ihm zu bewundern Gelegen- 
heit gehabt hatte. Für mich selbst war diese erheiternde Beschäftigung 
meiner Dienerschaft, die ich übrigens in träumerischem Rückblicke 
auf meine Studentenzeit mich nicht entschliessen konnte zu stören, 
von unheilvollen Folgen. Ich war im Schatten einer Dattelpalme 
sanft entschlummert und erwachte selbst dann nicht, als die fort- 
schreitende Sonne ihre Strahlen auf meine nackten Küsse und Unter- 
schenkel herabsandte, während meine Begleiter begreiflicher Weise 
kein Auge für meine Gefahr hatten. Nach dem Erwachen empfand 
ich einen dumpfen Schmerz und ein eigentümliches Gefühl von 
Schwere in beiden Füssen, die ersten Symptome einer Entzündung, 
welche mir einige qualvolle Tage bereiten sollte. 

Die Strecke zwischen Bidan und Qatrün ist eine vollständige, 
theils sandige, theils steinige Wüste, welche nur unterbrochen ist 
durch die Hattija von Mestüta in der ungefähren Mitte des Weges. 
Von Bidan ab dehnt sich die Vegetationsstrecke noch für eine gute 
Stunde aus bis zum Bir ed-Domrän, den wir am folgenden Morgen 
in Südostrichtung erreichten. Wir nahmen aus demselben, der nur 
0,75 m tief ist, unseren Wasserbedarf, Hessen die Kameele sich einige 
Stunden im Aqül gütlich thun und setzten gegen Mittag unseren 
Weg fort. Leider stellte sich mehr und mehr heraus, dass die Aus- 
dehnung der Verbrennung meiner unteren Extremitäten eine viel be- 
deutendere war, als ich gefürchtet hatte. Auf den geschwollenen 
und heftig schmerzenden Gliedern war eine ausgedehnte Blasenbil- 



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HAT'lijA MESTÜTA. 



207 



dung eingetreten, so dass jeder Gebrauch derselben unmöglich wurde. 
Wenn schon das Kamcelreiten ohne wirkliche Reitsattel oder andere 
comfortable Vorrichtungen nicht zu den Annehmlichkeiten des Lebens 
gezahlt werden kann, so war es unter den obwaltenden Umstanden 
fast unerträglich. Wie glühendes Blei hingen meine Beine auf die 
Schultern der Kamcele herab und jede zufallige Berührung derselben 
mit den Knochen des Thiercs oder dem Molze der Kisten, auf denen 
ich sass, verursachte Schmerzen, die mich fast der Besinnung be- 
raubten. 

Vom Bir ed-Domran bis Mcstüta dehnt sich eine unrcgelmässige 
und hochgehügelte, schwer zu überwindende Dünenregion aus. An- 
fangs war der Sand eben, auf das zarteste gewellt, in der Anordnung 
der Wellenlinien den Einfluss des vorherrschenden Nordostwindes 
zeigend und meist von tragfähiger Härte. Doch dann kamen von 
Ost nach West streichende Sandhügelzüge, und zuweilen kletterten 
wir in wahren Labyrinthen von Berg und Thal herum, in denen mir 
unbegreiflich war, wie meine Begleiter die Wegrichtung innc zu halten 
vermochten. In den Thälem entwickelt sich hier und da eine spar- 
same Vegetation von Nissi {Aristida plumosa) und selbst von Häd; 
Die Hügel bestehen aus reinem Klugsande. Die letzteren wurden im 
Laufe des Nachmittags höher und erreichten in der Mitte der Ent- 
fernung zwischen Bidän und der Mestüta-Oase, wo sie entsprechend 
ihrer Lage Dschebel en-Nusf, d. h. Berg der Hälfte, genannt werden, 
eine Höhe von 30 bis 40 M. Bis zu ihnen hatten wir bei zahlreichen 
Windungen durch die Thäler und über die Berge eine Durchschnitts- 
Wegrichtung von Südost eingehalten; von da ab wurde dieselbe eine 
mehr südliche. Wir erreichten an diesem Tage Mestüta nicht mehr, 
sondern lagerten nach mehrstündigem Marsche an einer Stelle der 
Dünengegend, welche von ihrem Rcichthum an Häd den Namen 
dieser geschätzten Kameelfutterpflanzc trägt. 

Während des ganzen Tages war der Himmel bewölkt gewesen, 
und am folgenden Morgen (9. Juni) kam es zum zweiten Male binnen 
wenigen Tagen in einer sonst so trockenen Jahreszeit zur Erscheinung 
eines halbstündigen Regens, während wir in südlicher Richtung auf 
Mestüta marschirten. Wir hatten drei Stunden bis dorthin und er- 
blickten von der Höhe eines der Sandhügcls, welche allmählich be- 
trächtlich niedriger wurden, die noch einmal anschwellenden Dünen, 
zu deren Füssen Mestüta sich ausdehnt, als einen dunkelen Höhen- 



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208 II. BUCH, I. KAPITKL. DER SÜDLICHSTE THE IL VON FEZZÄN. 



zug, der von Nordost nach Südwest verläuft und Dsch. Mestüta ge- 
nannt wird. Jenseits desselben begann eine ausgedehnte Vegetation 
von Rischu {Calligomim comosum) in dichten Büschen auf halb- 
kugeligen Hügeln, welche beträchtlich grösser sind, als die des 
Domrän. Bald kamen Etclbüsche und Palmengcstrüpp hinzu und 
in reicher Auswahl für die Kameelc Häd, Aqül, Domrän, Dis (7////V- 
rata cylindrica), Sebat und die Leptochlia bipinnata oder Eragrostis 
cynosuroides. 

Die I lattija ist mehr als zwei Stunden lang und eine halbe Stunde 
breit und hat an ihren Rändern reinen Sandboden, doch im Innern 
theils trockenen Sebchagrund, theils sogar sumpfigen Boden. An der 
tiefsten Stelle befinden sich drei oder vier oberflächliche Wasser- 
löcher mit leicht brakischem Wasser, das eiye Temperatur von 
23,7 0 C. zeigte , und nördlich davon zeugen die Ruinen eines Erd- 
kastelles früherer Fezzan-Herrscher von besserer Benutzung dieses 
fruchtbaren Fleckchens mitten im Sandmeere. Meinen Füssen zu 
Liebe, zu deren Schmcrzlindcrung und Behandlung ich glücklicher 
Weise etwas Oel besass, verbrachten wir den ganzen Tag in Mestüta, 
obgleich der unzureichende Schatten niedriger Tamarisken, deren 
Ausdünstung überdies dem Menschen schädlich sein soll, wenig ein- 
ladend war. 

Nachdem in der folgenden Nacht ein heftiger Südwind geweht 
hatte, brachen wir am 10. Juni früh, wieder bei sehr bewölktem 
Himmel, schwachem Südwestwinde und spärlichem Regen, in Süd- 
richtung auf und erreichten bald die Grenze der Hattija. Während 
wir über weisslichen oder aschgrauen Kalkboden, meist mit dünner 
Sandschicht bedeckt, und dann über Kiesgrund, mit kleinen braun- 
rothen Steinen bestreut, hinzogen, spendete uns der Himmel noch 
zweimal einige Regentropfen. Gegen Mittag durchschnitten wir eine 
von Nordost nach Südwest streichende Hügelkette, welche aus einem 
Kalksteinkern mit hoher Sandbedeckung besteht und als Ghard 
el-kebir d. h. der grosse Dünenzug, das Ende des ersten Drittels der 
Entfernung von Mestüta bis zum Bir Dekir oder Dekkir*) bezeichnet. 
Von da ab hört jede Hügelbildung und aller Steinbelag auf; der 
Weg führt ununterbrochen über eine weite, sanftgcwelltc Sandebene, 



•) Die letztere Schreibweise ist wahrscheinlich die richtigere, und dann bedeutet wohl 
das Wort ,,Iirunnen der männlichen Dattelpalmen". 



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ANKUNFT IN QATRÜN. 



LMM 



in der. wir nach zwölfstündigem Marsche in fast südlicher Richtung 
unser Nachtlager aufschlugen. 

Der Wind war allmählich nach Westen und Nordwesten herum- 
gegangen und hatte uns noch einmal einige Regentropfen gebracht; 
erst auf der Höhe des Nachmittags brach die Sonne vorübergehend 
durch die Wolkenschicht. Auch am folgenden Tage (i I. Juni) drohten 
bei hochgradiger Hitze Gewitterwolken aus Süden, wahrend wir, 
den Bir Dekkir östlich lassend, uns in der Richtung des vorhergehenden 
Tags unserem Ziele näherten. Da während der grössten Tageshitze, die 
aussergewöhnlich stark zu werden drohte, ein Palmenhain durch 
Schatten und reichliches Kameelfutter zur Tagesrast einlud, beschlossen 
wir, erst am Abende die Stadt der Muräbidija zu betreten. 

Schon hier erhielt ich einen Vorgeschmack von den Ansprüchen 
und Betteleien, welche mir das Leben unter den Tubu so sehr ver- 
bittern sollten, indem Kolokömi der Sucht, vor seinen Landsleuten 
zu glänzen, nicht widerstehen konnte und nicht ruhte, bis ich ihm 
einen der feuerrothen Burnusse seiner Collegen zum Herunistolziren 
in Qatrün geliehen hatte. Nach der Tageshitze Qaila legten 
wir in anderthalb Stunden, über Kiesboden und an den Gärten der 
Einwohner vorüber, die kurze Entfernung zurück, welche uns noch 
von unserem Ziele trennte und lagerten auf der Südseite der Stadt. 

Sofort betätigte sich die Gastfreundschaft des Hädsch Dschabcr, 
der kurzweg der Murabid genannt wurde, (Kirch eine reiche Sendung 
von Gerstenbrei, Weizenbrod und einigen Hühnern, und am folgenden 
Morgen erschien der würdige Greis selbst mit seinem Bruder, dem 
Hadsch Hamdün, und den Vornehmsten der religiösen Bewohnerschaft, 
um den üblichen BewillkommnungskafTee einzunehmen und mich seiner 
Ergebenheit und Dienstwilligkeit zu versichern. Er war ein kräftiger, 
ziemlich hellfarbiger Mann, dem man seine »So und einige Jahre (er 
erwies schon dem Capt. Lyon im Jahre 1819 Gastfreundschaft) nicht 
ansehen konnte, und herrschte mit unbestrittener autokratischer Ge- 
walt über den District, dessen Verwaltung ihm anvertraut war. Er 
sprach kräftig und bestimmt und behandelte seine Mitbürger und 
die Edlen von Tibesti in gleicher Weise als Untergebene. Der gut- 
müthige Hadsch Hamdün war sein Echo und hatte mit der Zeit die 
lächerliche Gewohnheit angenommen, die letzten Worte irgend einer 
Bemerkung seines berühmten Bruders und Chefs mit einer Energie, 
die ihm sonst fremd war, gleichsam zur Bekräftigung zu wiederholen. 

Nachtigal. I. 14 



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'210 



II. BUCH, I. KAPITEL. DKR SÜDLICHSTE Tlf KU. VOM FEZZÄN. 



Während jener sprach, ergötzte er mich durch die sonderbarsten 
mimischen Bestrebungen, die zum Zweck hatten, mir eine hohe Idee 
von der Macht, der Klugheit und der Freundschaft seines Bruders 
beizubringen. Schweigend sassen die Andern, unter denen der her- 
vorragendste der Hadsch Mahmud, der Schreiber der Genossenschaft 
war, und tranken eine Tasse Kaffee nach der andern, während ich 
aus Höflichkeit vorläufig vermied, geschäftliche Angelegenheiten in 
die Unterhaltung zu ziehen. 

Es herrschte an diesem Tage eine so hochgradige Hitze bei sehr 
schwachem Südwinde (wir kamen um 2 Uhr Nachmittags bis auf 
49° C. im Schatten), dass ich auch ohne meine noch nicht geheilten 
Beinwunden nicht im Stande gewesen wäre, etwas zu unternehmen. 
Aus dem Zelte eilte ich in den Schatten der vollblattrigen , aber 
vereinzelt stehenden Dattelpalmen, wo wenigstens von Zeit zu Zeit 
ein leiser Windstoss momentan Erfrischung brachte. Doch der Sand 
des Bodens glühte und trieb mich wieder in das Zelt. Die Hunde 
gruben mit verzweifelter Energie an schattigen Stellen Löcher in den 
Sand, waren jedoch nicht im Stande, die kühle Bodenschicht zu er- 
reichen, und die geschenkten Hühner lagen halb todt mit weit auf- 
gesperrtem Schnabel da. Jeder Trunk des lauwarmen Wassers schien 
die Qual zu vermehren, und die Verminderung der Kleidungsstücke 
gab nur für Augenblicke das Gefühl der Erleichterung. 

Kolokömi Hess sich durch diese Temperaturverhältnisse nicht in 
der Befriedigung seiner Eitelkeit beirren, sondern stolzirte in dem 
rothen Tuchmantcl , der bald die Schultern eines seiner Landsleute 
zieren sollte, durch die Strassen der Stadt, als wenn winterliche 
Kälte geherrscht und das prächtige Kleidungsstück ihm gehört hätte. 
Ueberhaupt begannen meine Tububegleiter jetzt, wo ihre Landsleute 
häufiger wurden, mehr auf ihre äussere Erscheinung zu halten; sie 
gingen nur noch vollständig bewaffnet, den Kopf mit einem Shawl 
umwickelt, der gleichzeitig das Gesicht verhüllte, kokettirten mit 
religiösen Emblemen, trugen Rosenkränze in der Hand, Talismane 
um den Hals und heil- und zauberkräftige Qoränsprüche in mannig- 
fach geformten Ledertäschchen an Hals und Oberarm, Turban und 
Tobe. Wolla schien viel bewanderter und fester in den Anforderungen 
und Anschauungen ihrer Religion zu sein als Kolokömi. Dieser, 
wenn er auch höchst regelmässig seiner Betpflicht nachkam und un- 
gefähr gelernt hatte, zuvor seine Abwaschung vorzunehmen, ohne 



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HÄDSCH DSCHÄHKK UNK SKINK CKKAHKTEN. 



211 



die Vorschriften des Propheten grob zu verletzen, hatte nicht einmal 
vermocht, seinem schwerfälligen Gehirne den zum Beten notwen- 
digen Inhalt des Qoran einzuverleiben. Den Eingang zum moham- 
medanischen Glaubensbekenntnisse sprach er mit volltönender Stimme, 
doch dann folgte nur noch unverständliches Gemurmel, durch das 
er seine beschämende Unkenntniss zu verbergen trachtete. 

Kaum hatte ich am folgenden Morgen durch Bin Mohammed 
einen feinen weissen Wollenburnus und ein Fläschchen mit Rosen- 
Essenz an den Hädsch Dschäber und einen tunisischen Tarbusch an 
den Hädsch Hamdun ubersendet, als der Erstere mit seinem gestrigen 
Gefolge erschien, um die geschäftlichen Rucksprachen zu nehmen. 
Nur der gelehrte Secretär hatte seinem Chef sagen lassen, er könne 
sich an dem Besuche nicht bethefligen, da ich ihn bei der Verkei- 
lung von Geschenken vernachlässigt habe. Nachdem diese kleine 
Differenz erledigt und Hädsch Mahmud durch das Opfer eines Maria- 
Theresia -Thalers meinerseits versöhnt war, [heilte mir der Hädsch 
Dschäber mit, dass er nach Kcnntnissnahme des Ben Alua'schen 
Briefes beschlossen habe, mir den Muräbid Bu Zeid von Bachi als 
Begleiter mitzugeben, also gerade die Person, welche ausser dem 
mir bekannten Ali von meinem alten Mohammed als die geeignetste 
bezeichnet worden war. Ali, der zwar ohnehin nach Tibesti reiste, 
wollte sich nicht mit mir einlassen, da ihn seine kaufmannischen Ge- 
schäfte nach Borkii riefen, wohin mich zu führen er durch keine Vor- 
stellungen zu bewegen war. Da Bu Zei'd noch in seinem heimath- 
lichen Dorfe weilte, liess sich über den ihm zu zahlenden Preis noch 
Nichts festsetzen. 

Der Hädsch Dschäber nahm Kenntniss von den mit Kolokömi 
vereinbarten Bedingungen und wies einen Versuch desselben, schon 
vor der Abreise in den Besitz der zweiten Hälfte des festgesetzten 
Miethpreises zu gelangen, sehr entschieden zurück. Kolokömi nämlich 
fürchtete, dass bei unserer Ankunft in Tibesti der König oder Häuptling 
Dardai — Tafertemi und die übrigen mächtigeren Mainas Protest 
gegen meine Besichtigung des Landes erheben und daraus Schwierig- 
keiten für die Restzahlung erwachsen würden. Er entwickelte seinen 
Plan vor dem Hädsch Dschäber dahin, dass er mich mit Umgehung 
anderer bewohnter Plätze in das Wädi in der Tubu- oder Teda- 
sprache Enncri Zuär, den Wohnsitz Tafertemi's und der ange- 
sehensten Edlen, führen und von dort, nach Maassgabe der Haltung 

14* 



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212 II« BUCH, I. KAPITEL. DER SÜDLICHSTE THEII, VON FEZZÄN. 



der letzteren , entweder auf die Rundreise oder nach Fezzan zurück- 
geleiten werde. Hädsch Dschaber billigte diesen Plan und bestätigte, 
dass Alles darauf ankommen würde, die Geneigtheit der Herren von 
Zuar zu gewinnen , unter denen Arami , Brähim und sein Bruder 
Tokömi, Akrcmi Temtdomi, der mütterliche Onkel Bü Zeids, Uerdego 
Keidomi und einige Andere die massgebende Rolle für ganz Tibesti 
spielten; die Edlen von BardaT seien von geringerer Bedeutung. 

Die Heilung meiner Sonnenbrandwunden war so weit vorge- 
schritten, dass ich Nachmittags eine Besichtigung der Stadt vor- 
nehmen und dem Hädsch Dschaber meinen Gegenbesuch machen 
konnte, obgleich der Gang durch die noch fortdauernde grosse 
Hitze und einen heftigen Staubwind aus Südosten sehr unangenehm 
gemacht wurde. Die Stadt liegt in Mitten eines grossen Palmen- 
hains, unmittelbar umgeben von Gärten, welche sich an die ruinen- 
haften Umschliessunpsmauern lehnen, und besteht im Innern aus- 
schliesslich aus Erdhäusern. Diese konnten zwar nicht an Grossartig- 
keit in der Anlage mit den meisten Häusern Murzuq's wetteifern, 
trugen aber durch die Dicke der Mauern, die sorgfaltige Ausbesserung 
derselben, und die häufige Verwendung von Steinen in der gewöhn- 
lichen Lehmerde den Charakter grösserer Solidität. Nicht selten 
waren die Häuser geweisst und hatten dadurch und durch die Rein- 
lichkeit der Eingänge und die sorgfältige Herstellung der Thürcn, 
obgleich auch hier nur das faserige Palmenholz zur Verwendung 
kommt, ein wohnliches Aussehen. 

Ich wandelte durch die Strassen, welche nur ganz enge Pfade 
darstellen, zum Muräbid, der in der Empfangshalle seines Hauses 
auf einer teppichbedeckten Lehmbank sass, umgeben von seinen an 
der Erde hockenden Freunden und Clienten. Ich hatte die Ehre, 
neben ihm Platz zu erhalten und suchte, da bei der Abwesenheit 
Bü Zeid s weitere Verhandlungen über die Reise vorläufig überflüssig 
waren, ihn über die Vergangenheit der Stadt und seiner religiösen 
Genossenschaft auszufragen. Doch entgegen der Vorliebe wirklicher 
Araber für ihre Genealogie lebten die Muräbidija ohne bestimmte 
Traditionen nur der Gegenwart. Weder ihr Überhaupt, der Nach- 
komme des Begründers der Colonie, noch der gelehrte Mahmud 
wussten mehr anzugeben, als dass ihr Vorfahr aus Käs (Marokko) 
stamme und vor 300 bis 400 Jahren in Fezzan eingewandert sei. 



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QATKCN UND DIE MURAUIDfjA. 



213 



Die Murabidija waren zum geringsten Theile von so heller Haut- 
färbung, als ihr Oberhaupt und der Hadsch Mahmüd; der Bruder des 
Ersteren war von dunkler, in s Röthliche spielender Hautfarbe und der 
Murabid Ali von Bachi fast ganz schwarz. Es erklärt sich dies nicht 
allein durch ihre fortdauernde Vermischung mit den Leuten Tibesti s, 
deren Landestöchter sie mit Vorliebe zu Frauen nehmen, sondern 
auch durch ihre rastlosen Handelsreisen, welche ihnen viele Sclavinnen 
aus dem Südän verschaffen. Ihr sehr ausgebildeter Erwerbssinn treibt 
sie zu diesen Reisen, welche ihnen durch ihren religiösen Charakter 
erleichtert werden. Von den Tuärik werden sie wegen des letzteren 
respectirt und mit den Tubu sind sie verwandt, so dass sie, ohne 
Furcht vor diesen beiden Herren und Räubern des Weges, allein 
unter den Bewohnern Tripolitanicn's es wagen können, die Reise 
nach Bornü ohne weitere Begleitung zu machen. Höchstens fürch- 
teten sie zu jener Zeit auf dem Bornüwege die Begegnung der Auläd 
Soliman, welche gerade damals zu wiederholten Malen arg in Kawär 
gehaust hatten, aber selbst diese gewissenlosen Räuber hatten manche 
Gastfreunde unter ihnen und begnügten sich vorkommenden Falles 
damit, einige Erpressungen an ihnen auszuüben. 

Ausserdem zeichnen sich die Murabidija durch die grosse Ge- 
wissenhaftigkeit aus. mit der sie der Erfüllung ihrer religiösen Pflichten 
nachkommen, und dadurch, dass sie alle lesen und schreiben können. 
Sie geniessen ebensowohl des Rufes grosser Wortfestigkeit und 
Zuverlässigkeit, als desjenigen der Engherzigkeit und des Geizes. 
Trotz dieser Eigenschaften und bei aller ihrer Emsigkeit hatten aber 
die Meisten es nicht über einen bescheidenen Wohlstand gebracht, 
und nur der Hadsch Dschäber war reich für dortige Verhaltnisse. 
Andererseits sinkt selten oder nie ein Murabid in einen solchen Zu- 
stand der Dürftigkeit und Armuth, wie er in Murzuq bei so vielen 
Familien an die Stelle früheren Wohlstandes getreten ist. 

Die Stadt ist rings von unregelmässigen, sandigen Erhebungen 
umgeben, auf denen im Norden, Osten und Süden eine Tubu-Colonic 
ihre luftigen Behausungen errichtet hat. Diese Bevölkerung ist mehr 
oder weniger flottirend, bleibt Jahre lang, kehrt auf ebenso lange in 
ihre Heimath zurück, und wenn Manche die Wiederkehr vergessen, 
so treten dafür Andere an ihren Platz. Ihre Behausungen waren aus- 
schliesslich aus Blättern der Dattelpalme angefertigt, die zuweilen 
durch Vcrschmierung mit Erde zu einer homogenen Wandung ver- 



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214 II. BUCH, I. KAPITEL. DEK SÜDLICHSTE THEIL VON FEZZÄN. 



bundcn waren, und zeichneten sich durch Sauberkeit und vielfach 
durch Zierlichkeit und Geschmack in der inneren Einrichtung aus. 

Die Wohnungen lagen vereinzelt oder in Gruppen von höchstens 
vier und hatten alle eine fast identische Anordnung. Sic bestanden 
aus einer viereckigen Umfriedigung, an die sich einerseits im Innern 
die eigentliche Wohnung lehnte, welche sich aus vier theils bedachten, 
theils oben offenen Räumlichkeiten zusammensetzte. Das Haupt- 
gemach diente als Wohn- und Schlafzimmer, war gross und leer, 
hatte aber in einer Kcke eine Krdbank und hier und da die Zierde 
von Matten. Daneben lag ein ebenfalls bedachter Raum zur Ver- 
richtung hauslicher Arbeiten, wie z. B. des Getreidemahlens. Ks 
folgte ein weiterer, in dem allerlei Werkzeuge und Reiseutcnsilien auf- 
bewahrt wurden, und endlich ein unbedachter Kochraum. Zwischen 
den Gemächern und der äusseren Umfriedigung lief ein ebenfalls un- 
bedachter Corridor, auf den die Thüröffnungen der ersteren mundeten, 
und in einer Kcke des noch übrigen Hofraums befand sich ein kleines, 
fast halbkugeliges Häuschen, etwa von der Korm kindlicher, nord- 
deutscher Backöfen, das zum Nachtaufenthalte in der Winterkälte 
diente, aus .steingemischter Krde oder aus Palmenblättern mit dicker 
Krdbekleidung hergestellt war und eine kleine Thüröffnung hatte, 
welche gerade das Hineinkriechen gestattete. 

Vor der Wohnung, welche etwa menschliche Höhe hatte, diente 
gewöhnlich ein kleiner, sauberer Vorplatz mit sorgfaltig gehärtetem 
Boden, zum Betplatz, zum abendlichen Aufenthalte in freier Luft 
und zum Empfange etwaiger Besucher. Ausserhalb der Umfriedigung 
hatten fast alle noch einen kleinen, bedeckten Raum zur Aufnahme 
für die Hausthiere. Von diesen letzteren erblickte man hier und da 
ein Kamee] der Tubu- Zucht, einige grosse Schaafe mit schwarzem, 
langem, schwach gelocktem Haar, ähnlich der in Murzuq gesehenen 
Art der Tuärik, doch grösser, und hauptsächlich untersetzte, glatt- 
und kurzhaarige Ziegen. 

In den Gärten der Stadt keimte schon auf den abgeernteten 
Feldern der nordischen Getreidearten Qasab oder Duchn und Ngäfoli 
oder Durra, deren einzelne Pflänzchen einen guten halben Fuss von 
einander getrennt standen. Ausserdem wurden Portulak, Luzerne, 
Gurken, Melonen, Kürbisse, Bedindschän, Tomaten, Melüchia, ver- 
einzelte Weinreben, Feigen und Granatapfelbaume gezogen. Häufig er- 
blickte man in der Umgebung der Stadt den hier Qarad genannten Sanat 



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TUBU-COLONIE. — GÄRTEN PKK STADT. 



215 



(Acacia nilotica), der durch seine gerbstolfhaltigen Früchte Qarad 
sowohl der häuslichen Industrie der Gerberei als der Volksmedicin 
dient. Wasser findet sich überall in einer Tiefe von drei bis fünf 
Metern unterhalb einer Kalksteinlage, welche auf die oberflächliche 
Sandschicht folgt. Die Bewässerung der Gärten wird nach dem- 
selben Systeme wie im übrigen Fezza.fi ausgeführt, doch sah ich 
für die Ziehbrunnen ausschliesslich Sclaven in Anwendung. Haupt, 
sächlich sind die Einwohner auf die Ctlltur der Dattelpalme ange- 




Satiat oder Oarail (AuiCia mloiicai. 



wiesen, deren Früchte einen ausgezeichneten Ruf in Fczzän haben, und 
deren Arten ebenso zahlreich sind, als die Zahl der Räume gross 
ist; die übrigen Erzeugnisse der Bodencultur können nicht dagegen 
in Betracht kommen. Die Frauen wissen aus den Blättern sehr 
zierliche Körbchen und Deckel oder Schalen zu verfertigen, die 
sogar in die übrigen Oasen Fezzän's ausgeführt werden. 

Man kleidet sich, Frauen und Manner, in Qatrün wie in Murzuq, 
doch beginnen sudanische Gewänder bei beiden Geschlechtern mehr 
und mehr vorzuwalten, wie es sich aus den häufigen Handelsreisen 
der Einwohner erklärt. 



210 II. HUCH, I. KAPITEL DKR SUDLICHSTE THE1L VON FEZZÄN. 

Die Stadt enthielt ungefähr ebenso viele Einwohner wie Sirrhen, 
und ihre nächste Umgebung in den Palmenblattbehausungen noch 
etwa halb so viel, so dass ich geneigt bin, eine Einwohnerzahl von 
1500 Seelen für Qatrun anzunehmen. 

Am folgenden Tage kam Bü Zeid von Bachi und erklärte sich 
in einer Zusammenkunft mit ihm beim Hadsch Dschaber zu meiner 
Begleitung bereit, wenn die Dauer der Reise nicht einige Monate über- 
schreiten würde. Er war ein noch junger, magerer Mann, von gelb- 
lich dunkler Hautfarbe und ovalem Tubugesicht, ernst und verständig, 
doch äusserst zähe in seinen persönlichen Ansprüchen und sonstigen 
Forderungen. Mein Anerbieten, ihm 60 Mahäbub zu zahlen, wurde 
mit Verachtung zurückgewiesen, und, wie ich vorausgesehen, geltend 
gemacht, dass er als Murabid natürlich mehr werth sein müsse, als 
der für 80 Mahäbub gemiethetc Kolokomi. Der Hadsch Dschaber 
leitete die Discussion und überredete mich und scheinbar auch ihn 
zu einer Summe von 100 Mahäbub, von der ebenfalls die Hälfte vor 
der Abreise bezahlt werden sollte. Als ich mit schwerem Herzen 
eingewilligt hatte, trat er aber mit anderweitigen Ansprüchen zum 
Besten seiner Vettern von Tibesti auf, deren Erfüllung noch viel 
kostspieliger zu werden drohte, als das ihm gebrachte Opfer. Er 
muthete mir zu, eine solche Unmasse von schwarzblauen Südäntoben, 
von verschiedenen Nifege wändern, gewöhnlichen Bornühemden und 
Stücken Cham mitzunehmen, dass ich nicht im Stande gewesen sein 
würde, darauf einzugehen, selbst wenn ich mein sämmtliches baares 
Geld hätte opfern wollen. 

Als ich mich nothgedrungen weigern musste, seinen Anforderungen 
Folge zu geben, rieth er mir wohlmeinend und ernstlich noch einmal von 
der ganzen Reise ab. Er war der Ueberzeugung, dass jeder Einwohner 
von Tibesti irgend einen Anspruch an mich zu erheben berechtigt 
sei, und wurde von allen Sachverständigen in der Meinung unter- 
stützt , dass Jedermann , der ohne besondere Familienverbindungcn 
daselbst das Land besuche, nothwendig mit Nichts wiederkehren 
müsse. Dazu erhöhte er die Zahl der zu ansehnlichen Geschenken 
berechtigten Mainas von sieben auf dreizehn, so dass ich, da ich 
nach den bereits gebrachten Opfern den Plan nicht aufgeben wollte, 
mit schwerem Herzen darin willigen musste, meine Werthstücke 
erheblich zu vermehren. Die Zahl der Burnusse konnte ich in Qatrun 
nicht erhöhen, doch musste ich die der Südantoben vergrössern, 



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ABKOMMKN MIT ltC ZVÄU. 



217 



meinen Vorrath an Cham geradezu verdoppeln, und sogar noch für 
die Frau des Dardai Tafertßmi zum Kopf- und Schultershawl ein 
grosses, oblonges, blaukarrirtes Stück Baumwollcnzeug mit rothem 
Rande, das aus Egypten kommt und Füta genannt wird, kaufen. 
Alles hatte naturlich unmögliche Preise, da die Murabidija eine 
solche für den Käufer zwingende Gelegenheit nicht ohne Nutzen für 
sich vorübergehen lassen wollten, und wahrscheinlich war der Hadsch 
Dchaber, dem die Uebrigcn aus Furcht und Respect keine (Jon- 
currenz zu machen wagten, selbst der Verkäufer. 

Obgleich ich mich den Anordnungen der Murabidija, wenn auch 
mit Widerstreben und nach mancher Discussion, gefügt hatte, drohte 
noch Tags vor der Abreise der ganze Plan an einer plötzlichen 
Weigerung Bü Zeid's zu zerschellen. Seine Furcht, die Reise könne 
längere Zeit in Anspruch nehmen, als unsere Absicht war, und seine 
Hoffnung, auf diese Weise die sofortige Auszahlung der zweiten 
Hälfte des Mietpreises von mir zu erpressen, trugen die Schuld 
daran. Doch der Hadsch Dschäber liess ihn in seiner autokratischen 
Weise hart an, führte ihm die Heiligkeit des gegebenen Wortes zu 
Gemüthe und erfüllte mich mit Achtung vor seiner Genossenschaft, 
die ohne Zweifel aus in ihrer Weise ehrbaren und pflichttreuen 
Leuten besteht. 

Nach Vollendung der neuen Vorbereitungen konnte am 17. Juni 
unsere Abreise erfolgen, für diesen Tag freilich nur nach dem nahen 
Bachi, wo wir Bü Zeid abholen wollten. 

Morgens mit Sonnenaufgang kamen die vornehmsten Murabidija 
noch einmal, unser Unternehmen durch ein solennes Fätiha einzu- 
segnen, und ihr Oberhaupt gab mir noch die letzten Rathschläge, 
deren Endworte der Hadsch Hamdün nicht versäumte, jedesmal 
kräftig zu wiederholen, wobei er durch ein energisches Aufstampfen 
seines würdevollen, etwa sechs Fuss langen Stabes ihnen einen be- 
sonders verlässlichen Charakter geben zu wollen schien. 

Bachi liegt nur zwei Marschstunden in südwestlicher Richtung 
von Qatrün; zwischen beiden befindet sich gchügeltes Sand- und 
Kies-Terrain, von niedrigen Kalksteinerhebungen durchzogen und mit 
zahlreichen Rischu- und Etelhügeln besetzt. Die Gegend von Bachi 
ist reich an Ruinen, die, wenn sie auch keinerlei Erinnerungen wach- 
rufen, wie römische Baureste, doch von Zeiten regeren Lebens und 
grösseren Wohlstandes zeugen. Die erste liegt in der Mitte zwischen 



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218 II. MUCH, I. KAPITEL. DER SÜDLICHSTE THEIL VON EEZZÄN. 

Qatrun und Bachi, östlich vom Wege, und heisst Qasr Ulcd Ammi; eine 
halbe Stunde darauf folgt das Qasr Kimba und ungefähr zehn Minuten 
nordöstlich von Bachi liegt das Qasr Screndibe. Diese Schlösser 
sind offenbar weder sehr fest noch sehr gross gewesen und bestan- 
den aus durch Mörtel verbundenen Luftziegeln. Der Mörtel soll mit 
Anonaccen-PfefTer oder Kimba [llabzclia aethiopica) gemischt gewesen 
sein, und daraus das zweite Schloss seinen Namen ableiten, wie 
v. Beurmann berichtete; doch war davon keine Spur zu entdecken, 
sondern der Name des „Pfeffer-Schlosses'* scheint vielmehr nur dem 
Umstände seinen Ursprung zu verdanken, dass einst der Gewinn aus 
dem Handel mit Kimba seine Krbauung vermittelte. 

Bachi zählte ein halbes Dutzend Behausungen aus Erde, deren 
Besitzer Murabidija waren; fast alle übrigen waren von der Art der 
bescheidenen Tubu- Wohnungen Qatrün's, zu denen sich eine bis da- 
hin noch nicht beobachtete Form gesellte, welche mir als in Tibesti 
und Borku vorwaltend bezeichnet wurde. Ks waren dies kleine, 
viereckige Mutten von etwa fünf Fuss Höhe, welche aus einem mit 
Matten aus Dumpalmenblättern umkleideten und bedeckten Stangen- 
gerüst bestehen. Die seitlichen Matten können im Sommer behufs 
der Ventilation emporgehoben werden. Die Zahl der Tubu- Be- 
hausungen mochte gegen 100 betragen, so dass die Bewohnerschaft 
von Bachi auf höchstens 600 Seelen zu schätzen sein dürfte. 

Die Gärten glichen durchaus denen Qatrün's; die Brunnen sind 
durchschnittlich vier Meter tief und enthalten ein sehr wohlschmecken- 
des Wasser, das, unmittelbar aus dem Brunnen kommend, kalkig trübe 
ist. Ks gilt im ganzen Süden Fczzan's für das beste und gesundeste 
Trinkwasser, und man schreibt ihm den vortrefflichen Gesundheits- 
zustand zu, durch den sich die Bewohner Bachi's auszeichnen sollen. 
Bü Zeid drängte mich, noch einen Weiteren Tag in Bachi zu bleiben, 
sei es, dass er seine Vorbereitungen noch nicht beendigt hatte, sei 
es, weil er am Freitag nicht reisen wollte, was allerdings die meisten 
Mohammedaner sehr ungern thun. 

Seit ich Qatrun erreicht hatte, erhielt ich fast täglich Besuch von 
Tibesti-Leuten, welche sich auf Grund meines Planes, ihre Heimath zu 
besuchen, für berechtigt hielten, Ansprüche an mich zu erheben, und 
welche meine eigentlichen Absichten in Bezug auf ihr Land zu er- 
gründen wünschten. In Bachi, wo die Tubu an Zahl die Fczzaner sehr 
überwogen, wurden diese lästigen Besucher noch viel häufiger, und 



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HACHf I NI) SEINE GARTEN. — ÄUSSERE ERSCHEINUNG DER TUBU. 219 

wahrend ich mich in Qatrun ihrer durch einige Ghrüsch (Mehr/.ahl 
von Ghirsch) oder etwas Kautabak entledigt hatte, wurden jetzt ihre 
Ansprüche schwerer zu befriedigen. Auch die blosse Neugierde 
trieb einzelne Tubu aus Medrüsa und Tedscherri herbei, denn die 
Reise nach Tibesti galt allgemein als ein sehr gewagtes Unternehmen, 
zu dem sich keineswegs alle Murabidija trotz ihrer engen Verbin- 
dungen mit den Bewohnern jenes Landes entschlossen. Die civili- 
sirteren, wohlmeinenderen Tubu, welche Bin Mohammed als alte 
Einwohner Fczzäns kannte, suchten mich noch jetzt von der Aus- 
führung meines Planes durch lebhafte Schilderungen des schlechten 
Charakters ihrer Landsleute, ihrer Habsucht und ihrer Vcrräthcrci 
abzuschrecken. Doch die meisten waren höchst hastige, anspruchs- 
volle und hochmüthige Bettler, welche mir wohl einen Vorgeschmack 
von dem zu geben geeignet waren, was meiner in der nächsten Zu- 
kunft harrte. 

Die Mehrzahl der Leute war von dunkler Hautfarbe mit ver- 
schiedengradig gelblicher Beimischung; die eigentlich schwarze Haut 
war sehr selten, doch eine dunkle Bronze- oder auch Kupferfarbung 
ziemlich häufig. Alle waren magere, fast gänzlich wadenlose Leute 
von ebenmässigem Bau, kleiner Mittelgrösse und sehr zarten Glicd- 
maassen und entfernten sich physiognomisch wesentlich von dem 
Typus, den man in allerdings recht unbestimmter Weise als den 
der Neger zu bezeichnen gewohnt ist. Ovale Gesichter von geringem 
Prognathismus, mit sehr häufig wohlgeformten Nasen und wenig 
hervortretenden Jochbögen walteten vor. Ihr Haar war weniger 
kurz oder verfilzt als bei den meisten Negern, ihr Bartwuchs eben- 
falls spärlich, ihr Auge lebhaft und intelligent, ihr Gang und ihre 
Bewegungen elegant und elastisch. 

Die Männer trugen den Kopf meistens rasirt und mit einem 
Käppchcn, der gewöhnlichen baumwollenen Taqija oder dem rothen 
Tarbüsch bedeckt. Die Hauptzierdc aber, auf welche sie einen be- 
sonderen Werth legten, war der Turban, der, aus Musselin Schäsch 
arab. — oder wo möglich aus einem dichteren, schwarzblau gefärbten 
Baumwollenstoffe bestehend, so um den Kopf gewunden wird, dass 
eine Tour, der Gesichtsschleier oder Litham, den unteren Theil des 
Gesichts, Kinn, Mund und Nase verhüllt. Ihre übrige Kleidung war 
ärmlich und bestand in Hemd und Beinkleid aus ungebleichtem oder 
blau gefärbtem Cham oder in groben Toben aus Bornü; doch wenn 



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220 II. BUCH, I. KAPITEL. DER SÜDLICHSTE THEIL VON NEZZAN. 

ihre Vermögensverhältnisse es gestatteten und sie sich eine der oben 
angeführten Sudantoben gekauft hatten, so spreizten sie sich mit 
einer solchen Selbstgefälligkeit und Ostentation, dass man sah, welchen 
Grades von Eitelkeit sie fähig waren. An den Füssen trugen sie 
höchstens Sandalen. 

Ausser den bereits angeführten Waffen sah ich zuweilen noch 
ovale Schilde aus Antilopenfell von etwa fünf Fuss Höhe und mässiger 
Convexität. Ich beobachtete einen der Bekannten Bü Zeid's, als er 
sich diese Schutzwafie aus dem frischen Felle nach dem Höhen- 
maasse seiner Augen und in zweckmässiger Breite schnitt und dann 
auf einer Form aus hart gestampfter Erde weiter bearbeitete. Man 
stellt diese Form nach Art eines Grabhügels in entsprechender Länge 
und Convexität her, glättet und härtet sie sorgfältig und spannt das 
Fell durch seitlich eingefügte Bänder, die rings umher an schweren 
Steinen befestigt werden, auf ihr aus. In dieser Lage beraubt man das 
Fell seiner Haare und lässt es trocknen und erhärten. Von Schmuck- 
sachen begnügten sich die von mir in Fezzan gesehenen Männer 
mit Ledertäschchen in dreieckiger, viereckiger oder cylindrischer 
Form, welche eben so wohl bestimmt waren, ihre Person zu zieren, 
als sie gegen Zauberei, Krankheit und Verwundung zu sichern. 

Die Frauen trugen ihr Haar seitlich und hinten in unzählige 
dünne Flechten geordnet, welche, wohl eingefettet, bis auf den Hals 
herabhingen. In der Mittellinie des Kopfes verlief bei jungen Mäd- 
chen eine dickere Flechte von der hochrasirten Stirn bis zum Nacken, 
, und die verheiratheten Frauen hatten deren zwei. Dieselben waren 
durch verschiedene silberne oder elfenbeinerne Ringe oder Halsringe 
in verschiedener Anordnung befestigt und verziert. Zuweilen waren 
die Ringe concentrisch in einander gelegt, deckten sich bisweilen 
halb oder waren ganz isolirt und beschränkten sich oft nicht auf 
den Hinterkopf, sondern lagen den Mittclflechten in ihrer ganzen 
Länge auf. In seltenen Fällen fehlten die Mittclflechten und waren 
durch ein Haarknäuel ersetzt, das dem vordersten Theile des Kopf- 
haares auflag. 

Am Vorderarme trugen sie bis zu einem Dutzend Armbänder 
aus Horn oder Elfenbein, welche sich dann vom Handgelenk bis über 
die Mitte des Vorderarmes hinauf erstreckten. Oberhalb des Ellen- 
bogens befand sich gewöhnlich noch eine andere, schmale Spange 
aus Achatsteinen oder Kaurimuscheln, und ein ähnlicher Schmuck 



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TRACHT UND SCHMUCK DER MÄNNER UNI) FRAUEN. 



221 



umgab wohl in einfacher oder doppelter Reihe den Hals. Ueber 
den Fussknöcheln lenkte ein enganschliessender , dünner, breiter, 
silberner oder kupferner Ring die Aufmerksamkeit des Beschauers 
nach unten, und das Auge haftete dann mit Bewunderung auf den 
feingeformten, hochgespannten Füssen, um welche manche elegante 
europäische Dame die halbwilde Schöne beneiden würde. 

Fast unentbehrlich war ein kleiner Cylinder der Edelkoralle im 
rechten Nasenflügel. Wenn dieser, welcher nicht immer leicht er- 
schwinglich war, fehlte, so wurde er einstweilen ersetzt durch einen 
Cylinder aus Achat, Elfenbein oder Horn, und die alte Gemahlin des 
Dardai Tafertemi von Tibesti, welche sich dieser in Fezzan ange- 
schafft hatte, als seine Jahre ihm noch erlaubten, öfters dorthin zu 
reisen, und welche mir einen Besuch abstattete, entblödete sich nicht, 
in Ermangelung aller anderen Zierrathen, einen Dattelkern in das 
Loch des Nasenflügels zu fügen. 

Die Kleidung des weiblichen Geschlechts bestand vorwaltend 
in einem blauen, cnganschliessenden Hüftenshawl und einem ähn- 
lichen Kopf- und Schultertuche, welches im Vcrmögensfalle von der 
Art war, welche ich für die Tibesti-Gattin Tafertemi's gekauft hatte. 
Viele begnügten sich mit dem Hüftentuche und waren , wenn be- 
jahrtere Frauen, dann allerdings abschreckend in ihrer Magerkeit 
und mit den ausgetrockneten Brüsten, welche in Gestalt einer Haut- 
falte herabhingen. Die jungen Mädchen dagegen, welche sämmtlich 
Kopf und Oberkörper unbedeckt trugen, waren reizend in der massigen 
Rundung ihrer zierlichen, harmonischen Formen. Arme oder wenig- 
stens uneivilisirte Frauen, welche erst kürzlich aus ihrer wilden Felsen- 
heimath nach Fezzan gekommen waren, trugen auch wohl als einzige 
Bekleidung das schön behaarte Fell der grossen, schwarzen, kurz 
zuvor erwähnten Schafe. Doch diese waren vereinzelte Erscheinungen 
und wohl nur zu vorübergehendem Aufenthalte nach Fezzan ge- 
kommen. Bis zur Pubertät gehen die Kinder beiderlei Geschlechts 
gänzlich nackt; höchstens tragen die kleinen Mädchen Gürtel, von 
denen vorne lange Schamfranzen aus Leder herabhängen. Den 
Knaben rasirt man ebenfalls meist den Kopf, lässt jedoch häufig 
entweder einen Schopf auf dem Scheitel — Schaf arab. oder 
eine lange, breite Haarlinie vom Vorder- bis zum Hinterkopfe gleich 
einem Helm- oder Hahnenkamm stehen, was ihnen ein höchst drolliges 
Aussehen verleiht. 



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222 



IL BUCH, 1. KAPITEL. DER SÜDLICHSTE THEII. VOS FEZZÄK. 



Leider wurde mir die Betrachtung der zahlreichen Vertreter des 
Stammes, dessen genauerer Bekanntschaft ich nicht ohne Zagen ent- 
gegenging, für einige Zeit fast unmöglich gemacht durch eine eitrige 
Augenentzündung, welche zunächst mein linkes Auge ergriff. Ohne 
ihre Heilung abzuwarten, wendeten wir uns am Morgen des 19. Juni 
nach dem Dorfe Medrüsa, das wir in zwei und einer halben Stunde 
in Südsüdwestrichtung erreichten. Der gewöhnliche Kies- und Sand- 
boden des Weges ist im Anfange unterbrochen durch eine sandige 
Bodcnabflachung mit Palmenhain, welche den Namen Gringrum fuhrt. 
Während wir in Medrüsa die Tageshitze verbrachten, litt ich, sowohl 
im geschlossenen Zelte als draussen bei dem starken, sandge- 
schwängerten Südostwinde, durch das heftig entzündete Auge entsetz- 
lich. Die hohe Temperatur nahm den Umschlägen, welche ich gegen 
die Krankheit machte, trotz der lebhaften Verdunstung sofort jeden 
kühlenden und lindernden Einfluss. Noch ehe wir zu einem kurzen 
Nachmittagsmarsche aufbrachen, erreichte uns Bü ZcYd, dessen 
Sclavc und Kameel schon bei uns waren ; doch Kolokömi hatte den 
unerwarteten Gewinn, den ich ihm zugewendet hatte, dazu benützt, 
in aller Geschwindigkeit eine Frau zu nehmen, und wollte wenigstens 
einige „Flittertage" gemessen, bevor er die kaum Geehelichte wieder, 
und wer konnte sagen auf wie lange, verliess. 

Am Nachmittag erreichten wir durch vierstündigen Marsch in 
fast südlicher Richtung, nachdem wir unterwegs das Qasr Kidde von 
der Art der in der Gegend von Bachi beschriebenen Schlösser 
passirt hatten, den Bir Sufra tuddusma, d. h. den Brunnen der sieben 
Dattelpalmen, der übrigens seit lange verschüttet war. Ostsüdöstlich 
von ihm liegt der ebenfalls verschüttete Bir Toal. 

Selbst hier, wo keine bewohnte Ortschaft in der Nähe ist, ver- 
folgten mich die Tubu, von denen merkwürdigerweise Jeder ein Maina 
oder der Sohn eines solchen zu sein beanspruchte. In Bachi war 
zu meiner grossen Befriedigung ein Sohn des Dardai von Tibesti, 
der wegen eines begangenen Mordes landflüchtig war, abwesend 
gewesen, und ich hoffte ihm und seinen Ansprüchen schon entgangen 
zu sein, als er mich am Morgen des 20. Juni vor unserem Aufbruche 
einholte. Das Opfer zweier Maria-Thercsia-Thaler schien der Würde 
des prinzlichen Mörders kaum Genüge zu thun. 

Wir erreichten nach etwa anderthalb Stunden in Südsüdwest- 



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MKDsCsa UNO QASRAUWA. 22l3 

richtung die Ruinen des Dorfes Qasrauwa*) nördlich von einem Pal- 
menhain und lagerten bald darauf in dem letzteren, wo der würdige 
Mohammed Jahre lang gehaust und Dattclzucht getrieben hatte. 
Jetzt war die ganze Pflanzung verwildert; die vertrockneten Blätter 
hingen am ganzen Stamme herunter und hüllten den Baum in ihr 
trauriges Graubraun; die Schösslinge waren nirgends verpflanzt und 
sprossten überall zu wildem Gestrüpp empor; die Befruchtung wurde 
vernachlässigt. Niemand wohnte dort und die Ernte fiel den Leuten 
von Tedscherri anheim. 

Von dem früheren Dorfe Qasrauwa verlässt der gewöhnliche 
Weg nach Tibesti das Thal oder die Niederung Ekema. Wir konnten 
diesen kürzeren Weg nicht wählen, nicht allein, weil er sehr wasser- 
arm ist, sondern weil wir beabsichtigten, möglichst unbemerkt Tibesti 
zu erreichen. Nachmittags legten wir noch fünf Marschstunden in fast 
südwestlicher Richtung zurück, anfangs über eine weite, unfruchtbare, 
steinige Ebene, auf der die Reste eines festen Gebäudes, Namens 
Tuge Fraoma**), gesehen wurden, dann durch sandige Gegend mit 
dem erwünschten Had und endlich über vegetationsfähigeren Boden, 
der Dattelpalmen, Dis und Rischu hervorbrachte, bis wir am ver- 
schütteten Brunnen Salemma im Sande lagerten. In diesem Terrain 
sticssen wir auf drei Brunnen, deren letzter Namens Uedebi allein 
etwas schmutziges Wasser erdigen Geschmackes, von einer Tempe- 
ratur von 28,8° C. bei einer Lufttemperatur von 36,8° C, in der Tiefe 
eines Meters enthielt. Weder der Anblick des Dsch. Ben Qnemi, 
den man bei klarem Wetter von Bachi östlich sehen kann, war mir 
zu Theil geworden, noch der nahe Berg Ekema, an dem der erwähnte 
Weg nach Tibesti vorüberführt, kam mir von Qasrauwa, wo man ihn 
in Ostsüdost erblicken kann, zu Gesicht. Erst gegen Abend, als die 
Beleuchtung milder wurde, erblickte ich am südlichen Horizonte die 
Hügel, welche dem ganzen langgestreckten Thale Ursprung geben, 
und deren ansehnlichster Theil als Ras (Kopf, Vorsprung) Tedscherri 
bekannt ist. Oestlich in weiterer Ferne zeigte sich die arabisch 

*) Der Name ist wahrscheinlich aus Qasr, Schloss, und dem Eigenschaftswort rauwa, 
wohlbewässert, entstanden. 

••) I>er Name gehört der TedA-Sprachc an und ist zusammengesetzt aus tuge. Stein 
oder fester Bau, und fräoma , auf der Hammada gelegen oder ihr gehiirig (von frAo, 
die HammSda). 



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224 H. BUCH, f. KAPITEL. DER SÜDLICHSTE THEIL VON FEZZÄN. 

el-Wigh und in der Tcdä- Sprache Emi (Berg) Debassai genannte 
Hügelkette, an welcher ebenfalls der Tibesti-Weg hinlauft, und welche 
in ihrem südlichen Ende zum Dsch. Wigh el-Kebir anschwillt, wäh- 
rend der nordwestliche Ausläufer als Wigh cs-Srhir oder Debassai 
Doba, d. h. eigentlich Tochter des Debassai, bekannt ist. Alles, 
Thal und Brunnen, Ruinen und Palmenhain, führt in dieser Gegend 
schon Tedä-Namen. 

Am 21. Juni erreichten wir die südlichste bewohnte Ortschaft 
Fezzäns, Tedschcrri, in anderthalb Stunden Südsüdwestrichtung. Bis 
dahin waren wir auf dem westlichen Rande der Thal -Niederung 
marschirt; in der Nähe Tedscherns zeigte sich bei derselben Weg- 
richtung die dichteste Vegetationslinie westlich von uns, während 
unsere nächste Umgebung sich auf spärlichen Dis- und Sebat-Wuchs 
beschränkte. Nördlich von der Stadt liegt ein mehr oder weniger 
trockener Sebcha von halbstündiger Breite, an dem wir vorüberzogen, 
um auf der Südseite der ersteren zu lagern. Ich sah mit grosser 
Freude einer mehr tägigen Rast entgegen — wir mussten uns hier 
für die ganzlich vegetationslose Strecke der folgenden Wüste mit 
Kameelfutter versehen , da ich auf diese Weise hoften konnte, 
mein Auge vor der Weiterreise geheilt zu sehen. In der That besserte 
sich dasselbe so weit, dass ich wenigstens die Stadt besichtigen und 
etwas schreiben konnte. 

Der traurige Zustand Tcdschcrri's entsprach vollkommen dem 
armseligen Eindruck, welchen der abgerissene, bescheidene, einäugige 
alte Bürgermeister auf mich gemacht hatte. Die Stadt liegt übrigens 
reizend in ihrem von Hügeln umgebenen, mit Palmenhainen und 
Gärten bedeckten flachen Kessel, und aus der Ferne gesehen 
sieht das riesenhafte Kastell, um das sich die Häuser gruppiren, 
imponirend genug aus. In diesem hatte einst jeder Einwohner 
für die Zeiten der Gefahr eine kleine Wohnung, in welcher er 
einige Vorräthe aufbewahrte. Früher drohte der Stadt ebenso- 
wohl von Seiten der zügellosen Araber, welche in der Umgegend 
der grossen Syrte weiden, als von den Tubu und Tuärik Gefahr. 
Gegen die Araber schützt sie jetzt einigermaassen die Regierung; die 
Tubu bilden selbst eine Colonie in Tedscherri; es bleiben also nur 
die Tuarik, welche in der That von Zeit zu Zeit die ärmlichen Be- 
wohner brandschatzen. Die Stadtmauern waren gänzlich verfallen, 
und die Qasba, so riesenhaft sie auch im Verhältniss zu den Hütten 



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TEDSCHERRt. 



225 



der Bewohner erschien, war nur ein mächtiger Trümmerhaufen. 
Gegen 200 Häuser, selbst Ruinen, drängten sich um das Kastell, 
dessen erhaltene Seitenwandungen etwa 12 M. hoch waren. 

Das Thor, durch welches ich die Stadt betrat, hatte eine Höhe 
von 1,40 M. und eine Breite von 1,25 M.; seine Seitenpfosten und der 
Querbalken, welche aus roh behauenen Palmenstämmcn bestanden, 
sollen einst aus Olivenholz verfertigt gewesen sein. Jetzt stand es 
einsam und zwecklos da, denn durch die weiten Lücken in der 
Mauer zu beiden Seiten konnte man ungehindert in das Innere der 
Stadt gelangen. In den engen Strassen konnten sich zwei Be- 
gegnende kaum ausweichen, und da, wo sie bedacht waren, musste 
man gebückt einherschreiten. Die Erdhäuser zeigten mächtige Dc- 
fecte in Dächern und Wänden, welche nothdürftig mit Palmenblatt- 
geflccht ausgefüllt waren, und überragten kaum die menschliche 
Höhe. Viele derselben waren leer; in den übrigen herrschte sicht- 
licher Mangel. Keine von den bisher gesehenen Städten Fezzan's 
trug den Charakter der Verkommenheit neben den Spuren einer 
relativen früheren Grösse so ausgesprochen wie Tedschcrri. Nicht 
einmal Datteln, welche der zweckmässigste Rciseproviant für die 
Kamccle gewesen sein würden, gab es zu kaufen; wir mussten uns 
damit begnügen, für die Thiere auf drei bis vier Tage Scbat zu 
schneiden, an welchem Grase die Gegend am reichsten ist. 

Auch hier hatten Tubu- Ansiedler die rings um die Stadt ge- 
legenen Höhen inne, erreichten aber bei Weitem nicht die Zahl 
ihrer Landslcute in Qatrün, Bachi oder Medrüsa. Ucberall scheinen 
sie mit Vorliebe die Höhen zur Errichtung ihrer Wohnungen aus- 
zuwählen, wohl eine Folge ihrer heimathlichen Felscnsitzc. Unter 
ihren Behausungen sah man hier jene niedrige Mattenhütte, die 
eigentliche Nomadenwohnung der Tubu Rcschäde, schon häufiger, 
als in Bachi. 

Die übrigen Einwohner bestehen aus einigen hellfarbigen Murä- 
bidija der Städte Temissa, Foghaa und Sirrhen aus dem Stamme der 
Zejadin und aus einer gemischten, dunkelfarbigen Bevölkerung, welche 
schwer zu classificiren ist. Zwar geht die Sage, dass die Stadt einer 
gleichen Zeit und denselben Gründen ihren Ursprung verdanke wie 
Temissa, doch in dieser Stadt hat sich bis heute ein Bcrbcrdialect 
erhalten, während die in Tedschcrri übliche Volkssprache offenbar 

Nach.igal. I. lö 



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226 lt. BUCH, I. KAPITEL. DER SÜDLICHSTE THEIL VON FEZZAM, 

corrumpirtes Kanuri ist*). Alles in Allem mochte Tedscherri mit 
der Tubu-Colonie 800 Einwohner zählen. 

Auch hier machten manche Tubujünglinge ihre Aufwartung, um 
formell ihre Ansprüche an meine Grossmuth geltend zu machen, und 
ich liess sie, wenn Mohammed oder Bü Zcid ihre aristokratische Ab- 
stammung bezeugen konnten, nicht unbeschenkt von dannen gehen. 
Unter ihnen zeichnete sich Birsa aus, ein Schwestersohn jenes be- 
kannten Arämi, über dessen Hochmuth sich schon v. Beurmann be- 
schwerte, und der noch immer mehr Einfluss in Tibesti ausüben 
sollte, als der Dardai selbst. Da Birsa gleichzeitig mit uns nach 
Tibesti zurückzukehren beabsichtigte, so versprach ich ihm für den 
Fall seiner Begleitung ein Haussa-Gewand, einen Tarbüsch und einen 
Turban, was um so gerathener schien, als Bui Mohammed in seiner 
stillen Weise, Erkundigungen einzuziehen und Beobachtungen anzu- 
stellen, die Ueberzeugung gewonnen hatte, dass die anwesenden 
Tubu trotz der anstandigen Behandlung, welche sie meinerseits 
erfuhren, Verrath brüteten. 

Der zur Pflege ehelicher Liebe zurückgebliebene Kolokomi war 
mittlerweile auch wieder zu uns gestossen, nachdem er sich noch 
eine prachtige Kameeistute von dem Reste seines unverhofften Ver- 
dienstes gekauft hatte. Auch er sondirte die Gesellschaft seiner 
Landsleutc, und es fand sich in der That, dass dieselben darauf 
rechneten, uns an einem Brunnen südöstlich von Meschru zu über- 
fallen, auszuplündern und mich so zur Rückkehr nachFezzän zu zwingen. 
Da wir nämlich den gewöhnlichen Weg nach Tibesti nicht von 
Medrüsa oder Qasrauwa aus eingeschlagen hatten, so vermutheten die 
Räuber mit Recht, dass wir auf der Bornü-Strasse bis zum Meschru- 
brunnen zu gehen und von diesem aus jenen Weg wieder zu ge- 
winnen oder einen Richtweg einzuschlagen beabsichtigten. Um ihre 
Pläne zu Schanden zu machen, beschlossen wir, auch diese Richtung 
zu vermeiden, der Bornüstrasse bis zum Gebirge el-War — Tümmo 
ted. — zu folgen, und von dort in südöstlicher Richtung und mit 

*) Wenn die ursprüngliche Einwohnerschaft später von Borna -Elementen verdrängt 
wurde, so muss ein ähnliches Verhältniss für die dem gleichen Ursprünge zugeschriebenen 
Ortschaften Dschcbädo, Siggedini, Gissebi und Agrem stattgefunden haben. Von diesen 
gehörte Gissebi in Kawär und Siggedini nordwestlich von dort, welche beide jetzt unbe- 
wohnt sind, den Tubu-keschäde; Dschebädo, ebenfalls nordwestlich von KawSr gelegen, 
ist noch jetzt vorwaltend von Tedä bewohnt, und Agrem, welches westlich von Kawär 
liegt, hat eine Horuü-Hevolkerung. 



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VERRÄTHERISCHER PLAN DER TUFUT. — AUFBRUCH VON TEDSCHERRI. 227 

Umgehung der nördlichsten bewohnten Thäler womöglich unbemerkt 
das Herz Tibestis zu erreichen. Noch einmal suchten der einäugige 
ürtsvorstcher Abd cl-Qäder und der schwarzsehende Mohammed 
mich von der Reise abzubringen, zumal der oben erwähnte Raubzug 
der Araber, welche zu Bidan die Tubu an Vieh und Menschen ge- 
schädigt hatten, die Letzteren mit Rachegedanken erfüllte. Manche 
derselben waren aus Oatrun und den von uns berührten Ortschaften 
nach Tibesti zurückgekehrt, und in Fezzan erwartete man ihre Schand- 
thaten. Doch der Verwirklichung meines Planes so nahe und nach 
den gebrachten schweren Opfern konnte ich mich nicht zur Umkehr 
entschliessen, und nachdem die verrätherischen Tubu, die fast sämmt- 
lich aus Abo, dem nördlichsten bewohnten Theile Tibesti s, stammten, 
am 22. Juni aufgebrochen waren, setzten auch wir Tags darauf unsere 
Reise fort. Dies war der Tag des Miläd, des Geburtstages des 
Propheten , und da ohnehin der Beginn einer grösseren Reise durch 
ein Extra- Fleischgericht gefeiert zu werden pflegt, das den Namen 
Bü Safar, d. h. Vater oder Anfang der Reise, führt, so hatten wir 
Abends zuvor einen fetten Ziegenbock geschlachtet und verzehrten 
ihn Morgens vor dem Aufbruche zu Ehren des Propheten und zur 
Inaugurirung einer glücklichen Reise. 

Noch che die Entzündung auf meinem linken Auge gehoben 
war, wurde leider auch das rechte ergriffen, so dass ich auf der 
nackten Wüste zwischen Tcdscherri und dem Tümmogebirge, wo 
wegen des Wassermangels rüstig marschirt werden musste , bei der 
herrschenden Temperatur einer nicht sehr heiteren Reihe von Tagen 
entgegen sah. Am 23. Juni wurde spät aufgebrochen denn nach 
dem Festmahle musste noch so viel Sebat als möglich geschnitten 
werden — ■, und wir zogen in fast südlicher Richtung an der Qubba 
Sidi Ali Zedäni s und den Ruinen eines der Kastelle vorüber, wie wir 
sie in der Gegend von Bachi gesehen hatten, über eine gehügeltc 
Sandebene auf eine lange grüne Palmenlinie zu, welche von Südwest 
nach Nordost vom äussersten Südende des W. Ekema bis zum östlich 
von der Stadt gelegenen Ras Tedscherri verläuft und die haupt- 
sächliche Rhäba der Bewohner darstellte. Nach einigen Stunden 
lagerten wir in ihr nicht weit vom Bir Omah, den die Leute von 
Tedscherri Bir Ekema nennen, um die heissesten Stunden im Schatten 
zu verbringen, und marschirten Nachmittags noch fünf Stunden in der- 
selben Richtung über gewellte Sandflächen mit allmählich aufhörender 

1;»* 



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228 



II. BUCH, 1. KAPITEL. DF.R SÜDLICHSTE THBIL VON FEZZÄV. 



Vegetation. Wir nachtigten nach der Passage einer als el-Häd be- 
kannten Bodenabfiachung Dschüri ted. — , welche das Kraut, das 
ihr in beiden Sprachen den Namen gab, in grosser Menge, doch in 
ganz vertrocknetem Zustande enthielt. 

Da Mondschein war, packten wir bald nach Mitternacht wieder 
auf, passirten gegen Sonnenaufgang ein etwas tiefer in den Boden 
geschnittenes, etwa eine Stunde breites Zeugenthal, das den sonder- 
baren Namen DendaJ Ghaladima, d. h. der Platz des Ghaladima 
(Titel eines hohen Würdenträgers in verschiedenen Sudanstaaten) 
führt, und vertrauten uns nach einigen weiteren Stunden für die 
Mittagszeit dem unzulänglichen Schatten des Zeltes an. Das durch- 
zogene Terrain war kiesig oder steinig und vegetationslos, der Grund 
des eben genannten Thaies mit Sand ausgefüllt und hier und da mit 
kleinen zerbröckelnden Sandsteinfclscn besetzt. Mit verbundenen 
Augen und peinigenden Schmerzen auf dem Kameele hockend, 
konnte ich bei der grossen Lichtscheu und der reichlichen Eiter- 
secretion nur mit der grössten Anstrengung und Selbstüberwindung 
von Zeit zu Zeit die Wegrichtung und den Charakter der Umgebung 
controliren. 

Einige Stunden Nachmittagsmarsches brachten uns um Sonnen- 
untergang zum Bir Meschru. Dieser wichtige Brunnen, die einzige 
Wasserstation zwischen der südlichen Grenze Fezzans und dem 
Tümmogcbirge mit sehr wohlschmeckendem Wasser in einer Tiefe 
von 7,50 M., liegt in einem länglichen, nach Norden und Nordwesten 
offenen Erosions- Thale, das rings von Sandhügeln umgeben ist und 
im Grunde zahlreiche Zeugen hat. Vom Dendal Ghaladima dacht 
sich die Gegend allmählich gegen den Brunnen hin ab, welcher nach 
der Ansicht der Leute in directer Verbindung mit den Brunnen 
Tcdschcrri's steht, wie denn auch sein Wasser in der That sichtlich 
von Norden zufliesst. 

Die nächste Umgebung des Brunnens war bedeckt mit gebleich- 
ten menschlichen Gebeinen und Kameelskelctten. Schaudernd be- 
merkte ich halb im Sande begraben die mumificirten Leichname 
einiger Kinder, welche noch mit den blauen Kattunfetzen bedeckt 
waren, welche einst die Kleidung der Lebenden gebildet hatten. 
Es scheint, dass auf dieser letzten Station einer langen, trostlosen, 
schmerzensreichen Reise die armen Kinder der Negerländer in auf- 
fallend grosser Anzahl ihren Tod finden. Die lange, bei unzu- 



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DUR MESCHRl'- IiRL'NNEN. 



229 



reichender Nahrung und sparsamem Wassergenuss zurückgelegte Reise, 
der Gegensatz zwischen der hülfsqucllenreichen Natur und der feuch- 
ten Atmosphäre ihrer Heimath und der zehrenden trockenen Wüsten- 
luft, die Anstrengungen und Entbehrungen, welche ihre Herren und 
die Umstände ihnen auferlegen, haben die Kräfte der jugendlichen 
Organismen allmählich aufgezehrt ; der Rückblick auf die in unerreich- 
bare Ferne geschwundene Heimath, die Furcht vor der unbekannten 
Zukunft, das endlose Reisen uriter Schlägen, Hunger, Durst und tödt- 
licher Ermattung hat ihre letzte Widerstandskraft gelähmt. Fehlt 
den Armen die Kraft zum Wiederaufstehen und- Weiterwandern, so 
werden sie einfach im Stiche gelassen, und langsam erlöschen ihre 
Lebensgeister unter dem vernichtenden Einflüsse der Sonnenstrahlen, 
des Hungers und des Durstes. Kein Grab deckt dann die jugendlichen 
Gebeine, sondern die trockene Wüstenluft mumificirt und skelettirt 
allmählich die Opfer menschlicher Barbarei. Oft mögen die Aernv 
sten nach dem wasserlosen Wege vom Tümmogcbirge unter Aufbie- 
tung ihrer letzten Kräfte den Brunnen erreichen, um für kurze Zeit 
neuen Muth und neues Leben aus seinem Inhalte zu schöpfen, finden 
ihn vielleicht verschüttet und sinken verzweifelnd dem Tode in die 
Arme, ehe nach mühevoller Arbeit der Lebensquell wieder fliesst. 

Die Versandung des Brunnens wird von Jahr zu Jahr häufiger. 
Die früheren Regierungen in Fezzän Hessen es sich angelegen sein, 
denselben bei seiner Wichtigkeit für die Reisenden im Stande zu 
erhalten. Der Muqni und Abd el-Dschlil hatten dies Bedürfniss 
auf ihren häufigen Reisen nach Süden würdigen gelernt; selbst Hassan 
Pascha, ein Araber, der glänzendste Gouverneur Fezzan's seit der 
Türkenherrschaft, hatte einst 50 Menschen geschickt, um den Brunnen 
ausmauern zu lassen; neuerdings ging jedoch wieder Alles den Weg 
eiligen Verfalls. 

Auch am folgenden Tage benutzten wir das Mondlicht, um in 
der erträglichen Temperatur des frühen Morgens reisen zu können, 
denn der grösstc Theil des Tages war wahrhaft fürchterlich mit 
meiner verzehrenden Hitze und dem Sandbade, in das er Alles ver- 
setzte, während die Nachte mit ihrer Windstille und der lebhaften 
Ausstrahlung von einer durch den Gegensatz doppelt süssen Frische 
und Lieblichkeit waren. Gegen Abend, wenn der regelmässige Ost- 
wind, der mit der Sonne stieg und fiel, schwieg, und wenn die schräg 
auffallenden Strahlen die Intensität des Lichtes abschwächten und 



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230 IL BUCH» 1. KAPITEL. DER SÜDLICHSTE THEIL VON FEZZÄN. 



dem Wanderer die freie Umschau erleichterten: dann klärte sich die 
Luft, und weit und immer weiter umfasstc das Auge die Umgebung, 
bis die Sonne sank. Ich begreife nicht, wie Reisende von dem „ewig 
klaren, tiefblauen Wüstenhimmcl" sprechen können; ich habe ihn 
weder zwischen Tripolis und Murzuq, noch südlich von Fczzan ge- 
funden. Selbst ohne verhüllenden Staub- und Sandschlcier tritt das 
Blau der Atmosphäre gegen die Intensität des blendenden Sonnen- 
lichtes zurück, und der Himmel erscheint vielmehr bläulich weiss. 

Wir stiegen aus dem Mcschru-Thale allmählich auf, passirten in 
einer Einsenkung — Churma — die dasselbe nach Süden abschliessen- 
den Hügel, welche als Biban Meschru, d. h. Meschru-Thore, bekannt 
sind, und durchzogen eine kiesige Ebene bis zu den Vorläufern der 
Felsen, welche die sogenannte Lagöba Buia, d. h. das grosse Thal, 
nach Norden begrenzen. Sowohl die häufigen Erhebungen auf der 
Ebene als die genannten Vorläufer, die wir nach sieben Stunden 
erreichten, bestehen aus rothem Kalkstein, der mit Sandsteinblöcken 
bedeckt ist. Am Fusse und im Schatten eines derselben, des Graisaro 
Mentoa, verbrachten wir die Qaila. Unser Weg hatte eine südliche 
Richtung mit geringer Abweichung nach Westen gehabt und war 
rechts und links in weiterer Ferne von unbedeutenden Erhebungen in 
der gleichmässigen Form abgeschnittener Pyramiden begleitet gewesen. 

In einigen Stunden erreichten wir Nachmittags die Felsen, 
zwischen denen man in die Lagöba Buia hinabsteigt. Der Abstieg fuhrt 
steil zwischen den horizontalen Schichten röthlichen Sandsteins auf 
dem sandigen Zerfall derselben in die unbedeutende Tiefe, heisst 
Tenija cl-Kebira, d. h. der grosse Weg, und gilt als Feuerprobe für 
die Tüchtigkeit sowohl der Kameele, welche von Bornü kommen, 
als derjenigen, welche dorthin bestimmt sind. Doch ist die Schwierig- 
keit jedenfalls grösser für diejenigen, welche von Süden kommend 
nach mindestens vierzig bis fünfzigtägiger Reise diesen steilen Weg 
erklimmen müssen. 

Die Lagöba Buia besteht aus terrassenförmiger Folge von niedrigen 
Sandsteinkämmen, welche von Nordost nach Südwest streichen. Sie 
hat ihre höchste Erhebung im Osten und ist sowohl hier als im 
Westen, wohin sie sich abdacht, vorzüglich aber im Süden von 
niedrigen Tafelbergen begrenzt. Sic bildet ein Ganzes mit der fol- 
genden Lagöba Könö, d. h. dem kleinen Thalc, von welcher sie 
durch eine höhere felsige Terrainwcllc geschieden ist. Die Lagöba 



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DAS TUMMO-r.EMRGK. 



231 



Buia ist in unserer südsüdwestlichen Wegrichtung nahezu vier Stun- 
den breit, während die folgende Lagöba Konö nur anderthalb Stunden 
misst und mehr den Charakter eines Flussthalcs darbietet, das von den 
ausgedehnten östlichen Tafelbergen entspringt. Wir nächtigten am 
25. Juni noch in der ersteren, durchschritten vor Anbruch des fol- 
genden Tages die letztere und stiegen aus ihr durch die Tenija cs- 
Srhira, d. h. den kleinen Weg, zur Hochebene Alaöta Kju auf. 
Diese steigt in der Breite eines Tagemarsches gegen Süden allmäh- 
lich zum Tümmogebirge an, ist selbst sanft gewellt und trägt östlich 
vom Wege und nahe demselben in ihrem nördlichen Theile die 
niedrige Fclshügclgruppc Lebrek, während im westlichen Theile ein 
ausgedehnterer und höher entwickelter Bcrgcomplcx in grösserer Ent- 
fernung gesehen wird. Dieser, an dem in früheren Zeiten die Bornü- 
strasse vorüberführte, wird Dsch. el-'Ain, d. h. Quellcnberg, genannt. 

Alaota Kju erhebt sich mehr als 7c» Meter über das Meeres- 
niveau und trägt auf dem harten Kies- oder Sandsteinboden unregel- 
mässigen Stcinbclag, hat also den echten Charakter einer 1 lammada. 
Als wir nach fast zwölfstündigem Tagemarsche nächtigten, hatten wir 
fast ihr Ende erreicht, so dass wir schon vor Anbruch des folgenden 
Tages (27. Juni) durch die sogenannten Thore Bibän — , den Weg 
einfassende Bergkegel, die Vorregion des Tümmogebirgcs betraten. 
Wir wanden uns während sechs Stunden zwischen stumpfen Kegeln, 
abgestutzten Pyramiden und Tafelbergen durch ihre Thäler und Wasser- 
betten und erreichten auf der Höhe des Vormittags die Brunnen des 
Gebirges, welche sich im südlichen Theile desselben befinden, auf 
dem Nordabhange seiner massigsten Entwicklung, des eigentlichen 
Tümmo, der in Form eines langgestreckten Paralleltrapezcs, schroff, 
als ein gigantischer Zeuge aus der erodirten Hochebene aufspringt. 

Wenn die Gegend der Vorberge und der Zusammenhang der- 
selben mit dem eigentlichen Tümmo auf seiner Nordseite die charak- 
teristische Zeugenform in Etwas stört, so ist diese auf der Südseite 
in voller Reinheit enthalten. Von dort gesehen steigt die lange 
Südwand schroff aus der Ebene auf, der Parallelismus der oberen 
Fläche mit der Basis ist vollkommen, die westliche und östliche 
Grenzlinie gleichmässig abfallend. Leider hatte uns Tags zuvor die 
Undurchstchtigkcit der Atmosphäre verhindert, von Norden her aus 
grösserer Entfernung den mächtigen Tafelberg zu erblicken; und am 
Tage, an dem wir ihn erreichten, wurde er uns durch die näheren 



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232 II. BUCH, I. KAPITEL. DER SÜDLICHSTE THEIL VON FEZZAN. 



Vorberge verdeckt. In nächster Nähe zeigt er keine so vollständige 
Compactheit, als sich aus einiger Entfernung vermuthen lässt; er ist 
voller einschneidender Thäler, zerrissen, wild, schwierig zu passiren 
und verdient vollkommen seinen arabischen Namen cl-War, d. h. das 
Schwierige. Die zahlreichen Flussthäler und Wasserbettchen, welche 
aus seinen Thcilen hervorgehen, senken sich nach Südwesten. Der 
Tümmo ist ebenfalls von Nordost nach Südwest gerichtet und hat 
eine ansehnliche Längenausdehnung. Nach Osten erblickt man in 
der Entfernung mehrerer Stunden, beziehungsweise eines halben Tage- 
marsches, zwei kleinere, ähnlich geformte Gruppen Namens Tümmo 
Doba, d. h. die Töchter des Tümmo. 

Die Grundlage des Tümmo ist Kalkstein; auf ihm erheben sich 
Sandsteinfelscn in der Form riesiger Blöcke und von meist dunkler 
Färbung, und auf ihnen findet sich nicht selten eine mehrere 
Fuss dicke Schicht Lehmerde mit eingelagerten Steinchen. Seine 
Höhenentwicklung übersteigt die der Hochebene Alaöta Kju nur 
unbedeutend, während die Ebene zu seinen Füssen, die Thäler 
zwischen seinen Fclsgruppen unter dem Niveau jener liegen, und 
dies ist in vollständiger Uebereinstimmung mit der Bildung dieser 
Tafelberge auf dem Wege allmählicher Erodirung des umgebenden 
Terrains. Das Wasser der fünf unter mächtigen Sandstcinfelsen 
gelegenen Brunnenlöcher quillt ganz allmählich in einer Tiefe von 
einigen Metern aus thoniger Schicht unter jenen hervor und ist 
von herrlichem Gcschmackc und köstlicher Frische. Dies ist der 
Platz, an dem die von Süden kommenden Karawanen Tage lang 
zu rasten pflegen; die steilen Sandsteinwände rings herum tragen 
zahlreiche Namen, Inschriften und Stammeszeichen, und auf den 
sandigsten Stellen liegt der Kameelunrath von zahllosen Karawanen 
aufgespeichert, ein unerschöpfliches Brennmaterial, auf das die Reisen- 
den dort zur Bereitung ihrer Speisen ausschliesslich angewiesen sind. 

Ich konnte mich jetzt des Anblicks meiner Umgebung und der 
Ruhe wieder erfreuen, ohne durch meine schmerzenden Augen ge- 
hindert zu sein — auch das rechte war in der Heilung begriffen 
und sah mit frischer Hoffnung und neuem Interesse den unbekannten 
Regionen entgegen, welche wir von hier ab betreten sollten. 



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Zweites Kapitel. 



UNBEKANNTE GEGENDEN. 



Wey nach Afäf». — Kolokomi's Unkenntnis» der Gegend. — Schwieriger Nachtmarsch. 

— Wassermangel. — Flussthal Galiemma. — Gefahr des Verschmachtens. — Kettung 
aus Gefahr. — Begrü>sungs-Ceremonien der TedA. — Arbeit am Brunnen. — Neue 
Ankömmlinge. — Frnte der Coloquinthenkemc. — Gebirgsgruppe Afafi. — Fluss- 
thal Lolemmo. — Fortsetzung der Rebe. — Sandsteinfelscn der Ebene. — Noch 
einmal Wassermangel. — Birsa geht nach Aräbu. — Widerstandsfähigkeit der Tttbtt 
gegen Hunger, Durst und Anstrengung. — Zeitige Rettung. — Isoa. — Gegend 
Afo. — Ueberschreitung des F.nueri L'döi. — Die Berge Tibesti's. — Der Tarso mit 
dem Tusidde. — Die Flussthäler Kjauno. — Neue Bäume. — Ausläufer des Tarso. 

— Eni Mini. — Gegend von Täo. — Zunehmendes Thierleben. — Die Flussthäler 
von Täo, Dommädo und Dausado. — Galma, der Sohn Selemma's. — Seine Tante 
Kintäfo. — Spärliche Bewohnerschaft TÄo's. 

Nachdem ich nothdürftig die Reisenotizen über die verflossenen 
Tage vervollständigt hatte, brachen wir gegen Abend (27. Juni) auf, 
um den Südabhang des Gebirges zu gewinnen. Unter Windungen 
erreichten wir schnell die höchste Höhe, folgten dann absteigend 
dem Verlaufe des Gebirgsstockes nach Südwesten, da der südliche 
Abfall zu schroff war, und konnten uns dann südlich wenden. Hier 
schied sich unser Weg von der in südsüdwestlicher Richtung sich 
fortsetzenden Bornüstrasse; vor uns nach Südosten lagen die von mir 
angestrebten, noch nie von europäischem Fusse betretenen Land- 
schaften. Freilich waren dieselben von diebischen, verrätherischen, 
gewaltthätigen Menschen bewohnt, doch der überwältigende Reiz, 
der im Unbekannten liegt, und der Rückblick auf die glänzenden 
und glücklichen Beispiele meiner Vorgänger in solchen Untcrneh- 



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•>;)4 IL BUCH, 2. KAPITEL. UNBEKANNTE GEGENDEN. 

mungcn Hessen mich mit Hoffnung und Zuversicht in die nächste 
Zukunft schauen. Nach einem dreistündigen, mühsamen Marsche, der 
durch die einbrechende Dunkelheit und durch den Mangel an Gewohn- 
heit der arabischen Kameele im Bergsteigen erheblich erschwert ward, 
schlugen wir auf der Südseite des Tümmo unser Nachtlager auf. 

Zwischen dem überwundenen Gebirgsstocke und den ersten be- 
wohnten Flussthälcrn Tibesti's lag nach der Auskunft unseres Führers 
Kolokömi die Felsengcgcnd von Afafi mit zahlreichen Flussthälcrn 
und ausgezeichnetem Kameelfutter, und auf diese und ihren Wasser- 
gehalt hatte er für unsern Marsch gerechnet. Die Einwohner Tibesti's 
führen ihre Kameele wohl dorthin auf die Weide; Kolokömi war 
früher dort gewesen, war auch einmal in seiner Jugend von da nach 
dem Tümmo gereist; doch ein üblicher, bereister Weg führt nicht 
durch die Gegend. Den nächsten Brunnen sollten wir nach der 
Berechnung unseres Führers am Ende des zweiten Marschtages 
erreichen. 

Vor Sonnenaufgang am 28. Juni aufbrechend, zogen wir über 
hügeliges und sandiges Terrain, das allmählich dürrer, steiniger und 
ebener wurde, und rasteten schon nach dreistündigem Marsche in 
Südostrichtung, weil der starke Sandwind unsern Führer leicht in 
der Wegrichtung beirren konnte, und eine mit Had bewachsene Sand- 
inscl unseren Kameelen wenigstens einige Nahrung versprach. Es war 
jungfräuliches, fast nie von Menschen betretenes Terrain, auf dem 
keine Wegspuren, keine von Menschen aus Steinen aufgethürmten Merk- 
zeichen - A'aläm (Sing. Alem) — , keine auffallend geformten Berge 
und Felsgruppen die Schritte des Wanderers leiteten. Gegen Abend 
bedeckte schwarzbrauner Sandstein häufig die Gegend, und oft waren 
weite Strecken regelmässig belegt mit grossen Platten eines grauen, 
schieferigen Gesteins. Nach Sonnenuntergang herrschte wieder weicher, 
kalkiger, viel gebügelter Boden vor, und als wir nach fünfstündigem 
Marsche auf eine Stelle nothdürftigen Kameelfutters sticssen, nächtig- 
ten wir, obgleich Kolokömi nach dem Aufhören des Windes und der 
Klärung der Atmosphäre noch vergeblich nach unserem Ziele in der 
Ferne ausgeschaut hatte. Noch am Abend crthcilte er uns die War- 
nung, nicht zu verschwenderisch mit dem Wasser umzugehen, da der 
Weg noch weit sei. Der Rath kam etwas spät; denn auf die sichere 
Ürtskenntniss unseres Führers und nur zwei wasscrlosc Tage zählend, 
hatten wir mehr als die Hälfte unserer sechs Wasserschläuche geleert. 



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MUHEVOLLE MARSCHE. 



235 



Am 29. Juni nahmen wir vor Sonnenaufgang unseren Marsch 
wieder auf und zogen über wüste, steinige Ebenen, durch sandige 
Erosionsthäler mit ihren tafelförmigen, niedrigen Erhebungen und 
über endlose Strecken, welche mit den erwähnten, grauschwarzen 
Steinplatten bedeckt waren, denen unser Fuss oder der aufstampfende 
Wanderstab oder Lanzenschaft einen metallischen Klang entlockte, 
und aus deren Spalten eine traurige Vegetation, vertrocknet und ver- 
kümmert, hervorlugte. Nach einem siebenstündigen, schnellen Marsche 
ruhten wir einige Stunden, doch Kolokömi rief bald wieder zum Auf- 
bruch und trieb mit einer Hast Thiere und Menschen vorwärts, die 
gegen Abend, als seine Augen endlich im fernen Südosten den 
lange vergebens gesuchten Bcrgkegel gefunden hatten, nur noch 
zunahm. Als er auch bei vollständig hereingebrochener Nacht noch 
keine Ruhe gestattete, wurde ich mit banger Ahnung erfüllt. Kolo- 
komi hatte augenscheinlich mindestens eine falsche Abschätzung 
der Entfernung seinen Dispositionen zu Grunde gelegt, war aber 
vielleicht nicht einmal der Richtung sicher. Dazu kam die Furcht, 
dass die von ihm früher gekannten Brunnen Afäfi's nicht mehr 
existiren oder verschüttet sein möchten. 

Wir befanden uns in der Mitte des Sommers, wo zweitägige 
Wasserentziehung fast sicheren Tod bedeutet, und die Verdunstung 
verschlang grosse Quantitäten unseres fast erschöpften Vorrathes trotz 
des ausgezeichneten Zustandes unserer Schläuche. Für das Ende 
des zweiten Tages hatte uns Kolokomi einen Brunnen in Aussicht 
gestellt; unser Wasserrest musste im Laufe des folgenden Tages 
selbst bei der sorgfältigsten und sparsamsten Eintheilung endigen, 
und die untergehende Sonne zeigte uns unser Ziel in weiter Entfer- 
nung, deren ganze Grösse ich freilich nicht zu bcurthcilen vermochte. 

Im Beginne der eigentlichen Nacht stellte sich unserem weiteren 
Marsche eine Bcrgmassc entgegen, die wir in der Dunkelheit unter 
schweren und rastlosen Anstrengungen vergebens zu überwinden ver- 
suchten. Kolokomi Hess uns keine Ruhe. Hatten wir in einer an- 
steigenden Schlucht nach langer Arbeit unübersteigliche I lindernisse 
gefunden , so kehrten wir um und versuchten es in einer anderen, 
um schliesslich entmuthigt eine dritte Angrififsstellc mit noch gerin- 
gcrem Erfolge zu wählen. Seit der mitgenommene Sebat Tedscherri's 
zu Ende war, hatten die Kameele keine ordentliche Nahrung ein- 
genommen ; die Hochebene Alaöta Kju ist solcher gänzlich baar, 



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230 II. BÜCH, 2. KAPITEL. UNBEKANNTE GEGENDEN. 

und der seit dem Tümmo gefundene Had war so verdorrt, dass die 
Thiere ihn nicht fressen wollten. Dazu hatte ich während meiner 
Augenentzündung beständig reiten müssen und war auch während 
des letzten Nachtmarsches in den Felsen nicht fähig gewesen, zu 
Fuss zu bleiben; dazu waren die Thiere selbst des Bergsteigens gänz- 
lich ungewohnt. 

Nach viclstündigcn, vergeblichen Mühen standen wir gegen 3 Uhr 
Morgens einstweilen von der Fortsetzung unseres Beginnens ab und be- 
schlossen, bis Anbruch des Tages neue Kräfte zu sammeln. Der letzte 
Versuch um diese Zeit, einen Pass zu entdecken, schlug ebenfalls fehl, 
und erst jetzt kamen wir auf den vernünftigen Gedanken, den Gc- 
birgsstock zu umgehen, wie wir es schon theilweise unvvillkührlich 
gethan hatten. Gegen 8 Uhr Morgens (30. Juni) war diese Operation 
zwar vollendet, doch die Berge, welche den ersehnten Brunnen bergen 
sollten, schienen bei der Morgenbeleuchtung im Vergleich zu dem 
Eindrucke, welchen wir Tags zuvor unter dem Einflüsse der Nach- 
mittagssonne empfangen hatten, in noch weitere Feme gerückt zu sein. 
Die Dunkelheit der Nacht hatte uns unglücklicherweise nach Osten 
von unserer ursprünglichen Richtung abgelenkt und so die qualvolle 
Ermüdung der verflossenen Nacht zur Folge gehabt; die Berge von 
Afafi lagen jetzt in .südsüdöstlicher Richtung. 

Noch besassen wir einen halben Schlauch Wasser, und zehn 
Personen sollten davon ihren Anthcil empfangen; das konnte mitten 
im Sommer nicht weit reichen. Eine ansehnliche Sudan -Qirba mag 
immerhin gegen 30 Liter Wasser enthalten und lässt unter gewöhn- 
lichen Verhältnissen nicht viel Verdunstung zu, wenn sie neu ist. 
Doch die Sonne des Hochsommers trocknet Alles aus und recht- 
fertigt im Verein mit der ungewöhnlichen Anstrengung einen reich- 
lichen Wasserverbrauch. Gerhard Rohlfs führte bei einer sommer- 
lichen Wüstenreise an einem Tage seinem Körper zehn Liter Wasser 
zu; und wir hatten für sechs Mann — Kolokömi und Bü Zeid be- 
sassen für ihre Personen noch kleine Mengen im Ganzen höchstens 
zehn Liter. Dazu waren unsere Kameele, wenigstens die meinigen, 
sehr abgemattet ; die der Tubuvarietät angehörenden meiner Begleiter, 
welche weniger beladen gewesen und an Felsklimmen gewöhnt waren, 
hatten die Schwierigkeiten des Terrains besser überwunden. 

Nachdem wir die mühevolle Felsgruppe verlassen hatten, wagten 
wir schon nach einstundigem Marsche nicht mehr, den Kameelen 



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ZUNEHMENDE ERMATTUNG. 237 

den Weitermarsch unter dem Einflüsse der Sonne zuzumuthen , son- 
dern verbrachten den grössten Theil des Tages, dessen hochgradige 
Hitze durch den äusserst schwachen Ostwind nicht gemildert wurde, 
in einer Bodensenkung, in der ein kümmerlicher Hädbestand einige 
grüne Pflänzchen entdecken Hess. Doch Kameele fressen bei grosser 
Tageshitze ungern, und lieben zu diesem Zwecke die frühen Mor- 
gen- und Nachtstunden; sind sie aber, wenn auch nur momentan, 
übermüdet, so bedürfen sie zunächst der Ruhe, oder ihr Appetit 
muss durch frische Kräuter oder etwas Wasscrgcnuss angeregt 
werden. 

Wir warteten die Verminderung der Hitze im unzulänglichen 
Schatten des Zeltes ab und zehrten in dieser Zeit unseren Wasser- 
vorrath auf, ohne unsere durstigen Organismen dadurch befriedigt zu 
haben. Dann strebten wir wieder voran, über Stein und Sand, durch 
Schluchten und über Felsen unserem fernen Ziele zu, das sich in 
der hügeligen und felsigen* Gegend den Blicken entzog, und wurden 
nur zu oft durch Terrainschwierigkeiten genöthigt zurückzugehen, 
die Richtung zu wechseln und Hindernisse zu umgehen. Von Zeit 
zu Zeit erklomm Kolokömi einen Felsen, um nach dem wasserver- 
heissenden Berge auszuspähen, und dann verriethen seine Züge eine 
Unsicherheit, welche ich nicht mehr allein einer falschen Berechnung 
der Entfernung zuzuschreiben wagte, sondern in welcher ich deutlich 
einen Mangel oder Verlust der Orientirung erblickte. 

Stumm wanderten wir einher, Nase und Mund durch Turbanstoff 
verhüllt, um die Austrocknung der Schleimhäute und dadurch den 
Durst zu verringern; jeder unserer Blicke hing mit angstvoller Span- 
nung an den Zügen des Führers, den direct zu fragen uns die be- 
ginnende Muthlosigkeit verhinderte. Wieder suchte er die Höhen, 
wieder hingen wir sprachlos voll Furcht und Erwartung an seinen 
Mienen, und immer entmuthigender ward die deutliche Antwort 
seiner unsicheren Blicke, die er höchstens noch verständlicher machte 
durch das oft gehörte: ma zäl, noch nicht! Sonnenuntergang kam; 
die Zeit der grössten Durchsichtigkeit der Atmosphäre war vorüber, 
und: ma zal, noch immer nicht! 

Immer stiller und stiller wurde die Gesellschaft, in der Jeder das 
düstere Gespenst ernstlicher Wassersnoth vor seinen inneren Augen auf- 
tauchen sah. Mit der Energie der Furcht vor dem am meisten gefurch- 
teten Schicksal der Wüstenreisenden folgte Jeder dem Führer; doch als 



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23S H. BICH, 2. KAPITEL. UNBEKANNTE GEGENDEN. 

eine vollständige Finsterniss hereingebrochen war, weigerte ich mich 
nach der traurigen Erfahrung der verflossenen Nacht und ihrer nutz- 
losen Kraftvergeudung, weiter zu marschiren, sondern drang darauf, den 
Aufgang des Mondes abzuwarten. Dies trug mir einige Stunden Rast 
in der erfrischenden Kühle der Nacht ein; doch für einen wirklich 
erquickenden Schlaf war mein Gcmüth zu aufgeregt und mein Körper 
zu ermüdet. Kurz nach Mitternacht nahmen wir den entsetzlichen 
Kampf wieder auf; doch jetzt gaben Alle, Menschen und Thiere, 
deutliche Spuren überwältigender Ermattung kund. Der Eine blieb 
zurück und konnte nur durch gewaltsame Aufrüttlung zur Fortsetzung 
des Marsches gezwungen werden; ein Anderer kratzte feuchte Erde 
aus dem Hoden, als wenn sie Aussicht auf lebendiges Wasser eröffnete; 
ein Dritter bat flehentlich um einen kleinen Trunk Wassers, da be- 
kannt geworden war, dass Giuseppe einen kleinen Vorrath für die 
äusserste Noth aufbewahrt hatte, und Ali und Sa'ad flehten ver- 
gebens beritten gemacht zu werden. So lange nicht der beginnende 
Tag unsere räumlichen Fortschritte klar gemacht hatte, so lange die 
Hoffnung nicht wuchs, konnten die Kameele nicht noch mehr be- 
lastet, durfte der letzte Tropfen Wasser nicht gewissermaassen nutzlos 
verschleudert werden. 

Der Morgen kam, und die Hoffnung Kolokömis schien mit der 
gehaltenen Umschau nicht zu wachsen. Sein Vetter Wolla und Bü 
Zeid's Diener Galma wurden vermisst und waren wahrscheinlich im 
Dunkel der Nacht unbemerkt zurückgeblieben. In ernster Herathung 
waren die wüstenkundigen Männer Kolokömi, Bü Zeid, Birsa und 
der alte Qatrüner darüber einig, dass weder Mensch noch Thiere 
in der bisherigen Weise den gesuchten Brunnen zu erreichen ver- 
möchten. Ich musste mich also entschliessen, das Gepäck zurück- 
zulassen und die Leute sämmtlich beritten zu machen, um wenigstens 
das Ziel, wenn der Weg zu ihm gefunden sein würde, erreichen zu 
können. Der gleichmüthige Bui Mohammed suchte vorsorglich eine 
hochgelegene Stelle für unsere Habe , da man nie wissen könne, 
ob nicht ein plötzlicher Regen das Thal mit einem rauschenden 
Wasserstrome anfüllen werde, und die Thiere wurden entlastet. Dass 
die Sachen ohne Bewachung oder Versteck auf freiem Felde gelassen 
wurden, hatte in dieser so selten von Menschen besuchten, öden 
Wildniss durchaus kein Bedenken. 

Giuseppe ging an die Verthcilung des Wasserrestes. Jeder erhielt 



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ENDE DES WASSER VORRAT!! ES* 231* 

ein volles Glas von sechs bis acht Unzen des köstlichen Nass, das 
die Frische der Nacht und die Verdunstung von der Oberflache der 
Qirba fast eisig gekühlt hatte, und gierig sogen wir, mit schmerz- 
lichem Bedauern, dass es nicht mehr sei, den letzten Tropfen ein. 
Der letzte war Kolokömi. Kr schob seinen Gesichtsschleier von 
Nase und Mund nach unten über das Kinn zurück, ergriff das 
Glas, nahm einen Schluck, kühlte die Schleimhaut seines Mundes 
mit demselben, spritzte es in langem Strahle durch eine Zahnlücke 
von sich, als ob es nicht heiliges Wasser, sondern der gewöhnliche 
Inhalt eines Tubumundes, grünlicher Tabaksaft, wäre, und reichte 
mir den Rest mit dem Bemerken, dass er noch keinen Durst habe, 
aber wohl begreife, dass wir als Leute des Wassers sogar diesen erst 
beginnenc^en Mangel nicht ertragen könnten. Es ist nämlich eine allge- 
mein verbreitete Ansicht in jenen Gegenden, dass die Christen auf 
sumpfigen Inseln mitten im Meere, eng zusammen gedrängt, ein halb 
amphibisches Leben führen. Der Mann imponirte mir, wie er, aus- 
getrocknet gleich den öden Gefilden seiner Heimath, hart und schroff, 
wie die Felsen seines Landes, Nichts von seiner Energie eingebüsst 
hatte. Auch Bü Zei'd, Birsa und der alte Qatrüner hatten Etwas 
von dieser Wüstennatur in sich, während wir beiden Christen, mit 
Sa'ad und Ali eine Kategorie bildend, von jenen mit einem Mitleid, 
das nicht ganz frei von Verachtung war, betrachtet wurden. 

Ohne Aufenthalt ging es wieder vorwärts. An der Spitze war 
Kolokömi, der seinen Landsmann Birsa hinter sich auf seine noch 
rüstige Näqa (weibliches Kameel) genommen hatte; ihm der nächste 
war Bü Zeia auf seinem schlanken Thiere, das ebenfalls nicht durch 
Belastung erschöpft war und mit zartem Gliederbau die Energie und 
leichte Beweglichkeit seiner Rasse vereinigte; dann folgte ich, und 
hinter mir kam Giuseppe Valpreda, Jeder allein auf einem Kameele; 
Ali Bü Bckr, mit der arabischen Wachthündin Fcida vor sich, war 
der nächstfolgende, und Bui Mohammed mit Sa ad auf der Croupe 
schloss den Zug, dessen Glieder keineswegs nahe bei einander 
blieben. 

Von den beiden Hunden, welche uns begleiteten, musste Feida 
schon seit manchen Tagen zu Kameel transportirt werden. Schon 
che sie Qatrün erreichte, hatte der kiesige Sand und seine Tempe- 
ratur die harte Haut der Fusssohlen durchgescheuert und entzündet, 
und bald waren diese in offene Wunden verwandelt. Dudschäli da- 



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240 



II. BUCH, 2. KAPITEL. UNBEKANNTE HEGENDEN. 



gegen, trotzdem seine Fiisse ebenfall«? in einem traurigen Zustande 
waren, konnte nicht bewogen werden, auf dem Kameelrücken zu blei- 
ben, obgleich ihm die qualvolle Hitze und die grenzenlose Ermü- 
dung unaufhörlich ein jammerliches Wimmern und Klagen auspresste. 

Kolokömi und Bü Ze'id waren Dank der Leichtfussigkeit ihrer 
Tubukameele bald unseren Blicken entschwunden, während wir unsere 
Thiere nur durch unmenschliche Züchtigung bewegen konnten, ihren 
Spuren zu folgen. Die uns in nächster Nähe umgebenden Felsen ver- 
hinderten den freien Umblick und verdeckten uns das lockende, 
rettende Ziel. Da, etwa eine Stunde nrch Sonnenaufgang, eröffnete 
sich vor uns plötzlich ein weites Flussbett, dessen Anblick unsern 
Muth wieder anfachte und uns mit neuer Energie belebte. Am Ur- 
sprünge desselben, zu den Füssen der hohen, finsteren Felsin, die wir 
aus der Feme erblickt hatten, sollte der heissersehnte Brunnen liegen. 
Die Hoffnung wuchs, als in dem reinen Sande des Bettes zahlreiche 
Fussspuren von Kameclcn, Eseln, Antilopen zu beweisen schienen, dass 
noch in jüngster Zeit Wasser in der Nähe war. Zum ersten Male 
sah ich hier den kräftigen Eindruck des Strausscnfusses im Sande, 
der stets für ein sicheres Zeichen von Wasser in nicht zu grosser 
Ferne gilt. Allerdings wollte der alte Qatrüner, dessen Natur sich 
nicht leicht zu sanguinischer Hoffnung fortreissen Hess, dieser Erschei- 
nung nicht den hohen Werth beilegen, den ihr meine Phantasie zu- 
schrieb. Auf meine Verwunderung darüber erklärte er mir, dass bei 
der grossen Ausdehnung des gebirgigen Gebietes und bei dem eng 
zwischen hohen Felsen eingebetteten Sande solche Spure/i sich lange 
unbedeckt und unverwischt in scheinbarer Frische erhalten können, 
und dass also kein sicherer Schluss aus ihnen zu ziehen ist. So 
viel schien mir wenigstens klar, dass, wenn überhaupt Wasser am 
Ursprünge des Flussthalcs vorhanden war, wir dasselbe erreichen 
mussten; dem Gedanken, dass der Brunnen leer sein könne, wagte 
ich nicht Raum zu geben. 

Unser Weg war uns jetzt vorgezeichnet, und mit Aufbietung 
aller unserer Kräfte trieben wir mit unseren eisernen Ladestöcken 
und mit Knütteln die armen, erschöpften Thiere vorwärts und folgten 
den Windungen des Flusses. Bald erhob sich der grösste Feind 
des vom Durste Bedrohten oder Gequälten, die Sonne, zu bedenk- 
licher Höhe. Glühend sendete sie ihre Strahlen auf die dunkel- 
farbigen Felsen der Ufer und auf den hellen Sand zwischen denselben, 



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QÜAI.EN t>F.S DURSTES. 241 

und Strahlung und Rückstrahlung versetzte uns bald in ein Meer 
von Feuer und Gluth. In ihm erstarb die momentan aufgeflackerte 
Thatkraft, drohte der kaum angefachte Hoffnungsfunke schnell wieder 
zu erlöschen. Furchtbarer Durst stellte sich ein; die Mund-, Rachen-, 
Nasen- und Kehlkopf- Schleimhaut wurde ihrer letzten Feuchtigkeit 
beraubt; um Schläfe und Stirn schien sich ein eiserner Ring enger 
und enger zu schliessen. Kein erfrischender Windstoss erreichte uns 
im engen Thale; die Augen brannten schmerzhaft; die Ermattung 
wurde grenzenlos. Ausserdem trugen die Kameele der Hoffnung 
auf Rettung, welche in der Ferne winkte, keinerlei Rechnung, sondern 
begannen in beunruhigender Weise mit den Sajälakazien zu liebäugeln, 
welche hier und da im Flusssande durch ihr spärliches aber kräftiges 
Grün das Auge erquickten und durch ihren, wenn auch noch so 
kümmerlichen, Schatten zur Rast einluden. Zweimal legte mein 
ermattetes Thier trotz meiner Schläge seine müden Glieder unter 
einen Baum, und zweimal gelang es mir, durch Verdoppelung der 
Züchtigung das arme Geschöpf zu qualvollem Weiterschwanken zu 
bewegen. Doch als dasselbe sich in der Mitte des Vormittags zum 
dritten Male in das Geäst einer Akazie, deren lange, kräftige Stacheln 
mir die Haut zerrissen, gedrängt und niedergelegt hatte, entfaltete es 
den ganzen Eigensinn seiner Art und war durch Nichts zu bewegen, 
den sauer errungenen Schatten aufzugeben. 

Ich war schon geschwächt genug, um eine geheime Befriedigung 
über den Entschluss meines Trägers zu empfinden und ohne Rück- 
sicht auf die drohend nahe Zukunft mich am nächsten Genüsse des 
Schattens zu erlaben. Als die Kameele meiner Gefährten nach und 
nach eintrafen, folgten sie ohne Zaudern dem Beispiele ihres Vor- 
gängers und krochen mit ihrer menschlichen Bürde unter den Baum. 
Bald waren wir alle vereint und beschlossen, bis gegen Abend im 
Schatten zu verweilen und dann zu versuchen, mit dem Reste unserer 
Kräfte den Brunnen zu erreichen, wenn bis dahin Kolokömi und der 
Muräbid kein Wasser gesendet haben sollten. Letzteres hoffte ich 
natürlich von ganzem Herzen und suchte meinen Gefährten diese 
Hoffnung so sicher und wahrscheinlich als möglich darzustellen. 

Leider gelang es mir nicht, auf diese Weise die Lebensgeister 
Alis und Sa'ad's aufzumuntern. Der Erstere verfiel schnell in einen 
Zustand halber Bewusstlosigkeit, der mir eine so ernstliche Besorgniss 
einflösste, als der erwachende Egoismus der eigenen Lebensgefahr 

Nachti^al. I. IG 



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242 II. BUCH, 2. KAPITEL. UNBEKANNTE GEGENDEN. 

zuliess. Der Letztere sprach mit entstellten Zügen nur von seinem 
nahen Tode, mir für den Fall meiner Rettung seine Frau und 
Kinder auf die Seele bindend, erging sich dann in bitteren Vor- 
würfen gegen mich, sie trotz der Warnung aller vernünftigen Leute 
in dies grässliche Land geführt zu haben, und bereitete sich endlich 
durch laute, heisse Gebete zum Eintritt in s Paradies vor. Mohammed 
klammerte sich ohne Ostentation an seine einfache, fatalistische 
Lebensanschauung und verwies dem thörichten Saad ernstlich seine 
Invectiven gegen mich, indem er ihm klar machte, dass Alles vom 
allmächtigen Gott so bestimmt sei, und dass ich doch unmöglich 
mehr thun könne, als mit ihnen zu sterben, wenn es so verhängt sei. 
Giuseppe Valpreda endlich, ein energischer, heftiger Charakter, brütete 
stumm vor sich hin, erhob sich dann plötzlich, steckte den Revolver 
in den Gürtel und erklärte mir mit heiserer Stimme, er sei nicht ge- 
willt, so thatlos den Untergang zu erwarten, sondern werde dem 
Laufe des Flussbettes folgen und entweder Wasser rinden, oder mit 
dem Urheber des Unheils, Kolokömi, mittelst des Revolvers abzu- 
rechnen wissen. Trotz meiner und Bui Mohammed s Vorstellungen 
folgte er seinem eigensinnigen Kopfe. Sowohl Giuseppe als ich boten 
schon frühzeitig die Symptome zunehmender Heiserkeit und eines 
höchst lästigen Harnzwanges dar, von denen selbst bei Saad und 
Ali, welche doch erschöpfter zu sein schienen als wir, nichts wahr- 
zunehmen war. 

Zweckmässiger würde es gewesen sein, den Baum zu verlassen, 
und abseits vom Flusse irgendwo einen vollkommeneren und kühleren 
Felsschatten zu suchen; doch dann hätten unsere weitergeeilten Ge- 
nossen, wenn sie mit dem rettenden Nass eingetroffen wären, uns erst 
suchen müssen, und wir wollten in einem solchen Falle keinen Augen- 
blick verlieren. Mit diesem Grunde fand sich unsere Energielosigkeit 
leicht in das passive Harren. Der Schatten des Baumes war in der 
That sehr unzureichend, und, wo es möglich war, suchte Jeder sich 
eng an eines der Kameele zu schmiegen, um im Schatten seines 
mächtigen Körpers zu liegen. Doch die Sonne stieg höher, der 
Schatten der Thiere und der ohnehin sehr kleinen Baumblätter wurde 
kürzer und kürzer, und die stechenden Sonnenstrahlen zwangen uns 
oft, Platz oder Körperlage zu ändern. Die Minuten schlichen mit 
aufreibender Langsamkeit dahin; Furcht und Hoffnung hielten ab- 
wechselnd den Rest unserer Lebensgeister wach; doch allmählich 



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HOFFNUNG UND VERZWEIFLUNG. 243 

wurden wir stiller und stiller. Kein Geräusch störte die Grabesstille 
der umgebenden Natur; keine Bewegung milderte das starre, todte 
Aussehen der düsteren Felsen; kein Windeshauch liess die Zweige 
und Blätter der wenigen Bäume, dieser kümmerlichen Repräsen- 
tanten des Lebens, auch nur erzittern. 

Als der Nachmittag herankam, die Sonne sich allmählich zu 
senken begann, und kein Wasser sich zeigte, fing meine Hoffnung 
an zu erblassen; wahrscheinlich hatten unsere voraufgceilten Begleiter 
kein Wasser in dem betreffenden Brunnen gefunden und suchten 
dasselbe in weiterer Ferne. Kein Schlaf wollte mich der drohenden 
Gegenwart für Augenblicke entrücken. Bald lehnte sich meine ganze 
Hoffnungskraft in momentaner Energie gegen ein so frühes Ende 
meiner innerafrikanischen Laufbahn auf, che ich noch den geringsten 
meiner Pläne ausgeführt zu haben die Gcnugthuung hatte; bald ge- 
dachte ich in schmerzlicher Rührung der zahlreichen Freunde, die 
mich so ungern zu der gefahrvollen Reise hatten scheiden sehen; 
bald suchte und fand ich einen vorübergehenden Trost in^dem fata- 
listischen Gefühle der Ergebung in das Unvermeidliche und in dem 
Bewusstsein, nach bestem Wissen und Willen alle Dispositionen für 
die verhängnissvolle Reise getroffen zu haben. 

Allmählich wurden diese Gedanken zu unbestimmten Empfin- 
dungen, verwischten sich in Träumereien, in denen ich meine Um- 
gebung sah, ohne in ihr zu leben; in denen Bilder aus meiner Ver- 
gangenheit mit den Erlebnissen der Gegenwart verschmolzen, und 
ich mir nicht mehr klar bewusst war, ob ich in der fernen Heimath, 
ob am Fusse eines Felsens in der Sahara weilte. Zuweilen ward 
ich noch aufgerüttelt aus meinem Traumleben, wenn stechende 
Sonnenstrahlen mein Gesicht trafen oder Sa'ad in neu erwachender 
Glaubensgluth seine Gebete inniger murmelte. Doch bald schwand 
Alles, Gegenwart und Vergangenheit, die drohende Todesgefahr und 
die nie ganz ersterbende Hoffnung, und ein Zustand umfing mich, von 
dem ich nicht weiss, ob er ein unvollkommener Schlummer oder die 
beginnende Bewusstlosigkcit eines nahen Unterganges war. Ich weiss 
nicht, wie lange dieser, ich kann nicht sagen qualvolle, Zustand dauerte, 
in dem meine Sinnesorgane Eindrücke von aussen aufnahmen, ohne 
dass diese zu richtigem Bewusstsein gelangten. 

Da, war es ein Traum, war es ein Spiel meiner krankhaft erregten 
Sinner Eilte dort nicht mit schnellen, seltsamen Sprüngen eine mäch- 



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5>44 



lt. Bt'CH, 2. KAPITEL. UNBEKANNTE GEGENDEN'. 



tige Ziege gerade auf unsere Akazie los, und trug sie nicht gar einen 
Menschen auf ihrem Rücken? Ich hätte nachher darauf schwören 
mögen, Hörner und Hart gesehen zu haben. Freilich war es ein 
Mensch, ein heiss ersehnter Mensch, doch die Ziege verwandelte 
sich in ein Kameel, auf dem uns Birsa in zwei Schläuchen Wasser 
zutrug, dessen Anblick uns bei unserer Schwäche und Reizbarkeit 
Thränen der Rührung auspresste. Im Nu war Ali Bü Bekr wieder 
zum Leben erwacht, Sa'ad versparte den Rest seiner Gebete auf eine 
passendere Gelegenheit, und ich war im Augenblicke voll und ganz 
zur Gegenwart zurückgekehrt. Der nicht aus .dem Gleichgewicht zu 
bringende Bui Mohammed allein Hess sich zu keiner unwürdigen Leb- 
haftigkeit der Gefühlsäusserung hinreissen, sondern kramte aus unserem 
Proviantsäckchen ein Dutzend Zwiebäcke, brockte sie in unser Trink- 
gefäss und meinte, es sei zuträglicher, nach längerem Durste vor der 
Stillung desselben etwas feste Nahrung zu sich zu nehmen. Erst 
dann sogen wir uns voll des köstlichsten aller Getränke. Unter 
andern Verhältnissen wäre dasselbe freilich schwerlich von Vielen 
angerührt worden, so schmutzig und voll fremder Bestandteile war 
es. Uns schien es ein Göttertrank, und unsere Lippen bebten keines- 
wegs vor den verwesten Materien in ihm zurück. 

Nach dem ersten ausgiebigen Trünke hatte die Schleimhaut ihre 
normale Feuchtigkeit wieder erlangt, der heisere Choleraton der 
natürlichen Stimme Platz gemacht, und der lästige Harnzwang ver- 
schwand wie durch Zauberschlag. Mohammed schob zur Feier des 
Momentes eine ausgiebigere Prise Tabak in seinen Mund, biss ein 
entsprechendes Stück Natron mit seinem einsamen Eckzahne ab, und 
Alles war Glück und Freude und Hoffnung. Auch die beiden Hunde 
wurden nicht vergessen und zu neuem Leben gekräftigt, und den 
fehlenden Giuseppe hatte Birsa unter einen Felsen hingesunken ge- 
funden, hatte ihm Kopf und Schläfe gewaschen und seinen ganzen 
Tarbüsch mit Wasser gefüllt. Als auch nicht ein Tropfen des kost- 
baren Inhaltes mehr in den Schläuchen war, kam der vorher ver- 
gebens als Tröster herbei gesehnte Schlaf, der gesundeste, tiefste, 
erquickendste, den ich je im Leben schlief, so tief, dass ich beim 
Erwachen lange Zeit nöthig hatte, um mich in Zeit, Ort und Um- 
ständen zurecht zu finden. 

Ich erwachte über der Ankunft Kolokömi s und Bü Zeid's, welche 
zwar einen weiteren, knappen Wasservorrath brachten, jedoch be- 



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RETTUNG. 245 

richteten, dass der Brunnen nicht im Stande sei, genug Wasser für 
uns und unsere Kameele zu liefern. Ersterer sprach von einem 
anderen Brunnen in der Nähe, den er wisse und aufsuchen wolle, wäh- 
rend die Kameele das vorhandene Wasser trinken und das im Stiche 
gelassene Gepäck herbeiholen würden. Es war Donnerstag Abend, 
und es mussten also fün/Tage verfliessen, bevor die Thierc nach harter 
Arbeit und fast gänzlicher Nahrungslosigkeit getränkt werden konnten. 
Selbst im Hochsommer würde zwar diese Dauer der Wasserent- 
ziehung keine aussergewöhnliche gewesen sein, obgleich das Kameel 
der Nordküste an häufigere Tränkung gewöhnt ist, wenn nicht der 
gleichzeitige Mangel an Nahrung und die übergrosse Anstrengung 
bei der herrschenden Temperatur die Entbehrung complicirt hätte. 

Am nächsten Morgen (2. Juli) gaben wir dem stärksten meiner 
Kameele vorläufig einen halben Schlauch Wasser und sandten es 
mit den beiden Thieren Kolokömis und Bü Zcid's, welche Tags 
zuvor am Brunnen getränkt worden waren, zur Herbeiholung des 
Gepäckes, während Ali und Sa'ad die übrigen drei zum Brunnen 
führten, um ihnen das in der Nacht in demselben angesammelte 
Wasser zu verabreichen und auch uns so viel als möglich zu bringen. 
Nach der Rückkehr Aller wollten wir dann nach dem von Kolokömi 
erwähnten, westlich von uns gelegenen Brunnen ziehen, an dem unser 
Fuhrer die beiden Vermissten zu finden hoffte, da er wusste, dass 
Wolla denselben kannte. 

Der Qatrüner, Bü Zeid und Birsa, welche zur Aufsuchung des 
Gepäcks abgegangen waren, kehrten schon nach einer halben Stunde 
zurück, da sie Wolla und Galma bewusstlos auf ihrem Wege gefunden 
hatten. Wir wuschen dieselben ab, flössten ihnen ganz allmählich 
etwas Wasser ein, und nach einigen Stunden fielen auch sie in einen 
gesunden Schlaf, aus dem sie in bestem Wohlsein erwachten. Sie 
waren in der That, wie Kolokömi vermuthet hatte, zu dem andern 
Brunnen gelangt, hatten aber kein Wasser in demselben gefunden. 

Während sie noch schliefen, kamen plötzlich Ali und Sa'ad mit 
entsetzten Mienen wieder angelaufen, um die Mittheilung zu machen, 
dass der Brunnen von einer Bande Tubu besetzt sei, bei deren An- 
blick sie die Flucht ergriffen hätten. Genauere Nachfragen stellten 
bald heraus, dass Sa'ad in der Nähe des Brunnens ein Kameel und 
Waffen, doch keinen Menschen erblickt, eilig seinen Gefährten von 
einer grossen feindlichen Bande in Kenntniss gesetzt hatte, und dass 



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246 



II. BUCH, 2. KAPITEL. UNBEKANNTE GEGENDEN. 



Heide, Kameele und Qireb im Stiche lassend, in wilder Flucht davon 
geeilt waren. So unzulänglich und unsicher auch diese Angaben waren, 
versetzten sie doch unsern Führer Kolokomi in die lebhafteste Unruhe. 
Entsprechend dem Rufe der Treulosigkeit und Verrätherei, den die 
Tubu bei allen Nachbarvölkern haben, furchtet sich Jeder von ihnen 
sogar, einen Landsmann in der Wüste zu begegnen. Wir zogen uns in 
ein schattiges Felsenversteck zurück, von dem Kolokomi fortwährend 
vorsichtig auslugte, und überredeten indess die beiden feigen Diener, 




Zwei Tubu, »ich begrüßend. 

umzukehren und wenigstens die drei im Stiche gelassenen Kameele 
und ebenso kostbaren Wasserschläuche in Sicherheit zu bringen. 

Ehe dieselben zurückgekehrt waren, zeigte sich die harmlose 
Ursache ihrer grenzenlosen Furcht in der Gestalt eines einzelnen 
Mannes, der" mit einem beladenen Kameele friedlich vom Brunnen 
hergezogen kam. Da er allein war, machte Kolokomi beruhigt die 
zur Begegnung nöthige Toilette, d. h. trug Sorge, dass von seinem 
Gesichte nur die Augen sichtbar blieben, und alles Uebrige sorgfaltig 
in die verhüllende Turbantour gewickelt war, ergriff Lanze und Wurf- 
eisen und trat dem Fremdling entgegen, der, sein Kameel an langer 
Halfter führend, jetzt ebenfalls seinen Litham über die Nase in die 



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HEGRLSSUNCSCEKEMONIE DER TL' HU. 247 

Höhe zupfte. In der Entfernung von etwa sechs Schritten von ein- 
ander hockten sie nieder, in der einen Hand die auf den Boden ge- 
stemmte Lanze, in der andern das Wurfeisen, und vollzogen den 
wichtigen Act der wortreichen Bcgrüssung. Kolokömi begann mit 
der Frage nach dem Befinden des Fremden, welche er abwechselnd 
durch „Lahainkennäho" oder „Lahadintscheda oder „Lahanihcni" 
oder „Killahäni* ausdrückte, und dieser antwortete durch „Laha 
oder „Killaha". Sobald diese Fragen und Antworten etwa ein 
Dutzend Male wiederholt worden waren, intonirte Kolokümi ein lautes, 
kräftiges „Ihilla' , auf das der Fremdling dasselbe Wort erwiderte, 
und es folgte nun eine wechselseitige Wiederholung dieses Grosses, 
welche uns durch ihre Länge in Verzweiflung setzte. Anfangs in 
kräftigster Mannesstimme erschallend stieg das „Ihilla" in allmählicher 
Tonleiter bis zu dumpfem, unverständlichem Murmeln abwärts, und 
das Ganze wurde mit einem so würdevollen Ernste ausgeführt, dass 
der Uneingeweihte viel eher irgend eine wichtige Ceremonic als eine 
einfache Begrüssung vermuthet hätte. Waren sie an dem tiefsten 
Laute ihres Kehlkopfes angekommen, und schien ihre Stimme im 
leisesten Murmeln zu ersterben, so begann wieder Einer der Beiden 
ein lautes, hochtöniges „Laha" und das „Ihilla' machte von Neuem 
die ganze Tonleiter durch. Dabei schienen sie durchaus kein gegen- 
seitiges Interesse an ihren Personen zu nehmen, sondern sahen sich 
selten an und schienen vielmehr geflissentlich entweder den Blick 
in die weite Ferne schweifen zu lassen, oder vor sich in den Boden 
zu bohren. 

Nach einiger Zeit wurde das sonderbare Wechselspiel durch 
zahlreiche Variationen der Frage: „wie geht es Dir? und durch 
Antworten „gut! oder „mit Frieden! unterbrochen und erst gegen 
das Ende des ganzen Begrüssungsactes mischten sich andere Fragen 
nach Ausgangspunkt und Ziel der beiderseitigen Reisen, nach den 
Ereignissen des Landes, nach Lage und Zustand der nächsten Brunnen 
unter die stereotypen Fragen und Antworten. Noch kehrte man zwar 
stets wieder zum „Ihilla zurück, doch kürzer und kürzer wurden die 
Reihen desselben, bis allmählich die gewöhnliche Unterhaltung die 
I )berhand gewann und endlich die Begrüssungsformeln ganz auf- 
hörten. Da Kolokömi den Mann nicht kannte, so gab er ihm weder 
vor noch nach der Begrüssungsscenc die Hand , während unter Be- 
kannten die arabische Sitte der Handreichung ihre Geltung hat. 



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248 II. BICH, 2. KAPITEL. UNBEKANNTE GEGENDEN. 

Erkundigungen bei meinen Tububegleitern und Bui Mohammed 
lehrten mich noch manche Einzelheiten der Höflichkeitsregeln in 
Tibesti kennen. Bewohnt man in den nördlichen Tubuländern den- 
selben Ort, sieht sich also voraussichtlich öfters, so reicht man sich 
stets die Hand und bietet sich die Tageszeit, wie z. B. „Lahanizzeda" 
(ist deine Sonne, d. h. Tag, gut?) oder „Dogesalaha" (war deine Nacht 
eine glückliche?) oder „Entoguddeni" (wie hast du die Tageshitze zu- 
gebracht?), und nur das „Killahani" (bist du wohl?) scheint unter 
allen Umständen und zu allen Zeiten Gültigkeit zu haben. Bei der 
Trennung sagt man gewöhnlich Nichts, wie die Araber, oder ruft 
denen, die man verlässt, wohl zu: „Allah nkjufuk!" — Höchst erwünscht 
bei jeder Begrüssung und Begegnung mit Fremden ist jedenfalls das 
sorgfaltige Einhüllen des Gesichtes in den Litham. Wenn schon die 
Begrüssung, welche sich Araber zu Theil werden lassen, dem fremden 
Beobachter ungebührlich lang erscheint, so scheint sie bei den Tubu 
gar kein Ende zu nehmen. 

Der Reisende war ein kleiner, dunkelbroncefarbiger Mann, dessen 
harmloser Anblick sicherlich nicht einen so furchtbaren Eindruck 
auf meine Diener hatte machen können, als es seine Waffen vermocht 
hatten. Er war übrigens ganz allein, im Begriff nach Kawär zu 
reisen und verbrachte den Tag mit uns. 

Sobald unsere Boten das Gepäck herbeigebracht hatten, machte 
sich der alte Qatrüner nach dem Brunnen auf, um Ali und Sa'ad 
mit ihren bei der feigen Flucht im Stiche gelassenen Kameelen auf- 
zusuchen und diese zu tränken. Wir selbst beabsichtigten, da Wolla 
in dem seinem Vetter bekannten benachbarten Brunnen gar kein 
Wasser gefunden hatte, uns mit dem gefundenen zu begnügen, in 
seiner Nähe unser Lager aufzuschlagen und durch nachhelfende Erd- 
arbeiten seinen Inhalt nach Kräften zu vermehren. 

Dies führten wir am nächsten Morgen (3. Juli) in aller Frühe aus. 
Wir folgten den Windungen des sandigen Flussthaies, das trotz der 
von allen Seiten andrängenden Felsen eine Breite von etwa 100 Schritt 
hatte und fast bis zum Ursprünge so blieb, für drei Stunden in durch- 
schnittlicher Ostrichtung und lagerten in der Nähe unseres Zieles. 
Das Flussbett führt den Namen Galiemma, entspringt von jenen so 
angstvoll angestrebten dunklen Felsenmassen und verliert sich nach 
einem westlichen Verlaufe von etwa 30 Km in einer natronhaltigen 
Ebene. Mit dieser ist man aus den Afäfi- Bergen herausgetreten; 



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COl.OQUINTHEN- KERNE. 249 

weiterhin nach Westen erstreckt sich bis zur Bornüstrasse jenes wüste 
steinige, hier und da erodirtc Terrain, welches wir vom Tümmo ab 
durchzogen hatten. Unser Brunnen befand sich in einer halbkreis- 
förmigen, riesigen Grotte von Sandsteinfelsen in erdegemischtem 
Sande, der in einer Schicht von 2 bis 3 M. dem Felsgrunde auflag. 
Der ausgegrabene Schacht war eng, und da er weder ausgemauert, 
noch nach der Landessittc mit Baumzweigen ausgekleidet war, fiel 
natürlich bald Sand und Erde nach, und das Wasser sickerte nur 
mühsam hindurch. Nach dreistündiger Arbeit stiessen wir auf den 
felsigen Grund und in ihm auf eine Spalte, aus der augenblicklich 
der Lebensquell etwas reichlicher floss. 

Während wir noch eifrig arbeiteten, aber unsere Thiere schon 
nothdürftig abgetränkt hatten, erschienen am Nachmittage noch drei 
Tubu mit fünf Kameelen und profitirten alsbald von den Früchten 
unserer Arbeit. Sie bctheiligten sich übrigens eifrig bei der letzteren, 
so dass wir an diesem Tage dem wasserarmen Brunnen immerhin 
mehrere hundert Liter entrangen. Die neuen Ankömmlinge waren zu- 
fallig Verwandte Kolokömi s und hatten zur Zeit ihren Aufenthalt in der 
Gegend von Afäfi, hauptsächlich, um Coloquinthen-Kerne zu ernten. 

Die Bittergurke wird im Arabischen Handal, in der Tubu-Sprache 
Aber genannt, und ihre Kerne, welche eigentlich im Arabischen Aulad 
cl-Handal heissen, führen sowohl bei Arabern jener Gegend als bei Tubu 
den Namen Tabarka, in dem vielleicht das Wort Aber enthalten ist. 
Der Proccss, durch den die Kerne genicssbar gemacht werden, ist 
ein sehr complicirter. Man erntet sie im Sommer, trocknet sie ge- 
hörig, thut sie in starke Säcke und befreit sie durch Treten von 
einem Theilc ihrer Schalen und sondert sie durch Worfeln von diesen. 
Alsdann mischt man sie mit der Asche von Kameelmist, bearbeitet 
das Gemisch zwischen glatten Steinen, wie man sie zum Mahlen des 
Getreides benutzt, beraubt sie dadurch eines Thcils ihrer Bitterkeit 
und drastischen Eigenschaft und entfernt gleichzeitig den letzten 
Rest der Schalen. Nachdem man sie wieder geworfelt hat, kocht 
man sie mit den Laubspitzen des Etel-Busches, wässert sie kalt ein 
und wiederholt diese Procedur, bis jede Spur von Bitterkeit ver- 
schwunden ist. Endlich trocknet man sie an der Sonne und hat ein 
angenehmes und in Pulverform sehr geeignetes Nahrungsmittel ge- 
wonnen, zu dem man gerne Datteln in demselben Zustand fügt und 



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250 H. BUCH, 2. KAPITEL. UNBEKANNTE GEGENDEN. 

das in der Oekonomie der Bewohner Tibestis nicht ohne Wichtigkeit 
ist und für sehr nahrhaft gilt. 

Die Verwandten Kolokömi's waren kräftige, mittclgrosse, ziemlich 
magere Männer von dunklerer Hautfarbe als die meisten der bisher 
gesehenen Tubu, obgleich die Intensität derselben von der Schwärze 
meiner farbigen Diener sehr übertroffen wurde. Sie waren ebenfalls 
sehr abgerissen und mit Anmieten und Talismanen so behängt, dass 
ich an Einem von ihnen 16 Ledersäckchcn verschiedener Form 
und Grösse an Turban, Hals und Armen zählte. Sie führten ausser 
ihren Kamcclen noch drei Windhunde mit sich, jammervolle Gerippe, 
welche, obgleich an Grösse und schlankem Wuchs weit gegen die 
schönen Vertreter dieser Rasse in Marokko und Tunisien zurück- 
stehend, doch Gazellen und Antilopen erjagen sollen. Ohne diese 
nützliche Eigenschaft würden sich gewiss die praktischen Tubu nicht 
dazu verstehen, ihnen ihr spärliches Futter zu gönnen. Der traurige 
Zustand der Ernährung dieser verhungerten Geschöpfe wurde mir 
in unerfreulicher Weise noch persönlich dadurch klar gemacht, dass 
sie, kaum angekommen, erfrischt und etwas ausgeruht, sofort meine 
arabischen ledernen Schuhe als gute Jagdbeute ansahen und die 
dicken Sohlen derselben aus BüfTclfell ihren heruntergekommenen 
Organismen einverleibten, während ich barfuss der Ruhe pflegte. 

Während noch Alle am Brunnen arbeiteten, oder auf dem Sande 
seiner Umgebung der Ruhe oblagen, streifte ich auf den umliegenden 
Felsen und in den tiefen Schluchten herum und staunte über die 
Wildheit beider. Die dunkle Färbung der aufeinander gethürmten, 
massigen Blöcke, die Kahlheit und Nacktheit des Ganzen, in Mitten 
einer Einsamkeit, welche durch keine rauschenden Bäume, kein 
plätscherndes Wasser, keine Stimmen der Vögel unterbrochen oder 
gemildert wurde, erfüllten mich mit einem Gefühle ehrfürchtigen 
Grauens, wie es etwa Kinder Abends allein in einer Kirche oder auf 
einem Friedhofe empfinden. An den senkrechten Wänden der 
Schluchten trat in der Tiefe häufig rother, weisser, grauer, violetter, 
brauner oder gelber Kalkstein zu Tage unter der kolossalen Hülle 
des dunkelfarbigen Sandsteins. Hier waren abgerundete Hügel mit 
mächtigen Blöcken bedeckt, dort lagen die Ricsenwürfel über ein- 
ander geschichtet und bildeten entweder grössere, horizontale Stein- 
flächen oder, wenn rings die nächste Umgebung zerstört und zerfallen 
war, wahre Kolosse von Säulen und Pfeilern. 



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DIE KELSEN UND FI.USSTH.M.Ek AFÄFl's. 251 

Die Erhebung des Flussthaies über dem Meeresspiegel beträgt 
etwa 600 M., während ich für die durchschnittliche Höhe der um- 
gebenden Felsen 70 M. mehr fand. Von der Höhe eines solchen 
sah man die scheinbar regellos angeordnete Gebirgslandschaft sich 
hauptsächlich nach Südosten fortsetzen, während nach Westen hin 
die Felsen sich bald in der weiten Ebene verloren. 

Da die Brunnenarbeit durch den fortwährend nachfallenden Sand 
sofort wieder zum Theil vernichtet wurde, und das Wasser so sicht- 
lich abnahm, dass es zweifelhaft erschien, ob wir unseren Reise- 
vorrath aus ihm würden schöpfen können, gingen die drei zuletzt 
Angekommenen mit Sa'ad und Ali lange vor Tagesanbruch in den 
benachbarten Enneri Lolemmo, um an dort bekannten Stellen nach 
Wasser zu forschen. Da sie um Mittag mit günstigem Berichte 
heimkehrten, verlegten wir unser Lager in die Nähe des von ihnen 
aufgefundenen Brunnens. Wir verliessen unser Flussthal durch einen 
nördlichen Pass und gelangten aus einem folgenden, flachen Fcls- 
kessel in ostnordöstlicher Richtung durch eine enge Schlucht in die 
weite, steinige Ebene des E. Lolemmo, welche wir in südöstlicher 
Richtung bis zu den Felsengruppen durchzogen, aus denen sich das 
Flussbett entwickelt. In diese einzudringen konnten wir unserer, 
solchen Terrains ungewohnten, arabischen Kameele wegen in der 
Dunkelheit nicht mehr versuchen; wir schlugen also unser Lager in 
der fcJbene auf und schickten die Tubukameele zur Wassereinnahme. 

Das Flussthal hat einen westsüdwestlichen Verlauf und erfreut 
sich einer zwar recht spärlichen, doch immerhin etwas reicheren Vege- 
tation von Gräsern und Kräutern, als der Galicmma. Vom Lolemmo 
aus kannten die Verwandten Kolokömi's einen Brunnen in der Ent- 
fernung von zwei Tagemärschen in fast südlicher Richtung, und dieser 
sollte durch eine ebensolche Entfernung von der wasserreichen Fels- 
gruppc Mini, welche auf der Strasse von Abo nach Tao liegt, ge- 
trennt sein. Ich meinerseits hätte gewünscht, in südöstlicher Richtung 
nach der, auf der gewöhnlichen Strasse von Fczzan nach Tibesti 
gelegenen sicheren Wasserstation Owi, die in geringer Entfernung 
von uns lag, zu gehen, denn die Discussionen über den Brunnen vor 
uns flössten mir kein besonderes Vertrauen ein; doch die Furcht . 
Kolokömi's und Bü Zeid's vor den Leuten von Abo war unbesiegbar. 

Nach reichlicher Wassercinnahme strebten wir am Nachmittage 
des 5. Juli unter Führung eines jungen Mannes aus der anderen Ge- 



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252 



II. BUCH, 2. KAPITEL. UNBEKANNTE GEGENDEN. 



Seilschaft in südlicher Richtung dem in Aussicht gestellten Brunnen 
zu. Der Weg führte uns zunächst durch das Thal des Flusses, 
welches eine spärliche Vegetation von Aqül — Lakör ted. — , Häd 
- Dschüri ted. und andern Futterkräutern entfaltete, während 
sein eigentliches Bett in gewöhnlicher Weise mit Sajälakazien — Ten 
ted. — geziert war. Bald verschwand diese relative Fruchtbarkeit 
und der öde Charakter der steinigen Wüste waltete wieder vor. Die 
eigentliche Gebirgsgegend von Afäfi hatten wir verlassen. Die Ebene 
vor uns zeigte keine ausgedehnten Bergketten mehr, sondern in un- 
bestimmten Zwischenräumen einzelne Felsen und Gruppen, die durch 
ihre wunderlichen Formen meine Aufmerksamkeit besonders fessel- 
ten. Dunkel, schroff, steil, aller mildernden Umgebung entbehrend, 
bildeten sie einen scharfen Contrast mit dem gelben, hellen Sand- 
oder Kiesboden, aus dem sie sich erhoben. Eine der ansehnlicheren, 
Namens Scherkedä, deren wild zerrissene Formen sich bei der durch- 
sichtigen Abendluft in scharfen Umrissen vom klaren Himmel ab- 
hoben, erblickten wir nach einigen Marschstunden in directem Osten 
und nahezu einen halben Tagemarsch weit. 

Als nach vier Stunden die volle Dunkelheit hereingebrochen 
war, drängte ich, in lebhafter Erinnerung an die zwecklosen An- 
strengungen der früheren Tage und aus Rucksicht auf die Kamcele, 
welche die verflossene Woche keineswegs vergessen hatten, zur 
Lagerung trotz des Widerstrebens Kolokömi's und Bü Zeid's, welche 
mir nicht ohne Zweifel über die Existenz und die Lage des zu 
suchenden Brunnens zu sein schienen. Doch um drei Uhr Morgens 
waren wir wieder auf dem Marsche, erreichten nach einigen Stunden 
das Nordende einer langgestreckten Felskette, des Emi (Berg) Kurna 
(Sand), an dessen westlichem Fusse unser Weg für eine Stunde hinlief, 
hatten bald darauf in gradem Osten, etwa drei Stunden entfernt, den 
Emi Genemtüa, der zahllose scharfe und kurze Zacken gen Himmel 
richtet, und marschirten dann bald in südlicher, bald in südöstlicher Rich- 
tung, nach beiden Seiten ähnliche, wenn auch weniger bedeutende Fels- 
gruppen erblickend, bis wir nach mehr als fünfstündigem Marsche die 
Mittagsrast in einem Fclsschatten der Gegend Mcrüja hielten. Von einer 
niedrigen Kuppe konnte man nach allen Richtungen die einzelnen 
Felsbildungen, welche die Ebene um höchstens 200 Fuss überragen, 
überblicken. Ihre Formen wurden immer wunderlicher. Kuppeln 
und Dome, byzantinische Kirchen und antike Amphitheater, Moscheen 



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EILMÄRSCHE IHRCH WÜSTE FEI. SENGEGEN D. 



und alte Kastelle, moderne Bauten aller Art schienen mit einander 
abzuwechseln, und daneben glaubte man hier einen langgestreckten 
Kameelhals aus der Erde emporragen zu sehen, dort das Steinbild 
einer Rieseneule oder eines menschlichen Kopfes als Zierde einer 
einsamen Säule zu erblicken. Eine lebhafte Einbildungskraft, beson- 
ders bei der zauberischen Abendbclcuchtung, konnte sich beim An- 
blick dieser gigantischen Bauten der Natur in den wundersamsten 
Träumen ergehen und die seltsamsten Bilder schafTcn. 

Dazwischen deckt Eels- oder Sand- oder Kalkboden die Ebene, 
und von den ansehnlicheren Eelsgruppen senken sich Wasserbetten 
nach Westen oder Südwesten, abhängig in Ausdehnung und Vege- 
tation von der Bedeutung jener. Die Namen sind stets für Berg 
Emi --, Elussthal Enncri und die ganze Gegend gemein- 
same. 

Der Nachmittag brachte uns noch fünf Stunden weiter in süd- 
südöstlicher Richtung dOrch eine ähnliche Gegend, vermochte uns 
aber nicht die Ueberzeugung zu verschaffen, dass der Tubujüngling 
viel Ortskenntniss besitze. Als uns vollständige Dunkelheit umfing, 
leistete ich wieder aus Rücksicht für die Kameele hartnäckigen 
Widerstand gegen den Weitcrmarsch, während Kolokömi und Bü 
Zeid, offenbar von den ernstesten Befürchtungen gequält, ohne Auf- 
enthalt voraus strebten. Schon gestand der Eührer, dass wir morgen 
noch kein Wasser erreichen würden, und beschränkte unseren Ver- 
brauch. Es kam zu harten Reden, doch vergeblich versuchte ich aufs 
Neue, meine Gefährten auf den eigentlichen Weg von Eezzän nach 
Tibesti, der keine zwei Tagemärsche östlich von uns verlief, hinüber- 
zuleiten. 

Lange vor Tagesanbruch (7. Juni) wieder auf den Beinen, erreich- 
ten wir nach wenigen Stunden die .scharfgeformte Gruppe Kirkennimc 
und hatten im weiteren Verlaufe östlich von unserem Wege die 
Eelsenkette Kjukoi, welche, von Nord nach Süd verlaufend, mit 
unserer südsüdöstlichen Wegrichtung convergirte, und die wir nach 
siebenstündiger Anstrengung erreichten, um in ihrem Schatten die 
Qäila zu verbringen. Das Wasser wurde schon gläserweise vertheilt 
und der Durst erschien wieder als Schreckgespenst der nächsten 
Zukunft. Glücklicherweise war der Tag verhältnissmässig kühl , der 
Himmel bis gegen Mittag bedeckt, und der Nachmittag trieb reich- 
liche Regenwolken aus Süden herauf. 



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II. IJUCH, 2. KAPITEL. UNBEKANNTE GEGENDEN. 



Die Furcht trieb uns früh am Nachmittage weiter durch eine, 
Antffo genannte, weite, sich nach Westen senkende Thalebene, mit 
dem Bette eines Wasserlaufs, der vom Kjukoi entspringt. Eine 
kräftigere Vegetation schien jüngst gefallenen Regen anzudeuten, 
für den auch zahlreiche Spuren des Wadan, der Leucoryx -Antilope 
und des Strausses sprachen. Wieder passirten wir eine Felsengegend, 
auf die eine hochgewellte Kies- und Sandebene und steinige, harte 
Wüste folgte, und als die Nacht hereingebrochen war, erneuerte ich 
meinen Vorschlag, bis zum Aufgang des Mondes zu rasten. Doch 
diesmal weigerten sich Kolokömi und Bü Zeid mit grösster Ent- 
schiedenheit, obgleich weder wir noch die Kamcele seit zwei Tagen 
zureichende Ruhe und Nahrung gehabt hatten. Bei dem gänzlichen 
Mangel an Wasser musste ich nachgeben, fügte mit schwerem Herzen 
meine Körperlast zu der Ladung eines Kameeis und machte auch 
Giuseppe und den bejahrten Mohammed beritten. Bald jedoch 
erklärte unser jugendlicher Führer, dass er die von uns passirten 
Felsen nicht mehr kenne, und zu meiner traurigen Gcnugthuung 
mussten wir nach fünfzehnstündiger , sorgenvoller Anstrengung vom 
Weitermarsche abstehen. 

Die Vervollständigung der Geständnisse des Führers waren wohl 
geeignet, nach der traurigen Erfahrung der verflossenen Woche die 
ernstesten Besorgnisse wachzurufen und unsere Nachtruhe zu trüben. 
Er hatte den Brunnen nie selbst gesehen; unser Wasservorrath war 
erschöpft; die ursprünglich angegebene Entfernung hatten wir über- 
schritten, und weder der Wegweiser noch meine übrigen Gefährten 
kannten die Gegend. Kaum hatte die Natur ihr Recht geltend ge- 
macht und mich in einen unruhigen Schlaf versetzt, als ich durch 
lebhafte Berathungen erweckt wurde. Bei diesen war Birsa der ver- 
ständigste und entschiedenste. Er machte mit Recht geltend, dass, 
selbst wenn am folgenden Morgen der angestrebte Brunnen entdeckt 
sein würde, es keineswegs sicher sei, dass derselbe Wasser enthalte, da 
bekanntlich die Wasserbehälter der Gegend keine wirklichen Brunnen 
mit Bodenwasser seien, sondern nur Regenwasser- Reservoirs in den 
Spalten und Höhlungen der Felsen. Es sei unverständig, einer so 
ungewissen Aussicht Zeit und Kraft zu opfern, während man mit 
Sicherheit Wasser aus den östlich von uns gelegenen nördlichen 
Thälern Tibcsti's beschaffen könne. Er schlage also vor, ihn an Ort 
und Stelle zu erwarten; er werde mit dem Kamcele Kolokömi's nach 



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NEUER WASSERMANC.EL. 



286 



Osten gehen und verspreche, am folgenden Nachmittage um die Zeit 
des Asser (etwa 4 Uhr Nachmittags), sofern ihn Gott am Leben 
erhalte, unserer Noth ein Ende zu machen. So zog er in der That 
kurz nach Mitternacht auf der leistungsfähigen Stute Kolokömi's in 
die Dunkelheit hinaus, begleitet von Bu Zeid's Diener, der sich 
auf das Kameel des unkundigen Führers schwang, während wir 
Uebrigen, in Etwas beruhigt, uns dem wohlverdienten Schlafe hin- 
gaben. 

Glücklicherweise hatten sich während des Nachmittags aus Nord- 
osten reichliche Regenwolken angesammelt, und auch am nächsten 
Morgen, als uns die Sorge frühzeitig den Schlaf verscheuchte, war 
der Himmel bedeckt, der Ostwind kühlend, die Atmosphäre nicht 
so trocken als gewöhnlich, also auch der Durst geringer. Die Nächte 
waren besonders kühl geworden, seit wir die Gegend von Afäfi 
erreicht hatten; denn während bis dahin der tägliche Wind mit der 
Sonne gestiegen und gefallen war, machte sich jetzt mit grosser 
Regelmässigkeit ein starker Nachtwind geltend, der etwa um 10 Uhr 
Abends begann und bis einige Stunden nach Mitternacht anhielt. 
Im Schatten und in vollständiger Ruhe konnten wir also ohne alle 
Besorgniss die Rückkehr Birsa's abwarten. Doch war sie sicher? 
Musste man nicht bei dem Charakter der Tubu Verrath seinerseits 
befürchten? Und gab nicht überhaupt der ganze unheilvolle Beginn 
der Reise mit Fussverbrennung, Augenentzündung und Gefahr des 
Verschmachtens zu den übelsten Ahnungen und ernstesten Be- 
trachtungen reichen Anlass? Gerade vor einer Woche hatten wir 
uns in derselben gefahrvollen Lage befunden , Dank der Unzuver- 
lässigkeit unserer Führer und eigener Sorglosigkeit, und selbst der 
schweigsame und stets resignirte Bui Mohammed meinte, es sei eine 
Schande für Männer von Verstand, zweimal in einer Woche, Wasser- 
plätzen so nahe, Durst leiden zu müssen. 

Trüben Sinnes schlichen wir, als die Sonne sich erhob, in den 
Schatten der Felsen, Jeder allein seinen melancholischen Gedanken 
nachhängend. Auf den Rand der starren Felswand, welche mir 
Schatten gewährte, setzte sich ein Aasgeier, der durch die Beharr- 
lichkeit, mit der er auf mich herniederblickte, andeuten zu wollen 
schien, dass er mich für ein ebenso erwünschtes als sicheres Opfer 
seiner Gelüste halte. Der heimtückische Ausdruck, welcher diesen 
Thieren eigen ist, schien mir in meiner Gemüthsstimmung eine 



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256 



II. BUCH, 2. KAPITEL. UNBEKANNTE GEGENDEN. 



passende Illustration des Landes und seiner Hewohner und ein pro- 
phetisches Bild des meiner wartenden Schicksals. Doch auch dies- 
mal, und zwar bald, sollte sich dasselbe zum Hessern wenden. 

Gleich nach Sonnenaufgang hatte unser Führer den Lagerplatz 
zu Fuss verlassen, um sich in der Gegend zu orientiren, und kehrte 
nach kurzer Zeit mit der Behauptung zurück, dass er den richtigen 
Weg gefunden habe. Kr bestieg das Kamcel Bü Zeid's, nahm zwei 
Wasserschläuche, und als er um Mittag noch nicht zurück war, 
konnten wir uns der Hoffnung hingeben, dass er den Brunnen ge- 
funden habe. In der That erschien er bald darauf mit wohlgefüllten 
Schläuchen vortrefflichen Wassers, und alle Noth und alle trüben 
Gedanken hatten wieder ein Ende. Fr kam zurück in Begleitung 
eines jungen Mannes, der in der Nähe des rettenden Brunnens augen- 
blicklich der vortrefflichen Kameelweide wegen hauste und in Klei- 
dung und Benehmen eine gewisse Distinction zur Schau trug. In 
der That war er ein bekannter, relativ wohlhabender Mann, der 
häufig Handelsreisen nach Fezzan, Kawar und Bornü gemacht hatte. 
Fr war hellfarbiger als seine bisher von uns gesehenen Landsleute, 
hatte ziemlich regelmässige Züge, trug eine blauschwarze Südantobe, 
Beinkleid und Litham von derselben Farbe und einen rothen Tarbüsch. 
Sein Name war Isoa, und ich erinnere mich seiner mit grossem Ver- 
gnügen, da er keinerlei bettelnde Ansprüche erhob, durch eine 
gewisse Kenntniss der Nachbarländer mir Gelegenheit zur Unter- 
haltung bot und mir während dreier Tage den Gcnuss frischer 
Kameelmilch verschaffte. Er wartete mit uns auf die Rückkehr 
Birsa s, um uns dann zum Brunnen zu fuhren, den wir durch eine 
allzu östliche Richtung verfehlt hatten. 

Birsa und Galma erschienen pünktlich dem Versprechen gemäss 
um 4 Uhr Nachmittags mit vier gefüllten Schläuchen, deren Inhalt 
sie in dem bewohnten Flussthale Aräbu geschöpft hatten. Das- 
selbe liegt einen halben Tagemarsch südlich von Abo oder Uro, das 
von unserem Standorte anderthalb lange Tagemärsche in nordöstlicher 
Richtung entfernt war. Das Flussthal Arabu vereinigt sich mit dem 
von Abo oder mündet in dasselbe, hat einen mehr oder weniger 
westlichen Verlauf und war von Birsa in östlicher Richtung an der 
Felsgruppc Schische vorüber, die im Bereiche unseres Auges lag, 
erreicht worden. Ich musste wiederum die physische Leistungs- 
fähigkeit dieser Leute bewundern. Birsa und Wolla schienen echte 



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BIRSA HOLT WASSER AUS AR ABC 



257 



Typen ihres Stammes, wie ich denselben in Fezzan stets hatte schil- 
dern hören. Ohne Schlaf, ohne Nahrung, fast ohne Wasser konnten 
sie Tage lang ausharren, ohne von ihrer Energie cinzubüssen. Wenn 
ich sie in ihrer Rastlosigkeit beobachtete und die Frische und Leich- 
tigkeit sah, mit der sie sich körperlichen Anstrengungen unterzogen, 
während wir der Ermattung fast erlagen, so konnte ich den Erzäh- 
lungen des alten Qatrüncr s wohl Glauben schenken, denen zu Folge 
die Tubu nach tagclanger Nahrungslosigkeit die gebleichten Kameel- 
knochen der Wüste pulvern und mit Wasser oder dem einer Ader 
ihrer Thiere entnommenen Blute in einen geniessbaren Teig verwan- 
deln, oder den Lederring, welcher ihr langes Messer am Hand- 
gelenke befestigt, oder ihre Sandalen durch Klopfen, Zerschneiden 
und Kochen essbar machen. Ich konnte nach meiner kurzen Erfah- 
rung es für möglich halten, dass ein Tubu -Mann vier Tagemärsche 
ohne Wasser zu ertragen vermag, wenn er im Besitze eines Kameeis 
ist, wohlverschleiert bei Nacht reist und bei Tage regungslos und 
schweigsam im Fclsschattcn liegt, ohne durch Einnahme von Nahrung 
oder überflüssige Bewegungen den Durst zu vermehren. Erst nach 
dieser Zeit sollen sich seine Sinne trüben, und er zum letzten Mittel 
greifen, sich am Sattel seines Kameeis zu befestigen, jeder eigenen 
Initiative zu entsagen und sich rückhaltslos dem Ortssinn des Thiercs 
anzuvertrauen. 

Auch abgesehen von der physischen Leistung in unserem Inter- 
esse konnte Birsa Anspruch auf meine volle Dankbarkeit erheben. Erst 
viel später brachte ich in Erfahrung, dass ihn die Bewohner Arabu's, 
welche mit den Leuten von Abo derselben Stammcsabtheilung ange- 
hören, bei dieser Gelegenheit auf alle Weise zu überreden versucht 
hatten, uns ohne Wasser zu lassen, da Kolokömi, Bü Zeid und die 
übrigen Landsleute sich schliesslich schon zu helfen wissen würden, 
und es aller Welt nur dienen könne, wenn ich mit dem christlichen 
Diener zu Grunde ginge. Sie hatten durch ihre Genossen von Abo, die 
nach unserer Abreise von Tedschcrri vergeblich mehrere Tage im 
Hinterhalte gelegen hatten, schon davon gehört, dass ein Christ auf 
irgend einem Wege von Fezzan nach Tibesti unterwegs sei. Birsa 
hatte den Verrath zurückgewiesen, der freilich auch ohne seine treue 
Haltung keine verhängnissvollen Folgen für uns gehabt hätte. 

Noch am selben Abend (8. Juli) führte uns Isoa seinem Lager- 
platze am Brunnen zu, den wir in einigen Stunden westsüdwestliclu r 
Nächtig«!, i. 17 



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258 IL BUCH, 2. KAPITEL. UNBEKANNTE GEGENDEN. 



Richtung erreichten. Nordwestlich verlief die niedrige Bergkette Afo, 
die, von Ostnordost nach Westsüdwest gerichtet, dem nach Süd- 
westen sich senkenden Flussbette gleichen Namens Ursprung giebt. 
Sowohl dieses, das wir eine Stunde nach dem Aufbruche passirten, 
als die kleinen zu ihm stossenden Rinnsale waren die Träger eines 
Baumwuchses, der in so wüster Gegend üppig erschien, wenn er auch 
nur in Sajalakazicn bestand. Dann betraten wir eine hoch gewellte 
Gegend, die vor uns durch einige Hügel begrenzt war, und fanden 
jenseits derselben die reiche Weide, welche unseren Kührer Isoa dort- 
hin gelockt hatte und auch unseren Thieren wohlthun sollte. Hier, 
wo die Vipern — el-Efa. arab., Auso ted. — , deren wir in der That 
zwei gehörnte tödteten, besonders zahlreich sein sollten, lagerten wir 
am Kusse eines niedrigen Kelsens, der den Namen Gour führt. Eine 
Viertelstunde weiter lag der gleichnamige Brunnen, dessen Wasser in 
der Tiefe eines Meters unter der umgebenden Bodenfläche am Kusse 
einiger Kelsblöcke hervorquoll. Wir gönnten natürlich unsern Ka- 
meelen und uns selbst einen Tag der Ruhe und reichlicher Nahrung. 

Unser Kührer oder Irrleiter während der letzten Tage kehrte 
von Afo zu seinen Coloquinthen -Arbeiten in Afäfi zurück, und auch 
Wolla, der in Abo wohnte, wollte uns jetzt verlassen. Sie waren 
die beiden schwärzesten Tubu, welche ich bis dahin gesehen hatte, 
und die bescheidensten, wie ich zu ihrer Ehre sagen muss. Wolla 
besonders, der doch mit uns von Murzuq gekommen war, benutzte 
diesen Umstand keineswegs, um Erpressungen zu versuchen, sondern 
begnügte sich mit zehn Dra Cham, einigen Packetcn Nadeln und 
etwas Köhöl für seine Krau, während der Erstgenannte Musselinstoft 
— Schasch — zu einem Turban empfing. 

Wir verliessen Afo am 10. Juli Nachmittags in südöstlicher 
Richtung, eine Strecke weit begleitet von Isoa, dem ich zehn Dra 
Chäm geschenkt hatte, Hessen nördlich in grösserer Entfernung eine 
Eelsgruppe mit dem häufig vorkommenden Namen Emi Kurna und 
passirten ein kleines Rinnsal, das dort von Osten her zum Agimmi 
verläuft. Letzterer ist ein weiter westlich von Nord nach Süd £c- 
richtetes Nebenflussthal des E. Udfn, der seinerseits nur die west- 
liche Eortsetzung des E. Abo darstellt. Nach dreistündigem Marsche 
fiel plötzlich der Boden zum Thalc des UdüV ab, auf dessen nörd- 
lichem Ufer unter uns die wilde, kühn geformte Eelsgruppe Emi 
Abakkenär den Blick fesselte. Wir stiegen zu ihr hinab, durch 



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DIE AFO-r.EGF.NI> IND DAS FI.USSTHAL VDl 'i. 



250 



schritten den südöstlich von ihr verlaufenden Udüi, dessen flaches, 
ein Kilometer breites Bett, sich nach Südwesten senkt und dicht mit 
Futterkräutern bedeckt ist, und lagerten auf seinem Ufer. 

E. Udüi', resp. Abo oder Uro, erfreut sich in der Gegend unserer 
Passage keinerlei Baumwuchses, wie solcher seinen Oberlauf, in welchem 
die Dümpalme gedeiht, desto häufiger zieren soll. Er ist eines der 
bedeutendsten Flussthäler und Populations- Centren Tibesti's, dessen 
eigentliches Territorium wir somit betreten hatten. Nahe unserem 
Lagerplatze vereinigte sich, von Ostsüdosten kommend, der ansehn- 
liche E. Aru mit ihm, der in gleicher Weise reich an Vegetation 
zu sein schien. 

Als wir am nächsten Morgen vor Sonnenaufgang unseren Weg 
längs des Südufers des Aru in ostsüdöstlicher Richtung fortsi tzten, 
hatten wir den nördlichen Theil des Gebirges von Tibesti vor uns. 
Derselbe erschien als Kette, deren nördlichster für uns sichtbarer 
Punkt ostnordöstlich von uns lag und dem Ursprung des Flusses 
Arabu entsprechen sollte. Von diesem aus konnten wir die Berge 
nach Südosten mit den Augen verfolgen bis zu einer Stelle des Hori- 
zontes, auf die unsere Wegrichtung zuführte, und an der die höchste 
Erhebung Tibesti's, Emi Tusidde, liegen sollte. Dieser, der sich auf 
dem Hauptknotenpunkte des Gebirges, dem Tarso, erhebt, verlor sich 
für uns in dem Schleier der gewöhnlichen Morgenbeleuchtung. 

Wir marschirten nur drei Stunden in der angegebenen Ostsüd- 
ostrichtung auf dem Südufer des Aru und rasteten dann vor unserer 
Trennung von ihm, um unsere Thiere noch einige Stunden in seinem 
üppigen Krautwuchs schwelgen zu lassen. Dann wurde unsere 
Richtung eine südöstliche; der Weg führte über kiesiges, vegetations- 
loses Terrain auf eine Reihe kuppeiförmiger Felsaufsprünge zu, 
Namens Kenemtuen , deren nordöstlichsten wir nach drei Stunden 
erreichten, und von hier aus in derselben Zeit zum massigen Emi 
Buddai, an dessen Südostfusse wir nächtigten. Bevor wir denselben 
erreichten, hatte ich bei der klaren Abendbcleuchtung die freudige 
Ueberraschung, meine Erwartungen von Tarso und Tusidde bei 
Weitem übertrofifen zu sehen. 

Man ist bei den Bewohnern jener Länder so an Uebcrtreibungcn 

gewöhnt, dass die von irgend einem Gegenstande, einer Ortschaft, 

einem Flusse, einem Berge gehegten Erwartungen des Reisenden 

gewöhnlich getäuscht werden. Der Felsen hatte ich seit dem Tümmo 

17* 



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2m 



U. BUCH, 2. KAPITEL. UNBEKANNTE GEGENDEN. 



sehr viele gesehen, doch sicherlich erhob sich keiner von ihnen höher 
als 150 M. über die Ebene; und die oft wiederholte Aussage der Ein- 
geborenen von Tibesti, wonach ihre Berge so hoch seien, dass dem 
nach der Spitze Schauenden der Tarbüsch nach hinten vom Kopfe 
falle, war zwar vollkommen richtig, doch weniger in Folge der Höhe, 
als vielmehr wegen der Steilheit der Felsen. Gefasst auf eine ähnliche 
Enttäuschung suchte ich, lange nachdem die Umrisse des mächtigen 
Berges für meine Begleiter sichtbar geworden waren, am Horizonte 
vergeblich nach ihm, indem ich sein Auftreten innerhalb der bläu- 
lichen Färbung erwartete, die schon ihm selbst angehörte. Ueber- 
rascht erkannte ich meinen Irrthum. Vor mir lag wirklich ein massiger 
Berg, der, wohl einige tausend Meter hoch, einen grossen Thcil des 
östlichen Horizontes einnahm. Von dem FImi BuddaV aus gesehen war 
er ein riesiger Kegel, der aber nach der Erläuterung meiner Gefährten 
in zwei Theile zerfiel : die mächtige Basis, den weithin ausgedehnten 
Tarso, und den auf ihm thronenden Kegel Tusidde. Dieser letztere, 
der höchste Punkt des eigentlichen Tibesti, lag anderthalb Tage- 
reisen von uns entfernt, und an ihm vorüber führt der Weg über 
den Rücken des Tarso nach dem hauptsächlichsten Bevölkerungs-Cen- 
trum des östlichen Landestheiles, Bardai. 

Auch am 12. Juli behielten wir die Südostrichtung bei, kamen 
an einem Hügel vorüber, aus dem Eisenerde gewonnen wird, um! 
der deswegen Emi Ascbüta (von Asebu oder Asu, das Eisen) heisst, 
durchschritten den E. Lobbono, der von Ausläufern des Tarso kommend 
sich nach Südwesten senkt, befanden uns nach einigen Marschstunden 
am westlichen Fussc des Aterkelluli-Felsens und zogen durch eine wüste, 
steinige Ebene, welche von den drei Flussbetten Namens Kjauno durch- 
schnitten wird. Diese haben dort, wo unser Weg sie schnitt, eine süd- 
liche Richtung, wenden sich aber dann nach Westen gegen eine Gruppe 
von schroffen Felsen Namens Mczän, welche mehrere Stunden südsüd- 
westlich vom Aterkelluli-Felsen liegen. In der Nähe der ersteren ver- 
einigen sie sich und nehmen von Norden her den E. Lobbono, ein 
vom Aterkelluli - Felsen entspringendes Rinnsal und verschiedene 
andere auf, welche wir auf unserem Nachmittagsmarsche noch zu 
passiren hatten. 

Der Baumwuchs ist in den Kjaunobetten reichlicher als in den 
vorhergenannten, und es tritt zu den früheren Akazien ein mittelhoher, 
knorriger Baum, dessen dichtes Astgewirr, im Missverhältniss zu dem 



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DER TARSO MIT AUSLÄUFERN UND ABFLÜSSEN. 



261 



spärlichen Laube und den kleinen Blättchen stehend, oft hinreicht, um 
den dichtesten Schatten zu bilden. Derselbe hat stumpfe Stacheln 
anstatt der spitzen und widerstandsfähigen der Sajälakazie und des 
Qarad , wird von den Arabern Serrah und von den Teda Arkenno 
oder Arken genannt und ist eine Macrtta. Auch die Calotropis 
procera Oschar arab., Täso tcd. tritt hier in grösserer Menge 
auf, die Dümpalmc wird häufiger gesehen, und unter den Gräsern 




Oschar arab. (Calolrupi» procera}. 



waltet das hohe, verästelte Knotengras Panicum turgidum — Hü 
Kukba arab., Gumeschi tcd. — vor. 

Wir rasteten während der heissesten Tagesstunden in dem zweiten 
Kjaunobette, brachen frühzeitig am Nachmittag wieder auf, berührten 
das westliche Ende des Nanagamma, eines niedrigen Felsausläufcrs 
der Centraikette, der wir uns mehr und mehr genähert hatten, und 
stiessen nach einigen Stunden auf den ausgetretenen Pfad, der von Abo 
nach den südlicheren Wohnsitzen Tibcstis führt. Wir folgten dem 
hier südlichen Verlaufe desselben, bis wir nach Passage des Fluss- 
bettchens Tollobu, das dem Systeme des Kjauno angehört, den Emi 
Mini erreichten. Dieser Gebirgsstock hat seine Hauptrichtung von 
Ost nach West, schliesst sich an die Centraikette und birgt in 



262 



II. BUCH, 2. KAPITEL. UNBEKANNTE GEGENDEN. 



seinem Innern einen wirklichen Brunnen Namens Gacsko oder All- 
gasko. Wir wanden uns von seiner westlichen Peripherie durch das 
Innere, fanden zwar den Brunnen verschüttet, doch Wasser genug 
in den Rissen und Höhlungen seiner Felsen, um die Thicre tränken 
zu können, und stiessen jenseits desselben auf den aus ihm ent- 
springenden E. Mini. Dieser hat ein scharfgeschnittenes, steiniges 
Bett und gehört ebenfalls den Kjaunoflüssen an. Auf seinen Ufern 
fanden wir Spuren menschlicher Thätigkeit aus der jüngsten Zeit in Ge- 
stalt kleiner, aus übereinander gelegten Steinen errichteter Hüttchen, 
welche den Leuten zur Aufbewahrung ihrer Schaf- und Ziegenlämmer 
dienen. Bald darauf lagerten wir in einem Flussbette, das, da es 
nicht bewohnt war und keiner besonders hervortretenden Felsgruppe 
seinen Ursprung verdankt, keinen bestimmten Namen zu haben 
schien. Dasselbe wendet sich auch zum Kjauno, an der westlich von 
uns gelegenen Gebirgsgruppe Bonoi vorüber und aus dieser ein Rinnsal 
aufnehmend. Seit wir den am Rande des Hauptgebirges sich nach 
Süden ziehenden, betretenen Weg erreicht, uns also dem südwest- 
lichen Fusse des Tarso am meisten genähert hatten, lag der bisherige 
Felsboden der Fbcne nicht mehr zu Tage, sondern diese war bedeckt 
mit einem ausserordentlich leichten, mit grösseren und kleineren 
Poren versehenen Gestein, das meist weiss- oder gelbgrau, zuweilen 
auch gelb, roth oder braun war und in breiten und oft hohen Wellen 
dem Felsboden auflag. Dasselbe sollte nach den Aussagen meiner 
Begleiter den ganzen Tarso einhüllen. 

Am 13. Juli mussten wir Tao, eines der Hauptthäler Tibestis, den 
ursprünglichen Sitz vieler edler Familien des Landes, erreichen. 
Wir setzten unsern Weg in südlicher, dem Hauptgebirge, dessen 
Ausläufer wir wiederholt berührten, fast paralleler Richtung fort. 
Die an diesem Tage überschrittenen Abflussrinnen des Gebirges 
vereinigen sich mit den beiden speciell Täo angehörenden zu einem 
Flussbette, das mit dem weiter südlich verlaufenden E. Zuär den 
E. Durso bildet, welcher sich bald darauf nach Westen in der Ebene 
verliert. Zunächst passirten wir das Wasserbettchen Kedän, Hessen 
eine von Nordost nach Südwest gerichtete Reihe von sieben Felsen 
Namens Sosobschi östlich am Wege, während wir die nach Westen 
sich senkenden, zu ihnen gehörenden Rinnsale gleichen Namens über- 
schritten, und hielten uns zwischen dem Central -Gebirge und einer 
diesem parallelen Kette steiler Felsen Namens Angran, bis nach 



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ANKUNFT IN TÄO. 



263 



einigen Stunden die regelmässige Anordnung des ersteren unter- 
brochen schien. Der südliche Abfall des Tarso erreicht hier die Ebene, 
und der Gebirgsstock schien sich nicht als zusammenhängende Kette 
nach Süden fortzusetzen, sondern sich mehr nach Südosten zu wenden. 

Mit der Annäherung an das Gebügs- Centrum waren in den 
passirten Schluchten und Thälcrn die Spuren thierischen Lebens 
zahlreicher geworden. Grosse Paviane, der Wadän, die Hyäne, ver- 
schiedene Antilopen, der Fcnek, der Strauss waren offenbar zahlreich 
vertretene Bewohner der Gegend. 

Während wir noch am frühen Morgen die Ebene der Flussbetten 
Täo, von denen das nördliche, E. Dommado, die an diesem Tage 
überschrittenen Wasserbetten aufnimmt, betraten, hatten wir im Süd- 
westen die schönen Umrisse des Emi Serendfbe. Der Dommado ist ver- 
hältnismässig reich beholzt mit Akazien, dem Arkenno, dem Oschar und 
einem anderen starkästigen Stachelbaumc Namens Tärik und sollte in 
seinem östlichsten Theile eine lebendige Quelle und einige Dattelbäume 
haben. Zwischen ihm und dem Dausädo, dem zweiten Flussbettc Täo's, 
das eine Anzahl sudlich von ihm entspringender Rinnsale sammelt, liegt 
etwa eine Stunde felsigen und thonigen Terrains. Sobald wir den 
Dommado überschritten hatten, brachten die frischen Fussspuren eines 
einzelnen Menschen sichtliche Zeichen von Unruhe bei meinen Be- 
gleitern hervor,, ein Umstand, der mir für Täo keine ausgedehnte 
Bekanntschaft mit den Eingeborenen in Aussicht stellte, von deren 
Existenz uns in der That trotz der Nähe der Ortschaft noch keine 
Spur zu Gesicht gekommen war. 

Alsbald zeigte sich der wahrscheinliche Urheber der Fusspuren 
und näherte sich uns, hoch zu Kameel, langsam und vorsichtig. Sorg- 
faltig zog er den Litham über die Nase, und es folgte die übliche, 
endlose Begrüssungs-Ceremonie, welche meine Begleiter dieses Mal 
stehend durchmachten, da der Fremdling beritten war. Dieser stellte 
sich sogleich als ein naher Verwandter Bü Zeid's heraus, hiess 
Galma, war der Sohn Selemma's und hatte den grössten Theil seiner 
Jugend in Fezzan zugebracht, von wo er meinem alten Mohammed 
wohl bekannt war. Da er in Folge dessen mit der arabischen 
Sprache vertraut war, so konnte die Unterhaltung grösstcntheils in 
dieser geführt werden und ich mich an derselben betheiligen. Galma 
war, wie er behauptete, im Begriff gewesen, nach Fezzan abzureisen, 
entschloss sich aber alsbald, einstweilen diesen Plan aufzugeben, 



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264 



II. BUCH, 2. KAPITEL. UNBEKANNTE GEGENDEN. 



um dem so ungewöhnlichen und hochstehenden Fremdling, welcher 
mit seinem Vetter ins Land gekommen sei, als Beschützer und 
Hegleiter zu dienen. Ich beurtheilte diese scheinbar wohlwollende 
Absicht mit Recht als eine Speculation auf meine Habe und suchte 
die Begleitung abzulehnen. Doch Bü Zeid wollte sich diese Gelegen- 
heit, seinem Verwandten gefällig zu sein, nicht entgehen lassen und 
rühmte den Kinfluss und die Ortskenntniss desselben in Tibesti und 
Borkü so sehr, dass ich im Hinblick auf meine geringen Erfahrungen 
und meine Unkcnntniss der Landessprache mich bestimmen liess, ihn 
wenigstens nicht ganz zurückzuweisen. Meine Willfährigkeit wurde 
bald hart bestraft und bereitete mir manche unangenehme Stunde. 

Galma war über Mittclgrösse, schlank und mager, wie die meisten 
seiner Landsleute, von massig dunkler, ins Gelbliche spielender Haut 
färbe und hatte eine platte, herabhängende Nase, einen grossen Mund 
mit dicken Lippen, ein empor strebendes Kinn und einen lauernden 
Blick, der seiner Physiognomie einen höchst widerwärtigen Ausdruck 
verlieh. Kr war begleitet von einer Tante Namens Kintäfo, einer Frau 
von circa fünfzig Jahren und intelligentem Aussehen, welche nach der 
Weise ihrer Landsleute, trotz ihrer edlen Herkunft und ihres verhält- 
nissmässigen Wohlstandes, den Bin Mohammed bezeugen konnte, ein 
armliches Acussere zur Schau trug. Sie besass zwar ein wirkliches 
Hemde aus blau gefärbtem Cham, doch dasselbe war äusserst zerfetzt 
und schmutzig, und ihr Schultershawl aus demselben Stoffe war in 
keinem besseren Zustande. Sic selbst war von gclbgraucr Haut- 
färbung, wie Galma, mittlerer Grösse, ebenmässigem Wüchse, fein 
geformten Gliedmaassen, stolzer, freier Haltung und hatte einen 
weiten, männlichen Schritt. Ausser den wunderbar zierlich geformten 
Händen und Füssen hatte sie nichts Feines und Weibliches an sich. 
Wie sie den Gang eines Mannes hatte, so kaute sie auch Tabak mit 
der Virtuosität eines solchen und spritzte den grünlichen Speichel 
mit einer Kraft und Sicherheit durch die Zahnlücken, wie es einem 
alten Matrosen Ehre gemacht haben würde. Ausser ihr war noch 
eine andere Tubu-Frau anwesend, welche sich nur unwesentlich von 
ihr unterschied, und Beide waren mit Galma und ihren Sclaven vor- 
läufig die einzigen Bewohner des weit und breit bekannten Haupt- 
ortes in Tibesti. 



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Drittes Kapitel. 
TÄO UND ZUÄR. 



Verschiedene Arten der Behausungen. — Ursache der augenblicklichen Entvölkerung Ttto's. 
— Ernährungsverhältnisse der Teda. — Bardai zur Erntezeit. — Ankunft von 
«Jatruner Kaufleuten. — Reise nach dem E. Zuar. — Unliebsame Nachrichten von 
dort. — Ebene von Zuir-Kai. — Begrüssung «1er dortigen Edclleute. — Ver- 
handlungen über den Durchgangs/oll. — Der edle Dirkiii und der Sprecher Dcrde- 
korc. — Reise den E. Zuar aufwärts. — Vegetation und Thierleben. — Wasser- 
Verhältnisse. — Ankunft und Aufnahme bei den Zuar- Edlen. — Neue Gefahr und 
eiliger Rückzug. — E. Zug und das Wasserreservoir Kaucrdä. -— Häusliche Stellung 
<lcr Tubu-Erauen. — Rückkehr nach Tao. — Unverschämtes Betragen Galma's. — 
Absendung Bü Ze'üTs nach Banlai. — Abreise der Qatrüner nach Borkii. — Ent- 
führung Bui Mohammed s und Befreiung desselben. — Traurige Zeit. — Schmarotzer 
und Räuber. — Ankunft ArÄmi's. — Hunger und Sorge. — Bü Zeid kommt nicht 
zurück. — Traurige Nachrichten aus Bardai. — Bote mit Einladung dorthin. — Vor- 
bereitungen zur Abreise. 

Die verlassenen Hütten, in deren Nähe wir zu Tao unser Lager 
aufgeschlagen hatten, waren jene Mattenhütten, welche ich in Hachi 
und Tedschcrri kennen gelernt hatte. Starke, 1 1 / 2 bis 2 M. hohe, mög- 
lichst grade Aeste der Sajalakazie werden im Boden befestigt und so 
angeordnet, dass der eingeschlossene Raum ein Rechteck von etwa 
3 1 /.. M. Länge und 2 M. Tiefe darstellt. Parallel den Langseiten 
läuft in der Mitte des Raumes eine andere Reihe von Stäben, welche 
bestimmt ist, die Mitte des Mattendaches zu tragen. Dieses letztere 
fallt mit geringer Neigung nach den Langseiten zu ab, da die Mittel- 
reihe der Stäbe die seitlichen um ein Geringes an Höhe übertrifft. 
Die oberen Enden der Stangen sind untereinander durch Querstäbe 



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266 



II. HI CH, 3. KAPITEL. TAO UNO ZUÄR. 



vereinigt, die mit Stricken aus Lif oder aus Blattfasern der Düm- 
palmc an jenen befestigt werden, und das Ganze ist dicht mit Matten 
bedeckt und behängt. Nur an dem Ende der einen Langseite des 
Rechtecks lässt man eine Ocffnung, welche als Thür und Fenster 
dient. Eine derartige Behausung macht den Eindruck einer etwas 
grossen Hundehütte, und die, wenigstens dicht und sorgfaltig von 
den Frauen geflochtenen, Matten bilden bei aller Einfachheit noch 
den kunstvollsten Theil der Contruction. 

Ausser diesen Hütten fand ich in den Felsen und Schluchten 
herumklctternd noch zahlreiche, isolirte und versteckte Behausungen 
anderer Art, welche jedoch ebenfalls grossentheils verlassen waren. 
Die primitivsten derselben bestanden einfach in den natürlichen 
Höhlen der Felsen, und es sind wohl diese, welche den Bewohnern 
der Gegend schon im Alterthume den Beinamen der Höhlenbewohner 
verschafft haben. Dank der Unzahl von Felsblöcken, ihrer Massig- 
keit und der Mannichfaltigkeit ihrer Anordnung sind diese Höhlen- 
wohnungen nicht selten ausgezeichnet geschützt gegen Sonne und 
Regen, äusserst bequem, erfordern nicht die geringste Nachhülfe 
durch die Kunst und sind so versteckt, wie es der heimliche und miss- 
trauische Charakter der Bewohner und ihre Furcht vor Ueberfällen 
wünschenswerth machen. An Einfachheit diesen zunächst stehen die- 
jenigen Wohnungen, welche aus den grossen, überall sich findenden, 
unregelmässig geformten Steinen construirt sind. Man legt diese in 
kreisförmiger Anordnung über einander, ohne sie jedoch durch Lehm 
oder Thonerde zu einer wirklichen Wand zu verbinden, und lässt 
eine kleine ThüröfTnung. Die kreisförmige Seitenwandung erreicht 
eine Höhe von 1V2 bis 2 M. und erhält meistens ein Dach aus Aesten 
der Sajalakazie oder aus Palmenblättern, das dann gewöhnlich in 
der Mitte der Hütte durch einen soliden und geraden Baumast ge- 
stützt wird. Bietet ein geeigneter, überhängender Felsen die Gelegen- 
heit, so lehnt man eine halbkreisförmige Steineinfriedigung dieser Art 
an ihn, und hat nicht nöthig, dieselbe mit einem Dache zu versehen. 
Diese Steinhütten liegen vereinzelt und oft in grosser Entfernung von 
einander auf den Abhängen und in den Schluchten, und wenn diese Zer- 
streutheit einerseits die natürliche Folge von der Vertheilung der Regen- 
wasserbehälter in den Felsen sein mag, so hat sie andrerseits gewiss 
ihren Grund in dem Bestreben der Tubu, sich möglichst von Anderen 
abzuschliessen, und das ist wieder eine natürliche Folge der Heim- 



! 



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WOHNUNGEN UND ERNÄHRUNGSVERHÄLTNISSE DER TEDÄ. 267 

lichkcit ihres Wesens, der Treulosigkeit ihres Charakters und ihrer 
Furcht vor Feinden. 

Die Ursache für die augenblickliche Entvölkerung Taos lag in 
der Jahreszeit und den schwierigen Ernährungsverhältnissen des 
Landes. Die südwestlichen Abhänge des centralen Gebirges, also 
die südwestliche Hälfte der ganzen Landschaft Tibesti, bringt nicht 
einmal zur dürftigsten Ernährung ihrer spärlichen Einwohner genug 
hervor. Die armselige Vegetation der Felsschluchten und Fluss- 
thälcr ist es, welche ihnen mittelbar oder unmittelbar zur Existenz 
verhelfen muss. Ohne sie würde das Land unbewohnbar sein, denn 
jede Anlage von Gärten zur Cultur von Getreide, Datteln oder Ge- 
müse wird ihnen durch die gänzliche Abwesenheit von Bodenwasser 
unmöglich gemacht. Wenn im Sommer und Herbst nach den Regen- 
fallen, die in keinem Jahre gänzlich* fehlen, die Futterkräuter sprossen 
und grünen, und sich die Bäume mit frischem Laube schmücken, so 
finden Kamcclc und Ziegen die Mittel zu einer reichlichen Milch- 
secretion, und so lange diese anhält, bildet die Milch eins der haupt- 
sächlichsten Nahrungsmittel der Tubu Rcschäde. Zu gleicher Zeit 
reifen die Saamcnkörner des schon genannten Knotengrases (Panicnm 
turgidutn) und werden als Getreidekörner behandelt und verwerthet. 

Wenn weder Kameele noch Ziegen Milch geben, und das Mehl 
des genannten Grassaamens verzehrt ist, so beginnt eine lange, 
trostlose Zeit, während welcher die Dümfrucht in ihre Rechte tritt 
und einen unverdienten Platz unter den menschlichen Nahrungsmitteln 
erhält. Selbst die so entsagungsfähigen Tubu gestehen, dass der 
ausschliessliche Genuss der Dümfrucht nur sehr kurze Zeit das Leben 
zu fristen im Stande sei. 

In dieser trostlosen Periode befand sich das Land gerade bei 
unserer Ankunft. Wenn man in stiller Sommernacht das melan- 
cholisch regelmässige Klopfen der harten Frucht hörte, deren Rinden- 
substanz mit einem unverhältnissmässigen Aufwände von Zeit und 
Kraft durch einen Stein erweicht oder pulverisirt werden muss, so 
wusstc man, dass der Hunger in den Eingeweiden des emsigen 
Klopfers wühlte, und dass nur ein kümmerlicher Erfolg seine Geduld 
belohnte. Ausser den Grassaamen der Wildniss sucht sich zwar Jeder 
noch etwas Getreide aus den Thcilcn des Landes, in denen Boden- 
wasscr den Gartenbau ermöglicht, oder aus Fezzän zu verschaffen, denn 
auch in Tibesti wird Getreidenahrung als die wünschenswertheste 



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268 BUCH, 3. KAPITEL. TÄO UND ZUÄR. 

Grundlage der Ernährung betrachtet; doch im Sommer ist der spär- 
liche Vorrath längst erschöpft. 

Zum Genüsse des Fleisches ihrer Hausthiere cntschliessen sich 
die Tubu trotzdem nur bei aussergewöhnlichen Gelegenheiten und 
zwingenden Festlichkeiten. Für gewöhnlich liegt FIcischnahrung so 
sehr ausserhalb ihrer Gewohnheiten, dass sie selbst bei lebhaftem 
Hunger nicht daran denken, eine ihrer zahlreichen Ziegen zu schlach- 
ten. Ist ein Kamee! durch Krankheit oder Erschöpfung seinem Ende 
nahe, so tödten sie es vorschriftsmässig, trocknen das in Scheiben und 
Streifen geschnittene Fleisch an der Sonne und leben eine Zeit lang 
von demselben. Da dies begreiflicherweise gewöhnlich altersgraue, 
abgetriebene oder durch Krankheit erschöpfte Thicre sind, so zeich- 
net sich ihr Fleisch nicht gerade durch Zartheit und Saftigkeit aus, 
und der Tubu Mann bewaffnet sich daher zu der ungewohnten Kost mit 
einem Steine, mit dem er Fleisch, Sehnen und Knochen so lange 
auf harter Grundlage bearbeitet, bis sie kaubar oder verschluckbar 
geworden sind. Das gedörrte Kamcclfleisch der angedeutete 
Process vollzieht sich bei der hohen Temperatur und der Trocken- 
heit der Atmosphäre mit grosser Schnelligkeit — wird meistens unge- 
kocht verzehrt und gefiel mir in diesem Zustande gar nicht übel. 
Um eine Ziege zu schlachten, muss schon eine Hochzeit, eine Be- 
schneidung oder ein ähnliches, wichtiges Familienfest vorliegen. Das 
frische Fleisch wird als grosser Leckerbissen betrachtet und selbst 
bei zarter Beschaffenheit mit Hülfe der Steine verzehrt, um desto 
sicherer die schwerverdaulichen Bcstandtheile , wie Bindegewebe, 
Sehnen, Bänder und Knochen, mit zur Verwcrthung zu bringen. 

Einen grösseren Vorrath haben sie oft von Datteln eingelegt, 
welche in einigen Thälern, vorzüglich im Osten des Landes, spärlich 
gedeihen; doch im Sommer ist derselbe ebenfalls aufgezehrt, und 
Alles envartet dann, in der geschilderten, unzulänglichen Weise die 
Existenz fristend, den Spätsommer und Herbst. Zu dieser Zeit werden 
Datteln und Getreide geerntet, sowohl in einigen Theilcn Tibesti s als 
in den Nachbarländern, und Alle ziehen aus, um sich gegen Kameelc, 
Schaafe, Ziegen oder Felle den nöthigsten Vorrath einzutauschen. 
Die Einen wenden sich in die bevorzugten Thäler des eigenen Landes, 
Andere nach Fezzan, noch Andere nach Kawär, das von Landslcuten 
bewohnt ist, oder nach dem benachbarten Borkü. Kawär und Borkü 
sind weniger geeignet, zum Zwecke friedlicher Verproviantirung von 



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PERIODISCHE ENTVÖLKERUNG DER WESTLICHEN THALER. 269 

den Tibesti -Leuten besucht zu werden: das Erstere, weil es zu oft 
von den räuberischen Auläd Solimän und ihren Bundesgenossen aus 
Kanem heimgesucht und gebrandschatzt wird, das Letztere, weil es 
gänzlich in den Händen der genannten Araber ist, und seine Nomaden- 
stämme den Tubu Reschäde keineswegs freundlich gesinnt sind. 
Selbst Fczzan war für diese damals kein Land des Friedens, weniger 
freilich durch ihre Schuld, als in Folge der ungerechten Ueberfalle 
der tripolitanischen Araber. Man war also vorzugsweise auf das 
eigene Land, und zwar hauptsächlich auf den nordöstlichen Theil 
desselben, angewiesen. Bardai war nach der Aussage meiner Be- 
gleiter das einzige Thal mit ausgedehnter Dattclpalmenzucht und 
Gartenkultur, und hatte regelmässige Ortschaften mit einer verhäitniss- 
mässig zahlreichen Einwohnerschalt, welche zu keiner Jahreszeit den 
häuslichen Heerd vcrliess. 

Obgleich die gerade reifenden Datteln noch nicht zur Ernte 
bereit sein konnten, so waren doch schon viele Leute aus den süd- 
westlichen Thälern nach Bardai gewandert, selbst wenn sie dort 
nicht selbst Dattelbäume besassen. Auch in Tibesti nämlich hat 
die Fezzaner Sitte, welche, so lange die Datteln nicht schnittreif 
sind, Jedem das Recht giebt, reife Früchte zum Genüsse an Ort 
und Stelle zu pflücken oder aufzulesen, Kraft des Gesetzes. Nach 
Hause tragen darf er freilich dieselben nicht. Andere bereiteten 
ihre Ucbersiedclung nach Bardai vor, und wie Galma berichtete, 
beabsichtigten der Dardai Tafertemi und die meisten der angesehenen 
Mainas des E. Zuar* ebenfalls in allernächster Zeit ihre Herbst- 
quartierc daselbst aufzuschlagen. Wollte ich also diese Herren noch 
in Zuar treffen, so war Eile nöthig, und auf das Anerbieten Gahnas 
schickte ich sofort seinen Sclavcn zur genaueren Berichterstattung 
voraus. Obgleich wir anfangs die Absicht gehabt hatten, die Rück- 
kehr desselben in Tao abzuwarten, so entschloss ich mich doch, ihm 
noch selbigen Tages zu folgen, da ich für den Fall, dass Niemand 
mehr dort weilen sollte, fürchtete, später an dem Besuche dieses her- 
vorragenden Thaies behindert zu werden. Diese Besorgniss erwies 
sich später als durchaus gerechtfertigt, denn von Bardai aus richte- 
ten sich alle meine Gedanken nur auf den Heimweg, und würde ich 
Zuar nie haben besuchen können. Da aber am Vormittage (14. Juli) 
zwei Qatrüner Muräbidija der Eine von ihnen war mein alter Be- 
kannter Ali aus Bachi ankamen, welche, kurz vor Täo lagernd, 



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270 H. BUCH, 3. KAPITEL. TÄO UND ZUAR. 

ihr Kamecl verloren und das Gepäck desselben zurückgelassen hatten, 
so mussten wir ihnen ein Thier zur Herbeischaflfung des letzteren 
leihen und konnten erst am späten Nachmittag aufbrechen. 

Nachdem wir einen südwestlichen Ausläufer der centralen Ge- 
birgsmasse, Namens Kuzungru umgangen hatten, überschritten wir 
den gleichnamigen Abfluss desselben, der zum E. Dausado geht, 
und hatten hier die schön geformte Felsenkette Serendibe westnord- 
westlich in der Entfernung einiger Stunden vor uns. Wir begegneten 
um diese Zeit drei Einwohnern des E. Zuar, welche die Nachricht 
brachten, dass nur noch vier gewichtige Edelleute dort seien, Tafer- 
tömi aber das Thal bereits verlassen habe. Wir Hessen uns jedoch 
durch diesen Umstand nicht von der Fortsetzung unseres Weges ab- 
halten, überschritten bald darauf den E. Sabön, passirten eine Hoden- 
abflachung mit Vegetation Namens Sarakung und lagerten im E. Ka- 
zanei, der, wie der vorhergenannte, von Ostsüdost nach Westnord- 
west zum Dausado geht. 

Schon hier begann der mir von Anfang an widerwärtige und 
verdächtige Gahna mich mit den unverschämtesten Betteleien zu 
quälen, welche er hauptsächlich darauf begründete, dass er der Chef 
des illustren Geschlechtes der Gunda sei. In der That theilten sich 
in früheren Zeiten die Gunda und die Tomaghcra in die Häuptling- 
schaft, und wenn die letzteren jetzt allein Anspruch auf die Herrschaft 
haben auch Tafertemi gehörte dieser Familie an — , so theilcn sich 
doch die Repräsentanten Beider der Sitte gemäss in die ausserge- 
wöhnlichen Einkünfte, die Geschenke von Reisenden und die Ab- 
gaben von Karawanen. Obgleich ich mich Galma gegenüber natür- 
lich dahinter zu verschanzen suchte, dass er ohne Zweifel, wenn es 
zur Vcrtheilung der Geschenke kommen würde, seinem Anrechte 
entsprechend bedacht werden müsse, so unterlag ich natürlich, wie 
gewöhnlich, in der Unterhandlung und musste dieselbe mit dem 
Versprechen schlicssen , dem Quälgeiste unbeschadet seiner Rechts- 
ansprüche eine schwarze Südantobe zu verabfolgen. 

Vor uns entsendete die centrale Gebirgsmasse nach Südwesten 
den mächtigen Ausläufer Mcrda Sodoä, dessen Uebcrwindung zum 
Zwecke der Wegabkürzung uns und besonders unseren Kameclen 
grosse Mühe machte. Erst nach zwei Stunden hatten wir uns müh- 
sam durch die Schwierigkeiten des Passes auf seine, höchste Erhebung 
hinaufgearbeitet, und hinlänglich Gelegenheit gehabt, zu bedauern, dass 



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WKC. NACH ZUÄR -KAI. 



271 



wir nicht unseren Thieren zu Liebe die zeitraubende Umgehung des 
Gebirgszuges in der Ebene vorgezogen hatten. Wenn auch die 
Kameele der bergigen Länder beweisen, wie weit diese Thiere es 
im Bergsteigen bringen können, so waren doch die unsrigen', der 
Nordküste entsprossen, solchen Schwierigkeiten durchaus nicht ge- 
wachsen. 

Als wir im Begriffe standen, auf der jenseitigen Seite hinabzu- 
steigen, begegneten wir unserem Boten, der, von Zuar kommend, 
die erfolgte Abreise Tafertemi's bestätigte und von einer nicht sehr 
einladenden Sprache der dort gebliebenen Kdlen berichtete. Nach 
längerer Ueberlegung, ob es gerathen sei, trotz der unfreundlichen 
Stimmung der letzteren unseren Weg fortzusetzen, beschlossen wir, 
einen zweiten, und zwar intelligenteren Boten zur Unterhandlung 
mit jenen abzusenden und seine Rückkehr in der Nähe abzuwarten. 
Birsa unterzog sich dieser Mission, während wir gegen Südwesten 
eine Strecke hinabstiegen, um im Bette des E. Fisifisi den Erfolg 
abzuwarten. Hinabsteigend hatten wir nach Westen hin einen offenen 
Blick über die Ebene, durch welche sich die vereinigten Flüsse von 
Tao in südwestlicher Richtung gegen den Emi Durso hin wenden, 
in dessen Nähe der E. Zuär von Osten her zu ihnen stösst. 

Am frühen Nachmittage traf Birsa mit einer günstigeren Antwort 
der Herren von Zuär ein, welche uns sogar aus dem Innern des 
Thaies bis nach Zuär-Kai (Zuar-Mündung), d. h. dem Orte, an welchem 
das Flussthal aus den Felsen in die Ebene hinaustritt, entgegen 
kommen wollten. Alsbald brachen wir auf, folgten jedoch dem Merda 
Sodoä nicht ganz bis zu seinem südwestlichen Ende, sondern fanden 
vorher den leicht zu überwindenden Pass Abcrdegä, dessen südlicher 
Richtung wir folgten. Bevor wir in die jenseitige Ebene hinabstiegen, 
welche im Westen und Südwesten offen und übrigens von Bergen ein- 
geschlossen war, gewannen wir einen ausgedehnten Blick über die- 
selbe. Zahlreiche Flussbetten, die sich als grüne Vegetationslinien 
aus der Umgebung hervorhoben, durchschnitten sie. In der Mitte 
verlief der E. Zuar selbst nach Westen, und östlich von uns ver- 
einigten sich von Norden her einige Wasserläufe mit ihm, die wir 
noch durchschneiden sollten. Auf der Südseite des Flussthaies 
mündete südsüdwestlich von uns sein ansehnlichstes Nebenthal, E. 
Suroe, auch Segrc und Ziri genannt, nicht weit davon nach Osten 
das unbedeutendere Thal Tomädema, und gerade südlich von unserem 



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272 II. BUCH, 3. KAPITEL. TAO UND ZUAR. 

Standpunkte K. Sugo, dessen Ursprungsberge im fernen Südosten 
erblickt wurden. Dann folgte E. Sogursa, dem der ebenfalls im 
Südosten gelegene gleichnamige Berg Ursprung giebt, und in 
der Mitte der weiten Ebene erblickten wir zu beiden Seiten des 
E. Zuär selbst die Felsen Kcdroä. Die südlichen Nebenthäler ver- 
laufen alle mehr oder weniger von Südost nach Nordwest. In die 
Ebene hinabsteigend, überschritten wir in südöstlicher Richtung die 
unbedeutenden Flussbetten Iberdasnossen, Kazanei und Kodoa, welche 
sämmtlich von Nordost nach Südwest gerichtet sind, und lagerten 
nach vierstündigem Nachmittagsmarsche zu Zuar-Kai. 

Kaum hatten wir unser Nachtlager aufgeschlagen, als die lullen 
Zuar's mit ihrem Gefolge, im Ganzen höchstens zwanzig Personen, 
erschienen, um mich zu begrüssen. Alle hockten in einem weiten 
Bogen vor meinem Zelte nieder, die Lanze, die Wurfspeere und das 
Wurfeisen aufrecht in der Hand haltend, das lange, breite Vorder- 
arm-Messer durch einen Lederring am Handgelenk befestigt, und 
begannen ihre Killahamis, Ihilla's und anderen Begrüssungsformeln, 
in welche ich bei der Erwartung der bevorstehenden unliebsamen 
Auseinandersetzungen und unvermeidlichen Schwierigkeiten nur mit 
massiger Freudigkeit und sicherlich noch geringerer Sachkenntnis 
einstimmen konnte. Von mir begaben sie sich zu meinen Leuten, 
und stellten diesen mit einer Festigkeit, welche keine Ablehnung 
zuliess, das Ansinnen, ihnen den lang entbehrten Gcnuss eines warmen 
Abendessens zu Theil werden zu lassen. Ich stimmte dieser be- 
scheidenen Bitte mit grosser Bereitwilligkeit zu, da ich in dem 
Augenblicke naiv genug war, zu glauben, dass mein Mohammes den 
einzigen Gegenstand ihrer Begehrlichkeit bildete und ihre Gemüther 
zur Milde stimmen möchte. 

Mit finsteren Blicken sahen Ali und Sa'ad den kostbaren Stoff 
in den hungrigen Mäulern der zerlumpten Edlen verschwinden. In 
der That konnte ein derartiger Angriff auf unsere Vorräthe im Wieder- 
holungsfalle sehr verderblich werden, denn wer bewies mir, dass die 
Aussagen, welche Bardai reichlich mit Datteln und Getreide aus- 
statteten, nicht ebenso trügerisches Blendwerk waren, wie das reich- 
liche Kameelfuttcr, das wir südöstlich vom Tümmogebirge hatten 
finden sollen r Und wenn ich überhaupt verhindert werden würde, 
Bardai zu erreichen 1 I lier auf dieser Seite der Berge gab es augen- 
scheinlich Nichts; wenigstens ging die Gutmüthigkeit eines echten 



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DIE EÜKLLEl'TE ZUÄR's. 



273 



Herrn des Landes gewiss nicht so weit, mir auch nur gegen Geld 
für die aufgezehrten Mengen Ersatz von Mehl zu verschaffen. Doch 
was half es? Jedenfalls hoffte ich, mir meine Gäste verpflichtet zu 
haben und so von ihrer Seite auf keinen Widerstand gegen meinen 
Plan zu Stessen, sofort gegen Borkü hin zum E. Marmar, E. Krema 
und vielleicht E. Uomar aufzubrechen. 

Inzwischen hatte ich Müsse, mir diese sonderbaren Edelleute, 
die mehr einer Bande verhungerter und zerlumpter Banditen ähnelten, 
als einer Versammlung der Vornehmsten ihres Stammes, genauer 
anzusehen. Da war zuerst der Aelteste unter ihnen, zugleich aus 
dem edelsten Geschlechte, der Maina Dirkin, mit weissgrauem Voll- 
barte, von massig dunkler, schmutzig gelber Färbung der Maut und 
regelmässigen Zügen, einer gewissen Würde und Gutmüthigkeit des 
Ausdrucks nicht entbehrend. Neben ihm sass der Maina Derdekorc, 
ein Mann in bester Mannesblüthe, der sich ebenfalls des unter seinen 
Stammesgenossen seltenen Schmuckes eines respectablen Bartwuchses 
erfreute, ein wenig dunkler war als Dirkfn, etwas prognathe Gesichts- 
bildung und dicke Lippen hatte, und der sich mit seinem unauf- 
hörlichen Redeflusse sehr bald der Wortführung bemächtigte. Wäh- 
rend die Genannten von massiger Mittelgrössc waren, zeichnete sich 
Gordoi oder Gordemi, auch Konki, d. h. der Kleine, genannt, ein 
Neffe Arami's von väterlicher Seite, durch kleine Statur und zarten 
Gliederbau aus. Er hatte ein kleines verschmitztes und verkniffenes 
Gesicht und ähnelte dem Vorhergehenden in der Hautfarbung. Der 
Letzte war Keidömi, ein ruhiger, ernster, schweigsamer Mann von 
schwarzer Hautfarbe, langem, regelmässigem Gesichte, welcher die 
Uebrigen durch seine stolze Gestalt überragte. Alle Uebrigen der 
Versammlung waren Verwandte, Klienten und Untergebene, welche 
zur Erhöhung des öffentlichen Ansehens und in der dunklen Hoffnung 
irgend eines Gewinnes die Maina s begleiteten. Wenn schon Niemand 
von der Versammlung wohlgenährt und gutgekleidet genannt zu 
werden verdiente, so war das Gefolge in einem so traurigen Zustande 
der Fett- und Fleischlosigkeit und der Kleidung so bar, dass es 
sich in allen (Kulturländern dem öffentlichen Mitleide in eindringlicher 
Weise empfohlen haben würde. Sie verhielten sich übrigens in 
physischer Beziehung ungefähr, wie ihre Gönner. 

Am nächsten Morgen erschienen sie schon vor Tagesanbruch 
wieder, um die genussreichen Bestrebungen, ihren Ernährungszustand 

N.»cluigal. I 



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274 



II. BUCH, 3. KAPITEL. TÄO UNO ZÜÄR. 



auf meine Kosten zu verbessern, von Neuem zu bethätigen. Moham- 
med el-Qatruni, der die Mundvorräthe verwaltete und die Eigenschaft 
hatte, für seine Person wenig zu bedürfen oder wenigstens sehr ent- 
sagungsfahig zu sein und Andern gern und viel mitzutheilen, griff 
bedenklich tief in unsere Vorrathssäckc ein und ofiferirte den aus- 
gehungerten Organismen ein Frühstück , das ebenso reichlich war, 
als die bereits geopferte Abendmahlzeit. Erst als sie den Ver- 
dauungsprocess begonnen hatten und vielleicht zur Förderung des- 
selben gaben sie sich der angenehmen Aufregung anderer Recla- 
mationen hin und erkundigten sich in höchst natürlicher und selbst- 
verständlicher Weise, wie es mit ihrem „Rechte ", dem „Rechte ihres 
Thaies', d. h, dem ihnen zu entrichtenden Durchgangszolle, stände. 
Jetzt begann ein Wortkampf, der von Sonnenaufgang bis zur Zeit 
der Aschä (anderthalb Stunden nach Sonnenuntergang) dauerte und 
natürlich mit meiner Niederlage endigte. 

Die feindliche Partei verliess das friedliche Terrain gemeinsamer 
culinarischer Bestrebungen und zog sich in ein Gebüsch von Siwäk- 
Sträuchern (Solvadora persica), die im Zuär-Thale zuerst und zwar 
in grosser Menge auftraten, zurück. Dieser Rückzug ist charakte- 
ristisch für die Tubu- Sitten und entspricht ganz dem Princip der 
Isolirung und Heimlichkeit, nach dem Jeder auf der Reise einem 
Landsmanne auszuweichen sucht und in der Heimath seine Hütte 
so fern als möglich von der des Nachbarn errichtet. 

Meine Advokaten waren Galma, Birsa und Bü Zei'd. Die gänz- 
liche Unzulänglichkeit des Edlen Kolokömi erhellte hier zum ersten 
Male auf das Klarste. Man schob ihn, ohne ein Wort zu verlieren, 
einfach bei Seite, und von Stunde an ward er im Rathe des Volkes 
oder seiner Standesgenossen nicht mehr gehört. Anerbietungen meiner- 
seits von kleinen vorläufigen Geschenken wurden gemacht und zurück- 
gewiesen, andere discutirt. angenommen, ausgeführt und rückgängig 
gemacht. Das Schlimmste war, dass sich durch irgend eine Indiscretion 
das Gerücht von den grossen Summen verbreitet hatte, welche 
meinen offiziellen Begleitern Kolokömi und Bü Zeid ausgezahlt und 
versprochen worden waren. Wenn ein Mann ohne alles Ansehen, wie 
der Erstere war, 80 Thaler erhielt, wie viel durfte dann ein Maina 
von edelstem Blute und persönlichem Ansehen beanspruchen: 

Dies gab den Anlass zur Discutirung der Motive meines Kommens 
überhaupt. Bisher war kein Christ in das Land gedrungen, und man 



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VERHANDLUNGEN ÜBER DAS DUHCHZUOSRECHT. 



275 



wünschte keinen in demselben zu sehen. Wer so viel Geld opfere so 
folgerten die Leute - , müsse notwendigerweise gewinnsüchtige Pläne 
verfolgen, denn nur um ihre kahlen Berge und ihre Flussthälcr zu 
sehen, könne keiner dieser Europaer, die so reich und klug und 
machtvoll sein sollten, thöricht genug sein, sich allein in ihr unsicheres 
Land, zu ihrem gewalttätigen Stamme zu wagen. In der weiteren 
Forschung nach meinem eigentlichen Zwecke mussten sie freilich ge- 
stehen, dass es unbegreiflich sei, was man in ihrem hungerleidigen 
Lande suchen könne. Doch diesen Mangel an V erstand niss schoben 
sie ihrer geringen Kcnntniss der Welt und ihrer niedrigen Culturstufe zu, 
fest überzeugt, dass die klugen Christen wohl wüssten, welche Schatze 
selbst das ferne Tibesti berge. In Bezug auf diese ungeahnten 
Reichthümcr ihres Landes nun waren die Meisten der Ansicht, dass 
ich der am östlichen Abhänge des Tarso befindlichen heissen Quelle, 
die mit genereller Teda - Bezeichnung Jerike genannt wird, der 
grössten Merkwürdigkeit ihres Landes, nachstrebte, wahrscheinlich, 
weil in derselben Gold oder Silber verborgen sei. Die Verbreitung 
der Thatsachc, dass ich wiederholt bei den Eingeborenen über diese 
Quelle Erkundigungen eingezogen hatte, unterstützte ihre Vermuthung. 
Genug, sie waren einig, dass ich mit der Absicht in ihr Land ge- 
kommen sei, mich von dem Vorhandensein eines derartigen Schatzes 
zu überzeugen und dann mit Hülfe meiner Landsleute sie selbst aus 
ihrer Heimath zu vertreiben. Vergebens bot Mohammed aus Qatrün, 
ihr halber Landsmann, seine ganze Beredsamkeit auf, um ihnen die 
Harmlosigkeit meiner Plane, die sonderbare und etwas thörichte Vor- 
liebe der übrigens so klugen Europaer für zweckloses Umherreisen 
zu erklären. Vergebens schwatzte Galma den ganzen Tag; von der 
Gefährlichkeit meines Beginnens für sie selbst waren und blieben sie 
Alle fest überzeugt. Um so grösser und schwärzer erschien ihnen 
aber die Treulosigkeit Kolokömi's und Bü Zeids, die für schnödes 
Geld ihr Vaterland und die Interessen ihrer Stammesgenossen ver- 
rathen und verkauft hätten. 

Der Sprecher der mir feindlichen Partei war Dcrdekore. Selten 
habe ich eine solche Gewandtheit in der Discussion, eine solche 
Redefertigkeit beobachtet, als bei diesem Vertheidiger seiner und 
seiner Genossen Interessen. Bui Mohammed konnte nicht immer 
schnell genug den Wortlaut der Rede desselben in s Arabische über- 
tragen, und in dem Eifer der Debatte entging mir Manches; doch seine 

18* 



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276 



II. BUCH, 3. KAPITEL. TÄO UND ZUÄR. 



überzeugende Darstellung, seine List, gegnerische Gründe zu über- 
gehen oder als nebensächlich zu behandeln, seine Fähigkeit, den 
Inhalt einer Gegenrede zu verdrehen, erfüllten mich mit Bewunderung. 
Wenn ein Gegner einen Gesichtspunkt besonders betonte,, so griff 
er mit Lebendigkeit einen andern, der mit jenem gar Nichts zu 
thun hatte, auf, spielte die ganze Discussion auf ein anderes Ge- 
biet, verwirrte die Köpfe seiner Zuhörer und nahm ihre Zustimmung 
im Sturm. 

Wenn ich behauptete, die von mir mitgebrachten Geschenke nur 
in die Hände des Dardai niederlegen zu können, da dieser am besten 
wissen müsse, welche die berechtigten Ansprüche der einzelnen Edel- 
leute seien, so antworteten mir die Herren, Tafertemi sei in Bardai, wo- 
hin sie nicht gehen würden, und sie selbst kennten am besten ihre eige- 
nen Rechte. Der Mangel an Respect, mit dem sie bei dieser Gelegen- 
heit ihr Staatsoberhaupt behandelten, erfüllte mich nicht gerade mit 
besonderem Vertrauen auf den Schutz, den ich von demselben zu 
erwarten hatte. Wenn ich vorschlug, man möge die Briefe, welche 
mir der Hädsch Dschaber, dessen berechtigten Einfluss Jeder anzu- 
erkennen schien, an den Dardai und die Versammlung der Mainas 
mitgegeben habe, einsehen, so erklärten sie, fremde Briefe zu lesen 
sei gegen ihre Gewohnheit, und wenn ich, am Ende meiner Geduld, 
sie aufforderte, aus meinem Gepäck zu nehmen, was ihnen gut und 
recht dünke, da sie die Gewalt hätten, so antworteten sie mit sittlicher 
Entrüstung, sie seien keine Räuber. 

Vergebens lud ich Derdekore ein, sich durch den Augenschein 
von der Menge der von mir zu vertheilenden Gegenstände zu über- 
zeugen; er lehnte es als eine Indiscretion ab. Vergebens drohte 
ich, aus einem Lande, bei dessen Betreten man mich schon; ver- 
gewaltigen wolle, sofort abreisen und nach Fezzan zurückkehren zu 
wollen. Meine Berechtigung zu diesem Schritte wurde zwar keines- 
wegs angefochten, doch in listig zurückhaltender Weise geltend ge- 
macht, dass die Ausführung eines solchen Planes ihnen nur zum 
Vortheil gereichen würde, da sie mir dann ausserhalb ihrer Wohn- 
sitze, nicht gebunden durch die Pflichten der Gastfreundschaft, in 
freier Ausübung ihrer Wüstensitten gegenüberstehen würden. 

Allerdings hätten wir augenblicklich die Macht gehabt, Alles 
rund abzuschlagen und abzureisen; doch wohin? Auf dem Wege 
nach Bardai würden sie gewiss mit Helfershelfern in den centralen 



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ERMÜDENDE KESEITIGLNG DER SCHWIERIGKEITEN. 



277 



Bergen einen Uebcrfall auszuführen nicht unterlassen haben, und wäre 
dann einmal Blut zwischen uns geflossen, hätten wir keinesfalls im 
Lande bleiben können. Nach der Bornüstrasse und Fezzän zurück- 
zukehren war wegen des traurigen Zustandes unserer Kameele kaum 
möglich und wegen der soeben von ihnen selbst angedeuteten Perspec- 
tive nicht gerathen. Der Mildeste und Traitabelste schien Gordoi zu 
sein, der sich Nachmittags bereit erklärte, mich auch ohne sofortige Aus- 
zahlung seines „Rechtes" nach Bardai zu begleiten, um dasselbe dort 
in Empfang zu nehmen. Mein natürlicher Advokat Gahna war selbst- 
verständlich dieser Erklärung ebenfalls beigetreten, doch die Majorität 
der übrigen drei blieb unveränderlich bei ihrer Meinung. Nachmit- 
tags waren wir schon fast einig über die Auslieferung eines rothen 
Tuchburnus, einer schwarzblauen Südantobe, einer Maqta Cham und 
eines Turban, und gegen Abend schienen sie einer Vermehrung 
dieser Gegenstände um zwei Turbane weichen zu wollen; doch der 
eifrige Dcrdekore wusstc stets wieder eine feindselige Stimmung zu 
erzeugen. Endlich um die Zeit der Aschä nahmen sie die aufge- 
führten Gegenstände und dazu zwei Stücke Cham an, mit der illu- 
sorischen Bestimmung einer theilweisen Rückgabe, im Falle mir die 
Erlaubniss zum Herumreisen im Lande verweigert werden sollte, 
und damit hatte die ganze Discussion ihr Ende erreicht. 

Der unermüdliche Sprecher Dcrdekore nahm zwar seinen An- 
theil an der Erpressung in Cham in Empfang, vertheiltc ihn aber so- 
fort unter seine Clienten und Untergebenen. Ehrgeiz war das Motiv 
dieser Uneigcnnützigkeit ; man sagte, er sei eifersüchtig auf das An- 
sehen des mächtigen Arämi und suche eine ebenso hervorragende 
Stellung unter seinen Landsleuten zu erringen. 

Währenddem hatten die Erpresser durchaus nicht vergessen, ihre 
Aufmerksamkeit meinem Mohammes zuzuwenden, und es war ihnen 
gelungen, während dieser anderthalb Tage eine Lücke in meinen 
Vorräthen zu erzeugen, wie unsere alleinigen Anstrengungen sie nicht 
in einer Woche hervorzubringen im Stande gewesen wären. Als sie 
sich zur Abreise rüsteten, versicherten sie mich übrigens ihrer Freund- 
schaft und ihrer Hülfe für den Fall, dass ich ihre Wohnsitze im 
Innern des E. Zuär besuchen würde. 

Diese günstige Stimmung meiner mühsam und theuer erworbenen 
neuen Freunde bcschloss ich alsbald auszunutzen. Unter Bü Zeid's 
Verantwortung und Giuseppe s Uebcrwachung sollten - so bestimmte 



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27« 



II. BUCH, 3. KAPITEL. TAU UND ZUÄK. 



ich - am folgenden Morgen (17. Juni) Leute, Kameele und Gepäck 
nach Täo zurückkehren, während ich selbst mit Bui Mohammed, Sa'ad, 
Birsa und einem Kameele dem Zuär-Thale gegen seinen Ursprung hin 
folgen würde. Bevor ich diese Absicht jedoch auszufuhren beginnen 
konnte, unterlag ich in einem neuen Kampfe gegen Gordoi und Gahna. 
Der Krstere, welcher sich gestern so milde und zugänglich gezeigt 
hatte, kam plötzlich zurück und verlangte, da sein Vorschlag, die 
ganze Erledigung der Angelegenheit bis zur Ankunft in Bardai zu 
verschieben, nicht durchgedrungen sei, und ich seinen Collegen ihr 
„Recht ausgezahlt habe, ebenfalls den ihm zukommenden Antheil. 
Da auch Bü Zeid, der dadurch schon dem Interesse seines Vetters 
Galma vorarbeitete, darauf drang, jenen abzurinden, so lieferte ich 
ihm mit schwerem Herzen einen Burnus, einen Tarbüsch und einen 
Turban-Shawl aus, wogegen er sich freiwillig erbot, mich zu grösserer 
Sicherheit nach Bardai zu begleiten. Damit war ich dem unver- 
schämten Galma natürlich ebenfalls verfallen, obgleich dieser als 
aussergewöhnliches Geschenk schon eine indigogefärbte Südäntobe 
erhalten hatte. Selbst die Auslieferung ihres Haqq, d. h. Rechtes, 
ging nicht ohne Schwierigkeiten von Statten. Burnus, Tarbüsch und 
Turban wurden mit der Kritik eines raffinirten Kaufmannes unter- 
sucht, für jede kleine Stelle Mottenfrass ein Schadenersatz verlangt, 
die Färbung des Tarbüsch oder seine Scidenquaste mangelhaft be- 
funden und der Turbanshawl wegen unzureichender Länge beanstandet. 
Die Unterhandlungen über die kleinsten Gegenstände nahmen Stunden 
in Anspruch. 

Endlich konnten wir zu unserer Kxcursion aufbrechen und schon 
nach einer Viertelstunde betraten wir den eigentlichen Kai (Mund) 
des E. Zuär. Ueber 100 Fuss hohe, senkrecht aufstrebende Felsen 
engten hier sein Bett bis auf fast 50 Schritte ein, ihm nur einen 
schmalen Vegetationssaum von Siwäk und üschar als Zierde lassend. 
Während wir im Sand und Kies des Bettes nach Ostsüdost zogen, 
bege'gneten wir einigen aus dem Zuär-Thalc über Täo und den Tarso 
nach Bardai auswandernden Familien, das heisst Frauen mit ihren 
Kindern. 

Man kann zwar aus dem obersten Laufe des E. Zuär auf einem 
kürzeren Wege über die Felsenberge nach Bardai gelangen, doch 
diese Passage ist sehr schwierig, und man zieht meistens vor, das 
Flussbett nach Westen zu verfolgen, die Freisen zu umgehen und erst 



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EXCURSION IN UAS ZUÄR-TIIAL. 



270 



jenseits Täo über den machtigen, doch bequem gewölbten Tarso 
nach Osten zu reisen. 

Die Kinder waren allerliebste Erscheinungen; die kleinsten ritten 
zu zweien auf Eseln, welche den spärlichen Hausrath trugen, und 
die vier- oder fünfjährigen marschirten schon rüstig und trieben die 
Lastthiere an. Alle waren nackt, selbst ein zehn- oder zwölfjähriges 
Madchen, welches doch sonst schon eitel genug war, um das Haar 
in den üblichen kleinen Flechten der Erwachsenen zu tragen. Die 
Frauen waren mager, dunkelhäutig, nur mit dem langhaarigen, glänzend 
schwarzen Fell der oben beschriebenen Schaafe bekleidet, welches, 
wenn es allenfalls genügen konnte, ihre Blossen zu bedecken, doch 
nicht hinreichte, die skclettartige Magerkeit und die faltige, glanzlose 
Haut der alternden Schönen zu verbergen. 

Die Einengung des Flussbettes setzt sich auf eine Wegstunde 
nach Ostsüdost fort ; dann verbreitert sich dasselbe plötzlich zu einem 
weiten Kessel, der durch die Einmündung verschiedener Nebenthäler 
entsteht, und dessen Mitte von einer ausgedehnten Felsgruppe, Emi 
Hesär, die sich etwa 300 Fuss hoch erhebt, eingenommen wird. Von 
Nordwesten mundet hier E. Tarde, von Südwesten E. Abogr, von 
Nordosten E. Mescher ein. Wir verbrachten die Stunden der grössten 
Tageshitze am Fusse des Emi Besär in einer prächtig kühlen, gewiss 
niemals von einem Sonnenstrahle erreichten Grotte, und ich wollte 
mir den Genuss nicht versagen, von der Höhe des Berges einen 
Ueberblick über die wilde Fclsenlandschaft zu gewinnen. Doch es 
gelang mir nicht, eine klare Anschauung von der Anordnung der 
Ketten und Gruppen zu erhalten, denn diese verhielten sich einerseits 
allzu verschieden in Richtung und Zusammenhang, und andrerseits war 
der Berg nicht hoch genug für meinen Zweck. Bergketten und Höhen- 
zuge verliefen in jeder Richtung, isolirte Felsen und combinirte Gruppen 
erblickte man überall, und vergebens suchte das Auge die geschlossene 
Kette, die wir nördlich von Tao im Osten erblickt hatten. 

Auch weiterhin kommt der Zuär aus Ostsüdost, und zwar als ein 
stolzes, an vielen Stellen ein Kilometer breites Thal. Eingefasst von 
wilden, massigen und dunkelfarbigen Felsen, geschmückt mit reicher 
Vegetation, die durch ihr heiteres Grün einen prächtigen Contrast 
mit den finsteren Uferhöhen bildet, und in dort seltener Weise mit 
Thieren belebt, macht es einen ebenso imponirenden als mannich- 
faltigen Eindruck und erfrischt Herz und Sinn nach der langen Wan- 



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INI » 



II. BUCH, 3. KAPITEL. TÄO UND Zt'ÄR. 



derung durch Gegenden, in welchen nur die zerstörenden Gewalten 
der Natur gewirkt 7.11 haben scheinen, aber nicht ihre schaffende, 
lebenspendende Kraft zum Ausdrucke kommt. Welch' ein grossartiges 
Bild entstand hier, wenn die Einbildungskraft noch die Wassermassen 
hinzufügte, welche fast alljährlich, zwar nur vorübergehend, aber um 
so mächtiger, durch das Thal brausen und Räumen und Sträuchern, 
Menschen und Thieren Verderben drohen. 

Das frische, kräftige Grün der Sajälakazie, das helle, saftige des 
Siwäk, das gelbliche des Tundub, das dunkle des Serrah [Maertta), 
das fahle des Oschar bedeckten in mannichfachen Schattirungen den 



Grund des Thaies. Während früher nur Aasgeier und Steppenraben 
als Repräsentanten der Vogelwelt, und auch noch selten genug, ge- 
sehen worden waren, trug jetzt jede Baumkrone, besonders die der 
Akazien, mindestens einige Dutzend jener an dünnen Fäden aufgehäng- 
ten Vogelnester, welche ihre niedlichen Bewohner mit der Ocffnung 
nach unten und einer seitlichen Ausbuchtung als Wohnung so kunst- 
voll zu weben verstehen. Zwischen den Bäumen und Sträuchern 
hüpften Gazellen hierhin und dorthin, zuweilen zeigte sich eine Säbel- 
antilope (A. Leiicoryx) Baqar elAVahschi oder Bü Raqaba arab.*) 

*) Baqar el-Wfthschl heistat nur wildes Kind, genereller Ausdruck flir rinderähnliche 
Antilopen hei den Arabern, und der Name IIA Raqaba, der ..Inhalier des Halses" oder 
, .merkwürdig durch seinen Hals" bedeutet, verdankt seine Knlstehung der braunen HaU- 
und Brustfärbung dieser Antilope. 





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PFLANZEN- UND TH1ERI.EHEN IM E. ZüAft. 



281 



und Turin Söde tcd. mit ihrer braunen Hals- und Brustfarbung 
und ihren langen, säbelförmig gekrümmten, nach hinten geneigten 
Hörnern. Auf den Felsen und Bäumen kletterte dazu ein grosser 
Pavian (Cynocephalus Babuin-) herum, durch seine dunkle, grünlich 
graue Färbung von dem Gestein und von den Baumstämmen kaum 
zu unterscheiden. Mit Vorliebe und rastloser Gewandtheit tummelt 
er sich besonders in den Sajälakazien, deren Knospen er liebt, ohne 
sich vor den zahllosen Stacheln derselben, welche oft eine Länge 
von mehreren Zoll erreichen, und spitz, scharf, unnachgiebig sind, 
zu scheuen. Die Tubu verfolgen ihn nie, theils weil er sich einer 
ansehnlichen Körperkraft erfreut und bei seiner Gewandtheit schwer 
anzufangen ist, während sie der Feuerwaffen entbehren, theils, weil 
seine Menschenähnlichkeit sie abhält, ihn zu tödten oder gefangen 
.zu Hause zu halten. 

Das für Mensch und Thier unentbehrliche Wasser sammelt sich 
in diesem Theilc Tibcstis bei den seltenen Regenfällcn in natürlichen 
Felsencisternen, erhält sich, wenn dieselben geschützt vor der Sonne 
sind, in ausgezeichneter Frische und reicht, bei hinlänglicher Ge- 
räumigkeit der Behälter, für Jahre hin. Ueber ihnen kreisende Vögel 
verrathen Fremden ihre Lage. Das Bodenwasser fehlt so sehr, dass 
auch die Dümpalme selten ist, und ihre trotz ihres geringen Wcrthes 
als Nahrungsmittel unentbehrlichen Früchte von begünstigteren Punkten 
herbeigeholt werden müssen. Als Ersatz für dieselben müssen die 
Beeren des Siwäk dienen, welche allerdings noch weniger als jene 
zur Ernährung des Menschen geeignet sind, da sie einen scharfen, 
den Darmcanal reizenden Stoff enthalten. 

Nachmittags zogen wir in der anmuthigen Umgebung weiter, 
an der Mündung des E. Mescher vorüber, der gegenüber im Kessel 
eine niedrige Hügelgruppe aus Kalk und Thonschiefer mit Sand- 
steinblöcken, Namens Kusüe, liegt, bis ein erfrischender Regen aus 
Nordosten uns in den Schutz eines Serrah trieb, dessen dicht ver- 
schlungenes Geäst vortrefflichen Schutz gewährte. Nach einstündigem 
Weitermarschc passirten wir die Mündung des von Norden kommen- 
den E. Tigri, bald darauf die des E. Zug, der von Süden kommt, 
und eine weitere Stunde brachte uns zu der Stelle, wo von Norden 
her der E. Sudrum einmündet. In dem E. Zug war der Wohnsitz des 
widerwärtigen Gordoi, der uns demzufolge verliess, um sein Haus zu 
bestellen und dann bei unserer Rückkehr zu weiterer Begleitung nach 



Ii. ia cn, 3. kapitei.. täo r\n zi \r. 



Bardai bereit zu sein. Darauf verengte sich das Thal wieder, um 
sich nach einer kleinen Stunde von Neuem zur früheren Breite aus- 
zudehnen. Hier lag die Cisterne, deren bestandiger Wasserinhalt 
den Aufenthalt Tafcrtemi's und der meisten Zuar-Edlen für gewöhn- 
lich vermittelte, und in ihrer Nahe verbrachten wir die Nacht. Wir 
hatten während des ganzen Tages keine 20 Km. zurückgelegt, doch 
die Anmuth des Thaies und das herrliche Gefühl, fiir kurze Zeit der 
Bevormundung Bü Zei'ds und Koloknmi's überhoben zu sein, machten 
mir den Weg zu einem höchst genussreichen Spaziergang. 

Am nächsten Morgen (18. Juni) besichtigten wir noch einige 
grosse Regenwasserbehalter, ohne welche die Gegend unbewohnbar 
sein würde, und trafen an einem derselben einen Bewohner von 
Kawar, der aus Borkü kam und uns von den räuberischen Bulgedä 
(Nomadenstämme Borkü's), denen er nur mit genauer Noth entwischt, 
war, und ihren Plänen auf Tibesti erzählte. Kr behauptete, die ge- 
nannten Rauber seien bereits auf dem Wege, um die südwestlichen 
Thaler K. Marmar, Zuär und vielleicht Täo auszuplündern, und er 
reise deshalb Tag und Nacht, soweit es die Kräfte seines Kameeies 
erlaubten. Schon in Täo hatten wir von diesen beabsichtigten Raub- 
zügen der Bulgedä gehört, doch ich hatte den Gerüchten keinen 
Glauben geschenkt, da ich meine Umgebung, welche gegen eine Reise 
nach Borkü durchaus eingenommen war, im Verdacht hatte, dieselben 
zu erfinden. 

Die eindringlichen Warnungen des Kawär- Mannes noch discu- 
tirend stiessen wir auf ein herrenloses Kameel, das nach der ein- 
gehenden Prüfung seiner eingebrannten Zeichen von Seiten Birsa's 
und des Qatrüner's als südlichen Ursprungs erkannt wurde und den 
Verdacht hätte erregen können, etwaigen im Hinterhalte liegenden 
Bulgedä anzugehören, wenn nicht das sehr abgenutzte Ende seiner 
am Boden schleifenden Halfter dafür gesprochen hätte, dass es schon 
eine Reihe von Tagen herrenlos herumlaufe. Wir bemächtigten uns 
einstweilen des Thieres und kamen alsbald zu einer Stelle des weiten 
Thaies, an der dieses aus zwei schmalen Armen, dem aus Ostsüdost 
kommenden E. Zuär und dem aus Ostnordost kommenden E. Kögu 
entstand. Der spitze Winkel, in dem beide aufeinanderstiessen, war 
von einer ansehnlichen Felsgruppe eingenommen. Wir folgten für 
einige Minuten dem E. Kögu aufwärts, fanden hier den Besitzer des 
cingefangenen Kameeis mit der Aufsuchung des Thieres beschäftigt, 



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ItESUCH ISKI DEN EPEU-EUTEN. 



283 



und stiegen aus dem Flussbette gegen den K. Zuär hin auf das 
zwischen beiden gelegene felsige Terrain. An einer Stelle, wo die 
Felsen vereinzelter waren, lagen die wenigen Hütten meiner Erpresser 
vom vorhergehenden Tag, und wenn auch rings herum in den Schluch- 
ten und zwischen den Felsen sicherlich noch manche vereinzelte 
Wohnstätten lagen, so war doch keine Spur von einer wirklichen 
Ortschaft zu entdecken. 

Die Wohnungen gehörten der Kategorie der beschriebenen 
Mattenhütten an, und einer derselben entkroch die würdige Gestalt 
Dirküi's, des Seniors meiner neuesten Tubufreunde, der, sichtlich 
unangenehm berührt durch meinen Besuch, sich nur unwillig der 
Pflicht der Begrüssung entledigte. Nachdem er in längerer Rede 
sein altes, edles Geschlecht gefeiert hatte, schloss er dieselbe mit 
einer Betonung der Armuth des Landes im Allgemeinen und der 
seinigen im Besonderen, welche ihn zu seiner grossen Schande ver- 
hindere, mir durch eine Dijafa, d. h. Bewirthung, seine Gastfreund- 
schaft zu beweisen. Ueberhaupt, meinte er ärgerlich, hatte ich wohl 
hinlänglich von ihrem Lande gesehen, um ihre ganze Armuth würdigen 
zu können; er könne nicht begreifen, weshalb ich noch weiter in dem- 
selben herumirre. Bald darauf kamen der unermüdliche Sprecher 
Derdckore und der schweigsame Keidömi, und jener griff die Sache 
energischer an. Er entwickelte in langer Rede, wie sie tagtäglich 
einen Ueberfall von Seiten der Bulgedä erwarteten und nicht im 
Stande seien, für meine Sicherheit einzustehen; wie es eine Schande 
für sie sein werde, wenn mir Böses auf ihrem Territorium widerführe, 
und sie doch nicht einmal für meine Sicherheit vor ihren eigenen 
Landsleuten bürgen könnten, so lange ich ohne omcielle Erlaubniss 
vom Landesoberhaupte und dem Rathe der Mainas herumreise. Er 
schloss damit, dass von meiner Excursion nach Südosten in das 
E. Marmar u. s. w. durchaus nicht die Rede sein könne. Auch als 
ich mich über den Weg den E. Zuär aufwärts bis zu seinem Ursprünge 
informirtc, stiess ich auf dieselben Einwendungen, welche unmittelbar 
darauf eine unwiderstehliche Unterstützung erfahren sollten. 

Während wir nämlich verhandelten, erschien ein Reiter zu Kameel, 
gekleidet in das übliche schwarzblaue Gewand und den ähnlichen 
Litham, setzte sich zu uns, ohne mich eines Grusses zu würdigen, 
und ritt, was noch sonderbarer war, ohne das geringste Geschenk 
erbeten zu haben, sehr bald wieder von dannen, nicht ohne zuvor 



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2*4 



II. BUCH, 3. KAPITEL. TÄO UND ZI AR. 



eine Art Drohung ausgestossen zu haben, dass man mich im Noth- 
fallc mit Gewalt zu verhindern wissen werde, Jerike und Bardai zu 
besuchen. Da aus seinem Gespräche der Zweck seines Besuches 
nicht erhellte, so begleitete ihn Derdekore eine kurze Strecke, um 
mehr zu erfahren, und kam mit der bedrohlichen Auskunft zurück, 
dass der Mann ausschliesslich gekommen sei, um sich von meinem 
und meiner Leute Aufenthalt zu überzeugen und jetzt eilig zurück- 
kehre, um einige Mannschaft zu sammeln und uns in Zuar-Kai auf- 
zuheben. Ihre Pflicht, fügte Derdekore hinzu, sei es, mich zu warnen, 
damit mir kein Unheil in ihrem Thale zustosse. In wie weit die 
Mittheilung auf Wahrheit beruhte, konnte ich damals nicht wissen, 
doch waren Birsa und Bin Mohammed so fest von ihrer Zuverlässig- 
keit uberzeugt, dass ich mich ihrem und dem Widerstande der Edel- 
leute fügen musste und umzukehren beschloss. 

Während wir uns zum Rückzüge rüsteten, trug das edle Blut 
des alten Dirküi den Sieg über seine Armuth und seine Sparsamkeit 
davon; er kam mit einer Ziege als Gastgeschenk, nicht ohne aus- 
drücklich zu erwähnen, dass seine Verhältnisse ihm nicht gestatteten, 
mir das üblichere Mahl aus Getreidemehl anzubieten. Mit heroischer 
Selbstüberwindung riss er sich von dem Thiere los, das er seinem 
eigenen Magen schwerlich geopfert haben würde, und suchte sich 
zu betäuben und zu trösten, indem er seine Generosität und seinen 
Kdclsinn vor uns verherrlichte. Man liess uns nicht Zeit, das Thier 
an Ort und Stelle zu schlachten, sondern drängte zur Umkehr. Nach- 
dem ich noch die wortreiche und dringende Ermahnung, welche 
Birsa mit auf den Weg nehmen musste, um keinen Preis bei etwaigem 
Ueberfallc die Hand gegen seine Landsleute zu erheben, sondern 
sich neutral zu verhalten, angehört hatte, trat ich betrübt, dem 
schönen Thale nicht weiter haben folgen zu können, den Rückweg 
nach Zuar-Kai und Täo an. 

Als wir die Einmündungssteile des E. Zug erreicht hatten, bogen 
wir in denselben ein, theils um Gordoi abzuholen, thcils um dadurch 
vielleicht den nächtlicherweile nach Zuar-Kai zu unserem Ueberfallc 
eilenden Räubern zu entgehen. E. Zug, der in diesem Theilc seines 
Verlaufes von Südsüdwest nach Nordnordost gerichtet ist, hat eine 
viel geringere Breite als E. Zuär, doch sein Bett ist dicht bedeckt 
mit den Gräsern der Gegend und seine Bäume stehen dichter, als 
in den bisher erwähnten Thälcrn. Wir lagerten bald nahe der 



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ENNERI ZUG. 



285 



einsamen Hütte Gordoi's, schlachteten den Ziegenbock und gaben 
uns in stiller Gemütlichkeit am schönen Abende dem Fleisch- 
genuss hin. 

Da unser Gastfreund, der uns nicht so bald zurückerwartet hatte, 
noch nicht zur Abreise bereit war, so setzten wir am folgenden 
Morgen (19. Juni) unsern Weg allein fort. Wir folgten dem Fluss- 
bette gegen seinen Ursprung hin und besichtigten zunächst die 
in den Felsen des östlichen Ufers gelegene berühmte Cisterne 
Kauerda oder Kjauerdä, welche in der That grossartig in ihrer 
Bildung und durch ihren Wasserreichthum ist. Mitten in einer 
hochgewölbten Felsgrotte, die auch nicht dem geringsten Sonnen- 
strahl den Zutritt gestattet, liegt das mächtige, regelmässige Stein- 
bassin mit spiegelklarem Wasser. Dasselbe steht in Verbindung mit 
einem darunter liegenden, viel umfangreicheren, das nach der Aus- 
sage meiner Begleiter im Lande für unergründlich gilt. Jedenfalls 
ist die Menge des Wassers eine sehr beträchtliche, und Niemand soll 
selbst in trockenen Jahren auch nur den Inhalt des oberen Bassins 
verschwinden gesehen haben. 

Schon nach kurzer Zeit verliessen wir das Flussbett, um uns 
westlich und nordwestlich wieder der Richtung von Zuar-Kai zuzu- 
wenden und gewannen bald von der felsgehügelten Gegend aus wieder 
einen Blick auf die weite Ebene, durch welche der Zuär sich gegen 
den Emi Durso hinschlängelt. Unter beständigem Ueberschreiten 
unbedeutender Wasserbetten, von denen die erwähnenswerthen , E. 
Abogr und E. Sögursa, sich aus den Bergen in nordwestlicher 
Richtung zum Zuär wenden, stiegen wir in die Ebene hinab, hielten 
uns jedoch hart am Felsengebiete, indem wir in nordwestlicher 
und westnordwestlicher Richtung auf den E. Zuär zumarschirten, und 
lagerten in der Mitte des Vormittags in dem Rinnsal Kebüru oder 
Kjeburu da, wo dasselbe zu Zuar-Kai in das Hauptflussbett mündet. 
Kaum 100 Schritte davon stand die Hütte Birsa's, dem zu Liebe wir 
denn auch den Rest des Tages dort verbrachten, da derselbe seine 
Frau seit seiner Rückkehr aus Fezzän kaum gesehen und, bevor diese 
der allgemeinen Auswanderung nach BardaY folgte, noch mancherlei 
häusliche Angelegenheiten mit ihr zu besprechen hatte. 

Vielleicht hatte er nur das Bedürfniss, seine Ehehälfte nach 
monatelanger Abwesenheit einmal einige Stunden hindurch zu sehen; 
denn die häuslichen Anordnungen würde dieselbe schon ohne seinen 



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2sß 



lt. BUCH, 3. KAPITEL. TÄO UND ZUÄR. 



Rath und Beistand zweckmässig getroffen haben. Es ist in der That 
bewunderungswürdig, mit welcher Selbständigkeit die Frauen der 
( Tubu Reschade *dem Hauswesen vorstehen und in der Abwesenheit 
ihrer Manner "die gemeinsamen Geschäfte besorgen. Der Mann bleibt 
Monate und selbst Jahre lang aus, und Haus und Kinder, Ziegen 
und Kamcele bleiben ganz der Frau überlassen, welche, ohne jemals 
fremden Beistandes zu bedürfen, Alles überwacht, die Kinder ab- 
wartet, die Hausthiere besorgt, Kauf und Verkauf abschliesst, den 
Wohnsitz wechselt und Reisen im Innern des Landes macht. Ja, 
man hegt im Allgemeinen in Tibesti die Ansicht, dass die Frau 
besser zur Besorgung dieser Geschäfte geeignet sei, als der Mann. 
Die Frauen haben dort in der That nicht allein den determinirten 
Gang eines Mannes und seine Fertigkeit im Tabakkauen; Gewohn- 
heit und Erziehung haben ihnen auch den geschäftlichen Sinn, den 
Verstand, die Entschlossenheit gegeben, die sonst nur dem starken 
Geschlechte eigen zu sein pflegen. Dabei leidet freilich die be- 
scheidene Zurückhaltung, welche uns als eine Hauptzierde des Weibes 
erscheint, erhebliche Einbussc. Dass sie trotz dieser männlichen und 
selbständigen Betätigungen sich eines so ausgezeichneten Rufes be- 
züglich ihrer ehelichen Treue erfreuen, könnte auffallend erscheinen; 
doch liegt vielleicht gerade in der Freiheit ihrer Bewegungen bei 
der gleichzeitigen verantwortlichen Stellung an der Spitze des Hauses 
der Grund für diese Thatsachc. 

Die Räuber aus dem oberen Theile des E. Zuär waren wirklich 
vergeblich auf unserem früheren Lagerplätze gewesen, während wir 
im E. Zug unsern Ziegenbraten gegessen, in Frieden geschlafen 
und unsere Gefährten längst Täo wieder erreicht hatten. 

Der 20. Juni vereinigte uns wieder mit den Letzteren. Wir 
folgten unserem früheren Wege über den Aberdegä-Pass und rasteten 
an dem Ausgange des letzteren nach kaum vierstündigem Marsche 
während der Tageshitzc. Vier weitere Stunden brachten uns dann 
gegen Abend zu unserem früheren Lagerplätze in Täo, wo wir be- 
sonders von den Qatrüner Muräbidija herzlich empfangen wurden. 
Wenn diese schon früher von meinem IMane, in ihrer Begleitung 
nach Borkü zu gelangen, Nichts hatten hören wollen, so waren sie 
jetzt, seit sie Zeugen des Widerwillens der Einwohner gegen einen 
Fremden geworden waren, noch viel unzugänglicher. Sie standen 
übrigens im Begriff, ihre Borkü -Reise anzutreten und beabsichtigten 



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« 



RÜCKKEHR NACH ZU AR - KAI UND TÄO. 287 

sogar, vielleicht nach Wadai zu gehen, um auf den Wunsch der 
Regierung und Kaufleutc Tripolitaniens die Wiedereröffnung des 
Karawanenweges zwischen Fczzän und Wadai anzubahnen. Doch die 
augenblickliche Unsicherheit des Weges durch die Bulgcdä hatte 
ihren ganzen Plan ins Schwanken gebracht. 

Nachdem sie langer als eine Woche mit Ueberlegungcn ver- 
bracht hatten, entschlossen sie sich endlich für die Abreise und zwar 
unter dem Schutze Gahnas, der durch seine aus Borkü stammende 
Mutter und ihren Anhang und durch seine zahlreichen dortigen Be- 
kanntschaften eine hinlängliche Sicherheit zu garantiren schien. 

Auf diese Weise konnte ich wenigstens hoffen, von diesem 
Quälgeiste, der mir seit unserer Rückkehr von Zuär endlose Wider- 
wärtigkeiten bereitet hatte, befreit zu werden. Sobald wir ange- 
kommen waren, begann er die unverschämtesten Ansprüche zu 
erheben, sowohl an mich, als sogar an Bui Mohammed, den er im 
Verdacht hatte, für seine Begleitung nach Tibesti von mir eine ähn- 
liche Summe erhalten zu haben, als sein Vetter Bü Zeid und Kolo- 
kömi, und von dem er nun unablässig durch Bitten und Drohungen 
Geld oder Geldeswcrth zu erpressen versuchte. Bü Zeid vermochte 
Nichts über seinen Vetter oder versuchte wenigstens nicht energisch, 
seinen Kinfluss geltend zu machen, obgleich er doch allein die Ursache 
war, dass sich der Schurke uns angeschlossen hatte. 

Ausser diesen, gewissermaassen häuslichen Unannehmlichkeiten 
machten andere Gründe meine ganze Lage zu einer höchst unerquick- 
lichen und bedrohlichen. Seit meine Ankunft im Lande bekannt 
geworden war, verlauteten feindselige Kundgebungen gegen den 
Eindringling aus den benachbarten Thälern. Die Thatsache, dass ich 
an Kolokömi und Bü Zeid bedeutende Summen gezahlt hatte, um 
ihre Begleitung zu gewinnen, sprach gegen die Harmlosigkeit meiner 
Absichten, und die Furcht vor der Klugheit, Habsucht und Macht 
der Christen liess die Patrioten eifersüchtig darüber wachen, dass ihr 
grösster Schatz, die wunderbare heisse Quelle, deren Ansehen be- 
trächtlich zunahm, und das ihr benachbarte Thal Bardai nicht 
entweiht werde. 

Ich wäre am liebsten, besonders bei der bevorstehenden Abreise 
der Muräbidija, die mich noch schutzloser machte, ohne Weiteres 
nach Bardai gegangen, in der Hoffnung, dass meine Briefe vom 
Gouverneur Fezzan's und vom Hädsch Dschäber aus Qatrün hinreichen 



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288 



II. BUCH, 3. KAPITEL. TAO UND ZUÄR. 



würden, mir Schutz und Sicherheit zu gewähren, und in der Ueber- 
zeugung, dass die einzige Verantwortlichkeit und damit das einzige 
Interesse für meine Person immerhin beim Dardai lag, mochte der 
selbe auch noch so machtlos sein. Aber die Herren von Qatrün 
widerriethen diesen Schritt auf das Ernstlichstc. Die Bewohner 
Bardais seien durch ihre Abgeschlossenheit von der Aussenwelt viel 
roher, gewaltthätiger und Fremden feindlicher gesinnt, als die eigent- 
lichen Tubu Reschade; es sei unumgänglich, vorher ihre Dispositionen 
zu kennen. Ihr Rath aber sei überhaupt, so schnell als möglich nach 
Fezzan zurückzukehren und ganz auf den Besuch Bardais zu ver- 
zichten. 

Hierin mochten sie Recht haben; doch trotz aller finsteren Ahnun- 
gen konnte und durfte ich meinen Plan noch nicht verloren geben. Aul 
der einen Seite lockte mich die Ucbersteigung des Gebirgsstockes 
Tarso und der Besuch Bardais und Jerikes, auf der andern drohte 
uns, selbst bei sofortiger Rückkehr nach Fezzan, durch den Mangel 
an Mundvorräthen unterwegs der empfindlichste Hunger. Auch meine 
Leute, welchen ich die Sachlage vorstellte, entschieden sich bei 
ihrem lebhaften Widerwillen gegen das Hungern für den Zug nach 
Bardai. Wir konnten damals noch nicht ahnen, dass wir bald froh 
gewesen sein würden, unter ungleich ungünstigeren Nahrungsverhält- 
nissen den Rückweg antreten zu können. 

Es wurde also im Rathe beschlossen, Bü Zeid mit Briefen und 
Geschenken vorauszuschicken, um die Stimmung des Häuptlings, der 
dortigen Edlen und der Bewohner Bardais zu erforschen und einige 
Vorräthe von Datteln und Getreide einzukaufen Bardai liegt drei 
gute Tagemärschc von Tao entfernt; ein Tag wurde auf die Ver- 
handlungen mit den verschiedenen Factoren gerechnet; Bü Zeid ver- 
sprach also am siebenten Tage wieder bei uns einzutreffen. Bis zu 
dieser Zeit konnten auch unsere Mundvorräthe ausreichen. Um Ruhe 
vor Gahna und seines Gleichen zu haben, übergab ich fast Alles, 
was ich an Geld und Geldeswerth besass, an Bü Zeid; auch unsere 
Kamecle wurden bis zur Rückkehr des letzteren gegen Weidegeld 
seiner Tante Kintafo anvertraut. Um diese noch mehr in unser 
Interesse zu ziehen, miethete ich erstens das Kameel von ihr, auf 
dem mein Bote nach Bardai gehen sollte, und stellte ihr zweitens 
in Aussicht, für den Fall, dass ich jenem mit den übrigen Leuten 
folgen würde, die nöthigen Lastthiere ebenfalls von ihr zu beziehen, 



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GALMA'S GÄWALTTHAT GEGEN MOHAMMED. 



289 



da die meinigen in keinem Falle dazu verwendet werden konnten. 
Der gleissnerische Gordot, der indessen wieder zu uns gestossen war, 
Hess es sich nicht nehmen , den Muräbid nach Bardai zu begleiten, 
um daraus natürlich später die weitgehendsten Ansprüche auf Be- 
lohnung herleiten zu können. 

Zwei Tage darauf drohte die Abreise meiner letzten Freunde, 
der beiden Qatrüner, mich ganz rath- und beistandslos zu machen. 
Schon hatten dieselben an dem betreffenden Tage Abschied von 
mir genommen und mir ahnungs- und sorgenvoll die letzten Rath- 
schläge ertheilt, als plötzlich Galma hinter einem Felsblocke hervor- 
kam, schweigend auf meines Mohammed Lagerstätte zueilte und 
demselben sein Gewehr zu entreissen suchte. Während Heide an 
demselben hin- und herzerrten, mischte ich mich ein, erklärte die 
Waffe für mein Eigenthum, riss sie an mich und trug sie in 
mein Zelt, während der Räuber erklärte, ohne dieselbe nicht von 
hinnen weichen, oder den alten Mohammed, der eigentlich ein Sclave 
seines Vaters und folglich sein Eigenthum sei, ermorden zu wollen. 
Da ich auf diese Drohung kein Gewicht legte, zog ich mich schweigend 
in das Zelt zurück und glaubte die ganze Angelegenheit beendigt. 
Plötzlich stürzte nach längerer Zeit Sa'ad herein, der die Kameelc, 
welche noch nicht auf ihre neuen Weideplätze getrieben worden waren, 
gehütet hatte, und erzählte in verworrener Weise, dass er den Sohn 
Selemma's hoch zu Kameel unterwegs gesehen habe, wie er unseren 
Mohammed gebunden neben sich hinschleppe. Ich gerieth in heftigen 
Zorn, der durch das Benehmen meiner Teda- Begleiter, welche mir 
die Berechtigung von Gahnas gewalttätigem Vorgehen beweisen 
wollten, nur noch heller aufloderte. Bewaffnet stürzte ich mit Giuseppe 
auf den Weg nach Zuär-Kai, um der Spur des Räubers zu folgen. 

Nach einigen Stunden trafen wir die kleine Karawane an einer 
Stelle, an der Galma die vorausgezogenen Muräbidija eingeholt hatte, 
und meine übrigen Diener, die sich schon vor mir auf die Verfolgung be- 
geben hatten, dazu gestossen waren. Alle waren in lebhaftester Discus- 
sion begriffen, der ich ein plötzliches Ende machte durch die ernste 
Drohung, den Schurken sofort niederzuschiessen, wenn er nicht den Ver- 
gewaltigten frei gäbe. Beim Anblick unseres reichen Waffenapparates 
schleuderte mir Galma mit einigen racheverkündenden Drohungen 
den würdigen Diener zu. Dieser nahm unentwegt Platz und schob 
zur Beruhigung die übliche Prise Tabak in den Mund, ohne seiner 
Nacktigal. I. 19 



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II. BUCH, 3. KAPITEL. TÄO IM» ZUÄR. 



gewöhnlichen Schweigsamkeit zu entsagen. Die beiden Muräbidija, 
welche ihn seit ihrer Kindheit kannten und seine freie Geburt wohl 
hatten bezeugen können, fühlten ihre Abhängigkeit von dem Räuber auf 
ihrer kaum begonnenen Reise so stark, dass sie nicht wagten, dem- 
selben offen und vollständig Unrecht zu geben, sondern einen ver- 
mittelnden, ihn beschwichtigenden Ausweg suchten. Sie suchten 
mir begreiflich zu machen, dass mein Vortheil erheische, einem Schur- 
ken gegenüber, der wohl im Stande sei, meine ohnehin unerquickliche 
Lage zu einer äusserst gefahrdrohenden zu machen, ein Opfer zu 
bringen. In der That sprach dieser sofort seine Absicht aus, die Reise 
nach Borku aufzugeben, und fügte drohend hinzu, dass ich augenblick- 
lich freilich als der Stärkere triumphire, dass er aber in wenigen Tagen 
mir zu beweisen hoffe, auf wessen Seite die Macht und die Rache 
sei. Den Qatrünern zu Liebe und um den gefährlichen Schurken 
ausser Landes zu wissen, stimmte ich endlich zu, ihm zwei Maria- 
Theresia-Thaler mit auf den Weg zu geben, und war noch froh über 
den Ausgang, da mir das Ereigniss gezeigt hatte, wie wenig ich 
mich auf Kolokömi und Birsa hV kritischen Momenten verlassen 
konnte, und wie rettungslos ich der Rache eines Eingeborenen in 
jener rechtlosen Welt preisgegeben sein würde. Schon bei meiner 
Rückkehr hatte ich einen erneuten Beweis von der Unzuverlässigkcit 
meiner eben genannten Tubu-Begleiter, welche unsere Abwesenheit 
benützt hatten, um meinen ohnehin schon sehr beschränkten Kattun- 
vorrath auf dem ihnen nicht ungeläufigcn Wege des Diebstahls zu 
schmälern. 

Es folgten nun trübe Tage der Sorge, der Langeweile und des 
Hungers. Mein Zelt war zwischen zwei Felseil aufgeschlagen, welche 
einen Winkel bildeten, der nicht völlig geschlossen war, so dass gerade 
ein Mensch durch die Lücke passiren konnte. Während wir so im 
Rücken ziemlich gedeckt waren, sammelten sich allmählich vor uns ver- 
dachtige Besucher, welche den offenen Bogen des Eelsenwinkcls all- 
mählich verschlossen und mich moralisch belagerten. Wer edlen Ur- 
sprungs war und nicht allzufern von uns hauste, kam herbei unter dem 
euphemistischen Vorgeben, mich zu begrüssen, in Wahrheit aber, um 
seinen Antheil am Raube zu haben. Wie die Aasgeier umkreisten sie 
mich, beanspruchten von mir ernährt zu werden, drohten und bettelten 
abwechselnd, kurz, machten meine Kxistcnz zu einer unleidlichen. 

Zuerst kam ein älterer Bruder Kolokömi s und ein lahmer 



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SCHMAROTZER INI» SPEC' 1*1. ANTEN. 



291 



Vetter desselben, Namens Tangosi, um ihr 1 laqq in Empfang zu nehmen. 
Der Erstere schien noch ein ziemlich bescheidener alter Mann zu sein, 
doch Tangesi glaubte es seinem edlen Hlute schuldig zu sein, grosse 
Ansprüche zu erheben. Sodann erschien ein Bewohner der Gegend 
von Jerikc, der mit Andern ein gewisses Besitzrecht auf die Quelle 
geltend machte und von den kranken Besuchern derselben eine Ab- 
gabe zu erheben berechtigt war. Früher hatte dort Jeder unentgelt- 
lich baden und trinken können, jetzt bezahlte jeder Besucher für die 
Kurzeit eine Füta, jenen mehrfach erwähnten blauen, rothgestreiften 
Kattunshawl der Frauen. Nach seiner Schilderung ist die sprudelnde 
Quelle voller detonirender Gasblasen, ihre nächste Umgebung in 
Dampf gehüllt und ihre Temperatur eine so hohe, dass man nicht in ihrer 
unmittelbaren Nähe zu verweilen vermag. Abmessend und erkaltend 
bildet sie kleine Bassins, zu deren Bildung der Mensch mitgeholfen 
hat, und das Wasser dieser wird getrunken und zum Baden benutzt. 
Man trinkt eine massige Quantität, und die heilsamen Folgen machen 
sich geltend ohne merkliche Einwirkung auf den Darmkanal. Die 
Heilkraft erstreckt sich auf alle Krankheiten der Haut, der Muskeln, 
der Knochen und sehnigen Gebilde und wahrscheinlich auch auf 
die Syphilis, obgleich das negative Resultat meiner Erkundigungen 
es wahrscheinlich macht, dass diese Krankheit in Tibesti kaum vor- 
kommt. Bleibt der Gebrauch der Quelle beim ersten Male ohne 
jeden merklichen Einfluss, so ist überhaupt kein Erfolg zu hoffen; 
verspürt jedoch der Kranke nur die geringste günstige Einwirkung, so 
wiederholt er die Kur. So interessant diese Mittheilungen des „Herrn 
der Quelle" — sahab el-'ain arab. für mich auch waren, so war es 
mir doch keineswegs erwünscht, dass derselbe unter dem Vorgeben, 
mich nach Jerikc führen zu wollen, nach Herzenslust an der Vertilgung 
meiner letzten Nahrungsmittel Theil nahm. Den Preis für den „Ver- 
rath" des gcheimnissvollsten Schatzes in Tibesti, fünf Stücke Cham, 
konnte ich doch nicht bezahlen, und ich muss gestehen, dass mein 
Interesse für die Quelle in demselben Verhältniss abnahm, als ich 
meinen theuren Mohammes in seinem Munde verschwinden sah. Noch 
viele Andere kamen ; Manche gingen, an einer Beute verzweifelnd, bald 
wieder von dannen; doch Viele blieben, und so schlichen die wenigen 
Tage bis zum Zeitpunkte, wo ich meine Boten zurückerwarten konnte, 
mit ertödtender Langsamkeit dahin. 

Festgebannt an Täo, ohne Karneole, mit gänzlich geschwundenen 

11»* 



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2\)2 II. BUCH, 3. KAPITEL. TÄO UND ZU AR. 

Mundvorräthai , inmitten starrer, nackter Felsen, von Schmarotzern 
belagert und von Dieben bedroht, lag ich meist trübe gestimmt da 
und beschäftigte mich automatisch mit Wetterbeobachtungen. Nach- 
mittags suchte ich meiner nächsten Umgebung, die mir einen unüber- 
windlichen Widerwillen einzuflössen begann, durch kurze Ausflüge in 
das Felsengebirge zu entgehen, das leider auch nicht gerade geeignet 
war, mich durch seinen Anblick zu erheitern. Die Nacktheit der 
Felsen, ihre schwarze Farbe und schroffen Formen, die wilde Ein- 
samkeit des Ganzen waren nur geeignet, das Gefühl der Verlassen- 
heit und Hülflosigkeit zu erhöhen, und Hessen mich finsterer wieder- 
kehren, als ich gegangen war. Selbst eine Aflfenfamilie, der ich fast 
täglich auf ihrem Wege zum Brunnen begegnete, konnte jene trüben 
Kindrücke nicht verscheuchen. Ihre dunkle Färbung und ihr wildes 
Aussehen harmonirten viel zu sehr mit den Felsen, als dass der 
erheiternde Eindruck, den ihre grotesken Bewegungen unter anderen 
Verhältnissen auf mich gemacht haben würden, hätte zur Geltung 
kommen können. Sie erschienen mir vielmehr als kleine, boshafte 
Felsteufel, die sich mit ihrem heiseren Gebell, dessen Echo von allen 
Seiten unheimlich zurückschallte, an meiner verzweifelten Lage zu 
weiden schienen. Einige wenige Male trabte ein Strauss in der Feme 
vorüber, sich mit seinen Flügeln durch die Luft rudernd, doch sicher 
vor unserer geringen Jagdgeschicklichkeit. Die Eingeborenen be- 
haupteten, dass ihre verkümmerten, halbverhungerten, windspiclartigcn 
Hunde im Stande seien, das kostbare Thier im Laufe zu erjagen. 
Anderes Wild zeigte sich nicht in unserer Umgebung, und so wurde 
die Einförmigkeit der Scenerie selten gestört. 

Am 25. Juli Abends war ein für mich sehr wichtiger, bereits mehrfach 
erwähnter Mann auf dem Schauplatze meiner Bedrängnisse erschienen. 
Dies war Arämi, Birsas und Gordois Onkel, der angesehenste Maina 
des Landes. Von ihm konnte ich Ruhe vor den übrigen diebischen 
Schmarotzern, und, wenn es mir gelang, seinen Schutz zu erkaufen, 
sichere Rückkehr nach Fezzan erhoffen. Derselbe war spät Abends 
angekommen und machte mir am nächsten Morgen seinen Besuch. 
Er war ein schlankgewachsener Mann schöner Mittelgrösse, an- 
scheinend Ende der Vierziger, mit einem intelligenten Gesichtsaus- 
druckc und etwas civilisirterem Wesen, als diejenigen seiner Lands- 
leutc, deren Bekanntschaft zu machen ich das zweifelhafte Vergnügen 
gehabt hatte. Er war offenbar sehr eitel und ehrsüchtig und sprach 



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ANKUNFT ARAMt's. 



293 



mit Vorliebe von seinem Ansehen und seiner Macht in Tibesti, von 
der Armuth und Altersschwäche Tafertemi 's, und wie es nur ihm 
möglich sein würde, mir sicheren Schutz angedeihen zu lassen. Sein 
Aeusseres trug gleichwohl ebenfalls nur wenig Spuren von Wohl- 
stand und Macht. Seine weisse Tobe aus Bornü war von derselben 
zweifelhaften Färbung, welche in Tibesti vorherrschte, und seine 
Taqija*) (Mütze) war zwar roth gewesen, hatte jedoch im Laufe der 
Jahre eine unbestimmte Färbung angenommen. Die grosse Zahl 
der üblichen kleinen Leder- Täschchen und -Kapseln mit religiösen 
Zauberformeln gegen Krankheit, Verwundung und böse Geister be- 
zeichnete ihn als einen gläubigen Mann, und auch diese Eigenschaft 
diente seiner Koketterie. Er versäumte nicht, zu wiederholten Malen 
in die Unterhaltung einfliessen zu lassen, dass die Beziehungen der 
Einwohner Tibcsti's zu Sidi Scnüsi oder seinem Nachfolger durch 
ihn unterhalten würden. Auch die Tibesti - Leute schwören auf die 
Worte der Emissäre dieser zelotischen Genossenschaft und holen 
sich in schwierigen Angelegenheiten des Landes Rath bei dem Chef 
der religiösen Niederlassung Zäwia zu Wau in Fezzan. 

Ehe sich Arämi nach seiner Ankunft entschloss, mir seinen Be- 
such zu machen, erschien Birsa in offieiöser Weise, um sich über 
Vernachlässigung seines hohen Verwandten meinerseits zu beklagen, 
da ich ihm nicht einmal einen Teppich oder eine Decke als Bett 
angeboten, und als Gastmahl ein sehr unzureichendes Gericht Reis 
übersendet habe. Arämi sei ausschliesslich nach Täo gekommen, 
um mich zu sehen und zu beschützen, nachdem Derdekore ihm einen 
expressen Boten in seinen eigentlichen Wohnsitz Gabön gesendet 
habe, um ihn zu dieser Reise zu bewegen. Bei dieser Gelegenheit 
musstc ich dem Boten Uerdekores, der zur Bezahlung gleich mit- 
gekommen war, noch fünfzehn Dra Cham (dort fast zwei Maria- 
Theresia -Thaler an Werth) geben. Die ausserdem erhaltenen Vor- 
würfe wegen meines Mangels an Gastfreundschaft klangen bei dem 
nagenden Hunger, der uns quälte, wie Hohn, und waren nur die 
Einleitung zu den unermüdlichsten Erpressungen des Häuptlings. 
Sein kundiges Auge hatte unter den Gegenständen, welche meinem 
persönlichen Gebrauche dienten, bald das erspäht, dessen er sich 
bemächtigen wollte, da er wohl wusste, dass die von mir über- 

*) Das Wort Ta<|Tja bedeutet eigentlich mir das unter dem Tarbüsch getragene Mün- 
chen, wird aber in vielen Gegenden auch für den letzteren selbst gebraucht. 



2H4 II. BUCH, 3. KAPITEL. IAO UND ZUAR. 

brachten Geschenke für Tibesti und Borkü theils in Zuär von seinen 
Collegen erbeutet worden waren, theils sich im Gewahrsam Bü ZcüJ's 
befanden. In der Art und Weise, zu seinem Ziele zu gelangen, 
folgte er ganz der widerwärtigen Methode seiner habgierigen Lands- 
leute in solchen Fällen. Wenn dieselben mit bewaffneter Hand die 
Sprache von Strassenräubern führten und deren gewaltsames Benehmen 
offen zur Schau trügen, so wüsste man, wie man sich ihnen gegen- 
über zu verhalten hatte. Doch so jagen sie versteckter Weise und 
unermüdlich Tage, Wochen, ja Monate lang einem Gegenstande 
nach, der ihnen gefallt, bitten zuerst in einfacher Form, quälen dann 
höchst belästigend, flechten spater unbestimmte Drohungen und ent- 
muthigende Zukunftsbilder in ihre Bitten ein, geben denselben durch 
den Umständen angepasstc, allgemeine Wahrheiten, die nicht gerade 
erheiternder Natur sind, Nachdruck, wie z. B. „der Kopf ist kostbarer 
als Geld und Gut" oder „viel Besitz tödtet seinen Herrn , und gehen 
erst im äussersten Nothfalle auf die mehr speciellen Drohungen unter 
Hinweis auf ihren reichen Waffenapparat über. Einer solchen uner- 
müdlichen Zähigkeit, einer so rastlosen Consequenz, wie sie die Tubu 
entfalten, hält man nicht Stand, man müsste denn eine hinlängliche 
Waffengewalt entfalten können, um ihnen zu imponiren, und weder 
in Bezug auf Kamecle noch auf Nahrung von ihnen abhängen. 

In Bezug auf die übrigen Schmarotzer, die vorläufig nur solche 
waren, aber wohl nur eine günstige Gelegenheit abwarteten, um 
gewaltthätiger aufzutreten, war mir Arämi auch nicht von dem ge- 
hofften Nutzen; im Gegentheilc, seit seiner Ankunft wuchs die Bande- 
unheimlicher Gesellen, die sich um unsem Lagerplatz sammelten. 
Immerhin hatte seine Anwesenheit das Gute, diese Schurken von 
offenen Gewalttätigkeiten abzuhalten. Wir waren trotzdem Tag 
und Nacht auf unserer Hut. Ich liess meine Leute ihre Gewehre 
sich an den Körper binden, um ihre Entwendung zu verhindern und 
sie stets im I Iandbcreiche zu haben, und legte selbst weder am Tage 
noch in der Nacht den Revolver ab. Trotzdem gelang es leider 
dem sogenannten „Herrn der Quelle', uns eine gute, doppelläufige 
Jagdflinte zu entwenden. Nachdem der Mohammes- Vorrath sein Ende 
erreicht, und ich wiederholt erklart hatte, dass ich vorläufig Jerike 
nicht besuchen könne, beschloss derselbe, zumeist wohl aus dem 
ersteren der beiden Gründe mich zu verlassen und nahm in der 
angedeuteten, erkenntlichen Weise Abschied. Der leichtsinnige Ali 



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ERPRESSUNG UNI) DIEBSTAHL. 



Hu Bekr hatte am Abend, um es sich bequem zu machen, das ihm 
anvertraute Gewehr neben sich an die Felswand gelehnt, und der 
„sahab el-ain kam nach der Abendmahlzeit, um mit ihm und 
Mohammed zu plaudern. Als Niemand sich dessen versah, sprang 
der leichtfussige Schurke auf, ergriff das Gewehr mit der einen, seine 
Waffen mit der andern Hand, und entwich durch die Felslücke im 
Rücken meines Zeltes. Da diese Scene unmittelbar neben diesem 
statt hatte, stürzte ich alsbald hervor, begriff den Streich, eilte durch 
die Felslücke dem Diebe nach und empfing zwar keinen von den 
Schüssen, die derselbe blindlings hinter sich abfeuerte, war aber 
ebenso wenig im Stande, seiner habhaft zu werden. 

Das scharfe Auge der Tubu, das an die Nacht, in der sie mit 
der ihrem ganzen heimlichen Wesen entsprechenden Vorliebe selbst 
ehrliche Geschäfte abmachen, gewöhnt ist, ihre Terrainkenntniss, ihre 
unglaubliche Leichtfussigkeit und Schnelligkeit, die schon im Alter- 
thume berühmt war, ihre harten Fussohlen, die ihnen erlauben, barfuss 
über Felsen und Steine zu laufen und zu springen: Alles dies macht 
es für jeden Andern unmöglich, sie zwischen ihren Felsen, noch 
dazu in der Dunkelheit einzuholen. Uebcr ihre Schnellfussigkeit 
erzahlt man die wunderbarsten Geschichten unter den Fczzänem und 
Arabern. Ich habe ihrer Viele im Scherze laufen sehen, und konnte 
aus diesen harmlosen Uebungen einen Schluss ziehen auf die Functions- 
fahigkeit ihrer unteren Extremitäten und ihrer Lungeji, wenn es sich 
darum handeln würde, ihnen Leben und Sicherheit zu verdanken. 
Birsa und ein Begleiter Arami's machten sich an die Verfolgung des 
Diebes; doch ich hatte sie am liebsten daran verhindert, denn ich 
war ebenso sehr uberzeugt, dass sie die gestohlene Flinte nicht 
wiederbringen, als davon, dass sie die nutzlose Verfolgung spater 
als ein mir gebrachtes Opfer hoch anrechnen würden. 

Der siebente Tag seit der Abreise Hü Zcid's verstrich, ohne 
dass dieser sich zeigte oder ein Lebenszeichen sendete. Auch Kintafo, 
welche die Kameele an demselben Tage für den Fall der Rückkehr 
nach Fezzän zu bringen versprochen hatte, liess Nichts von sich 
sehen. Üb nicht die letzteren etwa von dem perfiden Gahna, der 
vielleicht heimlich umgekehrt war, zur Befriedigung seiner Rache 
und Habgier gestohlen worden waren: Mohammcs und Zwieback 
waren zu Ende; der Reis reichte nur noch für wenige Tage; ernste 
Bcsorgniss bemächtigte sich meiner. Wären meine Tubu-Schmarotzer 



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II« BUCH, 3. KAPITEL. TÄO UND ZUÄR. 



nicht gewesen, so hätte ich wahrscheinlich, als einige Tage darauf 
wenigstens die Frau mit den Kameelen erschien, eines derselben 
geschlachtet und versucht, mit seinem getrockneten Fleische auf 
dem Wege über Abo, den der alte Qatrüner kannte, Fezzan zu 
erreichen. Doch in Gegenwart all" dieser hungrigen, feindlichen Ge- 
stalten wäre es ein unnützes Opfer gewesen, das nur ihnen zu Gute 
gekommen wäre und uns doch nicht auf den Heimweg gebracht 
haben würde. Vergebens suchte ich ein Glied der erwähnten Affen- 
familie zu erlegen, obgleich mir dies grosse Ueberwindung kostete; 
doch meine Jagdtalente waren nie bedeutend gewesen, und der Chef 
jener war ein sehr vorsichtiger Familienvater. Das Fleisch derselben 
würden wir wenigstens ganz für uns gehabt haben, denn ich glaube 
nicht, dass irgend einer der I.andeseingeborenen gewagt haben würde, 
ein so menschenähnliches Geschöpf zur Nahrung zu verwenden. Am 
zehnten Tage nach der Abreise Hü Zeids waren meine Essvorräthe gänz- 
lich erschöpft. Es gelang mir an diesem Tage von einer nahe wohnenden 
Freundin der Kintäfo für einen Maria-Theresia-Thaler getrocknetes Ka- 
meelfleischzu kaufen, das, gleichmässig an Alle vertheilt, uns noch einige 
Tage ernähren konnte. Dazu brachte mir Kintafo, die bisweilen doch 
noch sanftcreren Gefühlen zugänglich zu sein schien, Milch und einen 
kleinen Vorrath von Tabarka (essbar gemachte Coloquinthenkcme). 

Endlich am zwölften Tage erschien zwar nicht Bü Zeid, doch 
ein Brief von ihm, der die lakonische Nachricht enthielt, dass die 
Datteln noch nicht reif und die Getreideernte von Insecten zerstört 
sei. Die Bewohner Bardai's, berichtete er, seien bei der Nachricht 
von meinem beabsichtigten Besuche ihres Thaies aufrührerisch ge- 
worden und hätten sie (Bü Zeid und Gordoi) zu tödten gedroht, so 
dass sie sich in den Felsen der Nachbarschaft einige Tage zu ver- 
bergen gezwungen gewesen wären. Darauf habe der Häuptling 
Tafertemi nach langer Discussion mit den Bewohnern erklärt, dass, 
wenn man nicht wolle, dass der an ihn adressirte Fremdling nach 
Bardai komme, er selbst über die Berge zu ihm gehen werde. Dem- 
zufolge werde Tafertf mi mit meinen Boten und einigen andern Be- 
gleitern am zweiten Tage nach Ankunft des Briefes in Täo zu meinem 
Besuche erscheinen. 

Das waren traurige Aussichten, und ich sehnte mich recht nach 
der Möglichkeit, sofort nach Fezzan zurückkehren zu können. Auch 
im engeren Rathe mit meinen Dienern wog die Ansicht vor, Bardai 



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NACHRICHTKN VON BÜ ZEID. 



m»7 



aufzugeben. Arami beförderte diesen Entschluss, indem er mir be- 
greiflich machte, dass die Ankunft Tafertemis sich ebenso lange 
hinausziehen werde, als wir auf Bü Zeid gewartet hätten, und dass 
es bei meiner gänzlichen Entblössung von Lebensmitteln unmöglich 
sei, dieselben in Täo abzuwarten. Als ich ihm unsere Neigung mit- 
theilte, sofort nach Fezzan abzureisen, zollteer diesem Plane scheinbar 
Heifall, machte aber meinen Leuten begreiflich, dass es unmöglich 
sei, ohne alle Getreidenahrung, nur mit Kameelfleisch , den weiten 
Weg zurückzulegen, und schlug vor, ihn nach Zuär und Gabön zu 
begleiten, wo er seine Heerde und einige Vorrät he habe; dann werde 
er uns mit den nöthigsten Provisionen auf den Weg nach Fezzan 
bringen. Während ich mit Bui Mohammed über diesen Vorschlag 
zu Rathe ging, der uns durchaus nicht anmuthete, lockte uns Kintäfo 
hinter einen Felsen und sagte kurz und entschieden: „Gehe nicht 
mit Arami! heute folgst Du ihm nach Gabön, morgen lockt man 
Dich nach Domar zu den Dirkomäwija, übermorgen bist Du in Borkü 
und wer wird dann später wissen, was aus Dir geworden ist? Bin 
ich nicht selbst eine Tubu-Frau und weiss genugsam, wie wortbrüchig 
und treulos unsere Leute sind?' 

In dankbarer Erinnerung an die Spende von Milch und Tabarka, 
mit der sie mich noch kürzlich beglückt hatte, lieh ich ihren Worten 
Beachtung und beschloss, in keinem Falle Täo für andere Zielpunkte 
als Fezzan oder Bardai zu verlassen. Thatsache war, dass Arami 
mich gern von allen übrigen isolirt und endlich ganzlich ausgeplündert 
nach Fezzan zurückgeschickt hätte; dafür waren ihm aber jetzt zu viel 
theilberechtigte Leute gegenwärtig, und meine Verhältnisse, da die 
Kameele, wenn auch sehr heruntergekommen, doch vorhanden waren, 
noch zu günstig. Als ich ihm erklärte, Tao nicht verlassen zu wollen, 
und er meine Begegnung mit Tafertemi und seinen Begleitern für 
unvermeidlich zu halten anfing, begann er seine Ansprüche immer 
bestimmter zu formuliren. Zunächst reclamirte er einen tripolitanischen 
Tcppich und eine jener grossen wollenen Decken aus Tunis, welche 
Batanij*a genannt werden; er that es kühl zurückhaltend, doch fest, 
und machte seine Protection von diesen unfreiwilligen Geschenken 
abhängig. 

Ich musste in diesen Tagen nur zu oft an die Beschreibung des 
Scheich Mohammed Ibn Omar et-Tünisi denken, der vor mehr als 
einem halben Jahrhundert auch in Tibcsti, auf dem Wege von Wadai 



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II. MUCH, 3. KAPITEL. TAU UM» ZU AR. 



nach Murzuq, die Hekanntschaft der Tedä gemacht hatte. Danach 
war diese lange Zeit spurlos über ihren Häuptern dahingeflossen, 
ohne auch nur eine Idee an ihnen zu ändern. Hunger, Habgier, ver- 
schrobenes Rechtsgefühl damals, wie jetzt. So verwirrt waren die He- 
griffe von Recht, dass der lahme Tangesi kommen und sich beklagen 
konnte, dass ich ihn bei der Vertheilung des getrockneten Kamcel- 
fleisches habe zu kurz kommen lassen; ein Mensch, den ich gar nicht 
kannte, der mir nicht einmal guten Tag sagte, wenn ich ihm zufällig be- 
gegnete, der auch nicht den kleinsten Gegendienst zu leisten geneigt war! 
Womit sollte ich erst den Häuptling und seine Genossen bei ihrem dem- 
nächstigen Besuche bewirthen und ihren Ansprüchen gerecht werden, 
ich, in dessen eigenen Eingeweiden der Hunger wühlte? 

Doch Tafertcmi kam nicht. An dem Tage, an dem wir 
nach Hu Zcid's Angabe seine Ankunft erwarten mussten, und sich 
unsere Augen schon müde geschaut hatten, sahen wir endlich 
gegen Abend einen einzelnen Mann mit einem Kameele den nord- 
östlichen Hergesabhang herabklettern und erkannten in ihm bald 
den kleinen Gordoi. Kr führte uns eine kleine Kameelladung halb- 
reifer Datteln zu, das einzige Nahrungsmittel, das aus der „Korn- 
kammer" Tibesti's, Hardai, hatte erzielt werden können, und berichtete 
über die Ereignisse daselbst. Als der erste Aufruhr über das Ge- 
rücht meines Kommens sich gelegt, und die Bevölkerung sich nach 
genauer Durchsuchung der Umgegend überzeugt hatte, dass ich 
noch nicht in ihrer Nahe sei, hatten die Leute mit ruhigerem Blute 
Kenntniss von den Briefen der Fczzäner Regierung und des Hädsch 
Dschäber genommen und erklärt, dass, wenn Tafeitemi einmal darauf 
bestände, mich zu sehen, sie in Rücksicht auf sein hohes Alter (er 
sollte ungefähr 90 Jahre zählen) meinem Besuche in Hardai kein 
Hinderniss in den Weg legen wollten. 

Wiederum begann die Ueberlegung einer sofortigen Rückkehr 
nach Fezzan. Arami beförderte diesen Plan durch seine nichts 
weniger als verlockenden Schilderungen Tafertcmi's, seiner Habsucht, 
welche allein die Ursache der Einladung sei, seiner Machtlosigkeit, 
die mich nicht zu schützen wissen werde, seiner Armuth, die mich 
dem Hungertode aussetze. Doch wenn ich dann die Rückkehr nach 
Fezzan in s Auge fasstc, so bestand er stets auf einer vorherigen 
Reise nach seinem gewöhnlichen Wohnsitze, auf welche ich wieder 
nicht eingehen wollte. Hingegen versicherte er andrererseits, dass, 



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NACH FK//AN ODER NACH KARÜAT? 



299 



wenn ich mich wirklich cntschlicsscn sollte, nach Bardai zu gehen, 
auch dort keine ernstlichen Gefahren für mich zu furchten seien, wenn 
ich mich seinem Schutze anvertrauen wolle. Kr werde mich nötigen- 
falls in seinem eigenen Hause zu schützen wissen, und mit Gottes 
Hülfe in sch Allah auf den Rückweg nach Kezzän bringen. 
Alles in Allem halte er meinen Besuch in Bardai für ziemlicher 
gegenüber dem Sultan, an den ich doch geschickt sei, für ent- 
sprechender meinen Wünschen, da ich doch gekommen sei, so viel 
als möglich vom Lande zu sehen, und für weniger schmachvoll fiir 
sie Alle, die sie gleich nach meiner Ankunft im Lande den grössten 
Theil meines Eigenthums erhalten hätten. 

Nach reiflicher Ueberlegung sah ich keinen andern Ausweg vor 
mir, als der Einladung zu folgen, obgleich mir dieselbe bei dem 
zweideutigen Benehmen Bü /cid s Verrath zu bergen schien. Arämi 
war der Einzige, von dem ich einen sichtlichen Einfluss auf seine Um- 
gebung gesehen hatte, und, seitdem seine ersten Ansprüche befriedigt 
worden waren, sprach derselbe so verständig und zuverlässig, dass 
ich mich trotz meines Misstrauens in der allgemeinen Haltlosigkeit 
instinetiv an ihn klammerte. Dazu war der Einzige, der ein wirk- 
liches Interesse an meiner ungefährdeten Ruckkehr nach Eezzän 
haben musstc, mein verantwortlicher Begleiter Bü Zeid in Bardai. 
Endlich, und nicht am wenigsten, trieb uns der Hunger. 

Wenn ich auch kaum hoffen konnte, mit Müsse die Theile 
des Landes zu durchforschen, deren Besuch mir bevorstand, und 
wenn ich auch aus Erfahrung die Habsucht und die Eifersucht der 
Einwohner auf die Jungfräulichkeit ihres Landes hinlänglich kannte, 
um danach die Schwierigkeiten, die meiner harrten, zu ermessen, so 
reizte mich doch die Uebersteigung des Tarso und der Aufenthalt 
zu Bardai, das jetzt den grössten Theil der Tubu Reschäde in seinem 
Thale vereinigen sollte. Meine Kameele, die kaum angefangen hatten 
sich zu erholen, konnte ich unmöglich über die schwierigen Berge 
fuhren, zumal die Gegend von Bardai der Eutterkräuter fast ganz 
entbehrt. Ich musste sie wieder der Pflege Kintafos übergeben und 
beschloss sogar, mit den Thieren die mir für die Reise nicht unbe- 
dingt nöthigen Gegenstände meines Gepäckes unter ihrer Obhut 
zurückzulassen. Diese Abreiso musste schnell ins Werk gesetzt 
werden, denn die Befriedigung des ersten Hungers hatte schon 
eine ansehnliche Verminderung des Dattelvorrathes zur Eolge gehabt ; 



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II. BUCH, 3. KAPITEL. TÄ0 INI) ZUÄR. 



bis Bardai hatten wir vier Marschtage, und der hungrigen Magen 
waren viele. 

Mit dem letzten Stück Kameelfleisch und dem Beschluss der 
Abreise zerstreuten sich die Schmarotzer, welchen die viertägige 
Reise nach Bardai bei unzulänglichem Genüsse halbreifer Datteln 
nicht verlockend erschien; nur der alte Bruder Kolokömis und der 
hinkende hochedle Tangesi hielten Stand. Jenen nahm ich unter 
dem Versprechen einer Südantobe mit nach Bardai; doch die Aus- 
einandersetzung mit diesem nahm fast einen ganzen Tag in Anspruch. 
Sein Blut, setzte er auseinander, stehe hinter dem keines Maina zurück, 
mit Ausnahme vielleicht desjenigen des alten Dirküi von Zuar; wenn 
ich nicht mehr genug besässe, um ihn dementsprechend zu beschenken, 
so müsse er auf eine Herausgabe aller erpressten und freiwilligen 
Geschenke und ihre gleichmässige Vertheilung dringen. Nach Bardai 
deswegen zu gehen, weigerte er sich, und ich musstc mich nach 
endlosen Discussionen endlich entschliessen, ihm durch eine Maqta 
Cham aus Bü Zeid's Vorrath, einen Musselin -Turban, den ich noch 
besass und' das Versprechen eines Tarbüsch den habsüchtigen Mund 
zu stopfen und die böse Zunge zu lähmen. 

Am Abend des 4. August schien der Abreise kein Hinderniss 
entgegen zu stehen; es erübrigte nur noch die Micthe der Lastthiere. 
Mein früheres Versprechen, das Kameel zu dieser Reise von der 
Kintäfo zu miethen, konnte nicht gehalten werden, da Gordoi das 
seinige verwendet wissen wollte. Dieser Blutegel verlangte nun im 
Bewusstsein der Concurrenzlosigkeit den ungeheuren Preis von 8 Maria- 
Theresia-Thalern für den viertägigen Weg, während das Kameel der 
Kintäfo, das Bü Zeid nach Bardai gebracht hatte, für den Hin- und 
Rückweg nur 5 Thaler, d. h. einen Thaler mehr, als die Sitte recht- 
fertigte, gekostet hatte. Die scheinbare Vermittelung Arämi's minderte 
den verlangten Preis auf 6 Thaler herab. Dafür bot mir Arami, 
dessen eigenes Gepäck fast Null war, sein Kameel zur Mitbenutzung 
an, und endlich musstc Kolokömi mit seiner Stute aushelfen. Arami 
war aus leicht begreiflichen Gründen bestrebt, mich so viele Sachen 
mitnehmen zu lassen, als nur irgend möglich war; und war es am 
Ende sicherer, dieselben der Kintäfo anzuvertrauen, als sie, wenn auch 
in feindlicher Umgebung, stets unter den eigenen Augen zu haben? 



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Viertes Kapitel. 

REISE NACH BARDA1. 



Ersteigung des Tarso. — Charakter des Gebirgsstocks. — Kratcrhildung auf der Hohe. 

— Nächtigung auf «1er Wasserscheide. — Rergkegel und -Kelten auf der breiten 
Wölbung des Tarso. — Abstieg nach Nordosten. — Hunger und mühevolle Marsche. 

— Tiefeinschneidende Flussthäler. — Nächtigung im Knneri t'dcno. — Fels-Sculp- 
turen. — Erreichung «1er Ebene. — Enneri Ciiintia. — 1 »atteln und ungünstige Nach- 
richten aus Ilardai. — Weitere Erpressungen von Seiten Arämi's. — Abendliche 
Ankunft in Uardai. — Dringende Lebensgefahr und Rettung durch Arämi. — Die 
Leute von Bardai und die eigentlichen Tu hu ResehMe. — Im Schutze Arämi'«. — 
Verhallen «les Dardab — Tägliche Berathungen über mein Schicksal. — Allmählicher 
Abfall meiner Freunde. Thatsächliche Gefangenschaft. — Steinigung. — Endlicher 
Besuch des Häuptlings. — Glänzende Rede Arämi s. — Resultatloser Ausgang «Ur 
Zusammenkunft mit Taferb-mi. — Fremde Itesuchcr. — Nagender Hunger. — 
Herzloses Benehmen tler Frauen und Kinder. — Rohe Angriffe der heranwachsemlen 
Jugend — Verzweifelte Stimmung. 

Am 5. August konnten wir aufbrechen. Unsere Karawane be- 
stand ausser mir und meinen Leuten aus Arffmi mit einem Diener 
oder Clientcn, ' Kolokt mi und seinem alteren Bruder, Gordoi und 
Hirsa, dem Begleiter oder Diener Bii Zcid's und dem Boten, den 
mir der letztere von Bardai mit einem Briefe gesandt hatte. 

In trockener Jahreszeit muss man sich mit Wasservorrath für den 
ganzen Weg versehen; jetzt mussten die stattgehabten, wenn auch 
unbedeutenden Regen zahlreiche Wasserbecken in den Felsen gefüllt 
haben. Einen massigen Vorrath nahmen wir im E. Doniniado ein, 
den wir nach einem Marsche von einer guten Stunde in nördlicher 
Richtung erreichten, nachdem wir anfangs den E. Dausado über- 



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302 



II. lircif, 4. KAPITF.l.. RK1SK NACH BARDAT. 



schritten hatten. In dem ersteren beschlossen wir den Aufenthalt, den 
die Wassercinnahmc erforderte, gleich auf die Mittagsrast auszudehnen, 
und setzten erst am Nachmittag unseren Weg fort. Dieser wendet sich, 
stetig ansteigend, allmählich nordnordöstlich, nordöstlich und endlich 
ostnordöstlich. Auch hier liegt der Gegend eine Schicht jenes leichten, 
porösen Gesteins von gelblicher, grauer oder röthlichcr Färbung auf. 
das mir aufgefallen war, als wir von Norden kommend uns dem Tarso 
am meisten genähert hatten. Durchbrochen und bedeckt ist das 
selbe von Sandsteinfelsen, Granit- und Basaltblöcken, zwischen deren 
Kelten und Gruppen durch wir im Laufe des Nachmittags die zahl- 
reichen, unbedeutenden Ursprungsflussbetten des Dommado überschrit- 
ten, welche, tief in den Boden geschnitten, alle eine mehr oder weniger 
südwestliche Richtung haben. Mit dem Anstieg werden die felsigen 
Durchbrüche und Ausläufer seltener; breite, flache Bergrücken treten an 
ihre Stelle, in der Oberfläche von einer starken Schicht jenes leichten 
Gesteins gebildet, dessen sanfte, fast weiche Oberfläche den Fuss 
von dem harten Felsboden und seinen scharfkantigen Steinen aus- 
ruhen lässt. Das Ganze ist nackt und kahl und wie verbrannt; nur 
die Wasserbettchen bringen unansehnliche Sajälakazien und spärlichen 
Graswuchs hervor. Nach fünfstündigem Nachmittagsmarsche nächtig- 
ten wir am Rande eines der Ursprünge des Dommädo, des K. Ass, 
der dort von Ost nach West verläuft und sich durch seine Grösse vor 
den übrigen auszeichnet. 

Als unsere Wegrichtung um Sonnenuntergang eine mehr ost- 
nordöstlichc geworden war, erblickten wir in südöstlicher Richtung 
den scharfkantigen Fmi Homo, der sich in der ungefähren Entfernung 
eines halben Tagemarsches auf dem breitgewölbten Bergrücken, den 
wir zu übersteigen im Begriffe waren, erhob. Der König der Berge 
Tibesti's, der Emi Tusiddc, erschien bei den ungünstigen atmo- 
sphärischen Verhältnissen um dieselbe Zeit als eine' undeutlich con- 
tourirte Masse. Am nächsten Morgen, als wir uns zur Fortsetzung 
der Reise anschickten, lag er jedoch um so klarer vor uns, die nord- 
nordöstliche bis nordöstliche Gegend des Horizontes einnehmend; 
fast in gerade östlicher Richtung hatten wir den spitzen, konischen 
Kmi Boto, der, von Täo aus gesehen, neben dem Tusidde die Berge 
und Felsen auf den Abhängen und zu den Füssen des Tarso über- 
ragt. Auf den Zwischenraum zwischen jenen heiden Kegeln richteten 
wir mit Sonnenaufgang unseren Marsch, überschritten die Flussbetten 



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ERSTEIGUNG I'ES TARSO. 



308 



E. Dardai Galma und E. Wonncr Drusso, die in südsiidwcstlichcr 
Richtung verlaufen und noch zum System der Flüsse von Tao ge- 
hören, und machten im Bette des letzteren eine kurze Rast, da 
meinen Gefährten der Dattelvorrath nicht schnell genug endigen zu 
wollen schien. 

Wie Tags zuvor bildete das leichte, poröse Gestein die äussere 
Schicht des Herges, und diese war hier und da von sandsteinge- 
krönten Granitfelsen durchbrochen. Bei den tiefen senkrechten Ein- 
schnitten der Wasserbetten konnte man sehen, in welcher Mächtig- 
keit jene Hülle einer noch viel ansehnlicheren Schicht verschieden 
gefärbten Kalksteins auflag. Je höher wir aufstiegen, desto mehr 
schien die Masse des Tusidde zusammenzuschrumpfen. Während er, 
von seinem westlichen Fusse gesehen, aus der Ebene zu seiner ge- 
waltigen Höhe als ein Ganzes aufzusteigen scheint, unterscheidet man 
auf der Höhe der mächtigen Gcsammterhebung, mehr zwischen dieser 
und ihm selbst, den aufgesetzten Kegel, wobei er natürlich an Gross- 
artigkeit der Erscheinung verliert. Um Mittag, nach sechsstündigem 
Marsche hatten wir ihn etwa vier Stunden weit in gerader Linie 
nördlich und den Boto, von dessen spitzem Kegel sich eine kurze, 
scharfgeschnittene Felskette nach Südwesten erstreckt, etwas näher 
im Südosten. 

Mit der zunehmenden Höhe wurde die Wölbung des mächtigen Berg- 
rückens, auf dem wir marschirten, immer flacher und gleichmässiger, 
und die auf ihm sich erhebenden Fclsgruppcn und -Ketten wurden 
seltener und schärfer geformt. Von Mittag ab nahm die Steigung 
wieder beträchtlicher zu; zwei weitere Stunden brachten uns zum 
E. Inti, einem unbedeutenden Rinnsale, das ebenfalls noch nach Süd- 
westen abfliesst; eine Stunde danach berührte unser Weg den Kmi 
Jezcddunga von geringer Erhebung, und kurze Zeit darauf standen 
wir am südöstlichen Rande der mir oft erwähnten Natrongrube, die 
sich zu Füssen des Tusidde ausdehnt. Der Anblick war grossartiger, 
als ich geahnt hatte. Staunend und bewundernd stand ich am Rande 
eines riesigen Kraters, der uns vom Tusidde-Kegel trennte. Derselbe 
stellt einen unten abgerundeten Trichter dar, dessen fast kreisrunder, 
scharfer Rand wohl 3 bis 4 Stunden im Umkreise haben mag, 
und der mehr als 50 M. tief ist. Die Wandungen des Trichters 
fallen in ihrem oberen Thcile steil ab, und ihre dunkle Farbe con- 
trastirt scharf mit schmalen, gewundenen Fäden von weissen Salzen, 



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304 



II. BICH, 4. KAPITEL. KEISE NACH RAUDA?. 



welche den einstigen Krater im Lande als „Natrongrube" bezeichnen 
lassen, und welche sich wie Rinnsale gegen die Mitte des Grundes 
hin schlängeln. Dort erhebt sich an der abhängigsten Stelle ein 
kohlschwarzer Hügel von regelmässiger Kegelform, der an der Spitze 
eine kleine, kraterförmige Kinsenkung mit weissem Inhalt trägt und 
dessen Basis von derselben weissen Masse umgeben ist. Jenseits 
dieser mächtigen Grube erhebt sich der Tusidde, etwa 1000 Fuss über 

t 

die Umgebung des Kraters. 

Ich war hier wieder in der Lage, meine Erwartungen über- 
treffen zu sehen. Wie gern hätte ich hier einige Ruhetage ge- 
habt, wäre den Tusidde hinauf- und den Krater hinabgestiegen, 
hätte von der höchsten Höhe, soweit meine Augen und mein Fern- 
glas reichten, das ganze weite Panorama Tibesti's umfasst und mich 
in der Tiefe an den Wirkungen der zerstörenden und schaffen- 
den Naturkräfte geweidet! Unwillkührlich setzte ich mich auf den 
Rand des Abgrundes und versank in träumerische He wunderung. 
bis mich meine schmerzenden Füsse zur traurigen Wirklichkeit 
zurückriefen. Neun Stunden hatte ich schon an diesem Tage zu 
Fuss auf dem häufig recht schwierigen und steinigen Terrain zurück- 
gelegt, und noch war das Tagewerk nicht vollbracht. Doch der 
Hunger ist eine mächtige Triebfeder. Traurig schlich ich den am 
östlichen Horizonte verschwindenden Gefährten nach, deren Gesell- 
schaft mir ohnehin schon die Freude an der wunderbaren Welt, die 
mich umgab, verleidete, und einer nächsten Zukunft entgegen, die 
mich mit qualvoller Sorge erfüllte. Der Weg führte für eine halbe 
Stunde am Rande des Kraters in ostnordöstlicher Richtung auf den 
unregelmässig geformten und mit einer scharfen Spitze versehenen 
Emi Töade zu, den wir südlich am Wege Messen, und erreichte nach 
einer weiteren Stunde die höchste Höhe des Passes, jenseits welcher 
wir bald darauf in einem Rinnsale, das sich schon nach Osten senkte, 
unser Nachtlager aufschlugen. 

Wir befanden uns hier gegen 2500 M. über dem Meeresspiegel, 
wie der hypsometrische Apparat ergab (mein Ancroid- Barometer 
hatte leider Tags zuvor seine Funktionen eingestellt), eine Höhe, die 
sich uns durch die nächtliche Temperaturerniedrigung recht fühlbar 
machte. Wir waren im Monat August, hatten in der Kbenc zur 
Zeit des Sonnenaufgangs mindestens eine Temperatur von 25" C. 
und beanspruchten ein Tagesmaximum von ungefähr 40° C, wir 



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AUF DER HÖHR DES TARSO. 905 

fanden also die Nacht auf der Höhe des Tarso bitter kalt, obgleich 
das Thermometer Morgens vor Sonnenaufgang immer noch io° C. 
zeigte. Freilich waren auch Dank den landesüblichen Bestrebungen 
Arämi's unsere Bettbcstandtheile erheblich zusammengeschrumpft, 
und mit einem verdoppelten, stillen Ingrimm gedachte ich mit 
Giuseppe, der davon am meisten betroffen wurde, unserer wärmenden 
Decken aus den besseren Tagen der schönen Tuchfabrik von Teburba 
in Tunis, die jetzt in die Hände des habgierigen Tubu-Edlen gewan- 
dert waren. Und dieser bediente sich ihrer nicht einmal, sondern 
hielt sie sorgfaltig verpackt (wohl schon, um sie den Augen seiner 
Landsleute zu entziehen) und hüllte sich nach der Sitte des Landes 
in das mehrerwähnte grosse Schaffell, das jeder anständige Einge- 
borene dort auf Reisen als Teppich und als Ueberrock mit sich führt. 

Meine grosse Krmüdung in Folge des beschwerlichen Marsches 
und die dadurch erzeugte geringere Widerstandsfähigkeit schien 
meinem Protector die erwünschte Gelegenheit zu bieten, neue An- 
griffe auf mein Eigenthum zu machen. Es war seine Aufgabe, schon 
vor unserer Ankunft in Bardat so viel aus mir herauszupressen als 
möglich, und in der Erfüllung derselben war sein hauptsächlichstes 
Werkzeug Birsa. An diesem Tage entrangen sie mir 30 Dra Cham 
aus Bü Zeid s Vorrath, trotzdem auf mein Drängen Birsa eine gründ- 
liche Untersuchung meiner Habe vorgenommen hatte, besonders 
der beiden Kisten, welche die gierigen Leute für geradezu uner- 
schöpflich zu halten schienen. Doch meine Absicht, durch diese 
Ocularinspcction dem lästigen und unermüdlichen Drängen und Pressen 
meiner „Beschützer" ein Finde zu machen, wurde noch lange nicht 
erreicht. 

Merkwürdiger Weise war in diesen Tagen auf der Höhe, im 
Gegensatze zu meiner Beobachtung in der Ebene der Wüste, die 
Atmosphäre gegen Abend viel weniger durchsichtig, als Morgens 
früh. Als wir nach der kalten Nacht am 7. August gegen Sonnen- 
aufgang um uns blickten, sahen wir südöstlich von uns in der Ent- 
fernung von etwa drei Stunden eine kleine F elsenkette von zackigen, 
scharfkantigen Formen, die von Nord nach Süd zu verlaufen schien, 
Emi Su genannt wurde und von der wir am vorhergehenden Abende 
Nichts bemerkt hatten. Ebenso verhielt es sich mit der ähnlich 
gestalteten Kette Emi Tomortu, die in einer gleichen Entfernung 
mehr Östlich von uns lag, und mit dem Emi Timi, der als mächtiger 

Nach.i K «tl. I- *A> 



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306 



lt. BUCH, 4. KAPITEL. REISE NACH BARDAT. 



Kegel, gerade nördlich und etwas weiter von uns entfernt, lag und 
nächst dem Tusidde der höchste Berg Tibesti's zu sein schien. Bald 
nach unserem Aufbruche verloren wir durch den Abstieg den Tusidde 
aus den Augen, und der Timi beherrschte die Gegend; beide haben 
eine regelmässigere Kegelform als die übrigen und weniger zerrissene 
Seitenflächen. 

Anfangs war der Abstieg allmählich. Noch nahe der höchsten 
Höhe stiessen wir auf eine weite Einsendung mit zahlreichen abge- 
rundeten Kalk- und Thonhügcln voll staubigen Zerfalls der Tarso- 
hülle und mit zahllosen Bruchstücken versteinerten Holzes. Aus ihr 
stiegen wir in das Bett des E. Nemai Jasko, d. h. des Flussthaies 
der schwarzen Stadt, das sich von Südwest nach Nordost senkt 
und in den E. Ifötui, ein Nebenflussthal des E. BardaV, mündet. 
Wir folgten seinem breiten Bette voller Eelsblöcke für eine kurze 
Strecke, Hessen den Emi Soso, eine in Form und Richtung dem Emi 
Su analoge Felskctte, südöstlich am Wege und marschirten zwischen 
dem Emi Timi im Norden und dem zuletzt auftretenden Emi Dochänu 
im Ostnordosten, in mehr oder weniger nordöstlicher Richtung bergab. 
Die letztgenannte Berggruppe, in der sich ein einzelner, abgerissener, 
scharfkantiger Kegel auszeichnet, hatten wir nach etwa zwei Stunden, 
von unserem Aufbruche an gerechnet, südöstlich eine halbe Stunde 
von unserem Wege. 

Während wir über die flachen Thonhügel und die wieder vor- 
waltende Tarsohülle abstiegen, tauchte in weiterer Ferne am östlichen 
Horizonte eine ansehnliche Gebirgskette von mannichfach zerrissener 
Form auf. Wir marschirten in nordöstlicher Richtung auf ihr nörd- 
liches Ende zu und erreichten dasselbe nach fünfstündigem Marsche 
vom Berge Dochanu ab. Nördlich von ihr verlief eine andere, unbe- 
deutendere Kette von Nordost nach Südwest, und zwischen beiden 
war in weiter Ferne der nördliche und nordöstliche Horizont von 
einem anscheinend mächtigen Gebirgszuge eingenommen. Gegen die 
erste der Ketten hin wurde das Terrain schwieriger, die weiche 
Sedimentschicht mit ihrem versteinerten Holze fehlte oft, und der 
Weg führte in rapidem Abfall zwischen ansehnlichen Felsen und über 
steile Einschnitte in die Tiefe. In den letzteren, welche einst von 
den abfliessenden Wässern in die starren Felsen gegraben worden 
waren, sah man unter der deckenden Hülle rosenrothen Kalkstein 
in mächtiger Schicht. 



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ABSTIEG IN DEN E. UDENO. 



307 



Alle Wasserläufe dieser Gegend sind Nebenflüsse des E. Udeno 
(d. h. Gazellenfluss) , in den wir anderthalb Stunden, nachdem der 
steilere Abstieg begonnen hatte, aus einem seiner kleinen nach Nord- 
nordost zu ihm verlaufenden Nebenbetten gelangten. In mühsamen 
Windungen hat er sich quer durch die Felsen seinen Weg gebahnt 
und senkt sich nach Nordosten. Die senkrechten Felswände, welche 
ihn einzwängen, sind 30—50 M. hoch und gigantische Sandsteinblöcke, 
welche einst jene gekrönt haben und durch urweltliche Kraft in die 
Tiefe geschleudert sind, sperren häufig das Bett. Auf den glatten 
Wänden derselben fand ich hier und da Zeichnungen der Art, wie 
sie H. Barth und Henri Duveyrier im Gebiete der nordöstlichen 
Tuärik gefunden haben, und aus denen diese Forscher interessante 




FeUvculptur im F.. Udeno. 



Schlüsse oder doch Vermuthungen über das frühere Culturleben 
dieser Länder ziehen. Auch im vorliegenden Falle sind die Gegen- 
stände der künstlerischen Darstellung fast ausschliesslich Rinder, und 
stets sind dieselben mit nach vorn gebogenen Hörnern abgebildet. 
Die Linien sind mit fester Hand in den Stein gegraben; doch hat 
der Sicherheit der Ausführung nicht immer eine naturgetreue, künst- 
lerische Auffassung zur Seite gestanden. 

W r enn die Urheber der Zeichnungen die Thiere nur auf ihren 
Reisen in die Südänländer kennen gelernt haben, so ist die Wieder- 
gabe anerkennenswerth genug, doch viele sind in der That von 
äusserst kindlicher Darstellung. Wie bei den Barthschen Zeich- 
nungen sind auch hier die Beine der Thiere am mangelhaftesten 

20* 



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308 



11. BUCH, 4. KAPITEL. REISE NACH BAR DA I. 



ausgeführt. Dieselben erscheinen vollkommen ungegliedert und ent- 
behren der Füsse gänzlich. Einige der Rinder tragen den im 
Sudan üblichen Packsattel, alle aber einen Strick um die Hörner 
gewunden, an dem zum Theil von unsichtbarer Hand gezogen wird, 
wie man aus der widerstrebenden Stellung der Thiere, welche die 
steifen Heine gegen den Boden zu stemmen scheinen, leicht erkennt. 
Dieser Strick dürfte dafür sprechen, dass die Zeichnungen zu einer 
Zeit ausgeführt wurden, als das Rind diesen Wüstenlandschaften 
eigen war; denn hätte der Künstler nur nach einer Reise in die 
Siidanländer seine Erinnerungen wiedergegeben, so würde er den 
Halfterstrick der Thiere durch ihre Nasenscheidewand gezogen haben, 
wie es dort Sitte ist. Dass den Rindern der Sculpturen der Buckel 
fehlt, welcher die des Sudan kennzeichnet, unterstützt jene Annahme; 
denn der Künstler würde sicherlich nicht eine so in die Augen fallende 

Eigenschaft vergessen, sondern dieselbe 
wahrscheinlich sogar in grotesker Uebcr- 
treibung dargestellt haben. 

Neben den Rindern findet sich noch ein 
vereinzeltes Kamee! dargestellt, doch ist 
dies Thier noch weniger gelungen, ob- 
gleich doch die Modelle dem Zeichner 
täglich vor Augen gewesen sein müssen, 
wenn nicht die Entstehung der ganzen 
Darstellung in eine Zeit fallend gedacht 
wird , wo das Kameel noch nicht in jene 
KcUsc.iiptur i... e. lm&io. Gegenden eingeführt war, und in diesem 

Falle würde seine Wiedergabe überhaupt 
nicht möglich gewesen sein. Ich bin aber vielmehr geneigt anzu- 
nehmen, dass, wenn diese Sculpturen überhaupt sehr alten Datums 
sind, das Bild des Kameeis jedenfalls in neuerer Zeit in schlechter 
Nachahmung der Rinderzeichnungen von einem modernen Tubu- 
knaben hinzugefügt wurde. Auf dem einen der Blöcke neben den 
Rindern findet sich auch ein phantastisches, thierisches Geschöpf, das 
ich vergeblich mit einem Repräsentanten unserer Thierwclt zu identi- 
ficiren suchte: doch dasselbe ist gleichzeitig so stümperhaft ge- 
zeichnet und so unsicher gravirt, dass ich kein allegorisches Bild, 
keine mythologische Darstellung in ihm suchen möchte. Interessant 
ist die einzige menschliche Figur, welche dazwischen allein auf 




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FELSSCTLPTUKEN. 



309 



einem Sandsteinblocke gefunden wurde. Sie stellt einen Krieger 
dar, fast in Lebensgrösse und ganz von vorn gesehen, die noch jetzt 
gebräuchliche Tubu- Lanze aufrecht in der linken Hand und in der 
andern den Schild haltend, der merkwürdiger Weise durch ein Kreuz 
in vier Felder getheilt ist und sich dadurch und durch die Grösse 
des an dem vollen Oval seiner Form fehlenden oberen Abschnittes 
von den gewöhnlichen Tubu-Schilden unterscheidet. 

Meine Begleiter vermochten keinerlei Auskunft über die Zeit 
der Entstehung und die etwaige Bedeutung dieser Sculpturen zu 
geben. Man sollte vermuthen, dass die jetzigen Bewohner des Landes 
diese Reliquien einer vergessenen, Zeitperiode in phantastischer Weise 
auffassen, ihnen gern eine tiefere Bedeutung beilegen würden; doch 
ihr nüchterner Tubusinn sucht nach natürlicher Erklärung, und meine 
Begleiter wenigstens hielten die Zeichnungen für Productc eines 
müssigen Ziegenhirten aus ihrem eigenen Stamme, wenn auch aus 
früheren Zeiten. 

Gern hätte ich sorgfaltig die Zeichnungen aller Felsblöcke ge- 
sammelt, doch meine Kräfte waren, als wir im E. Udeno lagerten, 
nach der fast zehnstündigen Fusswanderung über schwieriges Terrain 
und fast ohne Nahrung, allzu erschöpft; und in meiner Abhängigkeit 
von Arämi und den Uebrigen, welche, je mehr wir uns Bardai 
näherten, einen desto weniger respectvollen Ton anschlugen, konnte 
ich am nächsten Morgen meine Gesellschaft nicht überreden, mir die 
nöthige Frist zu gewähren. Die wenigen Copien, welche ich machen 
konnte, sind im weiteren Verlaufe dieser gefahrvollen Reise verloren 
gegangen; nur unter den während des Marsches gemachten Notizen, 
welche aus der Schreckenszeit in Tibesti zu retten mir gelang, be- 
finden sich die dürftigen hier wiedergegebenen Zeichnungen. 

An der Stelle des Gazcllenflusscs, wo wir nächtigten, sollten 
böse Geister Möschi hausen, und da diese dort zu Lande einen 
besonderen Widerwillen gegen Pulvergeruch haben, so Hessen sich 
meine Begleiter nicht nehmen, so lange Flintenschüsse abzufeuern, 
bis sie die Luft gründlich gereinigt glaubten. Sie setzten diese 
Procedur so lange fort, und die Schüsse widerhallten so mächtig 
von allen Seiten, dass mein durch Uebermüdung, Hunger und ge- 
rechtfertigte Besorgniss vor der nächsten Zukunft krankhaft gereiztes 
Gehirn mich hierin ein Signal für die Helfershelfer meiner ver- 
ratherischen Genossen wittern Hess. Eingezwängt zwischen den hohen 



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310 



II. BICH, 4. KAPITEL. REISE NACH BARDAf. 



Uferfelsen, in dem dadurch frühzeitig in Nacht gehüllten Thale, 
arbeitete meine Phantasie um so beängstigter. Trotz der Müdigkeit 
verscheuchten mir die hässlichen Bilder derselben nur zu oft den 
Schlaf; aufgeschreckt sprang ich empor; die gespenstischen Schatten 
der Felsen mit ihren sonderbaren Contouren, welche das Mondlicht 
auf den hellen Grund des Flussbettes warf, verwirrten mein Auge; 
schrill schallte das Kläffen des Klippschliefers (Ilyrax) rings von 
den Felsen und liess mich angestrengt auf die Annäherung von 
Menschen und Hunden horchen. Es war eine böse Nacht, die 
prophetische Vorlauferin eines böseren Tages. 

An diesem, dem 8. August, mussten wir Bardai erreichen; und 
es war hohe Zeit, denn unsere Datteln waren auf der Höhe des Tarso 
bereits zu Knde gegangen. Von dort hatte Arami seinen Begleiter 
vorausgeschickt, um Tafertemi und Bü Zeid heimlich von unserer 
bevorstehenden Ankunft in Kenntniss zu setzen, und um die Ucbcr- 
sendung von Datteln bis zu einem bestimmten Punkte unseres Weges 
zu vermitteln. Hungrig brachen wir auf, folgten für kurze Zeit dem 
Laufe des E. Udeno, der sich dann nach Norden wendet, und stiegen 
über seine Uferwände, welche hier viel weniger hoch und steil 
sind, in nordöstlicher Richtung auf ein steiniges Hügelland. Von 
hier hat man einen weiten Blick nach Norden, wo die Tags zuvor 
erblickten Gebirgsketten den fernen Horizont einnehmen; rechts neben 
uns, fast parallel mit unserem Wege, lief eine Felsenkette mäsjsiger 
Erhebung, Kebriköta genannt. Nach zweistündigem Marsche über- 
schritten wir ein flaches , unbedeutendes Rinnsal , das sich in nörd- 
licher Richtung dem Udeno zuwendet, und stiegen bald darauf ab- 
wärts gegen ein Flussthal hin , dessen ebene Umgebung mit dicht 
gedrängten, niedrigen, spitzen, kantigen Hügeln aus blättrigem Thon 
und Thonschiefer bedeckt ist. Das Flussthal, E. Arabdei, soll im 
Ganzen von Südwest nach Nordost verlaufen, hat aber in der Gegend 
unseres Weges einen mehr nördlichen Verlauf, als dieser, so dass 
wir es nach einer weiteren Stunde in schräger Richtung durchschnitten 
hatten. Es ist von massiger Ausdehnung, sein östliches etwa 30 Fuss 
hohes Ufer besteht ganz aus blättrigem und lamellösem Thonstein. 
Kaum eine halbe Stunde weiter östlich verläuft, parallel dem E. Arabdei, 
zwischen senkrechten Felswänden der E. Gonöa, in dessen Bette wir 
nach kaum vierstündigem Marsche rasteten, nicht sowohl um auszu- 
ruhen und die Tageshitze zu verbringen, als vielmehr um Nahrung 



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NEUE PROHE DER HAISOIEE ARAMl's. 31] 

und Nachrichten von Bü Zeid und Tafertemi 7.u erwarten. Beide 
Flüsse sollen direet in den E. Bardai münden. 

Im E. Gonöa wurde unser Auge durch eine lebendige Quelle 
erfrischt, die in der Mitte seines Bettes unter mächtigen Felsblöcken 
hervorquillt, und in ihrer nächsten Umgebung eine Vegetation hervor- 
gerufen hat, die unserem entwöhnten Auge als ein Bild der Ueppig- 
keit erschien. In ihrer Nähe lagerten wir, ich wenigstens mit schwerem 
Herzen und bangem Vorgefühle, das durch Arami's und Birsas Be- 
tragen nur noch vermehrt wurde. 

Arami, unterstützt von seinem gehorsamen Neffen, hatte während 
lies verflossenen Tages ein missachtendes, fast drohendes Benehmen 
an den Tag gelegt und den unglücklichen Mohammed als meinen 
Vermittler unaufhörlich mit Bitten und Drohungen geplagt, um 
ihn zum Verrathe der Schatze zu bringen, die ich nach seiner 
Ueberzcugung nothwendig noch verbergen musste. Jetzt war viel- 
leicht der letzte Tag gekommen, an dem er allein von mir Nutzen 
ziehen konnte, denn schon am folgenden war ich dem Könige 
und den übrigen Fdelleuten preisgegeben; er suchte ihn also zu 
benutzen. Im guten Vertrauen auf meine Armuth brachte ich es 
dahin, dass Beide noch einmal eine gründliche Untersuchung meiner 
Gepackstücke vornahmen, und aus dieser musste ihnen wenigstens 
die Ueberzcugung erwachsen, dass keine Stoffe (Burnusse, Toben und 
Cham), auf die sich die Habgier der Tubu vorzüglich erstreckt, mehr 
vorhanden waren. Den Verdacht verborgenen Geldes konnte 
ich ihnen freilich nicht nehmen. Bei dieser Gelegenheit entdeckte 
Arami's scharfes Auge noch einen weissen, tunisischen Burnus, den 
ich zu eigenem Gebrauche besass und vorsichtiger Weise in meine 
letzte wollene Decke gewickelt hatte, da man mir diese als einen 
unumgänglich nothwendigen Gegenstand zu belassen geneigt schien. 
Arami ruhte natürlich nicht eher, als bis der erstere in seiner Gewalt 
war. Meine anfängliche Weigerung, mich von ihm zu trennen, be- 
antwortete er tinfach durch eine Andeutung des Vorschlages, mich 
meinen Einzug in Bardai allein machen zu lassen, eine Aussicht, 
welche jede Einwendung meinerseits im Keime erstickte. Im Besitze 
des Burnus versicherte mir der Quälgeist dagegen seine ganze Dicnst- 
willigkeit und wiederholte sein Versprechen, mich nicht allein wäh- 
rend meines Aufenthaltes in Bardai zu beschützen und zu ernähren, 



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312 



II. BUCH, 4. KAPITEL* REISE NACH BARDAT. 



sondern auch mit Gottes Hülfe unbeschädigt an meinem Leibe mit 
meinen Leuten bis auf den Weg nach Fezzan zu bringen. 

Die Nähe bewohnter Gegenden verrieth sich im E. Gonöa durch 
die häufige Erscheinung von Leuten und Eseln, welche unterwegs 
ihren Durst an der Quelle stillten. Jene waren ausschliesslich Frauen 
und Kinder, fast alle in das nationale Schaffell gekleidet; die Frauen 
häufig noch mit einem viereckigen Stücke blauen Kattuns über Kopf 
und Schultern, die Kinder baarhäuptig und ganz nackt. Das Schaf- 
fell wird von der rechten Seite her um den Körper gelegt und seine 
Zipfel und Enden auf der linken Schulter und über der linken Hüfte 
geknüpft, so dass die eine Hrust und das eine Bein unbedeckt bleiben. 
Es war immerhin merkwürdig, dass ein so wenig sich anschmiegen- 
des Kleidungsstück mit so geringer Kunsthülfe der weiblichen Scham- 
haftigkeit ausreichend zu dienen vermochte. Doch ich hatte augen- 
blicklich wenig Sinn für genauere Analysirung von Tracht und Zügen 
der weiblichen Bevölkerung Bardai s; ich war in der Erwartung der 
Aufnahme, die uns am Abend zu Thcil werden würde, in einem leicht 
begreiflichen Zustande höchster Aufregung. 

Baltl nach der erwähnten gewaltsamen Verminderung meiner 
Garderobe erschien ein Jüngling mit einem dattelbeladenen Esel in 
unserer Mitte und erwies sich als Mohammed, Sohn Akremi TemidÖmi s, 
des mütterlichen Onkels unseres Murabid Bü Zcid. Er mochte etwa 
iS Jahre alt sein, war unter Mittelgrösse, trug einen neuen, rothen 
Tarbüsch, den ich stark im Verdachte hatte, aus meinem Vorrathe 
zu stammen, hatte eine massig bronzefarbige Haut, intelligente Augen, 
eine nicht grade plattgedrückte Stumpfnase, ein wohlgebildetcs Kinn 
und ein rundlich ovales, etwas prognathes Antlitz. 

W ir fielen mit Heisshunger über die Datteln her und nahmen 
Anfangs die Nachricht, dass Tafertemi seit einigen Tagen im nahe- 
gelegenen Dorfe Sui sei, doch im Laufe des Tages zurückerwartet 
werde, mit ziemlicher Gleichgültigkeit auf. Doch als der erste 
I lunger gestillt war, wurden wir stutzig bei dieser etwas verdächtigen 
Kombination, und konnten uns über ihren bedenklichen Charakter 
nicht tauschen, als der junge Mann weiterhin mittheilte, dass sein Vetter 
Bü Zeid ebenfalls in einer benachbarten Ortschaft sei. So sehr der 
Bote den Eindruck seiner Nachrichten abzuschwächen suchte, indem 
er ein besonderes Gewicht darauf legte, dass Beide, Sultan und 
Murabid, sicherlich Abends an Ort und Stelle sein würden, so war 



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VOM E. GONÖA NACH BAKDAI. 



313 



unser Argwohn doch geweckt, und wir beschlossen, jedenfalls unseren 
Rastplatz zu einer vorgerückten Stunde zu verlassen, so dass wir 
erst nach Einbruch der Dunkelheit in der Haupt-Ortschaft Bardais 
ankommen mussten. 

Unser Weg erhielt eine ostnordöstliche Richtung und führte 
durch eine unregelmässig und hoch gebügelte Gegend, in der die 
Kalk- und Thonschieferhügel vorwalteten. Nach einer halben Stunde 
berührten wir das Bett des K. Iraira, das dort von West nach Ost 
lief, und passirten kurze Zeit darauf das Bett des K. Fudrüsi, der 
von Nordwest nach Südost in jenen mündet. Jenseits desselben trat 
wieder festeres Gestein auf, wog bald vor, ward mächtiger und höher, 
und als wir nach einer weiteren Stunde den K. Iraira selbst durch- 
schritten hatten, erreichten die Felsen hier und da eine Höhe von 
100 M. Jenseits des Iraira standen dieselben so dicht, dass kein 
Weg hindurchführte; wir mussten in seinen Nebenfluss Oröa einbiegen, 
der mehr oder weniger von Süd nach Nord zu ihm verlauft, und 
dieser selbst war fast unpassirbar. Eng eingezwängt zwischen steile 
Felsen, war das Bett vollständig ausgefüllt von Steinen und Fels- 
blöcken, deren Uebcrwindung besonders den Kameelcn, welche doch 
diesem Lande angehörten und an derartiges Terrain gewöhnt waren, 
eine entsetzliche Anstrengung kostete. Wir folgten seinem Laufe 
für fast eine Stunde in Südsüdost-Richtung, verliessen ihn an einer 
Stelle, wo die Uferfelsen eine ansehnliche Lücke darboten, und 
gingen allmählich in eine östliche Richtung über, welche uns in einer 
guten halben Stunde an den Eingang des Thaies von Bardai brachte, 
da, wo von Süden her ein flaches Flussthal in ihn mündet. Hier 
hielten wir an, während der Sohn Tcmidömis voraus ging, um 
Tafertemi und Bü Zeid von unserer Ankunft in Kenntniss zu setzen, 
und warteten unter einigen Sajälakazien die Antwort und den voll- 
ständigen Hereinbruch der Dunkelheit ab. 

Leider kehrte nach kurzer Zeit der Jüngling allein zurück, mit 
der wenig tröstlichen Antwort, dass Beide von ihrem Ausfluge noch 
nicht zurückgekehrt seien, dass aber die Gattin des ersteren mich 
einlade, in ihrer Wohnung abzusteigen. Schweigend vernahmen wir 
die unerfreuliche Botschaft. Meine Tubugefahrten verrichteten in 
der Erwartung einer höheren Eingebung ihr Abendgebet, und nach 
Vollendung der feierlichen Handlung setzten wir uns zögernd wieder 
in Bewegung. 



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314 



II. MUCH, 4. KAPITEL. KEISK NACH HARDAI. 



Wir hatten das breite Thal in nordöstlicher Richtung schräg zu 
durchschneiden und unglücklicherweise den ganzen von eigentlichen 
Bardai-Leuten bewohnten Theil zu durchziehen, da Arämi mit den 
Tubu Reschade der westlichen Thäler auf der anderen Seite wohnte. 
Wir betraten das Thal und begannen schon uns zwischen den 
graziösen Gruppen von Dattelbaumen und Dümpalmen durchzuwinden, 
die hier und da menschliche Wohnungen in ihrem Schatten bargen, 
als plötzlich ein dumpfes Brausen, ein verdachtiges Geräusch an unser 
Ohr drang, das von zahlreichen schreienden und tobenden mensch- 
lichen Stimmen herzurühren schien. 

A themlos hielten wir an und lauschten rathlos. Wenn ich an- 
fangs noch nicht glauben wollte, dass dies die Einwohner Bardai's 
seien, welche sich beim Gerüchte unserer Ankunft zusammengerottet 
hatten und uns blutig zu begrüssen kamen, so dauerten meine 
Zweifel doch nicht lange. Das Getöse kam näher und näher; die 
Männer brüllten wahrscheinlich waren sie unter dem Einflüsse des 
Laqbi, wie fast jeder redliche Einwohner von Bardai am Abend — , 
klirrten und rasselten mit den Waffen; die Weiber kreischten und 
Hessen das übliche Zungenschlaggcräusch hören; die Kinder schrieen. 
Schon unterschied man die einzelnen Stimmen, hörte ihre Verwün- 
schungen gegen die Christen und ihre blutdürstigen Vorsätze. Mit 
einer Art verzweifelter, resignirter Ironie verdolmetschte mir Bui Mo- 
hammed die unerbaulichen Bedeutungen ihres Geschreies. In seiner 
Kenntniss von Land und Leuten zweifelte er keinen Augenblick 
daran, dass unser letztes Stündlein gekommen sei, doch kein Wort 
eines eigentlichen Vorwurfs gegen mich kam über seine Lippen; 
nur die Bitterkeit, die Ironie, die im Tone seiner Worte lag, 
schien mir zu sagen: „da sind sie, meine früheren Aussagen zu be- 
wahrheiten; Du hast es gewollt, da Du die Rathschläge der Ver- 
nünftigen zurückwiesest!" Kampf bereit hielt der Alte sein Gewehr 
in der Hand, und auch in diesem Augenblicke konnte ich nicht um- 
hin, die Tiefe der feindlichen Gefühle zu constatiren, welche der 
sonst in seinen Urtheilen über Menschen so milde Mann gegen Alles, 
was Tubu hiess, nährte. Giuseppe betrug sich wie ein Mann; Sa ad 
erging sich, wie bei der Vcrdurstungsscene, in wortreichen Vorwürfen 
gegen mich, während Ali Bü Bekr kaum die Kraft hatte, die Worte 
auszustossen: „Verflucht sei das Geld, um desscntwillcn ich hierher- 
kam! " Entsetzt, doch ergeben in die eiserne Nothwcndigkcit, richtete 



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UKDKOHI.ICHEK KMPKANO IN HAK ILM. 



315 



ich meine Augen auf die dunkle, sich heranwälzendc Masse, deren 
einzelne Schatten man schon unterscheiden konnte. 

Eine zaudernde Unschlüssigkeit hatte sich meiner anderen He- 
gleiter und Beschützer bemächtigt. Sie hatten sich von uns zurück- 
gezogen und bildeten in einiger Entfernung eine überlegende und 
rathschlagende Gruppe. Alles hing von der Haltung Arämis ab, in 
dessen Innern widerstreitende Gefühle kämpften. Die edleren 
Regungen, Wortfestigkeit, Pflichten der Gastfreundschaft und Mitleid, 
wenn sie überhaupt in ihm lebten, würden uns kaum gerettet haben; 
doch es gab glücklicherweise noch andere Gründe, die zu unseren 
Gunsten in die Wagschalc fielen. Der kindliche Patriotismus der 
Menge, die einen Verrath an den ihnen selbst unbekannten Schätzen 
ihres Landes fürchtete, ihre unbestimmte, übertriebene Furcht vor 
den Christen und ihrer Macht, ihr instinetiver Hass gegen alles 
Fremde, hatten keine Macht über ihn; aber sein Stolz, die relative 
Abhängigkeit des Ländchens von Fezzan und die politischen Ver- 
hältnisse innerhalb ihres Gemeinwesens sprachen für uns. Er war 
der mächtigste Mann unter den eigentlichen Tubu Reschäde, welche 
die vom Gebirgsstocke nach Südwesten abfallenden Thälcr bewohnen, 
und sich für die Herren des ganzen Landes halten. Diese umfassen 
die edelsten Geschlechter Tibestis, sind Hirten und vorzugsweise 
Nomaden, Herren des Raumes, und halten sich, wie überall, wo 
Nomaden und sesshaftc Ackerbauer dasselbe Land bewohnen, für 
die bevorzugten, über die letzteren zu herrschen bestimmten Leute. 
Jhre Reisen führen sie nach Fezzan, Kawär, Borkü, Bornü, wah- 
rend die Leute von Bardai ihr Thal nie verlassen, ein arbeitsames 
Ackerbauleben fuhren und in ihrem Blute nicht frei sind von den, 
freilich geringen Sclavenelementen des Landes. Ein Ueberfall der 
Araber, Tuärik und Bulgcdä trifft nur die westlichen Thälcr der 
Nomaden oder Halbnomaden, welche dadurch zu den natürlichen 
Yertheidigern des ganzen Landes gestempelt werden und sich in 
Folge dessen für die besseren Krieger halten; bis nach Bardai, das 
nach Westen und Süden durch mächtige Gebirge, nach Norden und 
Osten durch die endlose Wiiste geschützt ist, dringt keine Ghazia. 
Und jetzt sollten diese armseligen Ackerbauer es wagen können, 
einen Fremdling, den er, Arami, der hervorragendste unter den Edel- 
leuten, aus dem königlichen Geschlechtc der Tomaghera, reicher 
und persönlich angesehener als sein Vetter, der Dardai, in seinen 



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H, BUCH, 4. KAPITEL. REISE NACH b ARD AI. 



Schutz, genommen hatte, zu massacriren? Es war eine lockende Ge- 
legenheit, sein Ansehen im eigenen Lande zu erproben untl mir und 
durch mich Fezzan und der Fremde seine Macht zu beweisen. 

Dazu kam, dass die Tububevölkcrung Fezzan's ganz ausschliess- 
lich diesen nomadischen oder halbnomadischen Bestandteilen der 
Nation angehört, und dass diesen also daran gelegen sein musste, 
ihre Bruder und Vettern nicht durch meine Ermordung den Re- 
pressalien der Regierung von Fezzan auszusetzen. Wie ich meine 
Hoffnungen hauptsächlich auf diese meine natürlichen Geiseln grün- 
dete, so begriff wenigstens Arämi, wenn die Ucbrigen vielleicht nicht 
daran dachten, die ganze Gefahr, welcher man dieselben aussetzen 
wurde, indem man mir ernstlich Böses zufugte. Andererseits konnte 
ihm aus meiner Ermordung keinerlei Vortheil erwachsen, wahrend 
er, so lange ich am Leben war, mein natürlicher Rathgeber und Be- 
schützer blieb, und demnach hoffen konnte, so viel aus mir heraus- 
zupressen, als ich irgend zu geben im Stande war. 

Alle diese Gründe arbeiteten ohne Zweifel im Geiste des 
Mannes zu unseren Gunsten, während ihm auf der anderen Seite die 
Klugheit rieth, den Bogen nicht allzu straff zu spannen und seine 
Popularität nicht durch einen allzu rücksichtslosen Kampf gegen den 
Willen seiner eigensinnigen Landsleute, die, eben so stolz als er 
selbst, irgend eine Autorität nur schwer anerkennen, aufs Spiel zu 
setzen, zumal man ihn sicherlich beschuldigen würde, für mich ein- 
getreten zu sein, um meine vermeintlichen Schätze nicht mit den 
Anderen theilen zu müssen. Die Zeit drängte; da Arämi und seine 
Genossen sich noch immer überlegend seitwärts hielten, während die 
wuthende Menge immer näher herantobte, begab ich mich zu ihnen 
und sagte kurz, sie möchten sich beeilen. Ich könne mir nicht 
denken, dass es so schwer sei, sich zu entscheiden, ob man treu und 
wacker, oder verrätherisch und feige handeln wolle. Wenn sie das 
letztere zu thun beabsichtigten, so möchten sie ihren Entschluss nur 
kundgeben, wir seien bereit, unser Leben theucr zu verkaufen, und 
sie sollten nicht glauben, dass Muselmanen allein wie Männer zu 
sterben wüssten. 

Da erhob sich Arämi; sein Entschluss war gefasst und damit tler 
der Ucbrigen. ,, Mit Gottes Hülfe wird Dir kein Unheil widerfahren , 
sagte er, „denn ich habe Dir meinen Schutz zugesagt . Stolz ging 
er der andringenden Menge entgegen, die offenbar erwartet hatte, 



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RETTUNG DURCH AR AMI UND SEINE GENOSSEN. 



317 



uns von unseren Begleitern verlassen zu finden. Ks war die höchste 
Zeit; schon schleuderten die Wüthigstcn oder Betrunkensten ihre 
Wurfspeere, doch ungeschickt und zögernd, da wir nicht allein waren, 
wenn wir auch abgesondert standen. Zum Theil schlug Arami die 
Waffen in der Hand der Angreifer nieder, und Niemand wurde ver- 
letzt. Kolokömi, GordoY, Birsa folgten seinem entschlossenen Beispiel, 
und nun ging es an ein lebhaftes Parlamentiren. 

In diesem günstigen Augenblicke kamen die ferner wohnenden 
Anhänger und Freunde Arami's, sämmtlich Bewohner der westlichen 
Thäler, zu denen das Gerücht unserer Ankunft etwas später ge- 
drungen war. Sic waren grösstenteils im Zustande vorgeschrittener 
alkoholischer Begeisterung und vermehrten die Partei meiner Freunde 
in sehr nutzbringender und erfreulicher Weise. Während die Meisten 
mit Arami zurückblieben, um die ihnen so angenehme Gelegenheit 
zu Zank und Streit auszubeuten, führten Andere uns und unsere 
Kameele unbemerkt von der Menge, die von den wortreichen Unter- 
handlungen ausschliesslich in Anspruch genommen war, in die Ge- 
gend der Ortschaft, welche von ihnen bewohnt wurde, zum Hause 
Arami's. Meine neuen Freunde und Beschützer suchten mich durch 
möglichst wüstes Geschrei und wildes Schwingen ihrer Waffen zu 
ermuthigen, bedrohten Jeden mit dem Tode, der mir ein Haar 
krümmen würde und enthüllten mit einer Freimüthigkeit, welche der 
Alkohol erzeugte, das traurige Niveau ihrer Civilisation. Während 
Einige sich der Mordthaten rühmten, welche sie schon begangen 
hatten, gingen Andere so weit, zu behaupten, dass derjenige, welcher 
noch keinen Menschen getödtet habe, überhaupt kein Mann sei. 
Eine wüste Bande und ein unerquicklicher Schutz! 

So weit die Dunkelheit und unser Weg, der möglichst um die 
Wohnstätten herumführte, zu sehen gestattete, lagen die Wohnungen 
zerstreut, jede in reizender Umgebung von Dattelbäumen und ver- 
einzelten Dümpalmen, und waren aus Palmenblättern hergestellt. Un- 
belästigt begaben wir uns zwischen Gärten, Hütten und Raumgruppen 
hindurch nach der Wohnung Arami's, welche auf der nordöstlichen 
Seite des Thaies lag. 

Als wir das eigentliche Dorf hinter uns gelassen hatten, stiessen 
wir auf unseren Murabid Bü Zeid, der, seine Flinte im Arm, auf 
meine ironische Verwunderung, ihn schon von seinem Ausfluge zurück 
zu sehen, der ihn zu so günstiger Stunde von Bardai' entfernt habe, 



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318 II. BUCH, 4. KAPITEL. REISE NACH BARDAY. 

• 

ziemlich verlegen versicherte, so eben aus einem Nachbardorfe, wo- 
hin ihn die dringendsten Geschäfte gerufen hätten, zurückgekommen 
zu sein. Es war augenscheinlich, dass er, in nur zu genauer Kennt- 
niss der Stimmung der Einwohner, seine Anwesenheit verläugnet 
hatte. Noch durfte ich meinen Gefühlen über sein perfides Benehmen 
keinen Ausdruck verleihen, denn ich war bei der sehr zweifelhaften 
nächsten Zukunft seiner Unterstützung noch allzu sehr bedürftig. 
Ebenso wurde es mir schnell klar, dass Tafertemi sich in seiner Woh- 
nung verborgen gehalten hatte, um nicht meine Ermordung durch 
seine autoritätliche Gegenwart gewissermassen zu sanetioniren. 

Arämi hatte uns indessen wieder eingeholt und wies uns unseren 
Lagerplatz vor der Thür seiner Wohnung an, während seine Schwester 
Fätima, eine Wittwe oder geschiedene Frau, die ihrem Bruder in Bardai 
die Wirthschaft führte die Frau desselben wirthschaftete in Gaben — , 
die Dijäfa (Gastmahl) bereitete. Diese bestand zwar in dem dort sel- 
tenen, also kostbaren Aisch, doch war derselbe über die Massen 
trocken, und da keine Sauce zu ihm gereicht wurde, gänzlich ge- 
schmacklos. Bei unserem grenzenlosen Hunger verhinderte uns aber 
weder seine schlechte Qualität, noch unsere bedrohliche Lage, ihm 
die grösste Ehre zu erweisen, und ihn bis auf das letzte Krümchen 
zu verzehren. Arämi und Birsa hielten Wache bei uns — Kolokömi 
und Gordoi hatten sich zu ihren respectiven Frauen zurückgezogen — , 
und so verbrachten wir die erste Nacht in Bardai, voll Dankbarkeit, 
aus der unmittelbarsten Lebensgefahr errettet zu sein, doch nicht 
ohne Furcht vor dem folgenden Tage. 

Wüste Träume quälten mich im Schlafe, sobald der ersten 
Müdigkeit Genüge geschehen war, und mehr als einmal schreckte ich 
jäh empor, wenn eine schwierige Situation, ein blutdürstiger Feind 
mir Vernichtung zu drohen schien. Die friedliche Stille der Nacht, 
die mich umgab, schien dann alle Schreckbilder Lügen zu strafen, 
bis ein Blick auf die fremdartige Umgebung mir die Erinnerung an 
den fast verhängnissvollen Abend zurückbrachte und mir sagte, dass 
noch manches Schwere meiner warte. Mit Tagesanbruch schlugen 
wir das Zelt auf, um uns beide Christen einigermassen den Blicken 
der aufgeregten Menge zu entziehen, und warteten der Dinge, die 
da kommen sollten. Mit Sonnenaufgang erschienen die Freunde 
Arami's und diejenigen Tubu Reschade, die für mich Partei zu 
nehmen gesonnen waren, und wenn sie auch, ernüchtert, nicht mehr 



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ERSTER TAG IN R ARD AI. 



319 



so masslose, blutdürstige Freundschaftsversicherungen ihrem Munde 
entströmen Hessen, als am vorhergehenden Abende, so waren sie 
doch immer noch lebhaft genug in ihren Betheuerungen. Ach, 
sie kannten das Vacuum in den beiden voluminösen Kisten, deren 
ungewohnter Anblick ihnen reiche Schätze zu verheissen schien, 
noch nicht! 

Die Angesehensten der Versammlung waren augenscheinlich 
Arami und der Onkel Bü Zeid's mütterlicherseits, Akremi Temidömi, 
derselbe, dessen Sohn uns bis zum E. Gonöa Tags zuvor Datteln 
entgegengebracht hatte. Kr war ein Mann in mittleren Jahren, unter 
Mittelgrösse, wie sein Sohn Mohammed, von massiger Bronzefarbe, 
fast bartlos, mit kleinem Gesichte, ziemlich regelmässigen Zügen, 
klugen Augen, donnernder Stimme und selbstbewusster Haltung. 
Die Uebrigen waren, so weit der unentbehrliche Litham mir zu sehen 
erlaubte, von verschiedenen Ilautfarbenüancen, vom seltenen Schwarz 
bis zu massiger Bronzefärbung und meist mit leidlich regelmässigen 
Zügen ausgestattet. Es waren wohlgebildete, doch magere Gestalten, 
in der Mehrzahl von bescheidener Mittelgrösse, an denen die schön- 
«jeformten und zierlichen Hände und Küsse die Bewunderung des 
Beobachters erregten. 

Lanze, Speere und Wurfeisen aufrecht in der Hand haltend und 
auf den Boden stemmend, hockten sie vor meinem Zelte, lebhaft 
schwatzend und. von Zeit zu Zeit mit hörbarem Zischen den grünen 
mit Tabakssaft vermischten Speichel vor sich auf den Boden schleu- 
dernd, um eine Vorberathung über ihre Haltung dem Stabsober- 
haupt und den Leuten — Näs - von Bardai gegenüber, sowie über 
das Schicksal der Christen abzuhalten. Alle sprachen willkürlich 
durcheinander mit einem Redeflusse, der eitel Geschwätz war und 
der Gestaltung meiner Zukunft wenig dienen konnte. Kinigc W enige 
näherten sich mir, und zwar solche, die Kezzän bewohnt hatten, mehr 
oder weniger arabisch sprachen und also einen gewissen Anspruch 
auf Bildung erhoben. Unter diesen befand sich einer der beiden 
Kuqahä (IMur. von Kakih, der Gelehrte), deren sich Tibesti erfreute, 
und welche beide in Bardai wohnten, ein junger Mann von dunkler 
Hautfärbung und regelmässigen, zarten, fast weiblichen Zügen. 

Von den Leuten Bardais, also von der mir feindlichen Partei, 
war Niemand erschienen. Diejenigen, welche Verbindungen mit 
ihnen unterhielten, brachten aber die Nachricht, dass sie entsprechend 



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320 



II. BUCH, 4. KAPITEL. REISE NACH BARDAI. 



ihrem feindseligen Gcbahren des vorhergehenden Abends ihr Recht 
aufrecht hielten, keinen gemeinschädlichen Fremden in ihrem Thale 
zu dulden. Sie behaupteten, dass sie keineswegs Tafertemi zuge- 
stimmt hätten, mich zum Besuche Bardafs einzuladen, und verlangten, 
dass ich, wenn ich hinlängliches Eigenthum bei mir führte, ausge- 
plündert und meinem Schicksale überlassen, wenn ich aber Nichts 
mehr für sie hätte, zu meiner Bestrafung, zur Abschreckung für 
Fremde und zu ihrer eigenen, religiösen Krbauung umgebracht 
werden solle. 

Der aristokratische Ursprung der Wortführer meiner Partei 
brachte den natürlichen Antagonismus zwischen den eigentlichen 
Tubu Rcschäde und den Leuten von Bardai mit ihrer friedlichen 
und unrühmlichen Erdarbeit und ihrer vulgären Herkunft zum ver- 
schärften Ausdrucke, und sie licsscn den letzteren die höhnische 
Aufforderung zugehen, doch mit den Waffen in der Hand zu kommen 
und mich mit Gewalt zu nehmen. So wenig Ernst es ihnen nun 
auch mit diesen Worten sein mochte, denn ich glaube nicht, dass 
sie jemals um ein so unlauteres Object, als ein Christ in ihren Augen 
war, einen Speerwurf mit ihren Brüdern ausgetauscht haben würden, 
so entsprach doch Niemand dieser Aufforderung, sondern man be- 
gnügte sich, durch Bearbeitung des Häuptlings auf minder gewalt- 
samem Wege zum Ziele zu gelangen. 

Dieser hing, wie ich bald begriff, besonders augenblicklich im 
Beginne der Dattelernte, sehr vom guten Willen der Leute von 
Bardai ab. Er war arm und erwartete vom Wohlwollen jener, nicht 
nur während seines Aufenthaltes in ihrem Thale ernährt zu werden, 
sondern noch eine Winterprovision zu empfangen. Seine Armuth 
bei der hohen Würde, die er bekleidete, licss ihn versuchen, die 
seltene Gelegenheit ausserordentlichen Gewinnes mit grösstcr Rück- 
sichtslosigkeit und rafTinirter Habsucht auszubeuten. Nur diese Ab- 
sicht hatte ihn bestimmt, mich trotz des Widerspruches der Herren 
des Thaies, die kein Interesse hatten mich bei sich zu sehen, da sie 
wohl wussten, dass ihrem Plebejerthume Nichts von der Beute meiner 
Habe zufallen würde, lügnerischer Weise einzuladen; jene hatten in 
der That nie ihre Zustimmung gegeben. Um aber mein Kommen 
zu sichern, ja gewissermassen zu erzwingen, hatte er Bü Zeid halb 
gewaltsam zurückgehalten und seinen Freund Gordoi geschickt. Jener 
hatte sich in diese verrätherische Rolle gefügt, und so kam es, dass 



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VERHALTEN TAFERTEMl's. 



321 



im entscheidenden Momente meiner Ankunft beide, Dardai und 
Murabid, sich der Einmischung in die Ereignisse enthielten. Tafer- 
temi war ein alter Mann, und die Regierung von Fezzän würde ihn 
sicherlich nicht meiner Ermordung wegen in seinen heimathlichen 
Bergen beunruhigt haben. Doch für Bü Zeid würde mein gewalt- 
sames Ende ein bedenkliches Ereigniss gewesen sein, und hatte sich 
dasselbe gar in seiner Gegenwart vollzogen, so hätte er sich nicht 
wieder vor seinem spcciellen Chef, dem Hadsch Dschäber, und dem 
Hadsch Brähim Ben Alüa sehen lassen dürfen. 

Das erste Erforderniss war, über Haltung und Meinung Tafertemi's 
klar zu werden. Er sei, berichtete man, in der Nacht zurückgekehrt 
— ich glaube, er war stets in seiner Behausung gewesen und 
erwarte die Gesellschaft der Mainas, um über den nie dagewesenen 
Fall eines Christenbesuches und die zu nehmenden Maassrcgeln Rath 
zu pflegen. Als sich die ganze Gesellschaft zu ihm verfügt hatte, 
klagte er über heftiges Unwohlsein und bat sie, am Abende wieder 
zu kommen, konnte sich aber nicht versagen, den Gefühlen der 
Kränkung, die er durch Arämi in seiner fürstlichen Würde erfahren 
habe, indem derselbe mich ihm entzogen und selbst mit Beschlag 
belegt habe, einen bitteren Ausdruck zu verleihen. Die Erklärung 
Arämi's, dass er mich unmöglich in seines königlichen Vetters Ab- 
wesenheit der Wuth einer mehr oder; weniger trunkenen Volksmenge 
habe aussetzen können, befriedigte ihn keineswegs, sondern kränkte 
ihn noch mehr, indem sie anzudeuten schien, dass sein Ansehen nicht 
hinreiche, Gästen durch ihre Aufnahme in seine Wohnung und durch 
die Gegenwart seiner Frau hinlängliche Sicherheit zu gewähren. Beide 
schieden in Unfrieden, und auch am Abend konnten die Verhand- 
lungen nicht wieder aufgenommen werden, da das Unwohlsein des 
hochbetagten Dardai sich noch verschlimmert hatte. 

Als Arämi nach Hause kam und mir über die vergeblichen Be- 
mühungen, seinen hohen Verwandten zu versöhnen, berichtete, stellte 
er mir anheim, ob ich weiter in seinem Schutze verbleiben, oder zu 
jenem übersiedeln wolle. Der letztere Gedanke Hess mich schaudern; 
weder das, was ich über die Häuptlingswürde in Tibesti und die 
damit verbundene geringe Macht im Allgemeinen, noch das, was ich 
über die Persönlichkeit Tafertemi's im Besonderen erfahren hatte, 
Hess mir den Gedanken auch nur erträglich erscheinen. 

Seine Armuth gab ihn ganz in die Hände der Leute von Bardai 

Nachtigal. I. 21 



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JJ22 II. BUCH, 4. KAPITEL. REISE NACH BARI) M. 

und Hess ihn eifrig nach jeder Gelegenheit zur Bereicherung streben. 
Seine geistige Befähigung hatte ihn nie zu einem gesuchten Rath- 
geber und zu einem geschätzten Schiedsrichter gemacht; durch 
kriegerischen Sinn hatte er sich ebenfalls nie ausgezeichnet, und, 
obgleich er jetzt häufig den kindischen Eigensinn des Alters 
zeigte, so war er doch im Grunde von bedauerlicher Schwäche des 
Charakters. 

Gegen mich nahm er einstweilen Partei, nicht sowohl wegen der 
Verletzung seiner Hauptlingswürde durch Arami, die er nur zum Vor- 
wande nahm, sondern weil er seine materiellen Interessen geschädigt 
glaubte. Er war uberzeugt, dass ich, abgesehen von den Abgaben, 
welche die Kdelleute des E. Zuär von mir erzwungen hatten, jenseits 
der Berge von Arami, Gordoi, Kolokömi, Bü Zetel und Anderen gründ- 
lich ausgeplündert sei. Die mir feindliche Partei nährte diesen Arg- 
wohn aufs Eifrigste, während Arami und die Uebrigen ebenso 
entschieden leugneten, ausser den orriciellcn Geschenken und den in 
Eezzän stipulirten Honoraren das Geringste erhalten zu haben. Mir 
selbst hatte mein Hauptbeschützer zu verstehen gegeben, dass die 
geringste Indiscretion meinerseits über diesen Punkt ein Aufhören 
seines Schutzes zur Folge haben werde Noch hatte übrigens Tafer- 
temi die Hoffnung nicht aufgegeben, Schätze aus mir herauszupressen, 
und wenn er eine feindselige Stellung mir gegenüber einnahm/so stimmte 
nicht etwa mit den Leuten von Bardai für meinen gewaltsamen Tod, 
sondern er weigerte sich nur, sein Gewicht für mich in die Wag- 
schale zu legen, um mich auf diese Weise zur Herausgabe dessen, 
was ich nach seiner Ansicht besitzen musste, zu zwingen. Als er 
am zweiten Tage nach unserer Ankunft etwas wohler geworden war, 
erklärte er einfach, dass er sich meiner Person, nachdem Arami und 
Genossen mich ausgeplündert hatten, und nachdem ich seinem Schutze 
und seiner Leitung, denen ich durch die Briefe der Eezzäner Regie- 
rung und des Hädsch Dschäber anvertraut sei, entsagt habe, nicht 
mehr annehmen könne; wir konnten allein sehen, wie wir mit den 
Leuten von Bardai fertig würden. Meine von Arami angebotene 
Auslieferung wies er, da ich bereits ausgebeutet sei, zurück; dieselbe 
würde ihm auch zu meiner Ernährung Opfer auferlegt haben, die 
über seine Kräfte gingen; für mich aber wäre sie einem langsamen 
Hungertode gleichgekommen. Genug, es konnte keine Einigung mit 
ihm erzielt werden, und wenn er sich auch scheinbar mit Arami per- 



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ÖFFENTLICHE! BERA l'HUNC'.F.N I BER MEIN SCHICKSAL. 323 

sönlicli aussöhnte, so behielt er doch seinen Groll gegen ihn wie 
gegen mich. 

In der Erwartung einer Einigung hielten die eigentlichen Tubu 
Rcschäde tagliche Herathungen vor meinem Zelte, oder vielmehr vor 
dem Hause Arami s. Das ganze ungewöhnliche ^reigniss gab ihnen- 
die Gelegenheit zu einer gewissen Aufregung und Geschäftigkeit 
und war ihnen gewiss eine angenehme Unterbrechung ihres ein- 
förmigen, arbeitlosen und pflichtenarmen Daseins. Man versammelte 
sich mit Sonnenaufgang, und er>t, wenn die Sonnenstrahlen ihnen 
unerträglich auf die Köpfe brannten, wurde die Morgenberathung ge- 
schlossen. Nach dein Asser (etwa 4 Uhr Nachmittags) begann der 
/.weite Medschelis (Rathsversammlung) , und oft kehrten die dem 
Wortkampfe ergebenen Mitglieder erst am späten Abend heim. 

Wenn es auch nicht angenehm war, die verhängnissvollen Even- 
tualitäten, von denen ich bedroht war, entwickeln und discutiren zu 
hören Bin Mohammed war mein getreuer Dolmetscher und wurde 
nicht selten in die Discussion hineingezogen und also mein Ver- 
theidiger , so gehörten doch anfangs die Thcilnehmer an diesen 
Berat hungen sämmtlich der mir günstig gestimmten Partei an. Ent- 
weder hatte ich ihnen gegeben, oder sie hofften durch ihre freund- 
lichen Gesinnungen oder durch ihre nahen Beziehungen zu Arämi 
oder Bü Zeid noch Etwas zu erhalten; denn die Ueberzeugung, dass 
ich wirklich so wenig besässe, als ich behauptete, wollte keinen Ein- 
gang bei ihnen finden. Anfangs handelte es sich weniger um meine 
Person und die Bestimmung über dieselbe, als um die Regulirung 
ihres Verhältnisses zum Sultan und zu den Leuten von Bardai. Als 
sich die Gemüther einigermassen beruhigt hatten, wurden auch wohl 
die edleren Vertreter der letzteren mit zur Berathung gezogen; doch 
eine Einigung konnte nicht erzielt werden, da die Grundbedingung 
für dieselbe meinerseits, Geld oder Geldeswerth, fehlte. 

Die Verhandlungen hatten durchaus keinen gemüthlichen Cha- 
rakter. Mit ernster Miene und Stimme begrüssten sie sich beim 
Beginne, welche Ceremonie hier unter Leuten, die sich alle Tage 
sahen, eine viel kürzere war, als ich sie auf der Reise zu be- 
schreiben Gelegenheit hatte. Man reichte sich einfach die Hand, 
fragte nach dem Befinden durch „Killahäni", bot sich die Tages 
zeit mit „Dogesoläha (Frage, die man während der ersten Hälfte 
des Tages an den Begegnenden richtet) «»der mit „Entoguddcni" 



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324 II. MUCH, 4. KAPITEL. REISE MACH BARDAV. 

(Gruss, der dem Nachmittage zukommt) und erhielt unveränderlich 
auf diese Fragen die Antwort „Killaha" oder „Laha" ohne dass die 
endlose Tonleiter von „Ihilla" den Act verlängerte. Dann hockte 
Alles ordnungslos nieder, Niemand leitete die Debatte, und Jeder 
suchte seiner Ansicht mit einem merkwürdigen Aufwände von Schlau- 
heit und einer bewunderungswürdigen Redegewandtheit Ausdruck 
und Geltung zu verschaffen. Oft entstand ein wirres Durcheinander, 
aus dem nur Eingeweihte die Einzelheiten auffassen konnten, und 
das sich natürlich nicht verdolmetschen Hess, bis dann ein durch 
aristokratische Geburt und personliches Ansehen Berechtigter die 
Discussion für kurze Zeit beherrschte. Sorgfältig entfernte er dann 
den Tabaksbrei, den er in der einen Backentasche oder unter der 
Zunge hielt, indem er ihn auf seinem sauberen Wurfeisen oder auf 
einem platten Steine zu weiterer Benutzung aufbewahrte, und ent- 
wickelte nach der Eingangsformel „Mäzin (d. h. hört!) einen Rede- 
fluss, der ihn zum geborenen Advokaten stempelte. Dabei blieben 
Züge und Haltung unbewegt; kein wechselnder Ausdruck, keine 
Gesten entsprachen dem Wechsel vollen Inhalte der Rede und suchten 
ihm Nachdruck zu geben. Das Auge, diesen ,, Spiegel der Seele", 
bohrte er dabei entweder vor sich in den Sand, in dem er mit den 
Fingern die verschlungensten Zeichnungen zu machen ausschliesslich 
beschäftigt schien, oder auf die Steinchen vor ihm, die er zu kunst- 
vollen Fi'guren ordnete, oder er liess den Blick ziellos in die Ferne 
schweifen, ohne äusserlich auch nur eine Spur zu verrathen von dem, 
was in ihm vorging. 

Oft trat die meine Person betreffende Angelegenheit in den 
Hintergrund gegenüber Vorkommnissen innerhalb ihres eigenen Ge- 
meinwesens, die ein zwingenderes Interesse hatten. Auch aus diesen 
schöpften sie reiche Gelegenheit, ihre sophistische Casuistik und 
ihren dialektischen Scharfsinn zu üben und zu zeigen. Sobald es 
sich um ihre nächsten Interessen handelte, ergingen sie sich in ihren 
Discussionen nicht allein in Spitzfindigkeiten und Nebenfragen, um 
die Hauptsache in den Hintergrund zu drängen, sondern basirten 
ihre Argumentation auf bewusste Trugschlüsse, auf ein eigensinnig 
und gewaltsam verdrehtes Rechtsbewusstsein. Jeder hielt mit äusserster 
Zähigkeit an seinen Scheingründen und eigenwillig verdrehten Auf- 
fassungen fest; Niemand schien eine andere Norm für seine Meinung 
zu haben als den Egoismus, oder eine andere Richtschnur Pur seine 



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REDEGEWANDTHEIT UND SOPHISTIK DER TUI1U. 1125 

Handlungsweise als die Habsucht; Niemand schien Billigkeit zu 
kennen, sondern höchstens starres Recht, das seine Selbstsucht ihm 
verschroben darstellte; Gutmüthigkeit schien nicht zu existiren, nur 
Eigensinn und Rachsucht. Diesen Gefühlen ordneten sie augen- 
scheinlich jedes Raisonnement unter; ihnen zu Liebe fälschten sie 
vor sich selbst die eigene Ueberzeugung, verschlossen sich hartnackig 
jeder fremden Ansicht In Fragen, welche ihre eigenen Angelegen- 
heiten nicht direct berührten, waren sie verständig und urtheilsfähig; 
sobald diese aber in Betracht kamen, war es mit ihrem guten Willen 
und' ihrem klaren Urthcil vorbei. 

Wenn es schon trostlos war, sie in der Discussion über ihre 
eigenen Angelegenheiten zu beobachten, so war es geradezu zum 
Verzweifeln, selbst darin verwickelt zu sein .und von dem Ergebnisse 
derselben abzuhängen. Ist der Umgang mit Arabern ihrer Doppel- 
züngigkeit, ihres Mangels an Aufrichtigkeit wegen oft unerfreulich, so 
war der Verkehr mit den Tubu Reschäde geradezu unheimlich; bei 
jenen bricht wenigstens immer ein gewisses Anstandsgefühl, oft eine 
hohe Generosität durch, bei diesen fand ich stets das Gegentheil. 

Im Beginne der Versammlung hocken Alle zusammen, wenn 
auch ohne Ordnung, so doch nahe bei einander. Bald jedoch, sobald 
hin und wieder, für und gegen Etwas gesprochen worden ist, lockt 
Jemand, der eines gewissen Ansehens geniesst, einen oder den andern 
unbedeutenderen Gegner bei Seite und sucht ihn zu seiner Ansicht 
hinüber zu ziehen und seine Hauptgegner zu isoliren. Ein Anderer 
thut dasselbe, und bald sieht man die ganze Versammlung in Gruppen 
aufgelöst, von denen nach und nach diese und jene wieder zum 
Centrum zurückkehren. Die einfachsten Gegenstande behandeln sie 
in dieser Weise; sie schleichen zu Zweien oder Dreien bei Seite und 
flüstern stundenlang, so dass der Uneingeweihte glauben muss, es 
handle sich um etwas Grosses, Geheimnissvolles, das man sich aus- 
zusprechen scheue. Wie oft ward ich in neue Bestürzung versetzt, 
wenn ich den alten Qatrüncr wieder und wieder von Freund und 
Feind zu diesen intimen Berathungen bei Seite geschleppt sah, 
und wie oft handelte es sich dann glücklicherweise nur um ein Paar 
Nähnadeln, um ein Stück Schasch zum Turban oder ähnliche unbe- 
deutende Gegenstände! So dehnten sie auch mit Vorliebe ihre Ver- 
handlungen auf die Nacht aus, die ihrem heimlichen Wesen besonders 
zusagt. Wenn mich die bittere Sorge und die Kuhle der Nacht 



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32ß 



II. BICH, 4. KAI'ITKL. KKISK NACH HAKDAf. 



schlaflos zum Zelte hinaustrieb, sah icli noch bis tief in die Nacht 
hinein ihre leichten Gestalten hin und her huschen, um in irgend 
einer Angelegenheit Bundesgenossen zu suchen, Coalitionen zu bilden, 
Vergleiche zu Stande zu bringen. 

Wenn die Freunde und Verwandten meiner Hegleiter scheinbar 
uneigennützig meine Partei ergriffen hatten, so traten allmählich die 
Speculationen, welche sie auf ihrer Haltung basirt hatten, mehr zu 
Tage. Dieser und jener kam, um grosse und kleine Ansprüche 
geltend zu machen, der Angesehene durch Arämi oder Gordoi, der Ple* 
bejer durch Hui Mohammed, der scheinbar Berechtigte durch Bü Zei'd. 
Durch die werthloseren Gegenstände, die mir noch zu Gebote standen, 
suchte ich den Ansprüchen einigermassen gerecht zu werden, doch 
das beruhigte nur für Augenblicke und veranlasste im Gegentheil 
neue Anforderungen. Lange konnten sie sich nicht mehr darüber 
tauschen, dass der Stand meines Vermögens in der That meinen 
Aussagen vollständig entspreche, und ihre Enttäuschung musste ihren 
Abfall von meiner Person nach sich ziehen. 

Es war in der That merkwürdig, diese zerlumpten, mit ausserstcr 
Armuth und beständigem Hunger kämpfenden Tubu die unver- 
schämtesten Ansprüche in scheinbarem oder wirklichem Glauben 
an ihr Recht erheben zu sehen. Ich hatte dem Dardai einen rothen 
Tuchburnus, eine sudanische Indigotobe, zwei tunisische Tarbiisch s 
mit Turban und eine FÜta zum Geschenke gemacht, und er benahm 
sich, als ob er Nichts empfangt n hatte. Sämmtliche Grossen des 
Landes hatten rothe Tuchburnusse und verschiedene Kleinigkeiten 
erhalten, und während sie aus eigenen Mitteln kaum im Stande 
waren, sich ein einfaches Baumwollenhemd zu scharten, aber jeden 
Burnus gegen ein Kameel austauschen konnten, sprachen und han- 
delten sie grade, als wenn sie die unscheinbarsten Dinge empfangen 
hätten, und Manche gaben nicht undeutlich zu verstehen, dass ihre 
aristokratische Wurde eigentlich durch meine bescheidenen Geschenke 
geschädigt worden sei und also einer materiellen Reparatur bedürfe. 
Die Wohlwollendsten von denen, die empfangen hatten, bewunderten 
meinen naiven Muth und meine Unverständigkeit, mit so geringen 
Mitteln unter ihnen zu erscheinen. Jeder glaubte sich dem Anderen 
gleich oder überlegen, Viele aus besserem Blute, als das Staatsober- 
haupt. Es war erstaunlich, wie viele Verwandte und Abkömmlinge 
der privilegirten Aristokraten im Verhältnisse zu dem spärlich ver- 



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M.I.M All I.ICH KK AUF AI I. MKINKK FKLCNOE. 



tretenen gemeinen Volke existirten. So glaubte Jeder die Ansprüche 
des Grössten erheben zu dürfen, und die Grössten wiederum glaubten 
mehr verlangen zu müssen, als alle Andern. 

Schon wurde Mancher bei dem geringen Erfolge seiner Spc- 
culation mir gegenüber schwierig; das Murren wurde auch in den 
Reihen meiner Partei laut und lauter. Dass ich ein unberechtigter 
Eindringling in ihr Land sei, hatten auch die Wohlwollendsten nicht 
geleugnet ; mit der Zeit ward ich allmählich als öffentlicher Feind an- 
gesehen. Diese allgemeine Stimmung richtete sich zunächst gegen 
Kolokömi, ohne den ich das Land nicht betreten haben würde. 
Sein Helfershelfer BÜ Zeid stand Tibesti ferner und hatte nicht die 
gleichen Verpflichtungen; doch dass jener, ein durch Geburt und 
Persönlichkeit unbedeutender Maina, es gewagt hatte, mich ins Land 
zu fuhren, und zwar in einem Zustande, welcher der allgemeinen 
Habsucht so wenig Nahrung bot, nachdem er selbst das Fett abge- 
schöpft hatte, das konnten ihm weder Fürst noch Volk verzeihen. 
Die öffentliche Stimmung wurde so drohend, dass er flüchtig wurde. 
Wenn auch sein geringes Ansehen ihn zu keinem sehr nutzlichen 
Heistande seinen Landsleuten gegenüber für mich machte, so war er 
mir doch als Wegweiser und Besitzer der schönen Kameelstute, die 
er von meinem Gelde gekauft hatte, äusserst wichtig und zu meiner 
Abreise geradezu unentbehrlich. Seine Flucht war daher ein harter 
Sehlag für mich, der wenigstens hatte versüsst werden können, wenn 
er seinen alten Bruder mitgenommen hatte, dessen Forderung der 
versprochenen Indigotobe ich nicht gerecht werden konnte, da BÜ 
Zeid die letzte in , .meinem Interesse verausgabt hatte, ehe ich 
Bardai erreichte. 

Dabei schien sich das Unwohlsein des greisen Staatsoberhaupts 
zu verschlimmern, und man fürchtete eine Zeitlang sogar für sein 
Leben, das allerdings die gewöhnliche menschliche Grenze langst 
überschritten hatte. Die Krankheit verhinderte ihn zwar anfangs 
nicht, Tag und Nacht darüber nachzugrübeln, wie er mir die ver- 
heimlichten Schatze entreissen könne; doch als weder der ihm per- 
sönlich nahestehende Gordoi Etwas aus mir herauszupressen vermocht 
hatte, noch eine heimliche Sendung Bü Zeid s um ein Geschenk von 
sieben Maria-Theresia Thälern erfolgreich gewesen war, hing er mehr 
und mehr seinem körperlichen Leiden nach und schien ganz aufzu- 
hören, sich um meine Angelegenheit zu bekümmern. Ich horte 



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328 



II. HUCH, 4. KAPITEL. REISE NACH B ARD AI. 



zwar nie auf, Arämi und meine nächsten Freunde aufzustacheln und 
die Erlaubniss und Sicherung meiner Abreise zu fordern, doch 
ohne Erfolg; ich musste schon wenigstens den Ausgang der Krank- 
heit ihres Oberhauptes, ohne das sie, trotz seines geringen Ansehens, 
nicht handeln wollten, abwarten. 

Ein verlängerter Aufenthalt würde mir leicht und eine Quelle der 
werthvollstcn Studien und Erfahrungen geworden sein, wenn es mir ver- 
gönnt gewesen wäre, herumzuschweifen und mit den Bewohnern zu ver- 
kehren, und wenn ich nicht ausser der Langeweile noch so viel Hitze 
und Hunger hätte ausstehen müssen. Ich war an das Zelt gebannt, das 
bei einer durchschnittlichen höchsten Tagestemperatur von 40 0 C. zur 
wahren Hölle wurde, da es, wie schon erwähnt, aus einer einfachen Lage- 
Leinwand bestand und die Macht der Sonnenstrahlen nicht genug abzu- 
schwächen vermochte, und unsere Nahrung beschränkte sich ausschliess- 
lich auf Datteln, die uns Arämi Morgens und Abends in spärlicher An- 
zahl verabreichte. Von Zeit zu Zeit machte ich einige schwache Ver- 
suche, das Wohlwollen der alternden Schwester Arami's zu erwerben 
und, als ich bemerkte, dass sie für die gewöhnlichen Liebenswürdig- 
keiten nicht zugänglich war, sei es, dass ihr gesetztes Alter über- 
haupt oder die Verachtung des Christen speciell sie unempfindlich 
machte, an ihr Mitleid zu appelliren, um einer unbedeutenden Quan- 
tität der lang entbehrten Mehlspeise theilhaftig zu werden: doch 
Fatlma's Herz war das einer Tubu -Schönen , und selbst als ich die 
verständnissvollere Saite des persönlichen Interesses in ihrem Busen 
anschlug und ihr das letzte Halsband echter, wenn auch kleiner Ko- 
rallen, das mir blieb, überantwortete, erhielt ich nur barsch die 
kummervolle Antwort: „Unser Land ist kein Land des Aisch". 

Da lag vor mir das malerische Thal mit seinen anmuthigen 
Gruppen von Dattel- und Düm-Palmen, die sauberen Hütten der Be- 
wohner nur halb verbergend, mit seinen Gärten, seinem erfrischenden 
Grün und seinem köstlichen Schatten; da vollzog sich in meiner un- 
mittelbaren Nahe das Leben seiner Bewohner in Familie und Gemein- 
wesen, in Sitten und Ideenkreisen, die ich so gerne beobachtet und 
betreten hätte; und ich, auf den nackten Felsboden gebannt, der 
sengenden Sonne, dem Hunger und dunkler Besorgniss anheim ge- 
geben, konnte mich nur in stiller Resignatfon üben. 

Zwei Mal wagte ich, mich auf Momente dieser ertödtenden und 
entmutigenden Gefangenschaft zu entziehen; doch beide Versuche 



! 



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HITZE, HUNGFR, STEINIGLNG. 



3SJ0 



lehrten mich in sehr eindringlicher Weise, dass die Aussenwelt noch 
grössere Unannehmlichkeiten für mich berge als das traurige Zelt. 
Das eine Mal wollte ich die Zeit der grössten Tageshitze, in welcher 
sich die Tubu ruhiger in ihren Wohnungen hielten, als selbst zur 
Nachtzeit, benutzen, um einmal zur Siesta des verlockenden Schattens 
zu geniessen, den mir eine nur wenige hundert Schritte entfernte, 
reizende Palmengruppe winkte. Auch frisches Wasser sollte dieser 
Platz bergen, und so schlich ich, mit einer Trinkschale versehen, zu 
dem seltenen Genüsse. Mit Wollust streckte ich mich in den reinlichen 
Sand und hielt den ersten wirklich erquickenden Mittagsschlummer; 
leider wurde ich in sehr unerfreulicher Weise aus demselben aufge- 
schreckt. Ein junges Mädchen von 12 bis 14 Jahren hatte mich er- 
späht, schnell gleichaltrige und jüngere Genossen und Genossinnen 
zusammengclockt und begann mit diesen einen so energischen An- 
griff mit Steinwürfen auf mich, dass ich an schleunigen Rückzug 
denken musste. Hin kurzer Versuch, der Anführerin begreiflich zu 
machen, dass ich ihr gegenüber von Nichts weniger als feindseligen 
Gefühlen beherrscht sei, erweckte durchaus keine zarteren Regungen 
in ihrem jugendlichen Herzen, sondern wurde mit einem Wurfe be- 
lohnt, dessen Folgen ich für manche Tage spürte. Die Kinder 
schleuderten mit einer solchen Kraft und Geschicklichkeit so ansehn- 
liche Geschosse, dass ich bei grösserer Entfernung meines Zufluchts- 
ortes ernstliche Besorgnisse hatte hegen müssen. So kam ich mit 
zahlreichen Contusionen davon, deren Schmerzen mich während der 
nächsten Zeit in jedem Augenblicke daran erinnerten, wie machtlos 
und abhängig ich war. 

Das andere Mal wollte ich, als ich fast alle männlichen Ein- 
wohner bei einem gemeinsamen Feste und die übrigen durch die 
Mittagszeit in ihren Hütten zurückgehalten glauben konnte, einen 
Brunnen ganz in der Nähe unseres Lagerplatzes in Bezug auf seine 
Tiefe untersuchen. Kaum hatte ich ihn erreicht, so war auch hier 
die hoffnungsvolle Jugend wieder da und griff mich unter dem lauten 
Kriegsgeschrei: „auf den Heiden! auf den Heiden! mit den oben 
erwähnten Waffen und gleicher Energie an. Zu der Gefahr der 
Steinigung kam hier noch ein laqbitrunkencr Mann mit seinem Wurf- 
eisen, der, angefeuert durch die Kampfcswuth der Kinder und den 
genossenen Alkohol und ermuthigt durch meinen Rückzug, den ich 
so würdevoll als möglich auszuführen bestrebt war, von seiner Waffe 



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330 



II. lit'CHj 3. KAPITEL« REISK NAC II i: \RD\T. 



Gebrauch machen zu müssen glaubte. Glücklicherweise hatte ihm 
der Palmenwein Auge und Hand unsicher gemacht, so dass ich mit 
einem „Flachen" davon kam und unbeschädigt meinen Zufluchtsort, 
oder vielmehr mein Gefängniss, erreichte. 

Der Sultan blieb länger als eine Woche krank. In den Stunden 
leidlichen Befindens beschäftigte er sich natürlich, wie alle Welt, mit 
meiner Angelegenheit, doch leitler nur, insoweit er noch möglicher- 
weise Vortheil aus ihr ziehen konnte. Da ich seinen öffentlichen 
und geheimen Emissären stets der Wahrheit gemäss alle Schätze ab- 
leugnete, so ging mit der Hoffnung, Ktwas von mir erpressen zu 
können, auch der letzte gute Wille verloren, mich auf den sicheren 
Rückweg zu bringen. Arilin i seinerseits wurde es allmählich müde, 
fünf Personen zu ernähren, denn wenn wir auch nur Datteln erhielten, 
und er verhältnissmässig gut situirt war und wohl wusste, warum er 
mir gab, so war es eben doch für einen Bewohner Tibesti s ein un- 
geheures Opfer, dies wochenlang fortzuführen. Dazu sassen seine 
Frau und Kinder zu Gabön ohne hinlängliche Vorräthe. und ein 
Regen hatte plötzlich das Flussbett seines Thaies in einen reissenden 
Strom verwandcll und ihm achl Esel fortgeschwemmt Er hielt 
trotzdem Stand und blieb seinem Versprechen, uns zu schützen und 
zu ernähren, treu, arbeitete aber um so eifriger daran, mich los zu 
werden und zwar in friedlicher Weise und unter Mitwirkung Tafertemi 's. 
Denn wie angesehen er auch war und wie selbstgefällig er auch auf 
seine Macht pochte, so war doch deutlich ersichtlich, dass er nur im 
äussersten Nothfallc und höchst ungern sich entschlicssen wurde, 
ohne Zustimmung seines fürstlichen Cousin zu meinen Gunsten zu 
handeln. Wiederholcntlich nannte er ihn ein greises Kind, unfähig, 
gehörig zu denken und zu handeln, und brach die Verhandlungen 
mit ihm ab; und immer wieder knüpfte er an und suchte zu bereden, 
bat und drängte: so gross blieb auch bei den zügellosen Tubu 
noch das Prestige des Namens DardaY trotz der damit verbundenen 
Machtlosigkeit. Oft glaubte er am Ziele zu sein und den greisen- 
haften Eigensinn gebrochen zu haben, doch stets rissen die Leute 
von Bardat und diejenigen der Tubu Reschade, die leer ausgegangen 
waren, am Morgen wieder nieder, was er Tags zuvor mühsam auf- 
gebaut hatte. 

Endlich fast 14 Tage nach unserer Ankunft in Bardal kam 
Arämi sehr befriedigt von einer Discussion mit Tafertemi zurück und 



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ZUSAMM KN K V N Fl MIT DKM DARDAY. 



meldete, dass er glaube, die friedliche Lösung sei nahe; der Dardai 
habe versprochen, den ersten Schritt der Annäherung ZU thun und 
mich am nächsten Morgen zu besuchen. Noch zweifelte ich an 
dieser lang ersehnten Wendung, als gegen Abend das erste Zeichen 
friedlicher Kenntnissnahme von meiner Person Seitens des alten 
Häuptlings eintraf: ein mächtiger Dattelzweig, der die Gastmahlzeit, 
welche seine Vermögensverhältnisse ihm nicht gestatteten, in der con- 
venablen Form des üblichen Mehlbreis zu liefern, darstellen sollte. Am 
nächsten Morgen erhob ich mich früher als gewöhnlich von meinem 
kummervollen Lager, um bei den matinalcn Gewohnheiten der Tubu 
rechtzeitig bei der Hand zu sein; die rathsberechtigten Tubu Reschade 
und Bardaier versammelten sich vollzähliger als gewöhnlich, und 
gegen Sonnenaufgang sah man das greise Staatsoberhaupt, begleitet 
von seinem einzigen Beamten, dem sogenannten Dolmetscher, heran 
kommen. Man musste gestehen, dass die äussere Erscheinung Tafer- 
temi s durchaus nichts Königliches an sich hatte. Em kleiner, vom 
Alter gekrümmter Greis, mager, mit hastigen Bewegungen, das mit 
i im.ni bescheidenen Barte gezierte, kleine, \erkniffene, faltige, massig 
dunkle Antlitz scheu bald hierhin, bald dorthin wendend, war er in 
eine blaue Tobe aus Bornü gekleidet, die durch Schmutz und defecte 
Stellen ein ansehnliches Alter verrieth, trug einen abgeblassten, faden- 
scheinigen Tarbüsch mit einem schmierigen, ursprünglich weissen 
Turban, dessen Litham-Tour lose auf die Brust herabhing, und unter- 
stützte seine in Sandalen gekleideten Küsse durch einen dicken Stab, 
der ihn selbst an Länge übertraf, und den er in der Mitte gefasst 
hielt. Sein Dolmetscher war ein zerlumptes, dunkelfarbiges, noch 
weniger Vertrauen erweckendes Individuum. Ich ging ihm mit Bu'i 
Mohammed, meinem wirklichen Dolmetscher, zur Begrüssung ent- 
gegen, sprach meine Freude aus, ihn endlich von Angesicht zu An- 
gesicht zu sehen, wonach ich mich so lange gesehnt habe, und meine 
Hoffnung, dass sich nun Alles für mich zum Besseren wenden werde. 
Seine Krankheit, von der ich hoffe, dass er vollständig genesen sei 
Gott möge seine Tage verlangern! , habe die Schuld getragen, 
dass ich in seinem Lande mehr gelitten habe, als sich mit den 
Pflichten der Gastfreundschaft vertrage. Ich sei von einer der seinigen 
befreundeten Regierung geschickt an ihn, einen mächtigen, weisen 
und gerechten König, der durch ein Menschenalter die Geschicke 
seines Landes gelenkt habe und darum weit und breit bekannt sei, 



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WJ II. MTH, 4. KAPITEL. RF.ISK NACH BARDAI. 

und habe doch seit meiner Ankunft nur Gefahr, Kränkung aller Art 
und Hunger erlitten. Ich hoffe, dass er, der die Macht habe, mich 
jetzt friedlich auf den Weg nach Fezzän bringen werde, denn meinem 
ursprünglichen Zwecke, die mächtigen Berge seines Landes und alle 
Flussthälcr zu sehen, habe ich entsagt, seit mir klar geworden sei, 
dass die Einwohner meinen Besuch nicht mit günstigen Augen an- 
sähen. Als Bill Mohammed, der dem alten Häuptling persönlich be- 
kannt war, ihm meine wohlgesetzte Rede vortrug, machte diese 
augenscheinlich nicht den geringsten Eindruck auf das verstockte 
Gemüth des zielbewussten alten Herrn. Ohne auf ihren Inhalt ein- 
zugehen, sagte er einfach durch den Mund seines Dolmetschers, der 
seine Worte nicht etwa zu meinem besseren Verständniss ins 
Arabische übersetzte, sondern nur der Tubusprache mächtig war 
sein Amt bestand nur zur Erhöhung der Würde des Dardai, der auf 
diese Weise nicht direct mit jedem Unwürdigen zu verhandeln 
hatte : „Bevor wir weiter sprechen, beantworte mir eine Frage; 
wer hat bei Deiner Ankunft in Tibesti Dein Besitzthum so verringert, 
dass Du so zu sagen mit Nichts hierher nach Bardai gekommen 
bist ? Ich muss dies wissen, denn ich bin für Sicherheit und Gerechtig- 
keit in meinem Lande verantwortlich '. Auf meine Antwort, dass ich 
nur seinen ersten Edelleuten im E. Zuär, die mir vom Hädsch Dschäber 
selbst als berechtigt genannt seien, ihr „Haqq el-Wädi" (Recht des 
Flussthals) gegeben habe, bemerkte er, dass dies durchaus unwahr- 
scheinlich sei, denn ich sei mit vier beladenen Kameelen ins Land 
gekommen Ich setzte ihm auseinander, dass eines derselben den Mund- 
vorrath, der allerdings von den hungrigen Einwohnern seines Landes 
auf Nichts reducirt sei, getragen habe, eines die Geschenke und die 
Geldwerthe, ein anderes meine persönliche Habe und meine Person, 
und das letzte die Wasserschläuche^ das Zelt und dergleichen; aber 
diese Auskunft befriedigte ihn keineswegs Er beharrte dabei, dass 
vier Kamcele eine ungeheure Kraft repräsentirten, dass es wahr- 
scheinlich sei, sie seien wohlbepackt gewesen, und dass das, was ich 
in offlciellcr Weise gegeben, keineswegs das gänzliche Verschwinden 
der Ladungen erkläre. Ich möge nur furchtlos und offen gestehen, 
wer der oder die Räuber gewesen seien, denn er sei die Macht und 
die Gerechtigkeit. Ich hütete mich wohl, die Geschenke, die ich 
Arämi und den Seinen gegeben hatte, zu erwähnen, und blieb bei 



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* 

ENTTÄUSCHUNG TAFEKTKMl's. 333 

meiner Aussage. Als er seinerseits ebenfalls bei seiner Meinung 
blieb und immer wieder darauf zurückkam, dass vier Kameele viel 
mehr getragen haben müssten, als ich zu verrechnen im Stande sei, 
so wurde ich ärgerlich und sagte ihm kurz: „ich begreife nicht, was Du 
willst; habe ich Dir nicht einen rothen Tuchburnus, eine Indigo-Tobe 
von Aföno (bei Arabern und Negern üblicher Name für Haussa), einen 
tunisischen Tarbüsch mit Turban für Dich und Deinen Sohn, eine 
herrliche Füta für Deine Frau geschenkt?! Waren das nicht eines 
Königs würdige Gaben, und hast Du nicht viel mehr erhalten, als 
alle übrigen Edelleute Deines Landes? Warum traust Du meinen 
\\ r orten nicht? Die Kameele habe ich nicht mit nach Bardai bringen 
können, weil sie zu schwach waren, die ungewohnten Berge zu über- 
steigen, und weil ich hier kein Futter für sie gefunden haben würde. 
Glaubst Du, dass ihre Ladungen ebenfalls drüben geblieben sind, 
so lass mich von Jemand auf den Weg nach Fezzan geleiten, der 
sich davon überzeugen kann, ob ich Etwas mit von hinnen nehme. 
Oder vermuthest Du, dass ich hier noch Schätze verberge ? Dort ist 
mein Zelt, das ich nicht einmal verlassen kann, ohne in unwürdiger 
Weise von Kindern insultirt zu werden, und in ihm Alles, was ich 
besitze; überzeuge Dich selbst von seinem Inhalte!" 

Die letzten W T orte waren das Einzige meiner Rede, das ihn an- 
muthete. Der praktische Mann der Thatsachen erhob sich, ohne ein 
Wort zu sagen, begab sich, gefolgt vom Dolmetscher und dem alten 
Qatrüner, in mein Zelt und nahm eine Ocularinspection seines In- 
haltes vor. Leer gähnten ihm die beiden verrätherischen Kisten ent- 
gegen, denn ihren Inhalt an einigen Büchern und meteorologischen 
Instrumenten rechnete er verachtungsvoll für Nichts, da sie keine 
unmittelbare Verwerthung zuliessen, und sonst fand er ausser der 
Matratze, die ich damals noch mein nannte, einer einzigen Bett- 
decke, und den Schiesswafifen, die ihm nicht dienen konnten, Nichts, 
gar Nichts, das sein Wohlwollen für mich hätte wieder erwecken 
können. 

Erwartungsvoll hingen Aller Augen an der Zeltöflnung. Bald 
trat der enttäuschte Greis hervor, nahm aber sonderbarer Weise keine 
Notiz von irgend Jemand, durchschritt stumm die Versammlung und 
begann sich zu entfernen. Da erhob sich Arämi und hielt hoch auf- 
gerichtet, die Lanze auf den Boden gestemmt, eine glänzende Rede. 
„Wohin gehst Du, König?" sagte er etwa; „bist Du nicht heule hier- 



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334 * 



II. BUCH, 4. KAPITEL. REISE NACH B ARO AI. 



her gekommen, damit wir endlich über das Schicksal dieses Mannes 
entscheiden, der durch Dein Zögern hier zurückgehalten wird? 
Warum lassen wir ihn nicht nach Fczzän ziehen, von wo er gekommen 
ist: Was wollen wir mit ihm machen? Ihn etwa tödten? So viel 
ich weiss, haben wir nicht die Gewohnheit, Menschenblut zu trinken, 
Wasserschlauche aus Menschenhaut zu machen oder Menschenfleisch 
7.11 essen! Und sonst hat dieser Fremdling keine Bcsitzthümcr, die 
uns reizen konnten; warum halten wir ihn also zurück? Unsere 
Brüder und Vettern wohnen in Fezzan ; dorthin rufen uns unsere 
Handelsbeziehungen; wenn wir diesen Christen, der mächtiger ist, 
als die ganze Regierung zu Murzuq, umbringen, so können wir nicht 
mehr unsere dortigen Märkte beziehen, und für den Tod dieses Einen 
fallen zwanzig der Unseren als Opfer. Ist es nicht verständiger, ihn 
ungcschädigl an seiner Person ziehen zu lassen: Sein Hab' und Gut 
hat er vertheilt und Jerike nicht gesehen; seine Kameele sind un- 
brauchbar; seine Essvorrathe haben wir aufgezehrt; den Weg kennt 
er nicht. Ohne Nahrung, ohne Wasser, ohne Wegkenntniss wird er 
in der Wüste zu Grunde gehen; aber Gott wird ihn getödtet haben, 
nicht wir. Seit seiner Ankunft in Bardai habe ich ihn und seine 
Leute ernährt; ich kann und will das nicht langer thun, sondern ver- 
lange, dass der König und die Versammlung der Edlen ihn ent- 
lassen". 

Es war eine schöne Rede, obwohl ich nicht gerade sagen kann, 
dass die Bilder, welche sie als die wahrscheinlichen und natürlichen 
Ziele meiner Feinde entrollte, oder die Perspectiven, die der Redner 
als den meinen Freunden erwünschten Ausgang hinzustellen schien, mir 
besonders zugeläclielt hätten. Doch ich erwartete immerhin einen 
grossen Findruck auf den Konig. Leider war der nüchterne Sinn 
desselben durchaus gefeit gegen derartige drastische Angriffe auf 
sein Gefühlsleben. Er ging auf keine der oratorischen Fragen ein. die 
scharf, bestimmt und gedrängt an Verstand und Gefühl der Anwesen 
den appellirten, sondern, schon ausserhalb des Kreises der Versamm- 
lung, drehte er sich nur noch einmal um und sprach mit vernichten- 
der Einfachheit: „ich habe das leere Holz gesehen und gehe nach 
Hause! Mit jener missachtenden Bezeichnung, welche die ganze 
Grösse seiner Enttäuschung entfaltete, belegte er meine armen 
Kisten. Auch Akrcmi Temidömi erhob seine im grellen Contraste 
zu seiner kurzen Person stehende Donnerstimme zu meinen Gunsten, 



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REDE ARAMl's. — RESULTAT LOSER AL'SGANll. 335 

während die Gegner zwar zahlreich waren, aber sich nicht zu einer 
wirklichen Rede, zur öffentlichen Vertheidigung einer an mir zu ver- 
übenden Gewaltthat aufschwingen konnten, sondern sich begnügten, 
die Rede meiner Beschützer häufig durch aufreizende Worte zu unter- 
brechen. „Was hat der Heide hier zu thunr! "; , .w arum so viel 
Wesens um einen Christen machen: ; ,, warum ist er mit so wenig 
Besitzthum hierher gekommen, dass nur Einzelne Vortheil von ihm 
gehabt haben:'; ,,bin ich nicht von ebenso edler Geburt als die 
Besten des Landes? "; ,,er ist als Spion in unser Land gekommen, 
das noch nie von einem Türken oder Christen betreten wurde, um 
seine Schätze zu erspähen, und wenn wir ihn nicht umbringen, so 
wird er uns verrathen und verkaufen, und unser Land werden Fremd- 
linge nehmen! : das waren die kurzen Ausrufe und Bemerkungen, 
die man von Diesem oder Jenem hörte. Doch, wenn sie in kleineren 
Versammlungen diese Gesichtspunkte ungescheut ausführlich ent- 
wickelt hatten, hier wagten sie meine Vernichtung zwar als einen 
patriotischen Act anzudeuten, aber ihre Gewandtheit im Rechts- 
verdrehen reichte nicht hin, eine solche That öffentlich zu rechtfer- 
tigen und mit den Pflichten der Gastfreundschaft in Linklang zu 
bringen Jeder hatte den innigen Wunsch, mich durch irgend einen 
Zufall, durch Meuchelmord, im Streite, oder- sonst wie verschwinden 
zu sehen, doch kaum den Muth, Arumi und andern angesehenen 
Edelleuten gegenüber meine Ermordung als eine gerechte Handlung 
zu vertheidigen. 

Dem entsprechend liess sich auch Tafeitemi nicht darauf ein, 
denen, die für mich gesprochen hatten, in sachlicher Erwägung zu 
erwidern, sondern setzte einfach seinen Weg nach Hause fort, nach- 
dem er sich noch einmal umgewendet und in verachtender Kurze 
gesagt hatte: „der Mann hat das leere Holz gebracht; ich habe 
hier Nichts mehr zu thun!" Sprach s und ward nicht mehr gesehen. 

So verlief die ganze Zusammenkunft, auf die Arumi und ich so 
grosse Hoffnungen gegründet hatten, resultatlos Mein Herz wurde 
damit recht bedrückt und hoffnungslos. Noch glaubte ich zwar nicht, 
dass man wagen werde, die in Eez/.än wohnhaften Tubu Reschade 
durch meinen gewaltsamen Tod in die grösste Lebensgefahr zu 
bringen; und wenn Giuseppe bisweilen nach stürmischer Rathsver- 
sammlung sich nach dem Resultate derselben erkundigte und seinen 
Zeigefinger mit bezeichnender Geberde um seine Kehle führend 



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336 



II. HUCH, 4. KAPITEL. REISE NACH B ARD AI. 



fragte: „Nun, ist es schon so weit?", so konnte ich immer noch 
lächelnd erwidern , dass nach meiner Ansicht uns die Geiseln in 
Fezzan sicher stellten. Doch ich fürchtete, das Interesse der Vor- 
nehmen zu verlieren, dem Hunger und Elend Preis gegeben zu 
werben und endlich in die Hände des rohen Volks zu fallen, das sich 
leicht in der Leidenschaft des Augenblicks zu einer blutigen That 
hinreissen lassen konnte. Jedenfalls war es eine Thatsachc, dass wir 
bei unserem gänzlichen Mangel an Nahrungsmitteln und bei unserer 
Unkenntniss des Weges nur mit Hülfe angesehener Männer das Thal 
würden verlassen können, und das Interesse dieser begann zu er- 
kalten. 

Das Gerücht meiner misslungenen Zusammenkunft mit dem 
Dardai setzte den Strom der Besucher wieder in Fluss, der in den 
letzten Tagen schwächer geworden war. Die Freunde der ersten 
Zeit begannen aus dem Stadium der Zurückhaltung in das der Feind- 
seligkeit überzugehen, seit sie eingesehen hatten, dass meine beharr- 
liche Abläugnung aller Schätze auf Wahrheit beruhte. Einer der- 
selben, in dem ich trotz seiner rauhen Sprache und seines barschen 
Wesens etwas ungewöhnlich Offenes und Ehrliches zu sehen geglaubt 
hatte, murrte besonders laut. Dieser war mir vom ersten Tage an 
durch den Umstand aufgefallen, dass er allein von Allen die nationale 
Beschäftigung des Tabakkauens zuweilen durch Rauchen unterbrach. 
Zu diesem Zwecke ergriff er ein längliches, grosses Verdauungs- 
produkt des Kameeis, brachte auf dem einen Ende desselben eine 
Höhlung zur Aufnahme des Tabaks an und dieser diametral gegenüber 
ein Loch in der krustenartigen Oberfläche, und schmauchte nun mit 
innigem Behagen Tabak und Kameelunrath zusammen. Ob ihm die 
letzte Cigarre, die mir geblieben war, und die ich ihm in der Heiter- 
keit über die Entdeckung des Kameelmistrauchens verehrte, besser 
schmeckte als der letztere, war nicht mit Sicherheit zu entscheiden. 

Kranke kamen zwar auch von Zeit zu Zeit, und je ängstlicher 
ich das wenige Besitzthum, das noch vorhanden war, für Arämi und 
seine Leute, an die sich meine ganze Hoffnung klammerte, hütete, 
desto mehr war ich beeifert, mir durch Spendung meines Medica- 
mentenvorraths nach allen Seiten hin Freunde zu erwerben; doch 
leider bedurfte man im Allgemeinen der therapeutischen Eingriffe 
wenig. Das Klima des Landes ist äusserst gesund ; die Excesse des- 
selben werden gemildert durch das Gebirge; die Lage ist eine ziem 



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Wl DERWARTIGE HESÜCH ER. 



337 



lieh hohe, die Luft trocken, die Lebensweise, wenn wir von dem Miss- 
brauch des Laqbi absehen, eine massige und regelmässige. Von den 
Heilmitteln erfreuten sich die Blasenpflaster noch des grössten Zu- 
spruchs. Sie entsprachen am meisten den landesüblichen äusseren 
Eingriffen, die sich fast ganz auf das Glüheisen beschranken, und mit 
wahrer Befriedigung rügten die Leute zu den zahllosen, oft kolos- 
salen Narben des letzteren noch die breiten, wenn auch oberfläch- 
lichen, der spanischen Fliege. Nächst den Blasenpflastern waren die 
Brechmittel am meisten gesucht, und bei den verschiedenen Augen- 
afTectionen konnte ich Manchem Linderung und Heilung bringen. 

Neugierde endlich und die Wichtigkeit des Ereignisses, einen 
christlichen Eindringling im Lande zu wissen, führte nach und nach 
auch die Einwohner der benachbarten Ortschaften und Thäler her- 
bei. Auch Dcrdekore, der grosse Sprecher von Zuär, obgleich er 
ursprünglich nicht hatte nach Bardai gehen wollen, erschien, um in 
der Angelegenheit seine gewichtige Stimme in die Wagschale zu 
legen. Glücklicherweise nahm er in seinem Urtheil einen höheren 
Standpunkt ein und stimmte aus der politischen Rücksicht, mit Fezzan 
in leidlichem Einvernehmen zu bleiben, für meine Entlassung. Doch 
die meisten Besucher verharrten bei den engherzigsten Anschauungen 

An einem Tage kam ein Maina aus dem Thale Marmar, der 
natürlich in seiner Ferne keinen Antheil an meinen Geschenken 
erhalten hatte, um mir, nach einem vergeblichen Versuche, einen 
VVerthgegenstand zu erpressen, ruhig auseinanderzusetzen, dass er 
dies als eine persönliche Beleidigung ansähe und sich, sobald ich 
aus den Händen Arämi s entlassen sein würde, entsprechend zu rächen 
wissen werde. An einem andern Tage erschien ein Mann königlichen 
Hlutes aus Joö, constatirte meine Armuth und zeigte mir hohnlächelnd 
an, dass er sich nach Täo begeben werde, um sich seinen Antheil 
an meiner Habe in Kameelen zu sichern. Die Leute von Abo, die 
wir auf der Hinreise sorgfältig vermieden hatten, schickten eine 
Deputation und drohten, sich dafür, dass ich nicht den gewöhnlichen 
Weg von Fezzan durch ihr Gebiet gewählt und sie demnach um 
ihren Durchgangszoll geschädigt habe, auf meiner Heimreise, wenn 
ich diese überhaupt antreten würde, blutig bezahlt zu machen. Ja, 
ein FYemdling aus Borkü erschien eines Tages, besichtigte mich und 
meinen piemontesischen Diener und suchte mit Arami wegen unseres 
Ankaufs in Unterhandlung zu treten. Er sei nicht übel geneigt, uns 

Nach.igal. I 



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338 11. BUCH, 4. KAPITEL. RfilSB NACH BARDAV. 

als Merkwürdigkeit zu acquirircn, könne freilich, da wir doch als 
Arbcitssclaven eigentlich werthlos seien, keinen hohen Preis bieten, 
wolle aber ein gutes, starkes Kameel opfern. 

Sobald ein neuer Besucher kam, gerieth ich in stille Wuth; 
ich wusste im Voraus, dass ich nur Unangenehmes hören würde. 
In der ganzen Zeit meines gezwungenen Aufenthaltes in BardaY sah 
ich nur ein einziges Individuum, das aus reinem Mitgefühl mit meiner 
unerquicklichen Lage, ohne Speeulation auf einen persönlichen Vor- 
theil, für mich einzutreten suchte. Kr war aus einer der Ortschaften 
des Bardai- Thaies und führte sich eines Tages mit einigen Wasser- 
melonen bei mir ein, indem er in rührender Einfachheit auseinander 
setzte, dass er in seinem Dorfe von dem Christen gehört habe, der, 
nachdem er gezwungener Weise sein Besitzthum fortgegeben habe, 
Hunger leiden müsse, gewaltsam zurückgehalten werde und dazu noch 
seine Feinde von ihren Krankheiten heile, und da habe er gedacht, 
es müsse demselben doch Vergnügen machen, einige Früchte aus 
seinem Garten zu haben. Da er ein ziemlich angesehener Mann war, 
begab er sich sodann zu Tafertemi und sprach dort, wie ich erfuhr, 
energisch für meine Freilassung. Ich war zwar unmittelbar gerührt 
über das ungewöhnliche Zeichen von Mitgefühl, konnte aber meine 
Zweifel an der Aufrichtigkeit desselben nicht unterdrücken und 
wartete von einem Tage zum andern auf die Entwicklung des ego- 
istischen Motivs, das dem anscheinenden Edelmuthe zum Grunde 
läge; doch obwohl er mir einen zweiten, durch dieselbe erquickende 
Gabe verannehmlichten Besuch abstattete, äusserte er keinen Wunsch, 
kein Verlangen, und seine isolirte , wohlthuende Erscheinung ist mir 
durchaus rein und unverdunkclt in dankbarer Erinnerung geblieben. 

Auch die Frauen und Kinder kamen mit der Zeit nicht selten, 
um ihre Neugierde zu befriedigen. Ich empfing anfangs ihre Besuche 
gern, da ich trotz der jugendlichen Schönen, die mich hatte steinigen 
wollen, und seitdem meine enragirte Feindin geblieben war, im Allge- 
meinen bei ihnen sanftere Gefühle und grössere Harmlosigkeit vor- 
aussetzte, und da ich von jeher ein grosser Kinderfreund gewesen 
war. Die Frauen waren von derselben hochgradigen Magerkeit, wie 
die Männer, und hatten meist regelmässige, doch oft allzu scharf 
geschnittene Züge. Die Entwicklung und die Form ihrer Nasen, die 
im Allgemeinen ansehnlicher zu sein schienen, als bei den Männern, 
und sich bisweilen zu aquiliner Form aufschwangen, trennte sie 



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t'ND ANKRARK.EIT DER KR AUEN l*Nl> KIN1 >KR. 



von dem gewöhnlichen Negertypus. Ihre Magerkeit, ihre scharfen 
Züge, ihr männliches Wesen nahmen ihnen den Reiz der Weiblich- 
keit, und Messen mir ihre Gesichter, wenn dieselben auch noch so 
regelmässig waren, niemals ansprechend und gefällig erscheinen. 
Vielleicht war es auch nur der fatale, nicht wegzuwischende Tubu- 
Ausdruck, welcher mich hinderte, sie hübsch zu finden. 

Leider gelang es mir aber ebenso wenig, im schönen Geschlechte 
und in den unschuldigen Kindern freundschaftliche Gefühle zu wecken, 
als bei den Männern. Hatten einige Kinder ihre anfangliche Furcht 
hinlänglich besiegt, um bis in meine unmittelbare Nähe zu kommen, 
und hatte ich sie dann gehätschelt und mit ihnen gespielt, wie man 
mit Kindern zu thun pflegt, ihnen etwas Zucker geschenkt, so lange 
noch eine Spur davon vorhanden war, oder einige Nähnadeln, für 
welche sie eine grosse Vorliebe zeigten, so versuchte ich wohl, sie 
einige Schritte weit zu begleiten. Doch kaum hatte ich dann, vorsichtig 
in Folge der früheren Frfahrungcn, den Rücken gewendet, um die 
freudlose Stätte, an die ich geschmiedet war, wieder aufzusuchen, so 
warfen diese kleinen Schurken, offenbar schon Verräther vom Mutter- 
leibe her, die Maske der Unschuld ab, und ihre Steinwürfe kränkten 
dann mein Gcmüth in seinem Glauben an die Menschheit mehr, als 
sie meinem Körper wehe thaten. 

Eines Tages kam eine Schwester oder doch nahe Verwandte 

Tafertemi s, um mich wegen eines chronischen Lungenkatarrhs zu 

consultiren. Ich belud sie förmlich mit Mitteln aus meinem kleinen 

therapeutischen Vorrathe, schon ihrer hohen Verwandtschaft wegen. 

Sollte man es glauben, dass die dankbare Dame unmittelbar nach ihrer 

Kntfernung, noch unter meinen Augen, eine Bande von fünfzehn bis 

zwanzig Knaben zu einem Angriffe auf mein Zelt organisirte und 

in der Nähe Platz nahm, um sich an diesem Schauspiele zu weiden? 

Den jugendlichen Tubu, von denen die meisten in den Flegeljahrcn 

waren, sagte dieses Spiel natürlich ausserordentlich zu. Wir durften 

uns nicht vertheidigen, um durch einen Kampf gegen Kinder nicht 

unsere Würde zu schädigen; Arämi war über Land gegangen, und 

selbst seine Schwester Fätima augenblicklich abwesend. Das Zelt 

konnte den Geschossen so grosser Jungen unmöglich Widerstand leisten, 

und ich weiss in der That nicht, was daraus geworden sein würde, wenn 

nicht Hü Zeid und der ältere Bruder Kolokömis zufallig gekommen 

wären und die jugendliche Bande in die Flucht geschlagen hätten. 

82« 



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II. BUCH, 4. KAPITEL. REISE NACH BARDAI. 



So schlichen die Tage in ertödtender Langsamkeit, unter Sorge 
und Aerger dahin. Wenn die Sonne des Morgens am klaren Himmel 
aufstieg über der lieblichen Scenerie des Thaies, begann die Tages- 
qual. Dann kamen halbe Freunde und ganze Feinde, um mich durch 
die Hirnlosigkeit ihrer Raisonncmcnts zu ärgern, durch schlechte Nach- 
richten zu entmuthigen oder durch grausame Reden zu kränken. Die 
Hitze im Zelte wurde immer unerträglicher wir näherten uns dem 
Ende des Monats August — , und der Hunger immer quälender. Die 
Tagesmahl zeit, welche nicht nur zur Befriedigung des letzteren diente, 
sondern unter den obwaltenden Verhältnissen den Reiz einer zeit- 
ausfüllcnden, genussreichen Beschäftigung gewann, obgleich sie nur 
aus oft recht schlechten Datteln bestand, blieb bald nach dem Be- 
suche des Dardai meistens aus, da das Opfer meinem Beschützer 
allmählich zu gross erschien. Anlmi ging seinen Geschäften nach 
und erschien oft erst Abends lange nach Sonnenuntergang mit dem 
ersehnten Körbchen, und der Hunger verscheuchte sonach häufig den 
Mittagsschlummcr, der mir sonst zuweilen den endlosen Tag. gekürzt 
und mich durch kurze Träume aus der trüben Umgebung in glück- 
lichere Verhältnisse versetzt hatte. Das schmutzige Wasser, das uns 
zu schöpfen erlaubt war, wenn Niemand sich in der Nähe befand, 
war vielleicht zu Ende gegangen; doch noch war die Umgebung zu 
belebt, als dass meine Diener, welche als Christensclaven kaum weniger 
rohen Schmähungen und körperlichen Gewaltthätigkeiten ausgesetzt 
waren, als ich selbst, den Vorrath zu erneuern gewagt hätten, und 
zu Hitze, Hunger, Kummer und Langeweile kam wohl noch der 
Durst. Endlich neigte sich die Sonne, und alle unsere Hoffnung 
concentrirte sich auf die Nacht. Dann musstc Arämi heimkommen, 
sicherlich brachte er Datteln, vielleicht auch Nachrichten; wollte Gott, 
dass es günstige wären! Dann konnte ich mein Gefangniss verlassen 
und in der Abendkühle, wie ein wildes Thier im Käfig, in der 
nächsten Umgebung des Zeltes hin und her gehen, um meinem 
Körper einige Bewegung zu verschaffen, und endlich brachte der 
Schlummer der Nacht Ruhe und Frieden für kurze Stunden. Dies 
war der traurige Kreislauf unseres Lebens fast einen Monat hindurch. 
Ach, wie lang erschien mir derselbe! 



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Fünftes Kapitel. 

FLUCHT AUS BARDAI UND RÜCKKEHR NACH 

FEZZÄN. 

Verhalten Bü Zeids. — Ratlose Thätigkcit Arämi's. Plan zur Flucht. — Ankunft 
der Tubu-Bewohner Fezz.in's. — Nachricht von der Ermordung Fräulein Tinne's. — 
Nächtliche Flucht. — Erschöpfender Rückzug über den Tarso. — Zusammen treffen 
mit Kolokomi. — Ankunft im Fnneri Auso. — Schicksal meiner Katneele. — Zustand 
der Sclavcn in Tibe>li. — Fetzte Erpressungen der Tubu. — Treulosigkeit Kolokömi's. 
— Endliche Abreise. — Verlust der Hündin Feida. — Trennung von KolukÖmi in 
Afafi. — Unbranchbarkeil der Kameele. — Zurücklassen des Gepäcks. — Gänzliche 
Erschöpfung. — Wasser- und Proviantmangel. — Marschordnung. — Ankunft am 
Tümmo-Hrunnen. — Beemligung des Mundvorraths. — .Sclavcn-Skelettc. — Ankunft 
am Meschru- Brunnen. — Empfang in Tedscherri. - Verderbliche Befriedigung des 
Hungers. — Freude des Hädsch Dschabcr. — Araber der grossen Syrte in Süd- 
Fczzän. — Gcwaltthätigkeitcn derselben in Qatrun. — Ankunft in Murzuq. — Be- 
stätigung von Fräulein Tinne's Untergang. — Veränderungen in der Regierung 
Fezzän's. — Abrechnung mit Bü Zeid. — Krankheit in Folge der Reise. 

Ich hatte gehofft, dass die Zeit die Gefühle der Leute von Bardai 
sänftigen werde; doch ihre Feindschaft blieb dieselbe, und nur ihre 
Furcht vor mir schwand allmählich und damit ihre Zurückhaltung. Diese 
Keute verlassen, wie schon erwähnt, mit seltenen Ausnahmen ihr 
heimathliches Thal nicht, und sehr Viele von ihnen hatten niemals 
ein weisses Gesicht gesehen, denn die Ghazicn der Araber beschran- 
ken sich auf die westlichen Thaler. Nimmt man dazu die ungeheuer- 
lichen Vorstellungen, die sie von den Christen als von einer kaum 
menschlichen Art von Heiden haben, so begreift man, dass sie 
während der ersten Tage nach meiner Ankunft irgend eine furchtbare, 



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342 ii. nu n, 5. Kap. man aus isakdaV und ruukkkhk nach kkzzän. 

öffentliche Calamität, etwa ein vernichtendes Naturereigniss oder eine 
verheerende Pest oder ein allgemeines Viehsterben erwarteten. Als 
von allen Befürchtungen sich keine verwirklichte, Sonne und Mond, 
Berg und Thal, Thiere und Pflanzen, unbeirrt durch den fremden 
Eindringling, in gewohnter Weise fortexistirten, und auch keine ausser- 
gewöhnliche Sterblichkeit eintrat, verlor sich die Furcht, und nur 
die Feindschaft blieb. Besonders die herangewachsene männliche 
Jugend war unerbittlich. Die Männer warteten wenigstens ruhig, bis uns 
Aräffli aus seinen schützenden Händen entlassen haben würde; doch die 
Knaben undjünglinge, besonders wenn sie durch ihrhcimischesGetränk, 
ihre einzige nationale Unmässigkeit, entflammt waren, drohten oft ernste 
Verwickelungen herbeizuführen. Sie begnügten sich nicht damit, in 's 
Zelt zu speien, oder mit ihrem eklen Tabaksafte nach mir zu zielen, 
und mir so detaillirt und anschaulich als möglich zu schildern, wie man 
bei meiner Entlassung aus Aramis Schutze mir die Lanzen im Leibe 
herumdrehen, die Eingeweide herausreissen und den Aasgeiern und 
Hyänen vorwerfen werde, sondern wurden auch bisweilen handgreiflich, 
schleuderten ihre Speere gegen das Zelt oder in dasselbe und schienen 
nur die Gelegenheit einer ernsten Reaction meinerseits herbeizusehnen, 
um daraus ein scheinbares Recht zu meiner Vernichtung herleiten zu 
können. Aramis Schwester musste dann gewöhnlich aufgesucht 
werden und genügte auch, obgleich eine Frau, vollständig, um die 
übermüthige Jugend in ihre Schranken zurückzuweisen. 

Derjenige, auf dessen schützenden Einfluss ich am zuversicht- 
lichsten gebaut hatte, der Murabid Bü Zeid, liess uns mehr und 
mehr im Stiche. Schon von Anfang an war er bei seinem Onkel 
Temidömi wohnen geblieben, um nicht unseren Hunger thcilen zu 
müssen, doch hatte er sich gewiss wochenlang redliche Mühe gegeben, 
eine friedliche Lösung der Dinge herbeizuführen. In der That konnte 
er es nicht wagen, ohne eine feste Gestaltung meines Schicksals 
nach Fczzän zurückzukehren, an das ihn die engsten Bande der 
Familie und Interessen knüpften. Entweder musste er mich lebendig 
zurückbringen, oder ich musste einem Tode erlegen sein, den er nach- 
weislich nicht zu verhindern im Stande gewesen war. Sein Einfluss 
als Murabid war sowohl vom Hädsch Dschäber als ihm selbst über- 
schätzt worden, und er war dem allgemeinen Widerwillen gegen 
mich um so weniger gewachsen gewesen, als ihn das Tubublut in 



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HC ZElVs ZWEIFELHAFTES BENEHMEN. 



343 



seinen Adern zusammen mit dem von mir erhaltenen Miethpreis zu 
einer Art Landesverräther stempelte. 

Als seine Bemühungen zu unserem Besten fruchtlos blieben, 
suchte er anfangs Trost im sorgenbrechenden Laqbi. Seine Besuche 
wurden selten und seltener, und wenn er kam, machte der hohe Grad 
von Reizbarkeit, den der Alkoholgenuss bei ihm zur Folge hatte, 
seine Gesellschaft widerwärtig. Kr verlor allmählich die bescheidene 
Rücksichtnahme, welche ihm meine Stellung in Fczzän auferlegt 
hatte, wurde hofTärtig und begann In mir die hassenswerthe Ursache 
seiner Unannehmlichkeiten zu sehen. Ich bin überzeugt, es wäre ihm 
damals am liebsten gewesen, wenn ich durch irgend ein Ercigniss, 
an dem er Nichts hätte ändern können, aus dem Wege geschafft 
worden wäre. Als die Verhandlungen sich in die Länge zogen und 
einzuschlafen schienen, ohne dass Arami sichtliche Anstalten zu 
energischen Massnahmen getroffen hatte, versuchte Bü Zeid auf 
andere Weise zum Ziele zu gelangen. Er wurde streitsüchtig und 
suchte mich zu ernstlicher Beleidigung zu provociren, um einen 
liruch zwischen uns herbei zu führen, an dem ich scheinbar die 
Schuld trüge, und so eine gewisse Berechtigung zur Abreise ohne 
mich zu haben. Meine Geduld und meine Ruhe diesem unwürdigen 
Benehmen gegenüber waren exemplarisch und Hessen seine Pläne zu 
Schanden werden; doch der innere Grimm verzehrte mich viel mehr 
ihm gegenüber, als gegen die Tubu, die einfach nicht wussten, was 
sie thaten, und ich bedaure gestehen zu müssen, dass meine Seele 
damals voll schwarzer Rachegedanken war. 

Arami selbst war sehr in Anspruch genommen. Mächtiger und 
angesehener als Tafertemi selbst, wurde er von allen Seiten aufgesucht 
als Schiedsrichter, Vermittler und Rathgeber. Seine Rastlosigkeit 
war ein lebendiges Beispiel der Energie und Elasticität, welche diesen 
armen, darbenden Leuten innewohnt. Morgens in aller Frühe ging 
er zu seinen Datteln, die gerade reif wurden, schnitt einen Theil, 
trug ihn auf seinen Schultern nach Hause, ordnete die Arbeiten des 
Tages für seine Schwester und einen Sclavcn, und arbeitete an seiner 
Hütte. Dann ging er zu den allgemeinen Rathsvcrsammlungen, die 
stets reichen Anlass zu Streitfragen und Discussionen brachten, be- 
arbeitete das Staatsoberhaupt und die angesehenen Leute zu Gunsten 
meiner Entlassung und kam gegen i oder 2 Uhr Nachmittags nach 
Hause, wo seiner irgend welche Leute und Schwierigkeiten harrten, 



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1544 II. BUCH, 5. KAP. FLUCHT AUS ISARDAI UND RÜCKKEHR NACH VEZZÄS. 

die in der kühlen Mittagsruhe abgefertigt wurden. Nachmittags ar- 
beitete er wieder in seiner Dattelpflanzung , bereitete die tägliche 
Mahlzeit seines Kameeies, das mit gepulverten Dattelkernen erhalten 
werden musste, und trug dieselbe auf den unzureichenden Weideplatz 
in einiger Entfernung vom Dorfe. Dann begab er sich wieder zum 
Häuptling und den Edlen, sei es wegen meiner Person oder zur Er- 
ledigung anderer Angelegenheiten, oder sass bei uns und besserte 
sich sein Hemd oder Heinkleid aus das Geschäft des Nähens ist 
ausschliesslich in den Händen der Männer — , oder lief rastlos zur 
Besorgung anderer Geschäfte hin und her und kehrte nicht selten 
erst um 10 oder i"i Uhr Abends heim. Kaum glaubte man ihn ein- 
geschlafen, so huschte er schon wieder über die Bühne, ging nicht 
selten bei Nacht in ein anderes Dorf, wenn dort irgend eine schwie- 
rige Frage zu entscheiden oder ein Streit zu schlichten war, und der 
folgende Morgen sah ihn dann wieder in Bardai seiner gewöhnlichen 
Tagesarbeit hingegeben. Dabei vernachlässigte er keines der vor- 
geschriebenen Gebete, trank keinen Tropfen Laqbi, und ich kann 
mich nicht entsinnen, jemals gesehen zu haben, dass er Tabak kaute. 
Er bildete eben eine Ausnahme. Die Andern waren auch rastlos, 
doch arbeiteten sie nicht. Stets auf den Beinen , gingen sie von 
Einem zum Andern, ihrer Vorliebe für Geschwätz und Discussionen 
huldigend. Ausser den Mittagsstunden, in denen sie nicht sichtbar 
waren und wahrscheinlich der Ruhe pflegten, begrilT ich nicht, wann 
diese Leute schliefen, während ihnen doch wahrlich dazu die Zeit 
nicht mangelte. Bis lange nach- Mitternacht war ein stetes Kommen 
und Gehen in unserer Umgebung, was mich oft zu ohnmächtiger 
Wuth reizte, da mir die Aufstörung meiner wachsamen Hunde noch 
den letzten Trost friedlicher Nachtruhe raubte. 

Als Arami eines Tages durch einen heftigen Katarrh gezwungen 
war, das Haus zu hüten, begab ich mich mit Büi Mohammed zu 
ihm, um eine ernstliche Besprechung über mein endliches Schicksal 
mit ihm zu halten. Seine Wohnung war nach Art der Palmblatthütten 
seiner Landsleutc in Fezzan, doch in grösserem Massstabe, hergestellt, 
hatte am Eingange ein grosses, offenes Schattendach als Empfangshalle, 
wie es sich für einen solchen Mann der Oeffentlichkcit ziemte, und 
im Innern des Hofes — die übrigen Gemächer mit ihrem Inhalte 
bekam ich nicht zu sehen das früher beschriebene backofenähnliche 
Winterhäuschen aus mit Lehm verschmierten Steinen in ansehnlicher 



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FLUCHTPLAN. 



345 



Grösse. In diesem lag er, um sich möglichst von der Luft abzu- 
schliessen, und wir verhandelten durch die kleine Eingangsöflhung, 
die mehr zum Durchschlüpfen eines Hundes als zum Hineinkriechen 
eines Menschen geeignet schien. Ich gab ihm einen Rückblick auf 
seine treuen, doch bisher erfolglosen Anstrengungen, mich aus meiner 
unangenehmen Lage zu befreien, erinnerte ihn an sein Versprechen, 
mich mit Gottes Hülfe auf den Weg nach Fezzan zu bringen, schil 
derte ihm die Unmöglichkeit, lange mit einmaliger Dattelnahrung 
als Tagesration zu existiren, obgleich ich gern anerkennen wolle, 
dass er grosse Opfer zu unserer Ernährung gebracht habe, und zeigte 
ihm, wie auch die wenigen Freunde, die ich ausser ihm habe, mehr 
und mehr erkalteten, und die Gefahr für mich nahe liege, als besitz 
und folglich interesselos gänzlich zu verkommen und von irgend 
einem Uebelthäter erschlagen zu werden. Ich schloss mit dem Vor- 
schlage, mir für die wenigen von mir reservirten Thaler etwas Ge- 
treide- und Dattelvorrath zu kaufen und uns zur Flucht zu verhelfen, 
indem er uns mit seinem und Gordoi's Kameele bis auf die andere 
Seite der Berge geleite und dort unserem Schicksale überlasse. 

Für diesen Dienst wolle ich ihm gern das geben, was er aus 
meiner Habe wünschen werde, und sicherlich nicht verfehlen, der 
Regierung von Fezzan seinen Einfluss und sein Ansehen bei den 
Tedä im Gegensatze zu der Machtlosigkeit und Schwäche Tafertrmi's 
in lebhaften Farben zu schildern. Ich könne nur Heil für Tibesti in 
seiner Person erblicken, die offenbar zum Herrscher über die Tubu 
Reschäde bestimmt sei, wenn auch die Häuptlingswürde nach Tafer- 
temi's Tode eigentlich dem Maina Tokömi im E. Joö gebühre. Da 
durch seine hohe Einsicht in politische Dinge ein gutes Verhältniss 
mit Fezzan angebahnt, und der Karawanenverkehr dieses Landes 
mit Wadäi, der doch Tibesti einen ansehnlichen Durchgangszoll ver- 
spreche, wiederhergestellt werden könne, so werde die Murzuqer 
Regierung sich gewiss bereit finden lassen, ihm zur Erlangung einer 
massgebenden Stellung in Tibesti behülflich zu sein, und dazu könne 
ich nicht unerheblich mitwirken. Durch meine verzögerte Rückkehr 
aber müsse das ohnehin schon ungünstige Verhältniss zu Fezzan 
noch mehr gestört werden. Wenn die übrigen Edelleute zu kurz- 
sichtig seien, um es zu begreifen, so wisse er doch recht gut, 
dass schon jetzt mein Ausbleiben Leben und Sicherheit ihrer Lands- 
lcutc im District von Qatrün gefährde, und dass mein gewaltsamer 



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3 Hi n. inen, 5. kap. n n u r ms hakoai und ku kkkhr nach fezzän. 

Tod noch viel grössere Gefahren für ganz Tibcsti mit sich bringen 
würde, ohne die allergeringsten Vortheile zu bieten. In der That 
habe nieine Zurückhaltung in Bardai für Niemand auch nur die ge- 
ringste Annehmlichkeit, wohl aber für ihn selbst den Nachtheil der 
taglichen Verminderung seines Dattelvorraths. 

Obgleich Arämi sowohl die Richtigkeit der letzteren Bemer- 
kungen anerkannte, als auch durch die verlockende politische Per- 
spective, welche ich ihm eröffnet hatte, und durch die schmeichel- 
hafte Anerkennung der Bedeutung seiner Person sehr angenehm be- 
rührt wurde, so verzweifelte er doch noch nicht genug an seinem 
schliesslichen Kinflusse auf den Häuptling und fürchtete eine Vernach- 
lässigung und Verletzung desselben noch zu sehr, um gleich auf 
meinen Plan einzugehen. Dieser sei das äusserste Mittel, meinte er, 
und er hoffe noch immer, mich am hellen Tage, vor den Augen 
aller Welt aus dem Thale zu entlassen. 

Leider brach der Grund, auf den ich den Rest meines Sicher- 
heitsgefühles baute, wenige Tage darauf zusammen. Bin Mohammed 
weckte mich eines Tages mit der ersten Morgendämmerung, um mir 
in der ihm so eigenen, ruhigen Weise auswärtige Besucher anzukün- 
digen. Auf meine Frage, wer die Leute seien, antwortete er, dass 
es Tubu Reschäde aus Fezzän seien, und genaueres Nachfragen 
ergab, dass die ganze dortige Tubu-Colonie in ihr Vaterland zu- 
rückgekehrt war. Der Raub, den arabische Horden an den Tubu 
bei Bidän ausgeübt hatten, wie oben erzählt ist, war von Repressalien 
gefolgt worden. Leute aus der Tubu Oase Dschebädo, nordwestlich 
von Kawär, hatten nicht allein eine ansehnliche Heerde Fczzancr 
Kameele, ebenfalls in der Nähe von Bidän, aufgehoben, sondern auch, 
was sie von Menschen in diesem Dorfe gefunden hatten, in die Ge- 
fangenschaft geschleppt. Dafür fürchteten die in Fezzän ansässigen 
Tubu Reschäde verantwortlich gemacht zu werden, und, leicht be- 
weglich und besitzlos, wie sie sind, hatten sie sich auf ihre Kameele 
gesetzt und waren den sicheren Bergen ihrer Heimath zugeeilt. Da 
waren sie Alle; Keiner von ihnen schien zurückgeblieben zu sein; 
die Geiseln, die mir einzig und allein noch eine gewisse Bürgschaft 
für meine Rettung zu bieten schienen, konnten nicht mehr für mein 
Leben und meine Sicherheit verantwortlich gemacht werden. Ich 
war auf's Aeusserste bestürzt; meine ruhige Zuversicht war dahin, 
und die nächste Zukunft malte sich mir in den schwärzesten Farben. 



1 



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HF.IMKKHK DtK TU HU PEZZAn'.S. 



:u7 



Die Berichte dieser Leute über die Rachegelüste der Fczzäncr und 
die Beschlüsse der Regierung, mit äusserster Strenge gegen jeden Tubu- 
Mann vorzugehen, dessen sie sich bemächtigen würde, waren nicht 
Lürade geeignet, die Dispositionen meiner Richter zu mildern. Anstatt 
Geiseln in Fezzän zu haben, drohte ich selbst eine Art Geisel zu 
werden. Denn schliesslich hatten die Leute von Dschebädo nur Re- 
pressalien geübt für die Räubereien der gcwaltthätigcn Araber, waren 
also nach den in der dortigen gesetzlosen Welt üblichen Begriffen 
zu ihrem feindlichen Vorgehen berechtigt gewesen. 

Um meine Lage noch gefährlicher zu machen, brachten die 
Flüchtlinge die Nachricht von dem entsetzlichen Untergange meiner 
Gefährtin Alexandrinc Tinne durch den schamlosen Vcrrath der 
Tuärik. Da wir gleichzeitig nach Murzuq gekommen waren und 
in stetem Verkehr gestanden hatten, so hielt man die Dame, deren 
sclbstständige Reise ohnedem unbegreiflich erschienen wäre, für meine 
Frau, und meine Feinde suchten die Nachricht von ihrem schreck- 
lichen Ende zu meinem Verderben auszubeuten. Sic verhöhnten 
meine Beschützer unter ihren Landsleuten, weil sie nicht den Muth 
hätten, in der Sicherheit ihrer Berge eine That zu begehen, welche 
die Tuärik wenige Tagereisen von Murzuq, auf der Grenze des 
Kezzäner Gebietes, furchtlos ausgeführt hätten, und stachelten das 
nationale Gefühl der Schwankenden durch beleidigende Parallelen 
zwischen ihrer feigen Furcht und dem männlichen Vorgehen ihrer 
berberischen Erbfeinde zu einer für mich äusserst bedrohlichen Höhe. 
Die Tuärik wüssten die Gefahr, welche ihrem Lande von den christ- 
lichen Eindringlingen drohe, wohl zu beurtheilen und ihr besser vor- 
zubeugen; sogar die Frau hätten sie unschädlich gemacht, und sie 
selbst, die Tubu, sollten sich durch die Furcht vor den Türken ab- 
halten lassen, sich des viel gefahrlicheren Mannes zu entledigen? 
Sollte man sagen können, dass die Tubu Reschäde weniger ent- 
schlossen und muthig seien, als die Tuärik, und sollten sich ihre 
eigenen Kinder ihrer schämen? 

So wenig ich an die Schreckcnsthat der Tuärik damals glaubte, 
so wenig konnte ich die vcrhängnissvolle Einwirkung der Nachricht 
auf meine Angelegenheit verkennen. Während der an den folgenden 
Tagen abgehaltenen Versammlungen musste ich leider sehen, dass 
die Schwankenden unter dem Einflüsse eines missverstandenen l'a- 



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348 II. BUCH, 5. KAP. FLUCHT AUS BARDAI UND RUCKKEHR NACH FEZZÄN. 

triotismus zu meinen Feinden übergingen, und dass die Gegner mit 
erneuter Energie meine Vernichtung forderten. 

Allnächtlich berieth ich mit Arami und suchte ihn um jeden 
Preis zur Annahme meines Fluchtvorschlages zu bewegen. Doch 
selbst das Versprechen, ihm meine Kamcele auf der andern Seite 
des Tarso, also das Kostbarste, was ein Flüchtling in der Wüste 
haben kann, als Lohn für seine Beihülfe zu geben, vermochte nicht 
seine Eitelkeit zu beugen, welche sich schämte, im Rathe seiner 
Landsleute nicht einen vollen Sieg errungen zu haben und mich 
nicht trotz des Widerspruches der Meisten und trotz der Haltung 
Tafertemis offen aus dem Thale Bardai hinausführen zu können. 

Glücklicherweise überzeugte ihn ein Ereigniss, dessen Zeuge er 
war, von der Nothwcndigkeit meiner heimlichen, nächtlichen Entfer- 
nung. Ein harmloser Bewohner des südlichen Tibesti passirtc auf 
der Durchreise Bardai mit einem wohlbeladenen Kamcele. Der Mann 
war verschleiert, wie die Meisten auf der Reise, von Niemandem er- 
kannt worden, und im Nu hatte sich das Gerücht verbreitet, einer 
meiner Leute versuche das Thal zu verlassen und unser Gepäck in 
Sicherheit zu bringen. Frauen, Kinder und Sclaven rotteten sich 
alsbald zusammen, beschimpften und bedrohten ihn und gingen dann 
zu der bei ihnen, wie es schien, nicht ungewöhnlichen Gewalttätigkeit 
der Steinigung über, als Arami und einige angesehene Männer vorüber- 
kamen, die Sache aufklärten und dem Beleidigten und Gemisshan- 
deltcn Genugthuung verschafften. Seit dieser Stunde gab Arami die 
Hoffnung auf, mich in friedlicher Weise offen abreisen zu sehen, und 
versprach seine Beihülfe zu nächtlicher Entweichung. Gordoi und 
Birsa wurden eingeweiht, und der Bruder Kolokömis, der den Zu- 
fluchtsort des letzteren im Thale des E. Ifotui' kannte, begab sich zu 
demselben, um ihn auf einen gewissen Punkt unseres Weges zu be- 
stellen, Arämis und Gordoi's Kamcele wurden in die Wohnung des 
Ersteren geschafft, scheinbar zum Zwecke medicinischer Behandlung, 
damit die Nachbarn sich in der Nacht des Aufbruches nicht wundern 
würden, wenn die Thiere im Augenblicke der Belastung die gewöhn- 
lichen, blökenden Töne von sich gäben. Indessen kaufte Bü Zeid 
von seinem Onkel Temidömi für einen Thaler Weizen, für dieselbe 
Summe Datteln und einen Esel, der in den Felsen des Landes sehr 
nützlich zu werden versprach und vielleicht später für einige Zeit ein 
Kameel ersetzen konnte. Ich wühlte die wenigen im Zelte ver- 



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AUSFÜHRUNG DER FLUCHT. 



349 



grabenen Thaler aus dem Boden und wurde durch den Hoffnungs- 
strahl mit neuer Kraft und frischem Muthe erfüllt. 

In der Nacht vom 2. auf den 3. September sollte die Stunde 
der Befreiung schlagen. Ich war in einem schwer 7.11 schildernden Zu- 
stande der Aufregung. Nach Mitternacht kamen Gordoi', Birsa und Hü 
Zeid, und wir begannen die beiden Kameele zu beladen; jedes Blöken 
derselben ging mir durch Mark und Bein. Doch wie gewöhnlich das 
Packen beim Beginne der Reise langsam von Statten geht, so war 
es nahezu 2 Uhr Morgens geworden, als wir hätten aufbrechen 
können. Da erklärte Arami plötzlich, es sei für diese Nacht zu spät, 
und wir müssten die folgende abwarten. In meiner I last, dem Schau- 
plätze meiner Leiden den Rücken zu kehren, war ich im höchsten 
Grade bestürzt über den Aufschub und in meiner Aufregung geneigt, 
an Verrath zu glauben. Bei der Nähe der Erlösung schien mir jedes 
Hinausschieben unserer Flucht einen Zusammensturz aller meiner 
Hoffnungen zu bedeuten. Ich war verzweifelt und schimpfte und 
tobte in höchst unvernünftiger Weise, deren ich mich nach ruhiger 
Ueberlegung aufrichtig schämte. Wie viel kann man in der Herr- 
schaft über sich selbst von vielen uneivilisirten Völkern lernen, denen 
man sich so sehr überlegen glaubt? Wie hoch über mir standen in 
dieser Beziehung der alte Qatrüner, Arämi und seine Verwandten 
und selbst der Muräbid Bü Zei'd! 

Auch der folgende Tag verging, wie die übrigen, und zeichnete 
sich nur dadurch aus, dass Fätfma, welche Wind von unseren Ab- 
sichten bekommen haben mochte, in höchst ungenirter Weise meine 
Habe einer Durchsicht unterwarf und sich die unverschämtesten Ent- 
fremdungen aus derselben erlaubte. Wieder kamen um Mitternacht 
unsere Begleiter, und eine Stunde später konnten wir aufbrechen. 
Meine Habe war schon so erheblich zusammengeschmolzen, dass mit 
Ausnahme der Zeltstange, der Matten und ähnlicher Kleinigkeiten 
Alles mitgenommen werden konnte. Wir umgingen die Ortschaft, 
wie in der schrecklichen Nacht unserer Ankunft, und erreichten nach 
einigen Stunden das steinreiche, enge E. Oröa, das wir bei der 
ersten Passage schon am Tage fast unpassirbar gefunden hatten, und 
dessen Ueberwindung bei Nacht fast unmöglich erschien. Wir 
rasteten deshalb an seinem Eingange bis zum Anbruche des Tages, 
vermieden die Passage des E. Gonöa an der Stelle der Quelle und 
erreichten den E. Udeno schon am frühen Nachmittage. Arami liess 



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350 IL BUCH, 5. KAP. FLUCHT AUS RAUDA! UND RÜCKKEHR NACH FEZZÄN. 

sich unterwegs angelegen sein, mich und die Kameele allmählich 
des überflüssigen Gepäckes zu seinem und seiner Begleiter Besten zu 
entledigen, deponirte in einer Felsspalte meine schöne Matratze und 
überwies seinem Neffen Birsa, als dieser in der Nähe des E. Gonöa 
Abschied von uns nahm und nach Bardai zurückkehrte, die schlanke 
messingene Wasserkannc und einen eisernen Kochtopf, den er augen- 
scheinlich für Kupfer gehalten hatte, um dieselben in seiner Woh- 
nung abzuliefern. Auch der Sohn Temidömi's hatte uns seines 
Vetters Bü Zeid wegen begleitet und ruhte nicht eher, als bis er 
sich der schönen, vollen Seiden -Quaste meines Tarbüsch versichert 
hatte. Noch konnte ich mich nicht zum Gefühle voller Sicherheit 
aufschwingen, obgleich es allerdings nicht wahrscheinlich war, dass 
Jemand uns zu verfolgen wagen würde, da man alsbald gehört haben 
musste, dass Arämi mit seinen Verwandten uns geleitete. Dieser 
selbst schlug meine in dieser Beziehung geäusserten Befürchtungen 
mit der stolzen Bemerkung nieder: „Sei ruhig, ich hiess früher 
Uordömi!" Er wollte damit ermuthigend andeuten, dass er im Noth- 
falle sich nicht scheuen würde, einen Verfolger niederzuschlagen; 
denn die Vertauschung seines früheren Namens gegen die Benennung 
„Arämi" stammte von der Ermordung eines persönlichen Feindes im 
offenen Streite. Alle Tubu pflegen nach einer solchen That einen 
neuen Namen anzunehmen. 

Der zweite Marschtag, der uns vom E. Udeno bis fast zur 
höchsten Höhe des Passes führte, brachte uns eine entsetzliche, fast 
über das Mass meiner Kräfte hinausgehende Anstrengung. Länger 
als einen Monat hatte ich eine strenge Hungerkur durchgemacht, 
und, fast an dieselbe Stelle gebannt, höchstens nach eingebrochener 
Nacht meinen engen Käfig, den Lagerplatz, durchmessen, um nicht 
ganz den Gebrauch meiner Glieder zu verlernen. Jetzt musste ich 
zehn Stunden ununterbrochen, oft recht steil, aufsteigen und erhielt 
das erquickende Wasser karg zugemessen, denn ich hatte kaum noch 
das Recht, mehr zu verlangen, als Diejenigen, deren Kameele den 
Vorrath trugen, die meine Führer und Retter waren und von denen 
ich gänzlich abhing. Wir nächtigten nahe unserem früheren Lager- 
platze und der Wasserscheide unter bitterer Kälte, welche sich bei 
der spärlichen Nahrung und dem Mangel an hinlänglicher Bedeckung 
recht fühlbar machte; am folgenden Morgen (6. September) gegen 
Sonnenaufgang hatten wir nur eine Temperatur von 6° C. Nachdem 



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ÜBERSTEIGUNG DES TARSO. 351 

wir zunächst Wasser gesucht und in einem zerrissenen, schwer zu- 
gänglichen Felshügel, über dem einige Vögel schwebten, gefunden 
hatten, tränkten wir die Kameele und den Esel, nahmen selbst einen 
kleinen Vorrath ein und stärkten uns durch ein bescheidenes Dattel- 
frühstück. Die höhersteigende Sonne durchwärmte unsere steif- 
gefrorenen Gliedmassen, zu deren Aufthauung das eisige Felscn- 
wasser auch nicht grade beigetragen hatte, und auf der Höhe 
des Vormittags konnten wir einigermassen erquickt unseren Weg 
fortsetzen. 

Gegen Mittag erreichten wir den Krater und folgten seinem süd- 
lichen Rande bis dahin, wo der Weg in südwestlicher Richtung nach 
Täo führt. Hinter einem Felseil trat hier plötzlich Kolokömi hervor, der 
mit seinem Bruder und einer Kameeistute auf uns gewartet hatte. Nach- 
dem derselbe in seinem frommen aber abergläubischen Gemüthe uns ver- 
anlasst hatte, einige Datteln mit ihm zu essen und einige derselben 
auf einen bestimmten Stein als Opfergabe - Sadaqa arab. nieder- 
zulegen, um eine glückliche Beendigung der schwierigen Aufgabe, 
welche unser noch wartete, zu erflehen oder zu verdienen, folgten 
wir dem Rande der riesigen Grube erst in westlicher, dann in nord- 
westlicher Richtung, bis wir nach einigen Stunden in der letzteren 
den Umkreis der Krateröffnung vcrliessen. Bis dahin hatte der Weg 
gegen den Tusidde bergauf geführt; nun begannen wir nicht ohne 
Schwierigkeiten, besonders für die Kameele, rapide in der Richtung 
des Aterkelluli-Felsens hinabzusteigen. Der Bruder Kolokömi's war 
hier unser Führer; doch ging es ohne Weg und Steg über Fcls- 
blöcke und Schluchten, über die Ursprünge der zahlreichen Wasser- 
betten, welche in der Ebene die Kjauno -Flussthäler bilden, und die 
steil abfallenden Bergrücken, welche wie mächtige Strebepfeiler den 
Fuss des Tusidde nach dieser Seite umgeben, bergab. Hier fehlte 
die fast weiche Hülle des Tarso fast gänzlich; meine F iisse schmerzten 
von den harten, unregelmässigen und scharfkantigen Felsen und ich 
war froh, als wir nach Sonnenuntergang im weichen Sande eines 
Wasserbettchens auf halber Höhe lagerten. 

Der folgende Tag war noch ermüdender und liess mich bisweilen 
an der Zulanglichkeit meiner Kräfte für den noch übrigen Theil 
unserer schwierigen Aufgabe zweifeln. Nach spärlichem Frühstücke 
ging es weiter bergab, und ein zwölfstündiger Marsch genügte noch 
nicht, uns zu den isolirt aus der Ebene aufspringenden Felsen zu 



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3f>2 IL BUCH, 5. KAP. FLUCHT AUS PARDAI UND RÜCKKEHR NACH FEZZÄX. 

bringen, an denen wir bei unserer Ankunft in Tibesti, auf dem Wege 
nach Täo, vorübergezogen waren. Die Basis des Tusidde fällt hier 
steiler ab als gegen Tao hin, seine Wasserabflüsse schneiden tiefer 
ein, und die sie trennenden Bergrücken wurden oft fast unüberwind- 
lich durch die mächtigen Blöcke, welche sie dicht bedeckten. In 
der ersten Hälfte des Marsches ging es noch meist steil bergab; 
dann wurde die Neigung geringer, und die scharfgeformten Felsen 
rundeten sich zu Hügeln ab; Kalk und Lehm gewährten den brennen- 
den Füssen zuweilen eine kurze Erholung von den schwierigen Fels- 
blöcken; die scharfen Einschnitte der temporären Bäche wurden zu 
Flussbetten, und die jähen Schluchten zu Thälern mit sanfter ge- 
neigten Wänden. Selbst die Büffelfell-Sohlen unserer Schuhe hatten 
diesen Felsen keinen Widerstand zu leisten vermocht, und sowohl 
meine als Giuseppes Füsse waren voller Blasen und Wunden. Nur 
die Fusssohlen unserer Tubu -Begleiter waren intact geblieben; ihre 
Sandalen hingen zusammengebunden an den Spitzen ihrer Lanzen, 
um das Felsklettern nicht zu erschweren, und leichtfüssig schlüpf- 
ten sie ohne Anschein von Ermüdung über die Blöcke und durch 
die Schluchten. Während eines Tagcmarschcs tranken sie nur zwei 
Mal und dann eine grössere Quantität; der Hunger und die Anstren- 
gung der Fusswanderung über das schwierige Terrain hatten keine 
Macht über sie. 

Als gegen die Ebene hin die Ursprungsbetten der Kjaunoflüsse 
breiter und weniger abfallend wurden, traten auch wieder Akazien, 
Oscharbüsche, Wüstenfenchel (Dcvcrrar), Gräser und die so ver- 
breitete Sennapflanze auf, und in ihrer Nähe stiessen wir hier und 
da in den Schluchten und versteckt in den Felsen auf Steinhütten, 
deren Bewohner der Hunger augenblicklich anderswohin getrieben 
hatte. 

Der nächste Tag (8. September) sollte uns ganz aus den Bergen 
hinaus an den Ort führen, wo wir uns von Arämi und Gordoi trennen 
und allein den unsicheren Weg nach Fezzän antreten sollten. Ein 
kurzer Marsch brachte uns über die letzten Hügel hinweg in die 
Ebene, die nur durch die westlichen, felsigen Ausläufer des über- 
stiegenen Gebirgsstockes unterbrochen war, und nach wenigen Stun- 
den erreichten wir denjenigen der letzteren, welcher dem E. Auso, 
einem Nebenflüsse des E. Arn, Ursprung giebt. Dort sollten wir 
unsere Kameele abwarten, da wir nicht wagen durften, dieselben 



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RAST IM B. AUSO. 



353 



aus dem E. Arabu, der noch zum Territorium der Leute von Abo 
gehört, selbst abzuholen. 

Ks war die höchste Zeit, dass wir ankamen, und ein Gluck, dass 
uns hier eine Ruhe von einigen Tagen aufgezwungen wurde, denn 
die Kräfte Giuseppes waren erschöpft, seine Plattfusse in einem be- 
dauerlichen Zustande. Schon am Morgen, sobald die Kergc hinter 
uns lagen, hatte er sich weiter zu gehen geweigert und würde 
resignirt am Wege liegen geblieben sein, wenn nicht Arami, da 
unser Ziel nahe war, sich seiner erbarmt und ihn auf sein Kameel 
gehoben hätte. 

Ein weites, natürliches Wasserreservoir versah uns mit dem 
herrlichsten Getränk; die Eelsen lieferten uns die geeigneten Mahl- 
steine, mit denen Saad und Ali Bü Bekr alsbald einen Theil unseres 
spärlichen Weizenvorrathes in Mehl verwandelten; der Sand war 
weich und der Schatten köstlich. Es wäre ein himmlischer Genuss 
gewesen, hier zu ruhen, zu essen und zu trinken, wenn unsere Rettung 
schon eine vollständige gewesen wäre. Den Genuss, ja das Glück, 
welches in der theuer erkauften Befriedigung der materiellen Bedürf- 
nisse liegt, die man lange entbehrte, kann nur derjenige ermessen, 
der in ähnlichen Lagen war. Auch die drohendsten Gefahren der 
nächsten Stunden vermögen nicht den Genuss des ersten reichlichen 
Trunkes, der ersten ausgiebigen Mahlzeit nach langem Dursten und 
Hungern, der ersten vollständigen Ruhe nach bis zum Erliegen 
erschöpfenden Anstrengungen, des ersten Gefühles der Sicherheit 
nach bewusster, mit unmittelbarer Vernichtung drohender Gefahr zu be- 
einträchtigen. Das dauert freilich nicht lange, und sobald der Körper 
annähernd sein Gleichgewicht wiedergewonnen hat, beginnt auch die 
bleiche Sorge wieder jeden Genuss zu verbittern. 

Kaum hatten wir gegessen, getrunken und geschlafen, so be- 
gannen auch Arami und Gordoi schon, mir das mühsam erkämpfte 
Dasein zu vergällen und die Gefühle der Dankbarkeit, die ich ihnen 
trotz ihrer speeulativen Habsucht zollte, zu ersticken. Gordoi rückte 
zuerst mit seinen Ansprüchen hervor, verlangte den Micthpreis für sein 
Kameel, dessen Bezahlung wir auf Eezzän zu verschieben überein- 
gekommen waren, und beanspruchte einen Salam, d. h. eben so wohl 
Begrüssungs- oder Unterwürfigkeitsgeschenk, als auch Belohnung. Die 
messingene Waschschüssel, welche ich ihm anbot, genügte ihm nicht, 
da Arami die dazu gehörige Wasserkanne schon im Besitz hatte, und 

Nachtigal. I. 23 



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354 II. BUCH, 5. KAP. FLUCHT AUS BARI »Alf UND RÜCKKEHR NACH FEZZAK. 

es entstand ein Streit, der mir eine traurige Aussicht auf die nächsten 
Tage eröffnete. Während dieser sollte Bu ZeYd nach Aräbu gehen 
und von der alten Kintäfo die Kamcele und das ihr anvertraute Ge- 
päck zurückfordern. 

Als derselbe mit Kolokiimi's Bruder abgereist war, wurde das 
Zusammenleben mit den beiden habsüchtigen Tubu immer unerfreu- 
licher. Ks gelang mir, am ersten Tage nach Hü Zeids Abreise die 
unvermeidlichen Discussionen mit denselben hinauszuschieben, doch 
am zweiten, an dem der Muräbid und die Kameele erwartet wurden, 
kam es zu den heftigsten Auseinandersetzungen. Arämi machte 
unserem natürlichen, leider unzulänglichen Beistande Kolokömi be- 
greiflich, dass mein sämmtliches Hab und Gut billiger Weise ihm 
gehöre, nachdem er mich und meine Leute fast einen Monat lang 
ernährt und mir thatsächlich das Leben gerettet habe. Wenn ich 
in Frieden, ungeschädigt an meinem Leibe, von hinnen ginge, so 
sei das Alles, was ich füglich erwarten könne. Er werde also, so- 
bald Kameele und Sachen gekommen seien, mein Eigenthum annec- 
tiren und seinem Neffen Gordoi den ihm gebührenden Antheil zu- 
kommen lassen. Ich wurde gar nicht dabei gefragt oder höchstens, 
wenn ich Einspruch that, höhnend aufgefordert, doch abzureisen, 
ohne sie befriedigt zu haben, wenn ich es wagte. Ihr Benehmen 
war so gefühllos und hämisch, dass ich bisweilen dem Entschlüsse 
nahe war, mit Gewalt ihre Ansprüche zurückzuweisen und mich 
endlich einmal des lang verhaltenen Giftes, der reichlich aufge- 
speicherten Galle gegen die Tubu zu entledigen. Giuseppe war 
entschieden dieser Ansicht und schlug vor, unsere anspruchsvollen 
Befreier bis zu unserer Abreise gefangen zu halten und dann wo- 
möglich gefesselt zurück zu lassen. Mit unseren Waffen würde es 
ein Leichtes gewesen sein, unsere Quälgeister zu besiegen und 
unserem berechtigten Grimm einen gcwaltthätigen Ausdruck zu geben. 
Doch schliesslich waren dieselben trotz alledem unsere Lebensretter, 
und der eigene Vortheil, wenn ich unsere Rückreise nach Fezzan, 
. für die uns die Führerschaft Kolokömi's unentbehrlich .war, in Be- 
tracht zog, und die Rücksicht auf künftige Forschungsreisende riethen 
zu friedlicher Lösung. Ich gestehe, dass das Rachegefühl für Augen- 
blicke so stark und verlockend in mir war, dass es eine gewisse 
Anstrengung kostete, ihm nicht nachzugeben und den aufgeregten 
Sinn zur Vernunft und Moral zurückzuführen. 



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DtF SCHWIERIGE PRÄGE 1>KU TRAHSPORTlf ITTEI . 366 

Am Ii. September Morgens früh kehrten endlich Hü Zeid und 
Kolokömi's Bruder zurück, begleitet von einer Schwester Kintafo's und 
einem jungen Manne, und führten fünf Kameele mit sich, deren Anblick 
mich mit den kühnsten Hoffnungen erfüllten. Es stellte sich freilich als- 
bald heraus, dass nur eines derselben mein Eigenthum war. Von meinen 
übrigen Thicrcn waren nach Kintafo's Behauptung zwei gestorben, 
und das dritte mit dem zurückgelassenen Theile meines Gepäckes 
gestohlen worden. Zum Beweise des Todes der ersteren wurden 
mir zwei mit getrocknetem Fleische gefüllte Ledersacke überreicht. 
Ueber die Wahrheit oder Unwahrheit dieser Aussagen zu rechten, 
war gänzlich zwecklos; Kintäfo war ausser unserem Bereiche, und 
es handelte sich für uns darum, so schnell als möglich den Weg 
nach Fezzan zu betreten, um unseren spärlichen Vorrath von Weizen 
und Datteln nicht vor Beginn der Reise aufzuzehren. 

Meinem Versprechen gemäss überliess ich Arami das letzte meiner 
Kameele, das übrigens bei seiner sichtlichen Schwäche Fezzan schwer- 
lich erreicht haben würde, und ging an die Unterhandlung über die 
miethweise Ueberlassung der von Bü Zeid zu diesem Zwecke herbei 
geführten fremden Thicre. Zwei derselben gehörten der begleitenden 
Frau, eines dem erwähnten Jünglinge, und das dritte war das, bei 
seiner Abreise nach Bardai zurückgelassene Eigenthum Bü Zeid's. 
Es würde wahrscheinlich gelungen sein, die erstgenannten beiden zu 
miethen, wenn nicht die* Besitzerin meinen Diener Sa'ad zu Gesicht 
bekommen hätte. Dieser aber gefiel ihr so gut, dass sie das Anerbieten 
machte, uns die nöthigen Transportmittel zu liefern, wenn ich ihr den 
hübschen Sclaven geben wolle. Schon öfters war Sa'ad, so hässlich, 
unliebenswürdig und unzuverlässig er auch war, ein Gegenstand leb- 
hafter Begehrlichkeit von Seiten der Hausfrauen Bardafs gewesen, und 
manche Stunde banger Sorge um seine Zukunft war daraus für ihn 
erwachsen, denn die Sclaven der Tubu Rcschade waren wirklich in 
einem herzzerrcissenden Zustande der Verkommenheit. Lebte man 
in Tibesti im Allgemeinen schon sehr knapp, so unterwarf man die 
Sclaven geradezu einer continuirlichen Hungerkur, welche den aus 
den fruchtbaren, produetenreichen Ländern des Sudan Kommenden 
um so empfindlicher sein musste. Den Luxus von Kleidern erlaubte 
man ihnen ebenfalls selten; ein Stückchen BaumwollenstofT oder 
Leder, mit der Bestimmung des paradiesischen Feigenblattes und 
kaum viel grösser, musste ihnen genügen und führte die gegen die 



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356 II. BUCH, 5. KAP. FLUCHT AUS RAROAI UND RUCKKEHR NACH FF.ZZÄN. 

Kälte so empfindlichen Negerorganismen im Verein mit dem Hunger 
oft einem schleunigen Tode entgegen. Manche Herren führten mir 
ihre Sclaven als krank zu, die in der That nur auf dem Wege des 
langsamen Verhungerns in Folge unzureichender und ungeeigneter 
Nahrung zu sein schienen. 

Ein denkender Sclave muss in Tibesti zur Verzweiflung getrieben 
werden. Hat er in andern Ländern einen bösen Herrn, so hält ihn 
die Hoffnung aufrecht, in die Hände eines wohlwollenderen über- 
zugehen oder im Nothfalle davonzulaufen. Aus Tibesti giebt es 
keine Rettung; dort endet seine Hoffnung und sein Leben. Entlaufen 
ist sicherer und baldiger Tod in der pfadlosen Wüste; Bleiben eine 
endlose Reihe von Leiden, ein oft nur langsames Sterben. Es sind 
Fälle bekannt, wo von Bornü kommende Sclaven, wenn sie in Kawär 
von Tubu Reschade gegen Kameele eingetauscht wurden, sich das 
Leben nahmen, obgleich sich dieselben doch sonst mit einer uns un- 
verständlichen Ergebung und Leichtigkeit in jede Gestaltung ihres 
Schicksals fügen. So allgemein ist die Furcht vor der Sclaverei 
bei den Tubu; und wer sie in der Nähe beobachtet hat, versteht die 
Todeswahl der bemitlcidenswerthen Opfer. 

Die Unmöglichkeit meinerseits, ihren Wunsch zu erfüllen und Sa'ad 
zu opfern, Hess die Frau in ihrem Aerger überhaupt das Project, ihre 
Kameele zu vermiethen, aufgeben, und mit der höhnischen Bemerkung, 
ihretwegen könnten wir für immer auf den Felsen sitzen bleiben, ritt 
sie davon. Der Jüngling, welcher, kürzlich von Borkü gekommen, auf 
dem Wege zu Verwandten in Fezzän war, hatte schon mehr Veran- 
lassung, sein Kamecl zur Disposition zu stellen, und es gelang mir auch, 
nach endlosem Hin- und Herreden, dasselbe zu miethen, freilich für 
den exorbitanten Preis von 27 Maria-Thcresia-Thalcrn , während der 
gewöhnliche Preis eines Miethkameels zwischen Fezzan und Tibesti 
6 bis 10 Thalcr beträgt. Mit diesem Thiere, dem allerdings schwachen 
Kameele Bü Zeid's, und der Stute Kolokömi's konnten wir uns füg- 
lich begnügen. 

Vor der Abreise ging es an eine Discussion und Regulirung der 
mannichfachen Ansprüche, die von Allen noch zuletzt erhoben wurden, 
und die Arami schon so drohend angedeutet hatte. Dieser selbst 
begnügte sich endlich mit dem Kamecl und dem kupfernen Koch- 
kessel; sein Neffe Gordoi ergriff die letzte Batanija und empfing 
einen Handschein über den Miethpreis seines Kamcels von Bardai 



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TRENNUNG VON MEINEN ANSPRUCHSVOLLEN RETTERN. 'SÖl 

nach dem E. Auso; der Bruder Kolokömis, der nun schon wochenlang 
mit uns herumgezogen war ohne den geringsten Erfolg seiner specu- 
lativen Anhänglichkeit, erhielt die letzten drei Thaler, zwölf Dra Cham, 
den Tarbusch Hui Mohammed s, und gab sich nicht eher zufrieden, als 
bis er noch einen Schuldschein über sieben Maria-Theresia-Thaler in 
Händen hatte. Die Schuldscheine wurden von ihren Besitzern dem 
Murabid Bu Zeid anvertraut, der gleichzeitig Bürge für ihre Bezahlung 
wurde. Zum Schlüsse hieben meine Quälgeister noch einmal wacker 
auf unsere ohnehin schon unzureichenden Vorräthe ein und versäumten 
nicht, das gedörrte Fleisch meiner gestorbenen Kameele mit uns zu 
theilen, um für den Rückweg in ihre Heimath (Gordoi begab sich 
nach Zuar und Arami nach Gabön) einigen Mundvorrath zu haben. 
Endlich war Alles zur Abreise bereit, und, ohne an die schwierige 
Aufgabe, die uns bevorstand, zu denken, lechzte ich nur nach dem 
Augenblicke der Trennung von meinen Tubu-Gefahrten , deren An- 
blick allein mich schon in einem Zustande nervöser Irritation erhielt. 

Dahin flogen die zahlreichen Steinproben, welche ich gesammelt 
hatte, und die mir desto werthvoller sein mussten, je unzulänglicher 
meine eigenen Kenntnisse in dieser Richtung waren, und die Bücher, 
welche als unnutze Last erkannt wurden. Jeder der Anwesenden 
wühlte in den Kisten und nahm, was ihm gut dünkte, bis das Ge- 
wicht derselben dem Herrn des gemietheten Kameeis leicht genug 
erschien. Endlich, als auch die Wasserschläuche gefüllt waren, gingen 
wir an die Bepackung der Kameele. Da erblickte ich zu meinem 
Erstaunen und Entsetzen Kolokömi, wie er sich mit seinem schnell 
und heimlich beladenen Kameele ohne Abschied zu entfernen begann. 
Keine Rufe hielten ihn zurück, und als ich den alten Mohammed dem 
Treulosen nachsenden wollte, kam plötzlich dessen lang verhaltener 
Groll gegen mich, seine halben Landsleute und unsere Reise zum 
vollen Ausbruch. „Siehst Du", rief er, „wie der Letzte, dem verräte- 
rischen Charakter seines Stammes entsprechend, uns verlässt!? Geh' 
doch jetzt auf dem Wege, den Du so sorgfältig aufgeschrieben hast, 
nach Fezzän, wenn Du es vermagst! Habe ich Dir nicht vorher ge- 
sagt, wie es kommen wurde?! Oh, diese Christen, die nur einen 
eigensinnigen Kopf und viel Wissen, aber keinen Verstand haben! 
Bei Gott, wie Du die Hauptschuld hast, so hast Du auch den Haupt- 
nachtheil. Du kannst jetzt wählen, ob Du getödtet werden er 
machte die ominöse circuläre Bewegung mit dem Zeigefinger um den 



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II. BUCH, 5. KAP. FLUCHT AUS BARDAI UNI» KUCKKKHR NACH KE/.ZÄN. 



Hals oder verhungern willst. Wir Andern mit unserer schwarzen 
Haut kommen wenigstens mit dem Leben davon, denn man wird 
uns höchstens zu Sclaven machen ; nur für Dich giebt es kein 
Entrinnen!" 

Ohne mich auf seine Pcrorationcn einzulassen, eilte ich Kolokomi 
nach, um ihn zu seiner Pflicht zurückzuführen, denn ohne ihn war unsere 
Abreise fast unmöglich. Freilich kannte Bui Mohammed den Weg 
über Abo, aber abgesehen von der Gefahr, die uns dort drohte, 
besonders wenn wir ohne Tubu -Begleiter sein würden, genügten 
unsere Transportmittel nicht für die sieben wasserlosen Tage dieser 
Strecke. Ohne einen Führer bis zur Bornüstrasse, die dem alten 
Mohammed ebenfalls bekannt war, mussten wir auf der Schwelle der 
Rettung zu Grunde gehen. 

Kolokomi trieb hastig sein Kameel vorwärts und antwortete 
kurz, er sähe nicht ein, wesshalb er noch bei mir bleiben solle, nach- 
dem ich alle meine Habe an Andere vertheilt habe, und er immer 
leer ausgegangen sei. Er habe das Verdienst und die Mühe gehabt 
und dafür den Hass seiner Landsleute geerntet, diese aber hätten 
mein Besitzthum getheilt. Jetzt, wo ich absolut Nichts mehr mein 
nenne, sei kein Grund vorhanden, mich noch zu begleiten, denn bei 
mir sei kein Nutzen, kein Gewinn. Der Hinweis auf unseren Contract 
war wirkungslos; erfolgreicher war jedoch das Versprechen eines 
Geschenkes nach Erreichung unseres Zieles und besonders die 
schliessliche Drohung, ihn im Nothfalle zur Erfüllung seiner Pflicht 
mit Waffengewalt zwingen zu wollen. Im Grunde war Kolokomi 
nicht ohne Gutmüthigkeit und hatte es wohl hauptsächlich auf 
eine Erpressung abgesehen. Freilich war er bei dem obwaltenden 
feindseligen Verhältnisse zwischen Fezzänern und Tubu nicht zu be- 
wegen, seinen Contract bis zu Ende zu erfüllen und uns bis Fezzan 
zu geleiten, doch gelang es mir gegen das schriftliche Versprechen 
eines neuen Anzuges, seine Begleitung bis dahin zu gewinnen, wo 
wir, das Tümmo-Gebirge vor Augen, des W eges sicher sein konnten. 

Arflmi, Gordo'i und Kolokömi's Bruder waren, Jeder in der Rich- 
tung seiner Heimath, verschwunden. Ich war wie von einem Alp befreit 
und begann nach der Wiedergewinnung unseres Führers mit frischem 
Muthe die Heimwanderung, die bei unserem geringen Mundvorrathe 
nur einem in der Entbehrung hart geschulten Wüstenbewohner mög- 
lich erscheinen konnte. Wir wanden uns in westlicher Richtung aus 



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HIE BEUNRUHIGENDE ABNAHME MEINER KRÄFTE. 350 

den Ursprungsfelsen des E. Auso in die Ebene, hielten uns dann 
nordwestlich, überschritten den E. Ogöso, wie jener ein Nebenfluss- 
bett des E. Am, und lagerten, bevor wir diesen erreicht hatten. 

Nachdem wir am 12. September am Ursprünge des E. Aru 
Wasser eingenommen hatten, setzten wir in fast derselben Richtung 
unseren Weg fort, Hessen das genannte Flussbett nach einigen 
Stunden hinter uns und lagerten bald darauf wahrend der heissen 
Tagesstunden auf einsamer Hammada, um nicht etwa von den Be- 
wohnern des Anibu und des Udui gesehen zu werden. Gegen Abend 
brachen wir wieder auf, trieben unsere Kameele zu aussergewöhn- 
licher Geschwindigkeit an und uberschritten in dem Dunkel der 
Nacht und unter dem tiefsten Schweigen nach drei Stunden das erst- 
genannte der beiden Flussbetten und nach zwei weiteren den Udüi. 
Jenseits des letzteren, nachdem unsere Richtung eine ganz nordnord- 
westliche geworden war, stiegen wir stark auf zu der hochgelegenen 
Felscngegend, welche nordlich vom Abo oder Udm sich ausdehnt, und 
lagerten um Mitternacht nach elfstundigem Tagemarsche bei den 
ersten Gruppen derselben. 

Die allgemeine Schwache in Folge einer lange fortgesetzten 
Hungerkur, die Aufregung der letzten Tage, der elfstündige Marsch 
im Geschwindschritt, die wunden Füssc, welche von den scharfen, in 
die zerrissenen Schuhe dringenden Steinchen des groben Kieses em- 
pfindlich schmerzten, die Furcht, dass meine Kräfte den uns erwar- 
tenden Anstrengungen nicht gewachsen sein möchten: Alles dies 
hatte mich in einen fieberhaften Zustand versetzt, der mich mit 
neuer Sorge erfüllte und mir die so nothwendige Erquickung ruhigen 
Schlafes schmälerte. Obgleich wir bei unserem kargen Wasservor- 
rathe, der bis Afart ausreichen sollte, übereingekommen waren, dass 
Allen gleichmässig ihre Ration zugemessen werden solle, und die 
Kühle der Nacht nur einen sehr massigen Trunk zu rechtfertigen 
schien, musste ich schon dort eine Bevorzugung in Anspruch nehmen: 
so verzehrt von innerer Ficbergluth war ich, so aufgeregt und über- 
müdet. 

Der folgende Tag war nicht besser; das Gefühl von Schwäche 
und Fieber verliess mich nicht; die ausgetrockneten Schleimhäute 
von Augen, Nase und Mund schmerzten, wie die blutigen Füsse; ich 
war im wahrhaften Sinne des Wortes todtmüde und verzweifelte 
mehr und mehr an dem Gelingen meines Unternehmens. Ich heftete 



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360 II. BUCH, 5. KAP. FLUCHT AUS UAKDAI UND RUCKKEHR NACH FKZZAN. 

meine Schritte an die Kolokömis, liess mir in kindischer Weise mög- 
lichst oft wiederholen, dass Afäfi nicht weit sei, dass wir bald unsere 
Mittags- oder Nacht-Rast machen würden und dergleichen mehr, und 
suchte einen kärglichen Trost und einen kleinen Zuwachs meiner 
Energie aus seinen Antworten zu schöpfen. Wir marschirten wieder 
fast zehn Stunden in nordnordwestlicher Richtung über den gleich- 
massigen Kiesgrund und zwischen den isolirt aufspringenden und 
scharfgeformten Felsgruppen, die hier nach Osten hin seltener werden, 
und hatten noch einen schweren Tag vor uns, ehe wir den E. Lolemmo, 
über dessen Wassergehalt Kolokömi überdies einige Zweifel nährte, 
erreichen konnten. 

Dieser folgende Tag (14. September) entmuthigte mich noch 
mehr, und wenn wir nicht eine fünfstündige Tagesrast in einer 
wunderbar kühlen Felsgruppe gehalten hätten, so würde ich wohl 
den fast vierzehnstündigen Marsch nicht bis zu Ende ertragen haben. 
Die genussreiche Mittagsruhe kostete uns leider den Besitz der 
pflichttreuen Feida. Heim Aufbruche Nachmittags war sie in den 
Felsen versteckt zurückgeblieben, und als Ali Hü Bekr, der Einzige, 
welchem sie äussere Zeichen der Anhänglichkeit zollte, zurückgekehrt 
war, um sie zu holen, hatte sie resignirt jede fernere Kraftanstrengung 
verweigert. Ali vermochte nicht, sie zu tragen, und wir waren in- 
dessen weiter marschirt. Später hatte Niemand Muth und Kraft, 
einen neuen Versuch zu machen, und so musste das arme Thier im 
Stiche gelassen werden. Der Anblick der Berge von Afäfi hielt 
meine Energie während des Nachmittags mühsam aufrecht. Dieselben 
schienen so nahe, und in ihnen horTte ich Ruhe und Schlaf und 
hoffentlich den unbeschränkten Gcnuss köstlichen Felsenwassers zu 
finden. Schon um Sonnenuntergang erreichten wir sie, doch fast 
noch vier Stunden lang wurden unsere Geduld und Kraft durch 
endlose Windungen bei schwierigem Boden und dunkler Nacht auf 
die härteste Probe gestellt. Endlich war der Lolemmo erreicht und 
in ihm fanden wir glücklicherweise einige wohlgefüllte Wasser- 
reservoirs. 

Das Flussthal war durch die Begünstigung kür/.licher Regengüsse 
mit einer Fülle frischer grüner Kräuter geziert, die ihm zwischen den 
100 Fuss hohen einschliessenden Felsen einen Charakter ungewöhn- 
licher Ueppigkeit verliehen. Eine Käme eis tute war hier sorglos der 
Weide überlassen und verschaffte uns den bei unseren kümmerlichen 



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HAST IN AFÄFI. 361 

Verhältnissen doppelt kostbaren Gcnuss frischer Milch. In diesen 
einsamen Gegenden können die Besitzer es unbedenklich wagen, ihre 
Thicre ohne Aufsicht dem frischen Kräutergenussc zu überlassen, 
denn Fremde führt ihr Weg dort nicht vorüber, und die engeren 
Landsleute können aus Furcht vor der fast unvermeidlichen Ent- 
deckung einen Kameeldiebstahl nicht wagen. Die Thiere selbst 
aber bedürfen keiner Abwartung, da sie bei dem Genüsse frischer 
Kräuter und ohne alle Anstrengung wochenlang nicht getränkt zu 
werden brauchen. Auch Kolokömi wollte seine Stute dort vor dem 
Zorne seiner Landsleute sicher stellen und entzog uns dadurch für 
die nächsten Tage einen grossen Theil unserer Transportkraft. Trotz 
aller Einspräche wollte er sich nicht cntschlicsscn, von diesem Plane 
abzugehen; doch stimmte er endlich wenigstens zu, uns persönlich 
aus den Afäfi- Bergen hinaus auf den sicheren Weg nach dem 
Tümmo zu bringen. Bü Zcid in seiner Tubu-Natur suchte natürlich 
aus diesem Umstände Gewinn zu ziehen, und ich musste ihm dafür, 
dass er das letzte Kochgeschirr, die Essschüssel und den Beutel 
mit Getreide auf sein Kameel lud, die Summe von fünf Thalern in 
Fezzan auszuzahlen versprechen. 

Ich benutzte den Ruhetag des 15. September so gut als mög- 
lich zur Wiedergewinnung eines Theils meiner Kräfte, nahm in einem 
zu diesem Zwecke vortrefflich geeigneten Regenwasserbehälter ein 
erquickendes Bad seit der Flucht aus Bardai hatte ich keine 
Gelegenheit zu einer europäischen Gewohnheiten entsprechenden 
Körperabwaschung gehabt ass, so viel ich hatte, schlief, so 
viel ich konnte, und setzte fühlbar gestärkt am 16. September die 
kummervolle Reise fort. 

Die Ursprünge des Galiemma umgingen wir in nördlichem 
Bogen und fanden in der Nähe derselben eine reich gefüllte 
Cisterne, aus der wir uns für den ganzen Weg nach dem Tümmo, 
der immerhin drei Tagereisen entfernt sein konnte, versehen mussten. 
Wir nahmen sechs Wasserschläuchc, von denen zwei von Menschen 
getragen werden mussten, brachen im Anfange des Nachmittags auf 
und lagerten schon vor Sonnenuntergang nahe dem Punkte, wo wir 
am Tage der ersten Wassersnoth den letzten Tropfen Wasser ver- 
theilt und das Gepäck im Stiche gelassen hatten. Hier verliess uns 
Kolokömi, gab uns unsere Wegrichtung an und kehrte zu seiner 
Stute nach dem E. Lolcmmo zurück, um sich später für einige Zeit 



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362 n. BUCH, 5. KAP. FLUCHT AUS B ARD AI UND RUCKKEHR NACH FEZZÄN. 

vor seinen übelwollenden Landsleuten nach Kawär zurückzuziehen. 
Wir folgten in westlicher Richtung dem Laufe des E. Galiemma und 
behielten diesen, nachdem wir aus den Afäfibergen herausgetreten 
waren, stets südlich neben uns, bis er sich in einer mit dünner Kruste 
von Natronsalzen bedeckten weiten Ebene verlor. Am Ende derselben 
lagerten wir gegen Mittag während der heissesten Tagesstunden im 
Schatten der Felsblöcke eines Hügels, setzten Nachmittags in west- 
nordwestlicher Richtung den Weg fort, passirten ein unbedeutendes, 
dicht mit Etelbüschen bedecktes Flussbett, und hatten dann nördlich 
von uns eine scharf gegen uns abfallende Hammäda, deren Rand 
wir gegen Sonnenuntergang erstiegen. Auf dieser, welche mit grossen 
schicfrigen Platten bedeckt war, marschirten wir in nordnordwestlicher 
Richtung bis tief in die Nacht hinein und legten uns nach mehr als 
dreizehn Marschstunden zu kurzer Ruhe nieder. 

Da wir das Tümmogebirge noch nicht gesehen hatten, mussten 
wir äusserst sparsam mit dem Wasser umgehen, und zu der ver- 
zweifelten Uebermüdung kam die Qual des Durstes, mit der sich bei 
uns Europäern wieder eine starke Heiserkeit geltend machte. Nach 
fieberhaft verbrachter Nacht erstieg ich um Sonnenaufgang des 
18. September einen benachbarten Hügel, um nach dem Tümmo 
auszuschauen. Da lag er in der That im Nordnordwesten vor uns, 
doch in entmuthigender Ferne. Schwach zeichnete sich die charak- 
teristische Form des riesigen Zeugen durch den nebelhaften Dunst, 
der bei steigender Sonne stets über der Wüste lagert, und mehrere 
qualvolle Tagemärsche schienen uns bis zu ihm bevorzustehen. Be- 
trübt schlich ich mit Giuseppe durch die unrcgelmässig geformte 
Gegend, welche dort weit und breit die Bildung von Erosionsthälern 
mit ihren niedrigen Tafelbergen zeigt. Die Sonne brannte furchtbar; 
der Sand, mit dem die Zwischenräume der Hügel ausgefüllt waren, 
hemmte unseren Schritt; der Tümmo erschien mir unerreichbar; schon 
nach wenigen Stunden fühlte ich mich so vollständig am Ende meiner 
Kräfte, dass ich den Augenblick nahe wähnte, wo ich erliegen würde. 

Da erblickten wir, schon früh am Vormittage, eine Verzögerung 
in der Bewegung unsrer Gefährten, die mit den Kameelen in einiger 
Entfernung von uns des Weges zogen. Das war nicht der vorüber- 
gehende Aufenthalt, welcher durch Verschiebung der Gepäckstücke 
eines Kameeies entsteht; es fand eine sichtliche und beträchtliche 
Verlangsamung ihrer Vorwärtsbewegung statt. Aengstlich näherten 



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GEKRAUCHSIWAHIGKE1T DER KAMEELE. 



383 



wir uns, und unsere Besorgniss, dass sich etwas Ernstliches mit einem 
der Kameele ereignet habe, bestätigte sich nur allzusehr. Das Thier 
des Tubu-Jünglings war ,,battäl ", d. h. funktionsunfähig, geworden. Wie 
schmerzlich diese Entdeckung auch sein musste, so überwog doch so 
sehr das Gefühl meiner physischen Unfähigkeit, dass ich eine heim- 

■ 

liehe Genugthuung empfand, schon so frühzeitig am Tage zu einer 
längeren Rast gezwungen zu sein. 

Bei der zunehmenden Tageshitze war keine Aussicht, das Kameel 
vorwärts zu bringen. Wenn dasselbe überhaupt noch Dienste leisten 
konnte, so war dies nur in der Abend- und Nachtkühle zu erwarten. 
Wir kletterten auf einen der Hügel, der mit Schatten spendenden 
Sandsteinblöcken bedeckt war, und beschlossen, die Kisten, welche 
das Thier trug, dort zu verbergen, und so viel als möglich zu essen 
und zu trinken, um das Gewicht des Gepäckrestes auf das Aeusserste 
zu vermindern. Die Rast war eine lange, kam mir jedoch wenig zu 
Gute. Mein Herz klopfte, meine Schläfe pochten, meine Haut 
brannte, und die Zunge klebte mir am Gaumen. Alle Hessen sich 
das getrocknete Kameelfleisch, das man auch, wie erwähnt, ungekocht 
geniessen kann, schmecken, doch es war mir unmöglich, dasselbe in 
seiner Trockenheit und mit seinem scharfen, salzigen Geschmacke 
hinunter zu bringen. Ich versuchte, wenigstens Datteln zu essen, 
aber die Süssigkeit derselben widerstand mir. Ich hoffte zu schlafen, 
aber die fieberhafte Aufregung der Uebermudung machte es unmög- 
lich. Verzweifelt lag ich da, den Überkörper entkleidet und auf die 
feuchten, eben geleerten Wasserschläuche gelagert, um die brennende 
Haut zu kühlen, und suchte vergeblich mit dem in Folge der Ver- 
dunstung durch die Schlauchwandungen eisig gekühlten und reichlich 
gespendeten Wasser den inneren Brand zu löschen. Die Sonne stieg 
höher und höher; der Mittag kam; die Schatten begannen sich zu 
verlängern; ich sah mit Entsetzen den Augenblick des Wiederauf- 
bruches näher und näher rücken, doch kein Gefühl von Kräftigung 
und Hoffnung befähigte mich zur Fortsetzung des Marsches. 

Um vier Uhr Nachmittags brachen wir wieder auf. Die Kisten 
waren auf dem Hügel zurückgelassen worden; das schwache Kameel 
wurde ohne Gepäck mit getrieben, und dasjenige Bü Zci'd's trug die 
beiden noch vorhandenen Wasserschläuche mit ihrem erheblich ver- 
minderten Inhalt. Wir hatten den Muräbid überreden wollen, sein 
persönliches Gepäck ebenfalls dem Versteck anzuvertrauen, um sein 



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364 II. BUCH, 5. KAP. FLUCHT AUS HART) AI UND RUCKKEHR NACH FEZZÄN. 



schwaches Thier zu schonen und uns die Dienste desselben für den 
Wassertransport zu sichern; doch seine Habsucht konnte sich nicht 
entschliessen, kleine geschäftliche Erwerbungen, die er in Tibesti ge- 
macht hatte, im Stiche zu lassen. Im Gcgentheil fügte er noch zu 
seiner Ladung mein Zelt, das er auf diese Weise zu erwerben hoffte. 
Der beliebte Spruch, den ich so oft in Tibesti in Form einer 
Drohung hatte hören müssen, wenn man Etwas von meinem Eigen- 
thume zu erpressen suchte: „en-nefs cheir min el-mal", d. h. das 
Leben ist kostbarer als das Gut, existirte nicht für ihn, und Bin 
Mohammed meinte sogar höhnisch, Bü Zcid kehre den Spruch um 
und sage ,, el-mal cheir min cn-nefs", d. h. das Gut ist kostbarer als 
das Leben. 

Schon unmittelbar nach dem Aufbruche schleppte ich mich mit 
Aufbietung aller meiner Kräfte durch den sandigen Detritus des 
weiten Thaies; meine Knie zitterten, die sonst auch bei Anstren- 
gungen in Folge der durstigen Wüstenluft so trockene Haut bedeckte 
sich mit Schweiss. Mechanisch schwankte ich vorwärts mit dem un- 
klaren Bestreben, bis zum Momente einer kurzen Nachtruhe auszu- 
halten, doch mit geringer Hoffnung auf Erfolg, und fiir einen solchen 
Fall waren wir übereingekommen, da bei der drohenden Lebens- 
gefahr Alle gleich seien, dass derjenige, welcher nicht vorwärts 
könne, erbarmungslos zurückgelassen werden müsse. 

Um Sonnenuntergang stiegen wir aus dem Zeugenthaie auf den 
Rand der umgebenden Hammäda und erblickten plötzlich unter der 
günstigeren Abendbeleuchtung den Tümmo in scheinbar viel grösserer 
Nähe vor uns, als wir vermuthet hatten. Noch am Morgen schien 
er Tagereisen entfernt zu sein; jetzt traten uns seine charak- 
teristischen Umrisse, die Einzelheiten seiner scharfen Formen so 
deutlich entgegen, dass wir glauben mussten, ihn in längstens einem 
Tagemarsche erreichen zu können. Meine Hoffnung belebte sich 
aufs Neue, doch das Gefühl der Hinfälligkeit drohte trotzdem un- 
überwindlich zu werden. Da stiessen wir mitten in der durchaus 
vegetationslosen Umgebung auf eine kleine mit Häd bedeckte Boden- 
senkung. Die scheinbare Nähe des Tümmo und das Streben, ihre 
Kameele zu erhalten, bewogen Bü Zeid und den Tubu -Jüngling, 
darauf zu dringen, den ermatteten und ausgehungerten, Thieren diese 
Stärkung zu bieten. Wir Hessen uns nieder, die Kameele frassen, 
und unter dem Einflüsse der wieder erwachten Hoffnung kam mir 



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NEUE KRAFT UND HOFFNUNG. 



365 



der Schlaf, ein Schlaf, so intensiv und erquickend , wie ich ihn nur 
an jenem verhängnissvollen Abende der Errettung aus erster Wassers- 
noth geschlafen hatte. 

Nach drei Stunden bot der kleine Weidegrund keine der stach- 
ligen Futterpflanzen mehr, und ich erwachte mit neuer Kraft. Ich 
zweifelte nicht mehr, dass ich den Tümmo erreichen würde, und be- 
gann rüstig den Nachtmarsch. Eine merkwürdige Fähigkeit voraus- 
zumarschiren und dann aus einem Schlummer von fünf oder zehn 
Minuten Stärkung zu schöpfen, bis die langsam marschirenden Ka- 
meele mich eingeholt hatten, war über mich gekommen. Gegen 
Morgen machten wir eine mehrstündige Pause und zogen um Sonnen- 
aufgang weiter. Lange ohne Unterbrechung zu marschiren waren 
wir nicht mehr im Stande. Nach dreistündiger Morgenwanderung 
erwarteten wir wieder im Schatten eines Zeugen die Nachmittags- 
kühle, tranken den Rest unseres Wassers, näherten uns um weitere 
vier Stunden unserem nächsten Ziele, rasteten bis Mitternacht und 
befanden uns gegen Morgen auf der Südseite des Tümmo, seine steil 
aufstrebende Südwand nahe vor uns. In der Sicherheit, demnächst 
am frischen Wasser seiner Brunnen rasten zu können, überliessen wir 
uns einem kurzen Morgenschlummer, während Sa'ad und Ali mit 
dem kleinen Schlauche eines Ziegenlammfelles vorauseilten. 

Leider hatte uns unsere Wegrichtung nicht an das südwestliche 
Ende des Tümmo, von dem der Weg in das Innere des Gebirgs- 
stockes führt, gebracht, so dass uns noch ein für unsern Kräftezu- 
stand äusserst mühsamer Kampf mit den Vorbergen erwartete. Die 
Kameelc weigerten sich beide von vornherein, denselben aufzunehmen 
und mussten entlastet zurückgelassen werden; auch Giuseppe war 
durch Nichts zu bewegen, sich der Anstrengung zu unterziehen, und 
ich musste ihn sich selbst überlassen, bis wir nach eigener Stärkung ihn 
gegen Abend würden aufsuchen können. Wir nahmen den Kochtopf, 
die Datteln, den kleinen Beutel mit Mehl, den unbedeutenden Vorrath 
von getrocknetem Kameelfleisch und einige leere Wasserschläuche 
mit uns und hegten die Hoffnung, die Kameele in der Abcndkühle 
bis zu den Brunnen schaffen zu können. Noch mehr als drei Stunden 
dauerte die Qual der Bergwanderung, bergauf und bergab, durch 
Sand und über Felsen, über Steingerölle und Felsblöcke. Gegen 
Mittag kamen uns Ali und Sa'ad mit dem Zommät (kleiner Wasser- 
schlauch aus dem Felle eines Ziegenlammes) entgegen, und gierig 



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366 II. BUCH, 5. KAP. FLUCHT AUS ISAR HAI UND RÜCKKEHR NACH FF.ZZÄN. 

sog der ausgetrocknete Körper das belebende Nass ein, das er 
anfangs nicht einmal die Kraft hatte, durch Verschliessung der 
natürlichen Wege bei sich zu behalten. 

Um Mittag lagerten wir in der schattigen Umgebung der Brunnen 
und konnten nach einem Dattelimbiss uns dem kräftigenden Schlafe 
überlassen, ohne durch das Schreckgespenst des unmittelbar bevor- 
stehenden Wiederbeginnens der Qual im süssen Genüsse gestört zu 
werden. Denn dort beschlossen wir zu bleiben, bis der letzte Rest 
unserer Vorräthe aufgezehrt sein würde, um aus diesen bei vollstän- 
diger Ruhe und uneingeschränktem Wassergenusse den grösstmög- 
lichstcn Nutzen für unseren Kräftezustand zu ziehen. Gegen Abend 
wurde ein dünner Mehlbrei in festlicher Weise genossen, und der 
Vorrath genügte, den gleichen Genuss für zwei weitere Male sicher 
zu stellen. Dazu wurden die aufbewahrten Sehnen und Knochen 
meiner einstigen Kamcele verthcilt, und Jeder beschäftigte sich eifrig 
mit der Verwerthung der in Tibesti gewonnenen Erfahrungen bezüg- 
lich der Nutzbarmachung selbst der ungeniessbarsten Dinge. Die 
Knochen wurden allmählich gepulvert, die Sehnen mürbe geklopft 
und Morgens zu der Mahlzeit sorgsam abgezählter Datteln und 
Abends zu dem Näpfchen Mehlbrei genossen. Dazwischen ward ge- 
trunken, geschlafen und unbeweglicher Ruhe gehuldigt. Jeder un- 
nöthige Schritt, jedes überflüssige Wort schien uns eine unverantwort- 
liche Kraftvergeudung zu sein. 

Während wir uns gegen Abend mit dem Schicksal Giuseppes 
beschäftigten, und Ali, der sich gegen eine Geldbelohnung freiwillig 
zur Aufsuchung des Zurückgebliebenen erboten hatte, grade im Be- 
griffe stand, die Brunnen zu verlassen, stieg eine wunderliche Gestalt 
von dem Rande der südlichen Tümmowand gegen den Brunnen her- 
nieder, und es war bald nicht schwer, in ihr den Gesuchten zu er- 
kennen. Er hatte von der Südseite des Gebirges einen schmalen 
Pfad gefunden, der ihn mit Vermeidung des Passumweges in kurzer 
Zeit auf unsern Abhang geführt hatte, und war in einer Stimmung, 
die sich ebenso wenig als sein äusserer Aufzug in der Folge auf- 
klärte. Mürrisch und bitter erwiderte er unsere Begrüssung, wie 
wenn wir ihn aus Bosheit im Stiche gelassen hätten, und sein 
Aeussercs übertraf an Sonderbarkeit noch seine Gemüthsverfassung. 
Als das erste Kamccl seine Functionen einstellte, hatte er aus den 
zurückzulassenden Sachen ein Paar ihm gehöriger hoher Wasserstiefel 



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RUHETACiK IM TÜMMO. 



867 



angelegt, und diese bildeten jetzt mit einem Schurz, den er aus 
einem Flanellhemd hergestellt hatte, indem er die Aermel desselben 
um die Taille gürtete, seine einzige Bekleidung. Am nächsten Tage 
wurde das von ihm zurückgelassene Gewehr aufgefunden, doch blieb 
dunkel, was aus seinen übrigen Kleidungsstücken geworden war. 

Am folgenden Tage wurden die Kameele mit ihrer spärlichen 
Ladung zum Brunnen herübergeschafft und getränkt, und ihnen 
Kräuter in den Bergschluchten gesammelt. Auch der zweite Tag 
war noch der Ruhe bestimmt, und erst am dritten sollte die letzte 
und nicht leichteste Etappe in Angriff genommen werden. Vom 
Tümmo bis zum Mcschru- Brunnen rechnet man zwei und einen 
halben Tagemarsch, und von diesem nach Tcdscherri anderthalb. 
Doch das Bewusstsein der Nähe des rettenden Zieles, und die aus 
der mehrtägigen Ruhe geschöpfte Kraft erfüllten uns mit 1 loffnung 
und Vertrauen, trotzdem wir unsere Essvorräthe aufgezehrt hatten 
und die Kameele in ihrer Leistungsfähigkeit durchaus zweifelhaft 
blieben. Um von diesen für den Wassertransport, die Haupt- 
Schwierigkeit, den grösstmöglichsten Nutzen zu ziehen, Hessen wir 
alles und jedes Gepäck, das nicht von uns selbst getragen werden 
konnte, auch das Bü Zeid's, in den Felsen des Tümmo zurück. 

Jeder wickelte seine Müna oder Awin (d. h. den Essvorrath), die 
aus etwa fünfzig Datteln bestand, in einen Zipfel der zerfetzten 
Kleidung und trug seine Feuerwaffe. Die beiden Wasserschläuchc 
wurden dem Kameele Bü Zeid's aufgelegt, und das Thier des Tubu- 
Jünglings sollte nicht einmal einen Sattel tragen. Ali und Sa'ad 

• 

nahmen Jeder noch eine kleine Quantität Wasser auf den Rücken, 
und so brachen wir am Abend des 23. September vom Tümmo- 
Brunnen auf. Aber kaum hatten wir nach drei Stunden den Aus- 
gang der Berge erreicht, als dem Kameel Bü Zeid's von Neuem die 
Kräfte versagten. Sein Herr konnte sich noch immer nicht ent- 
schliessen, es ganz zurückzulassen, und wir rasteten ihm zu Liebe 
wieder bis zum Morgen. Als es auch zu dieser Zeit jede Fort- 
bewegung hartnäckig verweigerte, musste es endgültig aufgegeben 
werden, und wenige Stunden darauf hatte das andere Kameel, das 
wir versuchten an seine Stelle treten zu lassen, dasselbe Schicksal. 
So waren wir auch für den Transport des Wassers ganz auf uns 
selbst angewiesen, und es war nicht leicht, den Bedarf von sieben 
Menschen auf der Reise für zwei und einen halben Tag in sommer- 



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368 IL RUCH, 5. KAP. FLUCHT AUS BAR HAI UND RUCKKEHR NACH FEZZÄN. 

licher Wüstenluft auf den Schultern zu tragen, besonders für Leute 
unseres Kraftzustandes. 

Wir tranken also noch einmal so reichlich als möglich, gössen 
mit innigem Bedauern einen Theil der köstlichen Flüssigkeit auf die 
durstige Erde, belasteten Sa'ad und Ali mit dem Reste und machten 
eine sorgfaltige Zcitcintheilung. Es wurde beschlossen, täglich vom 
Beginne der Abendkühle bis nach Sonnenaufgang mit den Unter- 
brechungen, welche unsere körperliche Schwäche unvermeidlich 
machte, zu marschiren und die Tageszeit im Schatten von Fels- 
blöcken so schweigsam und unbeweglich als möglich zu verbringen. 
Die Quantität von etwa anderthalb Liter Wasser für Jeden vertheil- 
ten wir auf den Anfang und das Ende unseres Tages- resp. Nacht- 
marsches. So erreichten wir gegen Morgen der zweiten Nacht die 
Berge Lebrek auf der Hochebene Alaöta Kju und verbrachten den 
Tag des 25. September in der köstlichen Kühle einer zur Lagöba 
Könö gehörigen Fclsgruppe, die östlich am Wege lag. 

Wie die nächste Umgebung des Meschru-Brunnens durch mensch- 
liche Gebeine gekennzeichnet ist, so fanden wir auf der ganzen 
Strecke vom Tümmo bis zu jenem in den Höhlungen der Felsen 
noch manche skclettirte Opfer des Sclavenhandels. Wo wir rasteten, 
hatten auch diese Unglücklichen, einst von ihren Herren krank oder 
hoffnungslos erschöpft zurückgelassen, Schutz gegen die Sonne ge- 
sucht und ihr entsetzliches Ende erwartet. Der Eindruck ihrer Reste 
auf uns war um so lebhafter, als wir nicht mehr einzig und allein 
in der Bethätigung des Selbsterhaltungstriebes aufgingen, der gleich- 
gültig gegen die Leiden Anderer macht. Unsere Hoffnung auf 
Rettung wurde mehr und mehr zur sicheren Ucbcrzeugung, und wir 
konnten dankerfüllt und mitleidsvoll derjenigen gedenken, deren 
Schicksal uns so lange in unmittelbarer Nähe gedroht hatte, und 
welche, weniger glücklich als wir, so nahe dem rettenden Ziele 
ihrem grauenvollen Vcrhängniss erlegen waren. Mit welcher Ver- 
zweiflung, öde und unbegrenzt, wie die des Lebens und Horizontes 
baare Umgebung, mussten die Armen in den Schutz dieser Felsen 
gekrochen sein, um, allein mit ihrer kummervollen Erinnerung an 
Heimath, Familie und verlorenes Glück das F>löschen ihrer Lebens- 
kräfte zu erwarten! 

Die nächste Nacht führte uns durch die Lagöba Könö und Buia 
auf die kiesige Hochebene, welche sich nach Norden gegen Fezzän 



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DIE LETZTE ETAPPE. 



300 



hin senkt. Nachdem wir den Tag nahe dem Rande derselben verbracht 
hatten, stiegen wir am Morgen des 27. September von den Meschru- 
Hügeln /.um ersehnten Brunnen hinab. Die Unterbrechungen unseres 
Marsches wurden immer häufiger; fast nach jeder Stunde legten wir 
uns nieder, um einige Kräfte zur folgenden zu sammeln. Zu längerer 
Nachtruhe war die stattfindende Temperatur-Erniedrigung zu bedeu. 
tend, obgleich wir im Monat September waren. Unsere Kleidung be- 
stand in dürftigen Fetzen, und da wir keine Decken besassen, so ver- 
scheuchte die empfindliche Kalte bei aller Ermüdung den Schlaf. 

Trotzdem der Kampf noch leidensvoll genug war, so malte meine 
Phantasie mir in der sicheren Zuversicht des Sieges doch schon den 
Aufenthalt in Fezzän mit seinen culinarischen Genüssen, seiner Sicher- 
heit, seiner ungestörten Nachtruhe und Siesta in den hoffnungsreich- 
sten Farben. Schon lebte ich im Glücke der Nachrichten, welche 
ich reichlich aus der Heimath erwarten durfte, und konnte schon zu- 
weilen herzlich lachen über den grotesken Anblick, den unsere kleine 
Reisegesellschaft gewährte: Ali und Sa ad in adamitischer Einfachheit 
gekleidet, mit den Wasserschläuchen auf dem Rücken; der ernste Hui 
Mohammed, mein ganzes Gepäck auf dem Nacken und, seinem Alter 
wie seiner Stellung entsprechend, sich eines langen, wenn auch lücken- 
haften Hemdes erfreuend; Giuseppe mit seinen wunden Plattfüssensich 
mühsam einherschleppend und den Mangel des nothwendigsten Klei- 
dungsstückes in unvollkommener Weise durch seine Wasserstiefel 
ersetzend, die erfolglos bestimmt schienen, sich dem kurzen Flanell- 
hemdchen zu nähern ; ich selbst endlich barfuss, die Heine mit baum- 
wollenen Fetzen umwickelt, welche man mit kühnstem Euphemismus 
nicht mehr als Beinkleider bezeichnen konnte, doch den Oberkörper 
in einen, freilich arg mitgenommenen Pariser Sommerüberrock gehüllt 
und keuchend unter der Last zweier Gewehre; Hü Zeid in seiner Hab- 
sucht fast unter dem Gewichte eines Gepäcksackes erliegend, den er 
dem Tümmovcrstccke nicht hatte anvertrauen wollen; und Alle so gut 
als möglich Mund und Nase verhüllend, um den Durst zu verringern. 

Wie die arme wachsame Feida in eigener Wahl den Kampf um . 
die Heimath aufgegeben und ein trauriges Ende gefunden hatte, so 
drohte ihrem armen Gefährten Dudschäli, nachdem er mit anerkennens 
werther Zähigkeit unter Hunger und Anstrengung bis zur Grenze 
seiner Heimath gelangt war, noch zu guter Letzt Verderben, und 
zwar von unserer Seite. Ich glaubte meinen hungernden Gefährten 

N*chiig«l. I. 24 



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370 B. RUCH, 5. KAP. FLUCHT AUS RARDAT UND RÜCKKEHR NACH FEZZÄN. 

anheimstellen zu müssen, ob sie nicht trotz der bemitleidenswerthen 
Magerkeit des ausgehungerten Geschöpfes am Meschru-Brunnen eine 
Mahlzeit, die einzige zwischen Tümmo und Tedscherri, aus seinem 
fleischlosen Körper bereiten wollten, und übcrliess die Frage der 
Mehrheit zur Entscheidung. Sa'ad und Ali wären mit Giuseppe 
wohl geneigt gewesen, die bejahende Majorität zu bilden, doch 
schämten sich die Ersteren vor Bü Zeid und Bui Mohammed, welche 
der Ansicht waren, dass es bei der kurzen noch zurückzulegenden 
Strecke bis Tedscherri eine unverantwortliche Schande sein würde, 
sich mit dem Genüsse eines unreinen Thieres zu versündigen, und 
muselmanisches Vorurthcil rettete den gefährdeten Hund zu meiner 
aufrichtigen Genugthuung. 

Da in der unmittelbaren Nähe des Meschru- Brunnens keinerlei 
Schatten zu finden ist, so setzten wir unseren Weg fort, sobald die 
Strahlen der emporsteigenden Sonne uns das Verharren an derselben 
Stelle unmöglich machten, rasteten um Mittag zwischen den Sandstein- 
blöcken eines Zeugen, marschirten sogar Nachmittags und fühlten uns 
durch die sichere Aussicht auf nahe Rettung so gekräftigt, dass wir auch 
während der folgenden Nacht nur kurze Zeit ruhten. Am 28. September 
Morgens passirten wir die el-Häd genannte Bodenabflachung und er- 
blickten auf der Höhe des Vormittags von einem I lügel die dunkle Linie 
der Rhäba Tedscherris. Wir nahmen noch einen Trunk des Meschru- 
Wassers und eilten mit einer letzten Kraftanstrengung die Datteln 
zu erreichen, welche uns vom nagendsten Hunger befreien sollten. 

Die Dattelpflanzung Tedscherri s ist gegen Süden und in gerin- 
gcrem Masse auch gegen Norden von einem unterbrochenen Düncn- 
gürtel umgeben, dessen Ueberwindung unserer Kraftlosigkeit noch 
erhebliche Schwierigkeiten darbot. Um Mittag war auch dies letzte 
Hinderniss beseitigt, und wir stürzten auf den ersten Dattelbaum zu, 
der uns aufstiess und reife Früchte trug. Wir mussten nach so langer 
Hungerkur vorsichtig in der Nahrungseinnahme sein, waren es aber 
trotz der Reserve, die wir uns in dieser Beziehung auferlegten, bei 
Weitem nicht genug, wie uns die Folge lehrte. Wir verharrten in 
der schattenreichen Pflanzung bei einem ihrer oberflächlichen Brunnen 
bis gegen Abend und erreichten dann in einigen Stunden das Städt- 
chen, das voller Araber aus dem nördlichen Tripolitanien war, wie 
stets zur Zeit der begonnenen Dattelernte. 

Unsere Ankunft brachte eine grosse Aufregung in dem kleinen 



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ANKUNFT IN TEDSCHF.RRI. 



371 



Orte hervor, denn Jeder, der die Tubu Reschade kannte, hatte seit 
lange die Hoffnung aufgegeben, uns je wiederzusehen. Alle empfingen 
uns mit freudigem Erstaunen und mit ungeheuchclter Bewunderung 
unserer physischen Leistung. Den wenigen Tubu, welche sich noch 
dort befanden, konnte dieselbe allerdings als keine ausscrgewöhnliehe 
erscheinen, aber die doch ebenfalls an Massigkeit und Anstrengung 
gewöhnten nomadisirenden Araber beglückwünschten uns aufrichtig 
zu derselben. Der Scheich cl-Bcled schickte alsbald einen Expressen 
an den Hadsch Dschäbcr nach Qatrün, denn die Regierung in Murzuq, 
welche besorgt zu werden und an unseren Untergang zu glauben be- 
gonnen hatte, bürdete die Verantwortung für mein Schicksal dem 
Chef der Muräbidija auf. Dieser hatte in seiner Noth und Besorgniss 
schon einen Boten mit Kameel nach Tibesti geschickt, dessen frische 
Spuren wir in der That bisweilen auf dem Wege gesehen hatten. 

Schüsseln, deren Zahl und Inhalt mit den bescheidenen Gewohn- 
heiten Tedscherns in Widerspruch standen, überschwemmten unseren 
Lagerplatz. Hühner, Datteln, Gerstenbrei, welcher letztere grade in 
Tedscherri die unangenehmsten Folgen für die nicht daran gewöhnten 
Verdauungsorgane nach sich zu ziehen im Rufe steht, bildeten unge- 
wohnte culinarischc Schätze für uns, deren Genuss wir uns rücksichts- 
loser hingaben, als bei unseren geschwächten Verdauungsorganen räth- 
lich war. Bittere Tropfen wurden leider in den Kelch meines Glückes 
geträufelt, denn die Nachricht von dem schrecklichen Untergange 
meiner hochsinnigen Freundin durch den Verrath ihrer Begleiter wurde 
hier zweifellos, wenn ich auch die Einzelheiten des tragischen Ereig- 
nisses noch nicht erfuhr. 

Unsere Mittheilungen über die feindseligen Pläne der Tubu 
Rcschadc gegen Fezzän verbreiteten eine allgemeine Besorgniss und 
besonders die fremden Araber beschlossen, sich schon andern Tages 
zu ihren zahlreicheren Stammesgenossen in Qatrün zurückzuziehen. 

Auch wir brachen schon am Abende des folgenden Tages von 
dem gastlichen Städtchen wieder auf, nachdem ich Morgens zum 
abwechselnden Reiten für die allzu Ermüdeten und zum Tragen des 
Handgepäcks einen Esel für dreizehn Real Fczzdner Währung auf 
Credit gekauft hatte. 

Die Freude des Hadsch Dchäber bei dem Empfange der Nach- 
richt von unserer Ankunft war unbeschreiblich gewesen. Der Bote, 

welcher ihm dieselbe überbracht hatte, begegnete uns auf seiner 

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372 II. BUCH, 5. KAP. FLUCHT AUS B ARD AI UND RÜCKKEHR NACH FEZZÄN. 

Rückkehr nach Tedscherri und erzählte, dass der alte Herr, sonst 
in dem Hange zum Geiz den Murabidija ein so würdiges Vorbild, in 
seiner Aufregung ihm drei blanke Maria -Theresia -Thaler geschenkt 
habe. Sein ganzes Leben bot kein Beispiel einer ähnlichen Frei- 
gebigkeit. Bei unserer Ankunft in Qatrün wurden wir von ihm und 
seinem brüderlichen Schatten Hamdün mit Broden, Hühnern und 
Datteln wahrhaft überschüttet, und wenn meine Verdauungsorgane 
schon den gastfreundlichen Angriffen der Leute Tedschems nur unzu- 
reichenden Widerstand zu leisten vermocht hatten, so wurden sie in 
Qatrün vollständig besiegt und nicht grade zum Besten des Wiederge- 
winnes meiner Kräfte funetionsunfahig gemacht. Nicht wenig trug dazu 
ein fetter Ziegenbock bei, den ich zur Feier der Rettung gekauft hatte. 

Auch in Qatrün hatte die Dattelernte begonnen, und, wie alljähr- 
lich, waren Schaaren von Arabern aus dem nordöstlichen Tripoli- 
tanien herbeigekommen, um ihren Wintervorrath einzukaufen. Die- 
selben führen ausser ihren mit Getreide, Butter und Fett beladenen 
Lastkameelen gewöhnlich ihren ganzen Besitz an Mutterkameelen mit 
sich, theils weil die Milch derselben ihnen den Reisemundvorrath er- 
setzt, theils weil dieselben mit ihren Kälbern beim Verkauf sehr hohe 
Preise erzielen. Der grösste Theil dieser regelmässigen Gäste gehörte 
verschiedenen Abtheilimgen des weitverzweigten Stammes der Urfilla 
und derjenigen Abtheilung der Aulad Soliman an, welche nicht bei 
den Kämpfen Abd el-DschhTs gegen die Türken betheiligt gewesen 
ist und deshalb ungestört unter ihrem Häuptlinge Seif en-Nasr in 
Barqa hausen darf. Durch die gastfreundlichen Gaben der Murabidija 
angelockt, belagerten sie mein Zelt vom frühen Morgen bis zum 
späten Abend und machten die Ruhe, deren ich so sehr bedurfte, 
illusorisch. 

Rohe Nomaden, die selten oder nie das gesittete Leben der 
Städte kennen lernen, und in socialen Gebräuchen vielfach weit hinter 
den Negern, die sie verachten, zurückstehen, waren sie für mich sehr un- 
bequeme, anspruchsvolle und rücksichtslose, für die Einwohner Qatrün's 
aber selbst gefährliche Besucher. Seit langen Jahren sind sie in Fezzän 
gefürchtet, denn wenn sie sich nicht immer Uebergriffe gegen die Be- 
wohner selbst zu Schulden kommen lassen, so benutzen sie doch jede 
Gelegenheit, Tubu und Tuärik zu überfallen und auszuplündern, kehren 
dann eiligst in ihre sichere Heimath zurück und setzen das Land rück 
sichtslos den Racheacten jener aus. Furcht vor der Obrigkeit stört 



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FREMDENVERKEHR IN SUD-FEZZÄN WAHREND DER DATTELERNTE. 373 



sie wenig, denn von Tripolis sind sie schwer erreichbar, und in 
Fezzän sind die Regierungsorgane durchaus machtlos. Im schlimmsten 
Falle rüsten die Uebelthäter einen Raubzug nach dem fernen Süden aus 
und ziehen raubend und mordend durch die Grenzbezirke der östlichen 
Tuärikländer, plündern Kawar, die südwestlichen Thäler Tibesti s 
und vereinigen sich für einige Jahre mit ihren im Sudan gefurchteten 
Vettern, den Aulad Soliman Abd el-Dschlii's, in Borkü und Kanem. 

Auch jetzt schrieb man ihnen ähnliche Absichten zu, und ihr 
unverschämtes, ja feindseliges Benehmen gegen die Qatrüner recht- 
fertigte diese Vermuthung. Es waren ihrer mehr als fünfhundert, 
und Jeder beanspruchte für seine Lieferung an Butter, Fett und der- 
gleichen sofort mit Datteln versorgt zu werden, obwohl diese doch 
erst allmählich geschnitten werden konnten. Der Hädsch Dschaber, 
unterstutzt durch sein Alter, politisches Ansehen und seinen lang- 
jahrigen Verkehr mit den unbequemen Gästen, verfuhr mit grosser 
Energie und Gerechtigkeit, doch trotzdem kam es zu gewaltthätigen 
Scenen mit der zügellosen Bande, und verschiedene angesehene 
Murabidija wurden mit den beleidigendsten Schimpfwörtern belegt 
und sogar mit Stöcken und Flintenkolben gemisshandelt. Die Auläd 
Soliman vorzuglich zeichneten sich durch ihre Rohheit aus, verlangten 
allen Andern in der Abfertigung vorzugehen und drohten andern- 
falls die Stadt zu plündern. In einer Nacht machte sich der Hädsch 
Mahmud heimlich auf und ritt nach Murzuq, um womöglich mili- 
tairischen Beistand zu holen. Das Gerücht von diesem Schritte ver- 
schlimmerte die Sache, und da folgenden Tages dieser Muräbid 
nicht gesehen und als in Folge der erlittenen Misshandlungen erkrankt 
ausgegeben wurde, entblödeten sich die Räuber nicht, den greisen 
Hädsch Dschaber zu prügeln, bis an die Zähne bewaffnet in der 
Stadt zu bivouakiren und die geängstigten Einwohner durch bestän- 
diges Schiessen zu schrecken. Dadurch wurden die rohen Leute 
zwar von mir abgelenkt, doch ich beeilte mich, die weitere Ent- 
wicklung dieser Zwistigkeiten nicht abzuwarten, lieh von dem ge- 
kränkten alten Chef der Stadt ein Kamecl mit Wasserschläuchen 
und etwas Mundvorrath und zog unbemerkt am 5. October früh 
Morgens gen Murzuq. 

Wir erreichten am Mittag des folgenden Tages Mestüta, setzten 
noch Nachmittags unseren Marsch fort und hatten die Freude, gegen 
Abend auf einen Boten des vortrefflichen I lädsch Brähim Ben Alüa zu 



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374 IL UUCH, 5. KAP. FLUCHT AUS BARDAl UND RÜCKKEHR NACH FEZZAN. 

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stossen, der mir mit einem prächtig aufgezäumten Kamccl, Vorrathen 
an Reis, Makkaroni, Kaffee, Zucker, Eiern und feinem Backwerk und 
einem liebenswürdigen Briefe seines Herrn entgegenkam. Selbst tür- 
kischen Tabak mitCigarrcttenpapier hatte mein ausgezeichneter Freund 
nicht vergessen, und wo er ein Dutzend wirklicher Cigarrcn aufge- 
trieben hatte, ist mir niemals enthüllt worden. Wir lagerten natür- 
lich sofort in dem einladenden Sande, tranken den lang entbehrten 
Kaffee, licssen uns das kunstvolle Backwerk schmecken, und noch 
nie glaubte ich Cigarrcn von solchem Aroma geraucht zu haben. 
Alles dies diente leider meinen Verdauungsorganen sehr wenig. Ein 
heftiger Magendarmkatarrh war die Folge, und ich war von Herzen 
froh, als ich, am 8. October in meiner Häuslichkeit zu Murzuq ange- 
kommen, durch Ruhe und zweckmässige Nahrung meine baldige 
Genesung erhoffen zu können glaubte. 

Ehe ich mich freilich der Pflege meiner Gesundheit widmen 
konnte, musstc ich mich erst durch die Gratulationsbesuche der 
Honoratioren von Murzuq hindurcharbeiten, die mit desto grosserer 
Bewunderung unsere Reise nach Tibesti betrac